Der leukadische Fels – Teil 2

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Textdaten
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Autor: Caroline von Wolzogen
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Titel: Der leukadische Fels
Untertitel: Fortsetzung
aus: Neue Thalia. 1792–93.
1792, Zweyter Band,
S. 275–297
Herausgeber: Friedrich Schiller
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1792
Verlag: Georg Joachim Göschen
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Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: UB Bielefeld bzw. Scans auf Commons
Kurzbeschreibung:
Der erste Teil erschien im fünften Heft des zweiten Bandes.
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[275]
I.
Der leukadische Fels
ein
Schauspiel.
Fortsetzung.


Sechste Scene.

Xenokrates. Lidia.

Xenokrates.
Erhörung walle deinen Bitten mild
entgegen, liebes Kind – es tragen noch
die fernen Woogen deinen Freund – umsonst
durchspähten wir die blaue Nebelferne.

5
Mit Recht erfleh’st du fromm der Göttin Huld;

ihr milder Strahl in deine Brust gesenkt,
wird um dich her des Lebens Glorie
in goldnem Schimmer ziehn. Ein blühend Haus,

[276]

der Ordnung stiller Friede sind dein Werk,

10
und eines edlen Mannes Glück –


Lidia.
 O laß
mein theurer Vater, laß vor allem nicht,
der Hoffnung Seegel uns allein vertraun!

Xenokrates.
Es braucht der Mensch die Hoffnung, nie die Sorge.

15
Die goldnen Seile wirft die erst’ um ihn

wenn er im Meer des Unmuths untergieng,
Den Glücklichen ermahnt zur Mäßigkeit,
zum schöneren Genuß die zweyte – ja
die Aussicht guter Zukunft und auch schlimmer,

20
sie lehrt den irren Sinn, Gerechtigkeit,

aus der nur ein harmonisch Leben quillt.
Die Jugend schifft auf hochgetriebnen Woogen,
und stark ergreift, und stark verläßt das Herz,
sieht Glück und Elend in erhöhtem Maaß;

25
Das Alter sieht allein den Unbestand

und schwebt auf leichten Wellen gleicher fort.

Lidia.
Mein theurer Vater, eh ich dich verlasse
möcht’ ich noch vieles fragen – eingehüllt

[277]

ist unser Frauen Leben, und die Welt

30
erscheint uns nur in Bildern eurer Seele.


Xenokrates.
So frage, gutes Kind – wie gern vertrau’
ich deinem jungen aber richt’gen Sinn
Erfahrungen, wie sie die Zeit mir reichte.

Lidia.
O sage mir von unsrer Götter Tempeln.

35
Du sahest deren viel! – vor allen sind

des Sonnengottes heil’ge Stätte mir
geweiht und heilig – höher wallt mein Herz
im Wunsch, auch nur von fern der hohen Hall’n,
der Lorbeerhaine seel’ge Luft zu athmen;

40
der Zukunft banges Räthsel löset sich

dort den verworrnen Sinnen auf, uns lehrt
ein Götterspruch den besten Weg zu geh’n,
der unserm Aug’ in Dämm’rung oft entschwindet.

Xenokrates.
Wohl geht des Menschen Leben durch die Nacht,

45
und braucht, daß höh’re Weisheit des Olymps

gleich ewigen Gestirnen aus dem Blau
des weiten Himmels, seine Schritt’ umleuchte.

[278]

Lidia.
Ihr war’t in Delphos? Ach, wie selig muß
die ganze Seel’ in jenem Thale ruh’n!

50
Wie muß, des Gottes Worte in der Brust

uns neue Klarheit, rein’res Leben leuchten –

Xenokrates.
Der Götter Rede stärkt und stillt das Herz,
sie sind uns nahe Freunde in der Noth,
denn Götter und Heroen haben stets

55
ein offnes Aug’ und Ohr für Flehende,

da zu des Menschen engbegrenztem Sinn
des fernen Freundes Ruf vergebens dringt.
Von seinem goldnen Wagen schaut’ Apoll
die weite Erd’ und aller Zeiten Bild.

60
Ulyßen hielt der Göttin mächt’ger Arm

in jedem Ungemach. Es steigen noch
die Zwillingsbrüder aus des Aethers Schooß
den Freunden siegertheilend nieder – Ja,
geheime Kraft erblüht der innren Seele,

65
zum Thun und Dulden, wenn sie sich erhebt,

und durch die ewig offnen Thore des
Olymps, in reinen Bitten dringt – sie faßt
mit Wunderkraft der Rettung mächt’ger Arm –

[279]

Lidia.
Wie gut, daß uns in jedem bangen Schmerz

70
der ew’gen Himmelskräfte Labung hold

erquikt! – so ist die Sage wohl auch richtig,
die ich schon oft vernahm, es heile schnell
die Brust, von allgewaltigem Verlangen
der Lieb’ in wilden Flammen aufgezehrt,

75
durch einen Sturz vom Felsen Leukade’s

hinab, in Thetis blauen Schooß?

Xenokrates.
 Die Sag’
ist wahr. Nach einem Opfer, dem Apoll
gebracht, umkleiden seine Priester mit

80
verschied’nen Flügeln fest den Liebekranken,

um sanfter ihn dem Meere zu vertrau’n;
also bewafnet stürzt er sich vom Fels,
der seine Scheitel in die Fluthen neigt.
Doch der geheilten Herzen Rettungsdank

85
stieg selten zum Olymp – der Orkus faßte

die meisten auf in grause Dunkelheit.

Lidia.
Wer sagt, ob nicht in jener Schatten Nacht
der Liebe goldne Blumen sprossen? – Dank

[280]

für deine freundliche Geduld mein Vater –

90
Leb’ wohl – bis wir uns besser wieder sehn –


Xenokrates.
Wenn Hymens Fackel lieblich dich umlodert!
(geht ab.)

Lidia.
Er stürzt die Fackel um, du guter Mann –
und führt mich jenen nimmer leeren Pfad
der sicher sich hinab zur Tiefe windet –

95
Du Armer reichst mir selbst den Stahl, mit dem

ich deine Brust verwunde! Ach, du kennst
die herben Früchte deiner Worte nicht!
Wie muß der zarte Hauch der Lippen dir
so bittre Schmerzen bringen! – Ja, ich eile

100
des Leidens- mit des Lebens Band zu lösen,

die bang verschlungen meine Brust umziehn.
Die Ahndung eines andern neuen Seins
liegt vor mir als ein duftiges Gefilde
wo Sonnenstrahlen noch mit Nebeln kämpfen,

105
und graue Wolken sich im grünen Schooß

der Thäler, sanft und schaurig niederlegen.
Der Seegenskräfte holde Fülle schwebt

[281]

in feucht und trüben Schauern zu uns nieder –
Ich folg’, o hoher Phöbus, deinem Wink,

110
in goldnen Strahlen dem Gemüth gesendet.

Auf selten nur besuchten Pfaden eil’
ich jenem Tempel zu, nach Leukade,
ein alter mir ergebner Diener lenkt
die ungeübten Schritte – Lebe wohl,

115
du väterliches Haus! zum leztenmal

umfaßt mich, lieben Wände – Ach, die Lust
der frohen Kinderjahre schwebt um euch,
der ersten Liebesblüthe süßes Ahnden –
die holden lieblichen Gestalten drängen

120
beym Scheiden fester sich an meine Brust –

In süßer Wehmuth löset sich der Sinn
vom Dufte der Vergangenheit umwebt,
er widerstrebt der unbekannten Ferne
aus der ihn fremdes Schicksal kalt ergreift –

125
Doch bald umlodert ihn der Sehnsucht Flamme,

und hofnungslos treibt sie mit wilder Macht,
des Lebens zarte Fäden auseinander –
Wenn sich mein Herz dem Vater öffnete,
wie es Irenens treuer Rath mir ließ –

130
dem bangen Bündniß dem entgieng ich wohl –

Wozu? – mir blüht wohl andre Hoffnung noch?

[282]

Das Leben reicht wohl dem verglühten Herzen
noch neue Freuden dar – Er liebt mich nicht –
Der ungetheilten Liebe Schmerzen fließen

135
nur mit dem Leben hin – nur Artemis

Geschoß vermags, in leichte süße Träume
der Abgeschiednen, sanft sie aufzulösen. –
Ich gehe – Ach, Irene – guter Vater –
ihr gönnt, wenn ihr sie liebt, der Müden Ruh! –

140
Nur im Entschluß bestehet unser Wesen;

in Unentschlossenheit sind wir uns selbst
verlohren! – Noch ein Wort laß ich zurück
daß ihre Seele stiller um mich traure –
(schreibt.)
der Liebe Hauch wird meinen Schatten so

145
noch zärtlich ihrer Brust vereinen. –

(sieht sich um, dann schnell.)
Fort,
wohin ein Wink der Himmlischen mich leitet.
(ab.)


Siebente Scene.

Irene. Diagoras.

Diagoras.
Sie ist nicht hier?

[283]

Irene.
 Auch besser ists ich gehe,

150
der Freude holdem Zauber erst ihr Herz

zu öffnen, eh du selbst erscheinst. Ich eil’
in ihrer Lieblingslaube sie zu suchen,
und du erwartest uns.

Diagoras.
 O, kehre schnell

155
zurück, du fühlest, wie mein Busen brennt,

die höchste Wonne zu umfassen!

Irene.
 Nimm
die Ungeduld zum Lohne, daß dein Herz
mißtrauend sich verschloß.

Diagoras.

160
 O, zürne nicht!


Irene.
Du Stolzer, fühlst zu sehr, wie Liebe nur
mit höherm Lohn die Zartheit krönen wird.
(ab.)

[284]
Achte Scene.

Diagoras
(allein.)
O süßer, heil’ger Liebesodem! Du,
ja du bist einzig unsres Herzens Leben!

165
Sie liebt mich – und in seel’ger Fülle schwebt

mein Wesen, gleich den Göttern des Olimp
in allbezwingend ew’ger Kraft einher –
O Liebe, heil’ge Klarheit, Götterstimme,
in unsrer Brust – wo ziehest du mich hin! –

170
Zur Schattennacht sinkt mein vergangnes Seyn,

zum wesenlosen Traum – dem Ungeliebten
glänzt nicht der Sonne reinster Strahl, ihm wölbt
sich nicht des reinsten Himmels Elau – So neu,
so lebenvoll blühn in dem Zauberhauch

175
der Zärtlichkeit mir Erd’ und Himmel – Hold

umfaßt mich der Geliebten liebliche
Gestalt, berührt mein Herz zum zärtern Schlag
der Freude! Ach, die Holde litt’ um mich,
mit süßer Lieb umschloß mich ihre Brust,

180
umhüllt vom Schleyer zarter Grazien –

Ich Thor erkannt’ es nicht, sah’ Kaltsinn nur,
in holder Schüchternheit – ich werde hier
Verzeihung in den süßen Augen finden,

[285]

der Herzen seel’gen Einklang hier vernehmen,

185
wo banger Schmerz oft in dem Busen rang.

Und wie das Leben nun mir neu beginnt,
die süße Blum’ an meiner Brust – sie wird
von mir nicht scheiden – aus der Liebe Arm
vermag kein Gott, kein Schicksal sie zu reißen.

190
Der Liebe weichet alles, ist sie ächt.

Wie traulich hold umschließt die Zukunft mich!
Zu allem Großen fühl’ ich neue Schwingen,
nichts scheint mir unerreichbar – alle Kraft
des Herzens strebt harmonischer empor,

195
des Sieg’s gewiß, erhebt die sichre Hand

sich nach der Helden – nach der Bürgerkrone.
Kein Zweifel mehr entrückt dem trüben Blick
das Ziel – In ihrem Arm’ ist schöner Lohn,
die Liebe nährt durch große Thaten sich

200
und träge Ruh löscht ihre Flammen aus.

Es weben sich des Glückes goldne Bilder
durch des Geliebten Hand – Wie traulich schließt
mich dieses Zimmer ein, ein Zauberduft
umhüllt den Sinn, und drängt mein Herz zu ihr
(sieht ihre Arbeit an.)

205
O, liebe Hand, die diese Blumen schuf –

oft träuften Thränen aus dem schönen Aug’

[286]

auf euch – für mich – und ich, ich wähnte nur
sie fielen in der Dichtung magisches
Geweb’ auf Hekters? auf Patroklus Grab? –

210
Hier ruht der Griffel, den mit zartem Druck

ihr Finger führt. –
(findet Lidias hinterlaßnen Brief.)
 Ein frisch beschriebnes Blatt!
Irenen zugeschrieben? –


Neunte Scene.

Irene
(im hereintreten.)
 Ach vergebens

215
hab ich so lang zur Ungeduld dich hier

verdammt – ich fand sie nicht – und bin besorgt,
ich läugn’ es nicht, zur ungewohnten Zeit
sie fern von hier zu sehn.

Diagoras.
 Dies Blatt – lag hier –

Irene
(Ließt mit steigender Unruh bis ihr die Stimme versagt.)

220
„Leb wohl, Geliebte! tröste meinen Vater

und denket beyde meiner ohne Schmerz.

[287]

ich eile hin zum Felsen Leukade’s
mein Herz von jener Flamme zu befreyn,
die mir schon lang die Kraft zu leben raubt.

225
Mir gab ein Gott ein gnädig Zeichen.“


Diagoras.
Ich eil’ ihr nach, sie aus des Orkus Nacht zu retten! –
(ab.)

Irene
(allein.)
So brachte dir mein Zögern nur den Tod!
Welch böser Dämon waltet über uns!
Du süße, Holde – Ach, ich folge dir!

230
Dein Schicksal hüllt mein Leben auch in Nacht –

doch deinen Willen ehr’ ich – Armer Greis
was mir vom Leben übrig bleibt, ist dein!





[288]
Zweyter Aufzug.

Erste Scene.

(Hain des Apoll unweit des leukadischen Felsen.)

Heliodor
(allein.)
Wie find’ ich mich in diesen stillen Schatten
so neu, so anders wieder! Holde Nacht

235
senkt auf den innern lang verblendten Sinn

sich nieder von den dicht belaubten Zweigen,
und tausend schöne Jugendblüthen winden
sich um mein Haupt zum frischen Lebenskranz.
Unfreundlich hat die Welt sie abgestreift,

240
hier blüh’n sie neu in milder Gluth – sie selbst?

Erscheinungen und bleiche Traumgestalten!
Und waren sie denn jemals mehr – wie warm
und innig auch das unerfahrne Herz
ihr lieblich täuschend Flammenbild umfieng?

245
Wo seid ihr hin, ihr Geister meiner Jugend,

die oft aus Morgenträumen mich erwekt,
daß ich dem Lager glühend mich entriß,
und nach dem Schwert des Vaters griff, vom Gold
der Morgensonne flammend, dann voll Muth

250
durch Wald und Flur die Ungeheuer suchte,
[289]

ein Held aus Theseus oder Hektors Zeit
mir schien? – Wozu umschließt des Menschen Brust
ein allgewaltig Streben, wenn die That
der Wünsche stolzen Gipfel nie erklimmt?

255
Wie selten sind wir alles was wir könnten!

Der Perser Schatten bey Platea zeugen,
ob ich den Ruhm, ob ich das Leben liebte!
Nun da der Ruhmsucht nie gezähmter Trieb
geläutert von der Liebe heil’gen Flammen,

260
dem Vaterland sich opferte – Wozu

der ungeduldge Drang, in jede Brust
den heilgen Trieb nach Freyheit zu ergießen?
Es folgt berauscht das Volk dem glatten Wort,
dem schlauen Redner, der nur Herrschaft will;

265
ob sie Verderben bringt? ob Wohl und Weh?

das gilt ihn gleich –


Zweyte Scene.

Der Priester des Apoll, Heliodor.

Heliodor.
Du kommst, o werther Mann
das alte Lied von neuem zu vernehmen

[290]

das schmerzlich meiner Brust enttönt. Oft wähnt’

270
ich es verstummt an diesem stillen Ort,

in deiner Weisheit rein’ren Harmonie,
doch bald erregt es neu und wild den Sinn.

Der Priester.
Ich fühle deinen Schmerz, und tadle nur
sein Uebermaaß. Der edle starke Sinn

275
beginnt mit der Nothwendigkeit den Kampf,

und widerstrebt noch, wo der Schwäch’re weicht.
Des Vaterlandes Glük umfaßtest du
als deines Lebens höchsten Zwek – Du meinst
das Beste zu erkennen, und mußt sehn

280
wie es verirrt das Schlimme wählt.


Heliodor.
Muß seh’n,
wie es sich einem Willen beugt, der es
geschikt im Nez der eig’nen Rechte fängt.
Ja täglich wächst Perikles Herrschaft mehr

285
wer ihm begegnen könnte, hält er fern,

Thucidides und Cimon sind verbannt.
Die Einigkeit der Griechen stirbt durch ihn.

[291]

Dann wird die Eigenmacht, die Tiranney
sich zeigen, wenn er jeden Ausweg erst

290
mit Kunst verstrikt.


Priester.
Dann wird des Schiksals Kraft
auch einen Adler zeugen, der das Nez
durchbricht – Es lehrt der stäte Gang der Welt,
wie Gutes aus dem tiefsten Uebel keimt,

295
und wie die Kräfte ewig wechselnd ringen.

Der Uebel grauenvolles Heer erzeugt
sich in des Schiksals ehr’nem Schooß, bezwingt
das kurze Leben aller Sterblichen,
doch gehet auch des Muthes goldne Sonne

300
in ihren Busen siegend auf.


Heliodor.
Du stehst
am Ufer, und mich drängt der Strohm – Nach Thaten
strebt meines Wesens Kraft, und vor ihm thürmt
das Schiksal Felsenmassen auf –

[292]

Priester.

305
Die bald

in leichten Nebelduft zerrinnen werden.
Was ist so flüchtig als des Volkes Sinn?
Auf seinen Unbestand nur baut man sicher.
Ein edler Muth ergreift die Zügel leicht,

310
und lenkt die Menge nach den schönsten Ziel. –

Doch nur die Klugheit bricht des Sieges Frucht
und weiß der Meinung Ebb und Fluth zu prüfen.
Mit sichrer Klugheit lenkt ein edler Mann
der Kleinen Kurzsinn, und der Bösen Tücke.

315
In hoher Stille wandelt er einher

als eine Wolk’ am blauen Horizont,
die Menschen seh’n sie staunend, zweifelnd an,
ob wohl aus ihrem dunkeln Schooß ein Blitz
sich schlängeln wird, ein Regen sich ergießen?

320
Doch findet selbst in des Gewitters Strahl

der Weis’ und Gute Segen, nahet sich
mit stiller Liebe heiligem Vertrauen.
Die Arglist und der Eigennutz entflieh’n
aus eines Edlen, Klugen stillem Kreis;

325
gleich als von höherer Gewalt umstrikt,

erkennen sie sich fremden Zwecken dienend.
Dem Starken naht sich kein verkehrter Sinn,

[293]

denn er entschließt des tiefsten Herzens Falten,
und Gute nur und Edle blühn um ihn,

330
des Vaterlandes hoffnungsvolle Saat.


Heliodor.
Ich seh’ in diesem Spiegel, was mir fehlt,
ich fühle, wie die Mäßigung nur frommt,
wie allzurascher Trieb sich selbst zerstöhrt.
Ich suchte lang des Kriegers Ungestüm

335
mit jenem vielgewandten Geist zu paaren,

der der Nothwendigkeit sich staatsklug unterwirft,
und sicherer durch List als Muth dem Schiksal
den Ausgang abgewinnt – doch jeden führt
auf einem Pfade nur sein Genius.

340
Weh’ dem, der jenen Wink verschmäht! ihm rinnt

des Lebens schöne Kraft im Traum dahin!

Priester.
Nicht alle Tugenden faßt ein Gemüth,
wer Andre lenken will, muß viele üben.
Die edelsten Gemüther lokt der Reiz

345
zu wirken öfters an der Herrschaft Klippe,

Doch auf dem Wolkenthron der Anbetung

[294]

zu stehn, ziemt keinem Erdensohn, er fühlt
sich Fremdling in dem leichten Element,
die eigne Kraft versagt ihm, und es stokt

350
der Liebe und des Lebens sanfter Puls.

O wohl uns Griechen, daß des Geistes Licht,
des Herzens edler Stolz selbst Tiranney
ihr wahres Antlitz zu verbergen zwingt!
Von Schmeicheley umschleiert tritt sie auf,

355
verirrt des Volkes Sinn, doch beugt ihm nie.

Es wähnet stets der Freyheit heilig Bild
nur einzig anzubeten, und bleibt groß
in diesem Wahn. Der Wahrheit bleibt sein Aug’
geöfnet, stark sein Arm den Irrwahn umzustürzen.

Heliodor.

360
Oft ihn fruchtlos nur im Schooß

des Abgrunds zu erkennen.

Priester.
Träume dir
nicht Uebel, wie ein liebekrankes Herz,
und wirke mit entwölkter stiller Brust.

365
Von deiner Hand empfängt das Vaterland
[295]

vielleicht des Friedens goldnen Zweig, wie du
die Heldenkron’ empfiengst von seinen Händen.
Für Andre sich zu geben gnügt dem Muth,
und trägt den reinsten Lohn in eigner Brust;

370
für Andre handeln darf die Klugheit nur,

sie glänzet einzig in des Edlen Strahl,
und wo ihr jener Sonnenschimmer fehlt
sinkt sie zur List herab. Es steht in sich
das Edle fest, ist unser tief’res Sein,

375
der Geist, der in das Ewige sich hebt.

O lernte doch in ihrer schönsten Kraft
des reinen Willens deine Seele ruhn,
wenn eisern dir das Schiksal widerstrebt!
Es ist die That ein Zeichen unsres Wesens,

380
doch ist dem Schiksal ihre Spur vertraut –

ob sie in leichte Fluth gezeichnet ward,
ob sie in Erz gegraben steht – gleich viel,
sie ist, weil sie ein edles Herz gedacht,
beglükt die Welt in einer schönren Zeit.

Heliodor.

385
Ihr heil’gen Wünsche, lernt dann endlich ruhn!

Verzehrt nicht mehr die Brust die euch gebahr!
Ich nahe mich der Freunde holdem Kreis,

[296]

ein blühend Weib wird Kinder auferzieh’n,
die meine Seele zu der Nachwelt bringen.

390
So nenn’ ich eine ferne Zeit noch mein,

und lerne gegenwärt’ge Fesseln tragen.
O was ein liebend weiser Mensch vermag,
das fühlt durch dich mein Herz in voller Macht!
Wie oft hast du die Flamme sanft gekühlt,

395
die mich verschlang! Die wild verstimmte Brust,

gab keinen Ton der Liebe mehr zurük,
als ich in diese stillen Haine kam.
Ich wagte nicht den Freunden mich zu nah’n,
die Hymens Altar schon für mich geschmükt.

400
Mein irrer Sinn sollt’ ihre Harmonie

nicht stöhren, nicht das holde Weib von mir
entfernen, das des Freundes Hand mir beut.
Itzt fühl’ ich, wie der Ruhe sanfte Flügel
mir um den Busen weh’n –

Ein Diener des Tempels
(erscheint)

405
Ein junges Weib,

gebeut die Priesterin dir zu verkünden,
bringt Opfer in des Gottes Heiligthum
und eilet sich zum Sturz von Leukade
nach altem Brauche zu bereiten.

[297]

Priester.

410
Geh,

und laß vorerst die Fremde zu mir führen,
eh’ sie zum Opfer schreitet, unterdessen
bereitet alles in dem Tempel vor.
(Diener ab.)

Heliodor.
Und deine reine Hand leiht sich dem Wahn?

415
Hält nicht die Armen aus des Abgrunds Schooß

zurük, wo sie statt der gehoften Heilung
gewisser Tod erwartet? Kenn ich dich,
mein Freund? – Ists Schwachheit oder Trug, was dich
in diese priesterliche Kleidung stekte?

420
Du siehst mich lächelnd an und schweigst – Nein, Nein,

unmöglich, hab’ ich dich verkannt! –

(Die Fortsetzung künftig.)