Des Pfarrers Lieben

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Textdaten
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Autor: M. N.
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Titel: Des Pfarrers Lieben
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 273
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Des Pfarrers Lieben.

Grau ist mein Haar, doch jugendfrisch mein Herz,
      Und frisch im Geiste bleibt, was ich erlebte:
Von süßer Freude und von bittrem Schmerz
      Ein Doppelklang den Busen mir durchbebte.
Grau ist mein Haar, doch blond war es einmal.
      Als ich hinaus trat in das volle Leben,
Und traf mich auch des Schicksals Wetterstrahl,
      Getrost darf ich den Blick gen Himmel heben.

Noch von dem Ernst der Jahre unberührt,
      Trank ich mich satt an todter Geister Wissen,
Als mich, den Jüngling, man zu ihr geführt,
      Zu ihr, der just der Vater war entrissen.
Das war ein Bild! – In Schwarz gehüllt den Leib,
      Stand sie vor mir in schmerzlich stiller Trauer,
Halb Kind noch, halb schon ein erblühtes Weib,
      Halb Frühlingssonne und halb Frühlingsschauer.

Ein Jahr verstrich. – Es war ihr erster Ball;
      Ein Engel war sie in der Unschuld Kleide.
„Sie ist die Schönste,“ klang’s in leisem Hall,
      „Trägt sie auch Rosen nur, nicht Goldgeschmeide.“
Das war ein Bild! – In Weiß gehüllt den Leib,
      Den Blick gehoben, sanft gefärbt die Wange,
An Herz ein Kind noch, an Gestalt ein Weib ––
      Ich liebte sie – und ich gestand mir’s bange.

Der Winter schwand. – Und als es Frühling war,
      Da nahm die Mädchenblüthe, vielumworben,
An’s kecke Herz ein lustiger Husar –
      Mir war im Lenzessturm mein Glück gestorben.
Das war ein Bild! – In Duft gehüllt den Leib,
      Den frischen Myrthenkranz im goldnen Haare –
O Wunder, aus dem Kinde ward ein Weib –
      Und ich – ich sollt’ sie segnen am Altare.

Und so geschah’s. – Ich weiß nicht, wie ich’s trug:
      Sie knieten vor mir, Seligkeit im Blicke,
Und als ich sie nun um ihr Jawort frug –
      Mein Segen war der Tod von meinem Glücke.
Das war ein Bild! – Verhüllt den zücht’gen Leib,
      Im Auge eine Thräne, blaß die Wange,
So lehnte sie an ihm; sie war sein Weib –
      Da weint’ auch ich in meines Herzens Drange.

Sie zogen fort. – Es strahlte Glück ihr Brief,
      Doch seltner, kürzer wurden ihre Zeilen;
Dann schwieg sie ganz – da endlich, endlich rief
      Ein flüchtig Wort mich, zu ihr hinzueilen.
Das war ein Bild! – Schlecht war verhüllt ihr Leib;
      Ein blonder Knabe saß zu ihren Füßen.
In Noth verlassen hatte Er sein Weib –
      Vor wildem Schmerz konnt’ ich sie kaum begrüßen.

Alt war die Frau – und doch erst zwanzig Jahr,
      Die Wange fahl und schwach und krank die Glieder.
Todt all’ ihr Hoffen, und dem Tod auch war
      Sie selbst geweiht; wie bald schloß sie die Lider!
Das war ein Bild! – Im Sarge lag ihr Leib,
      Auf Stirn und Wangen der Verklärung Frieden.
Es war das schöne, kummervolle Weib
      In meinen Freundesarmen sanft verschieden.

Man trug sie fort. – Die Erde rollt zum Sarg,
      Und jeder Schaufelwurf traf meine Wunde.
„Das Liebste todt, das mir die Erde barg!“
      Seufzt’ ich voll Gram; es schwand auch diese Stunde.
Grau ist mein Haar, doch war es blond einmal,
      Als ich hinaustrat in das volle Leben,
Und traf mich auch des Schicksals Wetterstrahl,
      Getrost darf ich den Blick gen Himmel heben.

M. N.