Der Strohmann

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Autor: Max Ring
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Titel: Der Strohmann
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aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 384–386
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Berliner Bilder.
2. Der Strohmann.


Eines Tages erhielt ich von einem alten Freund aus der Provinz einen Brief, in welchem er mich ersuchte, ihm in einer wichtigen Angelegenheit mit Rath und That beizustehen. Sein Sohn besuchte nämlich die Kriegsschule in Berlin. Von seinem Vater an mich empfohlen war der junge Officier selbstverständlich von mir freundlich aufgenommen worden. Er hatte sich, wie es schien, in meinem Hause wohlgefühlt, bis er plötzlich ohne jeden mir bekannten Grund fortgeblieben war und alle meine an ihn gerichteten Aufforderungen unbeantwortet gelassen hatte. Aufgebracht über diese mir unerklärliche Unhöflichkeit, hatte ich mich nicht weiter um ihn gekümmert, war überdies gezwungen gewesen, wegen meiner angegriffenen Gesundheit auf längere Zeit zu verreisen.

Wie ich jetzt nach meiner Rückkehr aus dem Briefe meines Freundes zu meinem Bedauern erfuhr, war der junge, leichtsinnige Mann in schlechte Gesellschaft gerathen und hatte so bedeutende Schulden gemacht, daß sich der arme, mit einer zahlreichen Familie gesegnete Vater außer Stande sah, die unbesonnener Weise ausgestellten Wechsel des noch minderjährigen Sohnes zu decken. Da er aus diesem Grunde die Zahlung verweigerte, drohten die ihm selbst völlig unbekannten Gläubiger, wenn er nicht innerhalb der gegebenen Frist das Geld einschicken würde, bei der vorgesetzten Militärbehörde unter Vorlegung der in ihrem Besitz befindlichen Ehrenscheine Anzeige zu machen, was den jungen Officier für immer ruiniren mußte.

Dem Briefe entnahm ich die Adressen der Biedermänner, mit denen ich es zu thun hatte. Ich wollte jedoch kaum meinen Augen trauen, als ich darunter die Namen zweier Herren von angesehener gesellschaftlicher Stellung fand. Der eine war ein vermögender Rentier, der bei allen Sammlungen für wohltätige Zwecke in den Zeitungen paradirte, der Andere ein Doctor der Philosophie, ein höchst gebildeter und feiner Mann, der sich besonders für die sociale Frage interessirte und in verschiedenen volkswirthschaftlichen Vereinen das große Wort führte.

Obgleich ich einen Irrthum annehmen mußte, begab ich mich doch zunächst zu dem ehrenwerthen Rentier, der in meiner Nähe in seinem eigenen Hause wohnte. Auf meine Frage, ob der Herr zu sprechen sei, wurde ich von einer ältlichen, sauber gekleideten Wirthschafterin höflich in ein freundliches Zimmer geführt, dessen einfache, aber gediegene Einrichtung den besten Eindruck auf mich machte und mir gewissermaßen zu bürgen schien für die Solidität des Gesuchten, welcher kurz darauf in das Zimmer trat und mich mit leiser, sanfter Stimme begrüßte.

Vor mir stand ein Mann von etwa sechszig Jahren, dessen würdige Erscheinung, dessen graues Haar insbesondere mir unwillkürlich Achtung und Vertrauen einflößte. Die graublauen Augen strahlten förmlich von Wohlwollen und Freundlichkeit, und um den etwas eingefallenen Mund schwebte ein überaus gutmütiges, fast süßliches Lächeln. Jede Miene, jede Bewegung verrieth einen Ehrenmann und ein reines Gewissen. So konnte unmöglich ein gewöhnlicher Wucherer aussehen. Ich befand mich in der größten Verlegenheit.

„Wollen Sie nicht Platz nehmen?“ sagte er höflich, mir einen Stuhl anbietend. „Was verschafft mir die Ehre?“

„Verzeihen Sie,“ antwortete ich verwirrt, „wenn ich Ihnen lästig falle! Ich komme nicht in eigener Angelegenheit –“

„Geniren Sie sich nicht! Wenn Sie für einen wohltätigen Zweck einen Beitrag wünschen, so werde ich mit Vergnügen unterschreiben. Geben Sie mir die Liste her –“

„Sie sind zu gütig, aber es handelt sich nicht um die Armen, sondern um den Sohn eines meiner Freunde, um den Lieutenant von Wolfenstein –“

„Von Wolfenstein!“ rief der alte Herr erstaunt. „Der Name ist mir völlig unbekannt.“

„Ich muß,“ sagte ich verlegen, „nochmals um Entschuldigung bitten. Mein Freund scheint Ihren Namen verwechselt zu haben. Wie er mir schreibt, schuldet sein Sohn Ihnen gegen Wechsel und Ehrenschein fünfzehnhundert Thaler.“

„Mir! – Fünfzehnhundert Thaler – Lieutenant von Wolfenstein!“ murmelte der Rentier verwundert.

„Ich bin beauftragt, die Angelegenheit mit den Gläubigern des jungen Mannes zu ordnen. Da Sie aber die Sache nicht weiter interessiren kann, so erlauben Sie –“

„Warten Sie!“ versetzte er, mich zurückhaltend. „Ich erinnere mich jetzt, den Namen Wolfenstein auf einem Wechsel gesehen zu haben. Mein Gedächtniß ist schon schwach. Das macht das Alter. Ich muß einmal nachsehen, ob ich mich nicht irre.“

Mit einer Hast, die mit seiner sonstigen würdevollen Ruhe auffällig contrastirte, zog der Rentier aus der Seitentasche seines Rockes ein gesticktes Portefeuille hervor, in dem er eifrig nach einer Notiz zu suchen schien, bis er dieselbe gefunden.

„Richtig! Wie kann man nur so vergeßlich sein! Ich habe freilich so viel im Kopf zu behalten. Der Wechsel ist den dritten December fällig, und heute haben wir erst den dreizehnten November. Die Sache hat keine solche Eile. Es war freundlich von Ihnen, daß Sie sich selbst herbemühten. Wenn Sie durchaus wünschen, können wir das Geschäft auf der Stelle abmachen. Sie werden dem Herrn Lieutenant damit alle weiteren Unannehmlichkeiten ersparen.“

Sprachlos vor Ueberraschung starrte ich den würdigen Greis an, der sich plötzlich in einen gemeinen Wucherer und Halsabschneider verwandelte, obgleich er noch immer bemüht war, die Maske des Biedermannes vorzuhalten und die ihm zur Natur gewordene Rolle des wohlthätigen Menschenfreundes fortzuspielen.

„Mein Freund,“ sagte ich, nachdem ich mich wieder gefaßt hatte, „hat mich beauftragt, Ihnen die Hälfte der schuldigen Summe für den Wechsel zu bieten, da er weder in der Lage, noch verpflichtet ist, für die Schulden seines minorennen Sohnes aufzukommen.“

„Das thut mir herzlich leid,“ entgegnete der Wucherer sanft. „Ich kann unmöglich Ihren Vorschlag annehmen und auch nicht einen Pfennig von der Summe ablassen.“

„Sie werden mit sich handeln lassen. Man weiß ja, wie es bei solchen Geschäften zugeht. Nach meiner Ueberzeugung hat der junge Mann nicht den vierten Theil des Geldes erhalten und Sie haben noch immer einen schönen Profit, wenn Sie auch nur die Hälfte bekommen.“

„Halten Sie mich für einen Wucherer?“ fragte der Ehrenmann mit der Miene beleidigter Unschuld. „Gott bewahre! Ich habe den Wechsel von dritter Hand gekauft und begnüge mich nur mit einer kleinen Provision. Sie werden doch nicht von mir verlangen, daß ich mein baares Geld verlieren soll?“

„Trotzdem werden Sie gut thun, die gebotene Hälfte zu [385] nehmen, da die Unterschrift des minderjährigen Ausstellers keine Gültigkeit hat.“

„Ich kann es beschwören, daß ich davon nichts gewußt und den Wechsel rechtmäßig erworben habe. Außerdem,“ fügte er lächelnd hinzu, „bürgt mir der Ehrenschein des Herrn Lieutenant dafür, daß Ihr Freund die ganze Summe zahlen wird, wenn er nicht seinen Sohn unglücklich machen will.“

„Sie irren sich,“ versetzte ich mit geheuchelter Ruhe. „Mein Freund ist entschlossen, es lieber zum Aeußersten kommen zu lassen und sich an den Staatsanwalt zu wenden.“

„Das mag er thun,“ erwiderte der Wucherer, ohne eine Miene zu verziehen. „Ich habe Gottlob ein gutes Gewissen und fürchte mich nicht. Ich habe den Wechsel gekauft und baar bezahlt.“

„Dann ersuche ich Sie, mir den Verkäufer zu nennen, damit ich mich an ihn halten kann.“

„Das habe ich nicht nöthig. Wenn der Wechsel präsentirt wird, werden Sie den Namen schon erfahren. Jetzt aber müssen Sie mich entschuldigen; ich habe zu thun. Freut mich, Ihre werthe Bekanntschaft gemacht zu haben. Aeußerst angenehm!“

Unter diesen Verhältnissen blieb mir nichts übrig, als mich dem würdigen Greise zu empfehlen, der mich höflich bis zur Thür begleitete und sich mit demselben süßen Lächeln, mit welchem er mich empfangen hatte, nun von mir verabschiedete. Ich suchte zunächst den Lieutenant auf, um von ihm den Namen des wahren Gläubigers zu erfahren, auf den er den Wechsel ausgestellt hatte.

Wie ich vermuthete, fand ich den jungen Mann in der größten Verzweiflung, fest entschlossen, den Verlust seiner Ehre nicht zu überleben. Mit vieler Mühe gelang es mir, ihn so weit zu beruhigen, daß er mir das feste Versprechen gab, keinen übereilten Schritt zu thun und erst den Erfolg meiner ferneren Verhandlungen abzuwarten. Zugleich erhielt ich von ihm die gewünschte Auskunft und die Adresse seines eigentlichen Gläubigers, zu dem ich mich sofort fahren ließ.

Der Mann hieß Joseph Schwalbe und wohnte in einem jener traurigen Hinterhäuser, in denen die Armuth und das Verbrechen sich vor den Augen der Welt oder den Nachforschungen der Polizei zu verbergen suchen. Auf mein lautes, wiederholtes Klopfen – eine Klingel war nicht vorhanden – öffnete eine unsichtbare Hand die verschlossene Thür und ließ mich in ein niedriges, dunkles Parterrezimmer treten, das, mit wurmstichigem Gerümpel angefüllt, einer elenden Trödelbude glich.

Bei meinem Eintritt erhob sich ein kleiner, schwächlicher Mann, der mich mit ängstlichen, mißtrauische Blicken anstarrte. Wieder glaubte ich, irre gegangen zu sein, da das jämmerliche Aussehen und die ärmliche Umgebung in diesem elenden Menschen eher einen Bettler als einen Geldverleiher vermuthen ließ. Trotzdem machte ich ihn mit der Veranlassung meines Besuches bekannt, nachdem ich mich versichert hatte, daß er der Gesuchte sei.

„Ich bedaure,“ sagte er, verlegen die Augen niederschlagend, „daß ich Ihnen bei dem besten Willen nicht dienen kann. Der betreffende Herr hat den Wechsel von mir gekauft und ist in seinem Recht.“

„Das scheint mir kaum glaublich,“ versetzte ich, die traurige Einrichtung musternd. „Eine so bedeutende Summe –“

„Ich genieße Credit,“ erwiderte er erröthend, „und mache Geschäfte mit den mir anvertrauten Geldern.“

„Um so leichter wird es Ihnen fallen, den Inhaber des Wechsels zur Annahme meines Vorschlags zu bewegen.“

„Unmöglich! Wo denken Sie hin? Sie kennen nicht den Herrn. Er läßt nicht mit sich scherzen.“

„Dann wird uns nichts übrig bleiben, als der Sache ihren Lauf zu lassen, da mein Freund die volle Summe weder zahlen kann noch will.“

„Er wird doch nicht seinen Sohn unglücklich machen!“

„Mein Freund hat noch mehr Kinder und darf nicht einem derselben ein solches Opfer bringen und sich selbst ruiniren.“

„Mein Gott!“ stöhnte Herr Schwalbe, sichtlich bestürzt. „Haben Sie das dem Herrn gesagt?“

„Allerdings!“

„Und er wollte nicht auf Ihre Propositionen eingehn?“

„Unter keiner Bedingung!“

„Der Schurke! Das sieht ihm ähnlich.“

Obgleich mich dieser unwillkürliche Ausruf überraschte, hielt ich doch die moralische Entrüstung des Herrn Schwalbe für nichts weiter als für pure Heuchelei, da ich von dem Einverständniß der beiden Biedermänner überzeugt war. Ich machte Herrn Schwalbe auf die Folgen seiner Weigerung aufmerksam und wies auf die unausbleibliche Einmischung des Staatsanwalts hin, was er jedoch nicht zu hören oder nicht zu beachten schien, so laut und dringlich ich auch in meinem Eifer sprach.

Empört über seine Gleichgültigkeit und Härte, wollte ich mich entfernen, als aus dem anstoßenden Alkoven, der nur durch einen dünnen Vorhang vom Wohnzimmer getrennt war, eine junge Frau stürzte, deren bleiches, bekümmertes Gesicht die Spuren früherer Schönheit verrieth. Auf ihrem Arme trug sie ein kleines Kind, das sich an ihre Brust zärtlich anlehnte.

„Joseph!“ rief sie mit schmerzlich bewegter Stimme.

„Was willst Du?“ fragte er verwirrt, ohne sie anzusehen.

„Ich habe Alles mit angehört. Hab’ ich Dir nicht immer gesagt, daß es mit Dir ein schlechtes Ende nehmen muß? Sie werden Dich in’s Zuchthaus schicken. Die Schande überleb’ ich nicht. Lieber spring’ ich mit dem Kind in’s Wasser.“

„Was fällt Dir ein? Du bist eine Närrin!“

„Nein, nein! Ich weiß, was ich sage. Wenn die Geschichte vor den Staatsanwalt kommt, bist Du verloren. Der scheinheilige Duckmäuser und der feine Herr Doctor mit den schönen Redensarten lachen sich in’s Fäustchen, und Du mußt für sie Alle bluten.“

„Was soll ich thun?“ murmelte er, die Hände ringend.

„Gestehe dem Herrn die Wahrheit und hilf ihm, die Sache in Ordnung zu bringen! Er wird Dir dafür dankbar sein und Dich nicht verrathen.“

Die von Thränen und Schluchzen begleiteten Worte seiner Frau schienen einen tiefen Eindruck auf den schwachen, keineswegs verhärteten Mann zu machen. Ich benutzte seine Verwirrung, um ihn zu einem offenen Geständnis zu veranlassen, indem ich ihm mein Wort gab, ihn zu schonen, wenn er mir beistehen wollte, die beiden Wucherer zu entlarven und zu einem billigen Vergleich zu bewegen.

Herr Schwalbe selbst war, wie er mir mittheilte, nur der vorgeschobene Strohmann, hinter dem die beiden Biedermänner ihr gefährliches Treiben verbargen. Gegen einen geringen, kaum nennenswerthen Lohn mußte er seinen Namen zu den verächtlichen Geschäften hergeben und im Nothfall die Verantwortung übernehmen, während sie den Gewinn mit einander theilten und vor jeder Verfolgung sicher waren.

„Um so weniger,“ versetzte ich, „kann ich es begreifen, daß Sie sich zu diesem schändlichen Treiben hergaben.“

„Ach!“ seufzte er, „Sie wissen nicht, wie weh der Hunger thut und wozu das Elend einen Menschen treiben kann, noch dazu, wenn man Weib und Kinder hat. Meine Frau wird mir bezeugen, daß ich mich als Privatschreiber redlich ernährt habe, bis ich vor einem Jahr am Typhus erkrankte. Länger als drei Monate lag ich fest, ohne einen Groschen zu verdienen. Wir mußten Alles versetzen und verkaufen, was wir noch besaßen. Da kam eines Tages der Ihnen bekannte Doctor zu mir, für den ich früher verschiedene Actenstücke copirt hatte. Er benutzte meine verzweifelte Lage für seine Pläne. Hundertmal hab’ ich es bereut und die Stunde verwünscht, wo ich mich von ihm überreden ließ, aber die Noth war zu groß.“

„Das ist wahr,“ bestätigte die weinende Frau. „Mein Mann ist nicht schlecht, nur schwach gewesen und hat sich lange dagegen gesträubt. Er hätt’ es gewiß nicht gethan, wenn er eine andere Aussicht gehabt hätte. Lieber aber will ich mit den Kindern betteln gehen, als die Angst länger ertragen.“

Ich beruhigte die armen Leute und versprach ihnen, mich für sie nach Kräften zu verwenden. Nachdem ich noch mit Herrn Schwalbe das Nöthige verabredet hatte, begab ich mich nach der mir bezeichneten Villa des Doctors.

Ein galonnirter Bedienter, dem ich meine Karte gab, ersuchte mich, in den elegante Empfangssalon einzutreten. Da hingen an den stilvoll decorirten Wänden in breiten Goldrahmen ausgezeichnete Oelgemälde und seltene Kupferstiche von berühmten Meistern. Der parquetirte Fußboden war mit einem echt persischen Teppich belegt. Ueberall, wohin mein Auge blickte, geschnitzte und ausgelegte Möbel, herrliche Bronzen, Marmorstatuen und Elfenbeinschnitzereien, Mappen mit Photographien und Prachtwerke in kostbaren Einbänden. In einer Ecke stand ein hoher Bücherschrank [386] mit einer auserlesenen Bibliothek, deren Inhalt für die wissenschaftliche Bildung des Doctors sprach. Ringsum die Zeugnisse, wie der moderne Wucherer eine gefällige Maske trägt und sein schmutziges Treiben unter einer glänzenden Hülle verbirgt. Der alte „Harpagon“ im abgetragenen Rock, mit den stechenden Blicken, den eingefallenen Wangen, der Geiernase, den gekrümmten Händen und langen Nägeln ist dem respectablen Biedermann, dem eleganten Roué in feiner Toilette und mit guten Manieren gewichen. Die Seelenverkäufer und Halsabschneider sind salonfähig geworden und bewegen sich in der besten Gesellschaft, wenn sie nur den äußeren Schein zu wahren und jede unangenehme Collision mit dem Staatsanwalt zu vermeiden wissen.

Aus diesen nahe liegenden Betrachtungen wurde ich durch den Eintritt des Herrn Doctor geweckt, der mich mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit begrüßte und mich einlud, an seiner Seite auf dem bequemen Divan Platz zu nehmen. Wie er mir jetzt gegenüber saß in dem kurzen Jaquet, unter dem das schneeweiße Oberhemde und die Brillantknöpfe hervorblitzten, mit der behaglichen Wohlbeleibtheit der untersetzten Figur, mit dem runden, glatt rosigen Gesicht, den frischen, kecken Augen, dem verbindlichen Lächeln um den feinen Mund, mußte er jedem oberflächlichen Beobachter als der Typus und das Muster eines liebenswürdigen, guthmüthigen und geistvollen Lebemannes erscheinen.

Bevor ich noch zu Worte kommen konnte, überhäufte er mich mit einer Fluth von Artigkeiten und Complimenten über meine bescheidenen schriftstellerischen Leistungen, wobei er selbst eine wirklich bewunderungswürdige Kenntniß der Literatur und viel Urtheil entwickelte. Fast vergaß ich über seine interessante Unterhaltung den eigentlichen Zweck meines Besuches, bis eine kleine Pause eintrat, die ich dazu benutzte, um mich meines Auftrags zu entledigen. Ohne aus der Fassung zu gerathen, sah er mich verwundert an und sagte dann leichthin: „Sie werden mir einen Gefallen erweisen, wenn Sie sich wegen dieser Lumperei an meinen Rechtsanwalt wenden wollen. Ich bin in Geschäften so unerfahren wie ein neugeborenes Kind.“

„Dann wundere ich mich nur, daß ein gewisser Herr Schwalbe, mit dem Sie in Verbindung stehen, mich an Sie gewiesen hat –“

„Das muß ein Irrthum sein. Ich kenne keinen Herrn Schwalbe. – Wer ist dieser Mensch?“

„Ihr Strohmann!“ versetzte ich, empört über eine solche Unverschämten „Der arme, unglückliche Schwalbe muß für Sie und Ihren würdigen Compagnon die gebratenen Kastanien aus dem Feuer holen und für einen Sündenlohn Ihnen als Prügeljunge dienen.“

„Ich verstehe nicht –“

„Ersparen Sie sich die unnöthige Mühe, mich täuschen zu wollen! Sie sehen, daß ich genau von Allem unterrichtet bin und Ihr Treiben hinlänglich kenne.“

„Mein Herr! Ich muß Sie dringend bitten –“

„Danken Sie Gott,“ unterbrach ich ihn heftig, „daß mich die Rücksicht auf meinen Freund und den armen Schwalbe nöthigt, Sie zu schonen. Wenn Sie sich aber weigern sollten, meinen Vorschlag anzunehmen, so gebe ich Ihnen mein Wort –“

„Sie brauchen sich nicht wegen einer solchen Bagatelle so zu ereifern. Geben Sie die Hälfte, und ich bin zufrieden. Sie sehen, daß ich im Grunde eine gute Seele und ein anständiger Kerl bin. Kein vernünftiger Mensch kann es mir verdenken, daß ich mir mein Capital verzinsen lasse. Das Geld ist eine Waare wie jede andere und richtet sich nach Anfrage und Angebot. Es giebt keinen Wucher, und selbst unsere Gesetzgebung hat mit den alten Traditionen gebrochen. Schon Adam Smith –“

In dieser Weise suchte der Herr Doctor mit einem Schwall von volkswirthschaftlichen Phrasen und geistreichen Paradoxen sein schändliches Treiben zu entschuldigen und sich zu rechtfertigen, ohne jedoch seinen Zweck zu erreichen, obgleich ich von Neuem seine Beredsamkeit, seine Kenntnisse und vor Allem seine Unverschämtheit bewundern mußte.

Voll Ekel entfernte ich mich, nachdem ich von dem Doctor gegen Zahlung der ihm angebotenen Summe die Wechsel und Ehrenscheine erhalten hatte. Beides übergab ich dem glücklichen Lieutenant, der es in meiner Gegenwart vernichtete und zugleich mir feierlich gelobte, jeder derartigen Versuchung zu widerstehen. Durch meine Verwendung erhielt auch Herr Schwalbe eine einträgliche Beschäftigung bei einem mit mir befreundeten Rechtsanwalt, dessen Bureau er augenblicklich zu voller Zufriedenheit leitet. Von den beiden Ehrenmännern habe ich nichts mehr gehört, doch zweifle ich nicht daran, daß sie ihre Geschäfte mit Hülfe eines neuen Strohmanns noch immer fortsetzen, bis sie eines Tages, wie ich hoffe, die wohlverdiente Strafe ereilen und die Verachtung der Welt treffen wird.
Max Ring.