Der Komet (Illustrirte Zeitung, 1843)

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Titel: Der Komet
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aus: Illustrirte Zeitung, Nr. 1 vom 1. Juli 1843, S. 8
Herausgeber: Johann Jacob Weber
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Entstehungsdatum: 1843
Erscheinungsdatum: 1843
Verlag: J. J. Weber
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: MDZ München, Commons
Kurzbeschreibung: Über den Tageslichtkometen von 1843
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Der Komet.

Der Sternenhimmel zeigt uns unzählbare Sonnensysteme und nur von einem derselben bildet unsere Sonne den Mittelpunkt. Zu unserm Sonnensystem gehören nicht blos die bekannten 11 Planeten mit ihren 18 Monden, sondern wahrscheinlich kommen auch noch mehre Millionen Kometen in dasselbe, von fast einer halben Million ist dies berechnet, über das Erscheinen von ungefähr 400 berichtet die Geschichte und von etwa 130 kennt man die Bahn genauer. Aber bei einer solchen Menge – warum sieht man da nur so selten einen Kometen? Weil blos diejenigen sichtbar werden können, die in den wenigen Nachtstunden aufgehen, weil ihr Licht so schwach ist, daß sie der Erde ziemlich nahe kommen müssen, um bemerkt zu werden, und weil sie gewöhnlich nur kurze Zeit in unserer Nähe sind, sich dann aber wieder, zuweilen Jahrhunderte lang, auf ihren weiten Bahnen bis in die fernsten Räume des Himmels verlieren. Indeß vergeht jetzt doch auch beinahe kein Jahr, ohne daß die Astronomen einen Kometen entdecken. Dem bloßen Auge werden freilich diese Haarsterne – dies ist die eigentliche Bedeutung des ihre Gestaltung bezeichnenden Namens Komet – weit seltener sichtbar, und zeigt sich dann dabei ein bedeutender Schweif, so ist das allgemeine Aufsehen, das eine solche ungewöhnliche Erscheinung erregt, sehr erklärlich.

In dieser Beziehung bildet der vor Kurzem sichtbar gewesene Komet eine große Seltenheit. Als er zuerst bemerkt wurde, erschien sein Schweif in der Länge von etwa 43° und war also fast einem Viertel des 180° zählenden Halbkreises gleich, den man sich am Himmelsgewölbe von einem Punkt des Horizonts durch den Zenith bis nach dem entgegengesetzten Punkt des Horizonts gezogen denken kann.

In Europa wurde dieser Komet nach den Berichten der Journale am 5. März in Athen sichtbar, einige Tage später in Madrid bemerkt, am 12. März in Nizza gesehen, am 14. März in Auxonne wahrgenommen, nach einem mehrtägigen trüben Wetter am 17. März in Wien, München, Paris, London etc. fast gleichzeitig entdeckt, am 18. in Leipzig, am 19. in Berlin beobachtet etc. Er kam von der Sonne her, in deren größter Nähe auf seiner Bahn er sich, nach einer Mittheilung von Encke in Berlin, am 28. Febr. befunden hat. „Er stand damals, sagt dieser Astronom, der Sonne so nahe, wie bisher noch kein bekannter Komet, etwa den von 1680 ausgenommen.“ Die Illustration zeigt, wie er sich am 17. März um 71/2 Uhr Abends in London darstellte. Der Kopf des Kometen befindet sich neben dem Stern η des Sternbildes Eridan; sein Schweif endet in der Nähe des Sterns η im Sternbilde des Hasen. Links oben zeigt sich der Sirius, des Himmels glänzendster Stern. Oberhalb des Schweifs sieht man das herrliche Sternbild Orion, von dem der „Riegel“ den untern und die „drei Könige“ den mittlern Theil bilden. Rechts oben befinden sich „Aldebaran“ und das „Auge des Stiers“ etc.

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Der Komet vom Jahre 1843.

Ein Komet besteht aus drei wahrscheinlich ganz verschiedenen Theilen: dem Kern, der diesen umgebenden, kugelförmigen Dunsthülle und dem Schweif. Der Kern ist zuweilen ein fester, planetenartiger Körper, zuweilen eine bloße Anhäufung von Dünsten. Der jetzige Komet scheint nach einer Angabe von Gruithuisen in München einen von mehren Monden umgebenen Planeten zum Kern zu haben, wie in unserm Sonnensysteme der Uranus ist. Die kugelförmige Dunsthülle, welche den Kern umgibt, ist im Vergleich mit diesem sehr groß und wird mit zunehmender Entfernung von ihrem Mittelpunkte immer lockerer. So lange ein Komet sich der Erde nähert, erscheint dieser Kopf immer größer, so lange er sich der Sonne nähert, immer heller und umgekehrt. Man hat Kometen beobachtet ohne Schweif, mit Einem Schweif und mit mehren Schweifen. In der Regel haben sie nur einen Schweif, der von der Sonne abgewendet ist und an den beiden Rändern heller, in der Mitte dunkler erscheint, als ob es ein hohler, leuchtender Dunstkegel sei. Die Länge des Schweifs ist sehr verschieden und beträgt zuweilen 20,000,000 Meilen. Im Jahr 1618 zeigte sich ein Komet, dessen Schweif, bei einer Breite von 3°, eine Länge von 104° hatte und sich also über die Hälfte des Himmelsgewölbes erstreckte. Der Schweif des jetzigen Kometen hat, nach einer Mittheilung von Arago in Paris, die Eigenthümlichkeit, daß er gerade in der Mitte am hellsten, an den beiden Rändern dagegen weniger hell ist. Er krümmt sich ein Wenig aufwärts und zeigt, bei einer Länge von 43°, eine Breite von kaum 2°. „Dieser Komet, sagt Bessel in Königsberg, gibt vielleicht das erste Beispiel eines langen und lebhaften Schweifes, der von einem schwachen Kern ausgeht. Er scheint alle Kraft auf den Haarwuchs verwendet zu haben und dadurch abgezehrt zu sein.“ „Er bestätigt, sagt Encke in Berlin, durch seinen großen Schweif die Vermuthung von Newton, daß die Schweifentwickelung bei großer Annäherung an die Sonne am stärksten ist.“

Ende März ging der Komet etwa dritthalb Stunden nach Sonnenuntergang ebenfalls unter. Diese an sich kurze Zeit des Verweilens über dem Horizont nach Sonnenuntergang nahm während des April so ab, daß er Ende April schon etwa fünf Viertelstunden nach Sonnenuntergang ebenfalls unterging, und bei beständig abnehmender Helligkeit und Größe für das bloße Auge sein Schweif gar nicht mehr bemerkbar blieb oder doch nur bei sehr großer Aufmerksamkeit noch unterschieden werden konnte. Die Erscheinung wurde, so lange sie überhaupt sichtbar war, immer im Südwesten gesehen, da der Komet bis Ende April südlich vom Aequator blieb, und die Nähe am Horizont, so wie die zunehmende Dämmerung denselben immer mehr und mehr schwächte.

Die Hauptfrage, ob und wann der Komet schon früher beobachtet worden, ist noch nicht erledigt. Encke in Berlin erklärt: „Unter den bisher berechneten Kometen ist keiner, dessen Bahn eine solche Aehnlichkeit hätte, daß man eine Identität vermuthen könnte.“ Gruithuisen in München versichert dagegen: „Je mehr ich den Gedanken untersuche, daß der große Komet von 1618 identisch sei mit dem von 1843, desto mehr Aehnlichkeiten finden sich, sodaß ich nun nicht mehr den geringsten Zweifel an ihrer Identität hege. Der Schweif des Kometen konnte uns seit seiner Sichtbarkeit nur verkürzt erscheinen. Dieser Umstand und seine große Entfernung, die ich auf mehr als 20 Mill. Meilen schätze, machen, daß sein Schweif nicht so groß erschien, wie der des Kometen von 1618. Würde diesmal die Erde ihm so nahe gekommen sein, wie damals, bis auf weniger als 8 Mill. Meilen, so würde bei seiner anfangs entwickelten Helligkeit derselbe jetzt seine damalige scheinbare Länge, jene 100 , weit übertroffen haben.“ Ueber den Kometen von 1618 sagt derselbe Astronom, daß er eine sehr lang gestreckte Bahn habe und diese in 225 Jahren nur einmal durchlaufe. Im Jahr 1618 habe er sich der Sonne bis auf 8 Mill. Meilen genähert; im J. 1730 sei er 1517 Mill. Meilen von ihr entfernt gewesen. Der Durchmesser seines Kopfes betrage 4461 Meilen etc.

Hr. Arago versichert, der Komet sei am 27. Febr. der Sonne bis auf fünf Tausendtheile von der Entfernung der Erde nahe gewesen, habe sich jedoch mit solcher Schnelligkeit bewegt, daß es ihm dadurch möglich geworden sei, der gewaltigen Anziehungskraft der Sonne zu entgehen und jene gefährliche Stelle seiner Bahn zu durchlaufen, ohne sich in dieselbe zu verlieren und mit ihr zu verschmelzen. Seine Geschwindigkeit habe 104 Stunden in der Secunde betragen und sei also sieben Mal größer gewesen, als die Geschwindigkeit, mit welcher die Erde sich fortbewege. Von der Erde blieb der Komet 32 Mill. Meilen entfernt und dennoch hätte sein Schweif uns berührt, wenn er entweder die doppelte Länge gehabt oder nicht schräg neben der Erde weggegangen wäre, wie es der Fall gewesen ist.

Bei Vergleichung der verschiedenen Ansichten, welche allmälig von den Astronomen in fast allen Ländern Europa’s über die Identitätsfrage ausgesprochen worden sind, scheint sich herauszustellen, daß der Komet von 1843 derselbe war, welcher 1618 und 1730 die Welt in Staunen und Schrecken versetzte. Bedeutende Störungen, denen sein leichtes Wesen ihn bei dem Annähern an schwerere Weltkörper auf seiner ungeheuren Bahn wiederholt ausgesetzt haben mögen, liegen anscheinend den Abweichungen zum Grunde, die einer sofortigen Wiedererkennung im Wege gestanden.

Neben den gründlichen Forschungen der Wissenschaft ist auch noch der blinden Vorurtheile des Aberglaubens zu erwähnen. In Europa können diese nirgends größer sein, als in der Türkei. In Konstantinopel hat denn auch dieses Zeichen am Himmel, welches sich drohend über das Minaret und den Halbmond der Sophienkirche hinzog, nicht wenig erschreckt. Dies und der ungewöhnliche, schneefreie und frostlose Winter, deuten, so glaubt man, auf höchst wichtige Ereignisse: Krieg, Pest und Umsturz von großen Reichen hin. Man erinnert sich dabei einer alten türkischen Prophezeihung, daß zwischen den Jahren 40 und 50 die Osmanen Europa verlassen und nach ihrer frühern Heimath in Kleinasien zurückkehren würden. Bei den Griechen, die noch weit abergläubischer sind, als die Türken, hat dieses Phänomen eben so große Hoffnungen, wie bei jenen Besorgnisse erregt, und selbst auf den Inseln des Südmeers, wo derselbe im hellsten Glanze strahlte, knüpfte sich an sein Erscheinen die Erwartung etwas Ungewöhnlichen und Besondern.