Der Michaelsberg

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Textdaten
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Autor: Karl Geib
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Titel: Der Michaelsberg
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aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 599–601
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Quelle: Commons, Google
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Der Michaelsberg.

Eine Stunde von Haßmersheim stromaufwärts, auf dem Gipfel des nahen, mit Reben bekränzten Berges, erscheint uns die einst von vielen Wallfahrern besuchte, dem heil. Michael geweihte Kapelle, von der auch die Höhe den Namen Michaelsberg führt. Der Fußwanderer kann vom Hornberg aus auf einem angenehmen, durch den Forst ziehenden Pfad hiehergelangen. Die Kapelle ist uralt und man hat von diesem Orte folgende Sagen der Vorzeit bewahrt:

Als die ganze Gegend noch eine schauerliche Wildniß war, hatte sich in diesen Gebirgen ein kühner und kräftiger Jüngling mit einer lieblichen Jungfrau verlobt. Beide liebten einander aufs Zärtlichste; aber sie war eine Christin, er dem Heidenthume noch zugethan. Auch hing er fest an seinen Götzen, und nachdem die Jungfrau sich vergeblich bemüht, ihn der reinen Lehre zuzuführen, trieb sie der tiefe Gram über seine Verblendung weit weg von der Wohnung ihrer Eltern in die tiefsten Wälder, wo sie in einer Felsenkluft ihre Tage unter Gebeten für das Seelenheil ihres für sie verlorenen Bräutigams hinbrachte. Selbst die wilden Thiere hatten Mitleid mit der Trauernden und trugen ihr Nahrung zu. Aber nach einigen Jahren ward sie von den Banden des irdischen Lebens befreit und der [600] Engel des Todes geleitete freundlich ihren Geist zu dem Reiche der Seligen. Oft durchschweifte, nachdem sie verschwunden war, der Jüngling düster und kummervoll die weite Gegend umher und suchte die Dahingeschiedene vergebens.

Da hielt er eines Tages Jagd mit seinen Hunden im buschigen Thale. Ein Wild sprang vor ihm auf, blieb aber sogleich stehen und sah ihn unverwandt und mit so traulichen Blicken an, daß er, gerührt, den schon gezückten Jagdspeer wieder zurückhielt. Das Thier schien ihm zu winken: er folgte nach, und es fühlte ihn zu einer Rasengruft, die er alsbald für die seiner Geliebten erkannte. Die Arme hatte sich selbst die dabei in einen Felsen geschnittene Grabschrift gesetzt und einige Bewohner des einsamen Thales hatten ihre Leiche darunter bestattet. Er warf sich auf den Hügel und näßte ihn mit heißen Thränen, während das Bild der Entschlummerten wie ein Engel des Himmels vor seine Seele trat.

Da kam plötzlich der reine Geist des Christenthums über ihn, und schnell war sein Entschluß gefaßt. Er pilgerte nach Worms und ließ sich von dem Bischof taufen. Darnach wieder in seine Heimath zurückgekehrt, baute er sich eine Hütte auf diesem Berge, wo er als Einsiedler heiligen Betrachtungen und Bußübungen lebte. Er ertheilte den Umwohnern fromme Lehren, erquickte den müden Wanderer mit Speise und Trank und geleitete den Verirrten wieder auf den rechten Weg durch die Wildniß. Weithin erscholl der Ruf seines gottseligen Wandels und zahlreiche Pilger kamen von allen Orten her zu seiner einsamen Hütte und holten sich bei ihm Trost und Stärke in den Drangsalen des Lebens. Als endlich der fromme Klausner ein hohes Alter erreicht und die Kräfte seinen Körper meist verlassen hatten, vernahm er einmal Nachts, wo Sturm und Regen tobte, ein Pochen an seiner Thüre. Er öffnete sogleich und in die kleine Zelle trat ein Wanderer von hoher schöner Gestalt; er trug ein schneweißes Pilgergewand mit lichtblauen Schleifen und aus seinen Augen leuchtete himmlischer Friede. Der Greis machte nun Feuer an, damit der Fremdling sich erwärme, setzte ihm Speise vor und verrichtete dann knieend und mit zitternder Stimme sein Nachtgebet. Aber staunend sah er jetzt beim Aufblicken, wie sein Gast, noch herrlicher als zuvor, das [601] Haupt von einer Strahlenkrone umkränzt, vor ihm stand. Mit erhabener Milde sprach der Engel, – denn ein solcher war der Fremdling – „Gott hat dein Flehen erhört; geh’ ein zur Ruhe, zum ewigen Frieden!“ – Mit diesen Worten gab er ihm einen Kuß auf die Stirne; der Greis sank zurück und seine Seele schwang sich empor in die bessere Welt. Am Morgen fanden die Waller den Verblichenen, als läg’ er nur im ruhigen Schlummer, an seinem kleinen Altare von Rinden und Moos. Sie begruben ihn unter Gebet und Thränen und erbauten auf dieser Stelle ein Kirchlein, das sie dem Erzengel Michael weihten.

(Aus Karl Geib’s „Malerisch-histor. Schilderung der Neckargegenden.“ Frankfurt a. M. 1843. Seite 74 u. 75.)