Der Stechlin/Einunddreißigstes Kapitel

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Einunddreißigstes Kapitel.


     Um fünf Uhr brachen Woldemar und die Barbyschen Damen auf, um den Zug, der um sieben Uhr Gransee passierte, nicht zu versäumen. Es dunkelte schon, aber der Schnee sorgte für einen Lichtschimmer; so ging es über die Bohlenbrücke fort in die Kastanienallee mit ihrem kahlen und übereisten Gezweige hinein.

     Lorenzen war noch im Schlosse zurückgeblieben und setzte sich, um wieder warm zu werden, – auf der Rampe war’s kalt und zugig gewesen – in die Nähe des Kamins, dem alten Dubslav gegenüber. Dieser hatte seinen Meerschaum angezündet und sah behaglich in die Flamme, blieb aber ganz gegen seine Gewohnheit schweigsam, weil eben noch eine dritte Person da war, die von den liebenswürdigen Damen, über die sich auszulassen es ihn in seiner Seele drängte, ganz augenscheinlich nichts hören wollte. Diese dritte Person war natürlich Tante Adelheid. Die wollte nicht sprechen. Andrerseits mußte durchaus der Versuch einer Konversation gemacht werden, und so griff denn Dubslav zu den Gundermanns hinüber, um in ein paar Worten sein Bedauern darüber auszudrücken, daß er die Siebenmühlner nicht habe mit heranziehn können. „Engelke sei so sehr dagegen gewesen.“ All dies Bedauern, – wie’s der ganzen Sachlage nach nicht anders sein konnte, – kam flau genug heraus, aber die Domina war so hochgradig verstimmt, daß ihr selbst so nüchterne, das Verbindliche [371] nur ganz leise, nur ganz obenhin streifende Worte schon zuwider waren. „Ach, laß doch diese geborne Helfrich,“ sagte sie, „diese Tochter von dem alten Hauptmann, der die Schlacht bei Leipzig gewonnen haben soll. So wenigstens erzählt sie beständig. Eine schreckliche Frau, die gar nicht in unsre Gesellschaft paßt. Und dabei so laut. Ich kann es nicht leiden, wenn wir so mit Gewalt nach oben blicken sollen, aber diese Helfrich, das muß ich sagen, ist denn doch auch nicht mein Geschmack. Ich halte das Unter-sich-bleiben für das einzig Richtige. Bescheidene Verhältnisse, aber bestimmt gezogene Grenzen.“

     Lorenzen hütete sich zu widersprechen, versuchte vielmehr umgekehrt durch ein halbes Eingehn auf Adelheid und ihren Ton, eine bessere Laune wieder herzustellen. Als er aber sah, daß er damit scheiterte, brach er auf.

     Und nun waren die beiden alten Geschwister allein.

     Dubslav ging im Zimmer unruhig auf und ab und trat nur dann und wann an den Tisch heran, auf dem noch vom Kaffee her die Liquerflaschen standen. Er wollte was sagen, traute sich’s aber nicht recht, und erst als er zu zwei Curaçaos auch noch einen Benediktiner hinzugefügt hatte, wandte er sich an die Schwester, die, schweigsam wie er selbst, ihre kleine goldene Kette hin und her zog.

     „Ja,“ sagte er, „jetzt sind sie nun wohl schon in Woltersdorf.“

     „Ich vermute drüber ’raus. Woldemar wird die Pferde natürlich ausholen lassen. Es sind, glaub’ ich, Damen, die nicht gerne langsam fahren.“

     „Du sagst das so, Adelheid, als ob du’s tadeln wolltest, überhaupt als ob dir die Damen nicht sonderlich gefallen hätten. Das sollte mir leid thun. Ich bin sehr glücklich über die Partie. Gewiß, sowohl die Gräfin wie die Comtesse sind verwöhnt; das merkt man. Aber ich möchte sagen, je verwöhnter sie sind…“

[372]      „Desto besser gefallen sie dir. Das sieht dir ähnlich. Ich liebe mehr unsre Leute. Beide sind doch beinah’ wie Fremde.“

     „Nun, das ist nicht schlimm.“

     „Doch. Mir widersteht das Fremde. Laß dir erzählen. Da war ich vorigen Sommer mit der Schmargendorff in Berlin und ging zu Josty, weil die Schmargendorff, die so was liebt, gern eine Tasse Schokolade trinken wollte.“

     „Du hoffentlich auch.“

     „Allerdings. Ich auch. Aber ich kam nicht recht dazu, nippte bloß, weil ich mich über die Maßen ärgern mußte. Denn an dem Tische neben mir saß ein Herr und eine Dame, wenn es überhaupt eine Dame war. Aber Engländer waren es. Er steckte ganz in Flanell und hatte die Beinkleider umgekrempelt, und die Dame trug einen Rock und eine Bluse und einen Matrosenhut. Und der Herr hatte ein Windspiel, das immer zitterte, trotzdem fünfundzwanzig Grad Wärme waren.“

     „Ja, warum nicht?“

     „Und zwischen ihnen stand eine Tablette mit Wasser und Cognac, und die Dame hielt außerdem noch eine Zigarette zwischen den Fingern und sah in die Ringelwölkchen hinein, die sie blies.“

     „Scharmant. Das muß ja reizend ausgesehn haben.“

     „Und ich verwette mich, diese Melusine raucht auch.“

     „Ja, warum soll sie nicht? Du schlachtest Gänse. Warum soll Melusine nicht rauchen?“

     „Weil Rauchen männlich ist.“

     „Und schlachten weiblich… Ach, Adelheid, wir können uns über so was nicht einigen. Ich gelte schon für leidlich altmodisch, aber du, du bist ja geradezu petrefakt.“

     „Ich verstehe das Wort nicht und wünsche nur, daß es etwas ist, dessen du dich nicht zu schämen hast. Es [373] klingt sonderbar genug. Aber ich weiß, du liebst dergleichen und liebst gewiß auch (und hast so deine Vorstellungen dabei) den Namen Melusine.“

     „Kann ich beinah’ sagen.“

     „Ich dacht’ es mir.“

     „Ja, Schwester, du hast gut reden. So sicher wie du wohnt eben nicht jeder. Adelheid! das ist ein Name, der paßt immer. Und im Kirchenbuche, wie mir Lorenzen erst neulich gezeigt hat, steht sogar Adelheide. Das Schluß-‚e‘ ist bei der schlechten Wirtschaft in unserm Hause so mit drauf gegangen. Die Stechline haben immer alles verurscht.“

     „Ich bitte dich, wähle doch andere Worte.“

     „Warum? Verurscht ist ein ganz gutes Wort. Und außerdem, schon der alte Kortschädel sagte mir mal, man müsse gegen Wörter nicht so streng sein und gegen Namen erst recht nicht, da sitze manch einer in einem Glashause. Hältst du Rentmeister Fix für einen schönen Namen? Und als ich noch bei den Kürassieren in Brandenburg war, in meinem letzten Dienstjahr, da hatten wir dicht bei uns einen kleinen Mann von der Feuerversicherung, der hieß Briefbeschwerer. Ja, Adelheid, wenn ich dem gegenüber so verfahren wäre, wie du jetzt mit Gräfin Melusine, so hätt’ ich mir den Mann als eine halbe Bombe vorstellen müssen oder als einen Kugelmann. Denn damals, es war Anno vierundsechzig, waren alle ‚Briefbeschwerer‘ bloß ‚Kugelmänner‘: ’ne Flintenkugel oben und zwei Flintenkugeln unten. Und natürlich ’ne Kartätschenkugel als Bauch in der Mitte. Das Feuerversicherungsmännchen aber, das zufällig so sonderbar hieß, das war so dünn wie ’n Strich.“

     „Ja, Dubslav, was soll das nun alles wieder? Du giebst da deinem Zeisig mal wieder ein gut Stück Zucker. Ich sage Zeisig, weil ich nicht verletzlich werden will.“

     „Küss’ die Hand…“

[374]      „Und was ich dir zur Sache darauf zu sagen habe, das ist das. Ich habe nichts dagegen, daß jemand Briefbeschwerer heißt, und überlass’ es ihm, ob er ein Strich oder ein Kugelmann sein will. Aber ich habe sehr viel gegen Melusine. Briefbeschwerer, nu, das ist bloß ein Zufall, Melusine aber ist kein Zufall, und ich kann dir bloß sagen, diese Melusine ist eben eine richtige Melusine. Alles an dieser Person…“

     „Ich bitte dich, Adelheid…“

     „Alles an dieser Dame, wenn sie durchaus so etwas sein soll, ist verführerisch. Ich habe so was von Koketterie noch nie gesehn. Und wenn ich mir dann unsern armen Woldemar daneben denke! Der is ja solcher Eva gegenüber von Anfang an verloren. Eh’ er noch weiß, was los ist, ist er schon umstrickt, trotzdem er doch bloß ihr Schwager ist. Oder vielleicht auch grade deshalb. Und dazu das ewige Sich-biegen und -wiegen in den Hüften. Alles wie zum Beweise, daß es mit der Schlange denn doch etwas auf sich hat. Und wie sie nun gar erst mit dem Lorenzen umsprang. Aber freilich, der ist wo möglich noch leichter zu fangen, als Woldemar. Er sah sie immer an wie ’ne Offenbarung. Und sie ist auch so was. Darüber is kein Zweifel. Aber wovon?“