Der Krieg III

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Textdaten
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Autor: v. Sch.-L.
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Titel: Der Krieg III.
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 22, S. 376
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Bericht über den russisch-türkischen Krieg von 1877
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Die Gartenlaube (1877) b 373.jpg

Karte des europäisch-orientalischen Kriegsschauplatzes.

[376] Der Krieg. III. (Mit Landkarte S. 373.) Es wird nun an der Zeit sein, einen Blick auf die Schauplätze zu werfen, auf denen die kommenden Ereignisse zunächst ihren Verlauf nehmen werden. An der Donau, und zwar an ihrem untersten Theile, wo, etwa zwanzig deutsche Meilen von der Pontus-Küste, die weitläufigen Delta-Landschaften mit ihren Sumpfflächen, Binsenwäldern und Dünenhügeln sich ausdehnen, trafen, wie in Nr. I. und II. berichtet ist, bereits am Tage nach der Kriegserklärung die ersten russischen Truppen ein. Galatz und Braila waren die Objecte dieser Vorrückung. Hier bildet die Donau, nach ihrer Schwenkung von Czernawoda ab, ihre nördlichste Ausbuchtung, indem sie kurz zuvor den Sereth und etwas weiter stromab den Pruth aufnimmt. Alles Land ringsum ist mehr oder weniger sumpfige Niederung, zumal zur Zeit der Hochwässer, wo der gewaltige Strom sich über die niedrige Lehmstufe des walachischen Ufers erhebt und das Tiefland stundenweit überschwemmt. In solchem Falle sind die rumänischen Uferstädte, wie Kalarasch, Oltenitza, Giurgewo u. A. m., übel daran, und daß diese Gefahr eine alljährliche sei, beweisen schon die eigenthümlichen Pfahlbauten – Wächterhütten auf hohen Pfeilern –, die sich aus dem Weidengebüsch erheben.

Weit günstiger gelegen ist die bulgarische Uferseite. Nur die Dobrudscha trägt ein kahles, ödes Gepräge – eine Landschaft ohne Bäume, nur meilenweite Grasung und darauf die Kegelhütten tatarischer Colonisten. Silistria selbst liegt auf flachem Gestade, dahinter aber trifft der Blick allenthalben bebuschte oder sonst im üppigsten Grün prangende Hügel, gekrönt von den verschiedenen Außenforts, von denen namentlich die Arab-Tabia einen guten Klang in der Kriegsgeschichte hat. Stromauf wird die Uferstufe immer höher. Im Allgemeinen ist sie kahl; die geradlinige Silhouette wird nur von Windmühlen in ganzen Reihen oder von türkischen Wachthäusern unterbrochen, die Städte und Ortschaften selbst aber tauchen stets aus dem bezauberndsten Gartengrün auf. Dies gilt namentlich von Rustschuk, mit seinen schimmernden Häuserterrassen, welche zwischen schattenden Laubkronen die Lehmböschung hinanklettern bis zur Höhe des „Sary Bair“, dem stark befestigten Castellberge.

Nicht minder pittoresk liegt Swistow mit seinem verfallenen Castellthurme, Nikopoli mit seinem dominirenden Uferkegel, dessen Rückenschanze weithin in’s walachische Tiefland auslugt. Widdin bietet bei weitem weniger Reize, ja die Stadt selbst, die im Uebrigen winkelig und in hohem Grade verwahrlost ist, wird durch den Donauwall und seine Bastionen nahezu ganz maskirt. Während nun das walachische Tiefland bis zum Gebirgswall der Karpathen nur mäßig aber constant ansteigt, baut sich die bulgarische Uferstufe rasch zu einer hohen Löß-Terrasse auf, tief durchfurcht von den niederströmenden Bergwässern des dahinter liegenden Balkan. Nahezu auf halbem Wege zwischen Strom und Kettenzug erstreckt sich eine dichtbevölkerte Vorzone mit den Städten Lowatz, Selwi, Tirnowa, Schumla und Bazardschik. Sie sind gewerbfleißige Orte, meist von Bulgaren bewohnt, und besitzen eine mehr oder minder interessante Geschichte. Tirnowa, die alte bulgarische Czarenstadt, war das einstige Bollwerk des Landes, Schumla ist das moderne. Auf dem Wege von Tirnowa durch den Felsenpaß von Jeniköj über die große bulgarische Meßstadt Eski-Dschumaija, trifft man auf den genannten Waffenplatz, dort, wo sich der große Balkanzug in zwei Aeste spaltet (in den Kudschuk- und Emineh-Balkan), eigentlich etwas östlicher und nördlicher hiervon, in einer weitläufigen Thalmulde.

Schumla ist keine Festung nach den gangbaren militärischen Begriffen, sondern ein Waffenplatz. Ein ganzer Kranz von Erdwerken und casemattirten Redouten umgiebt die offene Stadt, die namentlich von den umliegenden Höhen vortheilhaft vertheidigt zu werden vermag. Von hier führt auch der noch relativ gangbarste Paß über den Gebirgswall des Balkan, während sich die meisten der übrigen Communicationen in wilden Felslabyrinthen oder pfadlosem Waldesdickicht verlieren, bis zum jenseitigen Steilhange, von dessen Kante man nahezu allerorts auf die weiten Thal- und Plateaulandschaften Thraciens hinabblickt. Von Schumla ostwärts, der heutigen Bahnlinie entlang, gelangt man, anfangs durch wilde Thalschlucht, später durch sumpfige Niederung, nach Varna, dem zweitwichtigsten Punkte des sogenannten bulgarischen Festungsviereckes Silistria-Rustschuk-Schumla-Varna.

Was heute in Varna, der Küstenstadt, fortificatorischen Werth hat, ist das Werk Blum Paschas, eines Preußen, der gleich seinen hochgestellten Cameraden Grunewald Pascha, Strecker, Malinowski etc. sich für die Entwickelung des türkischen Artillerie- und Geniewesens sehr verdient gemacht hat. Varna liegt überdies von Constantinopel nur vierzehn Stunden Seefahrtzeit entfernt, und da die Türkei durch ihr Flottenmaterial das Schwarze Meer vollkommen beherrscht, ist dieser Seeweg eine Nachschubslinie von keineswegs zu unterschätzendem Werthe. Freilich würde eine strategische Bahn, etwa zwischen Schumla und Adrianopel, die heute nur bis Jamboli am Südfuße des Balkan zieht, ungleich werthvoller sein, aber die Pforte hat so lange an den ausgeführten Tracirungsplänen gemäkelt, bis es zu spät wurde und es vorderhand bei den unwirthlichen Karawanenwegen bleiben mußte.

v. Sch.-L.