Suckenthal

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Textdaten
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Autor: Ernst Julius Leichtlen
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Titel: Suckenthal
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aus: Badisches Sagen-Buch I, S. 347–349
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Originalherkunft:
Quelle: Commons und Google
Kurzbeschreibung:
Siehe auch Die Mordgrube zu Freiberg
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[347]
Suckenthal.

Wenn du, freundlicher Leser, vom flachen Lande her den Bergen zuwanderst, welche von der oft wildstürmenden Elz durchschlängelt werden, so siehst du bald, da, wo Fluß und Felsenwand der Straße allen Zugang zu verwehren scheinen, ein rasches Bächlein aus einer engen Schlucht hervorbrechen. Versäume nicht, an seinem Ufer hinaufzuwandeln; es bildet ein wunderliebliches Thälchen, jetzt das Suckenthal genannt, von dem ich dir hier eine nur Wenigen bekannte Sage mittheilen will.

Reicher Bergsegen hatte eine Menge von Knappen in’s Thal von Reichenbach gezogen; überall, ober und unterhalb der Erde herrschte fröhliches Leben und geschäftiges Treiben und um das Kirchlein, welches weiter oben im Thale von einem grünen Bühle herabschaut, sah es aus wie ein lustiges gewerbsames Städtchen. Unweit davon erhob sich ein stattliches Schloß, die Engelsburg genannt, in welchem ein Edelfräulein, die Herrin dieser Landschaft, in Glanz und Herrlichkeit lebte. Sie sah es gerne, daß die Bergleute auch gute Tage hatten und diese gaben ihr Wohlleben auf eine solche üppige Weise kund, daß man bald anfing, die Gegend das Paradiesthal zu nennen.

Als aber das schwelgerische Leben und der es gewöhnlich begleitende Uebermuth aufs Höchste gestiegen war, da sollte all’ [348] diese Herrlichkeit ein plötzliches und grausenvolles Ende nehmen! — Es war an einem schönen Maisonntage, der blaue Himmel, die lauen süßen Lüfte hatten Alles, Jung und Alt, in’s Freie gelockt; von Nah’ und Ferne waren Gäste herbeigeströmt zu Spiel und Tanz und die Berge ringsum hallten den Jubel hundertfältig zurück. Da traf es sich, daß der Priester das Allerheiligste zu einem sterbenden Kranken des Weges vorübertrug und sein Meßner ging ihm, nach altem Brauch mit einem Glöcklein läutend, voran. Als nun Letzterer die Leute wiederholt und dringend aufforderte, nur auf so lange, bis der Kranke die heilige Wegzehrung erhalten habe, Trinken und Tanzen einzustellen, ward er verhöhnt, ja das Edelfräulein ließ sich vom Fenster ihres Schloßes gottloserweise vernehmen: „Ihres Vaters Schweine trugen auch viel solcher Glöcklein am Halse,“ worauf der Priester traurig seinen Weg mit dem Meßner fortsetzte, indessen das Jubeln und Tollen immer ausgelassener wurde.

An eben demselben Tage lag ein alter Bauer oben im Thale krank danieder; nur sein jüngster Sohn war bei ihm geblieben, um seiner zu warten. Auf einmal fällt es dem Alten ein, zu fragen, wie es mit dem Wetter stünde; er schickt deßhalb den Jungen hinaus, um nachzusehen, ob sich der Himmel nicht zu trüben beginne? Der Knabe kommt mit der Nachricht zurück, es sey noch immer das allerschönste Wetter, wie vorhin. Das beruhigte den Vater doch nicht ganz und in kurzer Zeit schickt er den Jungen wieder hinaus, um zu schauen, wies mit dem Wetter stehe. Diesmal kam derselbe mit der Meldung zurück, von allen Seiten sey der Himmel noch ganz rein blau, nur allein über dem Gipfel des Kandels schwebe ein kleines trübes Wölkchen. Da hatte der Alle weder Ruh noch Rast mehr und befahl sogleich dem Sohn, in größter Eile ihn selbst und sodann die besten Sachen ihrer Habe auf die Höhe des Berges zu tragen. Da lud der fromme kräftige Jüngling seinen Vater aus den Rücken und trug ihn den nahen Berg hinauf, alsdann auch nach und nach das beste und unentbehrlichste Hausgeräthe; kaum aber war er mit dieser Arbeit zu Stande gekommen, als mit erschrecklichem Krachen und entsetzlichen Wolkenbrüchen ein Gewitter sich entlud und in wenig Minuten das ganze schöne Thal [349] in eine grause Wasserwüste verwandelte. Schloß und Häuser waren alle verschwunden; sämmtliche Bergstollen und Werke versandet und verschlammt; nur die Kirche und ein einziges Haus, worin fromme und gottesfürchtige Leute wohnten, ragten noch über den Fluthen empor, in welchem bei dreihundert Knappen und fünfzig Bergwerkangestellte ihr Grab gefunden haben sollen. Nur wenige Menschenleben entgingen dem Verderben; es waren die Kinder, welche man, als die Wasser sich verlaufen hatten, in ihren zwischen den Wipfeln der Bäume hängen gebliebenen Wiegen fand. Da man nicht wußte, welchen Familien sie angehört, und also ihren Geschlechtsnamen nicht herausbringen konnte, nannte man sie Dolden, (so viel als Wipfel) zum fortwährenden Gedächtniß der wunderbaren Art, wie sie bei der Zerstörung von Suckenthal gerettet worden.

Julius Leichtlin.