Der kleine Teich im Riesengebirge

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Autor: Dr. Baer
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Titel: Der kleine Teich im Riesengebirge
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 881, 895–896
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1899
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger G. m. b. H. in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[881]
Die Gartenlaube (1899) b 0881.jpg

Der Kleine Teich im Riesengebirge.
Nach dem Gemälde von Paul Linke.

[895] Der Kleine Teich im Riesengebirge. (Zu dem Bilde S. 881.) Das Riesengebirge steigt auf seiner nördlichen, Schlesien zugehörigen Seite als eine ziemlich steile Wand mit leicht geschwungener wellenförmiger Umrißlinie aus dem weiten, teilweise flachen Hirschberger Thalkessel auf. Die Böschung dieser Wand hat auf 8 bis 9 km Breite etwa 1000 bis 1250 m Höhe. Aber nur bei dämmriger Hochsommerluft erscheint sie flach und ungegliedert; bei durchsichtiger Atmosphäre und seitlicher Stellung der Sonne, also am Morgen und Abend, belebt sie sich mit einer reichen Plastik; da springt aus dem Rückgrat des Hauptkammes eine Menge von Bergrippen hervor, die tiefeingeschnittene Thäler zwischen sich fassen, worin sich die beliebten Sommerfrischen angesiedelt haben.

Aber diese Thäler reichen doch nur bis zu einer gewissen Höhe hinauf und die letzte, steilste Erhebung des Gebirgsmassivs würde ziemlich eintönig erscheinen, wenn hier oben nicht eine ganz merkwürdige Bildung von cirkusartigen grotesken Felsmulden sich geltend machte, die das Riesengebirge vor andern deutschen Mittelgebirgen voraus hat. Man nennt diese schroffen Kessel, die Wiegen vorhistorischer Gletscher, „Gruben“ und betrachtet als die hervorragendsten derselben die beiden Schneegruben im westlichen Flügel des Gebirges. Doch die Natur, welche das Riesengebirge mit einer wunderbaren Symmetrie aufgebaut hat, verlieh auch seinem östlichen Flügel ganz ähnliche Schaustücke in den beiden „Teichen“, hochgelegenen Seen, die, in kolossalen Nischen eingebettet, nur durch einen vorspringenden Felsengrat voneinander unterschieden sind.

Gerade der kleinere Teich, den uns heute der Holzschnitt nach dem großen Oelbilde des Malers P. Linke in Breslau vorführt, hat die großartigere Umgebung; seine Nische gräbt sich etwa 2 km weit in den Steinkörper des Hauptkammes ein, und seine Oberfläche liegt 220 m tiefer als der obere Rand seines Felsenrahmens.

Wenn man da oben auf glattem Kiesweg das ausgedehnte nur mit Gras und Knieholz bedeckte Hochplateau (1400 m Seehöhe) durchschreitet, das nur von den Gipfeln der Schneekoppe und des Brunnenberges überragt wird und kaum einen Blick auf den fernen, verschwimmenden Horizont gestattet, macht es einen überraschenden Eindruck, wenn uns der Weg plötzlich an jenen oberen Rand der Felsennische führt und wir nun mit einem Male aus der Tiefe den blauen Bergsee und seine turmgeschmückte Holzbaude heraufschimmern sehen.

Und reißt der Blick sich von der schillernden Wasserfläche los, so fällt er auf emporstarrende turmartige Felsen, aus deren Ritzen im Frühling das rote Habmichlieb (Primula minima) und der weiße Teufelsbart (Anemone alpina) sprossen, er gleitet über die unzähligen Rinnsale, welche dazwischen das schäumende Naß hinabführen in den ungeheuren Trichter, er folgt dem mäandrisch geschlängelten Bach, der sich aus dem Seebecken, einen Moränenwall durchbrechend, losringt und dann in dem unermeßlichen Nadelwalde der Vorberge verschwindet, er durchspäht das Thal mit seinen Dörfern und Städten, Kirchen, Burgen und Straßen und ruht dann endlich aus auf der weiten schlesischen Ebene, die mit dem Himmel in einem grauen Dunststreifen sich vermählt.

Aber noch schöner vielleicht ist es, das großartige Schaustück der Natur von unten zu genießen, und wir möchten jedem, der nach der Schneekoppe aufsteigen will, raten, unter den vielen Wegen denjenigen zu wählen, der durch das Felsenthal des Kleinen Teiches führt. In [896] Krummhübel (550 m) verlassen wir die Eisenbahn, steigen über Brückenberg nach der alten nordischen Kirche Wang, wandern durch den Fichtenwald nach der Schlingelbaude und treten nun, nachdem wir die Große Lomnitz, den Abfluß beider Teiche, überschritten haben, in die steinerne Nische ein, deren Wände, je weiter wir schreiten, immer steiler, immer massiger, immer zerrissener sich erheben. Der Wald verschwindet und macht niedrigen Sträuchern Platz, zwischen denen in immer feuchter Luft riesige Stauden saftiger Kräuter wachsen und die gefiederten Stengel des Enzians schwanken. Endlich überschreiten wir einen Wall aus Steintrümmern und vor uns liegt das Bild, das der Maler dargestellt hat: ein riesiger runder Felsenkessel, der See mit dem klaren, grünlichen Wasser, das gastliche Blockhaus, das nur in den Mittagsstunden des Sommers die Sonnenstrahlen auffängt, und die grünen Rasenflächen, auf denen eine Herde brauner Kühe weidet.

Links ab von der Baude führt ein kurzer Zickzacksteg hinauf zur Hampelbaude, der ältesten Gaststätte des Gebirges, auf die freie Höhe und auf den Weg, den die Schlesier schon vor Jahrhunderten zu frommer Wallfahrt nach der Laurentiuskapelle auf dem Gipfel der Schneekoppe beschritten.
Dr. Baer.