Der verpasste Einsatz

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Textdaten
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Autor: Paul Bekker
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Titel: Der verpasste Einsatz
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aus: Pariser Tageblatt, Jg. 2. 1934, Nr. 383 (30.12.1934), S. 3
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1934
Verlag: Pariser Tageblatt
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Erscheinungsort: Paris
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Quelle: Commons
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Der verpasste Einsatz


Der Herausgeber der „Allgemeinen Musik-Zeitung“ eröffnet den Notizenteil seines ersten Dezemberheftes mit folgender Mitteilung:

„Unmittelbar vor Drucklegung der Nummer traf die erschütternde Nachricht ein, dass Wilhelm Furtwängler seine Aemter als Vizepräsident der Reichsmusikkammer, als Direktor und führender Kapellmeister der Preussischen Staatsoper und als Leiter des Berliner Philharmonischen Orchesters niedergelegt hat. Daraufhin musste im letzten Augenblick ein durch die sich überstürzenden Ereignisse überholter Aufsatz von Paul Schwers aus dem Satz herausgenommen werden, in welchem unser Hauptschriftleiter zu dem Hindemith-Konflikt eingehend Stellung genommen hatte.“

Wahrscheinlich hatte Schwers in diesem, noch als keimendes Leben erwürgten Aufsatz für Furtwängler Partei ergriffen und musste nun, nach erfolgtem Spruch der heiligen „Kammer“, um die eigene Sicherheit bangen. Vielleicht auch war Weisung ergangen, den „Fall Furtwängler“ möglichst „klein“ zu behandeln. So oder so zeigt die obenstehende Notiz das erhebende Bild des Mannes, dem vor Schreck der Leitartikel in der Kehle stecken blieb. Der ausführlichste Aufsatz könnte über die Wahrheit nicht mehr aussagen, als die kleine Entschuldigungsnotiz, mit der ein Herausgeber sich selbst vor der Oeffentlichkeit als Papageno mit Mundschloss vorstellt.

Aber bedarf es noch eines Kommentars? Furtwängler ist gestürzt, über Nacht, schneller beinah, als seine jüdischen Kollegen. Wie sich auch die Dinge äusserlich entwickeln mögen und selbst wenn eine Schein-Ausgleichung zustande käme – daran, dass Furtwängler die Partie verloren hat, kann kein Zweifel bestehen. „Darf ich Ihnen, sehr verehrter Herr Generalmusikdirektor, bei dieser Gelegenheit meine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen für die vielen Stunden wirklich erbauender, grosser und manchmal erschütternder Kunst, die Sie mir, vielen meiner politischen Freunde und Hunderttausenden von guten Deutschen schon bereitet haben?“ Göbbels an Furtwängler, April 1933, in dem bekannten Briefwechsel über die destruktiven Musiker. Heute zwitschert er weniger süss. Die Toten reiten schnelle.

Das Wichtige ist indessen nicht das Schicksal Furtwänglers, oder Hindemiths, oder der anderen mehr oder weniger Beteiligten. Diese Dinge gehen ihren naturgesetzlichen Lauf. Jedem, der heut davon betroffen wird, darf man sagen, dass er die Folgen eines eigenen freien Entschlusses zu tragen hat. Wichtig für die Allgemeinheit sind zwei andere Lehren, die sich aus diesen Vorkommnissen ergeben: zunächst die Erkenntnis von der absoluten Nutzlosigkeit jedes Kompromiss-Versuches mit dem Nationalsozialismus. Das Eine muss ihm der schärfste Gegner lassen: er ist in sich konsequent. Das muss man wissen, und sich immer wieder einhämmern. Wenn es wirklich so scheint, als wenn auf irgendeinem Gebiete mildere, versöhnlichere Anschauungen vordrängen: täusche man sich nicht. Es ist nicht wahr, es kann nicht wahr sein. Möglich ist allenfalls eine Kriegslist, oder ein vorsichtiges Abwarten. So war es im Falle Furtwängler. Ganz aus Herzensgrunde einig mit ihm war man niemals, aber man tat doch so, zumal Furtwängler in allen wesentlichen Dingen ein ‚frommer Knecht’ war und nur ein paar freigeistige Privatliebhabereien oder -schrullen hatte. Man konnte sie ihm eine Zeitlang nachsehen, denn damals war die Tatsache seiner offenen Kapitulation zu wertvoll.

Heut braucht man ihn nicht mehr. Er hat ausgedient. Für Sonder-Ideologien ist kein Platz. In die Ecke, Besen.

Und – es geht! Es geht das, was vor etwa einem Jahr zum mindesten nicht so unverhüllt gegangen wäre: die Ausschaltung jeglichen Qualitätsbegriffes. Oder soll man sagen: die Qualität hatte bei Furtwängler durch den geistigen Bruch mit seiner Vergangenheit bereits einen so starken Stoss erhalten, dass sie sich aus eigener Kraft keine Geltung mehr zu schaffen wusste, ihren Wert also nur noch so weit behaupten konnte, wie sie sich der Parteidisziplin fügte?

Sicher hat Furtwängler seinen Weltkredit durch sein Versagen in entscheidender Stunde schwer, vielleicht irreparabel geschädigt, und es ist merkwürdig zu beobachten, wie genau das Weltgewissen solche Dinge registriert. In Amerika spricht man erstaunlich geringschätzig über ihn. Er hat hier zunächst künstlerisch wenig gefallen, die späteren Ereignisse und sein Verhalten dazu haben das abfällige Urteil bestätigt. Die zum Teil scharf ablehnenden französischen Kritiken seiner Pariser Operngastspiele im Frühjahr sind doch noch in Erinnerung. Wenn jetzt der deutsche Reklameapparat auf höheren Befehl plötzlich abstoppt, so wird eine erstaunliche Stille eintreten um Furtwängler und er wird eines der bemerkenswertesten Opfer eines irregeleiteten Ehrgeizes sein. Der Nimbus ist heut schon halb verflogen. Was bleibt? Ein Dirigent, der sich selbst den falschen Einsatz gegeben hat.

Ueber ihn hinweg aber schreitet eines fort: die unaufhörlich wachsende geistige Radikalisierung. Sie ist das Wichtigste an den Vorgängen. Man braucht keine kompositorischen Begabungen mehr. Absolute Nullen wie Ehrenberg oder Grabner werden parteiamtlich zu führenden Komponisten erhoben, Leute, deren blosse Erwähnung neben Hindemith ein Gelächter hervorruft. Clemens Krauss soll möglicherweise Furtwängler ersetzen, in dessen kleinem Finger mehr Gehirn steckt als in dem ganzen Krauss.

Aber – und das ist das Unheimliche dieses Vorganges: das alles schadet nichts. Es kommt nicht mehr darauf an. Der „Liberalismus“ ist soweit beseitigt, dass der Begriff des individuellen Wertes auf künstlerischem Gebiet bereits aufgehört hat, vorhanden zu sein. Die grosse Gesinnungsmühle mahlt unerbittlich weiter. Die Persönlichkeiten fliegen hinein, ob sie wollen oder nicht und nichts bleibt von ihnen, als die Parteifarbe.

Das ist die Moral von der Geschichte. Alle, die heut davon betroffen werden, müssen sich sagen, dass sie seit anderthalb Jahren an ihrem eigenen Grabe geschaufelt haben. Alle, die noch dabei sind, müssen wissen, dass sie das Gleiche tun.