Der Rabe (Übersetzung Baumgartner)

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Wechseln zu: Navigation, Suche
Textdaten
Autor: Edgar Allan Poe
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Rabe
Untertitel:
aus: Stimmen aus Maria-Laach, Band 42: Der amerikanische Dichter Edgar Allan Poe. S. 78-82
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1892
Verlag: Herder’sche Verlagsbuchhandlung
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Freiburg im Breisgau
Übersetzer: Alexander Baumgartner
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
Andere Übersetzungen siehe Der Rabe
Wikipedia-logo.png Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
[[index:|Indexseite]]


[78]
 Der Rabe.


Mitternacht war’s, dumpf und schaurig.
Als ich müd’ und matt noch träumte
Ueber sonderbaren Büchern,
Weisheit längst verscholl’ner Zeit –

5
Als ich nickte, fast entschlummert;

Plötzlich da erscholl ein Klopfen,
Wie wenn einer leise pochte,
Pocht’ an meiner Zimmerthür.
„Ein Besucher ist’s,“ so brummt’ ich,

10
„Pochend an der Zimmerthür –

Das nur ist’s und weiter nichts.“

Ach! Genau ich mich entsinne,
Im December war’s, dem fahlen.
Jede Kohle sterbend malte

15
Ihr Gespenst hin auf die Flur.

Sehnend wünscht’ ich, es wär’ Morgen;
Denn vergeblich in den Büchern
Sucht’ ich Trost in meiner Trauer
Um die todte Leonor,

20
Um die Maid, die selt’ne, lichte,

Engel nennen sie Lenor
Namenlos hier immerdar.

Jedes düst’re, vage Rauschen
In des Purpurvorhangs Seide

25
Füllte schrill mich mit phantast’schen

Schrecken, nie gefühlt zuvor.
Um das Klopfen meines Herzens
Drum zu stillen, wiederholt’ ich:
„Ein Besucher ist’s, der fordert

30
Einlaß an der Zimmerthür,

Das nur ist’s und weiter nichts.“

[79]
Jetzt ward meine Seele muth’ger,

Und ich zauderte nicht länger.
„Madam oder Herr!“ so sprach ich,

35
„Um Vergebung bitt’ ich sehr,

Aber ich war eingeschlummert,
Als so leis Sie kamen klopfen,
Als so schwach Sie kamen pochen,
Pochen an der Zimmerthür,

40
Daß ich glaubte, mich zu täuschen – –“

Weit riß ich die Thür nun auf
Dunkel nur und weiter nichts.

Tief hinein ins Dunkel starrend,
Stand ich lange, staunend, fürchtend,

45
Zweifelnd, Wunderträume träumend,

Die ich früher nie gewagt.
Doch rings blieb es todtenstille,
Und die Stille gab kein Zeichen,
Und kein Wort erscholl, nur eines,

50
Das ich lispelte: „Lenor!“

Und ein Echo bracht’ mein Lispeln
Dumpfer mir zurück: „Lenor!“
Dies allein – und weiter nichts.

Und ich ging zurück ins Zimmer,

55
In mir brannte heiß die Seele,

Wied’rum hörte ich das Pochen
Etwas lauter als zuvor.
„Sicher,“ sprach ich, „sicher ist das
Etwas an dem Fenstergitter.

60
Laß mich sehen, was es da gibt,

Und dem Räthsel forschen nach;
Laß mein Herz ein wenig rasten
Und dem Räthsel forschen nach:
’s ist der Wind und weiter nichts.“

65
Offen macht’ ich nun den Laden,

Als mit Rascheln und Geflatter
Kam herein ein mächt’ger Rabe
Wie aus alter, heil’ger Zeit.
Nicht den kleinsten Knix er machte,

70
Kein Minütchen blieb, noch ruht’ er,

Vornehm, gleich Lord oder Lady,
Flog er nach der Zimmerthür,
Flog auf der Minerva Büste
Just ob meiner Zimmerthür.

75
Flog und saß – und weiter nichts.


Dann entlockt’ der schwarze Vogel
Meinem düstern Geist ein Lächeln

[80]
Durch die ernste, strenge Würde,

Die sein Wesen trug zur Schau.

80
„Ist dein Kamm dir auch geschoren,“

Sprach ich, „bist du doch nicht feige,
Grimmer, alter Geisterrabe,
Wandernd aus dem Reich der Nacht.
Welchen hohen Namen trägst du

85
In der Nacht pluton’schem Reich?“ –

Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

Sehr erstaunt hört’ ich den plumpen
Vogel mir so deutlich sprechen,
Ob auch wenig Sinn die Antwort,

90
Wenig Wichtigkeit besaß.

Denn wir müssen doch gestehen,
Daß kein Mensch lebt, der noch jemals
Einen Vogel hat gesehen
Ueber seiner Zimmerthür,

95
Vogel – Thier – auf einer Büste –

Just ob seiner Zimmerthür –
Mit dem Namen: „Nimmermehr.“

Doch der Rabe, auf der stillen
Büste sitzend, sprach dies eine

100
Wort nur, gleichsam seine Seele

Legend in das eine Wort.
Nichts ließ weiter er vernehmen,
Keine Feder ließ er rascheln,
Bis ich endlich lauter murrte:

105
„And’re Freunde längst mich floh’n,

Morgen wird auch er mich lassen,
Wie mein Hoffen schwand bevor.“
Sprach der Vogel: „Nimmermehr.“

Staunend hörte ich das Schweigen

110
Durch so treffend Wort gebrochen.

„Traun,“ sprach ich, „was er geäußert,
Ist sein ganzes Kapital,
Aufgerafft bei einem Lehrer,
Dem das Unglück auf den Fersen

115
Herzlos immer näher rückte,

Bis ein einzig Lied ihm blieb,
Bis der Hoffnung Trauermärsche
Wichen dem Verzweiflungslied:
„Nimmermehr – ach, nimmermehr!“

120
Doch der Rabe noch entlockte

Meinem düstern Geist ein Lächeln,
Stracks rollt’ ich den Polstersessel
Hin vor Vogel, Büste, Thür.

[81]
Dann mich in den Sammet senkend,
125
Spann ich Traum an Traum, bedenkend,

Was das grimme, geisterhafte,
Plumpe, hag’re Unglücksthier
Meinte mit dem „Nimmermehr.“

Dieses sucht’ ich zu ergründen,

130
Doch verrathend keine Silbe

Vor dem Thier, dess’ Feueraugen
Brannten mir durch Mark und Bein.
Dies und mehr saß ich erwägend,
Mit dem Haupt bequem mich lehnend

135
Auf des Kissens Sammethülle,

Das die Lampe matt beschien,
Dessen Purpursammethülle
Mit dem matten Glanz darüber
Sie wird drücken nimmermehr.

140
Dann schien mir, ich athme Weihrauch,

Duftend aus verborg’nen Schalen;
Engel schwangen sie; ihr Fußfall
Tönte auf der weichen Flur.
„Aermster!“ rief ich, „Gott gewährt dir

145
Jetzt durch seine Engelsboten

Linderung und süße Labe
In der Trauer um Lenor.
Schlürfe, schlürf die süße Labe
Und vergiß, vergiß Lenor!“

150
Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“


„Seher!“ sprach ich, „böses Wesen!
Seher, ob Thier oder Teufel!
Ob dich der Versucher sandte
Oder Sturm verschlug zu mir,

155
Traurig, aber unerschrocken

In dies spukgequälte Oedland,
In dies Heim, wo Schreckniß waltet,
Ich beschwör’ dich, sag mir klar,
Gibt’S in Gilead, gibt es Hoffnung? – –

160
Ich beschwör dich, sag mir’s klar!“

Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

„Seher!“ sprach ich, „böses Wesen!
Seher, ob Thier oder Teufel!
Bei dem Himmel uns zu Häupten,

165
Bei Gott, der uns beide schuf,

Sag der schmerzbelad’nen Seele,
Wird sie einst im fernen Eden
Selig nah’n der Maid, der heil’gen,
Engel heißen sie Lenor,

[82]
170
Selig nah’n der Maid, der hehren,

Engel nennen sie Lenor.“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

„Sei dies Wort Signal zum Scheiden,
Vogel oder Teufel!“ schrie ich.

175
„Kehr hinaus in Sturm und Wetter,

In der Nacht plutonisch Reich!
Laß zurück mir keine Feder
Als ein Zeichen deiner Lüge,
Laß allein mich, ungebrochen

180
Von der Büste komm herab!

Fort! aus meinem Herz den Schnabel!
Fort! von meiner Thür dein Bild!“
Sprach der Rabe: „Nimmermehr.“

Und der Rabe, nicht sich mucksend,

185
Sitzt noch immer, sitzt noch immer

Auf Minerva’s blasser Büste
Just ob meiner Zimmerthür.
Und sein Auge sticht so bohrend,
Wie ein Dämon auf der Lauer,

190
Und die Lampe, ihn beleuchtend,

Malt sein Schattenbild am Grund – –
Und nie wird sich wieder heben
Aus dem Schattenbild am Grund
Meine Seele – nimmermehr!