Der See von Oeningen

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Textdaten
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Autor: L. Würtenberger
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Titel: Der See von Oeningen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 333–335
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der See von Oeningen.

Wer schon Gelegenheit hatte, ein größeres Naturaliencabinet nicht blos flüchtig durchzusehen, erinnert sich vielleicht noch an jene gelblichweißen Kalksteintäfelchen, welche sehr deutliche und bis zu der feinsten Nervation wohlerhaltene Abdrücke von Baumblättern der mannigfaltigsten Formen zeigen, oder auf denen versteinerte Käferchen, Fliegen oder Ameisen, zuweilen auch wunderschön erhaltene Fischchen zu sehen sind. Alle diese feinen Versteinerungen stammen aus den berühmten Steinbrüchen von Oeningen. Es ist bis jetzt kein zweiter Fundort bekannt, der sich in Bezug auf Reichhaltigkeit und gute Erhaltung der versteinerten Formen mit Oeningen messen könnte, und deshalb fehlen diese Versteinerungen in einer größeren Naturaliensammlung gewiß selten.

Schon lange bevor man den wahren wissenschaftlichen Werth der Versteinerungen würdigen konnte, wurden auch die Oeninger Funde als Raritäten aufgehoben. Es werden besonders die Mönche des ehemaligen Augustinerklosters zu Oeningen als Sammler bezeichnet, und ein Züricher Gelehrter, Namens Scheuchzer, der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts lebte, beschrieb mehrere Oeninger Funde auf eine recht ergötzliche Art. Derlei Sachen hielt man damals für treffliche Belege zur mosaischen Schöpfungsgeschichte; Scheuchzer glaubte sogar das Skelet eines bei der Sündfluth ertrunkenen Menschen aufgefunden zu haben und wurde dadurch auf’s Höchste begeistert, und dieser Begeisterung verdanken die Gläubigen eine recht erbauliche poetische Production. Scheuchzer redet den versteinerten Menschen mit folgenden Worten an:

„Betrübtes Beingerüst von einem alten Sünder,
Erweiche Sinn und Herz der neuen Bosheit Kinder!“

In späterer Zeit stellte es sich freilich heraus, daß Scheuchzer sich geirrt habe. Der berühmte Anatom Cuvier wies nämlich auf das Allerbestimmteste nach, daß der angebliche vorsündfluthliche Mensch eigentlich gar kein Mensch, sondern blos ein riesiger Salamander sei, der einst im Oeninger See gelebt hatte. Aehnliche Riesensalamander finden sich jetzt noch in den Gewässern von Japan und eines Theils von Amerika.

Oeningen liegt im südlichen Baden, in der Nähe des Bodensees, da wo der Zeller- oder Untersee allmählich in den Rhein sich verschmälert. Die Steinbrüche sind etwa eine halbe Stunde von Oeningen entfernt, der eine liegt etwa fünfhundertfünfzig Fuß, der andere siebenhundert Fuß über dem Spiegel des Bodensees. Die Brüche liefern Kalkstein und zum Theil dünnschiefrige Kalkmergel.

Die Versteinerungenkunde (Paläontologie) ist eine noch sehr junge, aber doch schon gut ausgebildete Wissenschaft; noch nicht gar lange hat man den wahren wissenschaftlichen Werth der Versteinerungen erkannt. Auch die Oeninger Fossilreste konnten [334] daher erst in verhältnismäßig neuerer Zeit genauer untersucht und richtig gedeutet werden. Viele Forscher haben an diesen Untersuchungen Theil genommen; einer der eifrigsten war wohl Professor Heer in Zürich, welcher die Oeninger fossilen Pflanzen und Insecten sehr ausführlich bearbeitete. Die Resultate dieser Untersuchungen geben uns ein getreues Bild von unserem Lande aus einer längst verflossenen Zeit; sie lehren uns, daß vor vielen, vielen Jahrtausenden, lange bevor der Mensch den Schauplatz der Schöpfung betrat, unsere Gegend mit einer Pflanzendecke bekleidet und von Thieren bevölkert war, wie man sie jetzt in ähnlicher Weise nur noch in Ländern der heißen Sonne antrifft.

Man hat bis jetzt in den Oeninger Steinbrüchen gegen fünfhundert verschiedene fossile Pflanzenarten und über neunhundert Thierarten entdeckt. Unter diesen ist nicht eine einzige Art, die mit einer jetzt lebenden vollständig übereinstimmte. Jedoch lassen sie sich meistens in jetzt lebende Gattungen einreihen und manche derselben haben in der heutigen Schöpfung sehr nahe Verwandte, die man aber in den meisten Fällen in wärmeren Zonen aufsuchen muß. Von den Pflanzen liegen meistens nur einzelne Theile zur Untersuchung vor, gewöhnlich nur Blätter; manchmal sind zwar auch noch Blüthen und Früchte erhalten geblieben. Genaue Vergleichungen dieser Ueberreste mit den jetztlebenden Pflanzenarten haben gelehrt, daß sie zum großen Theile von Holzgewächsen, Bäumen und Sträuchern herstammen, von welchen mindestens die Hälfte, über hundertfünfzig Arten, in einem immergrünen Laubschmucke prangten. Es ist mithin ein bedeutender Unterschied zwischen unserer jetzigen Flora und derjenigen, von welcher uns in den Oeninger Kalkmergeln ein Herbarium aufbewahrt wurde; denn in unsern Wäldern treffen wir jetzt keinen einzigen immergrünen Laubbaum mehr, alle verlieren vor Beginn des Winters ihre Blätter; höchstens ein paar minderwichtige Sträucher, wie die Stechpalme, der Epheu und die Mistel sind das ganze Jahr durch grün. Je weiter wir uns gegen Süden wenden, desto mehr nimmt die Zahl der immergrünen Holzgewächse zu, bis sie endlich die Oberhand gewinnen. Die Holzpflanzen, welche in jenen fernen Zeiten bei Oeningen wuchsen, verhalten sich demnach wie diejenigen der jetzigen warmen Zonen.

Die Oeninger Fossilreste stammen zum Theil von Sumpfpflanzen her oder gehören doch solchen Gewächsen an, welche einen feuchten Standort liebten. Ein anderer großer Theil weist dagegen mehr auf trockneren Waldboden hin. Die Ueberreste von Thieren stammen zum Theil von Landbewohnern her, aber auch eine Anzahl derselben sind von Wasserbewohnern. So findet man z. B. die Schalen von Teichmuscheln, Sumpfschnecken und eine Menge Reste von Fischen und Reptilien. Alles dies und die Art der Einhüllung der organischen Reste spricht für das frühere Vorhandensein eines Sees, an dessen seichten Ufern eine Menge von Sumpfpflanzen gedeihen konnten. Ein Fluß mag aus benachbarten Urwäldern eine Menge von Baumblättern in den See hineingeschwemmt haben, wo sie mit anderen Pflanzen und Thieren in feinen Schlamm eingehüllt und auf diese Art bis auf unsere Zeit vor der Zerstörung bewahrt wurden. Freilich war damals die Gestaltung des Landes eine ganz andere als heute. Das schweizerische Mittelland und ein Theil des angrenzenden badischen Gebietes waren damals ein zum Theil sumpfiges, von trägen Flüssen durchströmtes, niedriges Flachland. In der Geognosie bezeichnet man dieses Zeitalter, in welches der See von Oeningen fällt, mit dem Namen „Tertiärperiode“ oder noch specieller als miocene oder mitteltertiäre Stufe.

Gehen wir nun einige der wichtigeren Pflanzen- und Thierarten, welche im Oeninger See zur Ablagerung kamen, durch, so mögen etwa die Zimmet-, Kampher- und Lorbeerbäume, welche ohne Zweifel als große immergrüne Waldbäume an der Zusammensetzung der benachbarten Urwälder einen wesentlichen Antheil nahmen, zuerst unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Vom tertiären Zimmtbaum (Cinnamomum Scheuchzeri) finden sich bei Oeningen nicht blos Blätter, sondern auch Blüthen, Früchte und Zweige, die Rinde der letzteren taugt freilich nicht mehr dazu, unseren Hausfrauen das bekannte, geliebte Gewürz zu liefern; er hat in vielen Beziehungen große Aehnlichkeit mit dem jetztlebenden japanischen. Eine mit dem Zimmtbaum in dieselbe Gattung gehörende Art ist der Kampherbaum, als dessen Vetter oder Nachkomme wohl der heutige japanische Kampherbaum bezeichnet werden darf, mit dem er in vielen Punkten noch übereinstimmt. Von Lorbeerarten prangte hier der prachtvolle Laurus princeps mit Blättern von einem halben Fuß Länge und anderthalb Zoll Breite; er steht dem canarischen Lorbeer sehr nahe, welcher auf Teneriffa und Madeira den Hauptbestandtheil der immergrünen Wälder bildet. Der bemerkenswertheste der hiesigen Feigenbäume und eine besondere Zierde des Oeninger Urwaldes war wohl der lindenblättrige Feigenbaum, von amerikanischem Typus, mit prächtigen herzförmigen Blättern.

Interessant ist der große Reichthum an Eichen; es sind bis jetzt in den Oeninger Schiefermergeln nicht weniger als sechszehn Eichenarten aufgefunden worden. Darunter sind aber die jetzt bei uns einheimischen Typen nicht vertreten. Es sind durchweg solche mit lederartigen, zum Theil ganzrandigen, zum Theil dornig gezahnten Blättern. Ihre Verwandten finden sich heute in Amerika und den Mittelmerländern. Es scheint, daß die tertiären Eichenwälder etwas entfernt vom Oeninger See standen, denn ihre Ueberreste sind nicht gerade häufig. Eine Myrtenart kommt ebenfalls vor, zwar tritt sie im Gestein nur spärlich auf, aber diese wenigen Ueberreste beweisen doch, daß es den Jungfrauen unter den Scheuchzerischen Salamander-Menschen nicht ganz an Material zu Brautkränzen fehlte. Zu den häufigsten Vorkommnissen gehören die schönen gefiederten Blätter einer ausgestorbenen Holzpflanze, welche große Aehnlichkeit mit denen unserer Acazien zeigen. Von den Podogonien, verwandt mit der ostindischen Tamarinde, sind bei Oeningen bis jetzt sechs Arten bekannt, welche für die Geognosie von besonderer Wichtigkeit sind, weil sie nur in solchen Ablagerungen auftreten, die mit den Oeninger Kalkmergeln ein gleiches Alter haben; sie geben uns deshalb ein Mittel in die Hand, um zu entscheiden, ob die Niederschläge irgend einer andern Pflanzenfundstelle auch in die Oeninger Periode fallen oder nicht.

In der Umgebung unseres Sees fanden sich außerdem auch Ebenholzbäume, welche mit einer heutigen südeuropäischen Art verwandt sind, ferner ein prächtiger Seifenbaum, welcher an eine jetzt lebende Art der Tropengegenden erinnert. An den seichten Ufern des Sees vegetirte die Sumpfcypresse; diese tertiäre Art ist der Vorläufer von der jetzt lebenden amerikanischen, welche in Mexico und den südlichen vereinigten Staaten eine weite Verbreitung findet. Diese Bäume gedeihen da am besten, wo der Boden fortwährend vollständig mit Wasser gesättigt ist. Ein beliebter Standort sind ihr z. B. die sumpfigen Buchten und Bassins an den Ufern des Mississippi. Wenn diese Bäume dann größer und schwerer werden, versinken sie allmählich, und dadurch werden solche Wasserbecken oft gänzlich ausgefüllt. Bei Hochwassern unterwühlt aber der Fluß zuweilen solche Stellen und treibt die wirr durcheinander gestrickten Bäume als schwimmende Inseln fort. Von Pflanzen, welche den Charakter der heißen Zone leicht verrathen, wären noch die Palmen zu erwähnen; sie kommen zwar bei Oeningen selten vor, doch zeigten sich Arten, welche an heutige Typen Indiens erinnern.

Die in den Oeninger Schiefern zahlreich vorhandenen Blätter von Pappeln und Weiden weisen darauf hin, daß der feuchte Boden der Umgebung des tertiären Sees letzteren zum Standorte diente. Ihre Verwandten finden sich zum Theil in unserer Zone, zum Theil in südlichen Gegenden. Erlen, Birken, Ulmen, Ahornarten, Heidelbeersträucher waren damals auch schon da. Das Seeufer umgaben hohes Schilf, Riedgräser und Rohrkolben. Es blühten dort die Schwertlilien und Seerosen.

Betrachten wir noch einen Augenblick die damalige Thierwelt. Eines der interessantesten Geschöpfe, welches den Oeninger See bewohnte, ist wohl der berühmte Riesensalamander, den wir schon eingangs erwähnten. Dieses Thier wurde über vier Fuß lang. Von Zeit zu Zeit finden sich bei Oeningen Skelete desselben, welche von den großen Naturaliensammlungen theuer bezahlt werden. Die großen Augenhöhlen und das weite Maul, welches im Bogen den ganzen Kopf umfaßt und mit vielen kleinen, spitzen Zähnen besetzt ist, lassen den Salamander nicht verkennen und bieten gewiß treffliche Merkmale dar, um das Skelet von dem eines Menschen zu unterscheiden. Den Oeninger See bevölkerten außerdem zweiunddreißig verschiedene Fischarten, sowie Kröten und ein riesiges Fröschenvolk. Daß auch Krokodile darin lebten, kann nicht direct nachgewiesen werden, aber der Umstand macht es sehr wahrscheinlich, daß an gar nicht weit entfernt liegenden Localitäten in Niederschlägen, welche mit den Oeninger Schiefern gleichaltrig sind, Ueberreste von solchen sich zeigten. Aber eine Wasserschildkröte war vorhanden. Von Landbewohnern, die sich in der Umgebung

[335] des Sees aufhielten und deren Reste in den Schlamm eingehüllt wurden, sind zu erwähnen: Hirsche, Hasen, Mastodonten und einige Vogelarten. Das Mastodon gehörte einem ausgestorbenen Geschlechte an; es ist sehr nahe verwandt mit dem Elephanten.

Daß zur Zeit des Oeninger Sees eine Menge Insecten die Luft durchschwirrten, geht daraus hervor, daß bis jetzt von dort nicht weniger als achthundertsechsundzwanzig verschiedene fossile Arten dieser Thiere bekannt wurden. Es sind darunter die verschiedensten Käferarten, Heuschrecken, Ameisen, Bienen, Hummeln, Wespen, Fliegen, Mücken und Wanzen vertreten.

Zur Zeit, als dieser See existirte, entwickelten in seiner Nähe mehrere Vulcane eine lebhafte Thätigkeit. Der Hohentwiel, Hohenkrähen und die übrigen Hegauer Kegelberge schleuderten damals ungeheure Massen vulcanischen Sandes, Lapilli und Bomben aus ihren Kratern. Es geht dies daraus hervor, weil man am Hohenkrähen im vulcanischen Tuffe genau dieselben Pflanzenarten, nur nicht so zahlreich und nicht so schön erhalten wie bei Oeningen, findet.

Eine Pflanzen- und Thierwelt, wie sie zur Zeit des Oeninger Sees in unserer Gegend vorhanden war, könnte aber unmöglich existiren bei unserem jetzigen rauhen Winter. Es liegt daher klar auf der Hand, daß damals in diesen Gegenden auch ein viel milderes Klima herrschen mußte. Professor Heer hat aus einem sorgfältigen Studium der Tertiärpflanzen abgeleitet, daß zur Oeninger Zeit unsere mittlere Jahrestemperatur achtzehn bis neunzehn Grad Celsius, also etwa neun Grad höher als jetzt, gewesen sein müsse. Es entspricht dies einem Klima, wie man es jetzt etwa auf Madeira oder in Südspanien, Südsicilien oder im südlichen Japan antrifft.

Auf die Frage, wie lange es wohl schon sein möge, seit am Oeninger Tertiär-See eine subtropische Pflanzenwelt existiren konnte, läßt sich keine bestimmte Antwort geben; nur das ist sicher, daß man die Jahre, die seitdem verflossen sind, nicht allein nach Tausenden, sondern auch nach Millionen zählen müßte. Menschen gab es damals noch nicht, aber doch wenigstens Affen; wenn uns die Oeninger Kalkmergel auch noch keine Ueberreste von diesen letzteren zeigten, so finden sich doch an anderen Localitäten Ablagerungen aus denselben Zeitalter mit solchen.

L. Würtenberger.