Der Sohn des Kohlenbrenners

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Textdaten
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Autor: Ernst Meier
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Titel: Der Sohn des Kohlenbrenners
Untertitel:
aus: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben, S. 85-96
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1852
Verlag: C. P. Scheitlin
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Quelle: Google und Scans auf Commons
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[85]
25. Der Sohn des Kohlenbrenners.

In Böhmen war ein Dorf, darin lauter Kohlenbrenner wohnten, weshalb es den Namen Schwarzdorf bekommen hatte. Hier lebte auch ein Köhler, der hatte zwei Söhne, von denen war der jüngste ein schöner und stattlicher Bursch, wollte aber nicht gut thun und machte deshalb seinem Vater vielen Kummer. Wenn der Vater ihn des Nachts zu dem Kohlenhaufen schickte, daß er dabei wachen und auf das Feuer Acht haben und zu rechter Zeit die Luftlöcher verstopfen und frisches Brennholz nachlegen sollte, so ließ er Kohlen Kohlen sein und besuchte die hübschen Mädchen im [86] Dorf, oder gieng in’s Wirthshaus und trank, so daß der Vater oft in einer einzigen Nacht für mehr als fünfzig Gulden Schaden an seinen Kohlen erlitt. Alle Ermahnungen halfen nichts mehr; der Vater band ihn sogar mit Ketten im Hause fest, um ihn zu züchtigen; allein es wurde nicht beßer mit dem Sohne. Deshalb blieb der Vater lieber selbst des Nachts bei den Kohlen auf und versagte sich den Schlaf.

Eines Sonntags aber, nachdem der Vater die ganze Woche lang bei Tag und Nacht gearbeitet und niemals geruht hatte, bedurfte er des Schlafs gar sehr und sagte zu seinem jüngsten Sohne: „heut Nacht mußt Du einmal bei dem Kohlenhaufen aufbleiben; ich kann nicht mehr und will sehen, ob Du endlich Dich gebeßert hast und nicht wieder in Deine alten Sünden verfällst.“ Da versprach ihm der Sohn, daß er dießmal ganz gewiß seine Schuldigkeit thun und recht ordentlich Achtung geben wolle, gieng auch gutes Muthes hinaus in den Wald und nahm sich vor: „von jetzt an will ich ein anderer Mensch werden und mich beßern!“ Dann versah er auch Alles wie sich’s gehörte bis ungefähr gegen zehn Uhr Abends. Da dachte er: „ei, es ist doch eigentlich überflüßig, daß ich die ganze Nacht hier am Feuer stehe; das kann jetzt allein wohl fortbrennen; ein Stündchen wenigstens darf ich schon weggehn und eins trinken.“ Und sogleich war er auch schon auf dem Wege in’s Wirthshaus.

Aus dem Stündchen aber, das er hier bleiben wollte, wurden bald zwei, endlich drei und vier Stunden. Als er nun aber fortgieng, war ihm so fröhlich und leicht um’s [87] Herz, daß er dachte: „ach, wenn du jetzt doch nur deinen Schatz in den Arm nehmen und recht küssen und drücken könntest!“ Und wie er’s dachte, so machte er’s auch, schlich sich an’s Fenster, wo das hübsche Mädchen schlief, klopfte an und wurde eingelaßen, und plauderte und scherzte nun mit ihr bis zum hellen Morgen. Als er jetzt endlich zu seinem Kohlenhaufen zurückkam, da war alles verbrannt und verdorben und ein großer Aschenhaufen geworden.

Das fiel ihm schwer auf’s Herz, und er fürchtete, daß der Vater dießmal seine Drohung ausführen und ihn schlagen möchte, so lang er sich rühren und regen könnte, wie er gesagt hatte. Deshalb machte er sich schnell auf und davon, und floh in den Wald immer tiefer hinein und wußte gar nicht, wo er hinkam; denn er fand weder Weg noch Steg, noch irgend einen Menschen, den er hätte fragen können. Als endlich der Hunger sich bei ihm einstellte, suchte er auch vergeblich nach Speise und mußte sich mit Waßer und Wurzeln und mit der Rinde von jungen Bäumen begnügen. Das dauerte wohl einige Tage lang, indem er beständig in dem Walde umherirrte und sich sagen mußte, daß er selbst an seinem Elend Schuld sei.

Zu derselben Zeit geschah es, daß der Sohn des Vice-Königs von Böhmen in jenem Walde jagte; denn er hatte sich daselbst ein Schloß bauen laßen, und das hatte er aus zweierlei Ursachen gethan: erstens, weil er ein großer Freund der Jagd war; zweitens, weil er sich mit seiner Schwester nicht vertragen konnte und deshalb an seines Vaters Hof nicht länger bleiben mochte. – Wie der Prinz nun den [88] Kohlenbrenner im Walde traf, redete er ihn mit rauher Stimme an und fragte ihn, was er da mache? also, daß der arme Bursch schier an zu weinen fieng und dem Prinzen sein Unglück klagte. Der aber hatte Mitleid mit ihm und gab mit dem Jagdhorn ein Zeichen, daß die Dienerschaft herbeikommen sollte, was auch alsbald geschah, worauf der Prinz befahl, den Burschen mit heimzunehmen, ihn zu waschen, zu kleiden und zu beköstigen. Am folgenden Morgen mußte er dann selbst vor dem Prinzen erscheinen und der sah nun, daß es ein gar flinker und feiner Bursch war, und fragte ihn, ob er nicht Stallknecht bei ihm werden möchte. Ja, das wollte er sehr gern und trat sogleich in die Dienste des Prinzen. Von jetzt an hielt er sich aber so gut und war so fleißig und ordentlich, daß der Prinz seine wahre Freude an ihm hatte und ihn bald zu seinem Kammerdiener machte und sich gern mit ihm unterhielt.

In jener Zeit aber mußte sich der Prinz über seine Schwester gar zu sehr ärgern und konnte nicht mehr mit ihr auskommen; denn das junge blondköpfige Ding war zwar sehr schön, aber auch so blitznaseweis, daß ihr kein Mann gut genug war. Da kam ein Prinz nach dem andern und wollte sie heirathen; allein an dem einen wußte sie dieß, an dem andern das auszusetzen, und wies sie alle mit einander ab. Da dachte endlich ihr Bruder: „wart nur, du dummes Ding du, ich will dich schon dran kriegen! Sind dir die Prinzen zu schlecht, so ist dir mein Kammerdiener wohl recht!“ und ließ den hübschen Burschen kommen und sagte ihm, was er mit ihm vorhabe, daß er ihn nämlich mit seiner Schwester [89] zu verheirathen gedenke. „Ich will Dich am nächsten Sonntag mit Wagen und Pferden und Bedienten in die Kirche meines Vaters schicken; da mußt Du aber mit Niemanden ein Wort reden, sondern gleich nach der Kirche wieder zurückfahren. So wollen wir den Faden anspinnen.“

Als es nun Sonntag war, legte der Prinz dem Kammerdiener fürstliche Kleider an, ließ ihn mit Dienerschaft und in einem schönen Wagen nach der Schloßkirche fahren, und wie er dort ankam, war die junge Prinzessin schon darin und sah verwundert den fremden Prinzen kommen und dachte: „ei, das ist mal ein schöner Prinz!“ Sie mußte ihn nur immer ansehen und konnte ihn gar nicht genug betrachten, hörte auch beinah nichts von der ganzen Predigt, sondern sprach still in ihrem Herzen etwa so: „ich glaube, der könnte mir gefallen; der ist einmal wirklich schön; den möcht’ ich heirathen!“ Und als die Kirche aus war, lief sie eilends zu ihrem Vater und sagte ihm: „da ist heut ein fremder Prinz in der Kirche gewesen, den muß ich zum Gemahl haben und keinen andern!“ – Als der Vater sich nun nach ihm umsah, war er bereits wieder fortgefahren. Da war die Tochter außer sich und ganz trostlos; der Vater aber sagte ihr: „gib Dich zufrieden! wenn er noch keine Frau hat und er Dich mag, wird er schon wiederkommen.“

Indes war der Kammerdiener wieder bei dem Prinzen und versah die Woche hindurch seinen Dienst. Am nächsten Sonntag aber erhielt er noch schönere Kleider und noch stattlichere Pferde und einen prächtigen Wagen nebst Dienerschaft und fuhr wiederum in die Schloßkirche. Wer da nicht fehlte, [90] das war die Prinzessin und war überaus glücklich, als sie den fremden Prinzen wieder erblickte und meinte, daß sie noch nie einen so schönen Mann gesehen habe. Als die Predigt aber aus war und der Prinz abermals sogleich davonfuhr, da eilte sie zu ihrem Vater und ward sehr zornig und machte ihm Vorwürfe, daß er den Prinzen nicht sogleich zur Tafel habe einladen laßen. Allein der Vater tröstete sie und sprach: „nachdem er zwei Mal dagewesen, wird er auch wohl zum dritten Mal wiederkommen, wenn er überhaupt ein gutes Aug auf Dich haben sollte und nicht schon längst, wie ich fast vermuthe, verheirathet ist.“ Das machte die Tochter ganz wehmüthig und sie konnte die Zeit kaum abwarten, wo es wieder Sonntag war.

Endlich war die Woche herum und der Vize-König schickte seinen ersten Minister hinaus, daß sie den fremden Prinzen, wenn er wieder zur Kirche kommen sollte, mit allen Ehren empfangen und zur königlichen Tafel einladen möchten. – Das geschah denn auch; er wurde mit Musik eingeholt und zur Tafel eingeladen, was er annahm, und fuhr, sobald die Predigt aus war, vor’s königliche Schloß. Dort wurde er von allen, besonders aber von der Prinzessin, überaus freundlich empfangen. – Als es nun zur Tafel gieng, fragte ihn der König noch mit aller Höflichkeit nach seinen Namen. „Ich bin der Prinz – von Schwarzdorf,“ gab er zur Antwort, wie es ihm sein Herr geheißen hatte; denn er war ja aus Schwarzdorf gebürtig.

Nachdem sie nun mit einander gegeßen, getrunken und allerlei Scherz und Kurzweil getrieben hatten und der Vize-König [91] wohl merkte, daß der fremde Prinz in seine Tochter ebenso verliebt war, als sie in ihn, so sprach er: „Ich bin nun alt und hab das Regieren satt, bin daher Willens, meiner Tochter einen Mann zu geben, der mein Nachfolger sei, und dazu hab ich Dich ausersehen, mein lieber Prinz! und würde mich freuen, wenn Du mein Tochtermann werden wolltest.“ – Der Prinz von Schwarzdorf besann sich nicht lang, sondern willigte sogleich mit Freuden ein und verlobte sich mit der schönen Prinzessin. Alsbald wurde auch Hochzeit gehalten und er ward Vize-König von Böhmen und lebte überaus glücklich mit seiner Gemahlin.

So waren ihm bereits schnell mehre Jahre hingegangen. Da gedachte der junge Vize-König in seinem Glücke auch an seine Eltern in Schwarzdorf, und ließ eines Tags einen Wagen mit Geld und Gut packen, nahm Abschied auf einige Wochen von seiner lieben Frau und begab sich auf den Weg nach Schwarzdorf. Als er aber unterwegs durch einen finsteren Wald kam, wurde er von Räubern überfallen; die nahmen sein Geld, verbanden ihm die Augen und führten ihn so in ihre Höhle. Zum Glück war der Räuberhauptmann gerade krank, sonst wäre er wohl nicht mit dem Leben davon gekommen; jetzt aber begnügte man sich damit, daß man ihm die schönen Kleider auszog und ihm dafür alte, abgetragene Lumpen gab, womit er seine Blöße decken konnte; und so führten sie ihn wieder ins Freie und ließen ihn laufen.

Jetzt war er wieder so arm und elend als früher, da er von Haus geflohen war, und wußte gar nicht, was er [92] nur anfangen sollte, beschloß aber doch, weil er schon so nahe bei Schwarzdorf war, seine Eltern erst zu besuchen, obwohl er jetzt wie ein armer Bettler zu ihnen kam und sich deshalb gar sehr ärgerte und schämte. – Als er nun aber mit seinen zerrißenen Kleidern in seiner Eltern Haus anlangte und ihnen erzählte, wie er Vize-König von Böhmen geworden sei und seinen Eltern jetzt einen Wagen voll Geld habe bringen wollen, wie aber die Räuber ihm Alles bis auf’s Hemd genommen und ihm dafür bloß diese Lumpen gegeben hatten, da meinten sein Bruder wie auch der Vater: das seien schamlose Lügen und sprachen: „Du bist mir ein sauberer Vize-König; man braucht Dich nur anzusehen; ein loser Landstreicher und Lügner bist; wir kennen Dich noch von früher her!“ Als aber der Sohn sich hoch und theuer verschwor und bitterlich weinte, daß man seinen Worten nicht trauen wollte, da glaubte der Vater, es sei bei dem Sohne nicht ganz richtig im Kopf und er müße durch sein unordentliches Leben seinen Verstand verloren haben. Um ihn deshalb unschädlich zu machen, nahm er eine Kette und schloß ihn daran fest, gab ihm auch schmale Kost, daß er nicht gerade Hungers starb, denn er selbst hatte nicht viel übrig.

So mußte er eine Zeit lang elendiglich schmachten und wurde von allen verlacht und verhöhnt, wenn er sagte: „ich bin doch Vize-König von Böhmen!“ Deshalb waren auch all seine Bitten, ihn doch zu seiner Gemahlin zurückzuführen, umsonst, denn man hielt es für Verrücktheit und hütete ihn um so mehr, auf daß er nicht noch einmal davon laufen möchte.

[93] Während dieser Zeit verfiel seine Gemahlin in eine schwere Gemüthskrankheit und war immer traurig und mochte weder eßen noch trinken, weil ihr Gemahl gar nicht zurückkam und sie nicht einmal wußte, ob er auch noch am Leben sei. – Da kam eines Tages ein Geistlicher zu ihr, um sie zu trösten; dem aber reichte sie einen Schlaftrunk, so daß er alsbald fest einschlief. Darauf zog sie ihm den Priesterrock aus und legte ihn selbst an, ließ einen Wagen bespannen und viel Geld hineinthun und fuhr als Priester gekleidet nach Schwarzdorf zu.

Als sie aber mitten im Walde war, kamen die Räuber und nahmen sie ebenfalls gefangen und führten sie in die Höhle, wo sie sogleich an der Wand die Kleider ihres Gemahls hängen sah und nun ungefähr vermuthen konnte, wo er sein mochte.

In der Höhle aber lag der Räuberhauptmann todtkrank, und als er den Geistlichen hereinkommen sah, bat er ihn, daß er ihm doch die Beichte abnehmen möchte. Da fühlte sie dem Kranken nach dem Puls und sagte: „Dir ist noch zu helfen; ich habe ein Mittel, das ist für Alles gut, und wenn Du nur einen Löffel voll davon nimmst, so wirst Du ganz gewiß wieder gesund werden.“ – Da holte sie eine Flasche hervor und gab ihm zu trinken; dann wollten auch die übrigen fünf und zwanzig Räuber etwas davon haben und rißen sich schier darum, weil sie besorgten, der Letzte möchte zu kurz kommen. Indes reichte der Trank für Alle hin. – Kaum aber hatten sie ihn genoßen, so wurden sie müd und schliefen fest ein; denn es war ein Schlaftrunk, den sie eingenommen, [94] derselbe, mit dem die Vize-Königin auch den Priester eingeschläfert hatte.

Als sie nun alle schliefen, nahm die Vize-Königin ein Schwert und hieb den fünf und zwanzig Räubern der Reihe nach den Kopf ab, gieng darauf zu dem kranken Hauptmann und fuhr ihm mit den Fingern kitzelnd über die Fußsohlen, so daß er erwachte und die Augen aufschlug, und dann sprach sie zu ihm: „Jetzt will ich Dir beichten, daß ich die Vize-Königin von Böhmen bin; sag Du mir nur, wie die Kleider, die da hängen, hieher gekommen sind?“ Da sprach er: „Wenn ihr die Vize-Königin seid, so sind das die Kleider eures Gemahls; die haben meine Leute ihm abgenommen; ihm selbst aber ist kein Haar gekrümmt worden, und also ist er weiter gezogen in andern Kleidern.“ – „Dann ist es gut!“ sprach sie, hob das Schwert und schlug auch dem Räuberhauptmann den Kopf herunter, nahm sodann die Kleider ihres Gemahls und alle Schätze, die in der Höhle waren und lud sie auf den Wagen und fuhr schnell weiter auf Schwarzdorf zu.

Wie sie nun in das Dorf kam, wurde gerade Kirchweih gehalten. In dem Wirthshause aber, wo sie bleiben wollte, war es so voll und unruhig, daß der Wirth zu seinem Nachhar lief und den fragte, ob er nicht einen fremden geistlichen Herrn über Nacht behalten wollte. Ja, das wollte er wohl; und so führte der Wirth den Gast zu seinem Nachbar, der ein Kohlenbrenner war. Dieser grüßte den Geistlichen freundlich und lud ihn sogleich zum Abendeßen ein; und als sie mit einander gegeßen hatten, seufzte [95] Jemand hinter dem Ofen, in einer finstern Ecke, worauf der Geistliche fragte, wer denn da noch hinterm Ofen sei?

Da sagte der alte Kohlenbrenner: „Das ist mein Sohn, der war viele Jahre lang fort, kommt endlich ganz zerlumpt wieder und sagt: er sei Vize-König von Böhmen; die Räuber aber hätten ihm unterwegs Alles abgenommen; allein ich glaube, daß es ihm im Kopfe spukt.“ Da dachte die Vize-Königin still für sich: „So, so! Prinz von Schwarzdorf!“ und gab dem Kohlenbrenner, der noch in’s Wirthshaus zur Kirchweih wollte, einen Dukaten und sprach: „trinkt auch meine Gesundheit und gebt dem Burschen da noch etwas zu eßen!“ Dann eilte der Kohlenbrenner ganz glückselig fort und sagte zu seiner Frau: „komm auch bald nach, Alte!“ Und als sie fertig war und zu ihrem Manne wollte, bekam sie von dem Geistlichen ebenfalls einen Dukaten und wußte gar nicht, was sie vor lauter Freude nur anfangen und sagen sollte.

Sobald nun die beiden Alten fort waren, legte die Vize-Königin die Priesterkutte ab und zog ihr Brautkleid an, und nahm ein Licht in die Hand und sah dem Burschen, der hinter dem Ofen angebunden lag, in’s Gesicht. Da erkannte sie sogleich ihren Gemahl und er erkannte sie und fieng bitterlich an zu weinen. Sie aber rief ganz erfreut: „Ei, weine doch nicht! Du bist und bleibst ja mein lieber Gemahl!“ Dann machte sie ihn los, wusch ihn und legte ihm sein Hochzeitskleid an, das sie mitgebracht hatte, und dann giengen sie mit einander Arm in Arm in’s Wirthshaus.

[96] Jetzt führte er seine Gemahlin zuerst zu seinem Vater, der unten im Saale war, und reichte ihm die Hand und rief: „Gelt Vater, ich bin doch Vize-König von Böhmen!“ und dann gab er ihm eine Handvoll Geld und sagte: „Nun trinkt auch ihr Alle, die ihr da seid, unsre Gesundheit!“ so daß der Vater nur staunte und gar nicht wußte, was er dazu sagen sollte.

Darauf gieng er in den obern Saal zu seinem Bruder und sprach: „Nicht wahr, Bruder, ich bin doch Vize-König von Böhmen!“ und zu allen Kameraden, die es nicht hatten glauben wollen, gieng er mit seiner Gemahlin und sagte immer: „Gelt, ich bin doch Vize-König!“ und vertheilte unter Alle viel Geld, daß sie die Nacht hindurch so lustig waren, wie noch nie. Alle tranken seine und seiner Gemahlin Gesundheit und er selbst tanzte mit ihr und feierte eine überaus fröhliche Nacht. – Nachdem er sodann seine Eltern wie auch seinen Bruder reichlich beschenkt hatte, kehrte er mit seiner Gemahlin nach der Hauptstadt zurück und regierte in Frieden und Segen bis an sein Ende.

Anmerkung des Herausgebers

[305] 25. Der Sohn des Kohlenbrenners. Mündlich aus der Gegend von Ulm.