Der Raubritter Vicho

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Textdaten
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Autor: Jodocus Donatus Hubertus Temme
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Titel: Der Raubritter Vicho
Untertitel:
aus: Die Volkssagen von Pommern und Rügen. S. 201–202
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1840
Verlag: Nicolaische Buchhandlung
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Google und Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
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159. Der Raubritter Vichov.

Nicht weit von Uchtenhagen in Hinterpommern sieht man an einer Wiese einen großen trüben Sumpf. An der Stelle desselben hat früher ein hoher Berg gestanden, und auf diesem eine feste Burg. In dieser Burg hat ein mächtiger und grausamer Raubritter, Namens Vichov, gehauset, der nicht nur der Schrecken aller Kaufleute und Reisenden war, sondern den auch die gesammte Ritterschaft in der Umgegend fürchtete. Denn auf seinem starken, auf dem hohen Berge liegenden Schlosse konnte ihm Niemand etwas anhaben, und er hatte überdies einen übergroßen Haufen wilden, aber tapferen Gesindels um sich.

Dieser Vichov hatte beständig auf der Zinne seiner Burg Einen seiner Leute auf Wache stehen; der mußte, wenn sich Jemand nahete, sey es Ritter, oder Kaufmann, oder sonst ein Reisender, mit einem silbernen Glöcklein ein Zeichen geben. Dann stürzte Vichov mit seiner Rotte von der Burg herunter, über die Armen her. Dabei hatte er eine Gewohnheit, die war folgende: Wer sich ihm widersetzte, der wurde ohne Gnade niedergestoßen; wer aber sein Leben erhalten wollte, der mußte ihm fortan dienen. – Den Rittern und Landleuten der Gegend war sein Druck am Ende unerträglich geworden, und sie thaten sich daher einstmals ihrer mehr denn zehntausend Mann zusammen, und belagerten ihn in seiner Burg. Allein er verspottete und verhöhnte sie, und als sie den Mauern sich naheten, goß er siedendes Wasser, Oel, Blei und Pech auf sie, also daß er sie zur Hälfte tödtete, und die andere Hälfte die Flucht nahm. Den Fliehenden setzte er nach, und er nahm [202] Alle, die er einholen konnte, gefangen. Die sperrte er in einen großen Hundestall, den er ansteckte, so daß sie sammt und sonders jämmerlich verbrannten.

Nach diesem war er sehr übermüthig geworden, und befahl seinen Leuten, daß sie ihn als ihren Herrgott ansehen und verehren sollten, denn er könne auch Alles, was er wolle, wie der liebe Gott. Das war aber sein Verderben, denn als er desselben Tages mit seinen Genossen zu Tische saß, und mit ihnen am Zechen war, und nun, Allen unerwartet das silberne Glöcklein zu läuten anfing, da verzerrte er auf einmal gräßlich die Augen, seine rothen Haare stiegen ihm zu Berge, und indem er einen gotteslästerlichen Fluch ausstieß, versanken unter Donner und Krachen der Berg und die Burg tief in die Erde hinein, so daß man an ihrer Stelle nur den trüben Sumpf sah, der noch jetzt da ist.

Dies war am Johannistage. Wenn man an einem Johannistage um die Mittagszeit an dem Sumpfe vorbeigeht, so kann man tief im Grunde desselben noch jetzt das silberne Glöcklein läuten hören. Es wahrt sich aber Jeder davor, denn man sagt, wer das Glöcklein höre, der müsse noch in demselben Jahre sterben, wenn er nicht mit dem Teufel im Bunde stehe.

Acten der Pomm. Gesellschaft für Geschichte.
Baltische Studien, II. 1. S. 165. 166.