Der Liebste Roland (1819)

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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Der Liebste Roland
Untertitel:
aus: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe.
S. 283-288
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1819
Verlag: G. Reimer
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Erscheinungsort: Berlin
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
seit 1812: KHM 56
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Begriffsklärung Andere Ausgaben unter diesem Titel siehe unter: Der liebste Roland.


[283]
56.

Der Liebste Roland.

Es war einmal eine Frau, die war eine rechte Hexe und hatte zwei Töchter, eine die von ihr stammte und häßlich und bös war, und eine Stieftochter, die schön und gut war. Aber sie hatte ihre Tochter doch viel lieber und haßte die andere, weil es eine Stieftochter war. Es trug sich zu, daß diese eine schöne Schürze hatte, die der andern gefiel, so daß sie neidisch ward, zu ihrer [284] Mutter ging und sprach: „die Schürze muß mein werden.“ „Sey still, mein liebes Kind, sprach die Alte, du sollst sie auch haben; deine Stiefschwester hat längst den Tod verdient, heute Nacht, wann sie schläft, will ich kommen und ihr den Kopf abhauen; leg dich nur hinten ins Bett und schieb sie recht vornen hin.“ Nun wär das gute Mädchen verloren gewesen, wenn es nicht gerade in einer Ecke gestanden und alles mit angehört hätte. Als Schlafenszeit kam, ließ es die böse Schwester erst ins Bett gehen, damit sie sich, wie sie wollte, hinten hin legen konnte; aber als sie eingeschlafen war, da hub es sie auf und legte sie vornen hin, ganz nah an den Rand und es legte sich hinten hin. Da kam die Mutter in der Nacht geschlichen, in der rechten Hand hatte sie eine Axt und mit der linken fühlte sie erst, ob auch jemand vornen lag und dann faßte sie die Axt mit beiden Händen, hieb und hieb ihrem eigenen Kind den Kopf ab.

Als sie fortgegangen war, stand das Mädchen auf und lief zu seinem Liebsten, der hieß Roland, und klopfte an seine Thüre, daß er heraus kam. Da sprach es: „höre, liebster Roland, wir müssen eilig fort, die Stiefmutter hat mich todtschlagen wollen und hat ihr eigenes Kind getroffen, kommt der Tag herbei und sie sieht, was sie gethan hat, so sind wir verloren.“ Roland sprach: „erst müssen wir ihren Zauberstab wegnehmen, damit wir uns retten können, wenn sie uns verfolgt.“ Da holte das Mädchen den Zauberstab und dann nahmen sie den todten Kopf und tröpfelten drei Blutstropfen auf die Erde, einen vors Bett und [285] einen in die Küche und einen auf die Treppe. Darauf gingen sie zusammen fort.

Als nun am Morgen die alte Hexe aufgestanden war, rief sie ihre Tochter und wollte ihr die Schürze geben, aber sie kam nicht. Da rief sie: „wo bist du?“ „Ei, hier auf der Treppe, da kehr’ ich!“ antwortete der eine Blutstropfen. Die Alte ging hinaus, sah aber niemand auf der Treppe und rief wieder: „wo bist du denn?“ „Ei, hier in der Küche beim Feuer, da wärm ich mich!“ rief der zweite Blutstropfen. Die Alte ging in die Küche, aber sie fand niemand; da rief sie noch einmal: „wo bist du?“ „Ach! hier im Bett, da schlaf ich,“ rief der dritte Blutstropfen. Sie ging in die Kammer ans Bett; was mußte sie da sehen? ihr eigenes Kind, das in seinem Blute schwamm und dem sie selbst den Kopf abgehauen hatte.

Da gerieth sie in Wuth und sprang ans Fenster und sah hinaus und weil sie weit in die Welt schauen konnte, sah sie ihre Stieftochter mit ihrem Liebsten Roland forteilen. Ihr seyd schon weit weg, rief sie, aber ihr sollt doch in meine Hände fallen und zog ihre Meilenstiefel an und kaum hatte sie damit ein paar Schritte gemacht, so hatte sie auch die beiden eingeholt. Das Mädchen aber, das wohl wußte, daß die Hexe ihnen nachkam, hatte durch den Zauberstab seinen Liebsten Roland in einen See, sich selbst aber in eine Ente verwandelt, die schwamm mitten auf dem See. Die Hexe stellte sich ans Ufer und gab sich alle Mühe, die Ente herbeizulocken und warf ihr Brotbrocken hin, aber die Ente ließ sich nicht locken und die Alte mußte Abends unverrichteter [286] Sache wieder heim. Darauf nahm das Mädchen mit seinem Liebsten Roland wieder natürliche Gestalt an und sie gingen die ganze Nacht weiter bis zu Tagesanbruch, da verwandelte sich das Mädchen in eine schöne Blume, die mitten in einer Dornhecke stand, seinen Liebsten Roland aber in einen Geigenspieler. Nicht lange so kam die Hexe herangeschritten und sprach zu dem Spielmann: „lieber Spielmann, darf ich mir wohl die schöne Blume abbrechen?“ „O ja, antwortete er, ich will dazu aufspielen.“ Als sie nun mit Hast in die Hecke nach der Blume kroch, denn sie wußte wohl, wer die Blume war, fing er an aufzuspielen und sie mogte wollen oder nicht, sie mußte tanzen, denn das war ein Zaubertanz. Und da er nicht aufhörte zu spielen, mußte sie in einem fort in der Hecke tanzen, daß ihr die Dornen erst die Kleider vom Leibe rissen und sie dann blutig und wund stachen, bis sie endlich todt liegen blieb.

Als sie von der Hexe erlöst waren, sprach Roland: „nun will ich zu meinem Vater gehen und die Hochzeit bestellen.“ Sagte das Mädchen: „so will ich derweil hier bleiben und auf dich warten, und damit mich niemand erkennt, will ich mich in einen rothen Feldstein verwandeln.“ Da ging Roland fort und das Mädchen stand auf dem Feld als ein rother Stein und wartete auf seinen Liebsten. Als aber Roland heim kam, da brachte es eine andere dahin, daß er das Mädchen vergaß, und als es nun lang gestanden und er gar nicht kommen wollte, ward es ganz traurig und verwandelte sich in eine Blume und dachte, es wird ja einer wohl kommen und mich umtreten.

[287] Es trug sich aber zu, daß ein Schäfer in dem Feld hütete und die Blume fand und weil sie gar zu schön war, nahm er sie mit sich heim und legte sie in seinen Kasten und sprach: „so schön habe ich noch keine Blume gefunden.“ Aber von der Zeit ging es wunderlich in des Schäfers Hause zu: wenn er Morgens aufstand, so war schon alle Arbeit gethan, die Stube gekehrt und geputzt, Feuer angemacht, Wasser getragen und Mittags, wenn er kam, war der Tisch gedeckt und gutes Essen aufgetragen. Er konnte nicht begreifen, wie das zuging, denn er sah niemals einen Menschen in seinem Haus; und ob es ihm gleich wohl gefiel, so ward ihm doch zuletzt angst, so daß er zu einer weisen Frau ging und sie um Rath fragte. Da sprach die weise Frau: „es ist Zauberei dabei, gieb einmal Morgens früh acht, ob sich etwas in der Stube bewegt und wann du etwas siehst, so wirf eilig ein weißes Tuch darüber, dann wird der Zauber gehemmt.“ Der Schäfer that wie sie gesagt hatte und am andern Morgen sah er, daß sich der Kasten aufthat und die Blume herauskam, da sprang er schnell herbei und warf ein weißes Tuch darüber. Alsbald war die Verwandelung vorbei und ein schönes Mädchen stand vor ihm, und das wars, was ihm bisher seinen Haushalt besorgt hatte. Und weil es so schön war, fragte er, ob es ihn heirathen wolle, aber es antwortete nein, denn es wollte seinem Liebsten Roland treu bleiben, doch versprach es bei ihm zu bleiben und ihm Haus zu halten.

Nun kam die Zeit heran, daß Roland Hochzeit halten sollte, da ward nach altem Brauch im Lande bekannt gemacht, es sollten [288] alle Mädchen sich einfinden und zu Ehren des Brautpaars singen. Das treue Mädchen, als es hörte, daß sein Liebster Roland mit einer anderen Hochzeit machen sollte, ward so betrübt, daß ihr das Herz im Leibe zerspringen wollte und wollte nicht hingehen, aber endlich mußte es doch. Wenn die Reihe kam, daß es singen sollte, so ging es zurück, bis zu allerletzt, da konnte es nicht anders. Aber wie es anfing zu singen, daß es Roland hörte, sprang er auf und rief: „das ist die rechte Braut und keine andere will ich nicht!“ denn er hatte sie gleich an der Stimme erkannt und alles war wieder in sein Herz heimgekommen, was er vergessen hatte. Da hielt das treue Mädchen Hochzeit mit seinem Liebsten Roland und war sein Leid zu Ende und seine Freude fing an.