Der Rabe (Übersetzung Neidhardt)

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Textdaten
Autor: Edgar Allan Poe
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Titel: Der Rabe
Untertitel:
aus: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen, 11. Jg, Band 19, S. 185-187
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Georg Westermann
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Erscheinungsort: Braunschweig
Übersetzer: Alexander Neidhardt
Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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[185]
Der Rabe von Edg. Allan Poe.


Einst in mitternächt’ger Stunde,
Als ob lang vergess’ner Kunde
Ich in alten, netten Bänden
     Grübelte, das Herze schwer,

5
Und ich nickend kaum noch wachte,

Plötzlich ich zu hören dachte
Klopfen an der Thür es sachte.
     „Ein Besucher ist es, der
Angeklopft!“ so sagt’ ich murmelnd,

10
     „Ein Besucher ist es, der

Klopft, – nur dies – und sonst nichts mehr.“ –

O mir dünkt noch völlig klar es –
In Decembers Bleiche war es –
Sterbend jeder Aschefunken

15
     Malte Geister rings umher;

Heiß ersehnte ich den Morgen,
Denn umsonst strebt’ ich zu borgen
Aus den Büchern Trost für Sorgen
     Um Lenore, die nicht mehr;

20
Um das strahlend holde Mädchen,

     So genannt im Engelheer –
     Hier einst namenlos so sehr.[1]

Und das dunkle, traurig-milde
Rauschen seidnen Vorhangs füllte

25
Mich mit Schauer, mit phanthast’schem

     Grausen, nie gefühlt vorher;
So daß, meines Herzens Schlagen
Zu besänft’gen, ich mit Zagen
Wiederholte: „Anzufragen,

30
     Ob nicht unwillkommen er,

Klopft noch später ein Besucher,
     Ob nicht unwillkommen er,
Einlaß wünschend – sonst nichts mehr!“

So mein Herz zur Ruhe bracht’ ich –

35
Und nicht länger zögernd sagt’ ich:

„Monsieur oder Madame – wahrlich,
     Um Vergebung bitt’ ich sehr;
Doch die Wahrheit ist, ich wachte
Kaum noch recht, – und so ich dachte,

40
Da ihr klopftet nur so sachte,

     Mich getäuscht hat mein Gehör!“
Drauf die Thüre öffnet’ weit ich –
     Ja – mich täuschte mein Gehör –
     Nacht war draußen – sonst nichts mehr!

45
Tief dann in das Dunkel schauend,

Stand ich lange, staunend, grauend,
Zweifelnd, träumend, wie noch nimmer
     Sterblicher gewagt vorher;
Aber Nichts brach’s tiefe Schweigen,

50
Und das Dunkel gab kein Zeichen;

Nur „Lenore“ klang’s im weichen
     Flüsterlaute leis daher.
Ich sprach selbst es, und ein Echo
     Klang „Lenore!“ leis daher –

55
     Einzig dies – und sonst nichts mehr!


Mich zurück in’s Zimmer ziehend,
Meine Seele tief erglühend,
Hört’ ich wieder bald ein Pochen,
     Etwas lauter, als vorher.

60
„Sicher, sprach ich, ist es, daß es

An das Fenster klopfte, – lass’ es
Darum mich erforschen, was es, –
     Schweig’, mein Herz, daß ich erklär’
Dies Geheimniß, nur ’ne kleine

65
     Weile, daß ich es erklär’,

     ’s ist der Wind – und sonst nichts mehr!“

Oeffnet’ drauf ich’s Fenstergatter,
Als in’s Zimmer mit Geflatter
Stattlich schritt herein ein Rabe

70
     Aus vergangnen Zeiten hehr;

Nicht zum Gruß sich beugt’, noch bog er,
Keinen Augenblick verzog er,

[186]
Nein, vornehmer Miene flog er

     Ueber meine Thür’, wo er

75
Saß, auf einer Büst’ der Pallas,

     Grad’ ob meiner Thür’, wo er
Saß sich spreizend – sonst nichts mehr.

Und der nächt’ge Vogel machte,
Daß mein trübes Herze lachte

80
Ueber’s würdige Decorum

     Seiner Mien’, gedankenschwer.
„Ob gestutzt dir, sagt’ ich, immer
Sei der Kamm, bist du doch nimmer
Alter Rab’, gespenstig grimmer,

85
     Zieh’nd vom nächt’gen Strande her;

Sag’, welch’ stolzen Namen trägst du
     Vom Pluton’schen Strande her?“
     Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

Ob des täpp’schen Vogels war ich,

90
Sehr erstaunt, als also klar ich

Hört’ ihn sprechen, ob die Antwort
     Dunkel auch, bedeutungsleer;
Denn ich mußte mir gestehen,
Wie es wohl noch nie geschehen,

95
Daß ein Sterblicher gesehen

     Solchen Vogel, steif und hehr,
Sitzend auf der Büste über
     Seiner Thüre, steif und hehr,
     Der geheißen: Nimmermehr!

100
Doch der Rabe, dort alleine,

Einsam sitzend, sprach das eine
Wort nur, als ob seine Seele
     In dies Wort gegossen wär’;
Weiter Nichts hervor er brachte,

105
Kein Geräusch’ ’ne Feder machte,

Bis ich, kaum gemurmelt, sagte:
     „Andre Freunde floh’n vorher!
Morgen wird er mich verlassen,
     Wie mein Hoffen mich vorher!“

110
     Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“


Ich erschrak, als ward gebrochen
Durch das Wort, so klar gesprochen,
Jetzt die Stille: „Sicher, sagt’ ich,
     All sein Vorrath ist’s, den er

115
Aufgeschnappt bei einem armen

Meister, welchem ohn’ Erbarmen
Unglück folgte, bis des Armen
     Lieder mit dem Wort, so schwer,
Schlossen all, und seines Hoffens

120
     Grablied mit dem Wort, so schwer,

     Schloß mit: Nimmer-Nimmermehr!“

Doch da stets der Rabe machte
Daß mein krankes Herze lachte,
Alsogleich mit meinem Polster

125
     Nach der Thüre macht’ ich Kehr;

Dann auf’s Kissen nieder sank’ ich,
Träume so an Träume schlang ich,
Und vertiefend mich, dacht’ lang ich,
     Was der Vogel ungefähr,

130
Der gespenst’ge, hagre, grimme

     Unglücksvogel ungefähr
     Meine, krächzend: Nimmermehr.

Also grübelnd, sinnend lag ich;
Doch kein Wort zum Vogel sprach ich,

135
Dessen feur’ge Augen brannten

     Mir in’s tiefste Herz – und schwer
Von Gedanken, ließ ich neigen
Sich mein Haupt dann auf den weichen
Sammt des Kissens, daß der bleichen

140
     Lampe Schimmer mich nicht stör’,

Auf den Sammt, darauf sich neigen,
     Daß sie’s Lampenlicht nicht stör’,
     Sie ach, wird doch nimmermehr!

Dann schien süßer Duft zu mengen

145
Mit der Luft sich, als ob schwängen

Engel ein unsichtbar Rauchfaß,
     Deren Fußtritt träte hehr;
„Armer! rief ich, Gott dir wendet
In den Engeln, dir gesendet,

150
Trost zu, daß dein Leid geendet

     Um Lenore; leer’ drum, leer’
Des Vergessens Trank – gedenke
     Ihrer nimmer, leer’ ihn, leer!“
     Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

155
[187]
„Du Prophet, sprach’ ich, ohn’ Zweifel

Dies, ob Engel, oder Teufel,
Sprich, ob der Versucher sandt’ dich,
     Ob dich Sturm hat von dem Meer
Einsam, aber ohne Zagen

160
An dies öde Land verschlagen,

In das Haus des Grams – und sagen
     Sollst du mir – ich bitt’ dich sehr:
Gibt’s – o gibt es Trost in Gilead?
     Sag’s getreu – ich bitt’ dich sehr!“

165
     Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“


„Du Prophet, sprach ich, ohn’ Zweifel
Dies, ob Engel, oder Teufel,
Bei dem Himmel ob uns, bei dem
     Gott, dem geben wir die Ehr’:

170
Künde dieses Herzens Bangen,

Ob in fernem Reich umfangen
Wird ’ne Maid all sein Verlangen,
     Die „Lenore“ im Engelheer
Heißt, – das strahlend holde Mädchen,

175
     So genannt im Engelheer?“

     Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

„Sei dies’ Wort des Scheidens Zeichen!
Zu der Nacht Pluton’schen Reichen
Fort – zum Sturm, ob Vogel oder

180
     Teufel, schrie ich, fort! und stör’

Meine Einsamkeit nicht, – keine
Schwarze Feder, die an deine
Lüg’ gemahn’, laß’ hier, – alleine
     Laß’ mich, – von der Büst’, o hör’

185
Fort mit dir! und deine Krallen

     Nimm aus meiner Brust, o hör’!“
     Sprach der Rabe: „Nimmermehr!“

Und der Rabe, wankend nimmer,
Sitzt noch immer, sitzt noch immer

190
Auf der Pallas weißer Büste

     Ueber meiner Thür’; – als wär’
Er ein Dämon, traumbefangen,
Scheint sein Aug’ – und seine langen
Schatten wirft die Lamp’ im bangen

195
     Dämmer an der Wand umher;

Und mein Herz aus diesem Schatten,
     Lagernd um mich dicht umher,
     Wird sich heben – Nimmermehr!


  1. Im Original ist auch hier, wie in allen andern Strophen, der Schlußreim more, nämlich evermore. Im Deutschen gibt es keine Reime mit „mehr“ für immer, ewig, – und so wird die einzige Abweichung von der Form nicht zu streng beurtheilt werden.