Der Knabe im Moor

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Textdaten
Autor: Annette von Droste-Hülshoff
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Titel: Der Knabe im Moor
Untertitel:
aus: Gesammelte Schriften von Annette Freiin von Droste-Hülshoff. Band 1: Lyrische Gedichte.
Seite 115–116
Herausgeber: Levin Schücking
Auflage:
Entstehungsdatum: 1841/42
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Scans auf commons
Kurzbeschreibung:
Erschienen im Morgenblatt Nr. 40, 16. Februar 1842.
Auch in: Clemens Heselhaus (Hg.): Annette von Droste-Hülshoff – Werke in einem Band. Carl Hanser Verlag 1984. ISBN 3-446-14043-3, S.68–69.
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[115]      Der Knabe im Moor.

O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Haiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,

5
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,

Wenn aus der Spalte es zischt und singt –
O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

Fest hält die Fibel das zitternde Kind

10
Und rennt, als ob man es jage;

Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?
Das ist der gespenstige Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;

15
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!

Hinducket das Knäblein zage.

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,

20
Durch Riesenhalme wie Speere;

Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

25
Voran, voran, nur immer im Lauf,

Voran, als woll’ es ihn holen;
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen
Wie eine gespenstige Melodei;

30
Das ist der Geigenmann ungetreu,

[116] Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;

35
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:

„Ho, ho, meine arme Seele!“
Der Knabe springt wie ein wundes Reh,
Wär’ nicht Schutzengel in seiner Näh’,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät

40
Ein Gräber im Moorgeschwehle.


Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimathlich,
Der Knabe steht an der Scheide.

45
Tief athmet er auf, zum Moor zurück

Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O, schaurig war’s in der Haide!