Der ewige Jude in Hamburg

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Textdaten
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Autor: Otto Beneke
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Titel: Der ewige Jude in Hamburg
Untertitel:
aus: Hamburgische Geschichten und Sagen, S. 223–227
Herausgeber:
Auflage: 2. unveränderte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Perthes-Besser & Mauke
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Erscheinungsort: Hamburg
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[223]
76. Der ewige Jude in Hamburg.
(1547.)

Unter den vielen und großen Vorzügen, die Hamburg vor andern Städten genießt, ist einer von allen Lobrednern unserer Vaterstadt stets übersehen: daß Ahasverus, der ewige Jude, dessen Umherirren im Morgenlande zwar längst bekannt gewesen sein mag, im Abendlande zu allererst in Hamburg aufgerteten ist.

Es war im Winter 1547, als man Sonntags in einer der Hamburgischen Kirchen einen fremden Mann bemerkte, dessen seltsames Aussehen und Benehmen die Andacht der frommen Gemeinde störte. Er schien etwa 50 Jahre alt und war von sehr großer hagerer Gestalt, mit lang auf Schultern und Brust herabwallendem Haupt- und Baarthaare; bekleidet war er, trotz des kalten Winters, nur mit linnenen, an den Füßen zerrissenen Hosen, mit einem Leibrock bis ans Knie, [224] und mit einem darüber gehängten sehr langen Mantel oder Talar, übrigens aber baarfuß. Ob nun auch er die Aufmerksamkeit Vieler erregt hat, so ist in seimem Benehmen doch nichts als die inbrünstigste Andacht und Demuth zu erkennen gewesen; der Kanzel grade gegenüber hat er gestanden, und den Pastor (der darüber beinah aus dem Contexte gefallen) aufmerksam angeblickt, um kein Wort der Predigt zu verlieren; und jedesmal bei Nennung des Namens unseres Heilandes hat er sich äußerst tief und ehrerbietig verneigt, an seine Brust geschlagen und dabei merklich geseufzet. Nach dem Gottesdienste ist er gesenkten Hauptes still hinaus gegangen.

Unter den Kirchgängern ist nun auch Paul von Eitzen gewesen, eines hiesigen Bürgers Sohn, damals grade von Wittenberg, allwo er Theologie studieret, zum Besuch hier anwesend. Der hat aus Wißbegier dem befremdlichen Manne weiter nachgeforscht, und bei einigen weitgereisten Bekannten erkundet, daß ein ähnlicher Pilgrim an unterschiedlichen Orten des Morgenlandes gesehen sei, und daß man ihn Ahasverum, den ewigen Juden, nenne, weil er nicht sterben könne. Paul von Eitzen hat nun fleißig nachgespüret, wo derselbige Mann hier verkehre, hat ihn endlich in einer geringen Herberge angetroffen, und ihn gefragt, wer er wäre. Darauf hat der Pilgrim ganz bescheidentlich und höflich geantwortet, und hat von sich ausgesagt: daß er zur Zeit des Heilandes schon gelebt habe, und in Jerusalem, wo er auch gebürtig, als Schuhmacher angesessen gerwesen und Ahasverus heiße. Und weiter hat er berichtet: wie er damals unsern Herrn Christus nicht für den Heiland, sondern für einen Sectirer und Aufrührer gehalten, darum er ihn gehasset, und mit anderm Volke vor Pilatus Thüre seine Kreuzigung begehret habe. Und wie dann der Herr zur Richtstätte geführet sei, habe er mit seinem Kinde und Gesinde vor der Thüre [225] seines Hauses gestanden, um das Schauspiel zu sehen, und sich darob gefreuet. Und als der Herr, ermattet von der Last des Kreuzes, das er getragen, sich an seinem Hause habe anlehnen wollen, um zu rasten, da sei er im blinden Zorneseifer, und um des Ruhmes willen bei den andern Juden, so unmenschlich grausam gewesen, daß er dem Heren keinen Augenblick Ruhe gegönnet, sondern ihn fortgetrieben habe von seiner Schwelle. Und da habe der Herr Christus ihn nur eine Welle angeblickt und gesagt: „ich wollte hier nur stehen und ruhen, du aber sollst gehen ohne Ruhe bis an den jüngsten Tag.“ Und alsbald habe er, obschon er es eigentlich nicht gewollt, dem Zuge nachgehen müssen, habe die ganze Kreuzigung unter wachsender Unruhe mit angesehen, worauf er die bergeschwere Last seiner Versündigung empfunden, und es ihm schier unmöglich gedäucht, wieder heim gen Jerusalem zu gehen, weshalb er fortgegangen wäre, immer zu, Heimath und Freunde, Haus und Hof, Weib und Kind verlassend, durch fremde Länder irrend wie ein betrübter Pilgrim, ohne Rast, ohne Ruhe: Jahrhunderte wären also verstrichen, er habe einmal Jerusalem wieder besucht und Alles verödet gefunden, und die alte Herrlichkeit zerstört. Und so inniglich er sich sehne, aus dieses Erdenlebens Jammerthal erlöset zu werden, so glaube er doch, daß Gott ihn leben lassen werde, wie’s der Heiland gesagt, bis zum jüngsten Tage, damit er dann als lebendiger Zeuge wider die Juden diene, zur Bekehrung der Gortlosen und Ungläubigen.

Und auf solche schier unglaublich klingende Aussage hat Paulus von Eitzen den Mag. Matthäus Delius, Rector der Schule hieselbst, geholt; der war in den Historien der alten Welt trefflich belesen, und kannte aller Dinge Verlauf, und hat den Pilgrim examinirt, und dann mit größter Verwunderung bekannt, Alles, was der Fremdling angebe, sei richtig [226] und stimme vollkommen mit den Geschichten der Evangelisten und alter Historienschreiber, und von den orientalischen Begebenheiten, Regimentsveränderungen, Kriegen und Friedensschlüssen erzähle er als ein Augenzeuge, also, daß kein Zweifel wäre, daß er wirklich Ahasverus sei, der ewige Jude, da bei Gott kein Ding unmöglich.

Darauf ist er noch einige Zeit in Hamburg geblieben, hat Alles wohl betrachtet und sich sonst stille verhalten, nur daß er viel in den Kirchen verkehret hat, daraus ein Hochehrwürdiges Ministerium hat schließen wollen, daß er dem lutherischen Glauben sich sehr zuneige. Im Uebrigen ist von ihm noch zu bemerken, daß er die Sprache jedes Landes, dahin er gekommen, alsobald ohne Erlernung inne gehabt und fertig gesprochen hat, wie er denn auch allhier nicht nur die Hochdeutsche, sondern auch die Niederdeutsche oder Plattdeutsche Sprache geredet hat, als wenn er im Hopfensack oder beim Dovenfleth geboren sei. Ferner ist aufgefallen an ihm, daß er, wider alle Gewohnheit seiner Landsleute, das Geld ganz verachtet hat,[1] und wenn Jemand ihm etwas ihm verehret, hat er nie mehr denn etwa 2 [Sch.][WS 1] angenommen, da er keines Geldes bedürfe, weil Gott ihn doch nicht Hungers sterben lasse. Und wo in Hamburg er zu Gaste geladen ist, da hat er sehr mäßig gessen und trunken, nur so viel, als zur Körpers Sättigung nöthig, daß die Hamburger sich gar sehr darüber verwundert haben. Und Fluchreden hat er ganz nicht hören können; und so Jemand bei Gottes Marter oder Christi Blut gefluchet, hat er sich heftig verbittert über solchen Mißbrauch der allerheiligsten Dinge, und hat den Frevler [227] scharf vermahnt und ihm sein eigen Exempel unter Augen geführet. – Darnach plötzlich eines schönen Morgens ist der ewige Jude von Hamburg weggeschwunden gewesen. Wohin er dann gepilgert, das gehört nicht hieher.

Herr Paulus von Eitzen ist nachmalen ein großer Doctor der Theologie, auch Dom-Pastor und Superintendent allhier, später zu Schleswig, gewesen, dessen brieflich Zengniß haben gute Freunde in Druck ergehen lassen, daraus diese Geschichte genommen ist. Nach alten Chroniken ist Ahasverus später wiederum hieher gekommen; da heißt es: „Ao. 1606 Jüdischer Umblaufer kommt nacher Hamburg, der nicht sterben kann, sondern muß immerfort wandern, sintemal er das Crucifige über den Heiland geschrieen und hat den müden Herrn von seinem Hause weggestoßen, da dann der liebste Herr Christus ihm sein ruhelos pilgern bis an den jüngsten Tag vorherverkündigt hat.“

Anmerkungen

[383] Nach einer alten Druckschrift: „Wunderbarlicher Bericht von einem Juden Ahasvero etc. von Chrysostomo Dadalaeo Westphalo, o. J. nebst Abbildung und Anhang. Danzig 1602. Ein neuerer Abdruck davon ist das häufig vorkommende Volksbuch. Benutzt ist Grässe’s Schrift über die Sage vom ewigen Juden.

  1. Daher heißt es von ihm in einem alten Volksliede:

    „Der ewige Jude lauft durch die Welt,
    Spricht alle Sprachen, veracht’t das Geld.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Schilling