Der ungefährliche Phosphor

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Autor: Christoph Heinrich Hirzel
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Titel: Der ungefährliche Phosphor
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 28, S. 378–379
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der ungefährliche Phosphor.

Eine der auffallendsten und interessantesten Erscheinungen, welche uns die Chemie lehrt, ist, daß ein und derselbe Körper mit ganz verschiedenen Eigenschaften erscheinen kann und daß es auf künstliche Weise möglich ist, ihn aus einem Zustande in einen andern überzuführen. Die Ursache dieser Erscheinung beruht in einer Aenderung der gegenseitigen Lage der kleinsten Theilchen oder sogenannten Atome der Körper. Besonders merkwürdig ist diese Erscheinung bei den einfachen, nicht weiter in andere Stoffe zerlegbaren Körpern, den Elementen oder Grundstoffen der Natur.

Der Kohlenstoff ist ein solches Element. Er erscheint uns in der Holzkohle, oder im verbrannten Zucker als völlig undurchsichtige schwarze Masse, läßt sich leicht pulvern, ist ziemlich leicht entzündlich und verbrennt rasch unter lebhaftem Glühen. In einem dichteren Zustande finden wir den Kohlenstoff in der Natur hin und wieder als Graphit; er ist in dieser Form grau, [379] fettig, glänzend, auch undurchsichtig, sehr weich und giebt auf Papier einen grauen Strich (Bleistift); er läßt sich nur schwierig entzünden und verbrennt langsam. In noch dichterem Zustande erscheint uns der Kohlenstoff als Diamant. Die Eigenschaften dieses geschätztesten Edelsteins sind allgemein bekannt. Seine Durchsichtigkeit, sein Glanz, sein wundervolles Farbenspiel und Feuer, seine große Härte (er ist der härteste Naturkörper) und Dauerhaftigkeit, geben ihm in den Augen der Menschen den hohen Werth und doch ist der Diamant durchaus nichts Anderes, als die gemeine schwarze Kohle; er läßt sich nur in den höchsten Hitzegraden entzünden und verbrennt dann wie die Kohle zu Kohlensäure. Wird er in einem verschlossenen Raume sehr stark erhitzt, so wandelt er sich sogar in schwarze Kohle um.

Auch der Sauerstoff besteht in mehreren Zuständen, in einem weniger verbindungsfähigen, in welchem er einen Hauptbestandtheil der Luft bildet und in einem viel verbindungsfähigeren, in welchem er Ozon genannt wird und entsteht, wenn man das Wasser durch Electricität zersetzt. Der gewöhnliche Sauerstoff wirkt z. B. nicht auf das Silber ein; dasselbe bleibt blank und glänzend in reiner Luft. Der ozonisirte Sauerstoff dagegen verbindet sich sogleich mit dem Silber. Auch Wasserstoff, Schwefel, Chlor und viele andere Elemente lassen sich mit so verschiedenen Eigenschaften bereiten.

Das interessanteste und für das tägliche Leben, für das Wohlbefinden der Menschheit besonders wichtige Beispiel dieser Art liefert uns aber der Phosphor. Dieser ist, wie er gewöhnlich in den Handel gebracht wird, ein in mehrfacher Hinsicht gefährlicher Körper. Er ist wachsgelb, so weich, daß er sich mit dem Messer zerschneiden läßt, schmilzt schon unter heißem Wasser, verbreitet an der Luft weiße Dämpfe und einen höchst unangenehmen knoblauchähnlichen Geruch; im Finstern leuchtet er lebhaft und zeichnet sich durch seine außerordentlich leichte Entzündbarkeit aus. Schon bei geringer Reibung oder beim Behalten in der warmen Hand, selbst beim Liegen an der Luft kann er sich entzünden und verbrennt dann mit weißer Flamme. Man muß ihn daher fortwährend unter Wasser aufbewahren. Innerlich genossen oder auf wunde Stellen gebracht wirkt er als rasch und sehr schmerzhaft tödtendes Gift. Selbst die Dämpfe, die er beim Liegen an der Luft fortwährend verbreitet, wirken sehr nachtheilig auf die Gesundheit der Menschen und Thiere. Dennoch hat der Phosphor eine ausgedehnte Anwendung zur Bereitung der ganz unentbehrlich gewordenen Phosphor-Streichhölzchen gefunden. Die Gefährlichkeit dieser Hölzchen ist durch die zahllosen durch dieselben verursachten Feuersbrünste genügend erwiesen und auch der Giftigkeit des in ihnen enthaltenen Phosphors sind schon viele Menschenleben zum Opfer gefallen. Allein der Gebrauch dieser übelriechenden unheilvollen Feuererzeuger wird jetzt, wie sicher zu erwarten ist, in wenig Jahren vollständig aufhören. Schon vor mehreren Jahren hat nämlich Prof. Schrötter in Wien den Phosphor in ziemlicher Quantität in einem Zustande bereitet, in welchem er nur noch nützliche, aber keine gefährlichen und schädlichen Eigenschaften besitzt. Solcher Phosphor wird amorpher, rother oder schwarzer Phosphor genannt und entsteht aus dem gewöhnlichen Phosphor, wenn man diesen bei abgehaltener Luft in verschlossenen Räumen längere Zeit auf 250 Wärmegrade erhitzt. Der amorphe Phosphor steht zu dem gewöhnlichen Phosphor in einem ähnlichen Verhältnisse, wie der schwarze Kohlenstoff zum Diamant. Der amorphe Phosphor ist ein scharlachrothes bis carmoisinrothes, zuweilen sogar dunkelbraunes bis schwarzes Pulver, von geringerer Dichtigkeit als der gewöhnliche Phosphor; er wird beim Erwärmen violett; geht in höherer Temperatur wieder in gewöhnlichen Phosphor über, ist in den Flüssigkeiten (z. B. in Schwefelkohlenstoff), in welchen sich der gewöhnliche Phosphor leicht auflöst, unauflöslich; entzündet sich viel schwieriger und nie von selbst, brennt nicht so lebhaft und leuchtet selbst wenn er gerieben wird nicht im Finstern; dagegen läßt er sich mit verschiedenen andern Körpern, mit chlorsaurem Kali, mit Braunstein und Mennige zu entzündbareren Mischungen vermengen. Er bleibt an der Luft ganz unverändert und kann in Fässern, Kisten oder am Besten in Blechbüchsen ohne Gefahr verpackt und bei jeder Temperatur, ohne daß man Wasser darauf gießt, in alle Länder verschickt werden. Innerlich kann er in großen Dosen ohne Schaden genossen werden.

Der Gedanke lag nicht fern und wurde auch sogleich von Schrötter ausgesprochen, daß solcher amorpher oder ungefährlicher Phosphor zur Fabrikation der Streich-Zündhölzchen, anstatt des gewöhnlichen benutzt werden möge; doch anfangs stellten sich der Fabrication desselben in großen Massen solche Hindernisse entgegen, daß an eine so massenhafte Anwendung nicht zu denken war. Dank den Bemühungen vieler praktischer Chemiker sind jedoch jetzt alle diese Hindernisse so vollständig besiegt, daß der amorphe Phosphor kaum noch theurer als der gewöhnliche ist und überall entstehen Fabriken, welche denselben zur Streichhölzchen-Bereitung verwenden. Die so fabricirtcu Hölzchen werden im Handel gewöhnlich Anti-Phosphor-Streichhölzchen oder Anti-Phosphor-Reibzünder genannt, sind vollkommen geruch- und gefahrlos und daher der allgemeinsten Verwendung werth.Die Hölzchen selbst sind an der einen Seite zunächst mit etwas Terpentinharz getränkt und an der Spitze mit einer aus Schwefel, Grauspießglanzerz (Schwefelantimon), chlorsaurem Kali und etwas Leim oder Gummi bestehenden Masse bedeckt. Auf die Schachteln selbst ist aber ein Papier aufgeklebt, welches mit einer dünnen Lage, einer Mischung von Braunstein, etwas Mennige und amorphem Phosphor bestrichen ist. Nur wenn man die Hölzchen rasch über dieses Papier streicht, findet eine Entzündung statt; sonst lassen sie sich an keinem anderen Körper entzünden. Dadurch ist natürlich jede Gefahr der Selbstentzündlichkeit total beseitigt und auch die Masse auf der Schachtel, welche sehr lange brauchbar bleibt, ist nicht gefährlich. Zur Zeit sind diese Anti-Phosphorstreichhölzchen, als etwas Neues, noch zu theuer; da jedoch ihre Fabrikation mit keinen größern Kosten verbunden ist, als die der gewöhnlichen, so werden sie jedenfalls in kurzer Zeit billiger werden. Es ist von großer Wichtigkeit, daß diese ungefährlichen Hölzchen eine rasche Aufnahme finden und die bisherigen gefahrvollen Fabrikate in möglichst kurzer Zeit verdrängen. Es würde daher im Interesse der Fabrikanten dieser Hölzchen liegen, dieselben billiger und in größeren Parthien zu verkaufen und zugleich größere viereckige Stücke oder längere Streifen von dem Papier, an welchem die Hölzer gerieben werden müssen, einzeln in den Handel zu bringen, damit man sich dieselben an passenden Orten z. B. in der Küche, an der Wand befestigen kann. Der Gebrauch der Hölzchen im Haushalte würde dadurch bequemer.
Dr. H. Hirzel.