Der erste Ball (Die Gartenlaube 1875/48)

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Titel: Der erste Ball
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aus: Die Gartenlaube, Heft 48, S. 812
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[808]
Die Gartenlaube (1875) b 808.jpg

Beim Pas-de-deux.
Aus dem Album „Der erste Ball“ von K. Koegler.

[809]
Die Gartenlaube (1875) b 809.jpg

Zu heiß im Saale!
Aus dem Album „Der erste Ball“ von K. Koegler.

[812] Der erste Ball (Mit Abbildungen, S. 808 u. 809 ) Sechszehn Jahre und Nachbars Lieschen! – Es war ein warmer Spätsommerabend. Wir saßen auf dem hohen eisenumgitterten Granitvorbau, welcher als gemeinsame Estrade vor den beiden alterthümlichen Hansahäusern, meinem und ihrem Elternhause, hinlief. Der Abendsonnenschein fiel röthlich durch Giebel und Erker auf die breite, helle Straße herab, und vom nahen St. Marienthurm klang bei jedem Stundenschlag – wir hatten gar so lange geplaudert und geträumt – das prächtige mittelalterliche Glockenspiel helltönig zu uns hernieder. Von den Tagen der frühesten Kindheit hatten wir geplaudert, da wir noch in traulicher Winterstille in der engen Mansarde oder, wenn der lustige Frühling kam, auf dem geräumigen hallenden Hofe hinter dem Hause gespielt, von den seligen Tagen der Kindheit, die nun längst dahin waren – längst; denn wir waren ja vernünftige, große Menschenkinder geworden, ich sechszehn- und sie vierzehnjährig. „Ja, was jetzt nur kommen mag?“ fragten wir uns heute; lag doch die Welt geheimnißvoll, wie ein fernherwinkendes Fragezeichen, vor uns – und was da kam, das war etwas Großes, Welterschütterndes – der erste Ball. Werner’s Fritz gab einen Thé-dansant, und wir waren dazu geladen.

Es ist ein seltsam Ding – was ich da auf meinem ersten Balle erlebte, das finde ich, als hätte ein unsichtbarer Geist meine Jugendliebe belauscht und in Wort und Bild festgehalten, heute, nach so viel Jahren, in einer glänzend ausgestatteten Sammlung von Zeichnungen und Versen wieder, die soeben für den diesjährigen Weihnachtstisch in die Welt hinausgeht. „Der erste Ball“ (Stuttgart Julius Hoffmann) ist eine Reihe von Radirungen nach Skizzen von K. Koegler, trefflich in Stahl gestochen von Professor Rudolf Geißler und begleitet von einem ansprechenden poetischen Texte von J. Trojan.

Der erste Ball! Ich sehe mich noch heute, gerade wie der junge Fant auf dem vordersten Bilde der Koegler’schen Zeichnungen, im schmucken Tanzcostüm durch die Straßen der alten Stadt gehen, das Herz von stolzer Siegesahnung voll – denn Lieschen sollte ja auch kommen. Und sie kam. Ich tanzte mit ihr ein Pas de deux, wie der junge Cavalier mit dem anmuthigen Backfischlein auf unserem Bilde, nur drehten wir uns nicht mit der unanfechtbaren Grazie, die der talentvolle Zeichner den liebreizenden Gestalten dieser, wenn ich so sagen darf, Tanzidylle geliehen hat. Grazie oder nicht Grazie – einerlei: Lieschen legte ihre kleine Hand so sanft in die meinige, und unsere Augen lernten an diesem Abende – wie mochte das nur geschehen? – eine ganz neue Sprache sprechen. Der Cotillon kam; ihre Blicke fanden mich, und unter Erröthen – Herr Koegler, trefflicher Schilderer mit dem Griffel, Sie müssen uns wirklich belauscht haben – heftete sie einen großen bunten Orden an meine hochklopfende Brust, ich aber hätte in diesem Moment mit keinem Könige der Erde getauscht.

Was wir sprachen? Welche Frage! Worte, nicht für das Ohr eines Dritten gemacht. Drum suchten wir – es war uns zu heiß im Saale – ein stilles einsames Fleckchen auf, indem wir, dennoch heiße Worte hinter Lieschen’s Fächer flüsternd, tänzelnd durch den Saal und in das stillere Nebenstübchen schritten – ganz wie die Liebenden auf unserem zweiten Bilde. Ah, dieser Zeichner ist ein gefährlicher Mensch; mit gewandter Feder schreibt er das Leben ab; denn just wie der verliebte Knabe hier entfloh ich, mein Lieschen am Arme, dem Gedränge und Gesumme der Tanzenden. Endlich allein! Ja, Herr Koegler, Sie haben scharfe Augen; denn die Scene, welche Sie auf Ihrem nächsten Bilde mit so unübertrefflichem Humor gezeichnet, wir haben sie aufgeführt. So, gerade so saßen wir auf dem schön gepolsterten Sopha im stillen Gemach, die Liebe von sechszehn Jahren in eigenster Person. Und die folgende Scene? Nun – wie hätte es anders kommen können? – es brannte Mund an Mund in seligem Entzücken, nur nicht mit der vollendeten künstlerischen Technik, die unser Zeichner auf seinem Bilde entwickelt. Es ist doch etwas Wunderbares um den ersten Kuß, aber flüchtig, wie alles Schöne auf der Erde, war auch diese Minute.

„Kinder, seid Ihr des Teufels?“ erscholl eine Stimme hinter uns, die Stimme von Lieschen’s Mutter. Genau wie in dem Album rang sie komisch-ernst die Hände, schmollte halb und lachte halb, und mit einer sehr verständlichen Handbewegung nach der Thür lieh sie ihrem Zorne eine mimische Verdeutlichung – lautlos verduftete ich. Das war das schreckliche, allzu frühe Ende meines Liebesromans, von dem ich geträumt hatte, er solle mein Leben ausfüllen. Liebe von sechszehn Jahren, auf wie schwachen Füßen stehst du doch! Am anderen Morgen begrub ich in Thränen des Katzenjammers meine holde „Jugendeselei“, wie das geflügelte Wort jene Flitterwochen des Lebens nennt. Damit schloß mein Hangen und Bangen von damals, und mit einem ähnlichen Bilde schließt heute die reizende Sammlung der Zeichnungen unseres Künstlers. Dann kamen andere Zeiten für mich – was weiß ich, wo meine Liebe hin ist? Heute erwacht sie wieder, die so lange versunkene Erinnerung – und daran sind Sie schuld, Herr Koegler mit Ihrem „Ersten Ball“, und Sie, Herr Professor Geißler, der Sie diese auf graziösen Kinderzehen schwebende Liebesgeschichte so prächtig in Stahl gestochen.

Lebt mein Lieschen noch? Weilt sie noch, nun wohl eine stattliche Elisabeth, in der alten Stadt mit den hohen sonnendurchleuchteten Giebeln und Erkern? Wer weiß es! Wohl möchte ich noch einmal durch jene breiten Straßen gehen – und das müßte am Weihnachtsabend sein. Dann legte ich ihr heimlich auf den lichtbestrahlten Festtisch diesen „Ersten Ball“ – ein Lied aus der alten Zeit, aus den sonnigen Tagen der Kindheit, da wir noch auf der hohen eisenumgitterten Estrade saßen vor dem Hause der Eltern und das helle Glockenspiel zu uns herniederklang von Sanct Marien.