Der Sadist der Landwehr (Tucholsky LL)

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Textdaten
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Autor: Kurt Tucholsky
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Titel: Der Sadist der Landwehr
Untertitel:
aus: Lerne lachen ohne zu weinen, S. 129-132
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1932 (EA 1931)
Verlag: Ernst Rowohlt
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Scans auf commons
Kurzbeschreibung:
Erstdruck in: Vorwärts, 6. Juli 1914

Der Sadist der Landwehr aus: Das Lächeln der Mona Lisa

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Der Sadist der Landwehr
Erschienen 1914 im „Vorwärts“;
drei Wochen vor Kriegsbeginn

Wenn die alten Herren kriegswütig werden, das ist von je eine possierliche Sache gewesen. Der Bart sträubt sich, die Äuglein blitzen, und da soll doch auf den Erbfeind gleich ein Hämorrhoidonnerwetter herunterfahren! „Weil wir nicht kriegsbereit sind!“

So heißt eine kleine Broschüre, die ein Medizinalrat und Stabsarzt der Landwehr außer Diensten geschrieben hat. Ich denke, daß Name und Verlag nichts zur Sache tun, denn ich möchte nicht, daß jemand für das Heftchen Geld ausgibt. Wenn der kleine Aufsatz wirklich, wie der Verfasser es nennt, ein Beitrag „zur Psychologie des Imperialismus“ ist, dann kann einem diese Geistesrichtung allerdings leid tun.

Dieser Stabsarzt hat wohl nie in seinem Leben den mordenden [130] Säbel, sondern immer nur das Hörrohr gezückt und hat wohl nie geschossen, es sei denn daneben. Und nun greift er auf das Jahr 1813 zurück und beschreibt die Grausamkeiten und Schlächtereien dieser Zeit mit so intensivem Vergnügen, daß man ihm den Titel Medizinalsadist nicht mehr verweigern darf. Er spricht von der „Halalischlacht“ von Waterloo und wälzt sich noch einmal freudig stöhnend im Blute der Gefallenen. Nach diesem Akt, in dem Blücher ein „titanischer Prolet“ genannt wird, hat er genug. „Verschonen wir uns mit ferneren Details! Ich – es muß endlich heraus – ich kann diesen Leuten nicht böse sein! Im Gegenteil! Im allerschärfsten Gegenteil!“ Und dann teilt er jedes Volk in zwei Klassen, in die geborenen Krieger und in die andern. „Menschen, denen es mehr oder weniger Mühe macht, Courage aufzubringen.“ Früher, in der schönen alten Zeit, hätten bei den Söldnertruppen wohl nur die geborenen Krieger gekämpft. „Heutzutage aber haben wir es mit der Majorität der Friedlichen, der Temperamentarmen zu tun. Leider kann man auf sie nicht verzichten der Übermacht wegen, die man braucht. Was soll man also im Ernstfall mit all diesen Phlegmatikern, verwöhnten Schlemmern, Muttersöhnchen, Interesselosen, Dickbäuchen, Gewohnheitsspießern, Bangbüxen und sanften Antönchen anfangen? Wir haben es nicht nötig, uns lange den Kopf zu zerbrechen, denn wir wissen sowieso, daß diesen Leuten sofort geholfen ist, wenn ihnen eine Leidenschaft eingeflößt wird. Diese Leidenschaft kann in unserem Falle nur der Haß sein.“

Und dann folgt auf den nächsten Seiten eine Verherrlichung der Nationalbesoffenheit, der niedrigsten Stufe aller Leidenschaften, die man denn doch bei einem Christen nicht für möglich gehalten hätte. Der Mann, der bestimmt ein friedlicher Bürger ist, läßt hier wie aus einem Ventil seine gefährlichen [131] Emotionen auspuffen, die er anderswo nicht ungestraft entladen dürfte. Solche Menschen finden wir gewöhnlich sonst nur als Erzieher in den Mädchenstiften; von Dippold bis zu den peitschenden Fürsorgeerziehern ist uns die Sorte wohl bekannt. Der Medizinalsadist der Landwehr außer Diensten bringt zum Belege Kriegslieder, die von Haß triefen, und er ist der festen Überzeugung, der habe den Erfolg für sich, der am meisten Haß aufzuweisen hätte. „Jener herrliche, niederrasende Haß ist der Beginn, die Hauptsache, der echte und erste Götterfunke. Wir heutigen Deutschen müßten wahrhaftig ganz von Gott verlassen sein, wenn wir aus alledem nicht die Nutzanwendung zögen!“ Die ganze Innenpolitik paßt dem Landwehrsadisten nicht, das ist ihm alles zu weich und zu läppisch: „Erziehung zum Haß! Erziehung zur Liebe zum Haß! Organisation des Hasses! Fort mit der unreifen Scheu, mit der falschen Scham vor Brutalität und Fanatismus! Auch politisch gelte das Wort: Mehr Backpfeifen, weniger Küsse!“

In einem Verzeichnis der in der Zeit von 1903-1913 in Preußen verbotenen Bücher finde ich auch zwei, deren Lektüre dem Medizinalrat bestens empfohlen sei: „Rombach, Kurt. Meine grausame, süße Reitpeitsche. Preßburg, Hermann Hartleb“ – und: „Das Tagebuch einer Masseuse. Deutsch von Klara M. Budapest, Grimm.“ Sagte ich Lektüre? Aber er soll selbst solche Bücher schreiben und nicht Patriotismus nennen, was eine krankhafte Gemütsart ist!

Wir alle wissen, daß ein gesunder Haß keine Schande ist, aber wir alle wissen auch, daß es das Streben jeder Zivilisation ist, tierische Instinkte im Interesse der Allgemeinheit möglichst einzudämmen. Ob das ganz und gar möglich sein wird, steht in Frage, aber versuchen soll man es doch. Auch daß einmal ein ganzes Volk in berechtigtem Haß gegen ein [132] anderes aufflammt und zu den Waffen greift, ist richtig und erklärlich, aber man muß nicht vergessen, daß moderne Kriege wesentlich auf kapitalistischen Gründen beruhen und daß alles andre ein wohl angelegter Schwindel ist: die Volksbegeisterung und die flatternden Fahnen und die Orden und alles das.

In der altgermanischen Volkssage wird der edle Hödur von dem hinterhältigen Loki tückisch ermordet. Der Medizinalrat ist auf seiten Lokis, weil der zwar weniger Geist, aber doch mehr Körperkräfte hatte, und fragt höhnisch: „Ist Hödur inoperabel?“ Ich weiß das nicht. Daß aber der Medizinalrat operabel ist, steht fest. Er soll sich kastrieren lassen.