Der Prinz von Erie

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Textdaten
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Autor: Lorenz Brentano
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Titel: Der Prinz von Erie
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 124–126
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Prinz von Erie.


Ein amerikanisches Charakterbild von L. Brentano.[1]


In Vermont, dem Staate der grünen Berge, lebt eine Bevölkerung, die den Typus der eigentlichen Yankees bewahrt hat. Das Land ist nur stellenweise zum Ackerbau geeignet und bietet daher für die Einwanderung nicht viel Anziehendes dar. Die Einwohner treiben hauptsächlich Handel mit den anderen angrenzenden Neu-England-Staaten und mit Canada; erscheint ihnen hierzu der Raum zu eng, so wandern sie nach den anderen Staaten in allen Richtungen aus. Im Allgemeinen ist der Neu-Engländer nüchtern und fleißig. Ein geborener Geschäfts- und Handelsmann, oder jedenfalls von frühester Jugend an zum „Geschäfte“ erzogen, ist er schlau berechnend und auf Gewinn und Erwerb versessen, ohne aber ängstlich an dem Erworbenen festzuhalten. Der Amerikaner will die Früchte seiner Arbeit genießen, und da sich ihm die Gelegenheit zu erwerben oft und leicht bietet, so findet das verdiente Geld auch wieder seinen Weg in die verschiedenen Canäle des Verkehrs. Darum ist der Amerikaner auch in der Regel freigebig. Das Geldausgeben selbst ist ihm ein Genuß, und einer der Endzwecke des Erwerbes ist ihm die Möglichkeit es auszugeben. Wohlthätigkeit ist daher eine von den Amerikanern vorzugsweise gepflegte Tugend, wenn sie sich auch manchmal bei dem Ungebildeten in einer prahlerischen oder gar verletzenden Form kundgiebt.

In einem lieblichen, friedlich stillen Thale des Staates der grünen Berge, an den Ufern des Connecticut-Flusses, lebte in dem Städtchen Battlebow James Fisk, ein Yankee, der neben einer kleinen Landwirthschaft des Gewerbe eines reisenden Handelsmannes, Pedlar genannt, betrieb, und hier wurde James Fisk der Jüngere geboren, über dessen gewaltsames Ende und pomphafte Bestattung noch jetzt die politischen und illustrirten Zeitungen Nordamerikas mit Berichten und Bildern angefüllt sind; er ist’s, der durch seine Laufbahn vom Hausirer bis zum Beherrscher großer Eisenbahnmonopole, durch sein Leben und seinen Tod, uns zum Vorwurfe eines amerikanischen Charakterbildes dienen soll.

Ein Charakter wie James Fisk der Jüngere kann nur in der großen amerikanischen Republik unter den dortigen großartigen Verhältnissen sich entwickeln, und auch dort treten solche Menschen nur vereinzelt in so grotesker Gestalt hervor, wie dies James Fisk that. Aus seiner ersten Jugendzeit pflegte er gern ein Vorkommniß zu erzählen, welches zeigt, wie Schlauheit und Ueberlistung als ein Mittel zur Erziehung angewendet wird. Der junge James stand eines Morgens in dem Stalle, in welchem sein Vater eine Reihe stattlicher Kühe angebunden hatte.

„Könntest Du wohl diesen Stall reinigen, mein Sohn?“

„Ich habe es noch nie gethan,“ war die Antwort.

„Siehe hier diesen blanken Silberdollar; diesen sollst Du erhalten, wenn Du die Arbeit vollbringst.“

Welcher Yankee-Knabe könnte dem Reize eines blanken Dollars widerstehen? James ergriff die nöthigen Werkzeuge, und schweißtriefend meldete er, daß das Werk gethan sei.

„Ei, das ist ja charmant,“ sagte der Vater, indem er die versprochene Belohnung ausbezahlte, „ich sehe, Du kannst es thun, und von jetzt an wirst Du es jeden Tag thun.“

Das Geschäft des älteren Fisk hielt ihn natürlich viel von Hause entfernt, und daß unter diesen Umständen die Erziehung des Jungen in wissenschaftlicher Beziehung eine äußerst mangelhafte war und Herz und Gemüth wenig Ausbildung erhielten, ist erklärlich; und doch war das Feld gut und ein rechtzeitig eingestreuter Same hätte zu schönen Früchten berechtigt. Was ihm an Bildung abging, ersetzte er durch scharfen Verstand, und trotz eines sehr dehnbaren Gewissens und des Mangels an Moral und wahrer Ehre kamen doch die guten Eigenschaften seines Herzens, Großmuth und Wohlthätigkeitssinn, oft zum Durchbruch.

James Fisk der Jüngere folgte dem Gewerbe seines Vaters, allein die Art des Geschäftsbetriebes des Letztern erschien ihm zu kleinlich, und so ließ er sich denn einen bei den amerikanischen „Pedlars“ gebräuchlichen, aber mit auffallend grellen Farben bemalten und mit Goldlack geschmacklos übertünchten Wagen anfertigen, in dem er, mit vier Pferden bespannt, in den Ortschaften und auf den Farmen herumfuhr, seine Waaren, die er in großer Auswahl mit sich führte, zum Verkaufe ausbietend. Seinem über diese Extravaganz des Sohnes erschreckten Vater bot er – Anstellung in seinem Geschäfte an, legte ihm aber an’s Herz, durch dieses ihm bewiesene Zutrauen sich ja nicht zu Hochmuth verleiten zu lassen. Uebrigens hat er in seinem kurz zuvor, ehe die Kugel seines Mörders ihr Werk vollendete, verfaßten Testamente seinem Vater und seiner Mutter eine bedeutende lebenslängliche Rente ausgesetzt und dadurch bewiesen, daß er „Vater und Mutter ehrte“. Aus seiner Hausirerlaufbahn, die eine höchst erfolgreiche war, und die ihm den Weg zu seinen späteren finanziellen Erfolgen bahnte, nur eine Anekdote: Eine alte Frau, welche von Fisk, Vater, ein baumwollenes Halstuch um einen Schilling – den achten Theil eines Dollars – gekauft, beschwerte sich bei dem Sohne, daß sie übervortheilt worden sei. James betrachtete die Waare aufmerksam von allen Seiten und that nach langem Besinnen den Ausspruch: „Nein, liebe Frau, für einen Schilling sagt mein Vater keine Lüge; für einen Dollar würde er wohl ohne Zögern deren acht sagen!“ Es war der eigene Charakter, den James Fisk hier schilderte; auch er betrog nur – um Hunderttausende und um Millionen.

Der Krieg der Union gegen die Rebellenstaaten beendigte die Hausirer-Laufbahn unseres Helden. Der Speculation öffnete sich jetzt ein weites Feld, und James Fisk war nicht der Mann, eine solche Gelegenheit zur Erwerbung von Reichthümern ungenützt vorübergehen zu lassen. Durch seine Energie und Geschäftsgewandtheit hatte er die Aufmerksamkeit des Handlungshauses in Boston, bei welchem er seine Waaren einkaufte, auf sich gezogen. Dieses ließ sich mit ihm in Speculationen ein, die oft der gewagtesten Art waren, allein sie glückten und nach wenigen Jahren zog Fisk sich mit einem Vermögen von hunderttausend Dollars aus dieser Verbindung zurück. Mit diesen Mitteln ausgerüstet, verlegte er den Schauplatz seiner Thaten nach New-York, wo nun in Wall Street, der Straße für legitime und illegitime Geld- und Börsengeschäfte, ein Schild anzeigte, daß der künftige Beherrscher der New-York- und Erie-Eisenbahn sich mit Wechsel- und Actiengeschäften befasse.

Wenn Jemand fragt, ob eine Geldanlage in diesen oder jenen amerikanischen Eisenbahnpapieren sicher sei, so darf man nur antworten: so lange als die Verwaltung der Bahn sich in ehrlichen Händen befindet. Bei einer schlechten Administration sind die wohlfeilsten Papiere zu theuer, und wenn die Bahn auch noch so rentabel ist. Im Jahre 1866, zur Zeit als Fisk seine Finanzoperationen begann, standen die Erie-Eisenbahn-Actien niedrig; und doch repräsentirte diese Bahn, welche von New-York an der südlichen Grenze des Staates denselben in seiner ganzen Breite durchläuft und in dem Hafenplatze Dunkirk am Erie-See ausmündet, ein Capital von sieben Millionen Pfund Sterling, mit einer Brutto-Einnahme von drei Millionen! Hier war eine goldene Gelegenheit zur Speculation.

Die sonst so vorsichtigen englischen Capitalisten kauften massenweise; auch James Fisk kaufte; aber während Jene fern waren, stand Fisk in der Nähe. Sein Zweck war nicht gewöhnliche Speculation; er hatte ein höheres Ziel, Mitglied des Directoriums zu werden, die Verwaltung der Bahn, ja diese selbst an sich zu reißen. Dazu bedurfte es vor allen Dingen vieler Actien und mächtiger Verbindungen mit finanziellen und politischen Größen. In Daniel Drew, einem Director der Bahn, und in Jay Gould, einem Börsenspeculanten, dessen Gewissen eine ebenso weite Spannkraft hatte, wie jenes von Fisk, fand dieser die finanziellen, in Tammany, einer demokratischen Verbindung oder engstverbrüderten Genossenschaft New-Yorks, die ihre mächtigen Arme über den ganzen Staat ausstreckte, die politischen Bundesgenossen; an der Spitze der letzteren stand der berüchtigte William Tweed, dessen Thaten jetzt in den Criminalgerichtshöfen an’s Licht gezogen werden sollen. Es war ein [125] würdiges Kleeblatt, die Herren Drew, Fisk und Gould, welche nun im Directorium thronten und die Gewalten eines Executiv-Comités sich anzueignen gewußt hatten. Eine Mehrausgabe von sechzigtausend Actien war die erste That, durch welche sie sich bemerkbar machten. Zwar kamen sie diesmal noch mit der Justiz in Conflict und sie wurden genöthigt, für einige Zeit jenseits des Hudson-Flusses auf dem Boden von New-Jersey ihren Wohnsitz aufzuschlagen, wohin die von den Civilgerichten New-Yorks erlassenen Verhaftsbefehle nicht reichten; denn noch war die Verbindung mit der „Tammany“ nicht abgeschlossen, und lieferte diese somit auch noch keine willfährigen Richter; auch beobachtete sie noch das wachsame Auge des Millionärs Vanderbilt, der im Besitze von hunderttausend Actien der Bahn war.

Bekanntlich wird in Amerika der Sonntag sehr heilig, puritanisch heilig gehalten. Ein Civil-Verhaftsbefehl darf am „Sabbath“ nicht vollzogen werden, und so konnten die Flüchtlinge an diesem Tage ihr „Fort Taylor“, wie der Volkswitz ihr bescheidenes Hôtel in Jersey City benamset hatte, verlassen und in New-York mit ihrem Hauptgegner über Frieden unterhandeln. Und dieser Friede kam zu Stande. Die Haupt-Actionäre, worunter Vanderbilt und Drew, verkauften ihre Actien an Fisk und Gould, und diese zahlten mit dem Gelde, das sie der Schatzkammer der Compagnie entnahmen.

James Fisk und Jay Gould waren jetzt im factischen Besitze der Eisenbahn. Eine solche Corporation, in deren Dienste fünfzehntausend Angestellte und Arbeiter stehen, ist in der Republik eine Macht. Mit „Tammany“ war jetzt ein Bündniß zu schließen. Dafür lieferte dieses gefügige und gefällige Gesetzgeber. Durch Beide zusammen wurde jede Controle durch die Actionäre ausgeschlossen. Die durch den Einfluß von „Tammany“ gewählten Richter sanctionirten die ungesetzliche Actien-Emission, und die Legislatur sorgte durch Gesetze dafür, daß Fisk und Gould von ihren Sitzen im Directorium nicht leicht entfernt werden konnten.

So weit haben wir es mit zwar grotesken, aber doch trockenen Finanz- oder Schwindel-Operationen zu thun, die wir in ihren Einzelheiten schon aus dem Grunde nicht verfolgen können, weil sie nur in ihren großen Resultaten an das Tageslicht traten. Doch auch die Romantik soll in unserm Gemälde nicht fehlen, und selbst die Tragödie wird die Bühne beschreiten, ehe der Vorhang über das Bild herabfällt.

James Fisk und sein Genosse kauften das New-Yorker Opernhaus, einen aus weißem Marmor aufgeführten Palast, nebst den daranstoßenden Gebäuden um vierzigtausend Pfund Sterling; die inneren Räume wurden mit fürstlicher Pracht ausgestattet. Hier wurden die Geschäftszimmer der Eisenbahnverwaltung eingerichtet, in denen Intriguen geschmiedet, Speculationen erdacht und Schwindeleien jeglicher Art verabredet wurden. Von diesem Hauptquartier aus ergingen die Befehle an die Börsenwerkzeuge, um die Actien der Erie-Bahn fallen oder steigen zu machen. Heute machte man gemeinschaftliche Sache mit den „Bullen“, welche die Papiere in die Höhe trieben, morgen mit den „Bären“, die sie herabzudrücken suchten.

Betrachten wir uns nun einmal die äußere Erscheinung der beiden Persönlichkeiten, welche sich in den Prunkgemächern des Opernhauses niedergelassen, die von hier aus die Fondsbörse dirigirten und in diesen mit orientalischem Luxus ausgerüsteten Zimmern Orgien feierten, wie sie in den dem Verfalle des römischen Reiches vorangegangenen Zeiten an der Tages- und Nachtordnung waren. Der Colonel Fisk – ein militärischer Titel ist in Amerika ein unentbehrliches Attribut, und Fisk war Oberst des neunten New-Yorker Milizregimentes – war ein Mann von hoher Gestalt, rohem Aussehen, blühender Gesichtsfarbe, „äußerlich und innerlich einem Metzgerburschen ähnlich“ – wie sich ein amerikanisches Monatsheft ausdrückt –, sehr gesprächig, großthuerisch, dabei voll Yankee-Humor und Witz. Seine Schulbildung war so mangelhaft, daß er selbst die Liebesbriefe an seine „Josie“ durch seinen Privatsecretär schreiben lassen mußte. Als ein Theil derselben nach seinem Tode in dem New-Yorker „Herald“ abgedruckt wurde, höhnte ein Blatt: „Seither war Fisk als ein Speculant, Eisenbahndirector und Impressario bekannt; diese Briefe erheben ihn in den ersten Rang der Briefschreiber, an die Seite von Plinius, Madame de Sevigny und Lady Montague. Allein unglücklicher Weise, als man ihm gerade diese hohe Stellung in der Literatur anweisen wollte, wurde entdeckt, daß diese Briefe durch seinen Privatsecretär geschrieben wurden. Wie jener englische Höker sich ‚einen Poeten hielt‘, so hat sich der Magnat von Erie einen maître des belles lettres gehalten, der das delicate Amt hatte, die Liebescorrespondenz zu führen.“ – Sein Freund Jay Gould ist von kleiner, feingebauter Gestalt, sein Teint ist blaßgelb, die Gesichtsbildung etwas orientalisch. Im Gegensatze zu seinem lärmenden geschwätzigen Genossen ist er zurückhaltend, wortkarg und verschlossen. In das Innere der Gemächer dringt kein Unberufener ein, und selbst der mit einem gerichtlichen Befehle bewaffnete Sheriff könnte das Heer wohlgeschulter Diener nicht durchbrechen, jedenfalls nicht eher, als bis der, den er suchte, nicht mehr zu finden wäre. Diese Gemächer stehen mit den Opern- und Theatersälen in Verbindung, um den Damen des Theaters, dessen Direction der Prinz von Erie selbst übernommen und welches ihm sein Harem lieferte, den Zutritt zu vermitteln. So führte James Fisk in der Republik das Leben eines Sultans oder mindestens das eines mächtigen Pascha. Die Erie-Bahn war sein Paschalik, Tammany lieferte ihm die Kadis, Oper und Ballet die Odalisken und die Börse die Mittel zu sardanapalischen Lüsten und lucullischen Mahlen. Da führte ihm das Geschick zwei Personen entgegen, deren Bekanntschaft für ihn verderblich werden sollte. –

Josephine Mansfield ist eine geschiedene Ehefrau, von der in Amerika häufigen Sorte der Laura Fairs in San Francisco, welche die Männer wechseln wie die Handschuhe, sich erforderlichen Falles Dutzend Male scheiden lassen oder, wenn diese Formalität nicht erforderlich ist, den Liebesknoten nach Belieben auflösen, sobald eine andere Neigung mit besserer Aussicht auf Geldgewinn dies wünschenswerth macht. Sie greifen aber auch zur Pistole, um jede Verletzung ihrer „heiligsten Gefühle“ in dem Blute des Mannes zu rächen, dem sie für seine offene Börse die Arme geöffnet hatten, und sind gewöhnlich sicher, eine Jury von zwölf „intelligenten“ Männern zu finden, welche sich überzeugen lassen, daß die schöne Mörderin – häßliche finden auch vor amerikanischen Geschworenen keine Gnade – gerade im Augenblicke der That, weder einen Moment vorher noch nachher, unzurechnungsfähig war. Josephine, als sie von ihrem Gatten, einem gewissen Lawler, geschieden war, befand sich in sehr mißlichen Verhältnissen; das Kleid, das sie trug, war ihr einziges, ihr bestes. Sie mußte also das Pfund, das ihr verliehen war, zu verwerthen suchen, und dieses Pfund – war sie selbst, der Körper ohne Seele. Sie that einen glücklichen Wurf, als sie ihre Augen auf den Prinzen von Erie warf, den Mann mit voller Börse und von sinnlicher Gluth, den sie denn auch mit dämonischer Gewalt festhielt, bis er, getroffen von der Kugel eines glücklichen Nebenbuhlers, in den Armen seiner Gattin den letzten Athemzug aushauchte. Seiner Gattin? – Ja freilich, James Fisk hatte eine rechtmäßige, ihm angetraute Gattin, die Mutter seiner Kinder, die in Boston lebte und von deren Existenz das große Publicum erst Kenntniß erhielt, als die Zeitungen die letzten Augenblicke des gemordeten Mannes beschrieben.

Josephine hatte einen tiefen Eindruck auf das Herz dieses rohen Naturmenschen gemacht; mit unwiderstehlicher Gewalt zog sie ihn in ihre Arme und in sein Verderben. Sie wurde die erklärte Geliebte des Eisenbahnfürsten, der ihr ein Haus kaufte und solches mit fürstlicher Pracht einrichtete. Wie mit Zaubermacht wurde sie aus tiefer Armuth auf die Höhe des Reichthums gehoben. Gold, so viel sie mochte, Diamanten, Dienerschaft, Equipage, alles, was sie nur wünschte, gab ihr der „verzauberte Prinz“ mit freigebiger, ja mit verschwenderischer Hand. In die duftenden Briefchen voll zarten Liebesgeflüsters aus der Feder eines Schreibers legte James werthvolle Bankbillete für seine „Josie“. In ihrem Hause, in ihren Gemächern ruhte er von den Mühen des Tages, an ihrer Tafel versammelte er die Könige der Börse und die Häupter von Tammany, Männer mit weitem Gewissen und lockerer Moral. Aber noch war kein Mörder unter ihnen. Da führte Fisk selbst den jungen Eduard Stokes ein. –

Wir bedauern, den Leser aus den üppigen Gemächern Josephinens in die Oelläuterungsanstalt der Frau Stokes führen zu müssen. Eduard, ein junger Mann von feinem Aeußern, schönen und einnehmenden Gesichtszügen, dunkelblauen Augen und gelockten schwarzen Haaren, breiter Stirn, schlanker Gestalt, spricht fein und fließend, kleidet sich elegant und kostbar und braucht viel Geld. Die Oelraffinerie seiner Mutter erscheint ihm als die Münzstätte, [126] in welcher man Geld prägen kann. James Fisk ist ihm der Mann, der seine Ideen zur Ausführung bringen könnte. Auf der Erie-Bahn konnte man das rohe Oel zu wohlfeilen Frachtsätzen herbeischaffen und es nach seiner Läuterung auf demselben Wege an seine Absatzplätze verführen. Dem Erie-Prinzen leuchtete die Sache ein; das Etablissement wurde gepachtet, eine Actiengesellschaft gegründet und Eduard wurde Schatzmeister, zugleich aber auch – der begünstigte Liebhaber Josephinens, in deren Haus Fisk thörichter Weise seinen jungen Freund eingeführt hatte. In wenig Monaten hatte der Schatzmeister der Oelläuterungs-Compagnie beinahe hunderttausend Dollars in die eigene Tasche wandern lassen und in Folge dieser Speculation wurde er verhaftet. Doch es dauerte nicht lange, so wurde ein Vergleich abgeschlossen, durch welchen Stokes zu dem bereits bezogenen Gelde noch fünfzehntausend Dollars erhielt, um ihn aus dem Geschäfte zu entfernen. Auch wir wollen uns von der öligen Raffinerie wieder in die Gemächer der Buhlerin zurückbegeben, wo diese, während sie ihrem Wohlthäter Liebe heuchelt, mit ihrem neuen Freunde auf sein Verderben sinnt.

Die an seine „Josie“ gerichteten Liebesbriefe Fisk’s finden sich plötzlich in den Händen von Eduard Stokes, der unter Mittheilung einer Abschrift derselben und unter der Androhung, sie zu veröffentlichen, von James Fisk die Kleinigkeit von zweihunderttausend Dollars verlangt. Aber Fisk läßt sich nicht so leicht in Schrecken jagen. Wozu hat er auch seine Kadis? Er erwirkt also ein richterliches Verbot, durch welches die Veröffentlichung dieser Briefe untersagt wird. Die Juristen nennen dies eine Injunction, und einer solchen wagt weder Stokes, noch ein Zeitungsherausgeber, oder ein Drucker entgegenzuhandeln. Fisk hatte zur Erwirkung des richterlichen Befehls sich eines Documents bedient, welches eine beeidigte Aussage des früher in Josephinens Diensten gestandenen farbigen Dieners enthielt, und nun erhob Stokes Anklage auf Verleitung zum Meineid. Während die Voruntersuchung bei einem Polizeirichter in Yorkville bei New-York stattfand, erschien Fisk vor der Grand Jury und dem Criminalgericht der Stadt und erwirkte die Inanklageversetzung des Stokes wegen versuchter Gelderpressung.

Wir führen den Leser vor das Polizeigericht, wo eben Josephine Mansfield in reicher Seidenrobe, strotzend von Gold und Diamanten, gegen den Geber dieser Schätze Zeugniß ablegt. Sie ist gerade von den Advocaten Fisk’s in’s Kreuzverhör genommen, das heißt man läßt sie moralisch Spießruthen laufen. Mit unbarmherziger Kaltblütigkeit wühlen die Männer des Gesetzes in ihrer Vergangenheit. Jede einzelne Phase ihres Lebens wird zergliedert und sie selbst ist es, welche die Geschichte in Antworten wiederholen muß, die ihr die Anwälte in Form von Fragen in den Mund legen. Ein amerikanischer Advocat im Kreuzverhör kann schrecklich sein. Nicht besser ergeht es dem Stokes; nur daß man ihm eine Fortsetzung der Folterqualen in der nächsten Sitzung in Aussicht stellt. Er weiß, daß dann seine Verbindungen mit professionellen Spielern, Fälschern und Dieben an das Tageslicht gezogen werden sollen. Thränen der Wuth in den Augen verläßt Josephine, tödtlichen Haß im Herzen Stokes das Gericht. Sie treten in Josephinens Boudoir, ein Freund eilt herein und meldet, daß Stokes in Anklagezustand versetzt, der Verhaftsbefehl bereits in den Händen des Sheriff ist. „Wäre ich ein Mann,“ flüstert das Weib, „so wüßte ich, was ich zu thun hätte.“ Und fort stürzt der Mörder, sein Opfer zu suchen. Im Grand Central-Hôtel fand er Fisk, als dieser gerade die Treppe hinaufeilte, um die Wittwe eines Mannes zu besuchen, der ihm in früherer Zeit eine Wohlthat erwiesen, für die er nie aufhörte dankbar zu sein. Von oben herab, aus sicherem Hinterhalte traf ihn die Kugel mitten in die Brust.

Es war noch nicht lange, als man ihn um einen Geldbeitrag angesprochen hatte, um die Umzäunung des Friedhofes in jenem grünen Thale in Vermont zu erneuern. „Wozu denn,“ sagte er scherzend, indem er zugleich einen tiefen Griff in seine Börse that, „ein neuer Zaun? Für die drinnen ist der alte stark genug, und die noch außen sind, werden sich auch nicht sehr herbeidrängen, um hinein zu kommen.“ Dort in der kleinen Vaterstadt ist nun sein Grab. Die Verwünschungen, die ihm während seines Lebens um seiner Thaten willen folgten, sind verstummt, und nur seine guten Eigenschaften, seine guten Handlungen sind lebhaft in der Erinnerung seiner Mitbürger geblieben. Es ist dies ein schöner Zug des amerikanischen Charakters, das Böse zu vergessen und sich auf die Seite des Schwächern und des Verfolgten zu stellen.

Ob in dem nun folgenden Gerichtsdrama die blinde Göttin mit fester Hand die Wage der Gerechtigkeit halten oder ob diese Wage schwanken wird, – wer vermöchte dies vorauszusagen?




  1. Wir bringen mit Obigem ein Lebenszeichen von einem Mann, dessen hervorragende Betheiligung am ersten deutschen Parlament, wie an der badischen Revolution, wo er eine Zeitlang an der Spitze der revolutionären Regierung gestanden, einen Platz in der deutschen Geschichte gefunden. Er lebt jetzt in der Schweiz, nachdem er bei dem Brande von Chicago Alles verloren.
    Die Redaction.