Der Tyrannenmörder

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Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Der Tyrannenmörder
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Sechstes Bändchen, Seite 749–766
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1827
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Τυραννοκτόνος
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[749]
Der Tyrannenmörder.[1]

1. Ich habe an Einem Tage zwei Tyrannen erschlagen, meine Richter, von denen zwar der Eine in Jahren schon sehr vorgerückt, der Andere aber voll Jugendkraft und darum desto geschickter war, die Zwingherrschaft des Erstern zu übernehmen. Gleichwohl trete ich nur mit dem Anspruch an Einen Ehrenpreis auf für die gedoppelte That. Unter allen bisherigen Tyrannenmördern bin ich der Einzige, der mit Einem Streiche zwei Bösewichte aus der Welt geschafft: indem ich den Sohn mit meinem Schwerte, den Vater durch die Verzweiflung über den Mord seines geliebten Sohnes tödtete. Und so hat uns der Tyrann die verdiente Strafe seiner Uebelthaten bezahlt, da er noch vor seinem Ende den Sohn hingerafft [750] sehen mußte, und von seinem wunderbaren Verhängniß genöthigt ward, an sich selbst zum Tyrannenmörder zu werden. Sein Sohn aber starb von meiner Hand, und verhalf mir eben durch dieses Sterben zu dem zweiten Mord: und so ist er, der im Leben des Vaters Frevelgenosse gewesen, im Tode noch zum Vatermörder geworden.

2. Ich bin es also, der die Zwingherrschaft stürzte, und mein Schwert ist’s, das dieses Alles vollbrachte. Nur die Ordnung habe ich umgekehrt, und eine neue Art erfunden, Frevlern den Untergang zu bereiten: ich habe den Stärkern, der Kräfte genug zum Widerstande besaß, mit eigener Hand zu Boden gestreckt, und den Alten bloß meinem Schwerte überlassen.

3. Mit Recht könnte ich mir also einen um so reichlichern Dank, und für den gedoppelten Tyrannenmord einen gedoppelten Ehrenpreis von euch versprechen, da ich euch ja nicht bloß von einem gegenwärtigen Uebel, sondern auch von der Furcht vor einem künftigen befreit, und durch Hinwegräumung des einzigen Erben der unrechtmäßigen Gewalt unsere Freiheit hinfort fest begründet habe. Allein statt dessen sehe ich mich in Gefahr, für die große und glückliche That weder Ehre noch Lohn zu empfangen, und auf einen Dank verzichten zu müssen, welchen die Gesetze, die ich gerettet, vorschreiben. Es will mich bedünken, als spreche aus meinem Gegner nicht sowohl die Fürsorge für das Allgemeine, die er vorgiebt, als der Schmerz über den Tod der Tyrannen und der Haß gegen den Urheber desselben.

4. Erlaubt mir, meine Richter, an die Gräuel jener Zwingherrschaft, wiewohl sie euch so gut wie mir bekannt [751] sind, mit Wenigem zu erinnern. Ich hoffe, daß ihr dann um so richtiger über die Wichtigkeit meines Verdienstes urtheilen und bei dem Gedanken an das Unheil, von welchem ihr nun erlöst seyd, eine desto lebhaftere Freude empfinden werdet. Es war uns nicht das Schicksal so mancher Freistaaten widerfahren, die Knechte Eines Herrn, der Willkühr Eines Despoten unterworfen zu seyn: wir allein unter Allen, die je ein ähnliches Uebel betroffen, hatten zwei statt Eines Tyrannen, die sich in die Mißhandlung unserer unglücklichen Republik theilten. Uebrigens war der Aeltere unserer Zwingherrn der minder Abscheuliche: sein Zorn war leichter zu besänftigen, seine Art zu strafen weniger grausam, seine Leidenschaften minder stürmisch. Sein höheres Alter hatte die Heftigkeit des Temperamentes gedämpft, und den wilden Drang der Begierden gezügelt. Von Natur nicht eben zum Tyrannen gestempelt, hätte er sich, behauptet man, von seinem Sohne zu jenem frevelhaften Beginnen (gegen die Freiheit des Vaterlandes) wider bessern Willen verleiten lassen, und nur seiner übermäßigen Liebe zu diesem Sohne, die er auch durch sein Ende bewiesen, hätte er nachgegeben. Sein Sohn war ihm Ein und Alles: ihm gehorchte er in allen Stücken, begieng alle Ungerechtigkeiten, die er von ihm verlangte, verurtheilte, wen er verurtheilt wissen wollte: kurz er ließ sich selbst von ihm tyrannisiren, und war nichts als der Scherge aller Launen dieses Buben.

5. Der Sohn überließ dem Vater nur die Ehre um seiner Jahre willen, und nur auf den Namen des Herrschers verzichtete er: aber die Seele der Tyrannei war in der That nur er. Er allein gab der Gewalt Festigkeit und [752] Dauer, er allein genoß die Vortheile aller jener Bedrückungen, er war es, der die Trabanten befehligte, der den Thron mit starken Wachen umgab, der das Blut freier Bürger vergoß, alle geheimen Feinde der Tyrannei einschüchterte, die edelsten Jünglinge aus dem Vaterlande jagte, Ehen schändete, und reine Jungfrauen sich zuführen ließ. Alle Mordthaten, alle Landesverweisungen, und wo immer ein Bürger seines Vermögens beraubt, gefoltert, gemißhandelt ward – Alles das war das Werk dieses frechen Jünglings. Der Alte folgte ihm willenlos, gab seine Zustimmung und seinen Beifall zu allen diesen Gewaltstreichen, und so ward unsere Lage immer unerträglicher. Denn wenn sich leidenschaftlicher Sinn mit unumschränkter Gewalt paart, was wird dann solchen Unthaten Gränzen setzen?

6. Das Niederschlagendste aber mußte für uns seyn, daß wir sahen, wie unsere Knechtschaft lange, ja immer dauern, die Republik sich wie ein Eigenthum vererben, und die Bürgerschaft von einem Zwingherrn auf einen andern, noch schlimmern, als ein Vermächtniß übergehen werde. Während für andere unterdrückte Freistaaten eine tröstliche Hoffnung in dem Gedanken liegt: „die Tyrannei wird doch endlich ein Ende nehmen! der Tyrann muß einmal sterben, und in Kurzem werden wir wieder frei seyn!“ – so zeigte sich uns keine solche Aussicht; wir hatten den gewissen Erben der Alleinherrschaft vor unsern Augen. Daher entfiel auch den edleren Bürgern, selbst solchen, die wie ich dachten, der Muth, etwas zu wagen: man verzweifelte allgemein an der Freiheit, und hielt eine Gewalt für unüberwindlich, welche durch so viele Arme gegen jedes Unternehmen gesichert schien.

[753] 7. Doch mich schreckten diese Umstände nicht. Weder die Betrachtung der Schwierigkeit eines solchen Unternehmens konnte meinen Schluß rückgängig, noch die Größe der Gefahr mich erzittern machen. Ich allein, gegenüber einer so mächtigen und festgegründeten Herrschergewalt, ich ganz allein und nur von meinem guten Schwerte begleitet, dem wackern Theilnehmer am Tyrannenmorde, bestieg die Burg, den Tod vor Augen, aber fest entschlossen, mein Blut nur um die Freiheit des Vaterlandes zu verkaufen. Ich traf gleich am Eingange eine Trabantenwache, jagte sie nach harter Gegenwehr in die Flucht, hieb weiterhin Alles nieder, was sich mir entgegensetzte, und drang so bis zu dem Haupte und Urheber unserer Unterdrückung, der einzigen Stütze der Tyrannei, dem ersten Grunde aller unserer Leiden vor. Hier stand ich nun vor ihm, dem Inhaber der festen Burg, sah, wie er sich mit dem Muthe der Verzweiflung zur Wehr setzte; und gleichwohl schlug ich ihm Wunde auf Wunde, und streckte ihn endlich zu Boden.

8. Nun war die Alleinherrschaft in der That schon gestürzt, mein Wagestück war vollendet, von diesem Augenblick an waren wir Alle frei. Denn nur der Alte war noch übrig, wehrlos, und verlassen von seinen Wachen, beraubt jenes gewaltigsten seiner Trabanten. So einsam und unmächtig, war er eines tapfern Armes nicht mehr würdig. „Nun – so dachte ich bei mir selbst – nun ist Alles gut: Alles ist vollbracht, Alles ist mir gelungen. Aber welchen Lohn soll der Alte empfangen, der noch am Leben ist? Er verdient es nicht, von einer Rechten, wie die meinige, zu sterben, die so eben eine edle, herrliche Mannesthat verrichtet hat. Sein [754] Blut würde, vergöße ich es, den Glanz meiner That nur verdunkeln. Ich muß einen Schergen für ihn suchen, der seiner würdig ist: der Tod des Sohnes soll ihn peinigen, aber nicht derselbe Tod ihm zu gute kommen. Er soll ihn sehen, soll verzweifeln, soll mein Schwert in dem Leichname finden – und mein Schwert mag das Uebrige thun.“ Mit dieser Entschließung entfernte ich mich, und was mir ahnte, geschah. Der Alte ward an sich selbst zum Tyrannenmörder, und hat so meinem Werke die Krone aufgesetzt.

9. Hier bin ich nun und bringe euch die Demokratie wieder, verkündige die Freiheit unseres Vaterlandes und rufe Muth und Zuversicht in alle Gemüther zurück. Genießet nun die Früchte meiner That. Ihr seht, die Burg ist von den Frevlern gereinigt: ihr habt keinen Gebieter mehr. Alles, was eure Gesetze gestatten, steht euch nun wieder zu, zu belohnen und zu bestrafen, anzuklagen und euch zu vertheidigen. Dieses Alles ist euch durch mich, durch mein muthiges Unternehmen, durch die Ermordung eines einzigen Menschen geworden, dessen Tod der Vater nicht zu überleben vermochte. Dafür verlange ich nun die Belohnung von euch, die mir gebührt, nicht aus kleinlichter Gewinnsucht, noch als ein Mensch, der nur für Bezahlung um das Vaterland sich verdient machen mag, sondern weil ich wünsche, durch ein solches öffentliches Anerkenntniß den Ruhm meiner Handlung gesichert zu sehen, um nicht besorgen zu müssen, daß sie deßwegen, weil sie von euch für unvollendet und einer Belohnung unwürdig erkannt worden, von irgend einem mißgünstigen Verläumder als unrühmlich dargestellt werde.

[755] 10. Dieser mein Gegner behauptet zwar, daß ich durchaus kein Recht hätte, Ehre und Belohnung zu fordern, indem ich nicht selbst der Tyrannenmörder, und die That nicht von der Art wäre, wie sie das Gesetz verlange, sondern derselben gerade das abgehe, was den Anspruch auf einen Ehrenpreis begründen könnte. Aber – wende ich mich an ihn selbst – sage mir also: was kannst du mehr von mir verlangen? Hatte ich nicht den Willen? Drang ich nicht in die Burg? Vergoß ich kein Tyrannenblut? Befreite ich nicht die Republik? Wo ist denn nun ein Gebieter? wo ein willkührlicher Herrscher? wo ein drohender Despot? wo ein frevelnder Unterdrücker, der meinem Schwerte entronnen wäre? – Du weißt mir nichts zu antworten. Ueberall ist ja Ruhe und Friede, die Gesetze sind wieder in Kraft, die Freiheit ist unangefochten, die Demokratie auf’s neue befestigt, den Ehegatten droht keine Schmach, Jünglingen keine Gewalt, Jungfrauen keine Entehrung mehr, die ganze Republik feiert wieder die schönen Tage allgemeiner Glückseligkeit. Und wer hat diesen glücklichen Zustand herbeigeführt? Wer ist es, der jenen Bedrückungen ein Ende gemacht, und diese Güter euch wieder verschafft hat? Ist sonst noch Einer außer mir,[2] der dafür dankbar geehrt zu werden verdiente, so trete ich ihm freiwillig den Ehrenpreis ab und verzichte auf jegliche Belohnung. Habe aber ich allein das Ganze vollbracht, bin ich’s allein, der sein Leben an das Wagestück setzte, die Burg bestieg, [756] blutige Rache an den Tyrannen nahm und den Einen zum Mörder des Andern machte – ist dieses Alles mir allein gelungen, warum verkleinerst du mein Verdienst? Warum suchst du die Bürger zum Undank gegen mich zu verleiten?

11. „Aber“ – hör’ ich dich sagen – „du hast ja den Tyrannen nicht selbst umgebracht. Das Gesetz erkennt bloß dem Tyrannenmörder eine Belohnung zu.“ Nun so sage mir doch, was ist es denn für ein Unterschied, ob ich ihn selbst tödtete, oder zu seinem Tode die Veranlassung gab? Ich dächte doch wohl, keiner: und gewiß hat auch der Gesetzgeber hiebei nichts als die Rettung der Freiheit und Demokratie, und die Erlösung der Bürger von den Abscheulichkeiten willkührlicher Gewalt, im Auge gehabt. Auf dieses Verdienst hat er einen Ehrenpreis gesetzt, dieß hat er einer Belohnung für würdig gehalten: und – wirst du läugnen können, daß ich es mir erworben habe? Wenn ich Den erschlagen, dessen Tod der Tyrann nicht überleben konnte, so habe ich den Tyrannen selbst getödtet. Mein ist der Mord, sein die Hand. Laß also das Grübeln darüber, wie er gestorben sey, und frage, ob er todt sey, und ob ich es ihm bereitet habe, daß er nicht mehr ist? Sonst müßte man glauben, du wärest im Stande, einen um die Freiheit verdienten Mann auch in dem Falle zu schikaniren, wenn er den Zwingherrn statt mit dem Schwerte, mit einem Stein, einem Knüttel oder auf irgend eine andere Weise umgebracht hätte. Wie? wenn ich unsern Usurpator in seiner Burg eingeschlossen und durch Hunger in die Nothwendigkeit, zu sterben, versetzt hätte? Würdest du auch dann noch verlangen, er hätte unmittelbar von meiner Hand fallen sollen? Würdest du sagen, [757] dem Gesetze wäre nicht Genüge geleistet, ungeachtet die Art, wie ich den Uebelthäter aus der Welt schaffte, die schwierigere gewesen wäre? – Kurz, fordere, frage, untersuche nur das Eine, ob noch Einer von den Bösewichtern am Leben, ob noch irgend ein beängstigender Gedanke an die Zukunft, noch irgend eine Spur unseres frühern Ungemachs vorhanden sey? Wenn aber unsere Republik von diesem Allem gesäubert, Ruhe und Friede allenthalben wieder hergestellt ist, so kann nur ein böswilliger Neider die Art, wie dieß geschehen, benützen, um mir das Ehrengeschenk für meine Leistung streitig zu machen.

12. So viel ich mich erinnere, so sprechen unsere Gesetze – es wäre denn, daß ich über der langen Knechtschaft vergessen hätte, was sie festsetzen – ausdrücklich von zwei Arten, wie Jemand der Urheber eines Mordes seyn könne: die eine, wenn er die Tödtung selbst und unmittelbar begangen, die andere, wenn er sie zwar nicht eigenhändig vollbracht, aber (einen Andern) dazu genöthigt, oder auch nur die Veranlassung dazu gegeben hat. Im letztern Falle verlangt das Gesetz dieselbe Strafe, wie in dem erstern, und das mit allem Rechte. Denn warum sollte ein mittelbarer Mord mit minderer Gefahr begangen werden können? Sofort ist es unnütz, nach der Art der Tödtung zu fragen, und du selbst würdest gewiß einen Menschen, der einen Mord auf die letztere Art verschuldet, als Mörder bestraft wissen und keineswegs freisprechen wollen. Und nun willst du Den, der durch einen Mord derselben Gattung zum Wohlthäter der Republik geworden ist, der Belohnung, die solchen Wohlthätern gebührt, nicht für würdig erkennen?

[758] 13. Denn auch Das kannst du nicht sagen, ich hätte meine That ohne alle Ueberlegung verrichtet, und nur der Zufall hätte ihr, ohne meinen Willen, einen glücklichen Erfolg verliehen. Was hatte ich denn noch zu fürchten, nachdem der Stärkere zu Boden gestreckt war? Warum ließ ich das Schwert in seiner Kehle stecken, wenn ich nicht voraus sah, was damit geschehen würde? Du müßtest denn sagen wollen: der Ermordete war kein Tyrann, denn er führte diesen Namen nicht, und ihr Alle würdet nicht mit Freuden mehr als Einen Ehrenpreis ausgesetzt haben, um seiner los zu werden. Du wirst und kannst dieß nicht sagen; und gleichwohl willst du, nun der Tyrann selbst getödtet ist, Dem, der seinen Tod herbeiführte, die Belohnung versagen? O der erbärmlichen Spitzfindigkeit! Wir Alle sind frei, und dich kümmert noch die Frage, wie der Unterdrücker aus der Welt geschafft ward? Ich habe die Demokratie wieder hergestellt, und du verlangst noch mehr von mir? Eben das Gesetz, worauf du dich berufst, fordert ja nur die Hauptsache, ohne sich auf die Mittel einzulassen. Empfängt ja doch auch Der, welcher einen Tyrannen aus dem Lande jagt, das Ehrengeschenk des Tyrannenwürgers, und gewiß mit vollem Rechte. Denn auch Er hat dem unterdrückten Vaterlande die Freiheit wieder verschafft. Aber was ich zu Stande gebracht, ist nicht bloß die Vertreibung des Zwingherrn, wobei noch immer die Furcht vor seiner Rückkehr übrig bliebe, sondern seine gänzliche Vernichtung, die Austilgung seines ganzen Stammes, die Ausrottung des Uebels mit der Wurzel.

14. Betrachtet noch einmal, ich bitte euch, ihr Richter, mein ganzes Verfahren von Anfang bis zu Ende und untersuchet, [759] ob es dem Gesetze genüge, oder ob mir eine Eigenschaft mangle, die sich an einem Tyrannenmörder finden soll. Das Erste ist unstreitig eine edle und patriotische Gesinnung und der feste Wille, für das allgemeine Beste alle Gefahren zu bestehen, und selbst sein Blut für die Wohlfahrt seiner Mitbürger aufzuopfern. Hat es mir hieran gefehlt? Habe ich nicht Willenskraft genug bewiesen? Habe ich im Angesichte der Gefahr meinen Entschluß feige aufgegeben? Das wirst du nicht behaupten wollen. Nun, so bleibe nur bei diesem Einzigen stehen: denke dir, ich mache auf das Ehrengeschenk als Vaterlandswohlthäter nur dieser Gesinnung, dieses Willens, dieses Entschlusses wegen Anspruch, wenn auch das Gute, das ich beabsichtigte, nicht wirklich daraus hervorgegangen wäre. Denn gesetzt, ich hätte es nicht auszuführen vermocht, ein Anderer nach mir hätte den Tyrannen umgebracht, sprich, wäre es widersinnig und unvernünftig, mir gleichwohl eine Belohnung zuzuerkennen? Und zumal, wenn ich meinen Richtern sagen könnte: ich habe den Gedanken zuerst gehabt, ich habe den Entschluß gefaßt, ich habe die Ausführung begonnen, ich habe bereits mit einem Versuche meinen Willen bethätigt, ich allein habe also die Ehre verdient – was wolltest du dagegen einwenden?

15. Nun aber ist es nicht bloß dieß allein, was ich für mich anführen kann; nein, ich habe mich in die Burg selbst begeben, habe die größten Gefahren bestanden, und, bevor ich den Mord des Jünglings vollbringen konnte, viele der schwierigsten Thaten vollbracht. Denn glaubet nicht, daß es ein leichtes und müheloses Geschäft sey, bewaffnete Wachen zu überschreiten, mit einer Trabantenschaar fertig zu werden, [760] und ihrer so Viele ganz allein in die Flucht zu treiben. Im Gegentheile, eben dieß ist das Größte und Schwerste bei der Unternehmung eines Tyrannenmordes. Den Gewaltherrscher selbst niederzustrecken, ist eben nichts Großes; desto mehr kostet es, das, wodurch seine Herrschaft geschirmt und zusammengehalten wird, zu überwältigen. Und Wem dieß gelungen, der hat die Sache selbst schon glücklich bestanden; denn das Uebrige ist eine Kleinigkeit. Eben so wäre es auch mir nicht möglich gewesen, bis zu den Tyrannen vorzudringen, wenn ich nicht zuvor alle die Leibwachen und Trabanten, von denen sie umgeben waren, überwunden und aus dem Felde geschlagen hätte. Und setzte ich nun auch kein Wort weiter hinzu, sondern bliebe wiederum nur bei dem Bisherigen stehen und sagte: Ich habe die Burgwache überwältigt, die Trabanten bezwungen, und den Tyrannen von aller Hülfe und Wehr entblöst – erschiene ich dir nun eines Ehrenpreises würdig, oder verlangtest du auch dann noch einen wirklichen Mord von mir?

16. Und wenn du ihn wirklich verlangtest – je nun, ich kann ihn vorweisen: ich habe in der That Tyrannenblut vergossen, ich habe eine große und tapfere That vollbracht, indem ich einen Jüngling erschlug, der eben in der Blüthe seiner Kraft stand und der Schrecken aller Bürger war, der den alten Tyrannen vor allen Meutereien sicherte, der ihm allein statt vieler Leibwachen diente und der Einzige war, auf den er sein ganzes Vertrauen setzte. Und nun sprich, Mensch, habe ich noch immer keine Belohnung verdient? Soll ich auch bei solcher That noch ungeehrt bleiben? Wie denn, wenn ich auch nur Einen der Trabanten, auch nur Einen [761] der Handlanger des Tyrannen, oder Einen seiner liebsten Diener aus der Welt geschafft hätte? Müßte es nicht schon als etwas Großes erscheinen, in das Innere der Veste einzudringen, und mitten unter so vielen Bewaffneten einen Mord an irgend einem Günstlinge des Gewaltigen zu verüben? Nun aber sieh, wer es war, den ich durchbohrte. Der eigene Sohn des Tyrannen war es, ja ein noch furchtbarerer Tyrann, als dieser selbst, und in höherem Grade noch, als dieser, ein unerbittlicher Despot, ein grausamer Peiniger, ein gewaltthätiger Frevler, und, was das Aergste war, der Erbe und Nachfolger in der Gewaltherrschaft, und ganz dazu gemacht, unseren Leiden die Dauer vieler Jahre zu geben.

17. Und gesetzt, ich hätte weiter nichts vollbracht als dieß, und der Tyrann selbst lebe noch und sey entronnen, so forderte ich schon um dieser That willen das Ehrengeschenk. Was sagt ihr? Würdet ihr es mir nicht zuerkennen? Ward der Tyrannensohn nicht immer mit bangem Mißtrauen von euch betrachtet, war er nicht ein Despot, dessen Druck unerträglich auf euch lastete? – Aber jetzt sehet auf die Hauptsache, wie sie wirklich ist. Was mein Gegner von mir fordert, das habe ich auf die beste Art, die mir nur möglich war, geleistet. Ich schaffte den Tyrannen auf eine neue Weise aus der Welt, nicht mit einem einzigen einfachen Streiche, was bei seinem so großen Verbrechen das Wünschenswertheste für ihn gewesen wäre, sondern, nachdem ich ihn zuvor mit dem unnennbaren Schmerze gefoltert, das Theuerste, was er hatte, seinen einzigen Sohn, sein Ebenbild, einen Jüngling, der – bei aller Verworfenheit – in der schönsten Jugendblüthe [762] prangte, jämmerlich entstellt in seinem Blute liegen zu sehen. Das war die tiefste Wunde, die ich dem Vaterherzen schlagen konnte, das war der rechte Mordstahl, um den Tyrannen zu durchbohren, das ist eine Todesqual, wie sie alle grausamen Wüthriche verdienen, und die angemessenste Rache für so zahllose Verbrechen. Ein schneller Tod, ein plötzlicher Verlust des Bewußtseyns, ohne zuvor eine so gräßliche Scene vor Augen gehabt zu haben, ist keine genügende Tyrannenstrafe.

18. Ich wußte gar wohl, mein Gegner! ich wußte es so gut als jeder Andere, mit welcher Zärtlichkeit der Alte an seinem Sohne hieng, und wie er es nicht von sich erhalten würde, seinen Tod auch nur wenige Augenblicke zu überleben. Wohl mögen dieß die Gesinnungen auch anderer Väter gegen ihre Söhne seyn. Allein daß dieses Vaters Anhänglichkeit so ganz besonders stark war, ist um so weniger zu verwundern, als er in seinem Sohne den einzigen Pfleger und Beschirmer seiner Gewaltherrschaft sah, den einzigen, von dem er wußte, daß er für ihn Alles wagen würde, und daß auf ihm allein die Festigkeit seines Thrones beruhte. Und so mußte ich wohl voraussehen, daß, wenn auch nicht die blose Liebe, doch gewiß der Gedanke, was ihm das Leben hinfort nützen könne, da mit seinem Sohne seine einzige Stütze gefallen, ihn zur Verzweiflung und zum Selbstmord treiben würde. So ließ ich denn Alles vereint auf ihn wirken, die natürlichen Empfindungen des Schmerzes, Schrecken, Rathlosigkeit, Angst vor der Zukunft, alles Dieses rief ich gegen ihn zu Hülfe, um ihm endlich jenen letzten verzweifelten [763] Entschluß abzudringen. Kinderlos, jammernd und weinend gab er sich nun, nach einem Schmerze, der zwar von kurzer Dauer, aber stark genug war, ein Vaterherz zu brechen, mit eigener Hand einen Tod, der für ihn unendlich herber seyn mußte, als wenn er ihn von einer fremden erlitten hätte.

19. Wo ist mein Schwert? – Wer erkennt es als das seinige? Wem sonst, als mir, gehört diese Waffe? Wer hat sie auf die Burg getragen? Wer hat sie vor dem Tyrannen gebraucht? Wer hat den Alten an diesen Stahl gewiesen? – O mein gutes Schwert, du hast mir geholfen bei meiner schönen That, du hast sie vollendet, und nun, nach so gefahrvollen Kämpfen, nach so vielem Blutvergießen, achtet man unser nicht, und hält uns der verdienten Ehre für unwerth! Wie, ihr Richter, wenn ich diese Ehre für dieß mein Schwert allein forderte[WS 1], wenn ich zu euch spräche: Als der Tyrann sich den Tod in einem Augenblicke geben wollte, da er allein und ohne Waffen war, so bot sich ihm dieses Schwert dar, und verhalf so uns Allen wieder zum Besitze der Freiheit: dieses Schwert ist’s also, dem ihr den Ehrenpreis zuerkennen sollt –: würdet ihr nicht auch den Besitzer dafür belohnen, daß ihm ein Werkzeug angehörte, das nun zum Kleinod des Volkes geworden ist? Würdet ihr ihn nicht den Wohlthätern der Republik beizählen? Und das Schwert selbst, würdet ihr es nicht als ein heiliges Weihgeschenk in einem Tempel verwahren, und ihm nicht, gleich einer Gottheit, dankbare Verehrung erweisen?

20. Stellt euch nun selbst den Tyrannen vor, was er [764] gethan, was er gesagt haben wird, ehe er Hand an sich legte. Sein Sohn, von Todeswunden durchbohrt, die ich ihm gerade an den unbekleideten Theilen des Körpers beigebracht hatte, weil ich gewiß war, daß dann gleich der erste Anblick die volle Wirkung des Schreckens und des Schmerzes auf den Alten äußern würde, dieser Sohn rief sterbend in den kläglichsten Jammertönen den Vater herbei, nicht daß er – der alterschwache Greis! – als Helfer und Retter, sondern als Zuschauer des Verderbens erschiene, das über sein Haus gekommen war. Ich selbst, der Urheber des ganzen Trauerspiels, entfernte mich nun und überließ die Scene sammt dem Leichname und dem Schwerte in demselben dem Vater, um das Drama zu Ende zu spielen. Dieser erscheint, sieht den Sohn, den einzigen Sohn, in den letzten Zügen, überströmt von Blut, das aus zahllosen tiefen Wunden rinnt, und bricht in die Worte aus: „O mein Kind, wir sind verloren, wir sind gemordet, wir sind als Tyrannen erschlagen! Wo ist der Mörder? Was hat er mit mir vor? Wozu spart er mich auf, da er mich in dir schon getödtet hat? Vielleicht verachtet er mein schwaches Alter? oder will er durch diesen Verzug mich nur desto langsamer durchbohren, durch verlängerte Todesqual mich desto heftiger peinigen?“

21. So spricht er, und unbewaffnet, wie er immer war – denn er hatte sich ja in Allem nur auf den Sohn verlassen – sieht er sich nach einem Schwerte um. Auch das sollte er finden: es war für ihn in Bereitschaft, ich hatte ihm das meinige, um seine letzte That zu vollbringen, absichtlich zurückgelassen. Er reißt es aus der Wunde, und [765] sagt: „Vor einem Augenblicke noch warst du mein Mörder, nun werde mir zum Tröster, o Schwert! Heile die Wunde, die du einem unglückseligen Vater schlugst, hilf dieser matten Greisenhand, den Tyrannen zu morden, komm und ende meine Qualen! O, wäre ich der Erste[3] gewesen, den du getroffen! hätte doch ich zuerst den Tod von dir empfangen! So wäre ich doch nur wie ein anderer Tyrann, und mit dem Troste gestorben, einen Rächer meines Blutes zu wissen! Nun aber ende ich kinderlos, und – ach! sogar von einem Mörder verlassen!“ Mit diesen Worten und zitternd vor Unvermögen – die Kräfte verließen ihn, nur der Muth der Verzweiflung nicht – drückte er sich das Schwert in die Kehle. –

22. Wie viele Peinigungen, wie viele Wunden, wie viele Tyrannenmorde in diesem Einzigen Augenblicke! Wie viele verdiente Belohnungen! – Ich schließe, ihr Richter. Ihr Alle habt den Jüngling in seinem Blute gesehen: wahrlich er war kein leicht niedergerungener Gegner. Ihr habt den Alten gesehen, wie er über dem Leichnam des Sohnes hingestreckt lag, und wie sich ihr Blut vermischte zu einer Libation den Genien des Sieges und der Freiheit. Ihr habt mein Schwert, dessen Werk das Ganze war, zwischen Beiden liegen gesehen: war es nicht, als ob es triumphirte, sich seines Herrn nicht unwürdig bewiesen, und das laute Zeugniß ablegte, mir treulich gedient zu haben? Hätte ich [766] allein und eigenhändig dieses Alles vollbracht, wahrlich, die ganze That erschiene minder groß. Sie ist um so herrlicher, weil sie einzig in ihrer Art ist. Der die Tyrannei stürzte, bin ich. Aber das Werk selbst war, wie ein Drama, in mehrere Rollen getheilt. Ich spielte die erste, die zweite der Sohn, die dritte der Tyrann, und mein Schwert diente allen Dreien.



  1. Dieser und die drei folgenden Aufsätze sind Deklamationen aus der rhetorisch-sophistischen Periode unseres Schriftstellers, dergleichen die Redekünstler als Musterreden über erdichtete Rechtsfälle für ihre Schüler aufzusetzen pflegten. – Den fingirten Fall, welcher vorliegendem Stücke zum Grunde liegt, erzählt eine alte Inhaltsanzeige: „Ein Mensch war auf die Burg in der Absicht gekommen, den Tyrannen aus der Welt zu schaffen. Da er ihn nicht selbst traf, durchbohrte er den Sohn desselben, und ließ sein Schwert in dem Leichname zurück. Als nun der Tyrann den Sohn ermordet fand, gab er sich in der Verzweiflung mit demselben Schwerte den Tod. Darauf gründet Jener den Anspruch auf den Ehrenpreis als Tyrannenmörder.“
  2. Τὤν πρό ist unstreitig verdorben: wegen des Gegensatzes mit dem folgenden μόνος übersetze ich, als ob stände: ἕξω.
  3. Πρὤτός σοι, nach du Soul’s und Hermann’s Verbesserung.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: foderte