Der Mond (1857)

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Textdaten
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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Der Mond
Untertitel:
aus: Kinder- und Haus-Märchen Band 2, Große Ausgabe.
S. 351-353
Herausgeber:
Auflage: 7. Auflage
(Ausgabe letzter Hand)
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Dieterich
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Erscheinungsort: Göttingen
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung: nur 1857: KHM 175
Siehe auch die Anmerkungen von Johannes Bolte und Jiří Polívka zu KHM 175 Commons (1918)
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[351]
175.

Der Mond.

Vorzeiten gab es ein Land, wo die Nacht immer dunkel und der Himmel wie ein schwarzes Tuch darüber gebreitet war, denn es gieng dort niemals der Mond auf, und kein Stern blinkte in der Finsternis. Bei Erschaffung der Welt hatte das nächtliche Licht ausgereicht. Aus diesem Land giengen einmal vier Bursche auf die Wanderschaft und gelangten in ein anderes Reich, wo Abends, wenn die Sonne hinter den Bergen verschwunden war, auf einem Eichbaum eine leuchtende Kugel stand, die weit und breit ein sanftes Licht ausgoß. Man konnte dabei alles wohl sehen und unterscheiden, wenn es auch nicht so glänzend wie die Sonne war. Die Wanderer standen still und fragten einen Bauer, der mit seinem Wagen vorbei fuhr, was das für ein Licht sei. „Das ist der Mond,“ antwortete dieser, „unser Schultheiß hat ihn für drei Thaler gekauft und an den Eichbaum befestigt. Er muß täglich Öl aufgießen und ihn rein erhalten, damit er immer hell brennt. Dafür erhält er von uns wöchentlich einen Thaler.“

Als der Bauer weggefahren war, sagte der eine von ihnen „diese Lampe könnten wir brauchen, wir haben daheim einen Eichbaum, der eben so groß ist, daran können wir sie hängen. Was für eine Freude, wenn wir Nachts nicht in der Finsternis herum tappen!“ „Wißt ihr was?“ sprach der zweite, „wir wollen Wagen und Pferde holen und den Mond wegführen. Sie können sich hier einen andern kaufen.“ „Ich kann gut klettern,“ sprach der dritte, „ich will ihn schon herunter holen.“ Der vierte brachte einen Wagen mit Pferden herbei, und der dritte stieg den Baum hinauf, [352] bohrte ein Loch in den Mond, zog ein Seil hindurch und ließ ihn herab. Als die glänzende Kugel auf dem Wagen lag, deckten sie ein Tuch darüber, damit niemand den Raub bemerken sollte. Sie brachten ihn glücklich in ihr Land und stellten ihn auf eine hohe Eiche. Alte und junge freuten sich, als die neue Lampe ihr Licht über alle Felder leuchten ließ und Stuben und Kammern damit erfüllte. Die Zwerge kamen aus den Felsenhöhlen hervor, und die kleinen Wichtelmänner tanzten in ihren rothen Röckchen auf den Wiesen den Ringeltanz.

Die vier versorgten den Mond mit Öl, putzten den Dacht und erhielten wöchentlich ihren Thaler. Aber sie wurden alte Greise, und als der eine erkrankte und seinen Tod voraus sah, verordnete er daß der vierte Theil des Mondes als sein Eigenthum ihm mit in das Grab sollte gegeben werden. Als er gestorben war, stieg der Schultheiß auf den Baum und schnitt mit der Heckenscheere ein Viertel ab, das in den Sarg gelegt ward. Das Licht des Mondes nahm ab, aber noch nicht merklich. Als der zweite starb, ward ihm das zweite Viertel mitgegeben und das Licht minderte sich. Noch schwächer ward es nach dem Tod des dritten, der gleichfalls seinen Theil mitnahm, und als der vierte ins Grab kam, trat die alte Finsternis wieder ein. Wenn die Leute Abends ohne Laterne ausgiengen, stießen sie mit den Köpfen zusammen.

Als aber die Theile des Monds in der Unterwelt sich wieder vereinigten, so wurden dort, wo immer Dunkelheit geherrscht hatte, die Todten unruhig und erwachten aus ihrem Schlaf. Sie erstaunten als sie wieder sehen konnten: das Mondlicht war ihnen genug, denn ihre Augen waren so schwach geworden, daß sie den Glanz der Sonne nicht ertragen hätten. Sie erhoben sich, wurden lustig und nahmen ihre alte Lebensweise wieder an. Ein Theil gieng zum Spiel und Tanz, andere liefen in die Wirthshäuser, wo sie Wein forderten, sich betranken, tobten und zankten, [353] und endlich ihre Knüttel aufhoben und sich prügelten. Der Lärm ward immer ärger und drang endlich bis in den Himmel hinauf.

Der heil. Petrus, der das Himmelsthor bewacht, glaubte die Unterwelt wäre in Aufruhr gerathen und rief die himmlischen Heerschaaren zusammen, die den bösen Feind, wenn er mit seinen Gesellen den Aufenthalt der Seligen stürmen wollte, zurück jagen sollten. Da sie aber nicht kamen, so setzte er sich auf sein Pferd und ritt durch das Himmelsthor hinab in die Unterwelt. Da brachte er die Todten zur Ruhe, hieß sie sich wieder in die Gräber legen und nahm den Mond mit fort, den er oben am Himmel aufhieng.