Die Geburtsstätte eines Dichters

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Autor: J. H.
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Titel: Die Geburtsstätte eines Dichters
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1863
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Die Geburtsstätte eines Dichters.


Im Herzen Altenglands, in der Grafschaft Warwick, liegt am Avonflusse das Städtchen Stratford. In früherer Zeit ein nicht unbedeutender Verkehrsplatz, zählt es heute mit seinen drei- bis viertausend Seelen in dem Lande der Großstädte kaum für mehr als ein bescheidener Flecken. Aber dieser unscheinbare Ort ist ein Wallfahrtsziel für Hunderttausende von Anbetern, die dem Genius des gewaltigsten unter den unsterblichen Dichtern an seiner Wiege und an seinem Grabe das Opfer einer stillen Verehrung bringen. William Shakespeare wurde hier am 23. April 1564 geboren, und hier schloß er die Augen an seinem zweiundfunfzigsten Geburtstag im Jahre 1616.

„Die Stätte, die ein guter Mensch betrat,
Ist eingeweiht! nach hundert Jahren klingt
Sein Wort und seine That dem Enkel wieder.“

Wahrlich, nicht edler als mit diesen Worten unsres alten Goethe könnte das fromme Gefühl ausgesprochen werden, mit dem wir die Heimath eines großen Todten durchwandern. Und wie muß uns ein solcher Ort um so viel heiliger sein, je mehr ihn jener Mensch selbst geliebt hat, und je weniger uns sonst von dessen äußerer Umgebung bekannt und übrig geblieben ist! Die Worte scheinen wie gemacht auf den reizenden Fleck am Avon. Ohne Shakespeare würde Stratford in der Fremde kaum genannt werden. Aber mit diesem Namen verschlungen, hat es für Jeden, der seinen großen Bürger kennt und verehrt, das ganze Interesse und den ganzen Zauber einer kostbaren Reliquie. Hier durchspielte der Knabe, in der ungebändigten Muthwilligkeit des aufwachsenden Genius, unter munteren Genossen den goldenen Morgen seiner Tage. Aus den Eindrücken dieser Umgebung trank der feurige Jüngling die erste liebende Begeisterung. Dahin und immer wieder dahin zog es den Mann, wenn er, in der vollen Gluth des Strebens und Schaffens, vor dem Mittagsstrahl der eigenen Sonne einen Augenblick schattiger Einsamkeit suchte. Und da endlich genoß er den allzukurzen [507] Abend des reichsten Lebens. Hier, mit einem Worte, war und blieb seine Heimath. Er liebte diesen Ort, und so hat er ihn geweiht!

Stratford liegt in der Mitte einer weiten, ebenen Gegend. Das umliegende Land dehnt sich fernhin in sanftverschlungenen, kaum merklichen Wellungen, und nur im Nebel des Horizontes erheben sich bewaldete Anhöhen. Nicht Kühnheit und wilde Romantik sind der Charakter dieser Natur. Es ist jene einfach stille Anmuth, die die eigenthümliche Schönheit der englischen Niederungen bildet, und die das Gemüth des umherschauenden Wanderers zu einer wonnigen Beruhigung stimmt. Saftige Wiesen, von feuchtem Duft überhangen, der kraftstrotzende Baum, der nach allen Richtungen hin frei entwickelt in vollendetem Umriß prangt, der Bach, ein blauschimmerndes Band durch tiefgrüne Einfassung gewunden, und am Bache die Weide, über alle diesem ein lachender Himmel, mit weißen Wanderwolken besät: das sind Typen jener Gegenden. Dichter zweiten Ranges, Talente, empfangen aus einer solchen Umgebung den sentimentalen Zug, der bei Goldsmith, Thomson und so manchem anderen Engländer in den Vordergrund tritt. Das Genie aber, welches Kühnheit und Energie in sich selbst trägt, wird durch den Umgang mit einer solchen Natur in dem erhabenen Maß jener klaren, ruhigen Größe gehalten, in der Shakespeare so gewaltig, so fast übermenschlich dasteht.

Wie warm und innig der edle Mann den Zauber dieser stillen ländlichen Schönheit auffaßte, davon redet jedes Blatt seiner Schöpfungen. Wie kein Zweiter hat er an der Natur, und an dieser Natur, sich geschult und groß gezogen. Mit unbefangen genialer Naivetät mischt er gar häufig Bilder und Züge aus der ihm vertrauten Umgebung in seine Dichtung. So klingt umgekehrt, wenn wir die Gegend von Stratford durchstreichen, des Dichters Wort und That aus jedem neuen Eindruck uns wieder. Wem sollten nicht, wenn er die schilfgesäumten Ufer des Avon entlang unter den Weidenbäumen hinschlendert, die melancholischen Worte einfallen, mit denen die Erzählung von Ophelia’s Tod anhebt:

„Dort wächst ein Weidenbaum am Bach und spiegelt
Im klaren Naß sein silbergraues Blatt.“

Wem ahnte da nicht etwas wie ein Verständniß des tiefsinnigen Weidenliedes, welches die keusche Desdemona bei ihrem letzten Schlafengehen sang, und welches, allen Deuteleien zum Trotz, doch nun und nimmermehr ausgelegt, sondern ewig nur empfunden werden kann. Und so läßt die von dem Geheimniß einer solchen Oertlichkeit angeregte Phantasie Jeden, der ein wenig Verständniß für die unsichtbare Seele der ihn umgebenden Natur hat, tausend ähnliche Beziehungen ahnen.

Wo hundert Jahre der Vergessenheit die Lebensumstände eines großen Mannes, den erst ein spätes Geschlecht verstand und zu verdienten Ehren brachte, überschüttet haben, da kann die Sage, der dichtende Geist des Volkes, ein freies Spiel treiben. Sage ist denn ein guter Theil von Allem, was wir über Shakespeare’s Person und Verhältnisse wissen. Und von solchen Sagen lebt es in der Gegend von Stratford.

An der Landstraße zwischen Stratford und dem wenige Stunden entfernten Städtchen Bedford steht ein uralter wilder Apfelbaum. Die Leute der Umgegend nennen ihn den Shakespearebaum und erzählen folgende Geschichte. Bedford ist von Alters her durch sein vortreffliches Ale bekannt. Wo aber gutes Bier ist, da pflegt der Mensch den Durst hinzuzuthun. Und so hat sich die Einwohnerschaft von Bedford in dieser Beziehung stets eines entsprechenden Lobes zu erfreuen gehabt. Lustige Zechbrüderschaften pflegten früher von Zeit zu Zeit die Nachbarn aus den umliegenden Orten zu einem Wettgelage herauszufordern, um ihren Durst gegen einander zu messen. Eine solche Einladung erhielten denn auch einmal die Bürger von Stratford, und unter den Helden des Humpens, die sie auf Gastrollen aussandten, war ein gewisser William Shakespeare. Indeß obschon die wackeren Stratforder, die die Ehre ihrer Kehlen auf dem Spiele hatten, Alles dran setzten, konnten sie doch gegen Jene, die ihre Schule am Braubottich gemacht hatten, nicht lange Stand halten. Schon nach dem ersten Gang fiel das Häuflein Mann für Mann ab. Mit schweren Köpfen suchten sie im Dunkel der Nacht den Heimweg. Nachdem sie eine Strecke auf der Straße hingetaumelt waren, ließen auch die Füße sie im Stich. Unter jenem Apfelbaum stolperte der Vorderste nieder, und die Andern, William Shakespeare nicht ausgenommen, fielen hinterdrein. Dort blieb die saubere Gesellschaft, Einer über dem Anderen, die ganze Nacht hindurch liegen und schlief bis zum nächsten Morgen den Rausch aus. Der Dichter muß demnach den Becher, wie so mancher andere weise Mann und Sokrates vor Allem, auch nicht eben verachtet haben. Der Apfelbaum aber, dessen Zweige von der Schande und dem Jammer des geschlagenen Ritters zu sagen wüßten, ist ein Gegenstand der Neugierde und Verehrung geworden.

In der unmittelbaren Nachbarschaft von Stratford liegt Charlecote, der Landsitz der Barone von Lucy. Es ist ein altes Schloß aus der Mitte des sechzehnten Jahrhunderts, mit einem ausgedehnten Park von stattlichen Eichbäumen, durch die sich der Avon hindurchwindet. Auch an diesen Ort knüpft der Mund des Volkes eine Jugendgeschichte von unserem Dichter. Der große Shakespeare – so wird berichtet – war in seinen tollen Jahren von einer unbezwinglichen Jagdlust besessen. Durch sie verleitet ließ er sich beigehen, mit anderen Spießgesellen in jenem Park eigenmächtiger Weise dem Sport obzuliegen. Der damalige Besitzer, Sir Thomas Lucy, verstand indeß keinen Spaß. Er ließ die frechen Spitzbuben eines Tags auf frischer That einfangen und setzte sie ohne Federlesen vierundzwanzig Stunden in Dunkelarrest. Uebrigens scheinen sie mit einem derben Denkzettel davon gekommen zu sein. Shakespeare aber nahm die demüthigende Behandlung, die er wegen eines vermeintlich harmlosen Vergnügens von dem Edelmann erfahren hatte, höchlich übel. Er rächte sich mit seinen Waffen. Damals verfaßte er auf Sir Thomas Lucy ein beißendes Spottgedicht, von dem uns noch ein Vers überliefert wird, und klebte es über Nacht, sehr zum Aergerniß des vornehmen und mächtigen Herrn, an die Parkthüre. Es wird erzählt, daß jener wegen des neuen Frevels einen Criminalproceß gegen den Pasquillanten beabsichtigt und ihn durch die wenig erfreuliche Aussicht zur Flucht genöthigt habe. Dies soll denn nach Einigen die Veranlassung gewesen sein, die Shakespeare von seiner Heimath weg nach der Hauptstadt und zu einem abenteuerlichen Schauspielerleben trieb, aus welchem der große Dramatiker hervorging. Wahr oder nicht wahr, – jedenfalls war des Dichters Groll ein nachhaltiger. Als er viele Jahre später seine „lustigen Weiber von Windsor“ und „Heinrich IV.“ schrieb, führte er in diese Stücke die durch und durch lächerliche und alberne Persönlichkeit des „Justice Shallow“, zu Deutsch: „Landrichter Schwachkopf“ ein. Damit war Niemand anders als Sir Thomas Lucy gemeint, der ein Friedensrichter war und außerdem deutlich genug durch die „weißen Fische im Wappen“, welche seine Familie noch heute führt, gekennzeichnet ist. Wer also einen jungen Taugenichts in seinem Revier auf Jagdfrevel ertappt, der sei klug und lasse ihn ruhig laufen. Denn wenn das Schicksal aus dem Wilddieb einen großen Schriftsteller werden ließe, so könnte es ihm ergehen wie dem armen Sir Tom, der nun für die Ewigkeit zum allgemeinen Gelächter als ein Einfaltspinsel an den Pranger gestellt ist.

Nur wenige Spuren, die mit Bestimmtheit an Shakespeare erinnern, haben sich durch drei Jahrhunderte vor der schonungslosen Zerstörerin Zeit in unsere Gegenwart gerettet. Bei diesem verweilt natürlich der Besucher von Stratford mit besonderer Vorliebe und Andacht. Was uns freilich das Interessanteste sein würde, das Haus, welches der Dichter von dem weislich zurückgelegten Ertrage seiner Kunst erkauft hatte und in dem er seine letzten sorgenfreien Jahre gemächlich verlebte, hat eine vandalische Hand boshaft vernichtet. Dieses Haus, eine der schönsten Besitzungen in Stratford, mit der Einrichtung, wie sie Shakespeare selbst getroffen, und dem Garten, den er ganz nach seinem Geschmack angelegt hatte, kam nach mannigfachem Herrenwechsel um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in das Eigenthum eines geizigen Pfaffen. Diesen ärgerte der zahlreiche Zuspruch von Fremden, die der Ruhm seines Vorbesitzers herbeizog. Er begann damit, einen prächtigen Maulbeerbaum, den nach der Sage der Dichter selbst im Garten gepflanzt hatte, abzuhauen und an den Ersten Besten als Brennholz loszuschlagen. Das Gebäude selbst war mit allerhand Abgaben belastet, und da der alte Filz sich von seinem blanken Gelde nicht trennen wollte, um sie zu bezahlen, ließ er es dem Erdboden gleich machen und – zog zur Miethe. So ist Alles, was noch unversehrt dasteht, des Unsterblichen Geburtsstätte und sein Grab. Als hätten wir aus dem irdischen Dasein des großen Mannes an seinen Werken genug, um uns übrigens mit dem Anfang und dem Ende begnügen zu können!

An der Hauptstraße von Stratford steht noch ein altes niedriges [508] Häuschen, ungetüncht, aus Holz und Fachwerk aufgeführt. Heutzutage macht es den Eindruck einer dürftigen Bauernwohnung. Vor dreihundert Jahren aber war es gewiß ein behäbiger und von Manchem beneideter Sitz. Um jene Zeit bewohnte es der Gentleman John Shakespeare, und in einer Oberstube desselben wurde ihm sein ältester Sohn William geboren. Beinahe wäre Europa durch einen amerikanischen Humbug auch um diesen unschätzbaren Rest gekommen. Vor längerer Zeit handelten ein paar Yankees, – die nach der Art ihrer Landsleute auf antiquarische Raritäten versessen waren, – um das Haus. Sie führten nichts Geringeres im

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Shakespeare’s Geburtshaus.

Schilde, als es auf den Abbruch zu kaufen, Steine, Balken etc. einzupacken und über das Wasser zu schicken, um drüben in der neuen Welt den neuaufgezimmerten Phönix für schweres Geld sehen zu lassen. Aber England hat sich diesen Schimpf nicht angethan, und glücklich sind wir der Beschwerlichkeit überhoben, über den Ocean reisen zu müssen, um zu sehen, wo Shakespeare geboren wurde. Das Haus ist aus Staatsmitteln angekauft und Nationaleigenthum geworden. Der Beutel des britischen Volkes ist Gott sei Dank groß genug, um dem mürben Bau nun eine freie und anständige Altersversorgung zu sichern.

Die schmale Thür, die allerdings nicht für die stahlgespreizten Unholde unserer Tage eingerichtet war, die niedrigen bleigerahmten Fenster, kurz die Gedrücktheit des ganzen Baus, läßt freilich nicht ahnen, wer unter diesem Dache aufwuchs. Doch der Genius gedeiht überall! – Neben dem Eingang öffnet sich aus dem Hauserden

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Shakespeare’s Ruhestätte.

auf die Straße ein Ladentisch. Hier hielt der alte Shakespeare feil; doch streiten sich die Gelehrten, was. Manche meinen, er sei ein Metzger gewesen; Andre dagegen erklären ihn für einen Wollkrämpler, und wieder Andre für einen Landwirth, der nebenbei einen Kram betrieben habe. Eine enge Treppe führt aus einer Kammer auf den Vorsaal des oberen Stocks. Von da treten wir in das Allerheiligste: die Stube, in der Shakespeare geboren wurde. Von jener Zeit her ist freilich nichts mehr übrig als die kahlen Wände. Ueber und über sind sie mit tausend und abertausend Namenszügen besät. Denn ein jeder Besucher pflegt sich in dieser Weise zu verewigen, so daß nachgerade auf den vier Seiten dieses eigenthümlichen Fremdenbuchs kaum noch ein Plätzchen leer geblieben ist, wo man seine paar Buchstaben schicklich hinbringen kann. Aber lassen will man’s doch auch nicht gerne, und wo Walter Scott, Macaulay und so viele andre Ehrenmänner sich eingezeichnet haben, da kann auch unser Einer ohne Schande diese kleine Schwachheit begehen. Shakespeare’s Stuhl und einige andre Gegenstände von Interesse, die früher das Zimmer zierten, sind jetzt in den Museen der Hauptstadt aufgestellt, um ihren Anblick einem größeren Publicum zugänglich zu machen. Das Einzige, was von Reliquien noch gezeigt wird, ist ein Stück von Shakespeare’s Maulbeerbaum. Leider soll nur dieser, wie oben erzählt, in den Ofen gewandert sein. Man würde am Ende wohl mit ebensoviel Recht den Klotz von dem leibhaftigen Maulbeerbaum herleiten können, unter dem ein grausames Schicksal den Pyramus und seine Thisbe, die es im Leben schied, im Tode zusammenführte. Und wer weiß, ob nicht Einer in einer solchen schwachen Stunde selbst daran einen Augenblick glauben könnte!

Am äußersten Ende des Städtchens, vom Friedhof eingeschlossen, liegt die Kirche der heiligen Dreifaltigkeit. Ein einfacher gothischer Bau aus alter Zeit, überragt von einem langgespitzten Thurm. Dicht daran gleitet, unter lispelndem Schilfe hin, der Avon vorbei. Ein breiter Gang ehrwürdiger Linden führt auf das Hauptportal zu. Stattliche Ulmen umschatten die Kirche und die Gräber umher. Ueber dem ganzen Ort ruht eine feierliche Stille, gehoben durch das Düster der mächtigen Bäume. Dies ist die Ruhestätte des Dichters. Da liegt er, fern den andern großen Todten des Landes, deren Grüfte die stolze Westminsterabtei überwölbt, in seinem eignen Tempel. Und wie er einen solchen verdiente, so hätte ihm auch wahrlich kein schönerer gebaut werden können, als diese bezaubernde Einsamkeit.

Das Innere der Dreifaltigkeitskirche ist in einem edlen reichen Styl verziert. Ein dämmeriges Licht fällt durch die hohen Bogenfenster, vor denen draußen das dichte grüne Gezweig lagert. Shakespeare’s Gruft liegt im Chor, gerade vor dem Altar. Ihm zur Seite ruhen die nächsten von den Seinen: zur Linken seine Gattin, Anna Hathaway, die ihn um mehrere Jahre überlebte; zur Rechten seine kluge Tochter Susanna, der Liebling ihres Vaters, und dann mehrere entfernte Anverwandte. In einer Nische der Seitenwand steht eine Büste des Dichters, die kurz nach seinem Tode von einem holländischen Künstler ausgeführt wurde. Sie und ein altes Oelgemalde sind die einzigen Portraits, die wir von ihm besitzen. Die Büste zeigt die hochgewölbte Stirn und das offne Auge, das frei und voll Zuversicht über das Grab hinwegschaut. Unter ihr trägt eine Tafel ein lateinisches Distichon folgenden Inhalts:

„Nestor an Sinn, an Witz ein Sokates, Bruder Virgilens,
Ruht er, von Allen beweint, drunten und lebt im Olymp.“

Seine trauernden Freunde setzten dem Hingeschiedenen dieses Denkmal. Eine solche Auszeichnung und der vornehme Platz der Gräber im Innern der Kirche beweisen, daß Shakespeare unter seinen Mitbürgern ein hochgeehrter und angesehener Mann war. Die Gruft selbst aber ist ohne Schmuck und Zierde, mit einer [509] einfachen Platte gedeckt. Vier Zeilen, von dem Todten selbst gereimt, sind auf den Stein gemeißelt:

„O lieber Freund, bist du ein guter Christ,
Laß ruh’n den Staub, der hier begraben ist.
Wohl geh’ es dem, der diese Steine ehrt;
Doch Weh auf ihn, der mein Gebein versehrt!“

War es ein Aberglaube aus düsterer Zeit, dem sich der große Mann nicht entzog, war es ein Spiel seiner Laune, was ihn diese Worte auf sein Grab zu setzen trieb? – Man hat ihn gescheut, den Fluch des Sängers. Es ist öfters angeregt worden, seinen irdischen Resten im Westminsterdom eine Stätte zu geben, die sie selbst noch mehr zieren als verdienen würden. Aber keine neugierige Frevlerhand hat es bis jetzt gewagt, dem Fluche trotzend an den Stein zu rühren!

Ein heimlicher Schauer überbebt den Wanderer, wenn er durch die Bogenhalle in den kühlen Dom und an die Gruft tritt. Zu dem Frieden des Gotteshauses und zu der Stille des Grabes gesellt sich hier die Erinnerung an den großen, den einzigen Menschen. An dem Orte, der das umschließt, was von ihm dahingegangen ist, tritt uns alles das vor die Seele, was er uns gelassen. Kennen wir ihn doch fast nur aus diesem! Sein leichter Scherz und die fürchterliche Macht seines Wortes, der tiefe, gewaltige Ernst und die erhabene Heiterkeit seiner Kunst, die ganze unendliche Welt, die er aus sich schuf, geht, in ein großes Bild gefaßt, an uns vorüber. Zum hundertsten Male staunen wir über den unerschöpflichen Reichthum dieses Geistes. Und hier löst sich in Wehmuth das Staunen.

Es ist nicht lange mehr hin, – kommendes Frühjahr – da wird das Städtchen Stratford der Mittelpunkt einer großartigen Feier sein. England wird den dreihundertjährigen Geburtstag Shakespeares begehen. Auch wir Deutschen werden dann einen Festtag halten, und wir haben ein gutes Recht, den Dichter zu ehren. Denn war er gleich von Haus aus nicht einer der Unsern, so ist er es geworden. Unter uns hat er ja seine Auferstehung gehalten!

J. H.