Der letzte Priester von Gretna Green

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Autor: Arnold Ruge
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Titel: Der letzte Priester von Gretna Green
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 414
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[414] Der letzte Priester von Gretna Green. In Schottland, wo bekanntlich factische Ehe rechtliche Ehe ist und Erklärung der beiden Betheiligten vor dem Prediger oder dem Friedensrichter ausreicht, um eine gültige Ehe zu schließen, war der Grenzort Gretna Green durch den Schmied, der dort als Friedensrichter so viele Ehen schloß, welche in England ihre Schwierigkeiten gefunden haben würden, berühmt geworden. Der Nachfolger des Schmieds, der Rev. Robert Elliot, der dies Geschäft als Priester fortführte, schrieb 1843 an die „Times“, er habe von 1811 bis 1839 im Ganzen 7744 Personen getraut. 198 wäre die größte jährliche Zahl, 42 die geringste gewesen. Es gab mehrere Gretna-Priester nebeneinander; der letzte von ihnen, Sim Lang, starb den 23. April d. J. Er und sein Vater hatten zusammen achtzig Jahre fungirt. Sim wurde auf dem Kirchhofe von Gretna begraben. Die Laufbahn der beiden Langs, Vater und Sohn, ist eigentlich englisch. David Lang, der Vater, ging als junger Mensch nach Lancashire, zuerst in einen Schnittladen, dann zog er als Hausirer im Lande umher, und dabei wurde er zum Matrosen gepreßt. Während seines Seedienstes wurde nun das Schiff von dem Piraten Paul Jones geentert und genommen. Paul sprang zuerst an Bord und führte seine Gefangenen in einen französischen Hafen, wo er ihnen alle möglichen Anerbietungen machte, um sie in den Dienst der Amerikaner zu ziehen, denen er gerade damals diente. David Lang gelangte bald darauf wieder nach Gretna Green, ohne gegen sein Vaterland gedient zu haben, steckte sich 1792 in das priesterliche Gewand und führte von da an vierzig Jahre lang das Traugeschäft. Die größte That während seines Regimentes in Gretna Green war die Trauung des Lord Thomas Erskine, der sich im hohen Alter mit seiner Maitresse, Fräulein Sarah Buck aus Marylebone, verheirathete. Dafür soll der alte Lang netto hundert Guineen bekommen haben. Er hatte das Glück, noch mehrere Abkömmlinge aus nobeln und mächtigen Häusern zu trauen; dahin gehören die Villiers, die Beauclercs, die Coventrys und Andere von ebenso hohem Range. Er starb plötzlich, im Jahre 1827, zweiundsiebenzig Jahre alt.

Sein Sohn Sim folgte ihm im Geschäft. Seine Nebenbuhler spielten unserm Sim aber allerhand Streiche. Wenn ein neu angekommenes Pärchen den Priester Lang verlangte, so hieß es gewöhnlich auf ihre Veranstaltung:

„Ist längst gestorben und verdorben!“

„Aber sein Sohn lebt doch noch?“ fragten die ängstlichen Fremden.

„Auch todt, mausetodt!“

Alle diese schnöden Streiche waren aber nicht im Stande, Sim aus dem Sattel zu heben. Er machte ein gutes Geschäft und hielt sich ehrlich zum Traualtar und zum Weberstuhl. Gelegentlich machte er auch wohl einen kleinen ruhigen Schmuggel. So überlebte er alle seine Nebenbuhler, und nicht nur diese, sondern die goldenen Tage von Gretna Green selbst; denn in England hatte die Civilehe und das expresse Verbot der schottischen Trauungen für Engländer dem romantischen Gretna Green den Garaus gemacht. Sim Lang hatte sich aber bis zuletzt im Sattel gehalten; denn ungefähr vor zwölf Monaten führte er wahrscheinlich die letzte Trauung in Gretna Green aus, und merkwürdiger Weise in Hemdsärmeln und Unterhosen. Der Grund dieser unerhörten Toilette war die Ankunft eines Pärchens mit dem Mitternachtszuge von Dumfries; und, wie alle Verliebten, war das Pärchen höchst ungeduldig. So wurde der alte Priester plötzlich aus seinem Schlafe gerissen und zur Amtsübung in einem so auffallenden Costüm genöthigt.

Man kann nicht sagen, daß die Trauungen in Gretna Green auf diese Weise nicht zu einem romantischen Schluß gelangt seien.

A. Ruge.