Der Panther des Südens

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Autor: G. v. Gößnitz
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Titel: Der Panther des Südens
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46 und 47, S. 727–730 und 743–745
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Juan Alvarez, Gouverneur von Guerrero
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[727]
Der Panther des Südens.[1]
Von G. v. Gößnitz.

Unter den Vielen, die triftigen Grund haben, sich über die Wendung zu freuen, welche die Ereignisse in Mexico genommen haben, ist Einer, der seines Namens, seines Ranges und seines Alters wegen entschieden den obersten Platz einnimmt. Der Jubel, mit welchem er die Nachricht von dem Tode des Kaisers von Mexico aufnehmen wird (oder vielleicht schon aufgenommen hat), wird groß und ungeheuchelt sein, schade nur, daß er nicht von langer Dauer sein kann, denn das fragliche Individuum zählt bereits über neunzig Sommer. Unter den Indianern, die seine nächste Umgebung bilden und die ihn wie einen Halbgott verehren, geht die Sage, er sei über hundert Jahre alt, und wer ihn gesehen hat, wird auch das nicht für übertrieben halten. Die Wahrheit in diesem, wie in so vielen andern Fällen, wird schwerlich jemals an den Tag kommen, da er, der allein Auskunft darüber zu geben vermöchte, dies zu thun entweder unfähig oder nicht Willens ist.

Aber wenn auch der Tag seiner Geburt der Welt unbekannt ist, sein Name ist es nicht. Viele sprechen ihn heute noch nicht anders als mit Verwünschung aus, und Tausende haben ihn mit ihrem letzten Athemzuge verflucht. Er selbst, als ächter türkischer Pascha, ist vollständig gleichgültig hierüber und es würde ihm eben so gleichgültig sein, wenn er wüßte, jene Tausende hätten ihn in ihr letztes Gebet eingeschlossen. Aber bei all’ dieser Gleichgültigkeit empfindet das leichenartige, mumienhafte Geschöpf, dessen Leben erloschen schiene, wenn es nicht so unheimlich aus ein paar großen starren pechschwarzen Augen glimmte, eine seltsame Freude über den Spitznamen, unter dem ihn ganz Mexico kennt. Er hat sich [728] denselben schon vor einem halben Jahrhundert verdient (und ehrlich dazu, Gott weiß!). Der Name steht an der Spitze unserer Skizze: „Der Panther des Südens![2]

Ob das neue Kaiserreich triumphiren würde oder nicht, war für ihn eine Lebensfrage. Der Staat, über den er seit beinahe vierzig Jahren mit unumschränkter Gewalt regiert, grenzt unmittelbar an das Valle de Mexico und der Kaiser Maximilian war sein nächster Nachbar. Seit einem Menschenalter gewöhnt, der Centralgewalt in der Hauptstadt zu trotzen, gleichviel in wessen Händen sie auch ruhte, sah er diesmal dennoch seine Unabhängigkeit mehr gefährdet denn je zuvor. Er verlachte zwar die kaiserliche Autorität, aber das Lachen war etwas erzwungener Art. Es blieb mehr als einmal zweifelhaft, wer von den Beiden zuletzt lachen werde, und der Panther des Südens hat manche schlaflose Nacht gehabt, bevor die letzte Krisis hereinbrach. Er kann dafür jetzt um so ruhiger schlafen. Die Gefahr, von dort her zur Rechenschaft gezogen zu werden, ist vorüber. Wenn er überhaupt jemals irgendwo zur Rechenschaft gezogen werden sollte, so wird es nicht mehr in dieser Welt sein, und was die „andere“ betrifft, so ist der Panther des Südens der letzte Mensch unter der Sonne, der sich im allermindesten darum kümmert.

„Constitutioneller“ Gouverneur eines „freien“ und „unabhängigen“ Staates von mehr als zweimalhunderttausend Einwohnern fast seit der Dauer eines gewöhnlichen Menschenlebens genannt zu werden, ist jedenfalls in sich schon Grund genug, um ein gewisses Interesse seitens seiner Mitmenschen zu beanspruchen.

Dieses Interesse muß noch erhöht werden, wenn wir den Umstand berücksichtigen, daß die also gestellte Persönlichkeit im Stande war, jene Autorität zu behaupten, selbst unter den entgegengesetztesten Einflüssen von den allerverschiedensten Richtungen und unter fortwährender und nicht selten offener und bewaffneter Opposition gegen die Centralregierung der Republik von Mexico. Und dennoch hat er alles dies gethan, und zwar mit dem vollständigsten Erfolge, und hat noch viel mehr gethan, und so groß ist meine Vorliebe für den seltsamen Helden dieser Skizze, daß es mir fast leid thut, einige erläuternde Umstände erwähnen zu müssen, selbst auf die Gefahr hin, den Glanz des Phänomens dadurch in etwas zu verdunkeln.

Der Staat, von dem ich spreche, obgleich er, wie gesagt, an das Valle de Mexico grenzt, ist demungeachtet davon noch schroffer abgetrennt, als es die Sandwichs-Inseln sind von der californischen Küste. Eine ungeheure Gebirgskette, Verzweigungen und Ausläufer des mächtigen Cordilleren-Gebirges, legt sich wie eine Riesenmauer davor und bietet in den mannigfaltigsten Formen, bald als steile, unersteigliche Felsenwände, bald als tief eingeschnittene, unzugängliche Defileen, bald als schroffe Abgründe von entsetzlicher Tiefe, eine Reihe von Hindernissen dar, deren Ueberwindung selbst einem Hannibal zu schaffen machen würde. Es ist der Stil der Großartigkeit und Erhabenheit, den die Natur dort anlegte, und der Charakter von Wildheit und Größe, welcher über der ganzen Scene liegt, ist oftmals erschütternd. Eine Hand voll Menschen, wie hasenherzig sie auch sein mögen, hat immer Gelegenheit, hier den Lorbeer zu verdienen gegen irgend welche eindringende Macht, und wenn diese aus lauter Helden bestände, und wenn Skelete reden könnten (was glücklicherweise nicht der Fall ist), manche Geschichte könnten jene erzählen, die den ewigen Schlaf schlafen am Fuß jener Abgründe, deren Anblick das Blut starren macht.

Der alte „Panther des Südens“ hatte indeß noch einen anderen Bundesgenossen, der mächtiger ist, weil noch mehr gefürchtet, als die Abgründe und Schluchten der Andeskette. Wer jemals das Unglück hatte, von der Stadt Mexico querfeldein nach einem gewissen Hafen des stillen Oceans reisen zu müssen, wird sich gewiß jenes unheimlichen Flusses entsinnen, den er nothwendiger Weise passirt haben muß: ich meine den Papagayo. Derselbe wälzt seine schmutzigen und stinkenden Wässer, wie einer jener mythologischen Ströme der Unterwelt, bald langsam und verdrossen durch wüste, trostlose Ebenen, bald pfeilschnell und mit betäubendem Gebrüll durch tief eingeschnittene Thäler zwischen steilen Felsengruppen, deren dunkle Schatten die öde Wildniß umher noch finsterer und trauriger machen. Die ganze Gegend sieht aus, als ob Columbus sie damals zu entdecken vergessen hätte, und der alte Charon selbst würde nicht schlechter dabei wegkommen, wenn er sie mit dem Styx vertauschte. Den Fluß zu passiren ist gefährlich genug, namentlich bei hohem Wasserstande. Ein paar Bretter auf einige Dutzend Kürbißflaschen gelegt, bilden das einzige Uebersetzungsmittel. Aber so gewagt diese Passage auch sein mag, so ist dies doch nur ein Kinderspiel gegen die eigentliche und wahre Gefahr, die dem Reisenden droht bei seinem verwegenen Beginnen. Wenn es jemals irgendwo eine Gegend gab, auf welcher der Fluch des Herrn zu liegen scheint, so ist es jenes gemiedene Thal, zwischen welchem hindurch der Papagayo seine trüben Fluthen wälzt.

Eine abscheuliche, ekelhafte Krankheit wird in diesem tief eingesenkten Thale geboren. In dem dicken grauen Nebel, der wie ein boshafter Elf über dem Wasser schwebt, lauert ihr Keim verborgen und kriecht von dort aus langsam, aber sicher in die südlich ausmündenden Thäler. Der ganze Staat steht zu ihrer Verfügung, da noch zu keiner Zeit und in keiner Weise irgend welche sanitarische Maßregeln getroffen wurden, um ihren Fortschritt zu hemmen. Da die Krankheit eine ganz außerordentliche Ansteckungsfähigkeit besitzt, so kann es nicht Wunder nehmen, wenn zwei Dritttheile der Bewohner des Staates ihre Opfer sind. Man nennt die letzteren „Pintos“ (Gemalte), und unter ihnen, im ersten Gliede natürlich, steht Se. Excellenz der „constitutionelle“ Gouverneur selbst. Die Krankheit ist in wissenschaftlicher Beziehung eine höchst interessante Erscheinung und schon öfters Gegenstand ärztlicher Studien gewesen. Sie nimmt den ersten Rang unter den sogenannten „Hautkrankheiten“ ein und kann gewiß mit allen an Ekelhaftigkeit wetteifern. Sie fängt mit Zerstörung der Haare am ganzen Körper (den Kopf ausgenommen) an und beginnt dann allmählich die Haut zu färben. Die Färbung ist reich und mannigfaltig wie die Natur selbst. Alle denkbaren Nüancen aller nur möglichen Farbenmischungen stellen hierzu ihr Contingent. Es giebt Pintos, die ursprünglich Neger waren und von deren schwarzer Hautfarbe auch keine Spur mehr zu sehen ist, die aber zum Ersatz für diesen Verlust in allen Regenbogenfarben schillern. Der Ekel und Abscheu, den mir der Anblick dieser Krankheit einflößte, welche dort, Dank dem Beispiel, welches das Staatsoberhaupt selbst giebt, mit der vollständigsten Gleichgültigkeit betrachtet wird, ist unbeschreiblich. Ich vermochte nicht einzuschlagen in die Hand, die mir ein Landsmann mit einem deutschen Gruße bot (dem ersten, den ich seit Jahren hörte); der Mann lebte seit beinahe zwanzig Jahren in jenem Thale und sah aus wie ein Zebra, so gestreift und gefleckt war er über und über. Er lachte nur und meinte: „O, das ist weiter nichts, wenn man es einmal gewöhnt ist!“

Es war im Februar, ein paar Jahre zurück, als ich den „Panther“ zum ersten und zum – letzten Male sah. Ich hatte den Papagayo glücklich überschritten und war im Begriff meinen Weg weiter fortzusetzen, als ich mich unerwartet von einer bewaffneten „liberalen“ Abtheilung von einigen hundert Pintos umringt sah. Der weitsichtige Scharfblick des Commandanten jener gescheckten Schaar hatte etwas Staatsgefährliches in mir gewittert und ließ es sich nicht ausreden, daß ich ein Franzose sein müsse, trotz meines germanischen Gesichtes und amerikanischen Reisepasses. Er überlegte geraume Zeit, was er mit mir thun solle; einfach todtschießen auf ächt „liberale“ Weise oder zum Gouverneur schicken, mochte ohngefähr der Inhalt seines Selbstgespräches sein. Zum Glück [729] für meine Leser wählte er das letztere, und mit einer Cavalerieescorte, auf deren Anzahl ich alle Ursache haben konnte stolz zu sein, galoppirte ich und mein Diener nach der Residenz des Selbstherrschers aller Pintos.

La Providencia (die Vorsehung) ist der ominöse Name der zeitweiligen Residenz des Mannes, der sich während der ungewöhnlich langen Dauer eines seltsam bewegten Lebens niemals sehr um ihre ewigen Gesetze gekümmert hat und schon lange vor dem Schlusse des mexicanischen Unabhängigkeitskrieges in fast all’ die unzähligen Intriguen mexicanischer Politik verflochten gewesen ist. Empörend, in der That, selbst für solche, deren Herz hart wurde beim täglichen Anblick unerhörter Grausamkeiten – wie solche nur in Mexico vorkommen können – sind die zahllosen theils wahren, theils erfundenen Geschichten, die auf seinen Namen laufen. Heute noch flüstern sich Eingeweihte mit leiser Stimme ihre Vermuthungen zu über das plötzliche Verschwinden oder den unerwarteten Todesfall dieses oder jenes Individuums, des einfältigen Geschwätzes des gemeinen, unwissenden Haufens, der dieses unerschöpfliche Thema bis in das Fabelhafte hinausspinnt, gar nicht zu gedenken.

La Providencia sieht nach nichts weniger als einem Palaste aus, sondern gleicht vielmehr einem Rancho. Es war schon spät am Abend, als wir hungrig und müde dort anlangten. Mein armer Diener – Antonio hieß er – sonst so heiter und aufgelegt, ließ traurig den Kopf hängen. Er bildete sich steif und fest ein, daß die morgende Sonne die letzte sein würde, die mir zu sehen bestimmt sei, und daß der thatsächliche Umstand, in meinem Dienste betroffen worden zu sein, auch seine Aussicht, den kommenden Tag zu überleben, zu einer sehr problematischen mache.

Der Gouverneur hatte sich längst schon zur Ruhe begeben; er thut dies, seit langen Jahren schon, stets mit der untergehenden Sonne. Einer seiner Adjutanten, aus dessen runzligem und „gemaltem“ Gesicht vierzig Jahre verwegenen Räuberlebens mir entgegenblickten, nahm den Rapport des Commandanten meiner Escorte entgegen nebst einer schriftlichen Weisung des Befehlshabers der Papagayo-Station.

Der „Panther“, auch hierin jener ungeselligen Bestie nicht unähnlich, deren Namen er mit solchem Stolze trägt, ist nicht eben berühmt wegen seiner Gastfreundschaft. Selbst wenn ich sein eingeladener Gast gewesen wäre, statt sein Gefangener zu sein, so hätte ich dennoch für meine und meines Dieners Leibes Nothdurft und Nahrung selbst zu sorgen gehabt. Zum Besten derjenigen, die sich des unbeneideten Vorzuges erfreuen, in La Providencia weilen zu dürfen – gleichviel ob „eingeladen“ oder nicht – ist eine Herberge gegenüber dem Residenzgebäude des Staatsoberhauptes errichtet, woselbst den also Bevorzugten gegen „liberale“ Preise die nothwendigen Lebensmittel und Getränke verabreicht werden. Da der Wirth jenes Gasthofes ein naher Verwandter der obersten Gottheit ist, so hat letztere es ganz in ihrer Gewalt, das Geschäft des „Gevatters“ im Schwunge zu halten, denn es dürfte ein etwas gewagtes Unternehmen sein, einer „Einladung“ nach dem Hauptquartiere nicht bereitwillige Folge leisten zu wollen.

Ich lag noch zu Bett, als man mir bedeutete, daß es Zeit sei, Sr. Excellenz meine Aufwartung zu machen, und eine halbe Stunde später stand ich in Person vor ihm. Obgleich ich damals nicht die Hälfte von dem wußte, was ich jetzt von ihm weiß, so war doch selbst dieses Wenige mehr als hinreichend, um meinen Puls rascher klopfen zu machen, als ich mich Angesicht zu Angesicht mit dem „Panther des Südens“ erblickte.

Wie übertrieben und fabelhaft auch viele Gerüchte sind, welche über den alten Panther umlaufen, so viel steht fest, daß, nach Abzug aller ausschmückenden Romantik, noch eine ziemlich nette Summe an Thatsachen übrig bliebe, um ein tête à tête mit dem Gouverneur als ein verhängnißvolles Begegniß erscheinen zu lassen. Derselbe hat ja noch nie vor einem Mittel zurückgebebt, das seiner Macht und seinem Geldbeutel Erfolge versprach. So sind unter Andern die erheblichen Zolleinnahmen zweier Seehäfen niemals an das Finanzdepartement nach Mexico abgeführt worden, sondern Jahr aus Jahr ein mit je einem Reinertrag von einmalhundertundfünfzigtausend Thalern seit fast einem halben Säculum in des Panthers Taschen geflossen. Ueberhaupt hat es diesem wie jedwedem Gouverneur eines mexicanischen Staates nimmermehr an Wegen gefehlt, die „Regierten“ nach Herzenslust zu plündern. Der Anblick einer Schwadron betrunkener „Pintos“, die mit wüsten Geschrei und geschwungener Waffe vor einem industriellen Etablissement oder im Hof einer Plantage aufreiten; die entschlossene und bündige Weise, mit welcher ihr Commandant seine Forderung im Namen des allmächtigen Gouverneurs präsentirt, ihre augenblickliche Tilgung mit gespannter Pistole – à la Gil Blas – einschärfend: das ist sicher Veranlassung genug für irgend welchen Christen, sich von seinem sauer verdienten Gelde zu trennen, was auch seine Ansichten über die „Constitutionalität“ des ganzen Verfahrens sein mögen. Dergleichen Gelderpressungen von Seiten der Behörden gehören in ganz Mexico zu den alltäglichen Vorkommnissen, indeß dem Pantherstaate gebührt meines Erachtens in dieser Beziehung unbedingt die Krone.

Daß der Gouverneur auf solche Weise bereits lange sein Schäfchen gehörig auf’s Trockene gebracht hat, ist selbstverständlich, zumal die Ausgaben für Schulen, Hospitäler und andere öffentliche Institute unbekannte Größen sind und den Beamten meist überlassen wird, sich selbst, wie sie eben können, bezahlt zu machen.

Vor mir in einer Hängematte ausgestreckt, mit geschlossenen Augen und am ganzen Körper mit Binden und Bandagen umwickelt, schaukelten die armseligen Ueberbleibsel eines ehedem starken und gewaltigen Mannes, vor einem halben Jahrhundert noch das immer willige Werkzeug Hidalgo’s, Morelos’ und Anderer glorreichen Andenkens. Wenn jene Ungeheuer in Menschengestalt, die Pioniere der famösen „mexicanischen Unabhängigkeit“, keinen andern Henker finden konnten zur Vollstreckung ihrer teuflischen Bluturtheile, so brauchten sie nur nach ihm – dem Meuchelmörder, welcher einst seinen Herrn, einen spanischen Obersten, auf der Landstraße durch den Rücken geschossen hatte – zu schicken, um des pünktlichsten Gehorsams sicher zu sein. Sein Eifer war von jener Art, die nicht zu übertreffen ist; hinter ihm blieben seine würdigen Sub-Agenten weit zurück, deren Messer, wie rasch sie auch waren, ihm noch immer viel zu langsam arbeiteten, daher er nicht selten den executiven Theil ihres Blutgeschäftes in seine eigenen unheiligen „gemalten“ Hände nahm.

Ich habe selbst vor einem Abgrunde von ein paar Tausend Fuß Tiefe gestanden – die Quebrada genannt – der in den verflossenen Zeiten der Revolution in unserm Staate berüchtigt war als Schauplatz jener entsetzlichen heimlichen Abschlächtereien spanischer Kriegsgefangener. Jene grausamen Hinrichtungen waren im Allgemeinen in hohem Grade unpopulär bei der überwiegenden Mehrzahl des mexicanischen Volks und gingen nur von den Leitern der revolutionären Bewegung aus, den Septembriseurs von Mexico, denen sie zu ihren Zwecken unentbehrlich erschienen. Sie mußten aus dieser Ursache des Nachts und in abgelegenen Gegenden vor sich genommen werden. Der „Panther des Südens“, dem Eifer und guten Willen einiger seiner Unter-Agenten mißtrauend, die mit der summarischen Execution einiger Hundert spanischer Kriegsgefangener beauftragt waren, war einstmal selbst an Ort und Stelle erschienen. Die wehrlosen Opfer waren – an Händen und Füßen gefesselt – in Reih und Glied, Front nach dem Abgrund, aufmarschirt. Ueber seine säumigen Helfershelfer erzürnt, schleuderte er dieselben unwillig bei Seite und seinen eigenen mit Juwelen besetzten Dolch ziehend, ließ er dessen funkelnde Klinge rasch und in geschäftsmäßiger Weise über die Halsadern jener Unglücklichen gleiten, deren blutende und noch zuckende Körper er selbst mit den Füßen in den Abgrund stieß. Jener Platz ist gemieden bis auf den heutigen Tag von den wenigen armen und unwissenden Menschen, welche etwa in der Nähe dort wohnen. Sie meinen, es spuke dort des Nachts.

Die Augenlider des Gouverneurs blieben geschlossen, als ich eintrat, und er würdigte mich noch immer keines Blickes, nachdem ich bereits eine geraume Weile schweigend vor ihm gestanden. Zwei Indianer, die neben ihm auf dem Boden kauerten, beobachteten jede meiner Bewegungen.

„Was hat Sie veranlaßt, gerade diese Route zu wählen?“ sagte er endlich, langsam und mit einer Stimme, die sich mühsam und heiser aus seiner Kehle rang; „man wird Ihnen vermuthlich in der Hauptstadt gesagt haben, daß ich keine Fremden im Lande leiden mag.“

Seine Augen – offen jetzt – ruhten starr und unbeweglich auf den meinen. Was für Augen das waren! Ihre starre Unbeweglichkeit, die kalte, schlangenartige, leichenhafte Ausdruckslosigkeit ihres gleichgültigen und dennoch so finstern und grausamen Blickes war grauenerregend. Ich sagte ihm, daß ökonomische [730] Rücksichten mich veranlaßt hätten, den kürzesten Weg nach meinem Bestimmungsorte, durch seine Domainen, dem kostspieligen Umwege durch die vom Feinde besetzten Provinzen vorzuziehen. (Ich mußte nothgedrungen seine politischen Ansichten für dieses Mal adoptiren.)

„Es ist gut,“ sagte er, „aber in Zeiten, wie die gegenwärtigen, kann man nicht vorsichtig genug sein; führen Sie Briefe bei sich?“

Ich ärgerte mich beinahe, daß der alte Mann mich für so einfältig hielt, um eine solche Frage an mich zu richten, aber ich hütete mich wohl ihm dies in’s Gesicht zu sagen. Ich führte in der That ein paar Zeilen bei mir, allein abgesehen davon, daß sie mit chemischer Tinte und in Chiffern geschrieben waren, so war ich ihrer doch auf jeden Fall soweit sicher genug, um selbst der Nase des alten Panthers des Südens Trotz bieten zu können. Ihr Inhalt, dessen war ich gewiß, würde gerade ihn nicht wenig interessirt haben; aber aus Gründen, die auf der Hand liegen, durfte ich seiner Neugier für dieses Mal keinen Vorschub leisten.

„Wenn ich dergleichen bei mir führte,“ war meine Antwort, „so würden selbige bereits um diese Zeit längst in den Händen Ew. Excellenz sein, da sowohl ich als mein Diener an der Papagayo-Station auf das Genaueste durchsucht wurden.“

Er erwiderte nichts, aus jenen geisterhaften Augen, die nur einen Augenblick zuvor noch so starr und unbeweglich schienen wie die einer Leiche, schoß indeß – gleich einem vergifteten Pfeile – ein Blick voll übler Vorbedeutung nach dem Sprecher.

Ich war entschlossen, jenen Blick auszuhalten, und that es. Aber ich vermochte nicht gänzlich mich eines seltsamen und unheimlichen Gefühles zu erwehren, das mir das Blut nach dem Herzen trieb und meine Hände so kalt werden ließ wie Eis. Es ist jedenfalls ein gefährlicher Zeitvertreib mit einer Brillenschlange zu spielen.

„Sie sprechen das Spanische auffällig correct,“ fuhr er langsam fort, „für einen Angehörigen der Nation, der Sie zuzugehören vorgeben. Wo lernten Sie das?“

Es gab auf der weiten Welt keinen erdenklichen Grund, weshalb ich Sr. Excellenz die gewünschte Auskunft hierüber hätte vorenthalten sollen, und deshalb ertheilte ich ihm dieselbe bereitwilligst.

„Wie lange waren Sie in der Hauptstadt? – nur kurze Zeit, eh?“

„Haben Sie diesen … diesen … Maximiliano … selbst gesehen?“ Es schien, als ob ihm der Name fast in der Kehle stecken bliebe.

Es war mir unmöglich, zu entscheiden, ob meine Antworten auf jene Fragen mich in seiner guten Meinung erhöhten oder nicht. Sein von unzähligen Runzeln gefurchtes, über und über beflecktes, leichenartiges Gesicht blieb völlig unbeweglich wie das einer Mumie, und er beehrte mich auch nicht zum zweiten Male mit einem jener vergifteten Blicke aus seinen starren, stechenden Augen.

„Sie werden so lange hier bleiben,“ sagte er endlich nach einer geraumen Pause, „bis ich entschieden habe, auf welchem Wege Sie Ihre Reise am sichersten fortsetzen mögen; mittlerweile wird man dafür Sorge tragen, daß es Ihnen hierorts an nichts gebreche.“ Eine jener raschen, beredsamen Bewegungen der Hand, wie sie Mexicaner so gut zu machen verstehen, war das Zeichen, daß meine Audienz zu Ende sei.

„Feigling und Meuchelmörder, verflucht seist Du auf ewig!“ waren die Worte – dieselben, mit denen ihm einst der erwähnte spanische Oberst sterbend geflucht – die in meinen Ohren klangen, als ich mich tief vor Seiner Excellenz dem ‚constitutionellen‘ Gouverneur eines ‚freien‘ und ‚unabhängigen‘ Staates verbeugte und schweigend das Zimmer verließ.

Ein ängstlich forschender Blick von unheimlicher Wildheit und unergründlicher Tiefe aus einem Paar wunderschöner, tiefschwarzer Augen von einem geheimnißvollen und völlig unverständlichen Ausdruck begegnete mir, als die Thür hinter mir geschlossen ward. Ich stand einen Augenblick wie versteinert. Ein weibliches Wesen von außerordentlicher Schönheit war dicht vor mir. Die marmorartige Blässe ihres feingeformten Antlitzes gab ihr fast das Ansehen einer Antike. Selbst einige leichte Spuren jener furchtbaren Krankheit vermochten die imponirende Schönheit ihrer classischen Formen nur wenig zu beeinträchtigen. Der Zeigefinger ihrer eleganten weißen Hand lag auf ihrer bleichen Lippe. Sie sprach mit einer Hast und Aufregung, welche ihre Worte fast unverständlich machten, und der Ausdruck namenloser Angst, der in ihrem ganzen Wesen lag, war peinlich mit anzusehen.

„Seien Sie vorsichtig und wachsam!“ sagte sie. „Man trachtet meinem Vater nach dem Leben, mir und Allen unseres Geschlechtes; man wird Sie ebenfalls ermorden. Seien Sie wachsam und schlafen Sie nie! Ich selbst wache immer, Tag und Nacht! – Essen Sie von nichts, von dem Andere nicht vorher schon aßen. Ich werde Sie warnen, wann es an der Zeit ist! St! fort jetzt! Jemand schleicht hier! Gedenken Sie meiner Worte.“

Ihr feines Ohr hatte das Geräusch nahender Fußtritte eher als das meine vernommen, und bevor ich mich dessen versah, war sie wie ein Gespenst verschwunden. Als ich mich umwandte, begegnete mir der mißtrauische Blick desselben Adjutanten, der mich den Abend vorher in La Providencia empfangen hatte. Ich konnte in seinen Augen lesen, daß er das davoneilende Mädchen bemerkt hatte, und fragte ihn mit all’ der Gleichgültigkeit, die mir im Augenblicke zu Gebote stand, wer die Dame sei, welche in solcher Eile zu sein schiene.

„Die Tochter des Gouverneurs,“ war seine Antwort; „sie ist wahnsinnig, wie Sie ohne Zweifel bemerkt haben werden.“

Hatte der grauenvolle Fluch jenes gemordeten Mannes schon seine Wirksamkeit begonnen? –

[743] Hinter der sehr schmutzigen und buntgescheckten Barfüßler-Leibgarde Seiner Excellenz, die mit aufgenommenem Gewehre vor der Eingangsthür aufmarschirt stand, sah ich die dunklen, ausdrucksvollen Augen Antonio’s mit gespanntem Blicke auf mich gerichtet. Ein leichtes, kaum merkliches Zucken seiner langen seidenen Augenwimpern war ein eben so verständliches Signal für mich, als ob er mir meinen vollen Namen durch ein Sprachrohr zugebrüllt hätte. Ich ging langsam und wie zufällig auf einem weiten Umwege auf ihn zu und fand bald Ursache genug, über das, was er mir zu sagen hatte, nachzudenken.

Schon in verflossener Nacht war durch einen Expreßboten eine wichtige Nachricht in’s Hauptquartier gelangt, von der wahrscheinlich ich allein noch nichts wußte. Drei französische Kriegsschiffe, sämmtlich mit Truppen an Bord, befanden sich bereits seit vorgestern vor Anker im Hafen von A..…. „Wenn wir nur wenigstens schon dort wären,“ fügte Antonio emphatisch hinzu, „so wäre noch Alles gut, aber hier ist es so gut wie gewiß, daß man uns –“ Er sagte nichts weiter, doch die Art und Weise, wie er mit dem Zeigefinger der rechten Hand über die Stelle fuhr, wo – seiner Meinung nach – die Halsarterie ihren Sitz hatte, war bezeichnend genug. Es fehlte ihm weder an Verschlagenheit noch an Muth; er hatte mich schon oft bei mancher früheren Expedition begleitet, und seine Anhänglichkeit an meine Person war nicht geringer, als die meinige für ihn; allein der Gedanke, den ‚Panther des Südens‘ in seiner eigenen Höhle zu besuchen, war niemals recht nach seinem Sinne.

Die Ankunft der Franzosen im obenerwähnten Hafen stand nicht gänzlich außer Beziehung zu meiner eigenen Sendung. Meiner Instruction gemäß hatte ich mich persönlich mit zwei höheren Officieren der Pantera del Sur in Einvernehmen zu setzen, welche Beide im Geheimen eine für hinlänglich erachtete Garantie ihrer Ergebenheit in die neue Ordnung der Dinge freiwillig dargeboten hatten. Durch sie sollte ich einige unentbehrliche Auskunft über die Stimmung verschiedener öffentlicher Beamter in La Costa Rica erhalten, welches letztere Paschalik sich niemals so recht mit dem patriarchalischen Gouvernement des Panthers versöhnt hatte. Die unzweideutigsten Symptome wachsender Unzufriedenheit Seitens der Bewohner dieses Departements mit dem scandalösen Despotismus der Sultanswirthschaft waren der Aufmerksamkeit der Regierung nicht entgangen, und man war in der Hauptstadt ziemlich allgemein der Meinung, daß die Landung einer entsprechenden Truppenmacht in jener Gegend unausbleiblich ein Pronunciamento zu Gunsten der kaiserlichen Regierung hervorrufen und auf diese Weise zu einem raschen und unblutigen Umsturz jener Satrapen-Herrschaft führen werde. Die also erlangte Auskunft hatte ich dem Obercommandanten des erwähnten Hafens persönlich zu überbringen.

Der erstere Theil meiner etwas delicaten Mission war zweifelsohne der gefährlichste. Ich kannte die Verschlagenheit und Treulosigkeit mexicanischer Vermittelung nur zu gut, um mir die mindeste Illusion darüber zu machen, daß in einem gegebenen Falle jene beiden Individuen, auf deren Mitwirkung ich angewiesen war, nicht ruhig, mit der Cigarette im Munde, zugeschaut haben würden, wenn man mir selbst vor ihren Augen den Hals abgeschnitten hätte, wie aufrichtig auch immer ihre vorgebliche Anhänglichkeit an die neue Ordnung der Dinge in Mexico sein mochte. Sie hätten freilich nur zu wohl gewußt, daß die mindeste Einmischung ihrerseits ihnen unfehlbar das nämliche Loos bereitet haben würde.

Die unerwartete Ankunft der alliirten Truppenmacht, von der ich alle Ursache hatte zu vermuthen, daß sie erst nach mehreren Wochen stattfinden würde, weit davon entfernt, der Lösung meiner Aufgabe günstig zu sein, erhöhte vielmehr die Gefahr, der ich mich aussetzte, durch die unvermeidliche Aufregung, welche dieselbe in diesem Theile des Landes hervorrufen mußte. Trotz alledem konnte ich mich des Lachens nicht enthalten, als ich Antonio’s langes Gesicht betrachtete, dem das Weinen offenbar näher stand. Ich versuchte vergeblich ihn aufzuheitern. Selbst die Aussicht auf den Fandango am Abend verfehlte ihre Wirkung. Der Gedanke, seine reinliche und zarte Sammethaut mit den gemalten und gescheckten Schönheiten der Providencia in Berührung zu bringen, erschien ihm nichts weniger als verlockend.

[744] Wir schlenderten gemächlich zwischen den einzelnen Gruppen der hier und da auf den Rasen hingestreckten ‚Pintos‘ umher, welche, Säbel und Carabiner zur Seite, ihrer fast einzigen Beschäftigung, dem Hazardspiele, eifrigst oblagen. Ich mischte mich unter eine derselben, die zahlreicher als die übrigen war, warf ein paar Realen auf die Decke, die als Spieltisch diente, und war anscheinend bald in den Erfolg meiner Finanzoperation versunken. Bald gewahrte ich, daß ich nicht der einzige Zuschauer war. Mir gerade gegenüber, an eine Cocosnuß-Palme gelehnt, stand ein hochgewachsener, schlank gebauter, noch junger Mann, den ich, nach der Eleganz seiner ganzen Erscheinung und der koketten Weise, mit welcher er seine ungewöhnlich kostbare „Zarrape“ trug, für einen Fremden halten mußte.

Wenn Mexicaner Jemanden scharf beobachten wollen, so scheinen sie zumeist irgend wo anders hin zu sehen, als nach dem eigentlichen Gegenstande ihrer Neugierde. Dem Auge jenes Mannes war mein Blick jedoch kurz nacheinander bereits zwei Mal begegnet, wie es beide Male mit einem eigenthümlichen Ausdruck gespannter Aufmerksamkeit nach mir gerichtet war. Ein Umstand so ungewöhnlicher Art konnte mir nicht wohl entgehen. Ich ließ den Zeigefinger meiner linken Hand langsam und wie zufällig über mein rechtes Augenlid gleiten und wartete. Keine Muskel seines ausdrucksvollen Gesichtes zeigte die mindeste Bewegung, während ein prüfender Blick seines dunklen Auges vorsichtig und voll Argwohn im Kreise umher streifte. Dann kräuselte er mit einer raschen und koketten Bewegung seiner rechten Hand die linke Seite seines sorgfältig cultivirten, pechschwarzen Schnurrbartes drei Mal in eigenthümlicher Weise. Einer der beiden Männer, an die ich gewiesen war, stand mir gerade gegenüber.

Ein plötzliches Trompetensignal unterbrach das Spiel in unerwarteter Weise und nicht eben zur Zufriedenheit der dabei Betheiligten. Erst nachdem letztere ihre gegenseitigen Forderungen ausgeglichen, was nicht ohne verschiedene Messerstiche abging, gelang es den Officieren, die „freie und unabhängige“ Soldateska dahin zu bringen, sich nach ihren Pferden zu begeben. Als sich endlich auch der letzte der constitutionellen Vertheidiger des freien Staates aufgerafft hatte, überholte mich der Fremde mit dem fein gewichsten Schnurrbart und der eleganten „Zarrape“ und sagte im Vorbeigehen mit gleichgültigem Ton, aber mit einem Blicke geheimen Einverständnisses im Auge: „Wenn es Ihnen recht ist, so wird Obrist Ramon Rodriguez es sich zum Vergnügen machen, die unterbrochene Partie ‚Monte‘ heute Abend bei Ihnen weiter zu spielen.“ Ich verneigte mich zustimmend und wir trennten uns nach verschiedenen Seiten.

Eine halbe Stunde später waren sämmtliche Pintos aufgesessen und eine Recognoscirungsabtheilung derselben jagte im Galopp davon. Als dieselbe beim Serail ihres Sultans vorbeidefilirte, ihre Lassos nach Indianerweise über ihren Köpfen schwingend, schallte ihr wildes „El viva!“ durch die Luft. Der, dem jener Zuruf galt, war nicht sichtbar. Aber aus dem Hause mir gegenüber erklang ein durchdringender, gellender Schrei der Furcht und des Entsetzens, der selbst jenes wilde Gebrüll übertönte und langsam, wie der helle Ton einer entfernten Glocke, durch die Luft zitternd verklang. Ich dachte unwillkürlich an das marmorbleiche Mädchen mit den wundersam geheimnißvollen Augen, welches für das Leben ihres Vaters bebte, das die Rachegötter noch bis auf den heutigen Tag beschützen. Vergebens sah ich mich nach Antonio um, den ich nirgends zu finden vermochte, und legte mich endlich in meine Hängematte, um ein paar Stunden des Schlafes zu genießen.

Der Hufschlag flüchtiger Rosse weckte mich aus einem fieberhaften Schlummer. Ich eilte an’s Fenster: die Sonne verschwand soeben hinter dem Horizont. Unter meinem Fenster, vor der Wohnung des Gouverneurs, bemerkte ich einen wilden, regellosen Reiterhaufen, im Begriff, sich einigermaßen zu formiren. Die wilden Gesticulationen, das wüste Durcheinander, das unverständliche Geschrei jedes Einzelnen und Aller zusammen bot ein wahres Urbild des Chaos und der Auflösung dar. Durch die in jenen Klimaten so eigenthümlich rasch zunehmende Finsterniß glaubte ich für einen Augenblick im Hofe gegenüber einen unförmlichen, mit Decken belegten Gegenstand auf einer Tragbahre zu erkennen, die von Indianern rasch nach der Richtung des Gebirges hin fortgetragen wurde; eine Abtheilung Reiter umgab sie mit aufgenommener Waffe. Die Erscheinung war indeß zu plötzlich, um eine feste Gestalt in mir annehmen zu können, und mochte ebensogut ein Gebilde meiner Phantasie sein. Aber deutlich genug klang jener wilde Schreckensschrei, greller und unheimlicher als zuvor, zu mir herüber, dessen durchdringender Schall mir in jedem Nerven nachvibrirte.

Abermaliges heftiges Pferdegetrampel, verworrenes, grelles Geschrei dicht unter mir, Trompetensignale und Flintenschüsse in der Ferne. Dann hörte ich plötzlich eilig nahende Fußtritte auf dem Corridor vor meiner Thür. Ich öffnete dieselbe nur halb; meine einzige Waffe bestand aus einem kleinen, feinen Dolche, der den Luchsaugen jener Spürhunde an der Papagayo-Fähre wie durch ein Wunder entgangen war.

„Wer ist da?“ fragte ich.

„Vive le Emperador!“ war die Antwort des mexicanischen Officiers, der mir seinen Besuch für diesen Abend selbst angekündigt hatte. Ich machte Licht an und lud ihn ein, sich zu setzen, was er jedoch ausschlug. Seine ganze Erscheinung war auffällig und imponirend; seine stattliche Figur erschien noch größer und schlanker, als er so vor mir stand, auf seinem männlichen Gesicht lag der Ausdruck finsterer Entschlossenheit, seine dunklen Augen glühten voll seltsamen Feuers.

„Die Zeit des Handelns ist da,“ sagte er, „jetzt oder niemals! In einer Viertelstunde ist es vielleicht schon zu spät und der Vogel ausgeflogen. Ein panischer Schrecken ist in diese Feiglinge gefahren und sie werden sämmtlich vor einem Dutzend Franzosen davonlaufen.“

Es kam mir vor, als sähe ich am Fenster gerade gegenüber den blanken Lauf eines Gewehres durch die Dunkelheit blitzen, aber die Erscheinung war im Augenblick wieder vorüber.

Der Ruf: „Feuer! Feuer!“ erscholl dicht neben der Herberge. Ich war im Begriff, das Fenster zu öffnen, als er mich zurückhielt. „Seien Sie unbesorgt,“ sagte er, „Antonio thut nur, was ich ihm geheißen. Wollen Sie mir ebenfalls zur Seite stehen jetzt?“

„Was haben Sie vor?“ fragte ich.

„Ihn tödten!“ war die Antwort.

Antonio trat in diesem Augenblick selbst in’s Zimmer. Unter uns brauste ein confuses Geräusch von Männer- und Frauenstimmen durcheinander; Hundegebell und Pferdegetrampel schallten dazwischen. Das entfernte Geknatter von Flintenfeuer kam augenscheinlich näher; Trompetensignale und der Lärm sich nahender Hufschläge waren überall rings umher hörbar. Der helle Schein einer auflodernden Feuerflamme erhellte wie mit einem Zauberschlage die Finsterniß draußen.

„Sie wollen also nicht?“ fuhr er fort, unbekümmert um das, was rings umher vorging. „Gut, ich kann es allein vollbringen! Er ist der Mörder meines Vaters, der Schänder –“

In diesem Augenblick riß mich ein heftiger Faustschlag Antonio’s, der dicht neben mir stand, das Gesicht nach dem gegenüberliegenden Fenster gekehrt, zu Boden. Er selbst fiel fast gleichzeitig und unmittelbar über mich weg zur Erde. In der nämlichen Secunde klirrte auch schon das Glas meiner Fensterscheibe von zwei Kugeln durchbrochen, von denen die eine dicht über mir mit jenem eigenthümlichen „Klatsch!“ in die Ziegelwand hinter uns schlug, die andere verfehlte dagegen ihr Ziel nicht und mit einem dumpfen Schmerzensschrei brach die lange Gestalt des mexicanischen Officiers zusammen.

Er war mitten durch’s Herz geschossen und kein weiterer Laut brach von seinen fest zusammengepreßten Lippen, aber deutlich meinem inneren Auge lesbar stand in jedem Zuge seines blassen Gesichtes der nämliche Fluch geschrieben, mit dem vor einem halben Jahrhundert jener andere gemeuchelte Mann seine Seele verhauchte: „Cobarde y asesino! maldito seas para siempre!“ (Feigling und Mörder! Verflucht seist Du auf ewig!)

Ein schmaler, bläulicher Streifen Pulverdampf kräuselte aus dem von der nahen Feuersbrunst erleuchteten Fenster gegenüber und verschwand dann in der Finsterniß dahinter. Ein lauter, kräftiger Ruf aus einigen fünfzig Kehlen erfüllte wenige Augenblicke später die Luft. Er klang wie eine gebietende Stimme der Ordnung inmitten dieser wilden Verwirrung, der willkommene Ruf: „Vive l’Empereur“ Eine halbe Schwadron Chasseurs d’Afrique sprengte mit verhängtem Zügel durch den Flecken und in wenigen Secunden war jedes Haus in La Providencia umringt. Einen Augenblick darauf stand, den gezogenen Säbel in der Faust, ein Officier jener Abtheilung vor mir.

[745] „Ich muß mir die Freiheit nehmen, zu fragen, was Ihr Geschäft hier ist, Monsieur, mitten unter den Feinden der Ordnung und des Gesetzes!“ herrschte er mich an.

Ich zog, von wo ihn selbst der Panther des Südens nicht vermuthet haben würde, einen schmalen Papierstreifen hervor, tauchte ihn in ein Glas Wasser, das auf dem Tische stand, und überreichte ihm denselben schweigend. Die Zeichen kamen augenblicklich klar und deutlich zum Vorschein. Sie blieben freilich unleserlich für ihn, aber es bedurfte nur eines einzigen Blickes auf den Namenszug darunter, um auch den leisesten Schatten des Zweifels mit einem Schlage zu beseitigen. Er steckte den Säbel in die Scheide, grüßte und reichte mir die Hand.

„Wir kommen zu spät, das Nest ist leer!“ sagte ein zweiter Officier, der soeben, vom Hause gegenüber kommend, in’s Zimmer trat.

Die Tragbahre, die ich einige Zeit zuvor gegenüber zu sehen geglaubt hatte, mit einer formlosen, in Decken gehüllten Masse beladen und von bewaffneten Reitern umringt, das Ganze im raschen Zuge nach dem nahen Gebirge, war also keine bloße Vision, – des Panthers letzter Befehl war ein Todesurtheil gewesen für mich und den mexicanischen Officier. Seine prompte Vollstreckung wäre nahezu eine vollständige gewesen, wenn Antonio’s rettender Arm nicht dazwischen kam. La Pantera del Sur war in Sicherheit um diese Zeit, weit voraus auf dem unbekannten Wege schon nach seinem geheimnißvollen Asyle, welches er in der Mitte unzugänglichster Wildniß in den schroffen Ausläufern der Sierra Madre sich angelegt hat – aber: „Die Rache ist mein!“ sagt der Herr.




  1. Viele unserer Leser aus den Jahren 1858 und 1859 werden sich noch der reizenden „Garnison- und Paradebilder“ erinnern, die damals durch ihre innere Naturwahrheit und ihren sprudelnden Humor allgemeines Aufsehen erregten. Der Verfasser dieser Skizzen war ein Oberlieutenant von Gößnitz in Dresden, der später seine militärische Carriere verließ und nach England und Amerika auswanderte, um sich dort einen andern Wirkungskreis zu suchen. Nach neun Jahren zum ersten Male wieder empfingen wir vor einigen Tagen briefliche Nachricht und gleichzeitig ein Manuscript von unserem früheren Mitarbeiter, der jetzt als Instructor der Kaffer’schen Armee beim König der Sandwichsinseln in Honolulu angestellt ist, nachdem er drei Jahre in Mexico, längere Zeit in Südamerika und in der Havanna verweilte und augenblicklich – financiell gut gestellt – auf den Sandwichsinseln lebt, wohin nur eine deutsche Zeitschrift dringt – unsere Gartenlaube. Trotz allen Drangsalen und bittern Erfahrungen ist der alte Humor geblieben und doch ..… „mein Gott,“ schreibt er, „daß ich so weit weg bin, ist gar zu traurig“ –. Unsere Zeitschrift wird von jetzt ab regelmäßige Beiträge dieses begabten und vielerfahrenen Mannes bringen, und dürfen wir unsern Lesern im Voraus eine Reihe der interessantesten Mittheilungen versprechen.
    Die Redaction.
  2. Der „Panther des Südens“, mit seinem eigentlichen Namen Juan Alvarez, ist ein Vollblut-Indianer und 1780, vielleicht noch einige Jahre früher, im Staate Guerrero geboren. Seine wilde Tapferkeit, mit der sich höhere Eigenschaften verbanden, verschaffte ihm unter seinem Volke schon früh einen bedeutenden Einfluß. An dem Aufstande Hidalgo’s, des Pfarrers von Dolores, nahm er Antheil und behauptete, als diese erste Schilderhebung in Blutströmen erstickt wurde, die Unabhängigkeit seines höchst unwegsamen und für Weiße ungesunden Gebiets. Er ist weder von den Spaniern, noch von den einheimischen Parteiführern, die seine Autorität gegen ihn geltend machen wollten, jemals unterworfen worden. Wegen seiner Grausamkeit, der er den Beinamen Panther des Südens verdankt, gefürchtet, wurde er von seinen Stammgenossen wegen seiner List und seines unternehmenden Geistes, wie wegen seines Festhaltens an ihren Sitten, ihrer Tracht und ihrer ganzen Lebensweise, so geachtet und geliebt, daß er eine Art von Monarchie gründen konnte. Nur einmal verließ er den Süden und gewann für ganz Mexico eine Bedeutung. Als Santa Anna 1854 gestürzt werden sollte, stellten die Puros (Radicalen) den Panther des Südens an ihre Spitze und vermochten ihn dazu, daß er die Präsidentenstelle annahm, er hielt auch seinen Einzug in Mexico und bezeichnete seine Regierung durch die Aufhebung der Vorrechte des Militärs und der Geistlichkeit. Schon nach drei Wochen (7. December 1855) erklärte er aber, daß er es in der Hauptstadt nicht länger aushalte, nahm Waffen und Munition aus den Magazinen, ließ sich für seine Präsidentenwürde von Commonfort zweimalhunderttausend Piaster bezahlen und ging wieder nach dem Süden, wo er seitdem, für die Franzosen ebenso unbesiegbar, wie für die Spanier, als eine Art Gouverneur in seiner alten Weise gelebt hat.