Der Hirtenknabe auf dem Kandel

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Autor: Heinrich Schreiber
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Titel: Der Hirtenknabe auf dem Kandel
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 342–347
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Originaltitel:
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Quelle: Commons und Google
Kurzbeschreibung:
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[342]
Der Hirtenknabe am Kandel.[1]

Ein unschuldiger Hirtenknabe führte täglich an den wiesenreichen Abhängen des hohen Kandels, dessen innerste Tiefen aus einem grundlosen See bestehen sollen, der wenn er einmal herausbräche, das ganze Land unter Wasser setzen würde, das Vieh seines strengen Herren auf die Weide, und wenn er dann so von oben herab aus die Stadt Waldkirch und die spazierengehenden, schöngeputzten Bürger und ihre Frauen und Töchter sah, da ward ihm oft recht wunderlich zu Muthe. Er dachte dann gewöhnlich bei sich selbst: „Warum habe ich doch nicht auch einen reichen Mann zum Vater? Ich hätte dann nicht nöthig, mich in Lumpen zu kleiden, mit den schlechtesten Bissen mich zu begnügen, und den ganzen Tag über auf dem Berge herum zu klettern, um das Vieh zusammen zu treiben. Wie bin ich doch so elend gegen die Stadtkinder, die vor lauter Uebermuth nicht einmal wissen, wie viel sie besitzen, und oft Sachen wegwerfen, die mich ganz glücklich machen würden! Meine Eltern waren aber Bettelleute und sind gestorben; mein Herr schilt und schlägt mich unaufhörlich, und wenn ich den Tag hindurch todtmüde geworden bin, so muß ich des Nachts mit der Streu im Stalle vorlieb nehmen. Ich bin doch recht unglücklich!“

So dachte der Knabe und weinte still vor sich hin. Der böse Feind mußte aufmerksam auf ihn geworden seyn, denn er [343] verwandelte sich schnell in einen Jäger und ging, einen schwarzen zottigen Hund an der Seite, mit starken Schritten auf den Knaben zu. Dieser wischte sich alsbald die Thränen aus den Augen und versuchte fröhlich auszusehen, aber es gelang ihm nicht. „Warum hängst du den Kopf, Bürschlein?“ hub der Jäger an zu fragen – „Siehst du nicht, wie die Buben dort unten im Thal so lustig sind und sich ihres Lebens freuen?“ Da schlug der arme Knabe die Augen auf und ein neuer Stich fuhr in sein Herz; denn er sah auf einer Wiese eine Menge schöngekleideter Kinder Ball spielen und hörte sie singen und jauchzen. Aber die kleinen Pferdefüße derselben ward er nicht gewahr, sonst wäre ihn das Weinen nicht noch stärker angekommen. Da der Jäger sah, daß schon die erste Versuchung so gut ausgefallen, ward er noch zutraulicher, setzte sich neben den Knaben nieder und ermunterte ihn, ihm zu gestehen, was er eigentlich auf dem Herzen habe. Nach einer Weile gab der Knabe, noch immer schluchzend, zur Antwort: „Ach! ich bin gar zu arm und habe weder Vater noch Mutter mehr!“ – „Ist es nur dies?“ – tröstete der Jäger – „so ist dir gar bald geholfen. Es steht nur bei mir, dich reich zu machen und an Kindesstatt anzunehmen.“ – „Ei, könnet und wollt Ihr das?“ rief jetzt der Knabe voll freudiger Ueberraschung, sprang auf und hob seine blauen Augen recht bittend und zutraulich zu dem grünen Mann empor. Aber dieser bekam jetzt plötzlich ein heftiges Zucken im Gesichte, wie man es gewöhnlich bekommt, wenn man unversehens in die helle Sonne hineinblickt; denn hinter dem Knaben stand in blendendem Lichtglanze sein Schutzengel und drohte dem Bösen mit dem Finger. Der Knabe aber bemerkte den Schutzengel nicht, sondern nur die Gesichtsverzerrungen des Jägers; darum fuhr er voll Schrecken zurück und wußte sich kaum zu helfen. Allein der Jäger, in dergleichen Fällen schon geübt, drehte geschwind den Kopf auf die Seite und rief dem Knaben zu: „Setze dich nur wieder ruhig neben mich hin; es ist mit eine Schnacke in das rechte Auge geflogen, ich muß es nur eine kleine Weile zuhalten.“ Nach und nach wußte der grüne Mann solcherweise den armen Knaben immer mehr zu bethören, so daß ihm nichts als Geld und kostbare Kleider in Hülle und Fülle vor den Augen flirrten. „Das [344] Mittel, dich reich zu machen,“ – nahm der Jäger nun wieder das Wort, jedoch noch immer mit abgewendetem Gesichte – „ist ganz einfach. Hier in dem Berge befinden sich nämlich ungeheure Schätze, welche von einem alten Ritter darin vergraben worden sind, und die du leicht heben kannst. Du brauchst nur morgen in aller Frühe mit einem Zug Ochsen vor den Felsen da unten zu kommen, so wirst du mich antreffen; wir werden dann den Felsblock wegführen, und uns schnell der Schätze bemächtigen; ich nehme dich hierauf als meinen Sohn an, dann sagst du deinem Herren Lebewohl auf immer und wirst ein schmucker, reicher Junge, wie kaum einer in der Stadt ist. Aber versprechen mußt du mir, Niemanden etwas von der Sache zu sagen und Morgen früh an gar nichts Anderes zu denken, als an unsere Schätze.“ – Gern gab der Knabe sein Wort darauf und sprang wie außer sich vor Freuden herum, als der Jäger heimlich seinem Hunde einen Wink gab, daß dieser unter das weidende Vieh hinein fuhr und es auseinander trieb. Während der Knabe hinzueilte, um es wieder zusammen zu bringen, waren Jäger und Hund verschwunden. Auch die spielenden Kinder auf der Wiese verloren sich, und einem aufmerksameren Blicke wär’ es schwerlich entgangen, wie eines hier, das andere dort in eine Spalte des Berges hinabschlüpfte.

Voll Ungeduld trieb nun der Knabe seine Heerde nach Hause, noch eh’ der Abend recht eingebrochen war, weßhalb ihn sein Herr neuerdings mit Schelten und Schlägen empfing. Aber der Geplagte, der sonst augenblicklich in Thränen ausbrach, machte sich jetzt nichts daraus, da er ja den glücklichen Wechsel seines Schicksals so nahe vor sich wußte. Auch beim Nachtessen war er so sehr zerstreut und geistesabwesend, daß ihn eine alte Kindswärterin bei Seite nahm und ihm zusprach, ihr doch mitzutheilen, was mit ihm vorgegangen sey. Der Knabe blieb aber verschwiegen und eilte so bald als möglich auf sein rauhes Strohlager, nur um ungestört seinen freudigen Gedanken nachhängen zu können. Auch während des Schlafes ließen ihn diese nicht ruhen, denn er träumte nun die herrlichsten Sachen von seinem künftigen Glücke. Schon sah er im Innern des Kandels einen Palast von lauter blitzenden Edelsteinen, von der holdseligsten Fee – seiner künftigen Mutter – und dem stattlichen [345] Jäger – seinem künftigen Vater – bewohnt, die ihn mit Liebkosungen überschütteten. – Der anbrechende Tag weckte und ermahnte ihn, nicht länger zu zögern. Das bisher nie versäumte Morgengebet vergessend, flog er rasch vom Lager empor und der Schutzengel des verblendeten Knaben wendete sich betrübt von ihm ab. Was aber wundersam ist: die Pferde und Stiere, die sonst auf jeden seiner Winke so willig waren, wollten ihm jetzt durchaus nicht gehorchen und er brachte sie nur mit vieler Mühe in das Joch und aus dem Stalle, während noch Alles auf dem Hofe in tiefem Schlummer lag. Doch kam er noch zu rechter Zeit, ganz wie der Jäger es gewünscht hatte, an den bewußten Felsen und der Böse lachte schon im Stillen, daß ihm die Beute so ganz nach Willen in’s Netz gehe.

Kaum stand der unbesonnene Knabe mit seinem Viergespann vor dem Felsen, so streckte auch schon der Jäger aus dem Gebüsche den Kopf hervor. Aber unglücklicher-, oder vielmehr, glücklicherweise war ihm diesmal der Hut in den Zweigen stecken geblieben und die zwei Hörnchen auf seiner Stirne, welche der Böse nie ganz zurücktreten machen kann, blieben dem Knaben nicht unbemerkt; doch entschuldigte sich der Jäger damit, er habe vor einigen Augenblicken den Kopf gewaltig an einen Felsen angestoßen und dadurch die großen Beulen bekommen. Hierauf trieb er den Knaben an, seinen Zug an den eisernen Ring anzuspannen, welchen er bereits in die Felsenwand getrieben hatte. Allein dem Knaben war noch von dem Schrecken über die zwei Hörnchen her nicht mehr ganz wohl zu Muthe, auch glaubte er in dem Gesichte seines künftigen Pflegevaters auf einmal etwas ungemein Wildes und Tückisches wahrzunehmen. Indessen, wer einmal A gesagt hat, muß auch B sagen und so spannte denn der Junge mit schwerem Herzen sein Vieh an den Ring, schwang seine Geißel und rief nach alter Gewohnheit: „Voran denn in Gottes Namen!“ Kaum waren diese Worte aus seinem Munde, als sich plötzlich der Himmel verdunkelte, der Donner rollte, die Blitze vor den Thieren niederschlugen, die Erde zitterte und im Innern des Berges ein Rauschen und Toben sich erhub, als ob der Sturm ein ganzes Meer aufwühlte und dieses durch eine schmale Schlucht hervorbrechen möchte. Und was noch das Aergste war: im Nu verschwand [346] der Jäger, und aus dem Gebüsche reckte sich der schwarze, mit langen spitzen Zähnen besetzte Rachen eines Ungeheuers mit fürchterlichem Gebrülle, welches das im Berge noch überschallte, dem Knaben entgegen. Da sank dieser bewußtslos zu Boden; die vier Stiere rißen sich los und gingen durch, und noch lange scholl rings in Berg und Thal umher das entsetzliche Toben und Brausen, Donnern und Blitzen, aus dem Kandel und vom Himmel her.

Als der Knabe nach ohngefähr einer Stunde wieder zu sich selbst kam, und mit angstverstörtem Blicke sich umsah, fand er Alles in der Runde wieder ganz ruhig; die Morgensonne glitzerte durch die grünen Gebüsche, die verschüchterten Vögel kehrten zu ihren Nestern zurück und fingen wieder ruhig zu singen an. Was aber das Sonderbarste war: ein helles Bächlein rieselte durch das Gestein dahin, das doch an jener Stelle nie zuvor sichtbar gewesen war. Der Knabe wußte nicht, ob er wache oder träume und rieb sich die Augen, um deutlicher zu sehen. Er blickte jedoch nur schüchtern und verstohlen zur Seite hinüber, wo das schreckliche Unthier auf ihn zugefahren war; aber jetzt regte sich auch nicht ein Blättchen, nur ein fast betäubender Schwefelgeruch wehte herüber. Wie staunte jedoch der Knabe, als er endlich zum Felsen selbst hinaufblickte und dort aus der nackten verbrannten Wand eine Quelle hervorsprudeln sah, so stark, als wenn zwanzig bis dreißig Brunnenröhren zusammen ihr Wasser hervortrieben. Wie groß aber war erst seine Freude, als der Vogt des Dorfes Siensbach zufällig herauskam, vor Entzücken die Hände über dem Kopfe zusammenschlug, ihm um den Hals fiel und sagte, daß jetzt der höchste Wunsch seines Dorfes erfüllt sey, indem es jetzt, was es bisher schwer entbehren hatte müssen, eine gesunde frische Quelle sowohl zum Trinken als zum Bewässern der Wiesen besäße. Zugleich aber machte ihn der Alte, nachdem ihm der Knabe sein schreckliches Abenteuer mit dem Jäger berichtet hatte, auf die entsetzliche Gefahr aufmerksam, in dem sein Lichtsinn sowohl ihn selbst als das ganze Thal hätte stürzen können. „Hättest du, als du dein Stiergespann mit der Geißel antreiben wolltest, den Felsen hier hinweg zu ziehen, nicht dabei gerufen: „In Gottes Namen denn!“ so wäre dieser Block, der nichts anderes ist, als das Eingangsthor [347] zu dem unterirdischen See dort unten im Kandel, herausgefahren, die wilde Fluth hervorgebrochen und du mit sammt den Einwohnern des ganzen Thales von ihr verschlungen worden. Doch der Herr sey gelobt! Er hat uns durch deinen eigenen Mund vor der türkischen List des Höllenjägers noch glücklich gerettet.

Der Knabe wurde nun vom Vogte in das Dorf geführt, wo seine Botschaft den lautesten Jubel erregte. Der gute alte Mann, der Mitleiden mit der armen Waise fühlte, nahm ihn an Sohnesstatt an und gab ihm später seine einzige Tochter, nebst einer schönen Aussteuer, zur Ehe.

Dr. Heinrich Schreiber.

  1. Einer der höchsten Berge des Schwarzwaldes, 3886 Fuß u. d. M. zwischen dem Elz- und dem Glotterthale.