Der Wolfsbrunnen bei Heidelberg

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Autor: Unbekannt
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Titel: Der Wolfsbrunnen bei Heidelberg
Untertitel:
aus: Badisches Sagen-Buch II, S. 550–553
Herausgeber: August Schnezler
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1846
Verlag: Creuzbauer und Kasper
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Erscheinungsort: Karlsruhe
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Kurzbeschreibung:
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[550]
Der Wolfsbrunnen bei Heidelberg.
(Andere Version.)

Sinnend unter Buchenbäumen
Jetta saß, die Seherin,
Saß vertieft in ihren Träumen,
Blickte traurig vor sich hin.

5
Und zu ihren Füßen spielte

Kieselklar ein frischer Quell;
Jutta, warum du so düster,
Und die Quelle doch so hell?

Fraget nicht, sie hat gelesen

10
In den Runen ihr Geschick.

Heiter war sie einst gewesen;
Ach, zerstört nun ist ihr Glück!
Fluch dem Blick in künft’ge Tage!
Unglücksel’ge Seherin!

15
Hast dein Todesloos erspähet!

Deine Ruhe ist dahin!

So, in Träume hingesunken,
Hörte sie den Jüngling nicht,
Der, die Aeste vor sich theilend.

20
Aus dem Buchendunkel bricht;

Sah nicht, wie er, tief erschüttert,
Stille steht vor ihrem Bild,
Wie vom Götterstrahl getroffen,
Wie von Himmelslust erfüllt!

25
Und so stand der Jüngling lange,

Bis sie, aus dem tiefen Traum
Aufgewacht, nach Oben schaute
Zu dem blauen Himmelsraum.
Da, geheimnißvoll durchschauert,

30
Fiel auf ihn ihr Seherblick,

Und von höh’rer Lust ergriffen
Fuhr er gluthentbrannt zurück:

[551]

„Seherin, ich bin gekommen
Aus dem fernen Frankenland,

35
Mein Geschick von dir zu hören,

Wie sich’s in den Runen fand.“
Und er wollte weiter reden,
Doch im Herzen blieb das Wort,
Nur die Röthe seiner Wangen

40
Sprach es leise für sich fort.


Und, wie von der Abendröthe
Rosenscheine überstrahlt,
Glühend roth die Wolken glänzen,
Feurig sich der Himmel malt,

45
Also saß, von Gluth umflossen,

Jutta hier am Quellenrand:
„Morgen sollst du Alles hören,
Wie ich’s in den Runen fand!“

Als der Morgen war gekommen,

50
Stand der Jüngling wieder da,

Und die Seherin verkündet,
Was sie in den Runen sah:
„Fremdling, deines Lebens Loose
Knüpfen sich an meine an;

55
Denn mit Jetta sollst du gehen

Zu Walhalla’s Burg hinan!“

Da, im Uebermaß der Wonne,
Daß nicht Wahnsinn sey sein Traum,
Wirft er sich zu ihren Füßen

60
Freudetrunken, glaubt es kaum;

Und wie einem Heil’genbilde
Küßt er zagend ihre Hand;
Und die Herzen sind vereinet,
Und geschlungen ist das Band.

65
Von der Heimath weit getrennet,

Ferne von des Vaters Haus,

[552]

Hat er Jetta sich verschworen,
Bis ihm lösch’ das Auge aus.
Hier, beim Schein der stillen Sterne,

70
Soll er ruhn an ihrer Brust,

In dem heil’gen Buchenhaine
Trinken süße Liebeslust.

So von Sehnsucht heiß erglühet,
Bis die Sonne wieder sinkt,

75
Und zum sel’gen Wiedersehen

Abendstern ihm freundlich winkt,
Irrt er auf den grünen Hügeln,
Auf den Schlössern rings umher;
Denket nur der Sternenstunden,

80
Denkt nicht seiner Heimath mehr!


Aber, ach! als er so glühend
Bei dem nächsten Sternenschein
Zu der Quelle wieder eilet,
Hin zu Jetta’s heil’gem Hain;

85
Ach! die Seele muß vergehen

Vor dem schrecklichen Gesicht,
Das sich gräßlich ihm enthüllet,
Als er durch die Zweige bricht.

Die er wähnte zu begrüßen,

90
Zu umfassen liebentbrannt, –

Jetta liegt im Todesblute
An der kühlen Felsenwand!
Wo ihr himmelblaues Auge
Lächelte ihn freundlich an,

95
Grinst ein Wolf und streckt die Zunge

Blutgefärbt zu ihm heran!

Von Verzweifelung ergriffen
Streckt er schnell das Unthier hin,
Wirft sich auf die schöne Leiche –

100
Eine Sonne im Verglühn! –
[553]

Und, von wilden Zahn zerfleischet,
Liegen Glieder rings herum!
Eine freche Mördergrube
Ist das stille Heiligthum!

105
Viele Jahre sind verflossen,

Doch die Quelle rieselt fort;
Und die Buchenbäume flüstern
Immer noch von Jetta’s Mord;
Selbst die Goldforellen unten

110
In des Brunnens tiefem Grund,

Lauschend auf der Blätter Säuseln,
Tragen ihn von Mund zu Mund!

Fliegendes Blatt.