Der Verfasser über sich selbst

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Textdaten
Autor: Georg Christoph Lichtenberg
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Titel: Der Verfasser über sich selbst
Untertitel: Charakter einer mir bekannten Person
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Herausgeber: Adolf Wilbrandt
Auflage:
Entstehungsdatum: 1799
Erscheinungsdatum: 1893
Verlag: J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger
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Erscheinungsort: Stuttgart
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: geb.uni-giessen.de, S. 132–144. pdf bei commons
Kurzbeschreibung: Selbstbeschreibung Lichtenbergs
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Der Verfasser über sich selbst.
Charakter einer mir bekannten Person.

Ihr Körper ist so beschaffen, daß ihn auch ein schlechter Zeichner im Dunkeln besser zeichnen würde, und stände es in ihrem Vermögen, ihn zu ändern, so würde sie manchen Teilen weniger Relief geben. Mit seiner Gesundheit ist dieser Mensch, ohnerachtet sie nicht die beste ist, doch noch immer so ziemlich zufrieden gewesen, und er hat die Gabe, sich gesunde Tage zu nutze zu machen, in einem hohen Grade. Seine Einbildungskraft, seine treueste Gefährtin, verläßt ihn alsdann nie; er steht hinter dem Fenster, den Kopf zwischen die zwei Hände gestützt; und wenn der Vorübergehende nichts als den melancholischen Kopfhänger sieht, so thut er sich oft das stille Bekenntnis, daß er im Vergnügen wieder ausgeschweift hat. Er hat nur wenige Freunde; eigentlich ist sein Herz nur immer für einen gegenwärtigen, aber für mehrere abwesende offen. Seine Gefälligkeit macht, daß viele glauben, er sei ihr Freund; er dient ihnen auch, aus Ehrgeiz, aus Menschenliebe, aber nicht aus dem Triebe, der ihn zum Dienst seiner eigentlichen Freunde treibt. Geliebt hat er nur ein- oder zweimal; das eine Mal nicht unglücklich, das andere Mal aber glücklich. Er gewann bloß durch Munterkeit und Leichtsinn ein gutes Herz, worüber er nun oft beide vergißt, wird aber Munterkeit und Leichtsinn beständig als Eigenschaften seiner Seele verehren, die ihm die vergnügtesten Stunden seines Lebens verschafft haben; und könnte er sich noch ein Leben und noch eine Seele wählen, so wüßte ich nicht, [133] ob er andre wählen würde, wenn er die seinigen wieder haben könnte. Von der Religion hat er als Knabe schon sehr frei gedacht, nie aber eine Ehre darin gesucht, ein Freigeist zu sein, so wenig als darin, alles ohne Ausnahme zu glauben. Er kann mit Inbrunst beten, und hat den neunzigsten Psalm nie ohne ein erhabenes, unbeschreibliches Gefühl lesen können. Ehe denn die Berge worden u.s.w. ist für ihn unendlich mehr, als: Sing, unsterbliche Seele u.s.w. Für Assembleen sind sein Körper und seine Kleider selten gut, und seine Gesinnungen selten … genug gewesen. Höher als drei Gerichte des Mittags und zwei des Abends mit etwas Wein, und niedriger als täglich Kartoffeln, Aepfel, Brot und auch etwas Wein hofft er nie zu kommen. In beiden Fällen würde er unglücklich sein. Er ist noch allezeit krank geworden, wenn er einige Tage außer diesen Grenzen gelebt hat. Lesen und Schreiben ist für ihn so nötig, als Essen und Trinken, und er hofft, es werde ihm nie an Büchern fehlen. An den Tod denkt er sehr oft, und nie mit Abscheu; er wünscht, daß er nur alles mit so vieler Gelassenheit denken könnte, und hofft, sein Schöpfer werde dereinst sanft ein Leben von ihm abfordern, von dem er zwar kein allzu ökonomischer, aber doch kein ruchloser Besitzer war.

Ich habe mich zuweilen recht in mir selbst gefreut, wenn Leute, die Menschenkenner und Weltweise sein wollen, über mich geurteilt haben. Wie entsetzlich sie sich irren. Der eine hielt mich für weit besser und der andre für weit schlimmer als ich war, und das immer aus sehr feinen Gründen, wie er glaubte.

Ein großer Fehler bei meinem Studieren in der Jugend war, daß ich den Plan zum Gebäude zu groß anlegte. Die Folge war, daß ich die obere Etage nicht ausbauen konnte, ja ich konnte nicht einmal das Dach zubringen. Em Ende sah ich mich genötigt, mich mit ein paar Dachstübchen zu begnügen, die ich so ziemlich ausbaute, aber verhindern konnte ich doch nicht, daß es mir bei schlimmem Wetter nicht hineinregnete. So geht es gar manchen!

Ich habe den Weg zur Wissenschaft gemacht wie die Hunde die mit ihrem Herrn spazieren gehen: hundertmal denselben vorwärts und rückwärts, und als ich ankam, war ich müde.

[134] Ich habe manchen Gedanken gehabt, von dem ich überzeugt sein konnte, daß er den besten unter den Menschen gefallen würde, und den ich nicht anzubringen wußte, auch anzubringen nicht sonderlich begierig war, und dafür mußte ich mich von manchem seichten Litterator und Kompilator oder irgend einem bloß empirischen Waghals und Konfusionär über die Achsel ansehen lassen, und doch auch gestehen, daß, nach meinem Verhalten, die Leute so gar Unrecht nicht hätten; denn wie konnten sie wissen, was meine Indolenz selbst vor meinem Tagebuch verheimlichte? Doch wenn mir de Lüc schrieb, ich schriebe ihm keinen Brief, aus dem er nicht etwas lernte, so setzte mich dieses über alle Urteile der Welt weg, aber wieder nur bei mir selbst.

Ich habe überhaupt sehr viel gedacht, das weiß ich, viel mehr, als ich gelesen habe. Es ist mir daher sehr vieles von dem unbekannt, was die Welt weiß, und daher irre ich auch oft, wenn ich mich in die Welt mische, und dieses macht mich schüchtern. Könnte ich das alles, was ich zusammen gedacht habe, so sagen, wie es mir ist, nicht getrennt, so würde es gewiß den Beifall der Welt erhalten.

Wenn ich doch Kanäle in meinem Kopfe ziehen könnte, um den inländischen Handel zwischen meinem Gedankenvorrat zu befördern! Aber da liegen sie zu Hunderten, ohne einander zu nützen.

Wenn ich zuweilen in einem meiner alten Gedankenbücher einen guten Gedanken von mir lese, so wundere ich mich, wie er mir und meinem System so fremd hat werden können, und freue mich nun so darüber, wie über den Gedanken eines meiner Vorfahren.

Nachdem ich vieles menschenbeobachterisch und mit vielem schmeichelhaften Gefühl eigener Superiorität aufgezeichnet und in noch feinere Worte gesteckt hatte, fand ich am Ende, daß gerade das das Beste war, was ich ohne alle diese Gefühle so ganz bürgerlich niedergeschrieben hatte.

Wenn es ein Werk von etwa zehn Folianten gäbe, worin in nicht allzu großen Kapiteln jedes etwas Neues, zumal von der [135] spekulativen Art, enthielte; wovon jedes etwas zu denken gäbe, und immer neue Aufschlüsse und Erweiterungen darböte: so glaube ich, könnte ich nach einem solchen Werk auf den Knieen nach Hamburg rutschen, wenn ich überzeugt wäre, daß mir nachher Gesundheit und Leben genug übrig bliebe, es mit Muße durchzulesen.

Ich wollte einen Teil meines Lebens hingeben, wenn ich wüßte, was der mittlere Barometerstand im Paradiese gewesen ist.

Die Gesichter der gemeinen Leute auf der Straße zu sehen, ist jederzeit eines meiner größten Vergnügen gewesen. Keine Zauberlaterne kommt diesem Schauspiel bei.

Ich habe wenige Menschen in der Welt gekannt, deren Schwachheiten ich nicht nach einem Umgang von drei Wochen (Stunden des Umgangs bloß gerechnet, welches wohl ein Vierteljahr im Kalender betragen konnte) ausgefunden hätte, und ich bin überzeugt worden, daß alle Verstellung nichts hilft gegen einen Umgang von drei Wochen; denn jede Befestigungskunst hat eine eigene Belagerungskunst für den, der sehen kann.

Es ist allezeit betrübt für mich, wenn ich bedenke, daß man in der Untersuchung mancher Dinge zu weit gehen kann, ich meine daß sie unserer Glückseligkeit nachteilig werden können. Eine Probe davon habe ich an mir. Ich wünsche, ich wäre in meinen Bemühungen, das menschliche Herz kennen zu lernen, minder glücklich gewesen. Ich verzeihe den Leuten ihre Bosheiten weit lieber, als vorher, das ist wahr; wenn jemand in Gesellschaft übel von mir redet, zumal wenn es nur geschieht, um die Gesellschaft zu belustigen, so kann ich ihm deswegen nicht im mindesten aufsässig werden, ich mache mir, im strengsten Verstande, nichts daraus, nur muß es nicht mit wallendem Blut und Hitze geschehen, oder grobe Verleumdung sein, die glaube ich nicht zu verdienen. Hingegen ist mir auch zu wenig an dem Lobe der Leute gelegen; ihr Neid wäre allenfalls das Einzige, was mich noch freuen würde. Das sollte in der Welt nicht sein. Also ist auch hier harmonisches Wachstum des ganzen Erkenntnissystems nötig; wo ein Teil zu sehr kultiviert wird, da führt es am Ende immer auf ein kleines oder großes Unheil hinaus.

[136] Ich verstehe von Musik wenig, spiele gar kein Instrument, außer daß ich gut pfeifen kann. Hiervon habe ich schon mehr Nutzen gezogen, als viele andre von ihren Arien auf der Flöte und auf dem Klavier. Ich würde es vergeblich versuchen, mit Worten auszudrücken, was ich empfinde, wenn ich an einem stillen Abend In allen meinen Thaten etc. recht gut pfeife, und mir den Text dazu denke. Wenn ich an die Zeile komme: Hast du es denn beschlossen etc., was fühle ich da für Mut, für neues Feuer, was für Vertrauen auf Gott! ich wollte mich in die See stürzen und mit meinem Glauben nicht ertrinken, mit dem Bewußtsein einer einzigen guten That eine Welt nicht fürchten. Spüre ich einen Hang zum Scherzhaften, so pfeife ich: Sollt’ auch ich durch Gram und Leid etc. oder When you meet a tender creature etc..

Welch ein Unterschied, wenn ich die Worte: „Ehe denn die Berge worden, und die Erde und die Welt geschaffen worden, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit“ – in meiner Kammer ausspreche, oder in der Halle von Westminstersabtei! Ueber mir die feierlichen Gewölbe, wo der Tag immer in einer heiligen Dämmerung trauert, unter mir die Reste zusammengestürzter Pracht, der Staub der Könige, und um mich her die Trophäen des Todes! Ich habe sie hier und dort ausgesprochen; in meinem Schlafgemach haben sie mich oft erbaut; ich habe sie von Kindheit an nie ohne Rührung gebetet, aber hier durchlief mich ein unbeschreibliches, aber angenehmes Grauen; ich fühlte die Gegenwart des Richters, dem ich auf den Flügeln der Morgenröte selbst nicht zu entrinnen vermöchte, mit Thränen, weder der Freude noch des Schmerzes, sondern mit Thränen des unbeschreiblichen Vertrauens auf ihn. Glaubt nicht, ihr, die ihr überall mutmaßet und mehr mutmaßet als leset, daß ich aus modischer Schwermut dieses dichte. Ich habe den Young nicht ganz lesen können, als es Mode war, ihn zu lesen, und halte ihn noch jetzt für einen großen Mann, da es Mode ist, ihn zu tadeln.

Schon in meinem achten Jahre wurde ich durch des Glasers S… Knaben auf die Vorstellung der Seelenwanderung geleitet.

Ich kann den Gedanken nicht los werden, daß ich gestorben war, ehe ich geboren wurde, und durch den Tod wieder in jenen [137] Zustand zurückkehre. Es ist ein Glück in mancher Rücksicht, daß diese Vorstellung nicht zur Deutlichkeit gebracht werden kann. Wenn auch der Mensch jenes Geheimnis der Natur erraten kann, so wäre es doch sehr gegen ihr Interesse, wenn er es beweisen könnte. Sterben und wieder lebendig werden mit Erinnerung seiner vorigen Existenz, nennen wir ohnmächtig gewesen sein; wieder erwachen mit andren Organen, die erst wieder gebildet werden müssen, heißt geboren werden.

Euler sagt in seinen „Briefen über verschiedene Gegenstände aus der Naturlehre“ (2. Band, S. 228), es würde ebenso gut donnern und blitzen, wenn auch kein Mensch vorhanden wäre, den der Blitz erschlagen könnte. Es ist ein gar gewöhnlicher Ausdruck, ich muß aber gestehen, daß es mir nie leicht gewesen ist, ihn ganz zu fassen. Mir kommt es immer vor, als wenn der Begriff sein etwas von unsrem Denken Erborgtes wäre, und wenn es keine empfindenden und denkenden Geschöpfe mehr gibt, so ist auch nichts mehr. So einfältig dieses klingt, und so sehr ich verlacht werden würde, wenn ich so etwas öffentlich sagte, so halte ich doch so etwas mutmaßen zu können für einen der größten Vorzüge, eigentlich für eine der sonderbarsten Einrichtungen des menschlichen Geistes. Dieses hängt wieder mit meiner Seelenwanderung zusammen. Ich denke, oder eigentlich, ich empfinde hierbei sehr viel, das ich nicht auszudrücken im stande bin, weil es nicht gewöhnlich menschlich ist, und daher unsre Sprache nicht dafür gemacht ist. Gott gebe, daß es mich nicht einmal verrückt macht. Soviel merke ich, wenn ich darüber schreiben wollte, so würde mich die Welt für einen Narren halten, und deswegen schweige ich. Es ist auch nicht zum Sprechen, so wenig als die Flecken auf meinem Tisch zum Abspielen auf der Geige.

Die Erinnerung an meine Mutter und ihre Tugend ist bei mir gleichsam zum Kordial geworden, das ich immer mit dem besten Erfolg nehme, wenn ich irgend zum Bösen wankend werde.

Ich bin mehrmal wegen begangener Fehler getadelt worden, die mein Tadler nicht Kraft oder Witz genug hatte zu begehen.

Das Gäßchen, wo mir W…s Tochter einmal begegnete gegen halb eins des Nachmittags, vergesse ich nie. Es kam mir wie in [138] der Nacht vor, weil da alles am Tische saß; – sehr subtil, aber herzenswahr.

Die Augen eines Frauenzimmers sind bei mir ein so wesentliches Stück, ich sehe so oft danach, denke mir so vielerlei dabei, daß, wenn ich nur ein bloßer Kopf wäre, die Mädchen meinetwegen nichts als Augen sein könnten.

Was bei andren Ehen im Ernst geschieht, das ahmen wir (ich und meine Frau) aus Scherz nach. Wir zanken uns förmlich im Scherz, wo dann jeder soviel Witz zeigt, als er auftreiben kann. Dieses thun wir, um der Ehe ihr Recht zu lassen. Wir feuern blind, um, wenn einer von uns sich je wieder verheiraten sollte, nicht aus der Uebung zu kommen.

Ja, meinen Aberglauben recht auseinanderzusetzen. Z. B. daß, wenn ein frisch angestecktes Licht wieder ausgeht, ich meine Reise nach Italien daraus beurteile. Dieses ist ein sehr merkwürdiger Umstand in meinem Leben und in meiner Philosophie.

Wenn ich einen Nagel einschlage, nur um etwas anzuheften, so denke ich immer, was wird geschehen, ehe ich ihn wieder herausziehe. Es ist gewiß hierin etwas. Ich heftete den Pappdeckel im November an mein Bett an, und ehe ich den Nagel noch herauszog, war mein vortrefflicher Freund Schernhagen in Hannover und eines meiner Kinder gestorben, und die italienische Reise zu Wasser geworden.

Ich habe die Hypochondrie studiert, mich so recht darauf gelegt.

Meine Hypochondrie ist eigentlich eine Fertigkeit, aus jedem Vorfall des Lebens, er mag Namen haben wie er will, die größtmögliche Quantität Gift zu eigenem Gebrauch auszusaugen.

Es thun mir viele Sachen weh, die andren nur leid thun.

[139] Ich habe das Register der Krankheiten durchgegangen und habe die Sorgen und die traurigen Vorstellungen nicht darunter gefunden; das ist doch falsch.

Man klagt so sehr bei jedem Schmerz und freut sich so selten, wenn man keine fühlt. Unter die letzte Klasse von Menschen gehöre ich nicht. Wenn ich so ganz keinen Schmerz fühle, was zuweilen der Fall ist, wenn ich mich zu Bett lege, da habe ich diese Glücksseligkeit so ganz empfunden, daß ich Freudenthränen geweint habe, und dieser stille Dank gegen meinen gütigen Schöpfer machte mich noch ruhiger. O! wer so sterben könnte!

Wenn nur der Scheidepunkt erst überschritten wäre! Mein Gott, wie verlangt mich nach dem Augenblick, wo die Zeit für mich aufhören wird, Zeit zu sein; wo mich der Schoß des mütterlichen alles und nichts wieder aufnehmen wird, in dem ich damals schlief, als der Haynberg angespült wurde, als Epikur, Cäsar, Lukrez lebten und schrieben, und Spinoza den größten Gedanken dachte, der noch in eines Menschen Kopf gekommen ist.

Es ist eine meiner Lieblingsvorstellungen, mir den Tod zu gedenken, und dieser Gedanke kann mich zuweilen so einnehmen, daß ich mehr zu fühlen als zu denken scheine und halbe Stunden mir wie Minuten vorübergehen. Es ist dieses keine dickblutige Selbstkreuzigung, welcher ich wider meinen Willen nachhinge, sondern eine geistige Wollust für mich, die ich wider meinen Willen sparsam genieße, weil ich zuweilen fürchte, jene melancholische nachteulenmäßige Betrachtungsliebe möchte daraus entstehen.

Wenn auch meine Philosophie nicht hinreicht, etwas Neues auszufinden, so hat sie doch Herz genug, das längst Geglaubte für unausgemacht zu halten.

Ich lese die Psalmen Davids sehr gern: ich sehe daraus, daß es einem solchen Manne zuweilen eben so ums Herz war wie mir, und wenn ich sehe, daß er nach seinem großen Leiden wieder für Errettung dankt, so denke ich, vielleicht kommt die Zeit, daß auch du für Errettung danken kannst. Es ist gewiß ein Trost, [140] zu sehen, daß es einem großen Manne in einer höhern Lage nicht besser zu Mute war, als einem selbst, und daß man doch nach Tausenden von Jahren von ihm spricht und sich an ihm tröstet.

Nichts aufgeschoben; alle Tage ein wenig; Pfennige gespart in allen Stücken; nicht zu viel auf einmal, und lieber ein wenig desto öfterer – das ist meinem Charakter am zuträglichsten, und wenn ich so nicht etwas ausrichte, so richte ich nichts aus.

Ich habe mir’s zur Regel gemacht, daß mich die aufgehende Sonne nie im Bett finden soll, so lange ich gesund bin. Es kostete mich nichts, als den Entschluß; denn ich habe es bei Gesetzen, die ich mir selbst gab, immer so gehalten, daß ich sie nicht eher festsetzte, als bis mir die Uebertretung fast unmöglich war.

Mein Körper ist derjenige Teil der Welt, den meine Gedanken verändern können. Sogar eingebildete Krankheiten können wirkliche werden. In der ganzen übrigen Welt können meine Hypothesen die Ordnung der Dinge nicht stören.

Es war eine drollige Idee von – –, sich einen so dicken Kerl zu denken, der mit der einen Seite unter dem Pol und mit der andern unter dem Äquator wäre. Ein trauriges Leben! Aber ich habe doch wirklich bei eiskalten Füßen zuweilen oben geschwitzt.

Ich muß zuweilen wie ein Talglicht geputzt werden, sonst fange ich an dunkel zu brennen.

Ich habe es sehr deutlich bemerkt, daß ich oft eine andere Meinung habe, wenn ich liege, und eine andere, wenn ich stehe; zumal wenn ich wenig gegessen habe und matt bin.

Ich habe oft des Nachts über einen Einfall lachen müssen, der mir am Tage schlecht oder gar frevelhaft vorkam.

[141] Shakespeare hat eine besondere Gabe, das Närrische auszudrücken, Empfindungen und Gedanken zu malen, dergleichen man kurz vor dem Einschlafen oder im leichten Fieber hat. Mir ist alsdann schon oft ein Mann wie eine Einmaleinstafel vorgekommen, und die Ewigkeit wie ein Bücherschrank. – Er müßte vortrefflich kühlen, sagte ich, und meinte damit den Satz des Widerspruchs, den ich ganz eßbar vor mir gesehen hatte.

Bei einem kleinen Fieber glaubte ich einmal deutlich einzusehen, daß man eine Bouteille Wasser in eine Bouteille Wein verwandeln könne auf eine ähnliche Art, wie man eine viereckige Figur in einen Triangel verwandelt.

Es war entweder in der Nacht vom 14. auf den 15. oder vom 15. auf den 16. Oktober (1779), als mir träumte, ich sehe eine feurige Wolke unter den Plejaden herfliegen; zugleich läutete die große Glocke zu Darmstadt und ich fiel auf die Kniee und sprach die Worte „heilig, heilig u. s. w.“ aus. Meine Empfindungen waren dabei unaussprechlich groß und ich hätte mich derselben kaum mehr fähig geglaubt.

Wir glauben, daß wir frei wären in unsern Handlungen, sowie wir im Traume einen Ort für ganz bekannt halten, den wir gewiß jetzt zum erstenmale sehen. So träumte mir in der Nacht vom 23. auf den 24. Oktober 1788, ich hätte mich in eine Stadt verirrt, von der mir nicht einmal der Name im Traum bekannt war, und endlich, als ich in der Ferne eine zerfallene Bogenstellung bemerkte, war ich froh, weil ich die von meinem Garten aus sehen und also mein Haus nicht weit sein konnte. Beim Erwachen fand ich aber schon, daß ich nie in meinem Leben an einer solchen Bogenstellung gewohnt hatte u. s. w. In meinen Träumen findet sich mehr dergleichen.

Mir träumte, ich sollte lebendig verbrannt werden. Ich war sehr ruhig dabei, was mich beim Erwachen aber nicht freute. So etwas kann Erschlaffung sein. Ich raisonnierte ganz ruhig über die Zeit, die es dauern würde; vorher, dachte ich, bin ich noch nicht verbrannt und nachher bin ich es. Das war alles, was ich dachte und bloß dachte. Diese Zeit liegt zwischen sehr engen Grenzen. [142] Ich fürchte fast, es wird bei mir alles zu Gedanken und das Gefühl verliert sich.

Es war zu Ende September 1798, als ich jemanden im Traum die Geschichte der jungen und schönen Gräfin H… erzählte, die mich und überhaupt jedermann sehr gerührt hat. Sie starb im September 1797 in den Wochen, oder eigentlich während der Geburt, die nicht zustande kam. Sie wurde geöffnet und das Kind neben ihr in den Sarg gelegt, und so wurden sie zusammen des Nachts mit Fackeln, unter einem entsetzlichen Zulauf von Volk, nach einem benachbarten Orte, wo das Familienbegräbnis ist, gebracht. Dieses geschah auf dem Göttingischen Leichenwagen, einer sehr unbeholfenen Maschine. Dadurch wurden also die Leichname sehr durcheinandergeworfen. Am Ende wollten sie, ehe sie in die Gruft gebracht wurden, noch einige Leute sehen. Man öffnete den Sarg und fand die Mutter auf dem Gesicht liegend und mit ihrem Kind in einen Haufen geschüttelt. Das schöne Weib, schwerlich noch 20 Jahre alt, die Krone unsrer Damen, die auf manchem Ball den Neid der schönsten erregt, in diesem Zustande! Dieses Bild hatte mich zu der Zeit oft beschäftigt, zumal da ich ihren Gemahl, einen meiner fleißigsten Zuhörer, sehr wohl gekannt hatte. Diese traurige Geschichte erzählte ich nun jemanden im Traum, im Beisein eines dritten, dem die Geschichte auch bekannt war; vergaß aber (sehr sonderbar) den Umstand mit dem Kinde, der doch gerade ein Hauptumstand war. Nachdem ich die Erzählung, wie ich glaubte, mit vieler Energie und Rührung dessen, dem ich sie erzählte, vollendet hatte, sagte der dritte: ja, und das Kind lag bei ihr, alles in einem Klumpen. – Ja, fuhr ich gleichsam auffahrend fort, und ihr Kind lag mit in dem Sarge. – Dieses ist der Traum; was mir ihn merkwürdig macht, ist dieses: Wer erinnerte mich im Traume an das Kind? Ich war es ja selbst, dem der Umstand einfiel; warum brachte ich ihn nicht selbst im Traum als eine Erinnerung bei? Warum schuf sich meine Phantasie einen dritten, der mich damit überraschen und gleichsam beschämen mußte? Hätte ich die Geschichte wachend erzählt, so wäre mir der rührende Umstand gewiß nicht entgangen. Hier mußte ich ihn übergehen um mich überraschen zu lassen. Hieraus läßt sich allerlei schließen; ich erwähne nur eines und gerade das, was am stärksten wider mich selbst zeugt, zugleich aber auch für die Aufrichtigkeit, womit ich diesen sonderbaren Traum erzähle. Es ist mir öfters begegnet, daß, wenn ich etwas habe drucken lassen, ich erst ganz am Ende, wenn sich nichts mehr ändern ließ, bemerkt habe, daß ich alles hätte besser sagen können, ja daß ich Hauptumstände vergessen hatte. [143] Dieses ärgerte mich oft sehr. – Ich glaube, daß hierin die Erklärung liegt. Es wurde hier ein mir sehr merkwürdiger Vorfall dramatisiert. Ueberhaupt aber ist das mir nichts Ungewöhnliches, daß ich im Traum von einem dritten belehrt werde; das ist aber weiter nichts als dramatisiertes Besinnen. Sapienti sat.

In der Nacht vom 9. auf den 10. Februar (1799) träumte mir, ich speise auf einer Reise in einem Wirtshause, eigentlich auf einer Straße in einer Bude, worin zugleich gewürfelt wurde. Gegen mir über saß ein junger, gut angekleideter, etwas windig aussehender Mann, der, ohne auf die Umhersitzenden und Stehenden zu achten, seine Suppe aß, aber immer den zweiten oder dritten Löffel voll in die Höhe warf, wieder mit dem Löffel fing und dann ruhig verschluckte. Was mir diesen Traum besonders merkwürdig macht, ist, daß ich dabei meine gewöhnliche Bemerkung machte, daß solche Dinge nicht könnten erfunden werden, man müßte sie sehen. (Ich meine, kein Romanschreiber würde darauf verfallen.) Dennoch hatte ich dieses doch in dem Augenblick erfunden. – Bei dem Würfelspiel saß eine lange, hagere Frau und strickte. Ich fragte, was man da gewinnen könnte. Sie sagte: nichts; und als ich fragte, ob man was verlieren könnte, sagte sie: nein! Dieses hielt ich für ein wichtiges Spiel.

Ich kann nicht vergessen, daß ich in meiner Jugend einmal die Frage: was ist das Nordlicht? auf einen Zettel mit der Adresse an einen Geist schrieb und jenen des Abends auf den obersten Boden im Hause legte. O wäre da ein Schelm gewesen, der mir die Frage beantwortet hätte!

Ich erinnere mich deutlich, daß ich einmal in meiner frühesten Jugend ein Kalb zum Apportieren abrichten wollte; allein ob ich gleich merkte, daß ich in den nötigen Fertigkeiten wirklich zunahm, so verstanden wir doch einander alle Tage weniger und ich ließ es endlich ganz und habe es nachher nie wieder versucht.

Ich fand oft ein Vergnügen daran, Mittel auszudenken, wie ich diesen oder jenen Menschen ums Leben bringen oder Feuer anlegen könnte, ohne daß es bemerkt würde, ob ich gleich nie den [144] festen Entschluß gefaßt habe, so etwas zu thun, noch auch nur die geringste Neigung dazu verspürt, und bin sehr oft mit solchen Gedanken eingeschlafen.

In dem Hause, wo ich wohnte, hatte ich den Klang und die Stimmung jeder Stufe einer alten hölzernen Treppe gelernt und zugleich den Takt, in welchem sie jeder meiner Freunde, der zu mir wollte, schlug; und ich muß gestehen, ich bebte allemal, wenn sie von einem Paar Füße in einem mir unbekannten Ton heraufgespielt wurde.

Es hat mich öfters geschmerzt, daß ich seit 20 Jahren nicht mehr dreimal in einem Atem geniest, noch mich an das Kümmeleckchen gestoßen habe.

So lange das Gedächtnis dauert, arbeiten eine Menge Menschen in Einem vereint zusammen, der zwanzigjährige, der dreißigjährige u. s. w. Sobald aber dieses fehlt, so fängt man immer mehr an, allein zu stehn, und die ganze Generation von Ich’s zieht sich zurück und lächelt über den alten Hilflosen. Dieses spürte ich sehr stark im August 1795.

Was wird noch aus diesem Geschlecht werden, ehe es vergeht? Die Welt kann leicht noch eine Million Jahre so fortrollen wie bisher, und da wären 5000 Jahre gerade das, was ein Vierteljahr in dem Leben eines Menschen von fünfzig ist, kaum ein Zwölftel unsrer Universitätszeit. Was habe ich das letzte Vierteljahr gethan? Gegessen, getrunken, elektrisiert, Kalender gemacht, über eine junge Katze gelacht, und so sind 5000 Jahre dieser kleinen Welt hingelaufen, die ich bin.