Der Proceß

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Autor: Christian Fürchtegott Gellert
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Titel: Der Proceß
Untertitel:
aus: Sämmtliche Schriften. 1. Theil: Fabeln und Erzählungen, Erstes Buch. S. 40–43
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1769
Verlag: M. G. Weidmanns Erben und Reich und Caspar Fritsch
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck 1746/48
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[40]
Der Proceß.


Ja, ja Processe müssen seyn!
Gesetzt, sie wären nicht auf Erden,
Wie könnt alsdann das Mein und Dein
Bestimmet und entschieden werden?

5
Das Streiten lehrt uns die Natur;

Drum, Bruder! recht und streite nur.
Du siehst, man will dich übertäuben:
Doch gieb nicht nach, setz alles auf,
Und laß dem Handel seinen Lauf;

10
Denn Recht muß doch Recht bleiben.




Was sprecht ihr Nachbar? Dieser Rein,
Der sollte, meynt ihr, euer seyn?
Nein, er gehört zu meinen Hufen.

„Nicht doch, Gevatter! nicht, ihr irrt;

15
„Ich will Euch zwanzig Zeugen rufen,

„Von denen jeder sagen wird,
„Daß lange vor der Schwedenzeit –

Gevatter, ihr seyd nicht gescheit!
Versteht ihr mich? Ich wills euch lehren,

20
Daß Rein und Gras mir zugehören.

Ich will nicht eher sanfte ruhn;
Das Recht, das soll den Ausspruch thun.

[41]
So saget Kunz, schlägt in die Hand,

Und rückt den spitzen Hut die Qveere.

25
„Ja, eh ich diesen Rein entbehre,

„So meid ich lieber Gut und Land.
Der Zorn bringt ihn zu schnellen Schritten,
Er eilet nach der nahen Stadt.
Allein, Herr Glimpf, sein Advocat,

30
War kurz zuvor ins Amt geritten.

Er läuft, und holt Herrn Glimpfen ein.
Wie, sprecht ihr, kann das möglich seyn?
Kunz war zu Fuß, und Glimpf zu Pferde.
So glaubt ihr, daß ich lügen werde?

35
Ich bitt euch, stellt das Reden ein,

Sonst werd ich, diesen Schimpf zu rächen,
Gleich selber mit Herrn Glimpfen sprechen.

Ich sag es noch einmal, Kunz holt Herr Glimpfen ein,
Greift in den Zaum, und grüßt Herr Glimpfen.

40
Herr! fängt er ganz erbittert an,

Mein Nachbar, der infame Mann,
Der Schelm, ich will ihn zwar nicht schimpfen;
Der, denkt nur! spricht, der schmale Rein,
Der zwischen unsern Feldern lieget,

45
Der, spricht der Narr, der wäre sein.

Allein den will ich sehn, der mich darum betrüget.
Herr, fuhr er fort, Herr, meine beste Kuh,
Sechs Scheffel Haber noch dazu!
(Hier wieherte das Pferd vor Freuden.)

50
O! dient mir wider ihn, und helft die Sach entscheiden.


[42]
Kein Mensch, versetzt Herr Glimpf, dient freudiger, als ich.

Der Nachbar hat nichts einzuwenden,
Ihr habt das größte Recht in Händen;
Aus Euren Reden zeigt es sich.

55
Genug, verklagt den Ungestümen!

Ich will mich zwar nicht selber rühmen,
Dieß thut kein ehrlicher Jurist;
Doch dieses könnt ihr leicht erfahren,
Ob ein Proceß, seit zwanzig Jahren,

60
Von mir verloren worden ist?

Ich will euch eure Sache führen,
Ein Wort, ein Mann! ihr sollt sie nicht verlieren.
Glimpf reutet fort! Herr! ruft ihm Kunz noch nach,
Ich halte, was ich euch versprach.

65
Wie hitzig wird der Streit getrieben!

Manch Ries Papier wird voll geschrieben.
Das halbe Dorf muß in das Amt:
Man eilt, die Zeugen abzuhören,
Und fünf und zwanzig müssen schwören,

70
Und diese schwören insgesammt,

Daß, wie die alte Nachricht lehrte,
Der Rein ihm gar nicht zugehörte.

     Ey, Kunz, das Ding geht ziemlich schlecht:
Ich weis zwar wenig von dem Rechte;

75
Doch im Vertraun geredt, ich dächte,

Du hättest nicht das größte Recht.

[43]
Manch widrig Urtheil kömmt; doch laßt es widrig klingen!

Glimpf muntert den Clienten auf:
„Laßt dem Processe seinen Lauf,

80
„Ich schwör euch, endlich durchzudringen;

„Doch – –

Herr, ich hör es schon; ich will das Geld gleich bringen.
Kunz borgt manch Capital. Fünf Jahre währt der Streit;
Allein, warum so lange Zeit?

85
Dies, Leser, kann ich dir nicht sagen,

Du mußt die Rechtsgelehrten fragen.

Ein letztes Urtheil kömmt. O seht doch, Kunz gewinnt!
Er hat zwar viel dabey gelitten;
Allein was thuts, daß Haus und Hof verstritten,

90
Und Haus und Hof schon angeschlagen sind?

Genug, daß er den Rein gewinnt.
O! ruft er, lernt von mir, den Streit aufs höchste treiben,
Ihr seht ja, Recht muß doch Recht bleiben!