Der gefesselte Ballon der Pariser Weltausstellung

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Autor: C. St.
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Titel: Der gefesselte Ballon der Pariser Weltausstellung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 46, S. 759–762
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[759]
Der gefesselte Ballon der Pariser Weltausstellung.

Wenn es auch im Allgemeinen wahr sein mag, daß man sich, wenn man vor kurzem einen „Weltjahrmarkt“ besucht hat, die nächsten erlassen darf, da sie erst in Jahrzehnten eine wirklich veränderte Physiognomie zeigen können, so hat doch der neueste jedenfalls Etwas vor allen früheren voraus, den „Great-Eastern unter den Luftballons“. Es ist ja richtig, schon die Pariser Weltausstellung von 1867 verdankte demselben Aussteller ein ähnliches Titanenwerk, aber gegen den Nachfolger betrachtet, war das nur so ein Ballon d’essai, wie die Diplomaten sagen, ein Probeballon, der höchstens ein Dutzend Personen 200 Meter emporführte, während wir heute unsere „Spritzfahrt in’s Blaue“ zu 40 bis 50 Personen gemeinschaftlich unternehmen und bis [760] auf die anständige Höhe von 600 Metern ausdehnen können. Herz, was begehrst Du mehr? Deinen alten Wunsch, einmal wie ein Vogel mit den Wolken dahin zu schweben, hier kannst Du ihn ohne Gefahr und Sorge, in kurzer Zeit und um ein Geringes erfüllen, zu Deinen Füßen die ganze Welt – denn in diesen Tagen vereinigt das moderne Babel alle Nationen – liegen sehen, und dabei so sanft fahren, daß es Dir keine Eisenbahn, kein Schlitten, ja kein Nachen in Zukunft mehr recht machen wird.

Solchen Leistungen entsprechend ist denn auch der Andrang zu diesen Luftschifffahrten sehr groß, und an guten Tagen benutzen 4 bis 500 Personen die Gelegenheit, sich einmal hoch über das Irdische zu erheben. Bis zum 6. October hatten 21,600 Fahrgäste sich an den bis dahin stattgehabten 748 Auffahrten betheiligt. Herr Heinrich Giffard, der Erbauer und Unternehmer, hätte viel Geld verdienen können, wenn das kolossale Werk nicht erst Ende Juli, sondern gleich im Anfange der Ausstellungszeit fertig gewesen wäre. Doch wird das diesen, durch die Erfindung seiner Dampfstrahlpumpe zum reichen und berühmten Manne gewordenen, Ingenieur wenig grämen; hat er doch die Genugthuung, alle seine Berechnungen und Luftpläne völlig bewährt zu sehen, und seiner Vaterstadt – er ist am 6. Februar 1825 in Paris geboren – ein Schauspiel zu gewähren, auf welches ganz Frankreich mit Stolz blickt und, wie wir hinzufügen müssen, nicht ohne Berechtigung. Denn der neue Ballon captif ist nach jeder Richtung hin ein Meisterwerk.

Bereits die Probefahrt, welche am 23. Juli stattfand, bewies dies und gewährte auch den Nichtbetheiligten ein in seiner Art höchst sehenswerthes Schauspiel. Inmitten des Tuilerienhofes, im Angesichte der geschwärzten Mauern der von der Commune geschaffenen Palast-Ruine, gar nicht weit von dem Platze, auf welchem Charles und Robert am 1. Dezember 1783 zum ersten Male einen Luftballon mit Wasserstoff füllten, erhob sich der aufgeblähte Riese wie eine mächtige weiße Domkuppel, die hohen Schloßmauern, die ihn umgaben, überragend. Wenn der Ballon nämlich so weit herniedergezogen ist, daß die Gondel dicht über der Erde schwebt, so erhebt sich die Wölbung der Kuppel 55 Meter über den Boden, den Raum manches großen hauptstädtischen vierstöckigen Hauses übertreffend, enthält dieser Ballon bei einem Durchmesser von 36 Metern nicht weniger als 25,000 Cubikmeter Gas. Die mit dem leichtesten Stoffe, der uns zur Verfügung steht, gefüllte Riesen-Gas-Blase kann ein Gewicht von 25,000 Kilogramm angehängt erhalten, ehe sie ebensoviel wiegt, wie die von ihr verdrängte Luftmasse; sie wiegt freilich, mit Allem was drum und dran hängt, schon selber ihre 14,000 Kilogramm. – Doch wir wollten ja von der Probefahrt erzählen.

Es war ein seltenes Vertrauensvotum für Herrn Gissard, zu welchem sich die ersten Notabilitäten der Pariser Wissenschaft und Presse eingefunden hatten; denn die amtliche Prüfung der Festigkeit des Kabels fand erst am folgenden Tage statt. Da sah man außer dem Polizeipräfecten und mehreren höheren Beamten den berühmten Zoologen Milne-Edwards, den Chemiker Baron Thénard, den Astronomen Taussen, den Geologen Daubrée und manchen anderen berühmten Mann die Gondel besteigen, und endlich folgte – rührend zu sehen – die greise Mutter Gaston Tiffandier’s, des vielgenannten Luftschiffers, der die Leitung der ersten Fahrt übernommen und den Bau mit überwacht hatte, zum besten Beweise, daß hier trotz der noch ausstehenden amtlichen Abnahme nichts zu riskiren war. Kurz nach fünf Uhr Nachmittags schwang sich dieser Vogel Rok der Wirklichkeit majestätisch mit seiner seltenen und ausgezeichneten Last empor, um sie eine halbe Stunde später, nach dem Genusse des unvergleichlichen Panoramas, welches Paris, zumal jetzt, darbietet, der Erde und der harrenden Menge wiederzugeben.

Am andern Tage fand dann vor der dazu ernannten amtlichen Commission die Kabelprobe statt, welche ergab, daß dieses gegen den Ballon zu immer stärker werdende Seil, selbst an seinem dünnsten, untersten Ende, einem Gewichte oder Zuge von 24,000 Kilo widersteht, sodaß ohne Bedenken die amtliche Erlaubniß zur alltäglichen öffentlichen Benutzung gegeben werden konnte, da dem Ballon ja durch das große zu tragende Gewicht genugsam Zügel angelegt sind, um ihn vor dem Gelüste, einmal durchzugehen, zu bewahren. Die große Widerstandsfähigkeit des Kabels ist auch nur in Anbetracht dort oben wehender Winde, die auf eine so große Masse trotz ihrer Rundung mit ziemlicher Gewalt wirken, vorgesehen worden; übrigens läßt man an windigen und regnichten Tagen den Ballon, der sonst seine 10 bis 16 Auffahrten an einem Tage ausführt, nicht aufssteigen. Durch Anwendung von Metalldraht hätte man ein noch widerstandsfähigeres Drahtseil bei geringerem Gewicht herstellen können, aber man fürchtete wohl nicht ohne Grund, daß man damit einen ungeheuren Blitzableiter herstellen würde, der unter Umständen eine Katastrophe herbeiführen könnte.

Die Umsicht, mit welcher das ganze Werk unternommen und vollendet wurde und welche das Vertrauen des Publicums völlig rechtfertigt, geht am besten aus der höchst interessanten Darstellung hervor, welche Herr Gaston Tissandier von den gesammten Herstellungsarbeiten in einem besonderen Buche,[1] dem wir die meisten Zahlen und Einzelnheiten entnehmen, gegeben hat. Dem Urheber der gigantischen Idee standen nicht nur die mit seinen beiden ersten Riesenballons gesammelten Erfahrungen und seine Beherrschung der sich darbietenden mathematischen und mechanischen Probleme zu Gebote, sondern auch als praktischer Luftschiffer wußte Giffard den sich darbietenden Schwierigkeiten im Voraus zu begegnen. Er gehört nämlich zu den ersten und erfolgreichsten Luftschiffern, welche die Lenkung und Steuerung eines Ballons mittelst Dampfkraft versucht haben, und mit Recht sagt Tissandier in der erwähnten Schrift: Wenn einem lebenden Ingenieur die Lösung dieses Problems beschieden sein sollte, so dürfte dies Giffard sein. Schon im Jahre 1852 versuchte er einen rachenförmigen Ballon mittelst einer Dampfflügelschraube dem Winde entgegenzuführen, und der wenigstens teilweise Erfolg verführte ihn, 1855 einen zweiten Versuch mit einem Ballon zu machen, der die Gestalt einer siebenzig Meter langen Cigarre darbot, indessen ebenfalls keinen genügenden Erfolg ergab, obwohl diese Form für einen von Dampfkraft getriebenen Ballon die richtigste sein dürfte.

Der gefesselte Ballon bietet natürlich ein von dem freifliegenden völlig verschiedenes mechanisches Problem dar, schon insofern, als er seine Gasfüllung nicht für eine einzige Auffahrt empfängt, sondern, um das Unternehmen lucrativ zu machen, mehrere Monate bewahren soll. Ein solcher Ballon muß also aus einem bedeutend stärkeren und dichteren Stoffe gefertigt werden, als ein gewöhnlicher. Demgemäß ist derselbe aus sieben über einander liegenden Schichten gefertigt, die, wenn wir von der Innenseite nach außen gehen, in nachstehender Reihe folgen: Auf ein innerstes Gewebe (Mousselin) folgt ein Kautschukblatt, darauf eine sehr feste Leinwandlage, hierauf ein zweites Kautschukblatt, eine zweite gleich starke Leinwandauflage, eine Schicht vulcanisirten Kautschuks und endlich wieder Mousselin. Letzterer ist mit Leinölfirniß und der ganze Ballon endlich mit einer weißen Farbe überstrichen, damit die Hülle sich in der Sonne so wenig wie möglich erwärme. Die Fabrikation der 4000 Quadratmeter dieses siebenfachen und dreifach mit Kautschuk gedichteten Stoffes hat fünf Monate gedauert, obwohl theilweise die Nächte zu Hülfe genommen wurden.

Man kann sich die Anfertigung des Ballons aus diesem Stoffe am besten wie die eines Erdglobus denken, der bekanntlich aus lauter von Pol zu Pol gehenden spindelförmigen Streifen zusammengesetzt wird. Aus dem vorher auf seine Festigkeit und sein Ausdehnungsvermögen geprüften Stoffe wurden nun 1456 Felder zugeschnitten, daraus 104 schiffchenförmige Streifen und aus diesen der Globus selbst zusammengenäht. Die mit der Nähmaschine gemachten Nähte, zu denen beiläufig 50,000 Meter Faden erforderlich waren, wurden innen und außen mit Mousselinstreifen beklebt, die mit flüssigem Kautschuk bestrichen waren, um so eine vollkommene Dichtigkeit zu erzielen. Diese Dichtungsstreifen nebst Kautschuk besitzen allein ein Gewicht von circa 6 Centnern, während der Ballon über 100 Centner wiegt.

Eine ganz besondere Fabrikationsmethode erforderte auch das Netzwerk, welches den Ballon mit 52,000 Maschen umspannt, um das beträchtliche Gewicht der Gondel und ihrer Gäste, des Kabels etc. gleichmäßig auf die gewaltige Oberfläche zu vertheilen. 26,000 Meter Seil von 11 Millimeter Dicke und hierzu von 110 Arbeitern in einer theatersaalartigen Werkstätte mit 3 über einander laufenden Rundbalconen zu diesem Netze, welches man wohl auch wie dasjenige gewisser Gefäßnetze im thierischen Körper [761] ein „Wundernetz“ nennen kann, verknotet worden. Doch ich drücke mich falsch aus, Knoten durfte man bei der Dicke des Seiles nicht machen, weil diese, mindestens hühnereidick, zu sehr auf den Ballonstoff gedrückt und gerieben haben würden; es wurde also eine Kreuzungsmethode erfunden, welche den Knoten ersetzt, ohne dicke reibende Quasten zu erzeugen. Von diesem Netz hängen 64 Tragseile herab, die je zu zweien eine Schlinge bilden, welche einen Rollenzug trägt. Von den 32 Rollen gehen wieder ebenso viele stärkere Seile aus, in deren Schlingen 16 Rollen hängen, von denen dann 16 Seile ausgehen; diese tragen den starken Ring aus Eisen und Holz, an welchem mittelst eines zweiten Ringes einerseits die Gondel, andererseits das Kabel befestigt ist.

Die Gondel besteht aus einer ringförmigen Gallerie aus Nußbaumholz mit Eisensteifung von im Ganzen 6 Meter Durchmesser. Der Rundgang, den sie bietet, um von ihr zwischen den Tragseilen hindurch die Vogelschau und das Wolkenpanorama zu genießen, ist überall 1 Meter breit, sodaß sich 2 Personen bequem ausweichen können; der doppelte Boden enthält Ballast und sonstiges Material. Innerhalb dieses ringförmigen Balcons, der also einen 4 Meter im Durchmesser haltenden offene Raum umschließt, geht das Kabel hinab, aber es ist nicht unmittelbar an dem Ballon, sondern an einer sinnreich construirten stählernen Federwage aufgehängt, die durch vier nach den vier Weltgegenden gerichtete Zifferblätter den Luftreisenden jeden Augenblick kund thut, wie groß die aufsteigende Kraft des Ballons und die Kraft des Windes ist. In Betreff des Kabels brauchen wir nach dem schon Angeführten nur hinzuzufügen, daß es 660 Meter lang und an dem oberen Ende 0,085, an dem unteren 0,065 Meter stark ist.

Um mittelst dieses Kabels den aufgestiegenen Ballon immer wieder herabzuziehen, dienen zwei etwa hundert Meter abseits aufgestellte Dampfmaschinen von dreihundert Pferdekraft, welche eine eiserne Winde von siebenzehn Decimeter Durchmesser und zehn Meter Länge in Bewegung setzen; in die eingegrabenen hundertacht Schraubengänge derselben legt sich das Kabel beim Herunterwinden ein. Dabei sind einige Nebenapparate in Thätigkeit, die das große Erfindungsgenie des Mannes bewundern lassen, der dieses Titanenwerk erdacht und ausgeführt hat. Von der Dampfwinde läuft das Kabel nämlich durch einen nicht ganz fünfzig Meter langen unterirdischen Tunnel bis in den weiten, wie ein Amphitheater mit gemauerten Stufenreifen umfaßten Erdkessel, über welchem der Ballon schwebt und in seiner Ruhezeit von acht oder sechszehn Seilen gehalten wird, die an ebenso vielen in einem Kreise um diese Vertiefung aufgeführte Mauerpfosten befestigt sind. Das Kabel nun läuft hier zunächst über ein großes eisernes Rad, welches, wie jene alten Oellampen, aus denen man nichts verschütten konnte, oder wie ein Erdglobus, so aufgehängt ist, daß es bei aller nothwendigen Festigkeit seiner Stellung jeder beliebigen Wendung folgen kann, die der Wind vermittelst des Ballons, der ihm ungefähr tausend Quadratmeter Angriffsfläche bietet, dem Kabel geben will. Das zweite Paar Zeugen für das besondere Ingenium ihres Ingenieurs sind zwei Luftbremsen, die von der Kraft des aufsteigenden Ballons selbst in Thätigkeit gesetzt werden und die es verhindern, daß der Luftwagen sein Ziel wie die meisten irdischen Fahrzeuge mit einem Ruck erreicht, der da oben Schrecken- und Angstgefühl veranlassen könnte, und die es andererseits ermöglichen, auch an jedem Punkte unterwegs ohne Ruck anzuhalten.

Wir haben zunächst nur noch einige Worte über die Füllung des Riesenballons zu sagen, die also nicht wie gewöhnlich mit Leuchtgas, sondern mit dem leichteren Wasserstoffgas geschah, welches bei der Auflösung von Eisen in verdünnter Schwefelsäure gewonnen wird. Auch der hierzu dienende Entwickelungsapparat, der in der Stunde zweitausend Cubikmeter Wasserstoffgas liefern kann, enthält sehr sinnreiche Einrichtungen, auf die hier freilich ebenso wenig wie auf die übrigen Einzelheiten eingegangen werden kann. Das Gas wird gewaschen, getrocknet und abgekühlt, ehe es in den Gasometer und von da in den Ballon tritt. Zur Erzeugung der zur Füllung des Ballons erforderlichen Gasmenge - wir haben sie oben angegeben - wurde nicht weniger als 190,000 Kilogramm Schwefelsäure und 80,000 Kilogramm Eisenspähne verbraucht.

Nachdem wir uns so eine Idee von der Solidität und Sicherheit, ja der Eleganz dieser Lösung des Problems eines modernen „Drachenwagens mit regelmäßigem Betrieb“ überzeugt haben, werden wir der Versuchung nicht widerstehen können, es einmal den Göttern Griechenlands, die sich bekanntlich stets des Drachenwagens bedienten, gleichzuthun. Wir betreten die Gondel wie einen Dampfer vermittelt einer kleinen Landungsbrücke, die vom Rande des Erdkessels angelegt und nachher weggezogen wird. Sechszehn Personen lösen die Haltseile, und der Ballon, der sich wie ein ungeduldiger Vogel vor dem Auffluge hin- und herwiegt, steigt leicht wie eine Lerche mit seinen vierzig Passagieren auf. Zwei Mitglieder der auch in Deutschland wohlbekannten Luftschifferfamilie Godard pflegen die Fahrt zu leiten. Ohne Stoß zieht es uns nach oben; „die Erde flieht zurück“; das Panorama von Paris mit seinem Gold und seinem Elend entfaltet sich immer weiter; wir durchschneiden eine Nebelschicht, welche die Menge unten „Wolke“ nennt, und genießen, nachdem sie sich zertheilt hat, ein Kreis-Panorama von hundert Kilometern Durchmesser. Niemand, der den Rath der Führer befolgt, nicht auf das Kabel, sondern immer in die Ferne zu sehen, ist schwindlig geworden; wie eine starre Säule steht bei ruhiger Luft das Kabel senkrecht, und wir glauben unter uns das Volk der Zwerge mit seinen spielzeugartigen Palastbauten und Kirchen zu sehen. Vielleicht beginnt ein leiser Wind im Tauwerk zu säuseln, oder wir werden, einem stärkeren Hauche preisgegeben, weit in seiner Richtung fortgeführt, vielleicht bis über das andere Ufer der Seine oder bis über das Palais Royal oder sonst wohin, drei- bis vierhundert Meter im Umkreise.

Die Fahrt ist so angenehm, daß sich bei dem mäßigen Preise von ungefähr sechszehn Mark schon Gewohnheitsgäste gefunden haben, welche die Fahrt bei schönem Wetter alle Tage mitmachen. Namentlich geschieht dies von Seiten der beliebten Schauspielerin Fräulein Sarah Bernhardt, die anfangs die Fahrt nur aus Neugierde mitmachte, neuerdings aber als Cur gebraucht. Gleich bei der ersten Ausfahrt bemerkte sie nämlich, daß ihre Athmungsbeschwerden in der höheren und reineren Atmosphäre vollkommen verschwunden und seitdem ist sie ein fast regelmäßiger Gast des gefesselten Ballons geworden. Am 3. October hat, wie die Pariser Zeitungen meldeten, ein kleiner munterer Engländer einige hundert Meter über Paris das Licht der Welt erblickt, gewiß ein bisher nicht dagewesenes Beispiel eines hochgeborenen Herrn.

Bei einer vor Kurzem vorgenommenen genauen Untersuchung des Ballons, seines Kabels und seiner Maschinen hat sich alles im besten Zustande gezeigt, insbesondere auch die Dichtigkeit des Ballons gegenüber dem ungemein leicht durch die feinsten Poren entschlüpfende Gase. Ohne Zweifel werden die großen Annehmlichkeiten einer solchen Luftfahrt, nachdem einmal das System sich vollkommen ausgebildet und bewährt hat, in einer nicht zu fernen Zukunft dazu führen, daß jede Großstadt ihren gefesselten Ballon während der Sommermonate unterhält. Im vorigen Monat ist auch bereits der Berliner Luftschiffer Damm bei dem dortigen Magistrate um eine Concession zur Anlage eines gefesselten Ballons eingekommen, doch ist seine absonderliche Idee, denselben vom Rathhausthurme steigen zu lassen aus Verkehrsrücksichten abschlägig beschieden worden.

Die Wissenschaft würde dabei nicht leer ausgehen. Der große Pariser Ballon ist bereits im letzten Sommer, mit allen nothwendigen Instrumenten versehen, als regelmäßiges meteorologisches Observatorium für die höheren Regionen benutzt worden und man darf von der Ausbildung dieser Methode vielleicht die besten Hoffnungen für Aufhellung gewisser meteorologischer Fragen, als Luftströmungen, Luftelektricität, Ozongehalt etc. der höheren Regionen hegen, da sie thatsächlich ganz andere Verhältnisse darbietet als z. B. ein Berg-Observatorium, welches doch immer der Erdoberfläche angehört. Auch in anderer Beziehung hat man einige merkwürdige Wahrnehmungen machen können, z. B. über die Hörbarkeit von Concerten, welche man in hundert Meter Höhe veranstaltete, wobei manchmal ein sehr schönes Echo von den Ruinen der Tuilerien vernehmbar ward. Man konnte ganz wohl gemeinschaftlich mit einem unten verbliebenen Orchester operiren und die himmlischen Klänge an bestimmten Stellen der Composition pünktlich einfallen und herniederschweben lassen. Die Himmelsmusik der alten Heiligenbilder war zur Wirklichkeit geworden.

Jedem Luftreisenden drängt sich unvermeidlich unterwegs die Frage auf: „Was würde geschehen, wenn das Kabel nun doch einmal risse?“ So wenig wahrscheinlich das ist, muß man die Möglichkeit natürlich zugeben, und sie ist auch wirklich in [762] Betracht gezogen. Man würde dann eben einfach eine freie Luftfahrt wider Willen machen, und dafür sind die Ballastsäcke, die Ankern etc. im doppelten Boden der Gondel, die Ventile am Ballon und die begleitenden Luftschiffer von Erfahrung vorgesehen. Unter der kaltblütigen Leitung erfahrener Führer sind freie Luftfahrten verhältnißmäßig sehr ungefährliche Reisen, denn da oben giebt es weder Prellsteine, noch Gelegenheit zu Zusammenstößen oder zum Umwerfen. Im letzten Sommer stiegen beispielsweise in Berlin an jedem Sonntage drei bis vier Ballons mit Passagieren aus den verschiedensten Vergnügungslocalen auf und mehrere in der Woche obendrein, aber nicht ein einziger Unfall hat sich bei dieser großen Zahl von Luftfahrten ereignet. Selbst im schlimmsten Falle ist also mit diesen Auffahrten, der menschlichen Berechnung nach, keine besondere Gefahr verbunden, zumal eine Möglichkeit des Platzens vom Ballon hier gar nicht in Frage kommt, und man kann nur wünschen, daß bald allerorten ein gefesselter Ballon dem uns eingeborenen Triebe, es einmal den Adlern gleichzuthun Befriedigung verschaffen möge.

C. St.


  1. Le grand ballon captif à vapeur de M. Henri Giffard. Avec de nombreuses illustrations. Paris. G. Masson. 1878.