Der Pirat

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Textdaten
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Autor: Richard Dehmel
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Titel: Der Pirat
Untertitel:
aus: Aber die Liebe
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: Dr. E. Albert & Co. Separat-Conto
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Erscheinungsort: München
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Quelle: Scans dieser Ausgabe auf Commons
S. 87-91
Kurzbeschreibung:
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          [87] Der Pirat.

     Nach José de Espronceda.

Mit zehn Kanonen blank an Bord,
mit vollen Segeln vor dem Wind,
die flink wie Mövenflügel sind,
streicht eine Barke durch die Flut:

5
die Barke des Piratenherrn,

auf allen Meeren er gekannt
von einem bis zum andern Strand,
der „Hai“ getauft für seinen Mut.

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,

10
im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,

ein langer Silberstreifen rinnt
breit durch die blaubewegte Flut.
Und der Piratenkapitän
sitzt singend hoch an Steuers Rand,

15
links Asiens, rechts Europens Strand,

und sitzt und singt und schwenkt den Hut:

„Fliege, mein Segler du, fliege,
     unverzagt;
fliegst und segelst zum Siege!

20
Spottest der Stürme, der Klippen und Riffe,

[88] der Himmelstücken, der feindlichen Schiffe,
weil dein Herr sein Leben wagt!
     Zwanzig Prisen
     haben wir gemacht,

25
     haben die Staatsmützen

     ausgelacht;
     hundert Nationen
     liegen und grüßen hier
     mit ihren Flaggen

30
     zu Füßen mir.

Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

35
„Könige steiten dadrüben

     in blinder Gier
um ein paar Aecker Rüben.
Sehet, ich lache! Meine Gefilde
reichen, soweit das weite wilde

40
Meer entrollt sein frei Pannier.

     Da ist kein Wimpel,
     wie er auch glänze,
     da keine Küste,
     wo sie auch grenze,

45
     die nicht Salut gethan

     meinem Geschlecht,
     die nicht erkannten
     mein Hoheitsrecht.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,

50
denn mein Gesetz ist mein Begehr,

mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.
[89] „Kaum schrein vom Mars die Jungen:
     Schiff in Sicht!

55
rennt’s schon mit vollen Lungen,

hoi alle Segel breit, Fersengeldsegel,
rennt es und rennt es; denn diese Flegel
lieben den König der Meere nicht.
     Aber wie Brüder

60
     Ich und Ihr,

     meine Getreuen,
     teilen die Beute wir.
     Ein einzig Eigentum
     nehm ich für mich

65
     ohne Rivalen:

     dich, Schönheit, dich!
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,

70
mein einzig Vaterland das Meer.


„Verdammt zum Höllenfeuer,
     zum Tod am Strick,
sitz’ich und lache euer!
Hütet euch, Schufte: wen ich mir lange,

75
den häng’ich auf an der Segelstange,

vielleicht von seiner eignen Brigg!
     Und wenn ich falle:
     was ist das Leben!
     Hab es schon damals

80
     verloren gegeben,

     als ich die Kette brach,
     als ich, ein Held,
     mir schuf mein eigen Recht,
     mir meine Welt.

85
[90] Denn meine Barke ist mein Reichtum,

denn mein Gesetz ist mein Begehr,
mein Gott der Wind und meine Freiheit,
mein einzig Vaterland das Meer.

„Melodieen wie brausend

90
     Orgelgewühl

spielt mir im Nachtsturm, sausend,
meiner geschüttelten Taue Gestöhne,
meiner Kanonen Donnergedröhne
und des schwarzen Meeres Gebrüll.

95
     Von ihren tobenden

     Liedern umschnoben,
     geh ich zur Ruhe,
     wogenumwoben,
     jubelnde Zungen

100
     rund um mich her,

     in Schlaf gesungen
     vom Meer, vom Meer.
Denn meine Barke ist mein Reichtum,
denn mein Gesetz ist mein Begehr,

105
mein Gott der Wind und meine Freiheit,

mein einzig Vaterland das Meer!“

Im dunkeln Wasser hüpft der Mond,
im Tauwerk seufzt und pfeift der Wind,
ein langer Silberstreifen rinnt

110
breit durch die blaubewegte Flut.

Und der Piratenkapitän
lehnt schweigend hoch an Steuers Rand,
links Asiens, rechts Europens Strand,
tief in die Stirn gedrückt den Hut.

115
[91] Mit zehn Kanonen blank an Bord,

mit vollen Segeln vor dem Wind,
die flink wie Mövenflügel sind,
streicht seine Barke durch die Flut:
die Barke des Piratenherrn,

120
auf allen Meeren er gekannt

vom einen bis zum andern Strand,
der „Hai“ getauft für seinen Mut.