Europas natürliche Heizung

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Textdaten
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Autor: Prof. H. E. Richter
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Titel: Europas natürliche Heizung
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aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 730–732
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1867
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Der Golfstrom und sein Einfluß auf das europäische Klima
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[730]
Europas natürliche Heizung.
Von Prof. H. E. Richter in Dresden.


Europa ist in Bezug auf Wärmeversorgung der bevorzugteste Theil der Erde. Es genießt zu allen Jahreszeiten, zu allen Monaten sogar, eine größere Portion von Wärme, als ihm nach seinen geographischen Breitegraden zukommen und gebühren würde. Diese Thatsache wird dem Gelehrten durch die von Humboldt eingeführten Isothermen (Linien gleicher Wärme), insbesondere durch Dove’s sogenannte Isanomalen in den physikalisch-geographischen Atlanten von Bergmann, Dove, Schmid u. A. sichtlich vor Augen gelegt. Für den Laien genügt es schon, die Witterungs- und Vegetationserscheinungen europäischer Orte oder Landbezirke mit denen anderer, auf gleicher geographischer Breite liegender Orte und Länder zu vergleichen. So z. B. baut man in Norwegen bis zum Nordcap noch Feldfrüchte und das Meer friert dort niemals zu; im mittleren und südlichen Norwegen gedeiht sogar noch Obst, Getreide, lebhafte Blumenzucht; während gegenüber in Grönland und Baffinsland auf gleicher geographischer Breite das ganze Jahr hindurch Alles im Eise begraben liegt. So entspricht das grüne England dem eisbedeckten Labrador in seinen Breitegraden; Südfrankreich entspricht Canada; Lissabon und Palermo liegen etwa in gleicher Breite mit der Bundesstadt Washington etc. Welch ungeheure Unterschiede in der Jahreswärme und der Pflanzenproduction!

Die Ursachen dieses günstigeren Klimas, die Quellen der größeren Wärme von Europa sind drei: der Gegenpassat, die nordafrikanische Wüste und der Golfstrom. Wir betrachten sie alle drei einzeln.

1. Der Gegenpassat entsteht durch einen warmen Luftstrom, welcher von den erhitzten Flächen der unterm Aequator liegenden Erdtheile, den sogenannten Tropenländern, auf welche täglich zwölf Stunden lang die Sonnenstrahlen senkrecht fallen, unaufhörlich emporsteigt. Eigentlich müßte dieser Luftstrom sofort direct nordwärts eilen, um dort die kalte Luft zu ersetzen, welche von den Polargegenden her fortwährend nach Süden strömt, um jene aufgestiegene Luft zu ersetzen: – etwa wie in unseren Oefen fortwährend kalte Luft durch’s Ofenloch einströmt, um die durch’s Ofenrohr in die Esse entweichende warme zu ersetzen. Weil aber die Erde am Aequator sich mit der rapiden Schnelligkeit von [731] fünftausendvierhundert Meilen binnen vierundzwanzig Stunden von West nach Ost dreht, und an dieser Drehung auch ihr Luftmantel Theil nimmt: so kommt jener aufsteigende warme Strom in unseren gemäßigten und kalten Gegenden, die sich langsamer drehen, mit einem von West nach Ost gerichteten Schwunge an, und erscheint bei uns demnach als Südwest- oder Westwind – der Zephyr der Dichter; er wird, weil er vom Aequator kommt, Aequatorialstrom genannt. Der ihm entgegenkommende, oben erwähnte kalte Polarstrom verwandelt sich aus entgegengesetztem Grunde – weil ihm die Erde in der Aequatorgegend mit jener rapiden Schnelligkeit entgegengerollt kommt – in einen Nordost- und Ostwind, den sogenannten Passatwind. Deshalb heißt eben jener andere, der warme, Antipassat oder Gegenpassat, oder auch, weil er oberhalb des Letzteren hinzufließen pflegt, der obere Passat. Dieser ist es nun, welcher uns bei der Heizungsfrage am meisten interessirt. Denn er führt uns und anderen nördlichen Gegenden nicht nur warme Luft zu, sondern auch Feuchtigkeit, welche darin als klarer Dampf (Wassergas) gelöst, bei uns sich als Wolken, Nebel, Regen, Schnee etc. niederschlägt. Bei solchen Niederschlägen aber wird allemal eine bedeutende Wärmemenge frei, welche vorher gebunden war, um das aufgelöste Wasser in Gasform zu erhalten. Und wenn uns der Regen oft noch so schauerlich vorkommt: immer hat sein Niederschlagen doch eine Portion Wärme frei gemacht, welche unseren Gegenden zu Gute kommt. So ist es begreiflich, daß an allen Erdtheilen (Continenten) die westlichen Küsten und deren Nachbarschaft wärmer, feuchter und fruchtbarer sind als die östlichen. Und darunter zeichnet sich abermals Europa aus, wo in der Regel die Tage mit westlichen Winden, also mit Aequatorialströmung der Luft, zahlreicher sind, als die anderen drei Windgattungen zusammengenommen. Diese Quelle der natürlichen Heizung wird Europa wohl nie verlieren, so lange es Luft und Wasser auf der Erde geben und der Erdball sich von West nach Ost drehen wird.

2. Die nordafrikanische Wüste, die Sahara, stellt ziemlich zu allen Jahreszeiten, besonders aber in der Sommerhälfte des Jahres, einen von Sonnenstrahlen erhitzten, selten von Wolken oder Regen ein wenig abgekühlten Flächenraum dar, welcher der ostwestlichen Länge von Europa fast gleich kommt und mit ihr parallel läuft. Man hat dieselbe mit einem glühendheißen Ofen verglichen, welcher Europa von Süden her heize. Wenn dies auch nicht wörtlich zu nehmen ist, so ist doch nicht zu leugnen, daß diese enorme heiße Fläche manchmal trockenheiße Luftströme nach Europa herübersendet, welche als Landscirocco in Italien, als trockne Föhnwinde in der Schweiz wohlbekannt sind. Auch saugt diese heiße Fläche, um die über ihr aufsteigende, durch Hitze verdünnte Luft – nach dem oben erwähnten Beispiel unserer Oefen – zu ersetzen, fortwährend kühle Luft aus Europa an sich, welche dann, besonders in den Frühlingsmonaten, mit Heftigkeit über das mittelländische Meer hinüber strömt; ein Luftstrom, der besonders in Südfrankreich unter dem Namen Mistral als heftiger und kalter nördlicher Wind wohl bekannt ist. Dadurch aber müssen in der das gemäßigte Europa umgebenden Lufthülle immer Lücken entstehen, in welche der warme obere Passat (Aequatorialstrom) hinabstürzt und dem Erdboden seine befruchtende feuchte Wärme mittheilen kann. Es ist daher ein auch von Dove in seiner neuesten Schrift über Eiszeit, Föhn und Scirocco anerkannter Satz der Witterungskunde, daß da, wo die tropische Zone ein Festland ist, die darüber, nach dem Pole zu, liegende gemäßigte und kalte Zone eine erhöhte Temperatur erhält. Wenn man den Satz umkehrend, sich fragt: wie würde es in Europa aussehen, wenn statt der Wüste Sahara die Stelle Nordafrikas mit Wasser bedeckt wäre? so wird man finden, daß alsdann das Klima Europas bei weitem kühler sein würde, als jetzt.

Nun haben die Geognosten schon lange vermuthet, daß in der That in einer zwar vorgeschichtlichen, aber geologisch noch ziemlich neuen Zeit – etwa vor hunderttausend Jährchen – an der Stelle von Nordafrika wirklich ein großes Meer gelegen hat. Eine vor wenig Jahren von den schweizerischen Naturforschern Escher von der Linth und Desor im Gefolge des von seiner Regierung dazu beauftragten französischen Naturforschers Martins unternommene Reise nach dem Süden von Algerien hat unwiderleglich dargethan, daß dort die Wüste aus einem trocken gelegten, wenig über das jetzige Mittelmeerniveau gehobenen, alten, salzdurchtränkten Seeboden besteht, in welchem sich die Schalen von solchen Muscheln eingebettet finden, welche sich noch jetzt an den brackigsalzigen Küsten des Mittelmeeres lebend vorfinden. Darauf fußend, haben die genannten Herren, zuerst Escher von der Linth, die Ansicht aufgestellt, daß zu derjenigen Zeit, wo Nordafrika von Meeresfluthen bedeckt war, die Wärme in den Alpen so gering gewesen sei, daß sich jene mächtigen Gletschermassen bilden konnten, welche fast das ganze Schweizerland bergehoch überdeckten und ihre Endigungen (Moränen und Wanderblöcke) bis Solothurn, Neufchatel, ja bis Würtemberg, hoch über den Genfer- und Bodensee hinweg erstreckten: – die sogenannte Eiszeit. Wenn nun auch dieser Hypothese unser Altmeister der Meteorologie, Dove, in oben genannter Schrift entgegengetreten ist und namentlich die Ansicht, daß der schneeschmelzende Föhn der Schweizergebirge, der Schneefresser, wie man ihn dort nennt, aus Afrika abstamme, widerlegt hat, so bleibt doch für unser heutiges Thema unbestreitbar fest stehen, daß Europa einen Antheil seines günstigen, wärmeren Klimas dieser Nachbarschaft der nordafrikanischen Wüste zu verdanken hat. Dies würde aufhören, wenn wieder Wasser über jene Fläche verbreitet wäre.

3. Der Golfstrom, unsere dritte Wärmevermehrungsursache, kommt den Europäern fast ungerechterweise zu Gute. Er besteht aus den warmen Fluthen, welche die tropische Sonnenhitze täglich in den Aequatorialgegenden des atlantischen Oceans erzeugt und welche – abermals deshalb, weil die festen Erdgebilde sich rascher als die flüssigen drehen – in der Richtung von Ost nach West um den Erdball herumfließen würden, wenn sich nicht Amerika wie ein langer Damm dem entgegenstellte. Dadurch aufgefangen, werden sie zum größten Theil in den mexicanischen Meerbusen hineingelenkt, drehen sich in diesem immer mehr erwärmt herum und pressen sich endlich, als hoch aufgebäumte Warmwasserfluth (bis zu 24° R. erwärmt), zwischen Florida und den Bahamainseln hindurch, um nach Nordosten hinzuströmen, woraus sie dann theils dem Polarmeer zwischen Spitzbergen und Norwegen, theils den verschiedenen westlichen Küsten Europa’s, besonders Irland, Scandinavien, Frankreich, dem Canal und der Nordsee, ihre durch den langen Lauf noch keineswegs ganz abgekühlten Fluthen als Wärmespender zusenden. Sie sind es vorzugsweise, welche den Winter im westlichen Europa so mildern, daß dasselbe zur Culturstätte werden konnte. Je weiter man nach Osten in Europa kommt, desto empfindlichere Winterkälte findet man, mit heftiger Sommerhitze abwechselnd: das sogenannte continentale Klima.

Dieser erwärmende Golfstrom hat aber keineswegs von jeher Europa bespült. Es gab eine Zeit, wo er zwischen Nord- und Südamerika, zwei damals noch getrennten Welttheilen, hindurch in den pacifischen Ocean (die sogenannte Südsee) abfloß. Der berühmte deutsche Reisende Moritz Wagner hat gefunden und der nach ihm dahin gereiste Prof. von Seebach hat bestätigt, daß die Stelle, wo dies geschah, die jetzige Landenge von Panama, ein erst seit verhältnißmäßig jungen Zeitperioden durch vulcanische Ausbrüche emporgehobener Meeresboden ist, dessen Schichten noch dieselben Thier- und Pflanzenreste enthalten, welche im heutigen Meeresgrund an denselben Küsten gefunden werden; daß die Gebirgsketten (Cordilleren) von Süd- und von Nordamerika ehemals jede für sich bestanden haben und im jetzigen Centralamerika durch eine Meerenge von einander geschieden wurden. Damals konnte also der Golfstrom nicht von Amerika nach Europa zurückgeworfen werden, sondern er strömte in die Südsee hinüber. Damals floß längs der europäischen Küsten kaltes Polarwasser dem Süden zu. Kein Wunder, daß damals Scandinavien und Schottland total vergletscherten (wovon die Spuren noch allenthalben an ihren Felsen zu finden sind) und damit einer Eiszeit anheimfielen, wo an ihren Küsten Organismen lebten, welche man jetzt nur noch in Spitzbergen lebend findet, wie die neueste schwedische Naturforscher-Expedition nach Spitzbergen gefunden hat. Kein Wunder, daß damals in Frankreich und bis nach Würtemberg hinein ein kümmerliches, den Lappländern ähnliches Volk zusammen mit Rennthieren lebte. (Karl Vogt’s Küstenlappen, Gartenlaube 1864, S. 638 ff.)

Nun ist gewiß von hohem culturgeschichtlichem Interesse die Frage: Werden wir auf diese Heizungsquelle, den Golfstrom, immerdar für Europa rechnen können? Diese Frage muß aber, vorliegenden Umständen nach, leider verneint werden. Es wird, meinen wir, eine Zeit kommen, wo der Golfstrom einen großen Theil der europäischen Küsten nicht mehr bespülen kann, weil er [732] nach und nach von denselben abgelenkt wird. Um dies zu erläutern, erlauben wir uns eine kleine Abschweifung.

Alle wärmeren Meere sind von zahlreichen Thieren aus verschiedenen Thierclassen bevölkert, welchen das Geschäft obliegt, die im Meerwasser aufgelösten Kalksalze zu verarbeiten und in Form fester Gesteine abzulegen, erst Riffe, Sandbänke, endlich aber hohe Felsen, wie die Muschelkalkfelsen unserer Alpen und die Kreidefelsen der Insel Rügen bildend. Zu diesen Felsenfabrikanten des Meeres gehören die Korallen, die Muschelthiere, vor Allem aber eine Unzahl mikroskopischer Geschöpfchen, welche um ihren nackten, schleimig-weichen Leib eine siebartig durchlöcherte Kalkschale bilden und daher den Namen Foraminiferen erhalten haben. Letztere sind es, welche im Laufe der Jahrtausende die hohen Kreidefelsen von Rügen (Stubbenkammer), Moen, Altengland und der Normandie u. a. m. fast ganz allein aufgebaut haben. Das Mikroskop zeigt, daß die Kreide fast nur aus ihren hinterlassenen Kalkschalen besteht. Alle diese Geschöpfe gedeihen am Besten da, wo das Meerwasser warm, daher an Kalksalzen reicher, und wo es in lebhafter Bewegung ist. Wie rasch ihre inseln- und riffebildende Thätigkeit vor sich geht, lehrt ein Beispiel, welches officiell beglaubigt ist.

Die sogenannte Torres-Straße, eine den warmen Strömungen des pacifischen Oceans ausgesetzte Meerenge zwischen Neuholland, der Australia der Engländer, und Neuguinea, enthielt bei ihrer Entdeckung im Jahre 1606 nur sechsundzwanzig kleine Koralleninseln und war fast überall für Schiffe durchfahrbar. Jetzt enthält diese Straße einhundert und sechszig solche Inseln, ist nur noch auf wenigen Stellen für Schiffe passirbar, und die britische Admiralität hat 1858 bekannt gemacht, daß diese Straße binnen zwanzig Jahren (also 1878) gar nicht mehr werde durchfahren werden können.

Ganz die gleichen Verhältnisse bietet die weit nach Süden hinab in den mexicanischen Meerbusen hineinragende Halbinsel von Florida dar. Auch sie ist ein Erzeugniß jener Kalkfelsfabrikanten, der Korallenthierchen, Muscheln und Foraminiferen. Sie setzt sich fort in einem langen Streifen von Koralleninseln und Riffen, den Florida-Riffen, Tortugas- und Bahama-Inseln, zwischen welchen sich, wie gesagt, der Golfstrom hindurch zwängt. Je heftiger er fließt, je wärmer er ist, desto fleißiger arbeiten jene Thierchen. Ein Stück Insel nach dem andern setzt sich an. Die Halbinsel Florida wird und muß sich immer mehr verlängern und eine immer länger werdende Barre, einen Damm gegen den Golfstrom bilden. Wie wird dies auf Europas Wärmeverhältnisse zurückwirken?

Zu Beantwortung letzterer Frage haben wir, wie uns scheint, ein handgreifliches Beispiel an der Geschichte von Grönland vor Augen. Als dieses Land vor achthundertundachtzig Jahren entdeckt wurde, zeigten seine Süd- und Ostküsten so schöne grünende Gründe und Thäler, daß es davon seinen Namen empfing und zu lebhafter Colonisirung anlockte. Noch vierhundertundzwanzig Jahre später zählte die Ostküste einhundertundneunzig Höfe und Dörfer. Jetzt ist dieselbe gänzlich vereist; die ehemaligen Wiesen und Höfe liegen unter Gletschern begraben, die Meerbusen sind durch Eis gesperrt. Auch die Süd- und Südwestküste werden immer rauher, immer unbewohnbarer. Woher diese Veränderung des Klimas? Wir können keine andere Erklärung finden, als daß dazumal der Golfstrom noch so weit nördlich reichte, um die Ostküste Grönlands eisfrei und ihre Buchten (Fjords) grünend zu erhalten. Was kann ihn abgelenkt haben, wenn nicht die Verlängerung der Festlandbildung an der Spitze von Florida? Und wenn diese im Laufe der Jahrhunderte noch mehr zunimmt, wenn immer mehr Riffe und Inselchen im Bahama-Canal durch die Arbeit der Korallen- und anderer Kalkthierchen zusammengeschweißt werden, so steht allerdings zu befürchten, daß jener erwärmende Strom nach und nach für Irland, für den Norden Scandinaviens, für die Shetlandsinseln und für Nordschottland verloren gehen wird. Dann werden sich daselbst die Eismassen vermehren und von der Sommersonne nicht in gleichem Maße wieder abgeschmolzen werden können. Die Gletscher werden die Fjorde (Meerbusen) Norwegens ausfüllen und ihre Eisblöcke in das Meer absetzen. Eisigkalte Fluthen werden von da südwärts nach den Küsten des mittleren Europas herabkommen, werden unsere Sommer verschlechtern und unsere Winter verlängern. Die mittlere Jahreswärme wird in Europa geringer sein und damit (nach Decandolle) die Cultivirbarkeit mancher edleren und nutzbaren Gewächse beschränkt werden. Unsere Cultur wird rückwärts gehen.

Wer weiß übrigens, ob es alsdann noch schade darum sein wird! Denn wenn es so fortgeht, daß die culturtragenden Staaten Europas sich immer mehr in Militärstaaten umwandeln, den arbeitstüchtigsten und heirathsfähigsten Theil der männlichen Bevölkerung ausheben und durch Kriegführung verbrauchen, so wird früher, als der Golfstrom wegbleibt, in Europa eine Verödung, Entvölkerung und Verwilderung eintreten, eine sittliche und staatliche Eiszeit, wie sie überall da zu finden ist, wo Soldatenvölker Jahrhunderte lang geherrscht haben.