Der deutsche Schützenzug nach La Chaux de Fonds

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Autor: Wilhelm Jungermann
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Titel: Der deutsche Schützenzug nach La Chaux de Fonds
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[509]
Der deutsche Schützenzug nach La Chaux de Fonds.
Von Wilhelm Jungermann.
1.

„Auf Wiedersehen in La Chaux de Fonds!“ Mit diesen Worten reichten uns die Schweizer im vorigen Jahre zu Frankfurt beim Abschied die Hand. „Es gilt!“ war die Antwort, und wir schlugen Alle freudig ein. Freilich hat das Wort gegolten, aber – daß wir es nur offen und ehrlich gestehen – mehr bei den Schweizern als bei uns. In der Schweiz glaubten sie, wenn die kleine Schweiz mit 1100 Schützen in Frankfurt gewesen, so werde das große Deutschland doch wenigstens mit 4000 kommen, und als ihnen die Frankfurter schrieben, sie möchten keinenfalls auf so Viele rechnen, da antworteten sie: nun, wir würden willkommen sein, so viele es unser auch seien, aber auf 1000 deutsche Schützen zählten sie denn doch ganz bestimmt. Tausend deutsche Schützen! – Wir wußten in Frankfurt besser, wie es stand, und waren froh, als in den letzten Tagen vor dem 10. Juli die erste Hälfte des dritten Hundert vollzuwerden versprach: 243 standen in der Liste, und wenn wir die Nachzügler noch hinzuzählen, so werden es auch so viele gewesen sein.

Die Schweizer haben diesen spärlichen Besuch mild und gerecht beurtheilt; stehen wir daher nicht hinter ihnen zurück. Die geringe Zahl von deutschen Schützen, die mit den Schweizern einen Wettkampf überhaupt wagen können, die zahllosen Ausgaben bei der Gründung und ersten Einrichtung unserer jungen Schützenvereine, die großen Landesschießen in Baden, in der Pfalz, in Baiern, am Niederrhein und in Thüringen, das Turnerfest zu Leipzig, das Sängerfest zu Braunschweig, die hoch gespannten politischen Zustände in Preußen, vielleicht auch die Scheu vor der französischen Sprache in La Chaux de Fonds – so kamen der Ursachen viele zusammen, die unser Häuflein schmal machten. Erfreulich ist es nur, daß unser Zug sich aus so vielen einzelnen Städten und aus den verschiedensten Theilen Deutschlands zusammengefunden hatte; so kommt doch, wie ich hoffe, in jeden fernen Winkel deutschen Landes irgend ein lebendiger Zeuge zurück, der daheim erzählen kann, mit welchen Ehren und mit wie viel Liebe die Schweizer uns empfangen und was für ein herziges, tüchtiges, freiheitliebendes Volk wir da draußen getroffen.

Nur Eines hätte wohl sollen anders und zwar besser sein: ich meine, wir hätten in Deutschland auch ein wenig daran denken sollen, daß wir den Schweizern nicht blos unsere besten Schützen, sondern auch unsere besten Männer zu senden hatten, Männer, die unser Volk auch auf der Rednerbühne und, wenn es sein mußte, auch im ernsten, politischen Rath würdig vertreten konnten. Denn so war es doch nun einmal, daß das Urtheil der Schweizer sich danach feststellen mußte, wie die 250 deutschen Schützen sich gaben und gefielen, die da, der Einladung der Schweizer folgend, zwar nicht im Auftrag, aber doch im Namen des deutschen Volkes mit der schwarz-roth-goldenen Fahne in die Schweiz gezogen kamen. Es ist auch so gegangen, und wir dürfen unseren Schützen keinen Vorwurf machen. Es hätte aber auch anders kommen können, und für künftige Fälle will ich hiermit recht dringend gewarnt haben, jemals wieder einen deutschen Schützenzug so auf’s Gerathewohl in die Fremde ziehen zu lassen. Die Schweizer hatten es im vorigen Jahr und die Italiener haben es diesmal ganz anders gemacht.

Der Schützenverein und die Jugendwehr von Frankfurt hatten es sich nicht nehmen lassen, uns am Morgen des 10. Juli vom Römer aus nach dem Bahnhof das Geleit zu geben. Unter den Klängen des deutschen Schützenfestmarsches zogen wir, zehn schwache Züge stark, durch die menschengefüllten Straßen, und mit einem letzten tausendstimmigen Hoch von den Frankfurtern und Frankfurterinnen entlassen, traten wir um 8 Uhr im hellsten Morgensonnenschein, jedoch nicht ohne eine gewisse erwartungsvolle Aufregung, unsern Festzug nach dem Schweizerlande an. In Heidelberg und Offenburg begrüßten uns die Schützen, in Emmendingen und Müllheim die Turner mit Musik, Gesang und Böllerknall; sonst nahm man aber im deutschen Land weiter keine Notiz von uns. Fünf Uhr war herbei gekommen, als uns, eine halbe Stunde schon vor Basel, die Artillerie der Baseler Cadetten ihre ersten Begrüßungssalven entgegensandte. Endlich hielt der Zug im festlich geschmückten Bahnhof an. Wir vereinten uns, so gut und so rasch es ging, und zogen dann auf den freien Platz vor den Bahnhof, wo die Cadetten und die Schützen sich in Reih und Glied aufgestellt, um uns vor der zahllosen Menschenmenge Platz zu machen. Es ist eine schöne und nebenbei gesagt eine echt deutsche Sitte in der Schweiz, daß man dem Gast, der einem so recht vom Herzen willkommen ist, als ersten Willkomm einen frischen Trunk entgegen bringt. So ist uns am folgenden Tag auf allen Stationen, wo wir hielten, begegnet worden, so geschah es in La Chaux de Fonds nach jeder feierlichen Begrüßung der neu ankommenden Schützen eines Cantons, und so empfing uns auch die Stadt Basel, die treue Hüterin der Schweiz an der Grenze gegen Deutschland und Frankreich. In purem Silber und Gold ward uns der Ehrentrunk gereicht; es waren lauter Schützenbecher, die die Baseler sich auf den Bundesschießen geholt hatten, auch mancher Frankfurter war mit darunter. Dann hieß uns Dr. Brenner im Namen der Stadt Basel mit warmen kräftigen Worten willkommen, uns, die Vertreter des deutschen Volkes, das er sehr wohl von seinen Regierungen zu unterscheiden wisse. Consul v. Heymann aus Bremen, Mitglied des Centralcomité’s für das nächste deutsche Schützenfest, dankte in unserm Namen. Dann hieß es: „Gradaus, vorwärts Marsch!“ und die Baseler Cadetten voran, die Baseler Schützen als Schluß, die Fahnen und die Comité’s von Frankfurt, Bremen und Basel in der Mitte, so zogen wir unter dem Schalle zweier Musikcorps in die reich mit Blumen, Inschriften und Fahnen geschmückte Stadt hinein.

Das Herz schlug uns hoch vor Stolz und Freude über solchen Empfang, und mit lautem Hurrah grüßten wir auf unserm Marsche bald eine Fahne, bald eine besonders ansprechende Inschrift, bald die Frauen und Jungfrauen Basels, die uns von den Fenstern herab mit Blumensträußen willkommen hießen. Für den Abend waren wir in das dicht am grünen, rasch strömenden Rhein gelegene Gesellschaftshaus der drei Innungen von Kleinbasel zum Abendimbiß [510] eingeladen. Die Namen der besten und größten deutschen Männer, von Guttenberg und Berthold Schwarz bis zu Schiller, Stein und Humboldt, grüßten uns hier von den Wänden herab; ein prachtvolles Feuerwerk warf von einem Schiff im Rhein seine sausenden Raketen und Feuerräder zu dem dunkeln Abendhimmel empor, und dazwischen setzte magisches Roth- und Weißfeuer die dicht vom Volk umlagerte Brücke und die schwarzen Wogen des Rheines in eine zauberhaft schöne Beleuchtung. Auch der Humor fehlte nicht: ein riesiges Schattenspiel bewegte sich an den Wänden der jenseit des Rheines gelegenen Häuser, und noch weit in die stillen Gassen hinein scholl mir der Jubel der Baseler und der deutschen Schützen nach, als ich endlich gegen Mitternacht mich losriß. „Sie haben Recht, es wird wohl morgen ein heißer Tag für Euch werden,“ sagte Dr. Brenner zu mir, als ich ihm zum Abschied die Hand reichte. Ich verstand kaum, was er damit sagen wollte; aber am folgenden Tage, als es uns heiß und immer heißer um’s Herz wurde über all die Liebe und Ehre, die man uns entgegen trug, da hab ich oft an diese vielsagenden Abschiedsworte denken müssen.

Es giebt Erlebnisse, die fassen auch eines Mannes Herz mit erschütternder Gewalt, also daß er sich nicht retten und bergen kann vor der Rührung, die ihn beschleicht. Es ist schwer, die Stimmung mit Worten wiederzugeben, in der solches möglich ist. Man weiß selbst nicht, wie es kommt; aber plötzlich zuckt es um den Mund und das Auge schwimmt und man tritt still hinter die Andern, um heimlich die Thräne abzuwischen, die über die Wange rollt – hinter die Anderen, die ab und zu sich selber seitwärts wenden, um ganz verstohlen mit der Hand nach den Augen zu fahren. So ist es gar Manchem von uns geschehen, als wir am 11. Juli von Basel nach La Chaux de Fonds fuhren, und ich denke, man wird uns deshalb noch keine Weichlinge schelten. Was uns die Stadt Basel Liebes und Gutes angethan, werden wir ihr allezeit dankbar gedenken. Aber es war doch nur eine Stadt, die uns so empfangen, und wir wußten uns zu fassen. Auch auf den ersten Stationen, die wir nach Basel zu passiren hatten, hielten wir aller Herzlichkeit gegenüber noch guten Stand. Als wir aber weiter und weiter fuhren und uns überall dieselbe Wärme und Liebe in der ungesuchtesten, einfachsten und darum nur um so eindringlicheren Weise empfing, als wir erkannten, daß hier nicht blos diese und jene Gemeinde, nein daß uns das ganze Schweizervolk jubelnd und achtungsvoll willkommen hieß, da schwand allmählich auch bei den Festesten von uns die Fassung, und mehr als Einen habe ich mit erstickter Stimme vor sich her sagen hören: „Zu viel, zu viel!“ Es ist wohl mancher Fürst schon durch sein Land gezogen, und die Glocken haben geläutet und die Fahnen haben geweht und Alles hat im Festgewand ihm entgegen gejauchzt. Aber das Alles reicht doch lange nicht daran, wenn ein Volk das andere so recht von Grund des Herzens in voller freiwilligster Freudigkeit bei sich willkommen heißt, denn das ist erst das rechte Volksfest, das ein Volk zu Ehren des andern bereitet. Die Schweizer aber mögen es uns glauben, wir wußten gerade von ihnen, von einer so freiheitstolzen, so zurückhaltenden, so republikanisch-ernsten Nation, so hohe Ehren vollauf zu schätzen, und ich denke, noch im nächsten Jahr sollen sie erkennen, daß selbst nach Jahresfrist der Dank des deutschen Volkes noch warm ist für das, was sie am 11. Juli an den deutschen Schützen und damit am deutschen Volke selbst gethan.

Der große Nationalheld der Schweizer, Wilhelm Tell, war es selbst, der unseren Zug geleitete. Vorn an der festlich geschmückten Locomotive unter Blumen, Bändern und Fahnen stand seine und seines Knaben Figur, als sollte er schirmend wachen, daß uns, den lieben Gästen seines Schweizerlandes, kein Unheil auf unserer Fahrt begegne. So ging es fort von Basel im hellsten Sonnenschein, und wo auch nur unser Zug hielt, in Muttenz, Pratteln, Liestal, Sissach, Läufelfingen, Olten, Langenthal, Herzogenbuchsee, Solothurn, Grenchen, Pieterlen, Biel, Twann, Neuenstadt, Saint Blaise, Neuenburg, Chambrellieu, Hauts Geneveys, überall waren die Bahnhöfe reich geschmückt, überall schallte uns Musik und Kanonendonner entgegen, überall ward uns aus silbernen Bechern der Ehrentrunk gereicht. Doch dabei blieb es in den meisten Fällen nicht. Vielfach war auch ein Redner zur Stelle, der uns in warmen Worten begrüßte, oder die Jugendwehr hatte sich als Ehrenwache aufgestellt. Es war indeß nicht die Pracht des Empfangs, die uns so ergriff, sondern meist gerade die treuherzige Einfachheit und das warme lebendige Gefühl der Freude, das Ungemachte und Ungeheuchelte, das aus allen Anordnungen herausblickte. Da hatte jeder Ort sich selbst etwas herausgesucht, womit er seine ganz besondere Aufmerksamkeit beweisen wollte.

So hatte sich in Pratteln und Sissach ein junger Bursch in eine alte eiserne Rüstung gesteckt, um uns mit gravitätischem Ernst die Honneurs zu machen; so hatte Herzogenbuchsee seinen Triumphbogen mit Ritterrüstungen und uralten Fahnen, Hellebarden und Schwertern ausgeputzt; so hatte gar Neuenstadt die stolzesten Zeugen seines vergangenen Ruhmes, zwei alte verrostete, wunderlich geformte Kanonen hervorgeholt und uns zu Ehren aufgestellt – es war Kriegsbeute aus irgend einer siegreichen Schlacht gegen die Herzöge von Burgund oder sonst einen Feind der Schweizerfreiheit. Aber nicht blos mit alten Schwertern und Waffen grüßte man uns. In Sissach und Olten standen die hübschesten kleinen Mädchen mit weiß-rothen und schwarz-roth-goldenen Schärpen, um Alpenrosen an uns zu vertheilen, und die Langenthaler und Solothurner hatten gar ihre schönsten Jungfrauen nicht für zu gut gehalten, um uns den Ehrentrunk zu reichen. In Solothurn begrüßte uns noch obendrein ein vierstimmiger deutscher Männerchor und der deutsche Verein mit seiner Fahne, in Biel waren es die Turner, die uns bewirtheten, und in dem vor Allem reich und prachtvoll geschmückten Neuenburg lud uns die Stadt selbst in ihr Rathhaus zum Vesperbrod mit bestem Neuenburger und Champagner zu Gaste. Aber auch wo der Zug nicht hielt, grüßte man uns. Die alte Festung Aarburg hatte noch einmal ihre Wälle mit Kanonen bepflanzt, um uns ihren Gruß entgegen zu donnern; in Murgenthal war uns zu Ehren auf dem Bahnhof wenigstens ein riesiger Blumenstrauß aufgestellt, der uns seine Wohlgerüche entgegen senden sollte, und vor Solothurn hatten sich mitten im freien Felde etwa 20 kleine Bauernmädchen der Bahn entlang aufgestellt, um uns mit ihren kleinen Schweizerfähnchen ihren Gruß zuzuwehen. Es war wirklich so, wie uns in Pratteln am Bahnhof ein treuherziger, schmuckloser Vers sagte:

„Blei und Pulver und Kanonen
Bezwingen Städte und Cantonen.
Deutsche Schützen mit Pulver und Blei
Erobern in Liebe unser Ländchen frei.“

„In Liebe“ erobert – ja das war das richtige Wort! Anders als „in Liebe“ läßt sich wohl auch die wehrhafte Schweiz nicht erobern, und anders als „in Liebe“ will auch das deutsche Volk keine Eroberungen machen. Aber bei dieser unserer neuesten Eroberung, die wirklich und allein nur „in Liebe“ gemacht ist, soll es hoffentlich nun für immer sein Bewenden behalten.

Den tiefsten Eindruck machte indeß auf uns der Aufzug der 1200 Cadetten aus den Cantonen Aargau und Bern vor dem Bahnhof zu Olten und das große Manöver, das sie unter der Führung des Obersten Schwarz von Aarau in der Nähe der Stadt Olten im Feuer ausführten. Schon von weitem hatte uns ihre Artillerie gegrüßt, während die Infanterie, als wir in den Bahnhof einfuhren, rechts und links Spalier bildete. Dann, nachdem uns Präsident Kully von Olten in warmer hinreißender Rede willkommen geheißen und wir selbst uns zwei Glieder hoch rangirt, zog die ganze junge Mannschaft mit klingendem Spiel und fliegenden Fahnen im Paradeschritt an uns vorüber. Es war für die meisten von uns ein ganz neues unbekanntes Schauspiel, diese 1200 Buben im Alter von 10 bis 17 Jahren, die da in voller feldmäßiger Ausrüstung an uns vorbeidefilirten. Ihre Kanonen zogen sie sich selbst, ihre Officiere waren Buben wie sie selbst. Kinder waren es, die da vor uns marschirten, ihre leichten Gewehre waren nicht zum Kriegführen, ihre Säbel taugten nicht für eine Männerfaust, ihre Kanonen hätten keinen ernsten Feind aufgehalten; aber aus all dem Kindertreiben schaute denn doch wieder ein so mächtiger Ernst heraus, daß es uns das Herz zusammendrückte: das war die wahre Volksarmee, die wahre Armee der Zukunft, das waren die wahren Bürgen für die stete Freiheit und Unabhängigkeit der Schweiz. So lange die Schweizer-Berge stehen und solche Buben noch in ihnen hervorwachsen, so lange die Schweizer es noch verstehen, in so naturgemäßer Weise den soldatischen Beruf unzertrennlich mit dem Sinn für bürgerliche Selbstständigkeit zu verbinden, so lange wird nie ein fremder Eroberer es wagen dürfen, an ihre Selbstständigkeit die Hand zu legen. Unsere Frankfurter Jugendwehr ging auch mit im Zuge. Sie grüßte uns stolz mit ihrer frisch gewonnenen deutschen Fahne, und die Buben traten so fest und kräftig auf und schauten so ernst und mit so blitzenden Augen drein, nicht rechts und nicht links, als [511] hätten sie die Ehre von ganz Deutschland zu vertreten. Bei dem nun folgenden Manöver hatten sie einen Ehrenplatz erhalten, sie kamen nach den Plänklern des angreifenden und siegenden Theiles in der Vorhut, und wie ich mehrfach gehört, haben sie auch ihre Sache gut gemacht, wenigstens so gut, daß sie sich unter ihren geübteren, flinken Schweizer Cameraden mit Ehren sehen lassen konnten. Ueber den Verlauf des Manövers, dem wir aus möglichster Nähe zusahen, kann ich leider wenig berichten. Es entspann sich kunstgerecht langsam, und die Aufgabe bestand darin, daß der vom Hauenstein her kommende Feind den Uebergang über die Aarbrücke bei Olten erzwingen und die Schweizer dies zu verhindern hatten. Das Gefecht war aber eben erst bei der Zügelhütte vor Olten, an der entscheidendsten Stelle mit aller Heftigkeit entbrannt, als uns der Zug wieder weiter und nach Langenthal führte.

Wenn ich oben darauf verwies, es sei nicht rathsam, einen deutschen Schützenzug so auf’s Gerathewohl in die Fremde ziehen zu lassen, so hatte ich dabei vor Allen die nicht zu vermeidenden Situationen im Auge, bei denen es sich darum handelt, im Namen der Gesammteit ein Wort in freier Rede an die Gastgeber zu richten. Wir hatten uns nach dieser Seite hin kaum vorgesehen und mußten bei den Begrüßungsreden der Schweizer auf gut Glück zusammenraffen, was wir von Rednern nur unter uns hatten. Im Ganzen freilich war die Aufgabe nicht schwer, aber immerhin wollte sie gelöst sein. Es war Ein Gedanke, der durch die Reden der Schweizer hindurchging, und Ein Gedanke, der aus unseren Antworten herausklang: das Bündniß der freien Schweiz mit einem freien Deutschland sollte hier auf dem schweizerischen Gebiet erneuert und bekräftigt werden. Unsere Wahl fiel in Olten als ersten Redner auf Dr. Heineke aus Bremen und als zweiten auf Dr. Carl Grün aus Frankfurt, welcher Letztere denn auch in so hinreißender Weise unseren Dank aussprach, daß die Schweizer nicht weniger als wir selbst davon ergriffen wurden. In Langenthal, wo Oberst Geise uns begrüßte, antwortete Max Wirth aus Frankfurt; in Herzogenbuchsee dankte auf die Anrede des Oberst Im Obersteg von dort Jungermann aus Bockenheim; in Solothurn, wo Regierungsrath Schenker uns empfing, Dr. Plater aus Bremen; in Neuenburg, wo Dr. Guillaume die Anrede hielt, antwortete Dr. Sigmund Müller aus Frankfurt deutsch und Dr. Grün französisch, und in Hauts Geneveys endlich erwiderte auf die Rede von Dr. Scheurer aus Fontaine nochmals Max Wirth in französischer Sprache.

Es war schon dunkle Nacht und fast 10 Uhr, als wir endlich in La Chaux de Fonds ankamen. Nach all den Beweisen herzlichster Freundschaft, die wir den ganzen Tag über erhalten hatten, waren wir einigermaßen überrascht, als gerade in La Chaux de Fonds, am Ziel unserer Fahrt, am eigentlichen Festort, Niemand sich eingefunden hatte, der uns willkommen geheißen hätte. Der Grund lag in Mißverständnissen aller Art, nicht aber etwa in bösem Willen; denn es war uns ein glänzender Empfang von dem Comité, der Gemeindebehörde, den Schützen und der Jugendwehr zugedacht gewesen. Nun, nach so viel Begrüßungsscenen konnten wir, müde und einigermaßen abgespannt, eine weitere, und wäre sie noch so glänzend gewesen, schon missen. Es berührte uns daher auch weiter nicht, als wir uns so auf eigene Hand in den Festort und unsere Quartiere einführen mußten; wir stellten uns vielmehr am andern Morgen ganz mit demselben guten Muth zum Festzuge ein, als hätten wir zu unseren achtzehn Begrüßungsacten in La Chaux de Fonds auch noch den neunzehnten hinzuzufügen gehabt.

Ein Festzug bei einem schweizerischen Schützenfest hat einen ganz anderen Charakter und eine ganz andere Bedeutung, als wir nach dem Vorbild des unvergeßlichen Tages von Frankfurt uns vorzustellen geneigt sind. Alle unsere großen Nationalfeste gewinnen bei uns dadurch einen eigenthümlichen Schwung und eine höhere Weihe, daß sie allein bis jetzt Gelegenheit bieten, uns als eine Nation, als ein einziges großes Ganzes zu fühlen. Wir haben kein Parlament und keine oberste Reichsgewalt, wir werden durch keine einzige gemeinsame Institution daran erinnert, daß wir ein Volk, ein einiges Volk sind; so hat sich denn der Drang nach Einheit und nationalem Leben, der augenblicklich wieder so mächtig durch uns hingeht, in anderer Weise und auf nicht politischem Gebiet die Möglichkeit schaffen müssen, uns wie in einem Spiegelbild in unseren gemeinsamen Festen unsere nationale Einheit und Zusammengehörigkeit zu zeigen. Vor Allem war dies der Fall auf dem großen, wunderbar herrlichen Schützenfest in Frankfurt, durch das ein Rausch des Enthusiasmus, ein einziger großer Accord brüderlichen Gesammtgefühls hindurch klang, daß bis auf diesen Tag sogar die Schweizer nur in tiefer Bewegung sein gedenken können. Alle Weihe und Poesie des Frankfurter Festes gipfelte aber in dem großartigen Festzug, bei dem 8000 deutsche Schützen aus allen, auch den entlegensten Theilen des deutschen Landes sich zusammen gefunden hatten und gemeinsam dem ergreifenden Act der Weihe der deutschen Bundesfahne beiwohnten. Und dieses Beisammensein aller deutschen Schützen bei dem großen Festzug war für das Gelingen und das ganze Gepräge des Festes so nothwendig, daß eben das Fest nicht das gewesen wäre, was es war, wenn nicht eben in den 8000 deutschen Schützen aus Preußen und Tyrol, aus Bayern und Sachsen, der eigentliche Zweck des ganzen Festes, nämlich die Offenbarung der Einheit aller deutschen Volksstämme, sich vor aller Welt Augen deutlich und sichtbar manifestirt hätte. Das ist in der Schweiz ganz anders. Die Schweizer ringen und streben nicht mehr nach Einheit und Freiheit, sie haben sie, und der Bundesrath und die Bundesversammlung zu Bern liefern ihnen alljährlich und alltäglich den Beweis, daß ihr nationales Staatsleben bereits einen festen Abschluß gefunden hat. Die Schützenfeste der Schweizer haben daher nicht die Bedeutung und können sie nicht haben, daß sich in ihnen erst noch der Gedanke der Einheit aller Schweizercantone ausprägen soll; die Schützenfeste der Schweizer sind vielmehr nichts mehr und nichts weniger als das was ihr Name besagt, nämlich gemeinsame festliche Zusammenkünfte aller schweizerischen Schützen zum gemeinsamen Wettkampf in der uralten nationalen Kunst des Schießens. Der Festzug aber ist dem entsprechend in der Schweiz auch nichts weiter, als der einleitende Act der Eröffnung des Festes. Dazu kommt nun noch, daß bei der großen Anzahl von Schützen in der Schweiz und der verhältnißmäßig geringen Einwohnerzahl der Städte, nur sehr selten es möglich sein würde, daß die Schützen aller Cantone zu gleicher Zeit zum Bundesschießen zusammen kommen können, daß vielmehr, einer feststehenden Sitte zufolge, die Cantone nur nach und nach zum Feste einzutreffen pflegen. Beim Festzug aber, als beim Beginn des Festes, sind regelmäßig gerade die wenigsten Schützen anwesend, und der Zug selbst könnte schon aus diesem Grunde nur eine geringe Ausdehnung haben. Rechnen wir dazu, daß Frankfurt 75,000, La Chaux de Fonds 19,000 Einwohner zählt, daß Frankfurt auf fünf großen Eisenbahnen von einem Dutzend volkreicher Städte in wenig mehr als einer Stunde er[r]eicht werden kann, während La Chaux de Fonds hoch oben im Jura 3500 Fuß über dem Meere, abgeschnitten von den großen Verkehrsstraßen und dicht an der französischen Grenze liegt, so ergiebt sich von selbst, daß, wie jeder Festzug in der Schweiz seiner inneren Bedeutung nach ein anderer ist und sein soll, als der Frankfurter Festzug, so auch der Festzug von La Chaux de Fonds, ungeachtet an ihm über 3000 Personen Theil nahmen, keinen Vergleich an Pracht und Ausdehnung und zuschauendem Menschengewühl mit dem Frankfurter Festzug aushalten kann.

Die Cadetten von La Chaus de Fonds, die vier in altschweizerische Tracht gekleideten Vertreter der Urcantone (Schwyz, Uri, Unterwalden, Luzern), die Zeiger mit rother Blouse und rothem Fez, die Warner mit blauer Blouse und rotem Fez, und – die deutschen Schützen in Joppe und Schützenhut bildeten außer den 25 Fahnen die einzigen malerischen Elemente im Zug. Ernst und schweigsam schritten die Schweizer bei dem feierlichen Geläute der Glocken durch die nicht sehr überfüllten Straßen, und nur wir Deutsche waren es, die etwas Leben und Bewegung in den Zug wie unter die Bevölkerung brachten, indem wir mit lautem Hurrah und lustigem Hüteschwenken den Damen für die uns zugeworfenen Blumensträuße dankten oder eine deutsche Fahne oder ein ansprechendes Transparent begrüßten. Am Gabentempel erfolgte dann mit Rede und Gegenrede die Uebergabe der Fahne des schweizerischen Schützenbundes durch den Vorsitzenden des seitherigen Centralcomité’s, Herrn Odermatt aus Nidwalden, an den Vorsitzenden des neuen Centralcomité’s zu La Chaux de Fonds, Herrn Buchhändler Lesquereux; dann wurde unter dem Donner der Kanonen die Bundesfahne auf dem Mast des Gabentempels aufgehißt, der Ehrentrunk in den silbernen Bechern umhergereicht, und – das eidgenössische Bundesschießen war eröffnet.

[512] Nur um Eins habe ich bei der einfachen prunklosen Ceremonie die Schweizer beneidet: um das stolze Gefühl, in dem der greise Präsident Odermatt bei der Uebergabe der Fahne sagen konnte: „Die Freiheit ist es, die uns trotz aller Verschiedenheit zu Brüdern macht. Ihr danken wir unseren hohen Bürgersinn und das Blühen unserer Bildungsanstalten, unseren Wohlstand, unser Glück.“ Wann werden wir in Deutschland solche Worte sprechen können?

[519] Die Bürger von La Chaux de Fonds haben fast mehr als ihr Möglichstes gethan, um den Festort festlich herzurichten. Bis in die kleinsten Gassen hinein war der Ort mit Blumengewinden, mit Fahnen, Bildern, venetianischen Masten, Triumphbogen und Inschriften geschmückt; am Gebäude der Uhrenausstellung war uns Deutschen zu Ehren Schiller’s lebensgroßes Bild angebracht, und auf dem Denkmal Leopold Robert’s, des berühmten Malers aus La Chaux de Fonds, war dessen Bildsäule in Gyps aufgestellt. Hier hoch oben im Jura auf dem dürren Kalkboden wachsen der Blumen nur wenige, da hieß es also die Blumen selbst gemacht, wenn die Häuser festlich geschmückt werden sollten. Und so haben denn die Frauen und Mädchen von La Chaux de Fonds viele Monate – manche sagten sogar ein Jahr – lang mit unermüdlicher Geduld Blumen und wieder [520] Blumen für den Schmuck ihrer Häuser gemacht, damit der Festort doch auch wirklich festlich und freundlich aussehe.

Was so alle einzelnen Bewohner für den Schmuck der Häuser und Straßen, das hatte der Festausschuß für die würdige Herrichtung des Festplatzes gethan. La Chaux de Fonds liegt in der muldenförmigen Vertiefung des höchsten Kammes eines der Jurarücken. Zu beiden Seiten ziehen sich die Wände dieses Bergeinschnittes theils als Wiesen-, theils als Waldgrund in angenehmer, ja in malerischer Abwechslung nach den Höhen des Rückens hinauf, während auf der Grundfläche in der Richtung von Ost nach West der Ort selbst angesiedelt ist. Unmittelbar nun am Westende von La Chaux de Fonds und in nächster Nähe der beiden Bahnhöfe war der sehr geräumige Festplatz angelegt. Links, wenn man auf der großen Hauptstraße Leopold Robert heraustrat, befand sich die weite, geschmackvoll gebaute Festhalle mit den Küchengebäuden; dem Eingangsbogen gegenüber, am Westende des Festplatzes, stand der in maurischem Styl gehaltene Gabentempel, und rechts vom Eingang, der Festhalle gegenüber, waren die 120 Schießstände mit den dazu gehörigen Localitäten errichtet, so daß also die Flugbahn der Schießstände sich die nördliche Seitenwand des Thalbeckens hinauf zog. Auch das Polizei-, Telegraphen-, Post-, Schreib- und Zeitungsbüreau befand sich auf der den Schießständen angewiesenen Nordseite des Festplatzes.

Wenn ich mir das Bild des Frankfurter Festplatzes vergegenwärtige, so drängt sich meiner Erinnerung zunächst immer die schimmernd weiße Bildsäule der Germania auf, wie sie von der Spitze des Gabentempels mitten im Festplatz die Eintretenden grüßte und dem Sieger den Eichenkranz entgegenreichte. Die Schweizer hatten es unterlassen, einen so herrlichen decorativen Schmuck ihrem Gabentempel und dem Festplatz überhaupt zu verleihen. Statt der Helvetia grüßte die eidgenössische Bundesfahne von der Höhe des Gabentempels, unter dieser wiegten sich die deutsche und die italienische Flagge – die Ehrengaben der Schützenvereine beider Nationen – und vom Gesims des Daches hinab flatterten die Fahnen der eben beim Fest anwesenden Cantone. Die Fahnen der einzelnen Städte hatten nicht den Ehrenplatz auf dem Gabentempel, sie wurden in der Festhalle zu beiden Seiten des Mittelschiffes angebracht. Im Uebrigen aber war die Festhalle stattlich, geräumig und geschmackvoll hergerichtet; war sie doch nur wenig kleiner als die Frankfurter, so daß 4000 Personen bequem darin Platz finden konnten. Ueber dem Haupteingang war das Bild der Helvetia angebracht, darüber wehten die Fahnen der verschiedenen großen Culturnationen und zu alleroberst zwei deutsche Fahnen; die Fahnen der übrigen Völker hingen etwas tiefer, auch waren sie nur einfach, nicht doppelt wie die deutsche Fahne, vertreten. Dieselbe Auszeichnung war unserer Nation an der westlichen Seitenwand der Festhalle zu Theil geworden. Dort befand sich das Bild von Arnold von Winkelried – wie gegenüber an der östlichen Seitenwand das Bild von Wilhelm Tell mit seinem Knaben – und rechts und links davon war das schweizerische Wappen und der deutsche Reichsadler angebracht. Etwas tiefer aber hingen die Wappen von Bremen, Frankfurt und Hamburg und abermals das weiße schweizerische Kreuz im rothen Feld. Die Wappen der übrigen Nationen waren nicht angebracht. Rings um die Festhalle her, an der äußeren Seite unterhalb des Daches, standen die Namen der ruhmvollsten Schlachttage der Schweizer, wie Sempach, Murten, St. Jakob, und auch von der äußeren Wand der Schießstände unter den Haupteingängen grüßten ernst die einfachen und doch so viel sagenden Namen: St. Jakob, Morgarten, Murten, Grandson, gleichsam als stille Mahnung für die Schützen, daß sie der Thaten der Väter sich würdig erweisen sollten. Ringsum am Festplatz endlich, soweit nur der Raum reichen mochte, zogen sich die Buden der Krämer, der Carroussels, der Wachsfigurencabinete, Menageriebesitzer und all der sonstigen Speculanten auf die Neugierde und Schaulust der großen Menge.

Das ist in flüchtigen Umrissen ein Bild des Schauplatzes, auf dem sich das großartigste und bewegteste Schützenfest abspielte, das die Schweiz bis dahin gesehen. Die Farben zu diesen Umrissen lieferte vor allem ein fortwährend heiterer sonniger Himmel und sodann das bunte Menschengewühl, das sich Tag für Tag über den Festplatz und durch die Festhalle ergoß. So laut und geräuschvoll wie in Frankfurt war freilich das Treiben auf dem Festplatze nicht. Es bewegten sich zwar im Laufe eines jeden Tages immerhin 20,000 Menschen in den Schießständen, in der Halle, in den Buden und auf dem freien Platz, allein so ganz aus sich heraus geht der Schweizer nicht so leicht wie wir Deutschen; das hatten wir schon in Basel bei unserem Einzug und in La Chaux de Fonds beim Festzug bemerkt. Der Schweizer ist eben im öffentlichen Auftreten viel zurückhaltender, er ist mit einem Wort ernsthafter als wir. Erst im Laufe des Festes, als immer mehr Cantone angezogen kamen, als den Schützen mit den gewonnenen Bechern auch der Muth und der Frohsinn wuchs, kam das Treiben auf dem Festplatz und namentlich in der Festhalle so recht in den gemächlichen Fluß. Viel trugen dazu die Aufzüge der Schützen bei, die mit ihren Preisbechern von dem Gabentempel, meist auf den Schultern ihrer Cameraden, unter Vorantritt eines Musikcorps in die Festhalle gezogen kamen. Da entschädigte man sich dann für alle Geduld, Aufregung und Entsagung, die in den Schießständen geübt worden war. „Zwanzig Flaschen Champagner!“ commandirten einmal zwei Züricher, die so mit ihren Bechern in die Festhalle kamen, und dies Quantum wurde auch richtig unter Jubel und Standreden und hellem Gesang leergetrunken. Noch großartiger aber war der Champagnerfluß, als die Italiener mit ihren ersten sieben Bechern und die Deutschen mit ihren sechs Bechern sich legitimiren konnten. Des Jubels der Italiener, Schweizer und Deutschen wollte kein Ende werden, deutsche, französische und italienische Reden klangen durcheinander, und auf zehn Schritt im Umkreis war Niemand vor den Champagnergläsern der überseligen Schützen sicher.

Besondere Vorbereitungen zur Belebung des Festes waren vom Comité von La Chaux de Fonds erst für die letzten Tage getroffen worden, nämlich die bengalische Beleuchtung des Sees von Brenets und ein glänzendes Feuerwerk. Beide Festlichkeiten galten offenbar den Mitgliedern des Bundesrathes, die zuletzt noch erschienen waren. Im Uebrigen überließ man das festliche Treiben ganz sich selbst und der eigenen Wucht an Leben und Lebenslust, die einer gleichzeitig versammelten Menge von mehreren Tausenden immer innewohnt. Nur die Musikcorps schmetterten unablässig in der Festhalle ihre Tänze und Lieder, und die deutsch-schweizerischen Gesangvereine von La Chaux de Fonds und Locle trugen wiederholt des Abends ihre vierstimmigen deutschen Lieder vor. Bei der reichen, zuletzt fast ermüdenden Abwechselung, welche die Aufzüge der einzelnen ankommenden und abziehenden Cantone Tag für Tag boten, waren besondere Vorbereitungen auch wahrlich nicht nöthig. Ein jeder Canton zog feierlich mit Musik vor dem Gabentempel auf, überreichte dort dem Comité seine Fahne, wurde in aller Form willkommen geheißen und, wenn er wieder abzog, in derselben feierlichen Weise wieder entlassen. Da gab es denn den ganzen Tag zu sehen und zu hören genug. Aber auch zu trinken gab es genug, denn der Ehrentrunk kreiste selbstverständlich in den silbernen Schützenbechern bei jeder dieser Ceremonien. Einen besondern Humor entwickelten bei diesen an sich ganz ernsten Begrüßungsacten die Schaffhausener und die Berner, die Schaffhausener mit ihrem Steinbock, die Berner mit ihrem „Mutz“. Der „Mutz“ ist der Berner Bär, von dem die Stadt ihren Namen hat und den sie im Wappen führt. Der „Mutz“, der ja noch bis auf diesen Tag in mehreren Exemplaren im Stadtgraben von Bern auf Staatskosten gefüttert wird, ist aber im ganzen Canton Bern, ja in der ganzen Schweiz, eine populäre Figur geworden. Man hat den „Mutz“ gern, ja die Berner heißen und nennen sich selbst, ihrem Bären zu lieb, „Mutze“. Ohne den „Mutz“ nimmt die Stadt Bern nicht leicht einen öffentlichen Act vor, und so muß denn auch seit alter Zeit der „Mutz“ mit marschiren, wenn die Berner Schützen auf das eidgenössische Bundesschießen ziehen. Natürlich ist es kein Bär, den sie mitnehmen, sondern nur ein Bärenfell. Das Fleisch und Blut darin gehört irgend einem muthwilligen jungen Berner an, dem es nicht darauf ankommt, einmal zu Ehren seiner Vaterstadt einen Tag lang in ein Bärenfell eingenäht zu sein. So kam denn auch diesmal der „Mutz“ mit angezogen. Er ging dem Zug voran dicht hinter der Musik, die Zähne grimmig fletschend, sonst aber ganz friedlich und gemüthlich mit Schwert und Hellebarde und einer breiten schwarz-rothen Feldbinde angethan. Wir Deutsche haben über diesen alten gesunden Volkswitz laut und herzlich mitlachen müssen, und wirklich war es ein komisches Bild, den „Mutz“, der mit seinen Bärenaugen denn doch seiner Sache nicht so ganz sicher war, vor dem Zuge der Berner gravitätisch ein hertrollen zu sehen. Es gehört schon Etwas dazu, sich bei [521] 20 Grad Réaumur einen ganzen Tag lang in ein Bärenfell einnähen zu lassen, aber die Berner thun es schon. „Er hat aber auch einen guten Durst gehabt,“ meinte ein Berner zu mir, als ich ihn fragte, ob denn der „Mutz“ wirklich schon in Bern in sein Fell gesteckt worden sei, und ich glaube es gern. Ganz dieselbe Figur wie der „Mutz“ bei den Bernern spielt nun der Steinbock bei den Schaffhausenern. Auch sie führen ihn im Wappen, und überall, wo sie als Schaffhausener auftreten, muß der Steinbock mit dabei sein. Nach dem Aufzug der Berner begrüßten sich „Mutz“ und der Steinbock ganz feierlich und würdig in der Festhalle, ja sie stiegen auch zusammen auf die Rednerbühne hinauf und umarmten sich vor der versammelten Eidgenossenschaft. Auch nahm „Mutz“ bei dieser Gelegenheit seinen Bärenkopf ab und hielt eine Rede. Ich habe aber vor dem Lärm und den Beifallssalven kein Wort von dieser Bärenrede verstehen können. Das ist Schweizer Volkswitz, und es steckt wirklich viel urwüchsige Komik darin.

„Wort und That dem Vaterland!“ stand in goldenen Buchstaben an der Rednerbühue in der Festhalle. Von den Begrüßungsreden der einzelnen Cantone habe ich schon gesprochen. Vierundzwanzig Cantone waren zu begrüßen und mit feierlicher Rede wieder zu entlassen. Dazu kamen noch die Reden in der Festhalle während des gemeinschaftlichen Mittagsmahles, und daran schlossen sich dann die anderen Redner und zwar in ununterbrochener Reihe. Wir Deutschen haben uns dabei sehr bescheiden verhalten. Außer einigen Herren aus Bremen, Dr. Plater, Consul von Heymann und Kaufmann Buff, brachte, wie ich mir denke, zu Ehren des internationalen Festes und der deutschen Wissenschaftlichkeit, Dr. Karl Grün aus Frankfurt in fünf Sprachen, französisch, italienisch, englisch, vlämisch und deutsch, ein Hoch der Verbrüderung aller freien Völker.

Die Schweizer haben uns wiederholt versichert, daß ein so schönes und bewegtes Fest, wie das zu La Chaux de Fonds, die Schweiz noch nicht gesehen, selbst die großen Feste zu Basel, Bern und Zürich könnten sich weitaus nicht damit messen. Und wenn das die Schweizer selbst sagen, so muß es wohl wahr sein, und wenn ich die bescheidene Summe von 15000 Francs, welche im Jahre 1824 von Festpreisen für das erste Bundesschießen zu Aarau ausgeworfen war, mit der stolzen Summe von 375,582 Francs vergleiche, welche diesmal der Opfermuth der Schweizer im In- und Auslande aufgebracht hatte, so beweist dieser bis dahin ganz unerhörte Reichthum des Gabentempels allerdings genug für das hochgespannte Interesse der ganzen Schweiz an dem diesjährigen Feste. Ein gutes Theil der Bewegtheit des Festes war indeß, und zwar ebenfalls nach dem eigenen Geständniß der Schweizer, auch durch die Anwesenheit der deutschen und italienischen Schützen veranlaßt. Erst als wir am Dienstag, den 14. Juli, und nach uns die Italiener die deutsche und italienische Fahne, diese beiden Ehrengaben für die schweizerischen Schützenvereine, am Gabentempel übergeben hatten, erst als in diesen beiden feierlichen Acten die große Idee des Bundes aller freien Völker ihren sichtbaren Ausdruck gefunden hatte, fingen die Wellen der eigentlich festlichen Stimmung höher und höher zu gehen an, und der Geist der Weihe zog auf den Festplatz ein. Es war ein einfaches schwarz-roth-goldenes Banner, das wir im festlichen Zug von dem Neuen Platze aus am Gabentempel den Schweizern entgegenbrachten, und ein tiefer Ernst lagerte sich auf die Gesichter Aller, als Dr. Heineke aus Bremen, unser Sprecher, in seiner Rede die Worte sprach: „Hoffen wir zu Gott, daß es nie wieder eine Zeit geben werde, wo diese Farben sich auf der deutschen Erde nicht zeigen dürfen. Aber wenn dem doch noch einmal so sein sollte, dann haben wir es den treuesten Händen zur Obhut übertragen, damit es doch einen Fleck auf Erden gebe, wo wir uns wieder sammeln können um das geliebte Banner, von wo wir den Kampf wieder aufnehmen können, wo wir ihn gelassen haben, und siegreich durchführen, denn wir lassen ihn nicht.“ „Die Freiheit ist es, die uns trotz aller Verschiedenheit zu Brüdern macht. Ihr verdanken wir unsern Wohlstand und unser Glück.“ Das waren die Worte, die Präsident Odermatt bei der Uebergabe der schweizerischen Bundesfahne gesprochen. Wie klangen die tief empfundenen und leider wahren Worte unseres deutschen Sprechers so schmerzlich zweifelhaft gegenüber dem stolzen Wort der Schweizers! „Was ist des Deutschen Vaterland?“ fragen wir noch immer in Deutschland; „Rufst du, mein Vaterland,“ singt voll frischen Vertrauens, voll freudigen Opfermuthes der Schweizer. In dieser Verschiedenheit der Empfindungen und Anschauungen beider Nationen liegt der ganze Verlauf der Geschichte Beider beschlossen. Wann werden auch wir einmal aufhören nach unserem Vaterland zu suchen und zu fragen? wann werden wir endlich einmal aus frischer Brust die Worte singen: „Rufst du, mein Vaterland?“

Im vorigen Jahre zu Frankfurt schlossen wir den Bund mit dem Schweizer-Volke ab, nicht einen Bund besiegelt und verbrieft, wie ihn die Diplomaten abschließen, sondern einen Bund der Herzen, der freien Zuneigung. Wir wußten beide wohl, gegen was dieser Bund gerichtet war, aber es wurde in Frankfurt noch nicht gesagt. In La Chaux de Fonds ist es mit klaren Worten gesagt worden: „Zwischen den Alpen und den Juragebirge“ – hieß es in der Antwortrede von Obristlieutenant Girard aus La Chaux de Fonds – „ist eine Gasse, die nach Ulm, nach Wien, nach Jena führen könnte. Nun, diese Gasse wollen wir hüten, durch diese Gasse soll kein Unbefugter, wer er auch sein möge, durchgehen können. Diese Gasse und unser Gebiet bis an seine äußersten Grenzen wollen wir bis auf den letzten Mann vertheidigen. Ihr habt begriffen, deutsche Schützen, welchen Nutzen ein solches Vorgehen der Schweiz für Deutschland haben könnte, darum Verbrüderung unter uns.“ Das war ein offenes kräftiges Freundeswort, und ein lautes Bravo antwortete darauf aus unseren Reihen.

Aber noch eine zweite Freundeshand reichte sich uns bei dieser Gelegenheit entgegen. Legnani aus Mailand, ein bekannter italienischer Patriot, der schon im Jahre 1860 auf der Versammlung des Nationalvereins zu Coburg für die Freundschaft des deutschen und des italienischen Volkes gewirkt hatte, ergriff zum Schlusse ebenfalls das Wort; er war schon vom Neuen Platze aus Arm in Arm mit Sigmund Müller aus Frankfurt in unserem Zuge gegangen. „Wir haben vergessen“ – sagte er – „was im vorigen Jahre bei Gelegenheit des Frankfurter Schützenfestes zwischen uns vorgefallen, und hier auf’s Neue tragen wir Euch deutschen Schützen unsere Sympathien entgegen. Auf den Bund Italiens und des freien Deutschland! Und deß zum Zeichen will ich hier den Vorsitzenden des Frankfurter Festausschusses vor Euer Aller Augen umarmen.“ Gesagt gethan, und beide Männer lagen sich mit brüderlichem Kusse in den Armen. Nicht immer geräth eine solche Scene; aber hier, unter dem Eindrucke der vorausgegangenen ernsten Worte, gerieth sie. Ein ungeheuerer Beifallssturm erhob sich, und tief bewegt schüttelten wir uns mit den Italienern die Hände. Am Nachmittag, als die Italiener ihre Fahne übergaben, ging ein großer Theil von uns ebenfalls Arm in Arm mit ihnen im Zuge, und die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Italien fanden abermals in der Rede ihren Ausdruck. Das letzte Siegel aber wurde am Donnerstag Abend beigedrückt, als uns die Italiener zu einem Banket in das Gasthaus zur Lilie eingeladen hatte. Hier erst konnte ich vollständig übersehen, mit welcher Umsicht die Italiener ihren Schützenzug in die Schweiz vorgesehen hatten. Gewiß waren Schützen bei ihnen und zwar mit die besten, die sie überhaupt hatten, und die haben denn auch alle zehn ihren Becher herausgeschossen. Aber außer den Schützen waren auch noch ebensoviele andere Leute da, die nicht nur des Schießens willen gekommen waren: zwei Mitglieder beider Kammern, der schweizerische Consul in Neapel, Barone, Marquis, Grafen, genug eine auserwählte, vornehme Gesellschaft, und als vornehmstes Mitglied – wenn es anders wahr ist, was mir die Italiener wiederholt versicherten – Prinz Amadeus von Italien, der zweite Sohn Victor Emanuel’s. Mit liebenswürdigem Anstand hieß uns der Sprecher der Italiener, Banquier Fenzi aus Florenz, Mitglied der zweiten Kammer, willkommen, als wir, neun Mann an der Zahl, sechs Frankfurter, ein Bremer, ein Berliner und ein Kurhesse, nach 9 Uhr im Saale der Lilie erschienen. Auch einige schweizerische Berühmtheiten trafen wir, mehrere Mitglieder des Centralcomité’s und außer diesen: James Fazy, den langjährigen Beherrscher von Genf, ferner Major de Brunner aus Frauenfeld, den berühmten Vertheidiger Venedigs gegen die Oesterreicher im Jahre 1849, und General Burnand, den Chef der gesammten eidgenössischen Artillerie. Der Champagner löste bald die Zungen, und Rede auf Rede folgte, um es noch einmal und immer wieder auszusprechen, daß keine Feindschaft bestehen solle zwischen Deutschland, der Schweiz und Italien, daß diese drei Nationen sich die Hand reichen sollten für Förderung der Freiheit, des Friedens, der allgemeinen großen Culturaufgaben. „Auf Wiedersehen in Bremen! auf Wiedersehen beim Bundesschießen in Mailand!“ das waren die letzten Worte, mit denen wir tief in der Nacht von den Italienern schieden. Ob es [522] wahr werden wird, ob es uns die Baiern und Tyroler nicht abermals unmöglich machen werden, die Italiener als unsere Gäste in Bremen bei uns zu sehen? Ich will den warmen Eindruck, den das herzliche Entgegenkommen der Italiener auf uns Alle gemacht, nicht weiter stören durch diese unerquickliche und vorerst noch unzeitige Frage.

Es begegnet uns Deutschen nicht allzuoft in der Fremde, daß wir auf Landsleute stoßen, die wirklich noch Deutsche sein wollen oder die sich gar mit Stolz Deutsche nennen. So tief uns das schmerzen muß und so wenig wir es rechtfertigen können, so viele Umstände sind doch leider überall und regelmäßig vorhanden, die uns dies begreiflich erscheinen lassen. Wer schützt uns denn im fernen Ausland, wer vertritt denn unser Recht? Ein deutscher Gesandter oder Generalconsul, eine deutsche Flotte? Es ist ein unglückliches Thema, auf das ich mit diesen Fragen gerathe, lassen wir es lieber fallen. Wir hatten es uns nicht versehen, als wir in die welsche Schweiz, hoch oben in den Jura, gezogen kamen, auf so zahlreiche und so gut deutsch gesinnte Deutsche zu treffen, und doppelt überrascht waren wir, als wir erfuhren, daß schon seit Jahren ein großer, über die ganze Schweiz verbreiteter Bund der deutschen Arbeiter besteht, der nicht blos seine Mitglieder in Krankheiten und aus der Wanderschaft unterstützt, nicht blos ihre Ausbildung und deutsches Turnen und deutschen Gesang fördert, sondern der auch wesentlich mit die Erhaltung und Hebung der nationalen deutschen Gesinnung als Zweck verfolgt. So angenehm uns indeß diese Begegnung mit deutschen Landsleuten berührte, so hoch erfreut waren diese selbst über unseren Besuch. Es war ja zum ersten Mal, daß sie deutschen Schützen in der Schweiz begegneten, deutschen Schützen, die noch dazu wie wir im Triumph durch das Schweizerland gefahren waren und als hochgeehrte Gäste der Schweizer hier auftraten. Unsere Ehre war ja aber auch ihre Ehre, und so viel Herzlichkeit unsere Landsleute in La Chaux de Fonds und Locle im persönlichen Verkehr mit uns entfalteten, so viel Stolz auf sich, auf uns, aus unsere gemeinsame Eigenschaft als Deutsche blickte doch auch überall mit durch. Wie freuete uns dieser Stolz – hat doch der Deutsche im Auslande gar so selten Veranlassung, auf sich als Deutscher stolz zu sein! Schon für den Dienstag Abend hatte uns der Gesangverein „Frohsinn“ zu sich in sein Local eingeladen, für Mittwoch baten uns die deutschen Arbeiter in Locle um unseren Besuch, und am Donnerstag Abend, bevor wir zu den Italienern gingen, brachten wir wenigstens eine kurze Zeit noch bei dem deutschen Arbeiterbildungsvereine in La Chaux de Fonds zu.

Hier war es auch, wo wir – es waren leider nur etwa 20 von uns da – zur Erinnerung an den deutschen Schützenzug in den Jura 138 Francs für die Vervollständigung der Bibliothek des Vereins stifteten. Es ist dies zwar nur eine kleine Summe, aber sie reicht doch gerade aus, um ein weiteres festes Band zwischen den Deutschen in La Chaux de Fonds und uns zu knüpfen – dafür bürgt uns die ungeheuchelte Dankbarkeit unserer Landsleute – und um ein gutes Beispiel zu geben für alle noch kommenden deutschen Schützenzüge in die Schweiz oder ein anderes Land. Unvergeßlich wird uns Allen der Mittwoch Nachmittag sein, den wir als die Gäste der deutschen Arbeiter in Locle dort und am Wasserfall des Doubs verlebten. Leider waren es unser nur wenige, die sich dabei betheiligten; viele waren bereits abgereist, die meisten waren schon in den vorhergehenden Tagen am Doubsfall gewesen, und die Schützen waren nicht aus den Schießständen zu bringen. Aber so wenige es unser auch waren, die Herzlichkeit unserer Arbeiter konnte nicht größer sein, wenn auch wir Alle zusammen gekommen wären. Mit frischem vierstimmigem Gesang zogen wir, eine deutsche und eine schweizerische Fahne voran, nach dem reizenden stillen See von Brenets und zum Wasserfall des Doubs. Dann ging es zu Schiff über den See zurück und das Echo der steilen Kalkwände, die rings den See umgeben, trug uns in dreifachem Wiederhall die deutschen Lieder zurück, die wir in die warme Abendluft hinaussangen. Nie habe ich die nationale Bedeutung des deutschen Gesanges so lebhaft empfunden, als hier im Gebiete der welschen Zunge. Die Macht des deutschen Liedes ist hier so mächtig, daß in den selbstständigen Gesangvereinen stets Deutsche und deutsche Schweizer gemeinschaftliche Mitglieder sind, und es bestehen doch dieser Vereine gegen acht im welschen Jura. Ein Deutscher ist es, der sie sämmtlich gegründet hat und zum Theil leitet: Herr Ch. Taucher in La Chaux de Fonds, ein Sohn der Stadt Weimar. Ihm sei an dieser Stelle nochmals dafür unser Dank gesagt.

Den deutschen Arbeitern in Locle und La Chaux de Fonds gegenüber waren wir blos Deutsche, den Schweizern gegenüber aber waren wir zugleich deutsche Schützen, und es ist daher wohl an der Zeit, daß ich endlich auch ein Wort über das Schießen sage. Ein Schützenfest in der Schweiz ist wirklich und wahrhaftig ein Schützenfest, das sind unsere Ohren gewahr worden. Mit dem Schlage sechs des Morgens ging das Schießen an und dauerte, bis des Abends der verhängnißvolle Kanonenschuß ein unwillkommenes Ende machte. Mit solcher Beharrlichkeit und Leidenschaft ist in Frankfurt nicht geschossen worden und wird wohl schwerlich auch schon in Bremen geschossen werden, denn bei den Schweizern ist nicht blos ein Schütze auf den andern eifersüchtig, sondern auch eine Stadt und ein Canton auf den andern. Es ist ein Ruhm nicht blos für den Schützen, der beste Schütze der Eidgenossenschaft zu sein, sondern auch für seine Vaterstadt, den besten Schützen groß gezogen zu haben. Daher denn auch in den ersten Tagen des Schießens der tolle Eifer in den Schießständen: es galt ja den ersten Becher im Feldkehr oder im Standkehr und die ersten beiden Becher im Standkehr und Feldkehr zusammen zu haben. Da wurde keine Mühe und kein Geld gescheut; mit fünf, ja mit sechs Büchsen standen die Schützenkönige da und schossen und schossen wieder, während die Lader das frisch abgeschossene Gewehr wieder luden, und so kam es denn auch richtig dahin, daß noch im Laufe des Sonntag-Nachmittags fünf Becher im Feldkehr und vier Becher im Standkehr beschossen waren. Johannes Staub aus Wädenschwyl (Canton Zürich) und Knecht aus Glarus waren die ersten im Feldkehr, dann folgten Knuty aus Basel, Streiff-Luchsinger aus Glarus und Vautier aus Genf, während Groß aus Brunnen, Hotz aus Fellanden, Bänziger aus Wald und Féquier aus Fleurier die ersten Becher im Standkehr davon trugen. Das Beste leistete jedoch Streiff-Luchsinger, vielleicht der beste, jedenfalls der schönste Schütze der Schweiz; er hatte schon am Montag Morgen auch den Becher im Standkehr geschossen. Unsere deutschen Schützen nahmen sich etwas mehr die Zeit, sie schossen aber auch meist nur aus Einer Büchse und luden sie sich selbst, wie sich das auch für den rechten und echten Schützen geziemt. Aber doch trug Ludwig Bermeittinger aus Schopfheim in Baden – und zwar mit Einer Büchse, die er selbst geladen, wie dies auch rühmend bei der Uebergabe hervorgehoben wurde – schon am Montag als erster deutscher Schütze seinen Becher im Standkehr davon, wahrend freilich erst am Dienstag Paul Tritscheller aus Lenzkirch in Baden den ersten deutschen Becher im Feldkehr gewann.

Im Ganzen haben überhaupt unsere Landsleute mit Ehren und mit Glück geschossen: etwa 20 bis 25 Becher nahmen sie wohl mit nach Hause, und von den Festscheiben auch wohl manchen hübschen Preis. Constantin de Leuw aus Düsseldorf, der bekannte Schützenkönig am Niederrhein, hat auf die Festscheibe drei capitale Schüsse gethan und einen Becher im Feldkehr und statt des Bechers im Standkehr eine goldene Uhr herausgeschossen. Freilich sind Manchem die Becher sehr theuer gekommen, und mehr als einer hat wohl 300, 400, auch 500 Francs dafür gezahlt, aber die deutsche Ehre ist doch auch in den Schießständen gerettet worden. Das ist aber auch um so mehr anzuerkennen, als die Bedingungen für das Schießen bei den Schweizern viel schwieriger sind, als seither bei uns. Das Blättchen in den Standkehrscheiben war nur halb so groß (7½ Centimeter) als in Frankfurt, und die Zielfläche in den Feldkehrscheiben – wobei außerdem jeder Treffschuß nur einen Punkt zählte – war nur etwa so breit als die Brustfläche auf den Frankfurter Feldscheiben. Freilich galten dann auch wieder im Standkehr schon 25 Nummern einen Becher – in Frankfurt 36 – und im Feldkehr waren nur 80 Punkte erforderlich – in Frankfurt 120 –; aber wenn das Treffen selbst so erschwert ist, daß man kaum treffen kann, so will es nicht viel sagen, wenn statt 36 oder 120 nur 25 oder 80 Treffer gefordert werden. Das sind also Fingerzeige für unsere Schützen, die sie wohl zu beachten haben werden, wenn sie es den Schweizern überhaupt noch gleich zu thun gedenken, und das steht doch wohl zu hoffen.

Sehr reich – ein glänzender Beweis für den Opfersinn der Schweizer – war der Gabentempel geschmückt. Aus China und Brasilien, aus Californien und Rußland, aus London und Paris hatten die Schweizer ihre Gaben zum Bundesschießen gesandt; die freien Schweizer hören eben nie auf Schweizer zu sein, sie mögen [523] so weit und so lange entfernt sind wie sie wollen, ihnen verjährt ihr Heimathschein nicht und ihr Staatsbürgerrecht geht ihnen nie verloren. Aber auch die Schweizer im Inland hatten den Gabentempel reich bedacht, so daß es nicht weniger als 565 Preise waren. Die beiden höchsten, nämlich je 6000 Francs, waren vom schweizerischen Bundesrath und von der Regierung des Cantons Neuenburg gestiftet, der niedrigste Preis, von einer kleinen Schützengesellschaft herrührend, waren 6 Francs. Die höchsten Preise, die überhaupt gewonnen werden konnten, waren den beiden Scheiben „Vaterland“ im Standkehr und Feldkehr zugetheilt. Sie konnten nur von Schweizern gewonnen werden und hatten beide einen Werth von 2800 Francs. Der eine von diesen beiden höchsten Preisen bestand in Gold- und Silberbarren von Schweizern in Schanghai, der andere bestand in 2000 Francs in baar und einem silbernen Becher von Schweizern in Rio de Janeiro sowie in mehreren Flaschen Wein und in Cigarren aus der Schweiz selbst.

Unter den Gaben selbst befanden sich nicht so viele und nicht so schöne Kunstwerke wie in Frankfurt, dagegen mehr Geldpreise. Gaben, wie das Trinkhorn des Nationalvereins und des Herzogs Ernst von Coburg, oder der Elfenbeinbecher der Stadt Wien, oder die Fruchtschale der preußischen Fortschrittspartei habe ich in La Chaux de Fonds nicht gesehen. Doch befanden sich auch einzelne sehr schöne Kunstsachen dort, so: eine silberne Bierkanne mit zwei Bechern und einem Teller (1500 Francs an Werth) von den Schweizern in Paris; eine silberne Vase, das Ehrengeschenk der Direction des italienischen Nationalschießens zu Turin (1200 Francs an Werth), der silberne Candelaber, der Becher, ein Gemskopf auf Rehbockstangen ruhend, und eine Carasine von Krystall mit silbernem Rebenlaub und goldenen Trauben (zusammen im Werte von 1725 Francs) von dem Schützenverein zu Frankfurt. Sehr reich war auch die Gabe der Freimaurerloge in La Chaux de Fonds, ein silbernes Besteck im Werth von 1200 Francs; sehr praktisch waren die 39 Ordonnanzstutzen und die zahllosen goldenen und silbernen Uhren; sehr ansprechend, wenigstens für uns Deutsche, war ein Geldpreis von 400 Francs, gestiftet von „vier preußischen Fortschrittsmännern“.

Schon am Mittwoch Morgen gingen wohl an hundert von unseren Leuten fort, um in den savoyischen oder den Alpen des Berner Oberlandes sich auch ein wenig umzusehen; fast eben so viele folgten am Donnerstag und Freitag, und mich selbst litt es in dem Lärm und Gewühl des Festes nicht länger als bis zum Sonnabend. Wir alle sind geschieden voll Dank gegen die gastliche freie Schweiz, voll Dank auch gegen die liebenswürdigen Bewohner von La Chaux de Fonds, voll hoher Achtung vor der sittlichen Tüchtigkeit einer Nation, die uns, ohne von einer Polizei überwacht zu sein, in Mäßigkeit, Friedfertigkeit und in ihrem freien Anstand während des ganzen Verlaufes des Festes ein glänzendes Beispiel von öffentlicher Volkserziehung gegeben hat. Für den erhebendsten Tag aber, den wir auf unserer Schützenfahrt in der Schweiz erlebt, haben wir schon in La Chaux de Fonds öffentlich unseren Dank ausgesprochen, und dessen Wortlaut mag denn auch hier den Schluß meines Berichtes bilden:

„Abschied der deutschen Schützen.

Liebe Eidgenossen! Ihr habt den deutschen Schützen einen Empfang bereitet, der uns tief gerührt hat, der unvergeßlich für alle Theilnehmer, ehrend für unser ganzes Vaterland ist. Glich doch unsere Fahrt durch Euer schönes Land mehr einem Triumphzug Euerer eigenen Söhne! Nehmt dafür unseren heißesten Dank. Ihr habt uns Euer Herz erschlossen, wie nie ein Volk! Möge der in der Festesfreude geschlossene Freundschaftsbund dauern für alle Zeit. Auf Wiedersehen in Bremen!“