Der Hansen Spiele zu Bergen

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Textdaten
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Autor: Otto Beneke
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Titel: Der Hansen Spiele zu Bergen
Untertitel:
aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, S. 246–252
Herausgeber:
Auflage: 2. unveränderte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Perthes-Besser & Mauke
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Erscheinungsort: Hamburg
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Quelle: Google, Commons
Kurzbeschreibung:
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[246]
84. Der Hansen Spiele zu Bergen.
(Vor 1599.)

Seit alten Zeiten waren bei den Kaufleuten, welche das große Hansische Handels-Comtoir zu Bergen in Norwegen bildeten, allerlei berühmte oder berüchtigte „Spiele“ im Schwange, mit welchen sie ihre neuen Lehrburschen plagten; wie es heißt, um reiche junge Leute abzuschrecken, sich zur Handlung nach Bergen zu begeben, auf daß aus solchen später ihnen keine gefährliche Concurrenten erwüchsen. Denn eine ungeheure Menge Prügel, welche die Bursche bekamen, war [247] Hauptsache dabei. Vielleicht war es auch eine freilich wunderliche Art der Erprobung der Neulinge, ob sie kräftig und geschickt zur Erduldung großer Körperbeschwerden seien, denn verzärtelte Muttersöhnchen konnte das Hansische Comtoir in Bergen nicht gebrauchen. Uebrigens kommen von Altersher ähnliche Spiele und Proben noch bei andern Verbrüderungen und Genossenschaften vor, z. B. die Handwerkergebräuche beim Gesellwerden der Lehrburschen, die mystischen Prüfungen der aufzunehmenden Freimaurer, die Fuchs-Commersche der Studenten, und das „Einweihen“ der Scholaren.

Aber so gut wie einem neuen Quintaner, den die Genossen übers Katheder ziehen und ihm mit einer einmaligen Tracht ehrlicher Prügel die Weihe der Verbrüderung geben, so leicht und gut wurde es den armen Hansischen Handelsburschen in Bergen nicht, denn drei gefährliche Proben hatten sie zu bestehen, ehe sie völlig aufgenommen waren. Und wer den Schaden hat, der darf für Spott nicht sorgen; ihr schmerzliches Ungemach diente den älteren Hansen, den Principalen und Gesellen, zur großen Belustigung, und eigentlich nur für diese waren ihre Proben ergötzliche „Spiele.“

Ao. 1599 besuchte König Christian IV. von Dänemark seine Stadt Bergen. Von Natur sehr munter und damals noch im Jugendalter, trieb er dort so viel Kurzweil und Ergötzung, daß noch 150 Jahre später die Einwohner voll davon waren. Auf einem Gastmahl im Hause des Statthalters Milzow wurden der König und sein Bruder Ulrich also lustig, daß sie, nach Art Deutscher Studenten, alle Fensterscheiben im Hause einwarfen und durch neue ersetzen ließen. Am 25. Juni geruhte der König, ein Festmahl der Hansischen Kaufleute in deren Hauptgebäude einzunehmen; um ihn gut zu unterhalten, wurden zu seinen Ehren nach Tische einige dieser „berühmten Spiele“ aufgeführt, wobei den armen Lehrjungen [248] der Spaß so wenig ehrenvoll als vergnüglich vorkommen mochte. Der König aber fand die Spiele so ergötzlich, daß sogleich einer seiner Laquaien einem solchen sich unterziehen mußte. Der arme Mensch wurde dabei sehr übel zugerichtet, und da der König ihn zu einer zweiten Probe durch einen Rosenobel locken wollte, bat er demüthig um Schonung und vermaaß sich, lieber 100 Thaler einzubüßen, als solch Teufelsspiel nochmals zu probiren.

Außer einigen minder bekannt gewordenen, gab es hauptsächlich drei Arten dieser Spiele, welche hier beschrieben werden sollen, damit man die Furcht des königlichen Hof-Laquaien ermessen könne.

Das „Rookspill“ (Rauchspiel) war die erste, eine Art Feuer-Probe. An einem Feierabend um 10 Uhr holte unter Trommelschlag eine Procession von Gesellen, darunter einige als Bauern, alte Weiber und Narren verkleidet waren, allerlei Holzspäne, Haare, Lederstücke und Gerümpel; damit zogen sie in ihren Schütting, die große Halle jeder der in einzelnen Höfen zusammenwohnenden Abtheilungen der Gesellschaft. Dann wurde der Lehrling, dem’s galt, in einen Sack gesteckt und in den großen Schornstein des Schütting-Camins hinauf gewunden, während man das mitgebrachte Holzgerümpel, die Haare und das Leder unter ihm in Brand setzte. Diesen stinkenden Qualm und Rauch auszuhalten, war des Neulings erste Probe. Damit er aber recht viel Rauch in den Hals bekäme, mußte er, während er so hing, auf gewisse vorgelegte Fragen laut autworten und singen. Glaubte man ihn genügend durchräuchert, so nahm man ihn herab und begoß den wohlgeschmäuchten halb erstickten Burschen zur Abkühlung und Erfrischung mit sechs Tonnen Wasser. Bei diesem „lustigen Rookspill“ ist einmal Einer jämmerlich erstickt, weshalb der Hof, in dem es geschah, der Stadt Bergen eine jährliche Buße entrichten mußte.

[249] Das „Waterspill“ war das zweite Spiel, eine Art Wasserprobe. Es ward jährlich nur einmal, am zweiten Mittwochen nach Pfingst-Sonntag, gehalten. Die Neulinge wurden zuvor Mittags gut bewirthet und um 3 Uhr in Kähnen aufs Meer gefahren, bis in die Gegend des Schlosses. Dann wurden sie entkleidet, ins Wasser geworfen und dreimal untergetaucht, wobei man sie übrigens an den Armen festhielt. Sodann wurden sie, noch im Wasser liegend, von den Gesellen mit Ruthen auf den bloßen Rücken gepeitscht, wobei es aber nicht gar hart zuging, indem Jeder der einzuweihenden Lehrlinge einen Secundanten hatte, der mit einem dickbelaubten Maienzweig sowohl die Schläge abwehrte als seine Blöße deckte. Wenn diese Lust gebüßt war, kleidete man sie wieder an, fuhr zurück und banquettirte Abends in den Schüttingen herrlich, wobei die Lehrburschen, wie gewöhnlich, ihre Principale und Gesellen bedienen mußten.

Früher scheint das Wasserspiel in andrer Weise, nämlich so abgehalten zu sein, daß die Lehrlinge von einem Felsen hinab in die See gestürzt wurden, worauf man sie an einem um ihren Leib befestigten Seile wieder in die Höhe wand, und noch zweimal diese „artige Kurzweil“ wiederholte.

Man erzählte aber unter den Hansen, es sei vor langen Jahren ein junges Frauenzimmer in Mannskleidern aufs Comtoir nach Bergen gekommen, aus Liebe zu einem hier angesessenen Gesellen, und habe geraume Zeit dort gelebt, bis es entdeckt und sie mit ihrem Sponsen fortgeschafft sei. Und weil nun nach den Gesetzen der Gesellschaft kein Frauenzimmer auf dem Comtoir und in dessen Höfen sich aufhalten dürfe, so sei zur wirksamen Abschreckung solcher weiblichen Eindringlinge das Wasserspiel erfunden.

Die dritte Probe war das Stupenspill oder die Stupe (Staupenschlag geben). Es fand statt am Sonntage nach [250] dem Wasserspiel, und alle Lehrlinge mußten sich ihm unterwerfen. Am Vorabend mußten sie in langen Bööten nach der nächsten Holzung rudern, und die Maien- oder Birkenzweige holen, aus denen die Ruthen gemacht wurden, mit welchen sie gestrichen werden sollten. Das war noch das Lustigste, was ihnen von dieser Ergötzlichkeit zu Theil wurde. Am andern Morgen führte man alle Lehrburschen unter Trommelschlag nach einem Garten vor dem Thore. Dabei war viel Kurzweil, zwei Principale, herrenmäßig gekleidet, waren die Anführer, andere fungirten als sogenannte Rechenmeister und besorgten die Bewirthung. Der Narr oder Hanswurst und seine Cumpane, ein als Bauertölpel gekleideter Gesell, und ein als Bauerweib maskirter Lehrling fehlten nicht; sie redeten in Reimen, foppten und neckten alle Welt und trieben grobkörnige Possen, zumal mit der Bergen’schen Einwohnerschaft, die neugierig dem Zuge zusah. Im Garten trieb man sich eine Weile herum, und kehrte in derselben Ordnung, mit Maienzweigen in den Händen, auf die größte der Schüttingsstuben zurück, wo um 12 Uhr ein Mahl gehalten wurde. Dann kam für die armen Neulinge die große Katastrophe. Der Narr und einige als Herren verkleidete Gesellen fingen zum Schein einen Streit an, worauf die neuen Lehrlinge befehligt wurden, ihn ins sogenannte Paradies zu bringen, einen Winkel oder Alkoven am Schüttingssaale, den man zuvor heimlich zur Marterkammer umgewandelt hatte. Gewöhnlich hatte man die Lehrburschen zuvor bei der Mahlzeit sich ziemlich berauschen lassen, so daß sie beim Eintritt ins Paradies ihre 24 überdies als Bauern vermummten Peiniger nicht erkennen konnten. Einer derselben redete die erstaunten Opferlämmer mit diesem alten Spruche an:

„Ehre sei Gott, ja, Ehre sei Gott,
Das rede ich wahrhaft und sonder Spott.

[251]

Nu krupt in dat hillige Paradies,
Da schölt jü schmecken söt’ Barkenries,
Ja so veel Barkenries schölt jü supen,
Als 24 Buuern up de Steert könt stupen.“

Dann erscholl draußen ein betäubender Höllenlärm von Pauken, Trommeln und Becken, während die vermummten Bauern wie die Teufel über die Lehrlinge herfielen, sie packten, über eine Bank warfen und mit Birkeuruthen aus Leibeskräften so lange bearbeiteten, bis es genug war, d. h. bis aufs Blut der armen Jünglinge, deren Jammergeschrei die laute Musik übertönte.

Wenn sie nun dergestalt, nach der Feuer- und Wasser-Probe, auch die Einweihungsfreuden dieses „Paradieses“ genossen hatten, dann wurden sie erst als rite aufgenommene Lehrburschen und Angehörige der Hansischen Corporation in Bergen angesehen, konnten später Gesellen und Principale („Hausherren“) werden, und zu ihrer Satisfaction in diesen drei Hauptspielen, welche sie so passiv mitgemacht hatten, auch eine active Rolle übernehmen, nach dem Princip: was ich habe leiden müssen, dem sollen Andere auch nicht entgehen.

Erst Ao. 1671 hat König Christian V. von Dänemark und Norwegen durch ein ausdrückliches Gesetz solche Spiele der Hansen zu Bergen bei schwerer Geldstrafe gänzlich verboten.


Diese Spiele, die unserm verfeinerten Jahrhundert allerdings ebenso unauständig und witzlos als roh und grausam erscheinen, wurden in jenem derberen Zeitalter meistens als etwas ganz Schickliches und Natürliches betrachtet. Raufereien und Prügel gehörten damals noch mehr zum volksthümlichen Spaße, als jetzt, wo noch immer die rechte Jahrmarktsfreude oder ein gutes Puppentheater ohne solche Balgerei nicht bestehen kann, die ja selbst unsern Knaben-Ergötzlichkeiten [252] nicht fehlen darf, soll das Vergnügen vollkommen sein.

Uebrigens wurde kein Lehrling zu Bergen gezwungen, sich jenen Spielen zu unterwerfen. Nur wird er alsdann besser gethan haben, seine Laufbahn am Hansischen Comtoir aufzugeben, wie dies Heinrich Husanus um 1555 that. Es wird nämlich erzählt, daß dieser später als Staatsmann und Gelehrter berühmt gewordene Mann, in seiner Jugend zum Kaufmann bestimmt und als Lehrling nach Bergen gekommen sei. Wie er aber das Stupenspiel überstanden, da hat er seiner Mutter (einer Bürgermeisters-Frau zu Eisenach) das blutige Hemde geschickt, um ihr zu Gemüth zu führen, wie unbarmherzig mit ihrem Sohn umgegangen werde. Die Mutter hat ihn damt eilends zurückgerufen und ihn den sanfteren Musen in Pflege gegeben. Husanus muß aber hernach, als Weimarscher Gesandter oder als Mecklenburgischer Canzler, das Hansische Birkenreis in Bergen als veranlassende Ursache seines Glückes in Ehren gehalten haben.

Anmerkungen

[384] Diese nur mittelbar hieher gehörige Darstellung dürfte doch Manchem unbekannt und merkenswerth erscheinen. – Handschriftliche Chroniken lassen irrig erst 1623 diese Spiele entstehen. Ich bin der Erzählung des aus Bergen gebürtigen von Holberg gefolgt in seiner Beschreibung der Stadt Bergen (1753.) II. 59 ff. – Ueber Husanus, welcher fast alle Sprachen verstand, poetisch und juristische Werke schrieb und als Syndicus zu Lüneburg sein bewegtes Leben 1587 beschloß, s. Rotermundt, das gelehrte Hannover II. 435.