Der Hautsee

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Friedrich Gottschalck
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Hautsee
Untertitel:
aus: Die Sagen und Volksmährchen der Deutschen, S. 311-317
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1814
Verlag: Hemmerde und Schwetschke
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Halle
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
Der Hautsee.

Zwischen Marksuhl und Vach, an der Leipziger Straße nach Frankfurt, giebt es bei dem hessischen Dorfe Dönges einen kleinen See, den man „Hautsee“ nennt, weil ein kleines Insekt, gleich einer Haut, auf seiner Oberfläche in großer Menge wie ausgespannt liegt. Dieser See ist wegen einer schwimmenden Insel merkwürdig, die er trägt. Sie gleicht einem Wäldchen, das mit Birken und Buschwerk bestanden ist, zwischen welchem hohes Gras wächst, und wird vom Winde hin und her getrieben. Die Zeit und die Art ihres Ursprungs ist unbekannt, aber sie soll schon sehr alt seyn.

Wenn der Vorüberziehende mit Vergnügen beim Anblicke dieser seltnen Naturerscheinung weilt, so wird er sich in eine Wunderwelt versetzt glauben, wenn ihm ein treuherziger Anwohner erzählt, was sich hier einst zugetragen hat, und noch zuträgt.

Der See färbt sich nämlich jährlich an einem Tage blutroth, zum Zeugniß, daß vor undenklichen Jahren eine Jungfrau in seinen Fluthen ihre bleibende Wohnung erhielt, aus der sie niemand befreien noch lösen konnte.

Theodiska, so hieß sie, wurde von einem edlen Jünglinge geliebt, liebte ihn wieder, sollte ihn aber nicht lieben. Ihre Mutter war reich und geizig, wollte nur einen reichen und begüterten Eidam, und das war Wilibald nicht, daher ihr Widerwille gegen die reine Liebe der unglücklichen Theodiska. Alle Versuche, sich wechselseitig auf andere Gesinnungen zu bringen, waren umsonst. Die Alte fluchte der Neigung ihrer Tochter, die Tochter weinte über die grausame Unbiegsamkeit der Mutter, und als jene ihr einmal mit aller Heftigkeit zusetzte, dem Wilibald zu entsagen, da blickte Theodiska weinend zum Himmel, und schwur im Angesicht der Mutter, daß sie nie, nie dem trauten Jünglinge untreu werden würde, und nur der Tod ihr Versprechen lösen solle.

Da brach die Unglückliche selbst den Stab über sich. Die geizige Alte schnob nach Rache. Alles Muttergefühl verläugnend, brütete sie einen Plan zur Vernichtung der Tochter, der einzigen, die sie hatte. Bekannt mit den schwarzen Künsten des Unterreichs, vertraut und einig mit der Nixe des Hautsee’s, beredete sie sich im Dämmerlicht mit dieser, ihr zu helfen, daß Theodiska Magd im Dienst der Wassergöttin werden müsse, wenn sie ihrer Liebe nicht entsage. Die Nixe, lüsternd nach Beute, schürte das Feuer noch recht an, erstickte auch den letzten Funken mütterlichen Gefühls durch große Versprechungen von Reichthümern, so daß die Alte es einging, das Kind mit dem ersten Mondwechsel ihr zuzuführen.

„Komm!“ sprach sie einst an einem schwülen Sommerabend zu Theodiska, die still vor sich hinsehend vor der Thür des Hauses saß, „komm, laß uns nach der schwimmenden Insel hinwandeln, dort ist’s kühl und erquickend. Ich will dir mein Mutterherz öffnen, denn ich fühle, daß mich bald das Grab umschließen wird.“

Theodiska hatte lange nicht die Mutter so herzlich sie anreden hören. Sie folgte ihr daher unbefangen und voll Hoffnung, vielleicht eine frohe Kunde zu hören. Aber die Mutter ging in sich gekehrt voran, sprach wenig, und war düster im Blick, bis sie am Ufer des See’s ankamen, in dessen klarer Fläche das halb verhüllte Mondlicht sich spiegelte, und rings umher eine schauerliche Stille herrschte.

„Komm,“ sprach sie, „da laß uns setzen, dicht an’s Ufer, daß wir der Kühlung genießen!“ und Theodiska thats. Aber kaum saß sie auf dem üppigen Rasen, so berührte sie aus den Fluthen der Zauberstab der Nixe, und die Unglückliche schwindelte hinab in die Tiefe. Ihr Angstgeschrei verhallte bald, die Nacht deckte das grausende Gemälde, und gesättigt von Rache kehrte die Rabenmutter zurück.

Im Innern der Wohnung der Nixe erwachte Theodiska aus ihrer Betäubung. Sie klagte, sie jammerte, und flehte um Erbarmen. Da sprach jene:

„Du sollst nicht ganz von der Erde losgerissen seyn. Bis du selbst deinen neuen Aufenthalt lieb gewinnen wirst, sende ich dich jährlich ein Mal zurück auf die Oberwelt, wo du dich in den Erntetanz mischen, und dem Jünglinge dein reines, durch keinen Unfrieden getrübtes Auge zeigen kannst.“

Aber welcher Trost war das für Theodiska, nur Einen Tag im langen Jahre ihn zu sehen!

Wilibalds Entsetzen und Zorn war ohne Grenzen. Kaum hatte er die furchtbare Nachricht vernommen, die Krokodilthränen der Mutter gesehen, und gehört, daß der verrätherische Hautsee das Grab seiner Liebe geworden, als er mit unaufhaltsamem Ungestüm dahin rannte, sich in die Fluth stürzte, und so mit seiner Theodiska sich zu vermählen glaubte. Aber auch diesen schönen Traum vergönnte ihm die See-Nixe nicht. Denn als Wilibald an ihrem Pallast anschlug, seine Theodiska verlangte, hob ihn eine unsichtbare Macht wieder empor und an’s Ufer. Umsonst versuchte er es wieder, und immer umsonst. Da erkrankte der gute Jüngling, schlich umher, härmte sich ab, und grämte sich, suchte Ruhe, und fand sie endlich da, wo wir alle sie finden. Aber jährlich an dem Tage, wo Theodiska verschwand, färbt sich noch jetzt zum Andenken an diese traurige Begebenheit der See blutroth. Noch sind es keine hundert Jahre, daß Theodiska jährlich im Spätherbst in ihrem Geburtsorte erschien, sich unter die Jugend mischte, und dann um Mitternacht still und feierlich nach ihrer unterirdischen Wohnung zurückging. Seitdem aber kommt sie nicht mehr, und wohl scheint es, als habe ihr die Nixe des See’s die ewige Ruhe gegönnt, und die Vereinigung mit Wilibald da, wo sich alles vereint, nicht länger gehindert.

*     *     *

A. Slevogt erzählt dieß Mährchen im 104ten Stück der Erholungen 1813.