Der Zauderer

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Textdaten
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Autor: Johann Gottfried Herder
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Titel: Der Zauderer
Untertitel:
aus: Zerstreute Blätter (Fünfte Sammlung) S. 109–113
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1793
Verlag: Carl Wilhelm Ettinger
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Erscheinungsort: Gotha
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Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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De Zerstreute Blätter V (Herder) 131.jpg
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Der Zauderer.


A. Sehe ich dich noch immer wie ich dich sah, müssig und ohne Bestimmung; ein Niemand. Du bist in dem Alter, da man Gott und dem Staat dienen soll; auf! –

B. Ich möchte wohl; aber alle Dinge sind so schwer! so schwer, daß niemand es aussprechen mag.

A. So höre auch auf, ein Mensch zu seyn: denn des Menschen erstes Gesetz ist Arbeiten.

B. Aber die Arbeiten haben ihre Grade, ihre verschiednen Gewichte. Indem ich diese nun untersuche, gegen einander abwäge und prüfe, vergeht die Zeit. –

A. Ei dann fort! was gefällt dir vor andern? die Theologie?

B. Sie hat zu viel Ernstes, zu viel Gefahr.

A. Die Jurisprudenz?

B. Ich verstehe mich nicht aufs Lügen.

A. Die Medicin?

B. Dazu bin ich zu schaamhaft.

A. Die Philosophie doch?

B. Ich fürchte mich vor der Verrückung.

A. Die Mechanik?

B. Sie hungert.

A. Der Ackerbau?

B. Dazu fehlen mir Kräfte.

A. Die Jagd?

B. Ein thierisches Leben.

A. Fische zu fangen?

B. Macht naß.

A. Die Musik?

B. Ist Comödiantenwerk.

A. Die Chirurgie?

B. Stinkt.

A. Die Chemie?

B. Raucht.

A. Eine Fabrik?

B. Stäubt.

A. Die Mühle?

B. Das Klappern tödtete mich.

A. Die Küche?

B. Ist voll Ruß und Rauch.

A. So werde ein Gärber, ein Weber, ein Schuster, ein Schneider.

B. Das ist dein Spaas.

A. Nun, was misfällt dir denn am Pferdeknecht;

B. Das Striegeln.

A. Am Kaufmann?

B. Daß sein Glück so wenig Bestand hat.

A. Am Schiffer?

B. Das wilde Meer.

A. Am Soldaten?

B. Er muß Blut vergiessen.

A. So gefällt dir ganz und gar kein Baum, an den du dich aufhängen kannst?

B. Das ists eben, was ich sagte. Alles ist voll Eckel, Verdruß und Mühe. Laß mich bleiben, der ich bin.

A. So mußtest du aber auch kein Kind seyn: denn da machtest du dich unrein; kein Knabe: denn da bekamst du die Ruthe; kein Jüngling, da war dir auch warm. Mann wirst du nicht seyn wollen; da giebts Haus-Sorgen. Unverheirathet kannst du nicht bleiben; da legt man dir Netze. Alt kannst du nicht werden; da kommen Ungemächlichkeiten.

B. Mich schauderts, so oft es mir in den Sinn kommt, daß nichts unter der Sonne sei, bei dem man Ruhe findet.

A. Bedenke, daß da Alles dir günstig ist, du allein gegen dich wütest und dir hart bist. Wenn du an jedem Dinge etwas auszusetzen hast, siehest du nicht, daß deine unzufriedene Gemüthsart eine viel größere Ungestalt sei, als alle jene Fehler mit einander? Was hast du nöthig, dich um aller Menschen Arbeiten zu ängstigen und zu kümmern, da dir eine einzige gnug seyn kann, die Zeit auszufüllen und (wenn du es nur glauben wolltest) selbst angenehm zu vertreiben: denn was dir jetzt elend scheinet, wird dir in kurzem weniger verhaßt, endlich leicht werden.

B. Ich will sehen, wozu ich mich entschliessen kann.

A. Wähle dir irgend eine gute Lebensart; angenehm wird sie dir werden durch Gewohnheit.