Der erste Mord im Kriege

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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Der erste Mord im Kriege
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 428
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[427] Der erste Mord im Kriege. Ein englischer Seemann in der Ostsee beschreibt in einem Briefe an seine Frau zu Hause unter „Pongo Roads den 22. Juni“ seine erste Kriegsthat in so ergreifender Weise, wie wir sie kaum in einem rührenden Romane erwarten. Sein erster Dienst bestand darin, in einem Boote mit einigen Seesoldaten zu landen, um ein kleines Fort zum Schweigen zu bringen und die Kanonen zu nehmen. „Wir zerstreuten uns am Gestade, um die Küste rein zu halten, während die Soldaten die Kanonen nahmen. Der Feind hatte den Vortheil einiger Waldung vor uns voraus, aus welcher einzelne Soldaten hervorschimmerten und vorwärts zu kommen schienen. Ich sah einen einzelnen Mann etwa 60 Yards weit, zielte fest auf ihn und schoß. Er fiel wie ein Stein. Zugleich sauste eine „breite Seite“ (alle Kanonen der einen Schiffsseite) vom Meere in den Wald, so daß der Feind rasch retirirte. Ich hatte noch nie auf einen Menschen geschossen. Ich konnte der Mahnung, zu meinem Mann zu gehen, ob er auch wirklich todt sei, nicht widerstehen. Ich ging. Da lag er ganz still; doch fürchtete ich mich jetzt mehr vor ihm, als während er vor mir stand als Feind auf Tod und Leben. Es ist ein seltsames Gefühl, das uns überkommt, zu sehen, man hat einen Menschen getödtet. Er hatte seine Jacke aufgeknöpft und preßte seine Hand gegen die Wunde in der Brust. Er athmete schwer und im Blute erstickend, das nicht nur aus seiner Wunde quoll, sondern auch mit jedem Athemzuge aus seinem Munde. Zu dem rothen Blute stach das todesblasse Gesicht fürchterlich ab, noch mehr die offenen Augen, die groß und angstgequält auf mich starrten. Ich werde das nie, nie vergessen können. Er war ein schöner, junger, kräftiger Mann von etwa 25 Jahren. Ich kniete neben ihm nieder mit einem Gefühle, als sollte mir das Herz springen. Was ich fühlte, kann ich nie sagen; aber ich glaube, ich hätte in diesem Augenblicke mein Leben gegeben, hätt’ ich das seinige damit retten können. Ich legte seinen Kopf auf meinen Schooß. Er hatte ein schönes Gesicht und sah gar nicht wie ein Feind aus. Er ergriff meine Hand und versuchte zu sprechen, aber statt der Worte kamen nur Blutbäche mit einem Geräusch, das mir das Herz zerschnitt. Ich glaube, mir war viel elender zu Muthe als dem Sterbenden. Er vergoß keine Thräne, wohl aber ich. Die Augen fielen zu, er röchelte qualvoll und immer schwächer. Ein Schuß vom Gestade mahnte mich zum Rückzuge. Er suchte aufzublicken, vermochte es aber nicht. Er zeigte nach dem Meere, wo das Boot eben Anstalt machte, mit den genommenen Kanonen abzustoßen, und dann rückwärts nach dem Walde, wo der Feind sich verbarg. Armer Kerl! Er sah es mir nicht an, daß ich ihn, den ich nie vorher gesehen und der vielleicht besser war als ich, niedergeschossen, als hätt’ er mich auf den Tod beleidigt. Ich begriff nicht, wie ich ihn jetzt verlassen könnte den Sterbenden und kein mitleidiges Auge über ihm. Einige Zuckungen, einige Blutstöße und sein Gesicht wandte sich, er drehte sich convulsivisch um und lag dann still, ohne Athem. Ich bin überzeugt, der Allmächtige hat seine Seele aufgenommen. Ich legte ihn sanft auf dem Grase zurecht und verließ ihn. Alles kam mir wie ein Traum vor, als ich mich das letzte Mal umdrehte, um ihn noch einmal anzusehen. Alles, was ich von Türken, Russen und Krieg gehört, ging mir durch den Kopf und erschien mir so weit weg und der todte Mann so nahe.“ – Das klingt Alles ganz gebildet menschlich und nicht wie Krieg, welcher im Großen und aus der Ferne mit weithintragenden Gewehren durch Pulverdampf arbeitet, so daß man die menschlichen Gesichter, die tausendweise die Augen schließen in einer Schlacht, nicht sehen kann. Das Todtmachen aus der Ferne, nicht von Angesicht zu Angesicht, macht unsere modernen Schlachten feig und grausam und gleichsam zu Rechnenexempeln, die man statt mit Zahlen, mit Todten, Verwundeten und Gefangenen zusammen rechnet, um das Facit, die Bilanz, zu ziehen. Strategisch genommen, klingt die Expectoration unseres Neulings im Kriege gar zu sentimental, aber es liegt auch eine große, schwere Wahrheit darin. Der Krieg ist ein gemachter, diplomatisch erkünstelter und hat mit den natürlichen, menschlichen Gefühlen und Stimmungen der Russen, Engländer und Franzosen so wenig zu thun, daß hier im Gegentheil alle mehr oder weniger ihren Ausdruck in der ergreifenden und einfachen Aeußerung dieses jungen Seemannes wiederfinden werden.