Der erste Roman

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Textdaten
Autor: Walther Kabel
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Titel: Der erste Roman
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aus: Das Buch für Alle, Illustrierte Familienzeitung, Jahrgang 1912, Heft 21, S. 473
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1912
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
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Erscheinungsort: Stuttgart
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[473] Der erste Roman. – Arnold Ripley, der berühmte amerikanische Erzähler, der später durch seine Romane ein großes Vermögen erwarb, ging es im Anfange seiner schriftstellerischen Laufbahn herzlich schlecht. Ripley hatte als junger Mann gegen den Willen seiner Eltern ein armes Mädchen geheiratet, woraufhin seine Familie sich vollständig von ihm lossagte. Das junge Paar bewohnte in New York zwei kleine, über einem Stallgebäude liegende Stuben, in denen bald die Not ständiger Gast war. Ripley schrieb zumeist wissenschaftliche Artikel, die ihm trotz ihres wertvollen Inhalts nur mäßig honoriert wurden.

„Eines Tages,“ so erzählt er selbst in seinen Lebenserinnerungen, „drängte sich mir dann förmlich der Stoff zu einem großen Roman auf. Es war wie eine Eingebung über mich gekommen, und sofort machte ich mich auch ans Werk, obwohl ich mich auf dem Gebiete der Erzählung bisher noch nicht versucht hatte. Tags über schrieb ich an meinen Artikeln wie bisher, da ich die Einnahmen daraus nicht entbehren konnte, der Abend und stets auch der größte Teil der Nacht aber wurde dem Roman gewidmet. Wie sehr mich bei meiner Arbeit gerade in den stillen Nachtstunden das Stampfen und Schnauben der unter mir in dem Stalle befindlichen Pferde störte, vermag ich kaum zu sagen. Oft war ich völlig in Verzweiflung. Schließlich brachte meine gute Alix mich auf den Gedanken, mir die Ohren durch Wachskugeln zu verschließen. Das half. Nach Verlauf von drei Monaten war der Roman beendet. Ich las ihn Alix vor. Sie war begeistert. Mir selbst gefiel mein Machwerk jedoch immer weniger, je mehr ich daran herumfeilte. Die anfängliche Begeisterung verflog sehr schnell, und in meinem Kleinmut wagte ich es nicht, die Arbeit einer Redaktion einzureichen.

Gerade zu derselben Zeit hatte ich außergewöhnliches Pech mit dem Unterbringen meiner Artikel. Die meisten erhielt ich zurück, das Geld wurde immer knapper, und es gab Tage, wo wir nur von Wasser und Brot lebten. Meine Stimmung wurde durch diese Fehlschläge immer gedrückter. Oft war ich so niedergeschlagen, daß ich schon das mir zuwider gewordene Leben von mir werfen wollte. Stets von neuem drang meine Alix in mich, den Roman doch abzuschicken. Ich wagte es nicht. Hätte ich ihn zurückerhalten und wäre damit die Arbeit von unzähligen Stunden umsonst gewesen, ich wäre sicher gänzlich verzweifelt. Alix, dieser Engel von einer Frau, verstand mich vollständig und redete mir nun zu, das Manuskript vorläufig ganz beiseite zu tun. Ich packte es also sauber in einen Bogen, verschnürte und versiegelte das Paket und legte es zu oberst in meine Schreibtischschublade.

Eines Tages hatte ich in der inneren Stadt eine Besorgung. Als ich von meinem Ausgange heimkehrte, kam mir Alix mit verstörtem Gesicht entgegen. Aufgeregt erzählte sie mir, daß sie während meiner Abwesenheit in der Nähe Einkäufe gemacht, beim Verlassen der Wohnung aber die Korridortür wohl nicht gut eingeklinkt habe, und während ihrer Abwesenheit ein Dieb in unseren Zimmern gewesen sein müsse. Dabei wies sie auf die offenen Türen der Schränke und die herausgezogenen Schubladen, deren Inhalt wild zerstreut auf dem Boden lag. Offenbar hatte der Dieb bei uns nach Geld oder Kostbarkeiten gesucht. Welch törichtes Bemühen!

Auch an meinem Schreibtisch hatte der Spitzbube sich zu schaffen gemacht. Ein Blick zeigte mir, daß sowohl das Romanmanuskript als auch ein dicht dabeiliegender Revolver verschwunden waren. Im übrigen fehlten nur noch ein paar silberne Löffel und die silberne Uhr meiner Frau, die auf dem Nähtischchen in einer Schale gelegen hatte.

Der Verlust des Romans, in dem der dumme Dieb wohl ein Paket Wertpapiere vermutet haben mochte, schmerzte mich anfänglich am meisten. Doch ich beruhigte mich darüber recht bald. War ich doch innerlich fest überzeugt, daß es sich um eine vollständig verfehlte Arbeit handelte. Wir hatten den Vorfall zwar bei der nächsten Polizeistation angemeldet, und es waren auch zwei Beamte bei uns erschienen, die sich den Tatort oberflächlich ansahen; aber unsere Sachen erhielten wir natürlich nicht zurück.

Alix schlich in den nächsten Tagen recht bedrückt umher. Erst als sie sah, daß ich mich über den Verlust des Manuskriptes allmählich tröstete, wurde sie wieder fröhlicher. Aber ich fühlte doch, daß sie fortgesetzt von einer gewissen nervösen Unruhe geplagt wurde. Fragte ich sie besorgt, ob ihr irgend etwas fehle, so bekam sie regelmäßig einen roten Kopf. In ihrer Verwirrung sah sie noch reizender als sonst aus. Und regelmäßig bildete ein langer Kuß den Schlußakkord dieser meiner ängstlichen Erkundigungen.

Nach vier Wochen erhielt ich eines Morgens einen Brief, der auf der Vorderseite den Stempel der „New York Times“ trug. Da dieser Zeitung augenblicklich keine Artikel von mir zur Prüfung vorlagen, öffnete ich ihn ohne besonderes Interesse. Alix war gerade ausgegangen, um Besorgungen zu machen. Das Schreiben lautete dahin, daß die Redaktion bereit sei, meinen Roman „Der Kundschafter“ zu erwerben. Zu einer Rücksprache über die Höhe des Honorars möchte ich mich baldigst auf dem Redaktionsbureau einfinden.

Ich fiel aus allen Wolken. Der Roman war mir doch gestohlen worden – und nun diese Nachricht! Wie hing das alles zusammen?! Sollte etwa der Dieb in einer Anwandlung von Gewissensbissen das Manuskript an die „New York Times“ geschickt haben?

Da hörte ich die Korridortür ins Schloß fallen. Alix war zurückgekehrt. Ich gebe ihr den Brief. Sie erblaßt, ihre Hände zittern. Dann fällt sie mir weinend um den Hals, verbirgt ihr Gesicht an meiner Brust und beichtet – beichtet, daß sie den ganzen Diebstahl in unserer Wohnung nur deswegen inszeniert hatte, um ohne mein Wissen den Roman an eine Redaktion einsenden zu können. „Ich hielt die Arbeit für gut, so viel du auch daran zu bemängeln hattest. Um dir aber die Enttäuschung zu sparen, wenn sie zurückkommen sollte, nahm ich meine Zuflucht zu dieser List. Täglich habe ich dem Postboten aufgelauert, damit der vielleicht abgelehnte Roman dir nicht in die Hände geraten sollte. Deshalb auch meine beständige Unruhe.“

Alix hat mir später noch oft erklärt, ich wäre nie mehr so vergnügt, so ausgelassen, so toll vor Freude gewesen wie an jenem denkwürdigen Morgen.

Gemeinsam sind wir dann nach dem Redaktionsbureau der „New York Times“ gefahren, wo ich für die Abtretung meiner Rechte an dem „Kundschafter“ bare tausend Dollar ausgezahlt erhielt – für uns eine Riesensumme.

Von dem Tage an blieb das Glück mir hold. Ich schrieb nur noch Romane, und die Zeitungen rissen sich förmlich darum. Aber kein zweiter kann sich einer so eigenartigen Verkaufgeschichte rühmen wie „Der Kundschafter“.“

W. K.