Der Ritter von Angeloch

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Autor: Alois Wilhelm Schreiber
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Titel: Der Ritter von Angeloch
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 560–564
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Der Ritter von Angeloch.[1]

Als der heil. Bernhard im Dome zu Speyer das Kreuz predigte, ließen sich viele Edle am Rhein damit bezeichnen und unter ihnen auch der Ritter von Angeloch, dessen Burg einige Stunden von Heidelberg lag. Er hatte eine junge schöne Gattin und zwei hoffnungsvolle Knaben; aber so sehr auch sein Herz an Weib und Kindern hing, so siegte doch die fromme Schwärmerei jener Zeit über seine zärtlichen Gefühle, und er schloß sich den Zügen der Kreuzfahrer an, nachdem er seine Lieben dem Schutze des Ritters Konrad von Asbach empfohlen, der am Neckar wohnte und zwar ein tapferer, aber auch äußerst habsüchtiger, überdies schnöden Lüsten ergebener Mann war, welche Fehler der Ritter von Angeloch freilich nicht in ihm vermutete.

Ein Jahr war seit des Letzteren Abreise verflossen, als ein Knecht desselben mit der Trauerbotschaft aus Palästina heimkehrte, sein Herr sey in einem Gefechte mit den Ungläubigen an seiner Seite gefallen. Als Wahrzeichen übergab er der Frau Irma den Ring, welchen er ihrem sterbenden Gatten vom Finger gezogen.

Die unglückliche Wittwe versank in trostlosen Schmerz. Sie hüllte sich in Trauerkleider und ließ viele Messen lesen für die Ruhe des Hingeschiedenen.

So gingen sechs Monate vorüber, während welcher Zeit [561] Frau Irma eingezogener als eine Wittwe lebte und sich außer ihren gottesdienstlichen Uebungen blos noch der Erziehung ihrer beiden Knaben widmete. Da besuchte sie eines Tages der Ritter von Asbach auf ihrer Burg und warb um ihre Hand, was sie aber auf glimpfliche Weise ablehnte. Dies hielt ihn jedoch nicht ab, seine Bewerbungen, und zwar immer zudringlicher, zu wiederholen, bis Frau Irma rund und bestimmt erklärte, sie werde niemals zu einer zweiten Ehe schreiten. Nun warf der ungestüme Dränger die heuchlerische Maske ab, die er als Schutzherr der Wittwe angenommen und ließ dieselbe wissen, sie habe nun keine andere Wahl mehr, als seine Hand oder seine Feindschaft, die auch ihre Söhne nicht verschonen werde.

Frau Irma wurde von Todesangst ergriffen. Gerne hätte sie das Leben für ihre Kinder hingegeben, allein das Opfer, welches sie bringen sollte, war größer. Nichts aber ist zu schwer für ein Mutterherz. Sie entschloß sich endlich, die Gattin des von ihr verabscheuten Mannes zu werden, nur bat sie, das Trauerjahr als Wittwe ganz vollenden zu dürfen, welche Bewilligung sie nur mit Mühe vom Ritter von Asbach erhielt.

Wieder gingen sechs Monate vorüber und der Tag rückte heran, an welchem Irma ihren Witwenschleier mit dem Brautgewande vertauschen sollte. Je näher aber der gefürchtete Zeitpunkt kam, desto unsäglicher ward ihre Qual. Sie zerfloß in Gebet und Thränen und verließ am letzten Tage vor der Vermählung kaum für Augenblicke die Schloßkapelle. Ihr Beichtvater sprach ihr Trost zu und ermahnte sie zum Vertrauen auf Gott, der ja dem Menschen nicht mehr aufzulegen pflege, als er zu tragen im Stande. Da ihr Leiden ein unverschuldetes sey, bleibe ihr ja der Troste eines reinen Gewissens. – Die Worte des frommen Priesters übten eine wunderbare Wirkung auf die gebeugte Frau, sie fühlte sich im Innersten erleichtert und verließ die Kapelle weit gefaßter, als sie dieselbe betreten hatte.

Noch am Abend des nämlichen Tages kam ein Pilger in das Dorf, welches in geringer Entfernung von Burg Angeloch lag. Der Mann war in einen langen, dunklen Mantel gehüllt; aus der zurückgeschlagenen Kaputze blitzten ein paar kühne Augen; das Haar schien frühzeitig ergraut; die Züge des Antlitzes waren fein, die Wangen von Wind und Wetter [562] gebräunt; um die schön geformten Lippen lag aber ein Ausdruck von Bitterkeit, der nur zuweilen einem freundlichen, vertraueneinflößenden Lächeln wich.

Auf seinem Gange durch das Dorf schien der Fremde noch unentschlossen, wo er einkehren sollte, bis er endlich den Weg zu der Schenke einschlug, die das äußerste Haus des Dorfes war. Hier zog er seine Kaputze über den Kopf und trat in die Stube.

„Wollt Ihr einem Pilger eine Nachtherberge geben?“ – frug er den Wirth.

„Recht gerne, warum denn nicht?“ – erwiederte dieser freundlich und wies dem neuen Gaste einen Platz an dem Tische an, woran bereits der Schmied, der Wagner und der Fleischer des Dorfes bei einigen Kannen Bier saßen. Der Pilgrim zog es jedoch vor, sich an einem Nebentische niederzulassen und schien wenig Lust zu haben, an der Unterhaltung der Anderen Theil zu nehmen. Bald aber lenkte ihr Gespräch, welches sich über die morgen stattfindende Vermählung der Edelfrau von Angeloch verbreitete, seine volle Aufmerksamkeit auf sich. Wer ihn in diesem Augenblicke beobachtet hätte, müßte bemerkt haben, daß eine Leichenblässe sein Antlitz überzog und er am ganzen Körper zitterte, wie vom Fieberfroste gerüttelt. – „Die arme gnädige Frau!“ – rief der Wirth – „man raunt sich schreckliche Dinge ins Ohr über das Verhältniß des Ritters von Asbach zu ihr.“ – „Nein, man sagt’s ja laut und öffentlich“ — fiel der Schmied ein; „der schlimme Ritter hat ihr gedroht, ihre Kinder umbringen zu lassen, wenn sie nicht morgen freiwillig ihm ihre Hand vor dem Altare reiche.“

„Weiß man denn so gewiß, daß ihr Gemahl in Palästina den Tod gefunden?“ fragte jetzt der Pilger mit bebender Stimme.

Der Wirth erzählte den Bericht des Knechtes, welcher den Ring des Ritters von Angeloch als Wahrzeichen heimgebracht hatte.

„Der Knecht hat nicht gelogen;“ – versetzte der Pilger – „dessenungeachtet befindet sich aber der Ritter von Angeloch noch unter den Lebenden.“

[563] „Wär’s möglich!“ – riefen Wirth und Gäste wie aus einem Munde.

„So ist es;“ – erwiederte der Pilger, – „denn ich habe die Rückreise aus Palästina nach Teutschland an seiner Seite gemacht.“

„Seine Wunde war also nicht tödtlich?“ fragte der Wirth.

„Er lag schwer getroffen von einem Kolbenschlage wie ein Todter unter dem Haufen der Gefallenen; aber glücklicher Weise blieben die Christen zuletzt Herren des Schlachtfeldes, und als man den Ritter von Angeloch mit den übrigen Erschlagenen begraben wollte, ward man noch einige Zeichen des Lebens an ihm gewahr und brachte ihn in ein benachbartes Hospital, wo er, obwohl äußerst langsam, doch endlich ganz von seinen Wunden genaß. Ohne Zweifel wird er noch zeitig genug hier eintreffen, um dem Hochzeitfest auf seiner Burg zuvorzukommen.“

„Wollte Gott, dem geschähe so!“ riefen die Anwesenden einhällig.

„Kann er wohl noch auf seine Unterthanen rechnen?“ – fragte der Pilger.

„Das will ich meinen!“ – schrieen der Schmied und der Fleischer, ihre stämmigen Fäuste auf den Tisch schlagend, daß die Flaschen klirrten – „Wir Alle geben Gut und Blut für unsern gnädigen Herrn!“

Jetzt schlug der Pilger seine Kappe zurück: „Seht ihn hier vor Euch stehn!“ rief er und bot ihnen die Hand, die sie mit Küssen überdeckten.

Nach dem ersten Erguß ihrer Freude über diese unerwartete Heimkehr wurde verabredet, der Schmied, der Wagner und der Fleischer sollten alsbald in Angeloch und in der ganzen Umgegend soviel waffenfähige Mannschaft zusammenbieten als möglich, und sie noch im Laufe derselben Nacht heimlich auf die Burg führen; der Wirth aber übernahm es, die Edelfrau auf die Erscheinung ihres Gatten vorzubereiten, damit ihr die Ueberraschung nicht lebensgefährlich werden möge.

So geschah es auch. Am andern Morgen um die neunte Stunde nahte sich ein großer Zug von Reitern der Burg Angeloch; ihnen voran sprengte der Ritter von Asbach in prächtigem Schmucke, von drei anderen Edelleuten begleitet, die er [564] als Zeugen zu der Trauung eingeladen hatte. In einiger Entfernung folgte ein großer Haufe anderer Bewaffneter. Kaum war aber der rohe Bräutigam mit seinen drei Genossen über die Zugbrücke in den Schloßhof geritten, als jene plötzlich aufgezogen und er somit von seinem übrigen Gefolge abgeschnitten wurde. Wüthend schwang er sich vom Pferde und befahl, die Brücke sogleich wieder aufzuziehen, da trat unversehens ein ganz in Stahl gewappneter Ritter mit geschlossenem Visier aus der Burgpforte auf ihn zu, grüßte dessen Begleiter auf sittige Weise und sprach dann mit ernstem Tone:

„Edle Männer, was verdient wohl Derjenige, welcher das Vertrauen eines Biedermannes, der seinem Schutze sein theuerstes Gut empfohlen, auf das Schändlichste mißbrauchte?“

„Daß man ihm sein Wappenschild und Schwert zerbreche und vor die Füße werfe!“ – antwortete der Aelteste der Edelleute.

„Wohlan, so soll dir auch geschehen, ehrloser Ritter von Asbach!“ – donnerte jetzt der Gewappnete und öffnete sein Visier.

„Ha! der Ritter von Angeloch!“ – scholl es aus Aller Kehlen, indessen Ritter Konrad zusammenbebte wie ein Verbrecher, dem sein Schuldbrief vorgelesen wird, und außer Stande war, ein Wort zu seiner Vertheidigung hervorzubringen.

Der Ritter von Angeloch gab alsbald Befehl, die Zugbrücke für den Elenden niederzulassen, der sich auch eiligst, von den Spottrufen der Burgleute verfolgt, unter vielen Flüchen entfernte. Die Edelleute, welche denselben hieher begleitet hatten, nahmen gern die Einladung des Herrn von Angeloch an, statt einer Hochzeit das Fest seiner glücklichen Heimkehr mit ihm zu feiern, das auch unter überströmendem Jubel seiner Gattin und Kinder begangen wurde.

Der entehrte Ritter von Asbach befehdete zwar kurze Zeit darauf den von Angeloch und fügte ihm großen Schaden bei, aber der Pfalzgraf, als dessen Lehnsherr, zwang jenen nicht nur zum völligen Schadenersatze, sondern ließ auch später die Burg Asbach zerstören, weil deren unverbesserlicher Eigenthümer es wiederholt wagte, den Landfrieden zu brechen.

(S. Al. Schreiber’s „Sagen aus den Rheingegenden und dem Schwarzwalde.“ 1829.)

  1. Schloß und Pfarrdorf, von Neckargemünd anderthalb Stunden südöstlich entfernt.