Der Wolf und die sieben jungen Geislein (1819)

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Autor: Brüder Grimm
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Titel: Der Wolf und die sieben jungen Geislein
Untertitel:
aus: Kinder- und Haus-Märchen Band 1, Große Ausgabe.
S. 26-28
Herausgeber:
Auflage: 2. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1819
Verlag: G. Reimer
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Erscheinungsort: Berlin
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
seit 1812: KHM 5
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Begriffsklärung Andere Ausgaben unter diesem Titel siehe unter: Der Wolf und die sieben jungen Geißlein.


[25]
5.

Der Wolf und die sieben jungen Geislein.

Eine Geis hatte sieben junge Geislein, die sie recht mütterlich liebte und sorgfältig vor dem Wolf hütete. Eines Tags, als [26] sie ausgehen mußte, Futter zu holen, rief sie alle zusammen und sagte: „liebe Kinder, ich muß ausgehen und Futter holen, wahrt euch vor dem Wolf und laßt ihn nicht herein; gebt auch Acht, denn er verstellt sich oft, aber an seiner rauhen Stimme und an seinen schwarzen Pfoten könnt ihr ihn erkennen; ist er erst einmal im Hause, so frißt er euch alle mit Haut und Haar.“ Nicht lange darauf als sie weggegangen war kam auch schon der Wolf vor die Hausthüre und rief mit seiner rauhen Stimme: „liebe Kinder, macht mir auf, ich bin eure Mutter und hab’ euch schöne Sachen mitgebracht.“ Die sieben Geiserchen aber sprachen: „unsere Mutter bist du nicht, die hat eine feine liebliche Stimme, deine Stimme aber ist rauh, du bist der Wolf und wir machen dir nicht auf.“ Der Wolf aber besann sich auf eine List, ging fort zu einem Krämer und kaufte sich ein groß Stück Kreide, die aß er und machte seine Stimme fein damit. Darnach ging er wieder zu der sieben Geislein Hausthüre und rief mit feiner Stimme: liebe Kinder laßt mich ein, ich bin eure Mutter, jedes von euch soll etwas haben.“ Er hatte aber seine Pfote in das Fenster gelegt, das sahen die sieben Geiserchen und sprachen: „unsere Mutter bist du nicht, die hat keinen schwarzen Fuß, wie du; du bist der Wolf und wir machen dir nicht auf.“ Der Wolf ging fort zu einem Bäcker und sprach: „Bäcker, bestreich mir meine Pfote mit frischem Teig,“ und als das gethan war, ging er zum Müller und sprach: „Müller, streu mir fein weißes Mehl auf meine Pfote. Der Müller wollte nicht. „Wenn du es nicht [27] thust, sprach der Wolf, so freß ich dich.“ Da that es der Müller aus Furcht.

Nun ging der Wolf wieder vor der sieben Geiserchen Hausthüre und sagte: „liebe Kinder, laßt mich ein, ich bin eure Mutter, jedes von euch soll etwas geschenkt kriegen.“ Die sieben Geiserchen wollten erst die Pfote sehen, und wie sie sahen, daß sie schneeweiß war und weil sie den Wolf so fein sprechen hörten, glaubten sie, es wäre ihre Mutter und machten die Thüre auf, und der Wolf kam herein. Wie sie aber sahen, wer es war, wie erschracken sie da und versteckten sich geschwind, so gut es ging, das eine unter den Tisch, das zweite ins Bett, das dritte in den Ofen, das vierte in die Küche, das fünfte in den Schrank, das sechste unter eine große Schüssel, das siebente in die Wanduhr. Aber der Wolf fand sie alle und verschluckte sie, außer das jüngste in der Wanduhr, das blieb am Leben. Darauf, als er seine Lust gebüßt, ging er fort.

Bald darauf kam die Mutter nach Haus. Die Hausthüre stand offen, Tisch, Stuhl und Bänke waren umgeworfen, die Schüsseln in der Küche zerbrochen, die Decke und die Kissen aus dem Bett gezogen: was für ein Jammer! Der Wolf war da gewesen und hatte ihre lieben Kinder gefressen. „Ach! meine sieben Geiserchen sind todt!“ rief sie in ihrer Traurigkeit, da sprang das jüngste aus der Wanduhr und sagte: „eins lebt noch, liebe Mutter“ und erzählte ihr, wie das Unglück gekommen war.

Der Wolf aber, nachdem er sich also wohlgethan, satt und müd war, hatte sich auf eine grüne Wiese in den Sonnenschein [28] gelegt und war in einen tiefen Schlaf gefallen. Die alte Geis aber war klug und listig, dachte hin und her; sind denn meine Kindlein nicht zu retten! endlich sagte sie ganz vergnügt zu dem jüngsten Geislein: „nimm Zwirn, Nadel und Scheere und folg’ mir nach.“ Nun gingen die beiden hinaus und fanden den Wolf schnarchend auf der Wiese liegen: „da liegt der garstige Wolf,“ sagte die Mutter und betrachtete ihn von allen Seiten,“ nachdem er zum Vieruhrenbrot meine sechs Kindlein hinuntergefressen hat, gieb mir einmal die Scheere her: „ach! wenn sie noch lebendig in seinem Leibe wären!“ Damit schnitt sie ihm den Bauch auf, und die sechs Geiserchen, die er in der Gier und Hast ganz verschluckt hatte, sprangen unversehrt heraus. Ach, was herzten sie ihre Mutter und waren froh, daß sie aus dem dunkeln Gefängniß befreit waren. Sie aber hieß sie hingehen und große und schwer Wackersteine herbeitragen, damit mußten sie dem Wolf den Leib füllen, und sie nähte ihn wieder zu. Dann liefen sie alle fort, und versteckten sich hinter eine Hecke.

Als der Wolf ausgeschlafen hatte, so fühlt’ er es so schwer im Leib und sprach: „es rumpelt und pumpelt mir im Leib herum! es rumpelt und pumpelt mir im Leib herum! was ist das? ich hab’ nur sechs Geiserchen gegessen.“ Er dachte, ein frischer Trunk wird mir schon helfen machte sich auf und suchte einen Brunnen; aber wie er sich darüber bückte, konnte er sich vor der Schwere der Steine nicht mehr halten, und stürzte ins Wasser und ertrank. Wie das die sieben Geiserchen sahen, kamen sie herzu gelaufen, und tanzten vor Freude um den Brunnen.