Der Veltliner Protestantenmord

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Autor: Ernst Ziel
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Titel: Der Veltliner Protestantenmord
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aus: Die Gartenlaube, Heft 10, S. 167–170
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1876
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Veltliner Protestantenmord.


Von Ernst Ziel.


Zu dem Rüstzeuge, mit welchem die „heilige Kirche“ den Kampf gegen eine vernunftgemäße Welt- und Lebensanschauung führt, hat von jeher in erster Linie der Versuch gehört, die Berechtigung des Ultramontanismus[WS 1] und seiner Tendenzen auf historischem Wege darzuthun. Daß die Geistlichkeit, zumal die katholische, bei diesem gewagten Unternehmen Thatsachen und Daten, ja oft ganze Culturepochen, von der Geschichte verbürgt und verbrieft, in souveräner Willkür und Machtvollkommenheit auf den Kopf stellte und in „verbesserter Ausgabe“ ihren Zwecken dienstbar machte, weiß Jedermann. Ohne solche Fälschungen geht’s hierbei einmal nicht ab; denn jedes Blatt im Buche der Geschichte spricht von Blutthaten der Kirche – und wie sollte die „heilige“ bestehen angesichts solchen Zeugnisses? „Wo die Wahrheit uns nicht paßt, da thun wir ihr eben Gewalt an.“ Auf das Mißverhältniß zwischen dem, was der Ultramontanismus als Wahrheit hinstellen möchte, und dem, was wirklich Wahrheit ist, kann nicht oft genug hingewiesen werden – und diese Erwägung ist die Veranlassung zu der nachfolgenden Schilderung einer der schändlichsten Gräuelthaten des Glaubenseifers, eines Blutbades, dessen Einzelheiten, obgleich nicht weniger empörend als die Frevel der Sicilianischen Vesper, nicht minder gräßlich als die Schrecken der Bartholomäusnacht, doch in weiteren Kreisen verhältnißmäßig noch wenig bekannt geworden sind. Achtundvierzig Jahre nach jener Nacht, in welcher die Sterbeseufzer der Hugenotten die Straßen von Paris erfüllten, vollzog sich auf Befehl der Kirche Roms in einer der anmuthigsten Landschaften des heutigen Italiens, im Thale der Adda, der aus Blut und Unthat zum Himmel schreiende sogenannte Veltliner Protestantenmord.

Es war eine Zeit der Auflösung und Verwirrung, der Gährung und des Schreckens, die Zeit des anhebenden dreißigjährigen Krieges. Ganz Europa kam aus den Fugen. In Staat und Gesellschaft, im wissenschaftlichen und praktischen, zumal aber im religiösen Leben starben die alten Zustände unter gewaltigen Umwälzungen ab, und die Geburt einer neuen Zeit vollzog sich unter welterschütternden Ereignissen. Es war, als wolle die Menschheit mit sich selbst abrechnen über alte, durch Jahrhunderte verpflanzte Irrthümer und Verschuldungen und unter die abgeschlossene Bilanz der Zeit einen blutigen Strich machen.

Auch in Italien gingen die Keime des Neuen auf den Trümmern des Alten auf. Der Geist Luther’s hatte längst die Alpen überflogen und sich auf der italischen Halbinsel eine Heimstätte gegründet. Aber wie überall, so erhob sich auch hier gegen die freiere Lehre des Mönches von Wittenberg ein in den Fangnetzen des katholischen Glaubens verrannter Glaubenseifer, welcher mit Feuer und Schwert zurückerobern wollte, was die siegende Vernunft ihm abtrünnig gemacht hatte. Das Gespenst der Inquisition ging durch ganz Italien und warf die Flammen der Scheiterhaufen in alle Gauen. Kein „Ketzer“ war sicher vor den Schergen Roms, und die Noth war groß. Wohin sollten die verfolgten Protestanten sich wenden? Wo war ein Schirm gegen die Häscher des Papstes? Da winkte ihnen am Fuße der Alpen eine Friedensstatt. Aus allen Provinzen strömten die Schwerbedrohten zu ganzen Schaaren in das Veltlin, Schutz und Unterkommen in den sicheren Thälern der Adda suchend. Die schweizer Bündner gewährten ihnen beides und ließen den Fremdlingen auch freie Religionsübung zu Theil werden. So fand die Reformation allmählich im Veltlin Pflege und Ausbreitung.

Mit scheelen Blicken aber betrachtete Rom das beinahe im Schatten des heiligen Stuhles aufblühende Ketzerthum. Es wurde ein wahres System von geheimen Intriguen gegen die verhaßten Protestanten in Scene gesetzt, und als in Mailand Herzog Alba’s Regiment begann, da trat die Opposition offen hervor. Er, unter den Schildträgern der Inquisition der fürchterlichste, legte etwa um das Jahr 1560 Truppen in die festen Plätze des Addathales. Das ganze Veltlin zitterte. Aber die drohenden Wolken zogen vorüber – das Gewitter entlud sich nicht; um so drückender aber wurde die Schwüle; denn statt der gefürchteten spanischen Soldateska kamen – die Söhne Loyola’s in’s Land. Weit empfindlicher, als die Söldlinge Alba’s das Veltlin hätten bedrücken können, traf die Geißel der Jesuiten die nun in’s geistliche Joch geschlagenen Thalbewohner; denn ein Einziger dieser Jünger Jesu ist, nach dem Sprüchworte, schlimmer als zehn Kriegsknechte. Aber damit war es noch nicht genug; zum Schlimmen gesellte sich das Allerschlimmste: Zur energischeren Bekämpfung des Protestantismus im Thale der Adda gründete der Erzbischof von Mailand, Carlo Borromeo, ein gefügiges Werkzeug des Papstes, im Jahre 1579 in jener Stadt ein Priesterseminar, das Collegium Helveticum, in welchem der orthodoxe Katholicismus den jungen Nachwuchs für die Zwecke Roms erzog. Fünf Jahre später starb Borromeo, und Nicolo Rusca von Lugano, Erzpriester von Sondrio und Schüler Borromeo’s, wurde im Veltlin der geistige Mittelpunkt der Feinde des Protestantismus. Um ihn, der im Volksmunde nicht anders hieß, als der „Ketzerhammer“, schaarte sich Alles, was die Anhänger des neuen Glaubens und die bündnerische Gewalt haßte, die Priester und die großen und kleinen Feudalen. Die Noth der Verfolgten stieg; die Gefahr des freien Glaubens wuchs. Da wurde im Jahre 1618 Rusca vor ein Strafgericht in Thusis gestellt, des Ungehorsams gegen die Landesregierung und verrätherischer Verbindungen mit Spanien angeklagt und der Folter überliefert, auf welcher er starb. Das Blut ihres Oberhauptes spornte die katholische Partei zu verschärften Maßregeln gegen ihre Widersacher an, und so wurde ein bewaffneter Einfall in das Veltlin und die Ermordung der Protestanten beschlossene Sache.

So weit das Vorspiel des Dramas.

Zur Ausführung des fürchterlichen Planes lieh in erster Linie der durch Reichthum und wissenschaftliche Bildung weithin bekannte Ritter Jacob Robustelli zu Grosotto die Hand. Er hatte die Mitverschworenen im Juli 1620 in seiner Wohnung versammelt und richtete daselbst an sie die folgenden historisch gewordenen Worte:[1]

„Die Zeit der weibischen Klagen ist vorüber. Man muß sich empören. Der Krieg ist dem Zustande, in dem wir uns befinden, vorzuziehen. Vaterland, Eigenthum, Gesetze und, was mehr ist, die Religion haben uns die Bündner geraubt oder befleckt. Erschreckt nicht vor dem Worte Rebellion! Der Papst [168] segnet uns; Spanien hilft uns; die Zwietracht der Bündner begünstigt uns. Wie erquickend wird es sein, wenn wir in unseren alten Tagen zu unseren Kindern und Enkeln sagen können: Unser Verdienst ist es, daß ihr frei und katholisch seid.“

„Das rhätische Joch werde abgeschüttelt! Man lasse die Protestanten über die Klinge springen!“ herrschte der Jurist Schenardi.

„Es werden geschlachtet,“ rief, die beiden Vorredner überbietend, Doctor Vincenz Venosta, „bis auf die Letzten alle die dem Satan anheimgefallenen Ketzer, welche mitten in dem Schafstalle Christi leben! Das Volk schmecke einmal die Wollust des Blutes, und diese versiegle das Gelübde ewiger Feindschaft gegen die verruchten Oberherren!“

Die Gartenlaube (1876) b 168.jpg

Robustelli’s Wohnhaus, Versammlungsort der Veltliner Verschworenen in Grosotto.

So redeten im Verborgenen die Häupter der veltliner Ultramontanen mit einander, und was sie geplant, das blieb trotz Vorsicht und Flüsterrede kein Geheimniß in den Thälern und Schluchten des Veltlin. Schnell ging die Kunde von der den Protestanten drohenden Gefahr von Mund zu Mund. Und sie selbst, die treuen Anhänger der Lehre Luther’s? Schärften sie nicht die Schwerter zu Schutz und Trutz gegen die Tücke der Feinde? Nein, im Vertrauen auf ihre gute und reine Sache und in jener Arglosigkeit, welche stets das Eigenthum des Unbescholtenen ist, wollten sie nicht glauben, daß in der That die Verworfenheit ihrer Verfolger zu so blutigen Mitteln greifen könne – und diese Arglosigkeit war ihr Verderben; denn das Blut kam schnell über sie.

Robustelli hatte inzwischen eine Bande von verwegenen Strolchen – ihre Zahl ist nicht mehr zu ermitteln – mit eigenem und spanischem Golde angeworben und versammelte dieselben in der Nacht zum 19. Juli in seinen Kellern und Gewölben. Sich an die Spitze dieses Haufens stellend, ließ er noch vor Sonnenaufgang die Furie des Aufruhrs los und brach nach Tirano auf, wo sich die wilden Gesellen im Hause des Doctors Venosta bis zum Morgen verborgen hielten. Unter dem Schlachtgeschrei „Es lebe der römische Glaube!“ brachen sie mit den ersten Strahlen des Tages aus ihren finsteren Schlupfwinkeln hervor, und nun begann in dem arglosen Tirano eine Metzelei ohne Gleichen. Als erste Opfer fielen der evangelische Pfarrer Antonio Basso und etwa sechszig Gleichgesinnte. Viele Andere, Bürger von Tirano und den benachbarten Weilern, traf dasselbe Loos. Und weiter durch das anmuthige Thal nahm die Mörderrotte ihren Weg. In Teglio, wohin die Wüthenden sich nun wandten, wurde unter den gerade in der Kirche versammelten Protestanten ein grauenvolles Blutbad angerichtet. Man schätzt die hier Hingeschlachteten auf mindestens sechszig Personen. Sieben Männer, sechs Frauen und vier Kinder kamen im Glockenthurme, wo sie Schutz gesucht hatten, im Feuer der brennenden Kirche um’s Leben. Die Flammen von Teglio verkündeten weithin durch das unglückliche Land Entsetzen und Grauen, Tod und Verheerung. Aber rings keine Rettung vor den an Zahl und Gewaltmitteln überlegenen Empörern. Immer weiter, von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, wälzten sich die entmenschten Schaaren und ließen die blutigen Fahnen im Winde wehen.

Als dritte Station des Mordes war Sondrio auserkoren, der Hauptort des Veltlins. Hierher war der Hauptmann Johann Guicciardi, einer der verwegensten Rädelsführer der Verschworenen und neben Robustelli wohl der gefürchtetste unter ihnen, schon in der Nacht zum 20. Juli aufgebrochen. Allein bereits ehe er eintraf, begannen die dortigen Katholiken ein fürchterliches Gemetzel. Todtschlag und allgemeines Sterben auch hier. Aber erhebend und zugleich ein Zeugniß dafür, wie das Bewußtsein des Rechtes, wo es fest und energisch auftritt, auch einer überlegenen Macht gegenüber triumphirt, ist die That des Kanzlers Mingardini. Dieser Edle, von Menschenliebe entflammt, versammelt mitten im entsetzlichen Blutbade von Sondrio etwa zwanzig unerschrockene Männer um sich. Das Leben für nichts achtend, tritt er mit ihnen unter die Bande der Mordgesellen. Die Häupter stolz und kühn erhoben, Ruhe und Verachtung in den Mienen, ziehen die Wackeren, ihre Frauen und Kinder in der Mitte, fast waffenlos durch die Straßen von [169] Sondrio. Staunend aber sehen die Feinde die seltsam feierliche Procession; Keiner wagt eine Hand zu erheben gegen die durch Gottvertrauen Gewaffneten, und von Schritt zu Schritt mehrt sich Mingardini’s kleine Schaar. Als endlich das Häuflein auf dreiundsiebenzig gewachsen ist, da führt der Unerschrockene sie zum Thore der Stadt hinaus und von Höhe zu Höhe weit über die ragenden Schneegebirge hinweg, bis er sie Alle hinübergerettet hat nach dem schützenden Engadin, wohin der Arm der Empörer nicht mehr reicht.

Dieser glückliche Auszug der dreiundsiebenzig, vor denen die fanatisirten Mörder die Waffen wie beschämt gesenkt hatten, entflammte die Wuth der Glaubenseiferer, als die Geflohenen in Sicherheit waren, um so mehr, zumal inzwischen Guicciardi’s Söldlinge, „die von Durst nach Blut entbrannten“, wie es in Schriften aus damaliger Zeit heißt, in Sondrio eingetroffen waren. Drei Tage dauerte hier und in den benachbarten Ortschaften die Metzelei. Hier blieb keine Unthat ungethan; hier schlief kein Laster; hier war kein Schreckniß, das sich nicht in [170] seiner ganzen fürchterlichen Gestalt gezeigt hätte. Etwa hundertvierzig Menschen fielen in Sondrio den entmenschten Fanatikern zum Opfer; viele Heldenmüthige unter den Verfolgten, namentlich unter den Frauen, sollen den Tod in den Wellen der Adda freiwillig gesucht und gefunden haben.

Glücklicher als in Sondrio und dessen Umgegend waren die Protestanten zum Theil in den nach dem Comer See hin gelegenen Gemeinden. Von der drohenden Gefahr unterrichtet, gelang es ihnen meistens, sich vor dem nahenden Verderben zu retten. In Morbegno scheint sich unter den Katholiken eine förmliche Opposition gegen das wilde Treiben ihrer Glaubensgenossen gebildet zu haben; denn es ist Thatsache, daß sie die Protestanten ihres Ortes sicher geleiteten, bis diese sich außer dem Bereiche der Gefahr befanden. Dies ist das einzige Zeichen einer menschlichen Regung, welches die Katholiken des Veltlin in jenen schrecklichen Tagen bekundeten. Darum um so mehr Ehre den Morbegnern!

Am 21. Juli waren aus dem ganzen Veltlin vom Fuße der Iuga Rhaetica bis an den Larius die Protestanten vertrieben, oder ihre Leichen deckten das Land. Gegen sechshundert „Ketzer“ hatten ihr Leben unter dem Mordbeil des Fanatismus ausgehaucht.

Die Mörder triumphirten. Sie machten Robustelli zu ihrem Landeshauptmann, Guicciardi zum Statthalter. Aber die Vergeltung war schnell. Bereits zwei Wochen nach dem Protestantenmorde mußten die Veltliner Gewalthaber vor den unter Oberst Guler daherziehenden Bündnern fliehen, und seitdem war das unglückliche Land der Schauplatz der wildesten Kriegsfurie: die Bündner und die Spanier, die Franzosen und die Kaiserlichen schlugen hier ihre Schlachten; eine fürchterliche Pest raffte in den Jahren 1628–1630 zwei Drittel der Einwohner hinweg, und erst mit dem sogenannten „Ewigen Frieden“ im Jahre 1639 kehrten einigermaßen geordnete Zustände wieder in’s Veltlin zurück.

Zum jubelnden Andenken aber an den scheußlichen Protestantenmord bauten die siegreichen Katholiken durch das ganze etwa zwanzig Stunden lange Addathal bei jedem Dorfe, jedem Städtchen eine der Madonna geweihte Kirche, unter ihnen die prächtige der Madonna di Tirano. So verherrlichen – Ironie der Geschichte! – auch die niedrigsten Thaten sich oft in dauernden Werken echter Kunst, eine neue Bestätigung dafür, daß nichts so schlecht, nichts so verworfen ist, daß es nicht, wenn auch unabsichtlich und widerwillig, im Dienste der ewigen Weltordnung der Idee des Guten und Schönen dienen könne und müsse. Das bezeugt die Kirche der Madonna di Tirano.

Zum Schlusse noch einen Beleg für die tiefe Verworfenheit und Entsittlichung der Veltliner Protestantenmörder.

Zu St. Nicolo in einem kleinen Seitenthale des Veltlins ist an die Kirche eine Todtencapelle gebaut, in welcher eine Menge von menschlichen Gebeinen und Schädeln aufgehäuft liegt. Zu den beiden Seiten eines sehr schön und kunstreich geschnitzten Altars sieht man je einen menschlichen Leichnam in knieender Stellung. Die Tradition berichtet über diese Leichen, daß dieselben, die sterblichen Ueberreste zweier in jenen Schreckenstagen ermordeten Protestanten, eines Mannes und eines Weibes, auf dem Friedhofe von St. Nicolo beerdigt gewesen, aber von den Fluthen des reißenden Gletscherbaches Frodolfo wieder aus der Erde herausgewühlt worden seien; Bornirtheit und Aberglaube betrachteten diese Thatsache als einen Fingerzeig Gottes. Das Grab habe die Leiber der Ketzer wieder ausgespieen, meinten die Leute, und pfäffisches Raffinement machte der Kirche diesen Aberglauben dienstbar. Die beiden hart und steif getrockneten Leichname wurden in eine betende Stellung zusammengeknickt und so, dem Protestantismus zum bleibenden Hohne, wie büßend zu beiden Seiten des Altars postirt. „Angesichts des Todes,“ sagten die frommen Knechte Roms, „haben die reuigen Sünder den falschen Glauben abgeschworen und sind sterbend in den Schooß der alleinseligmachenden Kirche zurückgekehrt.“

Diese Rohheit der Gesinnung ist bezeichnend für den vor nichts zurückschreckenden Geist des Glaubenseifers, der den Veltliner Mord heraufbeschwor, wie denn die Juli-Schreckenstage an der Adda überhaupt vor anderen Schandthaten des Fanatismus geeignet sind, das Wesen der kirchlichen Herrsch- und Blutgier in seiner ganzen Nacktheit zu kennzeichnen. Denn wenn in früheren und späteren Religionsattaquen die Politik und andere weltliche Mächte mehr oder weniger die Hand im Spiele hatten, tritt uns hier der Eifer für den „heiligen Glauben“ in seiner unmittelbarsten und unabhängigsten und darum gräßlichsten Form entgegen, der Eifer für „der Seelen Seligkeit“, dessen blutige Fußspuren wir auf den Heerstraßen der Geschichte von Jahrhundert zu Jahrhundert verfolgen können und der noch heute, die Flamme des Fanatismus nährend und schürend, seine Sendboten in alle Lande ausgehen läßt.



  1. Siehe Georg Leonhardi’s vortreffliches Buch „Das Veltlin“ (Leipzig, Wilhelm Engelmann), welches hier vielfach benutzt wurde.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Ulramontanismus