Aus gährender Zeit

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Textdaten
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Autor: Victor Blüthgen
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Titel: Aus gährender Zeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 1–24, S. 1–4, 21–24, 41–44, 72–75, 86–88, 93–96, 109–112, 125–128, 141–144, 157–160, 173–176, 189–192, 205–208, 221–224, 241–244, 257–260, 273–278, 306–308, 309–312, 336–340, 341–346, 370–372, 390–392, 405–410
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Kurzbeschreibung:
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[1]
Aus gährender Zeit.
Erzählungen von Victor Blüthgen.
1.

Ein junges Mädchen stand in einer Mondnacht des Juni am offenen Fenster und blickte auf die Straße hinunter. Es ist eine Weile her, fast dreißig Jahre. Die Häuser gegenüber, deren eines ein Hôtel zu sein schien, obschon keine der zwei- oder dreisprachigen Firmen, welche in Deutschland üblich sind, von dieser seiner Bestimmung Meldung that, lagen hell wie am Tage; der wassergefüllte Canal, welcher an Stelle des sonstigen Fahrweges die Mitte der Straße bildete, lief zur Hälfte schon im Schatten der einen Häuserreihe, während die andere mit blitzenden Wasserstreifen im Mondscheine lag, welche das Hingleiten des fließenden Wassers an der aufgemauerten Uferwand verursachte. Eine wunderliche Straße – eine Straße wie in der Märchenstadt Venedig, nur daß keine schwarze Gondel darüber glitt, weich und schattenhaft, und daß die Wasser nicht Meereskinder waren, welche neugierig durch die Wohnungen der Menschen hin plätscherten, sondern einem Bache angehörten, bis zu dessen Ufern sich zwei Theile einer Stadt einander genähert hatten. Die Trottoirs an den Seiten waren schmal; mehr als vier Menschen hätten sie bequem nebeneinander nicht passiren können.

Die Häuser zeigten die im Bergischen übliche Bauart; die meisten hatten eine glatte Front, welche mit Schiefer schuppenartig belegt war, und grüne Läden oder Jalousien, darüber unförmliche Riesendächer. Nur das Haus, in welchem das junge Mädchen sich befand, machte eine Ausnahme; es war ein wunderlich verschnörkelter Bau, dreistöckig, an die süddeutsche Art erinnernd und dem Anscheine nach sehr alt. Sein Schatten, wie er sich im Canale drunten abzirkelte, zeigte ein Gewirr von Spitzen und Ecken. Vier Stufen führten zu einer quer durchgetheilten Doppelthür, an deren unterer Hälfte ein mächtiger Ring von Eisen hing, seitwärts konnte man ein hohes Geschäftsfenster gewahren, dessen Laden geschlossen war. Stumm und geschlossen lagen alle Fensterläden der unteren Stockwerke sammt den Thüren in der stillen, mondbeschienenen Straße. Es war spät in der Nacht.

Das Erkerfenster, zu dem das Mädchen sich jetzt weiter hinauslegte, war ohne Licht, gleich allen anderen. Nur die wie mit Holzrippen durchgitterten Hôtelfenster im zweiten Stocke gegenüber lagen hell, und die Gäste, welche sich dahinter bewegten, waren deutlich erkennbar. Indeß kein Blick der mandelförmigen, dunklen Augen schweifte dorthin. Das ovale, volle, aber, wie es aussah, blasse Gesicht der Schönen neigte sich dem ruhig und kaum hörbar strömenden Wasser zu, und die Augen folgten dem blitzenden Spiele da unten, bis sie starr wurden und zu träumen begannen. Die laue Juniluft streifte um ihre Wangen und wehte leicht in den weißen Gardinen neben ihr. Das Geräusch der großen Stadt schlief bis auf einen schallenden Tritt in der Nebenstraße oder den Pfiff eines Nachtwächters in der Ferne.

Als sich die Hôtelthür gegenüber öffnete und ein Trupp später Gäste pfeifend und schwatzend auf die Straße schlenderte, zog [2] das Mädchen rasch die Arme unter der vollen Brust hervor und die hohe, geschmeidige Gestalt trat in das Zimmerdunkel zurück. Ein paar Männer aus der Gesellschaft mochten sie doch erblickt haben, denn ein scherzendes „Gute Nacht, schöne Emilie!“ tönte hinauf, und sie stampfte, Worte des Verdrusses flüsternd, leicht mit dem Fuße auf. Die Thür öffnete sich dann noch einige Male, um Gäste herauszulassen; die Lampen drüben verloschen allmählich; das Hôtel schloß seine Augen wie die übrigen Häuser.

Spät noch trat ein Einzelner auf die Straße, warf die Thür heftig hinter sich zu und schritt, mit verhaltener Stimme das Ständchen aus Mozart's Don Juan vor sich hinsingend, über den schmalen Steg, welcher seitwärts von einer Querstraße her den Bach überbrückte.

Als er mitten auf dem schwankenden Brette stand, hielt er einen Moment inne und blickte den Canal hinunter bis dahin, wo die dunklen Brückenbogen die Kaiserstraße mit der Wallstraße verbanden. Das Mondlicht flimmerte auf dem hellen breitkrämpigen Strohhute, der sein bis auf ein Schnurrbärtchen bartloses Gesicht beschattete, und der schlanke, ungewöhnlich große junge Mann hob wie in Ekstase den rechten Arm empor und begann halblaut vor sich hin zu declamiren:

„Freiheit! Du schlachtenfreudiges Weib, das ich anbete, blitzäugige Walküre Du, wir wollen kämpfen. Wappne Dich mit der Wehr aus der Götterschmiede! Wir wollen den Tyrannen die Köpfe zerschlagen. Zweihundert begeisterte handfeste Männer und ein paar anständige Officiere für sie stelle ich Dir zur Verfügung, und wir werden ihrer mehr werden; wir werden wachsen wie das Schneekorn, das über die Winterhänge der Alpen rollt. Und wenn uns die Teufel mit zehn neuen Baststricken binden: wir werden die Kraft von zehnmal zehn Simsons zeigen. Zu Boden mit den Schergen! Zu Boden!“

Seine kräftige Gestalt hob sich höher, und das Brett zitterte unter ihm. War es nur der verhaltene Ausbruch einer heißblütigen Natur, der aus ihm sprüht, oder war es echte Begeisterung? Oder hatte auch der Wein des Wiedenhofes drüben seinen Antheil an der letzteren?

Er nahm den Hut vom Kopfe. „Ich wollte, ich könnte mich hier baden,“ murmelte er; „ich möchte der Nix dieser Pfütze Wassers sein, wenn es nur nicht über allen Kehricht zu laufen hätte. Mir ist heiß, als ob ich ein Glas voll Grog wäre.“

Ueber ihm im Fenster lehnte sich ein Weißes heraus und halblaut und dringend rief es hernieder: „Heinrich!“ Ueberrascht blickte er auf, und seine Haltung ward plötzlich eine ruhigere. Er durchmaß schnell die paar Schritt bis zum Ufer und trat so vorsichtig, wie er vermochte, unter den Erker. „Heinrich,“ flüsterte das junge Mädchen droben, „Du mußt warten; ich will und muß Dich sprechen. Gott verzeih' mir's, aber ich kann nicht anders.“

„Komm!“ sagte er hinauf und nickte, und dann setzte er den Hut wieder auf und bog, als er nach einer Pause das leise Knarren der Hausthür vernahm, in die Seitenstraße, welche auf den Steg mündete. Es war ein schmales Gäßchen, in welchem die silberne Dämmerung der Mondesschatten webte.

Die helle Gestalt des Mädchens schritt rasch auf ihn zu und lag einen Moment leise weinend an seiner Brust. Er schlug die Arme um sie und bog sich nieder, um sie zu küssen. „Heinrich,“ stieß sie angstvoll heraus, „es muß anders werden mit uns; wir müssen die Mutter zu gewinnen trachten und das bald, sonst wäre ich wahrlich nicht herunter gekommen zu Dir bei der Nacht, gegen alle Zucht und gegen eine Stimme in mir, die mich warnte. Du darfst nicht den Stolzen und Trotzigen spielen, und Du darfst die Mutter um ihrer Schwächen willen nicht beleidigen – – aber nein, nein – es ist doch alles vorüber; ich sinne und zersinne mir den Kopf und weiß keine Hülfe zu finden.“

Er preßte sie fest an sich, so fest, daß sie hätte aufschreien mögen, und sagte endlich: „Hast Du Sorge, daß wir uns verlieren? Ich hoffe, daß der Himmel und meine guten Engel, wenn ich deren habe, uns beisammen halten werden. Und nun weine nicht und nimm Deinen lieben Kopf zusammen! Ich kann nicht Weiber weinen sehen und Dich am wenigsten. Sei stark, Milli, und sprich, was Dich ängstigt! Du weißt, daß ich der Letzte bin, welcher verzweifelt.“

Sie machte sich aus seinen Armen los und nahm das Tuch, das sie in der Eile umgeschlagen hatte, fester um die Schultern. „Wir werden doch nicht gesehen werden?“ fragte sie ängstlich. „Bist Du denn nicht im Club gewesen, und wo kommst Du jetzt schon her?“

„Es war zuviel Tabaksrauch oben,“ entgegnete er ein wenig nachlässig; „Du weißt, ich kann ihn nicht vertragen, und die da oben können erst donnern, wenn sie in Wolken sitzen. Sie sind herrlich im Zuge, und Dein Bruder ist ein geborener General. Es ist Volk unter ihnen, daß sich Gott erbarm! Aber wir brauchen sie alle, wenn die Stunde schlagen wird; wir erlösen die Freiheit, mein Engel, und der Freiheit Glockenläuten wird unser Hochzeitsgeläute sein. Mit oder ohne Blut,“ setzte er hinzu, „gleichviel; das Morgenroth ist auch blutig – –"

„Still!“ unterbrach sie ihn und horchte. Ein Wächter schlürfte durch die Canalstraße, und sie standen einen Moment lautlos, bis der Schritt in der Ferne verhallte. „Laß das jetzt, Heinrich! Wir haben Anderes zu reden. Es ist Jemand zurückgekommen aus Amerika: Franz Zehren ist wieder da.“

„Das wäre!“ fuhr der junge Mann auf. „Und er ist wieder Deiner Mutter erklärter Günstling wie vordem? Ein Mensch, der taub ist wie eine Nuß und trocken wie eine Backbirne, ein Mensch, der, glaube ich, kaum soviel Galle besitzt, wie man nöthig hat um einen Tropfen Wassers zu verbittern! Wie bezeichnend, daß er sich nicht wohl fühlt in einem Lande, wo es kein Königthum, keinen Adel und keine Spione giebt! Doch halt – irre ich nicht, so ist er ja der Erbe der Wattenfabrik Zehren und Compagnie. Ich habe auch seinen Onkel mit curiren helfen, nachdem ihn die Wassersucht schon beim Kragen hatte. Ist es nicht so, Emilie? – Nimm meinen Arm, Schatz, und laß uns einen Augenblick auf und nieder gehen! Das sieht unschuldiger aus, als wenn wir hier wie angewurzelt einander gegenüberstehen.“

Sie legte ihren Arm in den seinen, und dann schritten Beide langsam die kurze Gasse hinunter und wieder zurück. „Es ist wahr,“ sagte das schöne Mädchen, „er ist zurückgekehrt und reich geworden, reicher als man geglaubt hat. Acht lange Tage habe ich Dich nicht gesehen, und an jedem dieser acht Tage hat er ein paar Stunden bei uns zugebracht. Wie es die Mutter anfängt, sich mit ihm zu unterhalten, ohne die Geduld zu verlieren, verstehe ich nicht. Sie verständigen sich leider noch immer wenigstens so gut wie früher. Aber das ist alles Nebensache, Heinrich; er hat heute zur Mutter gesagt, daß er mich zur Frau wünsche, daß er mich leidenschaftlich liebe, wie vor Jahren –“

„Und,“ fügte der junge Mann hinzu, als sie wie vor innerem Widerwillen inne hielt, „die kluge Mutter hat eingesehen wie alle anderen klugen Mütter, daß es nichts Erwünschteres für ihre Tochter giebt als eine gute Versorgung und eine Hand, welche sie gegen sich selbst und gefährliche Männer schützt, welche keine 'guten Partien' sind.“

„Ich hasse ihn,“ fuhr sie leidenschaftlich auf, dann aber dämpfte sie die Stimme wieder und sprach weiter: „Zehren ist gewiß nicht dumm; er hat ein edles Gesicht. Aber er hat dabei etwas so Fertiges, so Unfehlbares, so Gleichmäßiges, daß ich ihm jede Beleidigung anthun könnte, nur um ihn aus dem Gleichgewichte zu bringen. Er steht da wie ein Heiliger, der zum Anbeten fertig geworden ist. Rette mich vor dem Menschen, Heinrich, oder ich werde unglücklich! Entführe mich, wenn es nicht anders geht! Du hast Freunde allenthalben, und es wird ja wohl irgend ein mitleidiger Pfarrer darunter sein, der uns zusammenspricht ohne ein anderes Ja und Amen als unser eigenes. Ich denke, daß ich meinen Bruder bewege uns behülflich zu sein; Du weißt, wie schwärmerisch er mich liebt, und ich habe Dir schon gesagt, daß er große Stücke auf Dich hält. Du bist Arzt und ungebunden; Du kannst Dich niederlassen, wo Du willst.“

Ihr Begleiter lachte kurz auf. „Du bist eine Himmelstürmerin,“ sagte er, „aber Du hast Muth. Ich denke, ich rede erst mit Deiner Mutter.“

„Nein, nein – sie hat ihm schon das Versprechen gegeben, daß ich die Seine werde; kein Mensch weiß sich zu erinnern, daß sie ein verpfändetes Wort zurückgenommen hat. Sie ist von Stahl und Eisen.“

„Gleichviel! Ich bin zu Allem fähig, aber ich greife nicht zum Aeußersten ohne Noth. Ich bin hier schwer entbehrlich, liebes Herz; ich muß helfen ein Werk thun, das ohne meine Mitwirkung leicht zusammenfällt, ein Werk für die Menschheit, Milli. Ich werde ein Stück Heiland sein, wenn es gelingt, und es ist süß, ein lebendiges Denkmal zu sein, dessen Piedestal tausende [3] dankbarer Menschen bilden. Wenn ich Dich aber so theuer bezahlen muß, nun – dann will ich auch das Opfer bringen, will das Blatt zerreißen, auf das ich meine Zukunft berechnet habe. Du Stolze, Du Prächtige, ich liebe Dich, und soweit es auf mich ankommt, soll Dich Niemand besitzen außer mir.“

Sie standen am Ausgange zum Canale. Wieder schlug er den Arm um sie; um seine Nüstern zuckte es stolz und sein Auge ruhte brennend auf ihrem erregten Gesichte. Das Blut floß ihr zu Kopfe; sie wand sich los und sah ihn ernst an. „Schwöre mir, daß Du mich retten willst! Ich müßte sterben, wenn ich das Weib jenes Mannes werden sollte.“

„Ich schwöre es,“ sagte er.

„Ich danke Dir, Heinrich. Gute Nacht, und habe mich lieb!“ Sie schritt flüchtig um die Ecke und eilte die Stufen hinauf. Gebückt schlüpfte sie unter dem oberen Thürflügel durch, schob den unteren so vorsichtig wie möglich zu und steckte den schweren Holzriegel durch die Klammern. Einen Moment stand sie hochaufathmend drinnen und horchte, ob sich im Hause etwas regte. Die alten Treppen knisterten leise, und eine Maus arbeitete irgendwo im Holzwerke. Die Uhr im lutherischen Kirchthurme in der Nähe schlug Eins, und ein paar andere Thurmuhren folgten. Milli schien das Geräusch benutzen zu wollen, um dasjenige ihrer Schritte zu verdecken, denn sie huschte geschwind die Stufen hinauf.

Als sie über den Corridor ging, der zu ihrem Zimmer hin führte, sah sie, wie ein Lichtstrahl durch eine Thürritze über die Dielen des Bodens fiel, und gleichzeitig knarrte eine der Dielen unter ihrem Tritte laut und häßlich. Sie wurde bleich und griff nach ihrem Herzen. Sie wollte weiterschleichen, aber die Thür vor ihr öffnete sich, und der volle Schein einer Kerze strahlte auf ihr verstörtes Antlitz. Auf der Schwelle stand die Strenge, Gefürchtete: ihre Mutter, die nothdürftigsten Kleidungsstücke umgeworfen, die Nachthaube auf dem Kopfe, deren tadellose Weiße das derbe, energische Gesicht mit den scharfen braunen Augen nur noch dunkler röthete, als es ohnehin schon war.

„Mutter,“ stammelte das junge Mädchen, „sind Sie noch wach? Ich war drunten, weil ich glaubte klopfen zu hören und vermuthete, Karl sei vor der Thür und wolle aufgeriegelt haben.“

„Komm näher!“ entgegnete die alte Frau lakonisch, und dabei wandte sie sich um und stellte das Licht auf den Nachttisch, indem sie es der Tochter überließ, die Thür hinter sich zu schließen. Sie setzte sich dann in einen Rohrstuhl, legte ein Tuch über die Füße und forderte die Tochter mit einer kurzen Geberde auf, gleichfalls Platz zu nehmen.

„Du wirst die Güte haben, Emilie, mir ohne Umschweife und Winkelzüge zu erklären, was Dich um diese Stunde noch in voller Kleidung hält und was Du da unten zu suchen hattest. Dein Bruder Karl ist Mann und mag verantworten, was er die Nächte über angiebt, welche er vorzieht, außer dem Hause zuzubringen. Von meiner Tochter wünsche ich Aufschluß über nächtliche Irrfahrten.“

Das junge Mädchen hatte seine feste Haltung wiedergefunden; bei der letzten Aeußerung der Mutter stieg ihr das Blut in die Wangen. „Ich denke, meine Mutter wird wissen, daß ich nicht danach erzogen bin, um die Gebote der Schicklichkeit mit nächtlichen Irrfahrten zu überschreiten,“ sagte sie ausweichend, aber ohne zu stocken.

„In der That, recht schön gesagt, Emilie, Du bist leider emancipirt genug von dem Einflusse Deiner Mutter, als daß es Dir zukäme, Dich auf die Wirkungen meiner Erziehungsweise zu berufen.“

Das junge Mädchen sah einen Augenblick vor sich nieder. „Ja,“ sagte sie dann, wie mit plötzlichem Entschlusse, „ich habe meinen Willen, Mutter, und ich will ihn haben. Kein göttliches Gesetz hat die Kinder zu willenlosen Sclaven der Eltern gemacht. Ich habe auch ein Herz, Mutter, und mein Herz hat seine eigenen Empfindungen und Wünsche. Ich würde nicht jedes Schicksal tragen können, aber das Schicksal, welches ich mir wünsche, trüge ich, und wenn es im tiefen Elend endigte, weil ich es gewollt habe, und wenn ich mir Disteln und Dornen zum Lager bereite, dann habe ich Kraft genug, darauf zu schlafen. Aber wenn mich eine andere Hand in's Elend wirft,“ fuhr sie mit erhobener Stimme fort, „dann kann sie mir nicht zugleich die Kraft mittheilen, darin auszuharren, in mir selber aber würde ich sie nicht finden.“

Sie war aufgestanden; ihre Augen blitzten, und ihr voller Mund war von Stolz geschürzt, ohne daß sie die plastische Haltung verlor, welche dem vollen, ebenmäßigen Bau des schönen Mädchens eignen zu müssen schien.

„Das Blut unseres Ahnherrn!“ murmelte die alte Frau, indem sie, die Stirn runzelnd, eine Weile bei Seite blickte; „wir haben es alle.“

Dann deutete sie wieder mit ausgestrecktem Finger auf den Holzstuhl, auf dem Emilie gesessen hatte und der so farben-unbestimmt und verwittert aussah, wie das ganze Meublement dieser Kammer. „Du bist eine Närrin,“ sprach sie schneidend. „Du hast Verstand genug für fünf Mädchen, aber Du willst ihn nicht gebrauchen, weil ihn Dein sogenanntes Herz nicht zum Reden kommen läßt. Ich habe nie verlangt, daß Du meine Sclavin sein sollst, aber ich wünsche jenes Vertrauen von Dir, welches den Gehorsam des Kindes gegen seine Eltern begründet. Du sollst glauben, was ich Dir sage: nämlich daß in Deinen Jahren der Mensch einen ungesunden Ueberschuß an Herz hat, und daß er alle die Phantasien und Träumereien, an welche er sein Glück hängt, belächeln wird, wenn er zwanzig Jahre älter sein wird und Herz und Kopf im Gleichgewicht sein werden. Wir Alten waren, was Ihr seid, und wissen, wie es um die Jugend beschaffen ist, und das ist der Grund, warum wir Gehorsam fordern und zu fordern ein Recht haben. Ich weiß, was Dir im Kopfe spukt, Milli,“ fuhr sie ruhigeren Tones fort. „Ich weiß, daß Du an jenem unruhigen, zerfahrenen Menschen hängst, an dem keine geordnete Faser ist, der wie ein Feuerwerk umherprasselt und der selber keinen Gott und kein Glück hat und keine Seele glücklich machen kann –“

„Beschimpfen Sie den Mann, den ich liebe, nicht, Mutter, wenn Sie nicht wollen, daß ich das Zimmer verlasse oder mir die Ohren zuhalte! Ich will Ihnen sagen, worin sein ganzes Verbrechen besteht: darin, daß er keine friedliche Rechenmaschine ist wie dieser – dieser – Zehren, daß er keinen Onkel zu beerben hat, daß er verschmäht, Ihnen – den Hof zu machen – – – ach, Mutter – mein Gott, ich bin von Sinnen – verzeihen Sie einer Unglücklichen! Ich durfte Sie nicht kränken, nicht so grausame Worte sagen –“

Sie war zu der alten Frau hingeeilt, welche die Heftige, außer sich Gerathene starr angeblickt hatte und dann mit geschlossenen Lidern in den Sessel zurückgesunken war, und sie lag vor ihr auf den Knieen, die Augen in Thränen gebadet und ihr die kalten weißen Hände streichelnd. Langsam lösten sich diese Hände aus den ihrigen, und die Frau richtete sich aus dem Sessel auf und trat zur Seite, ohne der Reuigen, welche angstvoll zu ihr hinaufsah, einen Blick zu gönnen. „Du kannst gehen, Emilie,“ sagte sie bitter. „Dein Platz ist zwei Zimmer weiter.“

Bei dem jungen Mädchen verflog die weiche Stimmung mit der nämlichen Schnelligkeit, mit welcher sie gekommen war. Sie erhob sich rasch und verließ mit einem tonlosen „Gute Nacht, Mutter!“ das Zimmer. Das ihrige war bald erreicht. Das Fenster stand noch offen, und sie lehnte sich noch einmal hinaus und trocknete still die brennenden Augen. Der Mond war tiefer gegangen; die Nachtluft wehte kühler von dem verdunkelten Canal herauf. Ueber die steinerne, mächtige Bogenbrücke rechts drüben huschte es wie ein größerer Trupp Menschen, welche es eilig hatten, und hinter ihr in der Kammer der Mutter glaubte sie diese murmelnd und hüstelnd auf- und niedergehen zu hören.




2.

Der junge Arzt stand noch einige Zeit an der Hausecke, nachdem die helle Gestalt des jungen Mädchens in der Hausthür verschwunden war, und rieb sich, während er nachdachte, mechanisch die Stirn. „Enfin – was kann's nützen?“ meinte er endlich halblaut. „Daß ich sie liebe, fühle ich mehr als deutlich; eine Königin, Feuers und Geistes voll – das ist sie, wie ich sie haben muß, um guten Muthes in Fesseln zugehen. Was finge Unsereins mit einer Frau an, die sich darauf capriciren würde, ihn für die Häuslichkeit zu gewinnen und ihm den Hausschlüssel vorzuenthalten! Ich fürchte, in vier Wochen säße sie wieder bei der Frau Mama am Fenster und stickte ein Canevas-Muster, wie sie es während der Unschuldszeit ihrer Mädchenjahre gethan hat.“

„Heirathen! Und eine Entführung dazu! Ich habe kein Loth [4] sentimentaler Romantik in mir. Um eine Familie zu ernähren, müßte ich endlich damit beginnen, meine Praxis zu pflegen und sogar nervöse Damen zu curiren, wenn es verlangt würde. Warum nicht? Man kann jeden Beruf als melkende Kuh betrachten, wenn es sein muß. Bei Gott, ich ertrüge es nicht, zu sehen, ohne dumme Streiche zu machen, daß sie mit einem Einfaltspinsel wie Zehren als Mann über die Straße geht. Ich wäre im Stande, sie vor allem Volk von ihm loszureißen und mit ihr weiterzugehen. Und so sei es denn! Komme, was wolle! Das Beste ist, ich rede zunächst mit Karl, mit dem Pascha von sieben Roßschweifen. Er wird ja noch in der Schlucht drüben sein, und ich bin nicht in der Laune, etwas auf morgen zu verschieben, was ich heute thun kann.“

„Vorwärts!“ rief er, und stieß einen Stein mit der Fußspitze vor sich hin, daß er beim Steg in's Wasser rollte. Er passirte wieder das Brett und schlenderte das Ufer hinunter, an dem Hotel vorbei, dem er nicht die geringste Beachtung schenkte, vielmehr wollte er weiterhin bei der Kaiserbrücke in die breite Wallstraße einbiegen, stutzte indeß einen Moment bei der Ecke, da zwanzig Schritt hinunter zwei Menschen im Schatten der linken Häuserreihe in eifrigem Gespräch standen, deren einer, wie sein scharfes Auge leicht bemerkte, den blinkenden Helm des Soldaten oder Polizei-Lieutenants auf dem Kopfe trug. Militär war nicht am Orte, und somit zweifelte er keine Secunde, daß dort Polizei stehe.

„Zum Teufel,“ murmelte er überrascht, „wie kommen die Beiden vor die Thür da? Ich will nicht hoffen, daß sie Witterung haben und im Hinterhalte liegen. Da muß Rath geschafft werden auf alle Fälle. Wenn ich nicht irre, so ist es Donner, welcher da spionirt; das wäre noch Glück im Unglück.“

Er ging so behaglich wie möglich vorwärts, indem er zu singen begann:

„Bei der Nacht um halber Eine
Macht sich Donner auf die Beine,
Und dann denkt er siegbewußt:
Schleppen, schleppen – welche Lust!“

Es war das ein Spottvers, der in aller Munde war und sich auf das nächtliche Verhaften politisch Verdächtiger bezog; „schleppen“ war der technische Name dafür.

„Wer ist das?“ fuhr der Polizeibeamte auf und that rasch ein paar Schritte auf den verwegenen Sänger zu. „Wer wagt hier mich zu höhnen?“

„Halten Sie mich nicht auf meinem Berufswege auf, Commissar, oder Sie laden ein Menschenleben auf Ihr Gewissen!“ sagte der junge Mann lachend. „Uebrigens bin ich erbötig den Beweis der Wahrheit anzutreten.“

„Sie sind es, Doctor?“ meinte der Polizeicommissar ärgerlich lachend. „Kranke besuchen, he? Ist aber verdammt zeitig noch für Sie; aus dem Bett hat Sie doch jetzt noch Niemand klingeln können. Glaube nicht, daß Sie vor zwei Uhr zu Hause zu finden sind, und wüßte gern, wie man Ihrer habhaft geworden ist.“

„Nur durch einen unangenehmen Zufall,“ war die launige Antwort. „Wie wär's, Freundchen, wenn Sie Ihren Nachtrath dort“ – er zeigte auf den Wächter in der Nähe – „stehen ließen und mich ein Stück begleiteten? Es wird schon, wenn mein Patient besorgt ist, noch irgendwo eine anständige Flasche Mosel für uns zu finden sein. Ich habe Ihnen unter der Hand einen Wink zu geben, der Ihnen einen Orden sammt Beförderung eintragen kann. Der Zufall hat mich heute an einen Ort geführt, wo es viele Menschen giebt – sehr viele! Sie verstehen mich wohl, Mann des Gesetzes!“

Der Commissar blickte ihn zweifelnd an und sah dann zu der Thür hinüber, vor welche sich der Wächter breit hingepflanzt hatte. Die Thür schloß einen jener Schlupfgänge ab, wie sie in rheinischen Städten als bequeme Verkehrswege zwischen Hof und Straße vielfach die Häuser durchbohren.

„Reden Sie im Ernst, Doctor, oder wollen Sie mich zum Narren haben?“ flüsterte der Beamte, nahe an den Arzt herantretend, welcher mit überlegenem Lächeln auf sein fast um einen Kopf kleineres Gegenüber heruntersah. „Glaubte, ehrlich gesagt, etwas Aehnliches auf der Spur zu haben. Ein unruhiges Volk das, hier in den Rheinlanden; mit den Arbeitern hat man schon seine Noth, denn sie können das Messer nicht in der Tasche behalten, und jetzt wiegelt man gar die Bürger und Handwerksleute gegen die Obrigkeit auf; ich wollte, daß ich im Osten geblieben wäre!“

„Nun, nun, Freundchen,“ meinte der Doctor mit gutmüthigem Ausdrucke, „nur nicht zu weit im Osten. Ich dächte es wäre nicht viel über ein Jahr, daß sie die Polen abgefangen haben. Aber was gehen mich die Polen an! Ich befleißige mich ein friedlicher Staatsbürger zu sein, verabscheue alle Arten von Kugeln, ausgenommen die Pillen, und alles Pulver, welches nicht in der Apotheke zubereitet wird, und würde ein wenig Revolution höchstens darum nicht ungern sehen, weil es blutige Köpfe dabei absetzen würde. Daß wir der Freiheit entbehren, kann ich für meine Person nicht einsehen, da mich noch Niemand gehindert hat, meinen Abendtrunk zu mir zu nehmen, wie und wo ich wollte. Aber nun kommen Sie!“ fuhr er dringender fort, „es wird Zeit, daß ich zu meinem Patienten komme, und für Sie giebt es vielleicht noch heute zu thun. En avant!“

Es lag in der ganzen Art des Sprechers etwas, was eine Ablehnung schwer machte. Der Beamte schwankte noch einen Moment, dann rief er der Nachtwache zu: „Halten Sie sich einstweilen in der Nähe auf, Gräbner! Vielleicht daß doch etwas passirt.“ Dann gingen die beiden Männer hallenden Schrittes die Straße hinunter.

Der Doctor verbarg seine innere Unruhe mit bewunderungswürdiger Selbstbeherrschung. „Ich habe eine leise Ahnung von dem, was Sie suchen, alter Freund,“ meinte er nachdrücklich, als er bemerkte, daß sein Begleiter nicht eben zufrieden mit sich schien und mehrmals dahin zurückblickte, wo er den Wächter verlassen hatte. „Es gährt hier; es ist etwas in der Luft wie Pulvergeruch.“

„Das weiß Gott,“ seufzte der Commissar. „Es gäbe ein niedliches Leben für uns, wenn es wirklich zum Aufruhr käme. Ich hoffe indeß, wir werden tüchtig dahinter sein, daß aller Unfug erstickt wird, ehe er uns über den Kopf geht. Es ist nicht zu begreifen, was die Menschen heutzutage zu raisonniren haben, denn ich möchte wissen, wo es ordentlicher zuginge als bei uns. Aber wenn Schuster und Schneider mitregieren wollen, dann kann es freilich nur Unordnung geben. Ich sage Ihnen, Doctor, sie sollen bei Leisten und Scheere bleiben, sonst werden ihnen die Finger geklopft. Uebrigens – wie ist mir denn?“ – er trat einen Schritt zurück, schnippte mit den Fingern und warf einen scharfen Blick auf seinen Begleiter –, „Sie sind ja auch nicht ganz sauber; wir haben so etwas läuten hören –“


[21] Der Arzt lachte, daß es zwischen den hohen Häusern in der nächtlich stillen Straße hell wiederscholl und der Commissar ihm ein: „Pst! nicht so laut!“ zuraunte.

Er schlug diesen, indem er stehen blieb, herzhaft auf die Schulter und sagte, noch immer lächelnd: „Den Mann, der Euch das überbracht hat, den macht unschädlich, sobald Ihr könnt! Ihr seid im Stande, unter seiner Beihülfe mehr Dummheiten zu begehen, als Ihr“ – er betonte die folgenden Worte – „vor meinem alten Freunde, dem Herrn Landrath und Oberbürgermeister, verantworten könnt. Aber Scherz bei Seite – ich glaube, daß ich zum wenigsten mehr von der Sache weiß, als Sie, Freundchen. Kennen Sie ein Ding, welches der 'Rothe Engel' heißt?“

„Das Gasthaus vor dem Brückenthore oder das in der Stadt?“

„Ah, ich vergaß – natürlich das Erstere. Ich bin vor anderthalb Stunden vorübergegangen. Dicht hinter der Brücke, am Wasser unten, zieht sich der lange Saalbau hin – Sie werden ihn so gut kennen, wie ich – an dem ein Paar Bretter zum Wäschespülen in’s Wasser hineinreichen. Nun hören Sie Folgendes! Ich stehe eben auf der Brücke und sehe den Fluß hinauf, über dem das Mondlicht glitzert; es war ein kostbares Bild, Commissar, ein Bild zum Malen: die alten Holzbaracken am Wasser, in denen hie und da ein rothglühendes Fenster schimmerte –“

„Aber was fange ich mit alten Holzbaracken und rothglühenden Fenstern an?“ fragte der Commissar in hörbarer Ungeduld; „zur Sache, Doctorchen!“

„Kommt alles noch!“ meinte dieser ruhig. „Was sagen Sie: Da sehe ich im Schatten dieser nämlichen Baracken sich etwas auf dem Wasser bewegen und näher und näher kommen, und das waren – bei meiner armen Seele! – drei Kähne voller Menschen. Sie sahen aus wie Blätter voll schwarzer Fliegen; so dicht waren sie besetzt. Die Gegend ist um diese Zeit einsam, wie Sie wissen, doch sah ich am Ufer drunten einen Menschen stehen, und ein zweiter kam auf die Brücke und bewegte sich ziemlich schnell und drohend auf mich zu. Ich hatte keine Lust, mir ein Messer in den Leib stoßen zu lassen, und entfernte mich langsam. Kaum bin ich zwischen die Häuser getreten, so höre ich einen zweimaligen Pfiff. Nun will der Zufall, daß dort ein paar Häuser drei Fuß auseinander stehen und daß man durch die Lücke hinübersehen kann auf das Hinterhaus vom 'Rothen Engel' – – Sie hören doch ordentlich zu, Commissar?“

„Ich werde ja doch,“ entgegnete dieser in gespannter Neugierde und rieb sich leise die Hände. „Wenn das wahr ist, Doctor, wenn der Fang wirklich beisammen wäre, ich wollte Sie umarmen.“

„Ich verzichte auf diesen Beweis Ihrer Dankbarkeit zu Gunsten der Frau Donner,“ meinte der Arzt.

Der Andere sah nach der Uhr und sprach für sich: „Wie lange also ist das her – anderthalb Stunden?“ Das Zifferblatt war im Mondenschein vollkommen deutlich lesbar. „Es ist halb[1] zwei Uhr. Ein Uhr – zwölf Uhr – ein wenig spät. Um Elf sollen sie ja sonst schon zusammen kommen.“

Der Doctor hatte diese halblaut gemurmelte Bemerkung verstanden und machte, mühsam seine Betroffenheit verbergend: „So? Sie scheinen ja gut bedient zu sein auf dem Stadthause. Nun, dieses Gesindel wird wohl nicht immer bei der alten Leier bleiben wollen, oder was sonst – vielleicht sind ja meine Leute auch verschieden von denen, welche Sie suchen –“

„Nein, nein,“ unterbrach ihn rasch der Beamte, „erzählen Sie nur weiter, Doctor! Das ist ja eine Teufelsgeschichte. Also Sie standen bei der Lücke –“

„Ja, und sah, daß die Kähne bei den Waschtritten landeten und sich ihrer Insassen entluden, welche in aller Eile um das Haus gingen; muthmaßlich giebt es einen Eingang in den Saal da hinten –“

Der Commissar stand plötzlich still und sah den Arzt wieder prüfend an. „Können Sie das beschwören?“ fragte er im Tone des Inquisitors.

Der Doctor trat bei dieser Frage drei Schritte zurück und erwiderte befremdet: „Oho! Ich bin nicht gewöhnt, mein sehr ehrenwerther Herr Commissar, daß man mich veranlaßt, freiwillige und vertrauliche Mittheilungen zu beschwören. Wenn es Ihnen genehm ist, behalte ich den Rest für mich. Ich bin kein Denunciant, mein Bester, der so etwas für Geld thut.“

„Ei, nicht doch!“ begütigte der Beamte, indem er schnell den Ton änderte, „so ist ja die Sache nicht gemeint. Seien Sie nicht böse darum, Doctorchen! Die Sache ist ja sehr merkwürdig, aber sie stimmt durchaus nicht mit meinen sonstigen Mittheilungen.“

„Das ist mir sehr gleichgültig,“ sagte der Doctor. „Machen Sie mit meinen Angaben, was Sie wollen! Hier ist mein Ziel, und nun – gute Nacht! – Halt!“ fügte er hinzu und stellte sich dabei dicht vor den Commissar hin: „Ich will Ihnen noch einen Namen nennen; was Sie damit machen, das überlasse ich Ihnen. Kennen Sie einen, der aus Amerika, dem Lande der [22] Freiheit, der Republik und der Revolution, herüber gekommen ist und Franz Zehren heißt?“

„Der?“ fragte gedehnt der Andere. „Ich habe ihn im Wiedenhofe nur einmal flüchtig gesehen. Er ist ja aber halb oder ganz taub.“

Der Arzt zwinkerte schlau mit den Augen. „Nun, Commissar, haben Sie noch nie gehört, daß Leute, welche bei der Musterung als taub eingetroffen waren, ein paar Wochen nachher mit dem besten Gehör von der Welt in die Regimenter gesteckt werden?“

„Ah!“ machte der Beamte mit den Zeichen der Ueberraschung.

„Aber reinen Mund! Ich bin die Unschuld selber und bleibe ganz aus dem Spiele. So wahr ich lebe, ich verleugne alles, wenn Sie meinen Namen in's Spiel bringen. Und nun: gut Werk, Commissar!“

Die Beiden schüttelten sich die Hände und der Commissar schritt langsam um die Ecke. Sie waren an eine Stelle der Straße gekommen, wo dieselbe ein Knie bildete. Es mußte eins der besten Viertel sein, in dem sie sich befanden – lauter zweistöckige, elegante, moderne Häuser standen da, in heller Oelfarbe gestrichen, mit Balcons und Stuckverzierungen. Der Doctor ging dreist zu einem der Häuser hinüber. Er horchte und merkte, daß der Andere jenseits der Ecke stehen blieb. „Mißtrauischer Schuft!“ brummte er ärgerlich; „so sei's d'rum!“ Er griff nach einem Klingelzuge und schellte so laut, daß es der Lauscher in der Nebenstraße hören mußte, der in der That jetzt erst, und mit ziemlicher Eile, den Weg fortsetzte.

Der Doctor sah sich prüfend um und bemerkte an einem der Nachbarhäuser eine Treppe, welche zu einem tief liegenden Hauseingange führen mußte. Er schlüpfte leise in den verdeckten Vorraum dieses Einganges. Bald nachher öffnete sich ein Fenster; ein paar ärgerliche Worte wurden hinaus gebrummt, dann schlug es wieder zu. Der unfreiwillige Veranlasser der nächtlichen Störung lachte kurz vor sich hin, aber sein Antlitz war schnell zu einem Ausdrucke von Ernst zurückgekehrt, der bewies, daß sein Intermezzo mit dem Polizeibeamten eine ziemlich bedenkliche Seite hatte. Er sprang kurz darauf flüchtig auf die Platte des Trottoirs und lief mehr als er ging den Weg zurück, den er hergekommen war. Zweimal begegneten ihm Wächter, und er war vorsichtig genug, in ihrer Nähe das Tempo seiner Schritte zu mäßigen, um sich nicht der Gefahr, angehalten zu werden, auszusetzen.

Als er wieder an die Endstrecke der Wallstraße kam, wo der Commissar den Wächter zurückgelassen hatte, schob er sich soweit an den Häusern vor, bis er gewahren konnte, daß dieser noch mit kurzem Schritte bei der alten Stelle auf und nieder patrouillirte. Er schlich dann zurück und wandte sich rechts in die Luisenstraße, eine Quergasse, welche, der Canalstraße parallel laufend, das Häuserquadrat einschließen half, zu welchem der Wiedenhof gehörte. Vor einem schmalen Hause in der Mitte der Straße hielt er an und nickte befriedigt, als er durch die Spalten eines Fensterladens Licht schimmern sah. „Noch ist es Zeit, wie ich glaube,“ murmelte er, „aber die höchste.“ Auf ein dreimaliges Klopfen an den Laden regte es sich drinnen, und die Hausthür wurde geöffnet. In der Thür stand ein alter, grauköpfiger Mann mit gewaltiger Hornbrille vor den Augen, die er möglichst weit auf die Stirn geschoben hatte. Er hielt ein Licht in der Hand.

„Patriot!“ sagte der Doctor leise. „Ist der kleine Rath noch in der Schlucht beisammen, Rottmann?“ fügte er hastig fragend hinzu,

„Sie, Herr Doctor?“ meinte der Alte, nachdem er die hohe Gestalt des Arztes einen Moment mißtrauisch beleuchtet hatte. „Nun, soviel ich weiß, sind sie noch Alle oben.“

„So bleiben Sie hier, und halten Sie die Thür offen! Man wird gleich herunterkommen. Der Teufel ist los, Rottmann, und wir müssen uns salviren. Tragen Sie Ihr Licht nur zu Ihrem Rinaldo Rinaldini, oder was Sie sonst Gutes lesen, hinein und erleuchten Sie nicht die ganze Luisenstraße! Der Hauseingang muß dunkel bleiben.“ Damit stürmte er an dem Alten vorbei über den Hausflur und hinten in den Hof. Letzterer war ein schmaler gepflasterter Platz; man sah geradeaus auf eine mit wildem Weine berankte Wand, welche zu einem dahinter liegenden Gebäude gehörte und völlig fensterlos war. Von Mondbeleuchtung war hier nichts mehr zu spüren, so wenig wie auf der Straße draußen; indeß schritt der Doctor mit vollkommener Sicherheit einer Ecke zu, wo ein Bretterverschlag sich befand, nicht breiter und höher, als zwei Menschen, welche nebeneinander stehen, Raum einnehmen. Diesen Verschlag nahm der Doctor ab, nachdem er zwei Riegel herausgestoßen, und trat in eine dunkle Oeffnung. Tastend glitt seine Hand in dem Raume umher, bis er eine Leiter erfaßt, welche er zu erklettern begann. Ueber seinem Kopfe war ein Stimmengemurmel vernehmbar, welches ab- und zunahm wie das Geräusch des Wellenschlages.

Oben angelangt, stieß er auf ein Brett über ihm, welches er mit Hülfe nur der einen Hand unschwer zu heben vermochte. Licht quoll ihm entgegen, und er kletterte jetzt vollends hinauf in einen nicht allzugroßen saalartigen Raum, in welchem etwa vierzig Personen an rohen Holztischen saßen. Halbgeleerte Gläser und Flaschen standen umher; dazwischen brannten Talgkerzen spärlich in dichtem Tabaksrauche.

„Ist Karl Hornemann noch hier?“ rief der Doctor in den Aufstand, welchen sein unerwartetes Kommen verursachte.

„Ja,“ tönte es zurück.

„Nimm ein Licht, Karl, und komm her! Die anderen Lichter auslöschen und die Fenster öffnen! Man ist uns auf der Spur.“

„Vorwärts, sechs Mann für die Wächter formirt!“ rief eine auffallend hohe Stimme, und eine Gestalt, welche derjenigen des Doctors an Größe nichts nachgab, ergriff das einzig übrige, auf einer Art Rednertribüne brennende Licht und stieg mit weiten Schritten auf die Dielenöffnung zu; die anderen Lichter waren im Nu erloschen. Man machte sich an den Fenstern zu schaffen, welche von außen noch mit Jalousien verdeckt waren. Die Gestalt mit dem Lichte sah, besonders in der schwachen Kerzenbeleuchtung, höchst wunderlich aus – ein Mann, auf dessen im Verhältnisse kleinem Kopfe eine gestickte Hausmütze mit Troddel saß und welcher überdies ein langes, schlafrockartiges Kleidungsstück trug. Sein Gesicht, welches, abgesehen von den Augen, wenig an die Züge der schönen Emilie erinnerte, war frauenhaft zart, mit schwachem Anfluge von Backenbart. Ein Zug milden Ernstes charakterisirte dasselbe, und die Augen, welche klar und fest blickten, hatten doch zugleich etwas von jenem warmen Glanze, welcher empfindsame Gemüther bezeichnet. Das war Karl Hornemann, Emiliens Bruder.

„Ein unterbrochenes Opferfest, Heinrich!“ sagte er mit stillem Lächeln. „Sind die sechs Bürger bereit?“ wandte er sich wieder mit seiner hohen Stimme an den Haufen.

Die Angeredeten traten herzu und reichten den Beiden mit kräftigem Drucke die Hände. Es waren Handwerker und Arbeiter, jüngere Leute, welche nicht ohne eine gewisse Aengstlichkeit die Gesichter ihrer beiden Führer studirten, aber, durch die ruhige Haltung Karl Hornemann's getröstet, muthig nach einander zwischen den Dielen hinab tauchten.

„Schwatzt sie möglichst weit bei Seite!“ nickte Karl Hornemann ihnen zu, und der Doctor rief ihnen nach: „Es ist augenblicklich nur eine Wache in der Nähe, vor unserem Ausschlupf in der Wallstraße, so glaube ich. Nehmt sie besonders auf's Korn, aber sichert auch die anderen Straßen! Nur um's Himmelswillen die Sache nicht leicht nehmen!“

„Bürger,“ sprach dann der Doctor nach dem Saale zu, „die Polizei weiß ziemlich Genaues um unsere Zusammenkünfte. Ich habe den Polizeicommissar Donner, der uns auflauerte, vielleicht sogar hier Euch überrascht haben würde, gründlich in den April geschickt, aber unsere Lage ist ernst. Wir werden zunächst gut thun, für zwei Monate unsere Versammlungen ganz aufzugeben, bis die Polizei sich beruhigt hat oder der Augenblick zum Handeln gekommen sein wird. Wir sorgen dafür, daß Ihr von Allem, was zu wissen nöthig, dennoch unterrichtet werdet. Es lebe die Freiheit, es lebe die Constitution!“

„Hoch!“ scholl es dumpf im Saale.

Karl Hornemann setzte das Licht auf den Boden, während sich die Männer näher um die Oeffnung sammelten.

„Herr Doctor,“ sagte Einer, eine kräftige Figur, welche zwei wahre Riesenfäuste vor sich hinreckte, „ich wollte, es ginge erst los. Das Heimliche will mir nicht gefallen.“

„Nur ruhig, Schmiede-Attes!“ lachte der Doctor, „das Eisen ist noch nicht roth.“ Ein leises Lachen ging durch den ganzen Kreis.

„Wo ist denn der Commissar?“ fragte ein Anderer in blauer Blouse.

„Ich habe ihm erzählt, Ihr wäret zu Kahn in den 'Rothen [23] Engel' hinausgefahren; er wird wohl eben den Engelwirth aus den Federn geholt haben.“

„Sechs Mann hinunter!“ rief Karl Hornemann, und wieder verschwanden die Leute im Dunkel des Stollens, und bald darauf abermals sechs, und so ging es, bis die Schritte der letzten unten im Hofe zu hören waren. Es war eine eigenthümliche Scene, diese Männer in den verschiedensten Anzügen, Graubärte mit verwitterten Gesichtern und junge Bursche, welche eben der Militärzucht entwachsen sein mochten, verwegene Gesichter darunter, aber doch ohne den Ausdruck von Rohheit, welcher die Arbeiterclasse jener Gegend sonst kennzeichnet – all Diese kauernd oder stehend und truppweis in der gähnenden Oeffnung verschwindend und das Ganze beleuchtet von dem schwachen flimmernden Lichte der Kerze.

Der Doctor und Karl Hornemann folgten den Uebrigen. Letzterer schloß sorgfältig die Diele über sich und schob unter ihr einen Riegel ein; mit gleicher Vorsicht behandelten Beide den Bretterverschlag im Hofe. –

„Pascha,“ sagte der Doctor draußen auf der Straße, als der alte Rottmann hinter ihnen zugeschlossen hatte, „weißt Du, wer uns im Grunde gerettet hat?“

„So weit reicht mein Ahnungsvermögen nicht,“ war die lakonische Antwort.

„Deine Schwester.“

„Emilie? Bist Du denn mit ihr zusammengetroffen?“

„Ich habe sie flüchtig gesehen,“ meinte leicht der Arzt, „soviel man im Mondscheine von ihr sehen kann. Ich habe sogar mit ihr gesprochen; wenn ich es nicht gethan haben würde, so läge ich ruhig im Bette und hätte den Spitzbuben Donner weder beim Spioniren erwischen, noch ihn aushorchen und auf eine falsche Fährte locken können. Sie wissen Alles, sogar die Zeit, wann wir die Versammlung begonnen haben. Ich habe die moralische Ueberzeugung, daß Ihr ohne meinen Einfall, Dich noch einmal aufzusuchen, noch diese Nacht in einigen Proben das Gefängniß geziert hättet, morgen früh vielleicht wir Alle, denn daß die Burschen, wenn man sie auf der Polizei gehörig bearbeitet, reinen Mund halten werden, dafür garantire ich nicht. Uebrigens muß Donner die Sache auf eigene Faust betreiben, sonst hätte ich vom Oberbürgermeister längst einen Wink bekommen. Der Junge hatte wirklich Recht: wenn es nur irgendwo brennen wollte! In Paris noch nichts, in Baden wieder Abwiegelung, die Polen wieder ruhig wie der Kirchhof! – Kommst Du mit mir schlafen, Karl?“

„Wenn Du mir wieder Herberge geben willst, ja. Ich störe die Frauen des Nachts nur ungern. Unterwegs könntest Du mir gut erzählen, wie meine Schwester in die Abenteuer dieser Nacht verwickelt wurde.“

Der Doctor schwieg eine Weile. Endlich sagte er: „Karl, willst Du mir helfen zu einer Heirath mit Deiner Schwester?“

Karl Hornemann schien über diese Eröffnung wenig erstaunt zu sein. In ruhigem Tone erwiderte er: „Ehrlich gestanden nein! Ich weiß ja, daß mit Euch Beiden etwas im Werke ist und daß es zu einer Entscheidung kommen muß. Ich weiß, was Du werth bist, und ich liebe Milli über Alles, aber ebenso sicher ist mir, daß Ihr Zwei miteinander die unglücklichsten Menschen von der Welt werden würdet.“

„Du bist von bewundernswürdiger Offenheit,“ bemerkte der Andere bitter. „Und von wannen kommt Dir dieses Wissen?“

„Es gehört nicht viel dazu, um zu begreifen, daß Ihr Beide ziemlich harte Steine seid, daß Du eine rücksichtslose, herausfordernde Natur bist, wie Emilie leidenschaftlich auf der einen und sentimental auf der andern Seite. Darin liegen alle Bedingungen, welche zur Erzeugung eines ewigen Krieges erforderlich sind. Und ich habe noch einen triftigeren Grund für mein 'Nein': die Abneigung meiner Mutter gegen Eure Heirath.“

Der Doctor lachte etwas wegwerfend. „Und das also würde bei Dir, bei dem Manne, der seiner besseren Einsicht gegenüber sich keinen Moment scheut, die höchste staatliche Autorität zu erschüttern, in die Wagschale fallen?“

„Das mag Dir inkonsequent erscheinen, mir nicht. Die Pietät der Familie hat ganz andere Wurzeln, als die gegen eine staatliche Autorität. Dort wirkt der elementare Zusammenhang von Blut und Leben. Was ist das Staatswesen? Eine Einrichtung, welche auf einem Vertrage zwischen Gleichberechtigten beruht. Was ist ein König? – Ein Symbol, der Repräsentant der Gesammtheit, an dessen Schmuck eine Nation so viel wenden soll, wie im Verhältnisse zu ihrer Macht und ihren Hülfsquellen steht. Ich gehorche hier, weil und soweit ich es für richtig halte, und es ist Verstandessache, die Grenze zu bestimmen. Mein Verhältniß zu meiner Mutter ist Gemüthssache.“

„Aber was um des Himmelswillen hat Deine Mutter gegen mich einzuwenden? Daß ich eine ungezogene Behandlung meiner Person – verzeihe mir den Ausdruck! – mit ein paar nicht minder ungezogenen Versen auf sie vergolten habe, kann doch eine so wichtige Frage nicht entscheiden!“

Karl Hornemann zuckte die Achseln. „Frauen sind darin eigenthümlich,“ sagte er. „Die Hauptsache aber ist ja, daß sie es im Familieninteresse für geboten hält, ihre Zustimmung zur Heirath mit Emilie Jedem – ausgenommen einen reichen Bewerber – zu verweigern. Du kennst ja wohl die Familientradition, auf der diese fixe Idee erwachsen ist?“

„Nur aus Andeutungen.“

„Die Geschichte klingt etwas romantisch. Es heißt, daß bei der Belagerung Wiens durch die Türken ein osmanischer Prinz, Ali, gefangen und später in den Norden des Reiches geschafft worden wäre, wo es ihm gefiel und wo er freiwillig verblieb. Er wurde Christ und vermählte sich, und meine Familie mütterlicherseits stammt, wie es heißt und wie irgendwo lagernde Papiere beweisen sollen, von ihm ab. Meine Mutter schwärmt im Hinblick darauf für eine angemessene Restauration unsrer äußeren Verhältnisse. Kannst Du ihr diese Idee ausreden und ihren Groll gegen Dich besänftigen – gut, so heirathet Euch, wenn Ihr durchaus wollt! Es ist menschliche Bestimmung, immer erst durch Schaden klug zu werden.“

„Du hast eine verzweifelt verständige Art zu raisonniren,“ meinte der Doctor verdrießlich. „Also auf Hülfe gegen Deine Mutter habe ich von Deiner Seite her nicht zu rechnen?“

„Gegen sie – nein!“ war die kühle Antwort.

„So will ich wenigstens versuchen, sie zu gewinnen.“

„Probire Dein Heil! Ich hoffe wenig davon.“

Eine Gestalt kam ihnen die Straße herauf entgegen, und als sie sich ihnen näherte, erkannten sie den Polizeicommissar. Der Doctor schritt auf ihn zu.

„Haben Sie die Vögel im Nest erwischt?“ fragte er mit affectirter Neugier.

„Das Nest war leer,“ antwortete ärgerlich lachend der Beamte, indem er vorübereilte. „Ich will nicht hoffen, daß die Vögel blos in Ihrem Kopfe genistet haben, Doctor.“




3.

Es war eine schwüle Zeit damals, besonders in den Rheinlanden – das weiß jeder, der sie mit vollem Bewußtsein erlebt hat, und auch mancher, der nur von ihr gelesen hat. Es gährte und brodelte im Verborgenen. Der Zorn einer Nation war im Aufschwellen begriffen und Diejenigen, welchen er galt, verstanden die Zeichen der Zeit nicht. Die Idee der Nation als eines in sich abgeschlossenen, bewußten Riesenkörpers, welcher mit empfindlichen Nerven bis in die letzten Glieder durchzogen ist, war etwas noch zu Neues. Erst die französische Eroberungszeit hatte die Idee lebendig gemacht, wie sie selbst aus derselben geboren war; diese Zeit erst, welche die Völker durcheinander warf, zerriß und wieder zusammensetzte, bis sie am Ende durchknetet und aufgereizt waren bis zum Kinde hinunter und aufstanden ein jegliches wie ein Mann, – sie hatte Volksbewußtsein, Volkswillen, das Vollgefühl einer Vollkraft erzeugt. Und gerade als es soweit war, da ging jene Giftsaat Roms auf, die Lehre von Thron und Altar, welche einander wider jede Gefahr zu schirmen vermöchten, und die Fürsten meinten, nachdem das Bündniß zwischen beiden geschlossen worden, nun könne der Absolutismus der Josephinischen Zeit von Gottes Gnaden die Völker weiter regieren. Aber die Giftsaat zeitigte Giftfrüchte. Was in Frankreich der Geist von 1793 zu wirken im Begriff war, der lebenskräftig wieder durch die Adern der Nation sprühte, das hatte in Deutschland die Eifersucht, die Furcht, der Hochmuth des Absolutismus heraufbeschworen mit seinen Verbannungen und Einkerkerungen, mit seiner Censur und Polizei. Noch ging es wie leichte Windwirbel erst durch das Land, Staub aufjagend und plötzlich verstummend, bald hier und bald da. [24] Seltsame Stimmen flüsterten in der Luft, aus dem Gesträuch, aus den Wänden, und sie predigten von Freiheit und Volksrechten; sie predigten das Wort der kommenden Erlösung. Im Verborgenen hie und da fanden sich jene Propheten, lautere und unlautere, welche vor einer gläubigen Gemeinde die heimliche Sprache der Zeit deuteten und sehnlich warteten, um auf den Dächern rufen zu können, wessen ihre Herzen voll waren.

Jene Windwirbel waren Gewitterboten, und im Westen blitzte es flüchtig auf. Aber der Sturm war noch nicht so nahe, wie die Propheten wünschten; denn man schrieb erst das Jahr 1847.

Die schöne Emilie in dem alten Hause auf der Canalstraße stand dem Allen nicht so harmlos gegenüber, wie Frauen sonst wohl einer politisch bewegten Zeit. Heute indeß, wo sie, müde von der durchwachten Nacht, in dem Stübchen hinterm Laden saß und vom Fenster in das friedliche Gäßchen hinab sah, welches sie im Mondschatten in Liebe und Herzensnoth durchwandelt hatte, dachte sie nicht an die unheimlichen, aufregenden Clubgeschichten, in welche ihr Bruder die kluge, großherzige Schwester einzuweihen pflegte und über welche sie patriotisch mit ihm schwärmte; heute hatte sie nur Gedanken für ihr eigenes jammervolles Schicksalsräthsel, und wie sie auch brütete und hin- und hersann, es wurde ihr nicht klarer deswegen.

Es war still in dem Stübchen mit seinen altmodischen Möbeln, mit dem braungebeizten, kattunbezogenen steifen Armsessel, in dem das schöne Mädchen wie eine farbige volle Blume saß, welche aus der Modererde eines Baumstumpfes erblüht ist. Das Farbigste an ihr war freilich heute ihr zartes rosa Sommerkleid und das schwarze Sammetband, das sie um den Hals trug. Ihre Augen waren matt und die Wangen trübe; das blonde, ungewöhnlich dicke Haar war nachlässiger als sonst zu jenem wunderlich hohen Geflechte aufgesteckt, wie es die Mode der Zeit liebte. Die Mutter, welche sich sehr unscheinbar trug, ging vom Laden ab und zu; nur selten fiel ein Wort zwischen Beiden, und dann sprach die Mutter in ihrem gewöhnlichen derben, kühlen Tone und erhielt regelmäßig eine einsilbige, zerstreute Antwort. Zuweilen, wenn sie hinausging, flackerten die Blicke der matten braunen Mandelaugen in nervöser Unruhe auf und verfolgten sie mit stummen Vorwürfen.

Das Fenster stand offen; die Sommerfliegen schwärmten, und die warme Luft der Straße zog herein. Emilie hatte den Arm auf das Fensterbrett gelegt und stützte müßig den Kopf in die Hand. Die Mutter hatte sie heute noch nicht gemahnt wie sonst, daß die Küche Menschenhände brauche und daß sie dieselben entbehre, wenn das Mädchen müßig im Lehnstuhle träume. Die alte Aufwärterin war längst da gewesen und hatte ihr Theil besorgt, und es war doch noch so viel zu thun übrig.

Die Küche! – Fünfzehn Jahre war Emilie alt gewesen und hatte in der rothbraunen, mit Bolus gestrichenen Küche, auf deren Fußboden der weiße Sand knirschte, gesessen und Aepfel schälen müssen, das Kleid aufgesteckt und die blaue Schürze über den Knieen; damals war er zum ersten Male als blutjunger Arzt mit dem Bruder in’s Haus gekommen, und geradewegs in die Küche. Gerade so keck war er aufgetreten und mit den nämlichen Feueraugen wie jetzt noch, und er hatte damals mehr Schalen zur Mutter gebracht als sie selber, und all’ ihr stummer Stolz hatte ihn nicht abgeschreckt, mit ihr zu scherzen. Das war schon fünf Jahre und länger her. Sie war inzwischen üppig aufgeblüht, und er war auch nicht mehr ganz derselbe, sondern herber, unruhiger, spröder geworden. Manchmal hatte sie in der letzten Zeit ein Gefühl gehabt, als liebe er sie gar nicht mehr mit der Leidenschaft, die ihn zu ihren Füßen geführt – damals – ja damals, als sie den Paradiesesgarten ihrer Liebe mit Zittern betreten hatte. War es ihr doch selbst zuweilen, als sei ihr Herz nüchtern wie ausgebrannte Asche. Nur wenn er vor ihr stand und sie mit seinen geheimnißvollen Augen so dunkel und brennend ansah und in ihr Ohr die berauschenden Worte flüsterte, die er zu sprechen verstand wie Niemand sonst, dann fühlte sie den Faden wieder, an dem ihre Seele flatterte wie der gefesselte Falter, welchen ein Knabe als Spielzeug fliegen läßt und wieder an sich zieht.

Und doch – war er wirklich der adelige Geist, als den sie ihn bewunderte und anbetete? War alles echt an ihm? Es war ihm so leicht, eine Stimmung zu zerreißen und eine andere zu wählen; sie vermochte nicht mehr in seinen Liebesworten gedankenlos und unbekümmert sich zu schaukeln. Ah bah! er war ein Mann, und Männer sind aus härteren Stoffen gebildet.

Sie wollte ihn anbeten. Was hatte jener Andere, der sie zu lieben versicherte, sich zwischen sie und ihren Willen zu drängen? Da stand er, mitten im Wege zu ihrem Glücke, wie vor ein paar Jahren schon, als wäre er ihr Verhängniß und unabweisbar, mit dem schlicht gescheitelten blonden Haar und dem etwas verschlossenen, klugen, ernsten Gesicht, mit den lichtblauen verlegenen Augen und der vorsichtigen Haltung des Tauben. Sie mußte ihren Haß um so mehr steigern, je mehr er persönlich dazu angethan war, ihn zu entwaffnen. Seine etwas harte, hastige Stimme machte sie nervös. Sie wollte ihn weder sehen, noch hören. Fort mit ihm!

„Ich wollte, er wäre todt,“ sagte sie halblaut vor sich hin.

Draußen kam Jemand durch den Hausflur, und sie erkannte ihn am Schritt und sprang auf. Es war ihr Bruder Karl, der wunderliche Mensch mit dem Käppchen und dem langen Rocke. Jetzt bei Tage sah man deutlicher, daß er höchstens in der Mitte der Dreißiger stehen konnte, und man sah noch etwas: daß er sehr große Hände und Füße hatte. Das Mädchen schlang die Arme um seinen Hals; er neigte sich und küßte ihr sanft die Stirne.

„Wo kommst Du her, Karl? Wart ihr die ganze Nacht über im Club? Und warum bist Du nicht schon vor ein paar Stunden gekommen?“

„Der Club ist gesprengt,“ sagte er mit seinem stillen Lächeln.

„Um Gottes willen, was ist geschehen?“

„Ruhig, Milli! Nicht für immer. Die Polizei war uns nur auf der Spur, und wir sind ihr vielleicht nur um eine halbe Stunde zu früh vor den Händen entwischt. Was schadet das? Unsere Sache schläft so wenig wie die Sonne, wenn sie des Abends unter den Horizont gesunken ist. Ich hoffe, daß wir in ein paar Wochen wieder beisammen sind; ich werde ein Wort im Vertrauen mit dem Oberbürgermeister reden, für jetzt aber ist jedenfalls die Gefahr schon beseitigt.“

„Und wo warst Du bis jetzt?“

Er lächelte wieder mit einer Mischung von Schalkheit und inniger Theilnahme im Gesicht. „Bei Jemandem, der Dich gern mit dem Trauringe an sich ketten möchte, Milli.“

Ein jähes Roth streifte über ihre Wangen, und ihr Auge sah ihn halb abwehrend und halb mit scheuer Frage an.

„Später!“ sagte er und wandte sich um.

„Willst Du nichts genießen, Karl?“

„Ich danke, Kind. Ich gehe auf mein Zimmer und arbeite. Die Medicin soll, so Gott will, auch bald fertig werden, und die Menschheit wird sie brauchen können, denn an Wunden wird es ihr nicht fehlen, wenn der Sturm durch das Land saust.“

Er verließ das Zimmer, und sie folgte ihm bald. Gewiß, es war der Doctor, mit dem er gesprochen hatte, gesprochen über das, was sie marterte seit Tagen nun schon. Sie stand in der Küche und wehrte mit dem Küchentuch die Fliegen von ihrer Arbeit, und sie kamen immer wieder – immer wieder und schwarz wie ihre Gedanken. – –

[41] Einen halben Tag später war es und die Gluth des Tages vorüber. Karl Hornemann hatte seit Mittag das Haus wieder verlassen, und es war Emiliens leisen Versuchen nicht gelungen, etwas von dem aus ihm herauszulocken, was sie zu wissen wünschte. Sie hatte das Kaffeegeschirr aus der Ladenstube in die Küche getragen und dort eine Weile sich beschäftigt. Als sie in die Stube zurückkam, saß in ihrem Lehnstuhle – Franz Zehren.

Der junge Fabrikant war allein, die Mutter jedenfalls im Laden nebenan, durch welchen er eingetreten sein mußte. Er erhob sich bei ihrem Erscheinen ein wenig linkisch und stellte eine Vase mit frischen Rosen schnell wieder auf das Fensterbrett, von dem er sie genommen hatte. Dann verneigte er sich leicht und stand, mit stummer Verlegenheit kämpfend, wie eine Bildsäule da. Das kam ihr komisch vor, und sie lachte sehr ungenirt. Zehren sah es; ein bitterer Zug ging um seinen Mund, und er sagte plötzlich hart: „Da ich kaum erwarten darf, daß Sie mir die Ehre Ihrer Aufmerksamkeit schenken werden, so gestatten Sie wohl, daß ich mich setze.“ Und er that es.

„Wie unverschämt!“ flog es von den Lippen der Ueberraschten. Dann wandte sie sich ab und murmelte. „Wozu schelte ich?“ Dieser Gentleman hört doch nichts davon.“ Der Ausdruck war übrigens bezeichnend genug. Zehren hatte in der That ein Gesicht, welches an einen jungen Engländer oder Amerikaner erinnerte, bis auf den Schnitt des Backenbartes sogar.

Was war über ihn gekommen? Sonst die unerschütterliche Sanftmuth, hatte er plötzlich die Laune, spitzig sein zu wollen, und sie hatte dagegen nicht einmal Waffen, denn mit einem tauben Menschen sich verständigen, geht wohl an, – sich mit ihm streiten, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Sie war zornig, daß es ihr verwehrt war, seine Ungezogenheit zu erwidern.

Emilie nahm am andern Fenster Platz, so daß sich Beide den Rücken kehrten. Da saß sie wohl fünf Minuten, biß sich auf die Lippen und schlug leise mit den Fingern auf das Fensterbrett. Sie hätte weinen mögen vor Zorn. Als die Mutter eintrat, ging sie wortlos aus dem Zimmer.

Sie wünschte, daß es wirkliche Abneigung gegen sie gewesen sein möchte, was ihm seine Aeußerung eingegeben, aber sie wußte es besser. Er war tief gekränkt; sie hatte ihn endlich so verwundet, daß er es sich merken ließ, und die schöne Emilie empfand das Gewöhnliche in solchem Falle: einen Triumph, in den sich ein wenig Mitleid und Reue mischte.

Er war ein armer Teufel, taub und verliebt und unglücklich. Wenn er nur nicht darauf bestände, sie heirathen zu wollen! –

Sie war in der Küche gewesen und hatte das Geländer in der Hand, um ihr Zimmer droben aufzusuchen. Da ging die Hausthür, und zwei Männer kamen auf sie zu – der Doctor und Karl Hornemann.

„Guten Abend, Milli!“ sagte der Letztere, und der Doctor wiederholte die Worte wie im Scherz und reichte ihr die Hand mit dem stolzen, überlegenen Lächeln, das ihr so sehr imponirte. Er küßte ihr die Hand sogar, wie er zuweilen that, und fragte, wie sie geruht habe. Sie erröthete und meinte: „Sie kommen ja heute so schwarz wie ein Rabe, Herr Doctor. Wollen Sie zur Leiche eines Menschen gehen, den Sie umgebracht haben?“ Dabei bebte sie vor Befangenheit und Herzklopfen.

„Möglich, daß ich in Kurzem etwas werde begraben müssen,“ meinte er mit Betonung, und sie erwiderte den Druck seiner Hand in der ihren.

„Geh' auf Dein Zimmer, Milli!“ sagte Karl Hornemann. „Ist die Mutter drin?“ Und er deutete auf die Thür der Ladenstube.

„Sicher ist Franz Zehren drin; die Mutter sitzt bei ihm oder sie steht im Laden.“ Sie war froh, als sie die Worte gesprochen hatte; die Kehle war ihr wie zugeschnürt, und sie eilte flüchtig treppauf, nur hörte sie noch, wie der Doctor sagte: „Das trifft sich ja herrlich. Auge in Auge!“

Frau Hornemann saß dem Fabrikanten gegenüber am Fenster; sie zog die Augenbrauen zusammen, als die Beiden eintraten, und warf einen unzufriedenen, fragenden Blick auf ihren Sohn. „Doctor Urban wünscht Sie zu sprechen, Mutter,“ sagte dieser ruhig. Während sich der Fabrikant erhob, um ihn zu begrüßen, blieb die alte Frau in starrer Ruhe sitzen und erwiderte des Doctors Verbeugung mit schwachem Nicken.

„Wir sind nicht so von einander geschieden, daß ich erwarten konnte, Sie wiederzusehen,“ sagte sie, und in ihrer Stimme klang es wie feindseliger Groll.

„Ich bekenne mich schuldig,“ entgegnete der Doctor, während er, um einen Anflug von Verlegenheit zu bemeistern, sich nach einem Stuhl umsah und den ersten besten herbeizog, um sich neben die Dame zu setzen. „Meine verehrte Frau Hornemann, ich bin in sehr vieler Beziehung ein Nichtsnutz, aber mein heutiges Erscheinen möge Ihnen beweisen, daß ich nicht unverbesserlich bin und daß ich weiß, was mir helfen kann. Ich darf den Umgang [42] mit edlen Frauen nicht entbehren und beklage nur, daß die besten und würdigsten sich so schwer herbeilassen, mit mir armem verpfuschtem Menschen Geduld zu haben. Werden Sie mir gestatten, wieder Gast in Ihrem Hause sein zu dürfen, wenn ich für meine Unarten feierlich Abbitte leiste?“

Die kluge alte Frau hielt seinen schmeichelnden Blick ruhig aus und sah so abweisend aus ihrer schwarzen Kappe, deren Bänder das Gesicht einrahmten, auf den neben ihr Sitzenden, wie zuvor. „Machen Sie sich keine vergebliche Mühe, Herr Doctor Urban!“ fuhr sie rauh heraus. „Ich kenne Ihre Absichten und habe nicht Lust, sie zu unterstützen. Ich kann Sie nicht hindern, meiner Tochter außerhalb meines Hauses zu begegnen – ich müßte ihr sonst das Ausgehen verbieten, aber in meinem Hause möchte ich Ihnen wenigstens keine Gelegenheit geben, das Herz einer Tochter gegen ihre Mutter einzunehmen.“

Eine zornige Röthe zog sich über die weiße Stirn des jungen Mannes, aber er bezwang sich. Wußte die alte Frau etwas von seinem heimlichen Verkehr mit Emilie, oder wollte sie nur auf den Strauch klopfen? „Ich verstehe einen Theil dessen nicht, meine verehrteste Frau, was Sie sagen,“ meinte er endlich ausweichend, „den anderen aber verstehe ich, nämlich daß ich Ihnen als Schwiegersohn nicht willkommen sein würde. Ich würde Ihre Gründe unbefangen würdigen, wenn Sie die Güte hätten, mir diese mitzutheilen.“

„Es wird genügen, wenn ich Ihnen sage, daß meiner Tochter Bräutigam dort steht,“ entgegnete Frau Hornemann heftig. „Karl, stelle doch gefälligst die beiden Herren einander vor!“ Sie machte eine rasche Handbewegung und stand dann auf, um in den Laden zu gehen, wohin keine Schelle sie rief.

Der Doctor warf seinen Stuhl zurück und trat ihr in den Weg. „Einen Moment noch, meine Gnädige!“ sagte er. Seine Augen blitzten und er biß die Zähne zusammen. Mit gedämpfter Stimme setzte er hinzu: „Ist es Ihre unwiderrufliche Absicht, mir den Weg zu Emilie abzuschneiden und mich zum Aeußersten zu treiben?“

„Ich bin eine schlichte Bürgersfrau und keine Gnädige, wenigstens nicht für Sie, Herr Doctor, und ich verstehe nicht, was Sie mit Ihrem 'zum Aeußersten treiben' sagen wollen. Ich hoffe, eine Mutter wird noch das Recht haben, zu bestimmen, was sie im Interesse ihrer Kinder für richtig hält. Und damit Gott befohlen! Karl, ich wünsche, daß Du mir Aufregungen ersparst, welche Du vorhersehen mußt.“

Der Doctor trat einen Schritt zurück und ließ sie passiren. Karl Hornemann kam zu dem Freunde, aus dessen Antlitz alle Farbe gewichen war und dessen Blicke Erbitterung sprühten. „Ich habe Aehnliches vermuthet, Heinrich, aber nicht, daß es so schlimm kommen würde. Was sie zu einem solchen Grade der Rücksichtslosigkeit gereizt hat, vermag ich nicht zu begreifen.“

„Bah!“ entgegnete der Arzt mit gewaltsamem Lachen, „zärtlicher konnte sie doch nicht sein. Vergelt's Gott!“ Aber nur einen Moment war er bügellos geworden, dann ließ die heftige Spannung seiner Züge nach; sein Gesicht hatte den röthlichen Ton von sonst, und er beherrschte sich wieder. Nur in seinem Auge war etwas Wirres, Flimmerndes zurückgeblieben, als er Karl Hornemann bat, den Herrn Franz Zehren zu fragen, ob er sich seiner noch erinnere, oder ihm anderen Falles seinen Namen zu nennen.

Dieser hatte während des ganzen Vorganges bei Seite gestanden und scheinbar mit schärfster Aufmerksamkeit zugehört, und er war froh zu bemerken, daß eine flüchtige Bewegung des Doctors ihm galt. Er trat hinzu und reichte diesem die Hand, der sie etwas erstaunt annahm. „Ich erneuere gern eine Bekanntschaft, welche mein unglücklicher Gehörmangel mich leider verhindern wird, recht zu genießen,“ sagte Zehren höflich, indem er ein Täfelchen und einen Stift aus der Tasche zog und beides dem Arzt hinreichte.

Ein diabolisches Lächeln glitt über dessen Gesicht, und der Blitz eines überraschenden Einfalls leuchtete ihm aus den Augen. Er ergriff Tafel und Stift und schrieb auf erstere die wenigen Worte: „Hüten Sie sich vor dem Polizeicommissar Donner! Bouche close! Ein Freund.“ Dann überreichte er sie mit leisem Nicken dem Fabrikanten und griff zu seinem Hut.

„Karl, um aller Heiligen willen, komm mit!“ sagte er dann rasch. „Ich muß auf die Straße, und ich muß einen Menschen bei mir haben; Du wirst mich begreifen.“

Karl Hornemann reichte Zehren die Hand und schüttelte sie kräftig, während dieser, der soeben die aufgeschriebenen Räthselworte gelesen hatte, mit ziemlich verdutztem Gesicht die Beiden anblickte. Der Doctor verneigte sich und ging zur Thür hinaus, während der Andere mit dem Finger in der Richtung des Wiedenhofes zeigte und den Namen des Hôtels mit den Lippen aussprach. Der Fabrikant nickte, indem er mechanisch die Tafel in die Brusttasche steckte, während bereits die Schritte der Fortgehenden im Hausflur erklangen. Der Bruder der schönen Emilie hatte nicht nöthig gehabt, zum Hute zu greifen; der Sonderling war wie verwachsen mit seinem Käppchen. Auf der Straße fiel er nur Fremden noch auf, denn die Einheimischen waren an seine Erscheinung gewöhnt; nicht einmal die Straßenbuben behelligten ihn, wohl aber gab es mehr als einen zerlumpten Jungen, der ihm aus freien Stücken die Hand reichte.

Karl Hornemann war ein Kinderfreund und einer jener Menschen, welche ihre linke Hand nicht wissen lassen, was die rechte thut.

„Ich will Dich zerstreuen helfen, Heinrich!“ sagte er draußen zu seinem Begleiter. „Ich habe ein paar ganz excellente Mittel probirt, um den Stoffwechsel zu beschleunigen, und Du sollst mir die Symptome deuten helfen, damit ich vorwärts komme mit dem Recept der Universalmedicin. Aloë nehme ich doch nicht hinein; ich habe mich jetzt entschieden, aber Angelica sicher und Safran auch.“




4.


Emilie Hornemann hatte inzwischen auf ihrer Stube droben gesessen und pochenden Herzens auf irgend ein Zeichen gewartet, das ihr Aufschluß geben würde über den Verlauf der Dinge drunten. Aber alles blieb still. Das Geräusch schwerer Güterwagen, grelle Töne einer Drehorgel und die Stimmen von Leuten, welche in den sommerlichen Straßen lustwandelten, all das drang durch einander schwirrend zum offenen Fenster herein. Sie hatte sich in das harte, massive Sopha geworfen, das Gesicht in eine Ecke gedrückt; sie empfand den Trieb, sich zu verbergen; am liebsten wäre sie tausend Meilen von dem Orte entfernt gewesen, in einer Einöde, wo nichts Lebendiges sich regte und kein Geräusch sie berührte.

„Ich liebe ihn doch,“ murmelte sie, „trotz allem und allem.“ Weiter hatte sie keinen Gedanken, und hätte sie etwas anderes denken wollen, es wäre vergebene Mühe gewesen.

So saß sie, und sie hatte die Hausthür endlich wohl gehen hören, aber es kaum beachtet. Nachträglich erregte dieser Umstand doch noch ihre Aufmerksamkeit; sie sprang auf und ging an's Fenster, und sie kam noch rechtzeitig, um den Doctor mit ihrem Bruder über die Kaiserbrücke schreiten zu sehen. Fort waren sie beide, und Niemand hatte sich um sie gekümmert. Ein bitteres Gefühl der Vereinsamung und eine jähe Ahnung des Geschehenen kam über sie. Die Stille des Zimmers war ihr plötzlich tödtlich peinlich, und sie eilte wie ein Kind, das im Dunkeln Gespenster hinter sich wähnt, die alte finstere Eichentreppe hinab.

In der Ladenstube stand wieder Herr Franz Zehren am Fenster und blickte sich um, als sie eintrat. Sie sah ihn mit ihren aufgeregten, verstörten Augen an, um in seinem Gesichte etwas lesen zu können, was sie erfahren wollte, aber sein Gesicht verrieth nichts; es war der alte melancholische Blick wieder, mit dem er sie empfing, den sie kannte und der ihr unerträglich war. Auch an der Mutter, welche gleich nachher aus dem Laden trat, war nichts Ungewöhnliches zu bemerken, nur wollte es die Tochter bedünken, als bewege sie sich hastiger als sonst wohl. Sie sprach kein Wort mit Emilie, sondern setzte sich mit Franz Zehren an das Fenster und unterhielt sich mit ihm in der heiseren Lippensprache, die man Tauben gegenüber anzunehmen pflegt.

Das junge Mädchen kämpfte mit Thränen und legte sich zu dem anderen Fenster hinaus. Auf der Gasse drunten spielten Kinder, und die grellen Laute kindlicher Lust hatten jetzt etwas Betäubendes für sie. Sie hörte kaum, daß die Mutter wieder hinausgerufen wurde; sie merkte nicht, daß Zehren sich erhob und in der Stube auf und nieder ging, bis er plötzlich hinter ihr stand, daß sie erschrak.

„Was wollen Sie?“ fragte sie feindlich und sah ihn mit ihren gerötheten Augen herausfordernd an. [43] “Sie hassen mich, Fräulein Emilie –“

„Hornemann heiße ich,“ unterbrach sie ihn, aber er hörte davon nichts.

„Ich weiß, daß ich Ihnen mehr zuwider bin, als der böse Feind, und dennoch habe ich nichts gethan, als daß ich Sie geliebt habe, und lieben werde ich Sie, so lange ich athme. Ich möchte wohl wissen, ob Sie ebenso lange im Stande sein werden, mich zu hassen.“

Ein Blick voller Verachtung glitt an ihm nieder, aber er ließ sich nicht aus der Fassung bringen. „Ich habe das Unglück taub zu sein, aber ich bin nicht blind, und Ihre Augen sprechen eine sehr deutliche Sprache. Nun wohl, Sie wollen nicht, daß ich glücklich werde, und ich würde selber darauf verzichten, sobald ich einsehen würde, daß ich, um selber glücklich zu sein, Ihr Unglück fordern müßte. So lange ich diese Ueberzeugung nicht habe, werde ich jede Waffe für erlaubt halten, um Sie zu besiegen, um Ihnen den Widerwillen gegen mich aus der Hand zu winden, zu dem Sie kein Recht haben. Sie behandeln mich, wie man eine Kröte behandelt, die man mit einem Fußtritte bei Seite stößt; das heißt über eine Grenze hinausgehen, deren Ueberschreiten mich auch von einer Summe von Rücksichten entbindet, die man sonst Damen gegenüber, um die man wirbt, zu nehmen pflegt.“

Sie war außer sich, als er ihr diese Worte ruhig, aber mit bitterem Ernste und großer Festigkeit sagte. Sie trat dicht vor ihn hin mit bebenden Lippen und zornigen Augen und sagte scharf accentuirt: „Mein Herr, Sie sind ein Komödiant und ein Narr dazu.“ Und sie wandte ihm den Rücken und schritt stolz wie eine zürnende Göttin aus der Stube.

Ein tiefer Schatten legte sich über sein klares Gesicht, als er allein war. „Ich lasse nicht von ihr,“ murmelte er; „einer Marotte, einer sogenannten Antipathie halber sicher nicht. Es wäre denn, daß ich etwas Anderes glauben müßte – –“

Oben saß die schöne Leidenschaftliche wieder, diesmal vor ihrem Schreibtische, und während sie heiße Thränen weinte, daß sie kaum das lichte Papier von ihnen frei zu halten vermochte, glitt ihre Feder über den Briefbogen. Einmal hielt sie inne und lehnte sich in den Stuhl zurück. „Der Tropf,“ sagte sie und schlug sich an die Stirn, „er thut, als wisse er nicht, daß er im Begriffe ist, mich unglücklich zu machen.“ Und sie lachte zornig auf und schrieb weiter; am Ende siegelte sie den Brief ein und schrieb die Adresse darauf: An Herrn Doctor Urban.

Franz Zehren war längst aus dem Hause, als sie mit dem Schreiben fertig war. Die Mutter, welche sonst beständig nach ihr rief, hatte sie nicht ein einziges Mal gestört. Sie nahm ihre Mantille um, band ein Filettuch über ihr üppiges Haar und ging leise durch den Hausflur auf die Straße. Als sie am Canale hinunter zur Kaiserbrücke kam, blieb sie einen Moment vor dem Eingange zu letzterer stehen, um eine offene Equipage vorüber fahren zu lassen. Die zwei prächtigen Apfelschimmel bäumten sich dicht neben ihr? und ein Blitz des Erkennens ging über ihr Gesicht. Gleich darauf erscholl aus dem Fond des Wagens ein „Halt!“ Der Kutscher auf dem Bocke zog die Zügel an und ein paar weiße Mädchenarme griffen aus dem Wagen, um die Freundin hereinzuziehen. Emilie schwankte noch, aber die frischen schwarzen Augen über ihr baten so dringend und unwiderstehlich, daß sie auf den Tritt stieg. Bald darauf rollte sie leicht, in dir Kissen zurückgelehnt, neben der Freundin die Kaiserstraße hinab.

„Das ist köstlich, Milli, daß ich Dich aufgefischt habe. Ich lasse Dich nicht los bis in die sinkende Nacht. Wenn man Dich nicht unversehens einfängt, so bekommt man Dich überhaupt nicht mehr zu sehen. Ich habe schon den Doctor Urban nach Dir gefragt, aber er will Dich seit vierzehn Tagen nicht gesehen haben und behauptet, Du beabsichtigtest Nonne zu werden, was ihm natürlich die höchste Freude sein würde.“ Und die frischen Lippen des zierlichen Wesens neben ihr lachten so lustig, und die Feder des Hutes auf dem schwarzbraunen Krauskopfe nickte dazu, daß es wie Sonnenschein in die Nebel über dem Herzen der wenig älteren Freundin fiel. Aber die Nebel zergingen nicht; der Name des Doctor Urban, den das Commerzienraths-Töchterchen genannt hatte, verdarb Alles.

„Mein Gott, da fahre ich nun mit, Toni, und wollte doch zur Post,“ sagte sie und richtete sich ängstlich auf. „Ich fahre auf jeden Fall nur bis an Euer Haus und steige dort aus.“

„Paperlapap! Ich schicke den Johannes auf die Post mit Deinem Briefe. Widersprich nicht! Vor all dem Lärme hier würde ich kein Wort verstehen.“ Und Lärm gab es wirklich genug; unter ihnen rasselte der Wagen, und neben ihnen vorbei klirrten und knarrten und rasselten andere Fuhrwerke, das ganze Getriebe der großen Fabrikstadt, und an einer Ecke stand die Drehorgel und spielte die Ouvertüre zu „Alessandro Stradella“ – es war kaum möglich, sich hier verständlich zu machen. Schweigend und nur hier und da einen Gruß erwidernd fuhren die Mädchen bis in den Hof des Commerzienrathes.

„Seyboldt und Compagnie“ stand auf dem großen messingenen Comptoirschilde, das die Thür eines Nebengebäudes im Hofe zierte. Aus der Thür aber stürzten ein paar Commis, um der Tochter des Hauses den Wagenschlag zu öffnen.

„Ist mein Vater da?“ fragte das junge Mädchen, indem es leichtfüßig aus dem Wagen sprang. Emilie folgte ihr.

„Soeben ausgegangen, Fräulein Seyboldt; der Herr Commerzienrath wollte aber in einer halben Stunde zurück sein,“ war die Antwort eines der jungen Leute, welchem die lange Feder keck zwischen den braunen Locken hervorstand.

„Ich danke, meine Herren; bemühen Sie sich nicht weiter! Johannes, trage die Sachen hinauf und melde der Tante, ich wäre im Garten. Noch eines – Emilie, gieb Deinen Brief! Johannes, er muß nachher gleich auf die Post kommen –“

Das Gesicht Emiliens glühte in verrätherischem Roth, und sie drückte ängstlich mit der Hand auf die Tasche des Kleides, welche den Brief enthielt. Sie dachte daran, welche Adresse der Brief trug, und sie war entschlossen, ihn um keinen Preis aus der Hand zu geben.

„Es hat keine Eile,“ sagte sie resignirt; „laß’ uns gehen!“ Sie vermochte in der Verwirrung keinen anderen Entschluß zu fassen, als den, vorerst zu bleiben.

Toni nahm ihren Arm, indem sie mit der einen Hand den Fächer entfaltete und eifrig benutzte. „Ich wußte, daß der Vater nicht hier war,“ flüsterte sie heimlich lachend und zog die Freundin mit sich, „sonst dürften unsere jungen Herren dort nicht so galant sein. Sie widmen mir insgesammt die zarteste Neigung, besonders Herr Pieper, der zweite Buchhalter mit den Locken. Aber warum siehst Du so ernst aus, Milli? Du bist zwar ein geborener Verstandeskasten, aber trübseliger habe ich Dich noch nie gesehen als heute. – Brr, alle meine Tauben! Sie werden ein Paar zum Geburtstage erhalten, mit rothen Bändern um den Hals, Herr Pieper, wenn Sie so fleißig weiter füttern.“

Ein Taubenschwarm umschwirrte sie – ein anmuthiges Bild, das elegante, lichtgraue Wohnhaus im Hintergrunde mit der breiten Treppe und dem hohen, luftigen, üppig mit wildem Weine bewachsenen Verandabaue darüber, vorn die sommerlich bunt gekleideten Mädchen in der Unruhe und dem Geflatter der Vögel. Seitwärts aber stand, der einzige noch von seinen Collegen, jener blutjunge hübsche Bursche mit der Feder hinterm Ohre, und lächelte glücklich mit einem Munde voll milchweißer Zähne und holte aus den tiefen Taschen seines Comptoirrockes eine Hand voll Erbsen nach der andern heraus, die er verschwenderisch auswarf. Wie verklärt starrte er der zierlichen Principalstochter nach, als sie, ihm zunickend, das Eisengitter aufstieß und leichtfüßig mit der Freundin im Garten verschwand. Dann fiel er sehr unsanft aus seinen Himmeln, denn drei Paar Hände zugleich trommelten an den Scheiben der Comptoirfenster, und als er sich umwandte, erblickte er drei lachende Gesichter zugleich hinter den Scheiben, welche ihn beobachteten. Er steckte die Daumen in die Westentaschen und ging mit dem unbefangensten Gesichte von der Welt in das Haus zurück.

Der Tag ging auf die Neige. Warme Sommerluft strich über die Rosenbeete im Garten und verstreute den Duft und raschelte hinten in den Laubbüscheln der dicken alten Linden, welche wie ein Kreis sehr ehrwürdiger Patriarchen in den sonst weit jüngeren Anlagen die Köpfe zusammensteckten. Zu beiden Seiten der Linden blitzte da und dort das Silber des Flusses auf, und darüber stiegen im blauen Abenddufte schon die Berglehnen der Umgebung empor. Rechts darüber konnte man das lange Fabrikgebäude sich hinstrecken sehen, aus dem ein gedämpftes Rauschen und Klappern herüberscholl; dichtes Gebüsch verdeckte das Erdgeschoß desselben vor den Besuchern des Gartens.

Die Mädchen gingen den breiten Kiesweg hinunter auf die [44] Linden zu. Toni riß im Vorübergehen einen Zweig mit zwei Centifolienknospen vom Stocke und sagte ernsthaft: „Er und sie! siehst Du, Emilie, sie stehen ein ganzes Stück auseinander, wie man glauben könnte, aber hier unten, da kannst Du es sehen, daß sie doch im Grunde ganz einig sind. So, das will ich Dir widmen, und Du kannst es hinter den Spiegel stecken. Uebrigens,“ fuhr sie scheinbar ohne Zusammenhang fort, „ich muß Dir doch sagen, daß der Doctor Urban sehr häufig bei uns ist.“

„Es ist doch Niemand krank bei Euch?“ fragte Emilie zerstreut.

„Hat man je so etwas gehört?“ rief Toni und lachte unbändig. „Nicht einmal eifersüchtig kann man sie machen. Wir sind so gesund wie Fische, abgerechnet, daß die Tante alle vier Wochen große Migräne hat, wie andere Leute große Wäsche, und dann liegt sie zwei Tage und eine Nacht zu Bett und läßt die Fenster verhängen. Sie hat freilich eine Schwäche für den Doctor, obwohl er sie nicht curiren will und sich weder um sie noch um mich viel bekümmert. Wir sind ihm jedenfalls zu dumm, dafür ist er mir aber auch zu hochmüthig und zu moquant. Ich laufe ihm gern aus dem Wege. Wie Ihr so gut mit ihm fertig werdet, begreife ich nicht – und Du zu allererst, – leugne nur nicht, Du Heuchlerin, wir wissen Alle, daß Ihr Zwei ineinander verliebt seid –“

„Toni, um's Himmels willen –“ Emilie versuchte ihr den Mund zuzuhalten, aber die Geschwinde entschlüpfte ihr.

„Natürlich, ich bin eine Plappertasche, das ist noch nicht anders gewesen, so lange ich mich kenne. Du weißt ja, daß mich Fräulein Austin in der Pension das Mühlrad getauft hat. – Hier stelle ich Dir Herrn Amor vor; eigentlich solltest Du mich ihm vorstellen, denn Du kennst[2] ihn besser als ich.“ Und das graziöse, lustige Mädchen machte vor einem prächtigen Amor in Marmor eine tiefe Kniebeugung. Inmitten der Linden befand sich eine Rhododendrongruppe. und aus dieser heraus hob sich ein geschliffener Granitsockel mit der Figur. Vor dem Sockel ging das Beet auseinander, so daß eine Gartenbank Platz fand, und die Bank war mit zerpflückten Rosen übersäet.

„Siehst Du, das sind Opferspenden, die ich dem reizenden Jungen bringe,“ meinte Toni, und ihre schwarzen Augen blitzten muthwillig, wie sie mit dem Fächer über die Bank fuhr, daß die Blätter auf den Kies hinabrieselten. „Was er für wunderhübsche Grübchen hat, und einen Mund zum Küssen! Ich hoffe nun, er wird mir sehr gnädig sein. Du mußt nämlich wissen, daß ich alle jungen Männer, die in unser Haus kommen, hierher zu bringen suche, damit es der arme kleine Gott bequem hat, mir den Rechten auszusuchen. Laß uns noch ein wenig gehen! Nachher begeben wir uns auf die Bank unter seinen Schutz.“

Sie gingen, und die schöne Emilie Hornemann war froh, sich so ziemlich selbst überlassen zu sein. Wie ein glitzernder Springbrunnen plätscherte das Geplauder des reizenden Geschöpfes neben ihr. Nur daß sie sich einiger verfänglicher Fragen zu erwehren hatte, denn Toni wollte durchaus wissen, ob es ihr anfangs sauer geworden sei, den Doctor zu küssen, und ob sie selber Aussicht auf einen Brautjungfernposten habe, und was dergleichen wissenswürdige Dinge mehr waren. Endlich wurde die Aermste einmal in ihrer Herzensnoth heftig, worauf ihre Begleiterin sie mit der Erzählung dessen strafen zu wollen erklärte, wovon der Doctor sich mit ihrem Vater zu unterhalten pflege. „Schauderhafte Dinge sind es, lieber Schatz,“ meinte sie geheimnißvoll. „Da soll es z. B. gähren und allerlei Kartoffelkrawalle geben, und dann ist von einem Guizot die Rede und einer schlechten Constitution – wer daran leidet, weiß ich nicht, es müßte denn die Tante sein. Auch Jesuiten kommen vor und Schweizer und Italiener, besonders ein sogenannter großer Mazzini, von dem der Doctor immer spricht, und Vater will mit Kanonen schießen, während sie der Doctor für sehr überflüssig hält und dabei meiner vollen Zustimmung gewiß sein kann,“ wie sie mit weiser Miene hinzufügte. „Kurz, wenn ich sie von weitem reden höre, so ist mir immer, als läse ich Räubergeschichten – wenn ich nämlich in die Nähe komme, so hören sie auf.“

„Sind sie denn einerlei Meinung?“ fragte Emilie gespannt.

Toni überlegte. „Ich glaube nicht. Sie schütteln viel mit den Köpfen, und ein paar Mal sind sie ganz heftig geworden. Verstehst Du etwa von ihrem Gerede etwas? Aber ich brauche ja nur an Deinen Bruder zu denken. Ich wollte, ich hätte auch einen, nur dürfte er keine so abscheuliche Troddelmütze aufsetzen und so lange Röcke tragen. – Prenez place, s'il vous plait, mon ange!“ Sie saß schon, indem sie das sagte, und stieß mit den Spitzen ihrer leinenen Rosettenstiefelchen den Sand auf, daß er hoch in die Luft stob.

Emilie mußte wider Willen lächeln. „Du weißt gar nicht, ein wie reizender Unband Du bist,“ sagte sie.

„Soso lala; es geht an. Die Welt weiß, daß ich eine Stumpfnase und einen zimmetfarbenen Teint habe. Ich erinnere mich nicht, daß ich viele Eroberungen zu verzeichnen hätte – das heißt wirkliche. Wäre Papa nicht Commerzienrath, so pfiffe kein Vogel nach mir. Nein, Du bist die Prinzessin Tausendschön. Emilie – ich sollte lieber Prinzessin Lilie sagen, das reimte sich, und Du bist wirklich so feierlich und glänzend, wie meine Lieblingsblume. Ich wünschte, daß ich nur einmal die Augenbrauen so zusammenziehen und so stolze Augen machen könnte, wie Du. Der Doctor kann es beinahe, aber er sieht so vornehm, wie Du, doch nicht aus. Wer hat nach mir, nach mir selber schon gefragt? – Und doch glaube ich, ich würde einen Mann sehr lieb haben können, Milli. Es ist mir wohl manchmal so eigen hier“ – und sie schlug sich mit dem Fächer auf die Brust – „so voll und süß und wunderlich. – Ich lieb' eine Blume, und weiß nicht welche – das macht mir Schmerz; ich schau' in alle Blumenkelche und suche ein Herz –“

Emilie bog sich zu ihr hinüber und hob leise den Kopf auf, den sie hängen ließ. Zwischen den dunklen Wimpern blitzte es feucht, und ihr schlanker Körper bebte leise in den Armen der Freundin. Aber einen Moment später lachte sie wieder, und plötzlich fühlte Emilie ein paar heiße Küsse, dann riß sich Toni von ihr los, sprang auf, und indem sie rasch dem Marmorknaben droben ein paar Nasenstüber versetzte, sagte sie: „Adieu, ich will ihm einige Rosen zum Opfer holen. Laß Dir die Zeit nicht lang werden, Milli!“ Und fort war sie.

Emilie spielte mechanisch mit ein paar Rosenblättern und horchte dann. Es war ihr, als ob der Schritt der Davoneilenden in einer anderen Richtung zu hören sei, als nach der sie den Weg genommen. Doch das war wohl eine Täuschung. In der Fabrik drüben schloß das Glockenzeichen die Arbeit ab; die Ausgänge führten auf eine Seitenstraße, indeß war der Lärm, welchen die abziehenden Arbeiter verursachten, stark genug, um ein schwaches Geräusch im Garten zu übertäuben.

Das unendlich Rührende und Reizende, was in der halb unfreiwilligen Gefühlsäußerung Toni's gelegen, hatte sie eigenthümlich ergriffen. Die Tochter des Commerzienrathes war ihre Pensionsfreundin, die sich, obgleich ein paar Jahre jünger als sie, mit nicht abzuweisender Innigkeit an sie angeschlossen hatte. Und wie verschieden waren sie beide geartet! – so verschieden, daß sich Emilie schwer würde haben entschließen können, sie zur Vertrauten zu machen. Die Versuchung dazu lag doch eben nahe genug. Nun saß diese wieder regungslos da wie Marmor, nur der Widerschein der verglimmenden Abendröthe überhauchte das schöne, blasse Gesicht mit wärmerer Farbe.

Da bewegte es sich hinter ihr. Von einer Linde löste sich eine dunkle Männergestalt los und trat auf sie zu. Sie sprang hastig empor und stützte sich in tödtlichem Schrecken auf die Lehne der Bank, bis sie ihn plötzlich erkannte – es war der Doctor Urban.

„Habe ich Dir Furcht eingeflößt, Emilie?“ fragte er, seine Ueberraschung bemeisternd. „Wie kommst Du hierher, Du, die ich hier zu allerletzt zu finden hoffen durfte?“

Sie sah ihn mit großen, prüfenden Augen an und erwiderte langsam: „Das möchte ich Dich fragen, Heinrich. Ich habe in meines Herzens Noth diesen Nachmittag auf ein erlösendes Wort von Dir gehofft, und Du hattest mir nichts zu sagen, und nun begegne ich Dir in dieser Umgebung, die, wie ich höre, eine besondere Anziehungskraft auf Dich übt, und in diesem Moment! Wenn ich nicht hier säße, Heinrich, sondern Toni Seyboldt, die Du statt meiner erwarten mußtest, was würdest Du ihr gesagt haben – – ah! das war ein dummer Einfall; halte mir meine Thorheit zu gute! Ich habe noch nicht an mir verzweifeln gelernt, um eifersüchtig zu sein. Möchtest Du mir nicht einen Brief an Dich abnehmen, Heinrich? Ich wollte ihn zur Post geben; nun macht es mir der Zufall bequemer.“ Und sie nestelte an ihrer Tasche, in welcher der Brief knisterte.

[72] Doctor Urban hatte ihr ruhig zugehört. „Ich dächte, noch bequemer wäre es, wenn Du mir mündlich sagtest, was darin steht, Liebste. Vielleicht hörst Du aber zuerst, was ich Dir wahrscheinlich auch schriftlich hätte sagen müssen, da Dein Bruder sich weigerte, die Mittheilung zu übernehmen. Mit der Hoffnung auf ihn ist es so gut aus wie mit derjenigen auf Deine Mutter. Sie hat mir Zehren als Deinen Bräutigam vorgestellt.“

„Ich ahnte es,“ stieß Emilie heftig hervor. „Und dieser Mensch – wisse es! – besitzt die Frechheit, mir in das Gesicht hinein zu erklären, daß ihm alle Mittel recht seien, um mich zur Ehe mit ihm zu zwingen. Dieser Mensch ist ein solcher Heuchler und so beschränkt zugleich, daß er sich geberdet, als wisse er nichts von unserm Verhältniß, und als würde ich ihm glauben, daß er nichts wisse. Ah! es ist sehr bequem, taub zu sein; es ist ein Vorwand, um das nicht zu wissen, was man nicht wissen will. Hier steht es, Heinrich“ – und sie zog den Brief hervor und zerriß ihn – „ich reiße die Bande des Blutes durch wie diesen Brief, wenn ich auf Dich rechnen kann. Sind diese Bande von unzerstörbarem Stoff? Nein, denn der Tod löst sie, und ich werde todt sein für die Meinigen, so lange sie es so wollen. Vielleicht daß ich Reue empfinden werde, später, irgend einmal. Was kann mich das jetzt kümmern? Ich weiß keinen andern Ausweg aus dieser Drangsal. Ich vertraue Dir Leib und Seele an, Heinrich; willst Du mich retten, wie Du geschworen hast?“

Vornehm-prächtig stand das schöne Mädchen da, mit den stolzen Augen und dem entschlossenen Ausdruck um den feinen Mund, die Rechte, welche den Brief zusammengeballt hielt, wie beschwörend gehoben, daß der weiße Arm in der Dunkelheit der Baumgruppe leuchtete – und den Doctor faßte eine trunkene Empfindung von Glückseligkeit. Er nahm die ausgestreckte Hand und zog die Herbe, Trotzige widerstandslos an sich. „Frau Venus,“ stammelte er, „ich bin Dir verkauft und zerschlage alle meine Götzenbilder, Freiheit, Constitution, Republik – ich weiß selbst nicht einmal mehr, wie sie eigentlich heißen – ich will Dich allein anbeten.“

„Sprich nicht so vermessen, Heinrich!“ sagte sie ernst; „das kann Deines Herzens Meinung nicht sein. Du mußt weiter wirken für die heilige Sache des Volkes, und ich werde Dir kein Hinderniß sein, sondern ein Sporn, wenn Du müde bist; ich werde es sein, die Dir Kühlung fächelt, wenn Dir heiß wird von der Arbeit.“

„Aber Dein Bruder?“ fragte er etwas ernüchtert. „Außerhalb seiner Organisation ist hier die Arbeit ein Unding, und es steht dahin, ob er mich neben sich duldet, nachdem Du unter solchen Umständen mein Weib geworden.“

Sie wollte antworten, aber es geschah in diesem Augenblick etwas Unerwartetes. Hinter dem Amor, in den Rhododendronbüschen klang es wie ein leises Rauschen gestreifter Blätter, und plötzlich fluthete ein Regen von Rosen und Rosenblättern über die Beiden, daß der Doctor erschreckt ein paar Schritte zurück trat.

„Was ist das?“

„Das ist der Segen des großen Gottes Amor!“ entgegnete eine verstellte tiefe Mädchenstimme hinter dem Sockel. Ein kurzes, lustiges Lachen folgte, und Toni sprang wie ein Reh durch die Sträucher.

„Alle guten Geister loben Gott den Herrn,“ sagte sie ernsthaft. „Das ist das erste Mal in meinem Leben, daß ich ein Tête à Tête überrasche. Guten Abend, Herr Doctor Urban!“

Die Beiden schüttelten sich die Rosen vom Kopfe und aus den Kleidern, und der Doctor verneigte sich lachend. „Ich denke, wir sträuben uns nicht mehr, liebe Milli, Fräulein Seyboldt dort einzugestehen, was sie weiß.“

„Sie werden doch jetzt nicht leugnen wollen, mein Herr?“ versetzte sie mit geheucheltem Erstaunen. „Aber was nun?“ fügte sie etwas beklommen hinzu, „gehen wir in das Haus hinein? Wenn ich recht vermuthe, so wollten Sie meinen Vater sprechen, und ich glaube, daß er zurückgekehrt sein wird. Kommen Sie! Ich bin die dame d'honneur und nehme Sie unter meine Flügel. Ich denke, jetzt sollen Sie mich endlich respectiren, Herr Doctor, und nicht mehr so en bagatelle behandeln. Ich weiß Ihr Geheimniß, und wehe Ihnen, wenn Sie mich reizen! Ich lasse es ausklingeln.“



5.

In den Gastzimmern des Wiedenhofes befand sich, wie allabendlich, ein etwas gemischtes Publicum, das sich in den nicht sonderlich eleganten Räumen hin und her bewegte. Der größere Theil desselben gehörte den höheren Classen der Gesellschaft an – Kaufleute, zumeist aber Männer, deren Aeußeres sie einer Beschäftigung zuwies, welche wissenschaftliche Bildung voraussetzte, dazwischen ein paar derbe Figuren aus dem wohlhabenden Bürgerstande. Die zahlreichsten Gäste umfaßte ein weitläufiger Raum, den eine Reihe von Balkenpfeilern in zwei Hälften schied; jede derselben war von einem dürftigen Kronleuchter erhellt, von denen der eine über einem Billard hing, der andere über einer gedeckten Tafel. Weiterhin füllten Spieltische den Raum, an den zwei Talgkerzen kenntlich, welche auf denselben standen.

Es war übrigens ein seltsamer Zug von Einheit, der durch dieses Publicum ging. Einem feinen und aufmerksamen Beobachter konnte es nicht entgehen, daß der Verkehr dieser Männer etwas Freimaurerhaftes hatte. Aber es gehörte, wie gesagt, besondere Aufmerksamkeit und ein gewisser Grad von Menschenkenntnis dazu, um dies zu gewahren. Gleichwohl war der Wiedenhof keineswegs das Local einer geschlossenen Gesellschaft, sondern ein Hôtel; es saßen ein paar Fremde unter den Gästen, welche Handlungsreisende zu sein schienen und sich deutlich von den andern unterschieden.

Sie waren jedoch schwerlich zum ersten Male Besucher des Wiedenhofes. Einer von ihnen, welcher sich durch ein ziemlich blühendes Gesicht mit sorgfältig abgezirkeltem Backenbärtchen auszeichnete und im Begriffe stand, das Fleisch eines Huhns von den Knochen zu lösen, wurde plötzlich von einem bebrillten älteren Herrn derb auf die Schulter geschlagen, welcher Letztere sich im Gegensatze zu jenem eines ungehemmten Bartwuchses erfreute. „Wieder einmal da, Räderchen?“ sagte der mit der Brille lustig. „Was macht Paris?“

„Ah, Sie sind’s, Herr Stadtsecretär? Nun, es amüsirt sich. Was soll Paris weiter thun?“

„Räder,“ murmelte der Andere mit dumpfer Stimme, „Paris tanzt auf einem Vulcane. Haben Sie nichts gemerkt?“ Und dabei zwinkerten seine Augen so drollig, daß man seine Worte für die größte Schelmerei halten mußte.

„Ach, Unsinn!“ meinte der Reisende, steckte seine Serviette fest und wandte sich wieder dem Huhne zu. „Ich bin alle vierzehn Tage einmal dort, aber ich will Schmalz heißen, wenn – ja so, da sitzt ja Einer im rothen Kragen. Nun, ich versichere Sie, Herr Stadtsecretär, daß die Leute gerade so dort tanzen, singen, in die Oper und spazieren laufen und fahren, wie sonst auch. Ich habe noch bei keiner schönen Pariserin irgend ein Mordinstrument bemerkt, ausgenommen die Dolche, welche sie alle in den Augen haben. Ein Völkchen, Herr Stadtsecretär! – es geht nichts darüber. – Wollen Sie einen Schluck Marcobrunner mit mir trinken?“

„Berauben Sie sich nicht! Ich muß zu meiner Partie drüben –“

„Ah, Sie spielen Whist –“

Der Stadtsecretär entfernte sich und schlug im Vorübergehen noch Jemanden auf die Schulter. „Was machen Sie denn einmal hier im Wiedenhofe, Herr Zehren?“ redete er den überrascht zu ihm aufblickenden Fabrikanten in der nämlichen heiseren Lippensprache an, deren sich alle dem Tauben gegenüber bedienten, wobei er sich ein wenig zu diesen; niederbog. Zehren richtete einen fragenden Blick auf den Secretär:

„Ich suchte Karl Hornemann. Ist er noch nicht hier anwesend?“

„Noch nicht,“ meinte kopfschüttelnd der Stadtsecretär; „er kommt aber sicher hierher.“ [73] Zehren nickte ihm zu, und der Andere ging zum Whisttische. Der Fabrikant saß ganz mutterseelenallein; auch er war in diesem Kreise sichtlich noch ein Fremder. Er blickte ziemlich tiefsinnig in das Weinglas, dessen Fuß er mit Daumen und Zeigefinger umspannt hielt, und bemerkte nicht einmal, daß er von einer Seite her aufmerksam beobachtet wurde.

In einer Nische saß der Polizeicommissar Donner mit dem Wirthe und einem Manne in den vierziger Jahren, der sich durch eine röthliche Nasenspitze und eine wahre Löwenmähne auszeichnete, letztere gleichfalls röthlich, aber bereits ein wenig mit Grau gemischt. Der Wirth zeigte den gewöhnlichen Typus von Leuten seines Gewerbes bis auf die Augen, welche ungewöhnlich schlau und vorsichtig unter dichten Brauen hervorfunkelten. Sie unterhielten sich über Zehren, den der Commissar beständig im Auge hatte wie ein Kater die Maus.

„Mit wie viel Leuten arbeitet er eigentlich jetzt?“ fragte der Letztere, zu dem Löwenmähnigen gewendet. „Wissen Sie das vielleicht zufällig, Herr Bandmüller? Er gehört nicht in meinen Bezirk.“

„Ein halb Hundert beschäftigt er wohl,“ meinte dieser. „Wir haben von uns aus manchmal Zuzug herüber und hinüber, da Seyboldt und Compagnie auch in Watte arbeiten, freilich nur in Baumwollwatte, von den Abfällen. Zehren hat Wollwatte, und das ist die gute. Seit sein Onkel todt war, ging es dort eine Weile drunter und drüber, und ich habe damals an die zwanzig Arbeiter für uns gekapert. Jetzt hat der die Sache wieder gut im Gange. Haben Sie etwas mit ihm vor, Herr Donner, daß Sie mich seinetwegen ausfragen?“

„Also er ist heute wirklich erst zum zweiten Male hier, Vater Schoner?“ fragte dieser jetzt den Wirth, die letzte Frage des Fabrikleiters von Seyboldt und Compagnie überhörend.

„Ich kenne ihn kaum,“ meinte Herr Schoner trocken.

Der Commissar hatte bisher noch nicht von den Beiden erfahren können, was er wissen wollte. Er beschloß, direkter auf sein Ziel loszusteuern.

„Halten Sie ihn wirklich für einen solchen Schlaukopf, Herr Bandmüller, wie die Leute sagen? Sie müssen das doch sicher wissen. Was mich betrifft, so behaupte ich, daß er ein erzdummes Gesicht hat.“

„Verkaufen Sie sich nicht, Herr Donner!“ sagte Bandmüller mit hochaufgezogenen Augenbrauen. „Er ist ein verdammter Amerikaner, und da drüben lernt man Pfiffe und Kniffe, von denen Sie und ich nichts wissen.“

Der Wirth wurde gerufen und verließ den Platz, worauf der Commissar näher zu dem Fabrikleiter heranrückte. „Sie mögen Recht haben; diese Amerikaner sind gerade solche Racker, wie gewisse Franzosen, die sich hier herum sehen lassen. Haben Sie Indicien, Zeugnisse für Ihre Ansicht?“

Bandmüller zuckte die Achseln.

„Unter uns,“ fuhr der Commissar flüsternd fort; „glauben Sie wirklich, daß er taub ist?“

„Oho!“ lachte jener. „Sie können ihm eine Kanone vor den Ohren abschießen, und er blinzelt nicht, Herr Donner.“

„Nun, so sollen Sie sehen, daß ich doch noch schlauer bin, als ein Amerikaner,“ sagte Donner mit überlegenem Lächeln, indem er sich plötzlich erhob und möglichst leise und unbefangen an der Wand hinschob, bis er hinter dem Fabrikanten stand. Er ging dann langsam die paar Schritte bis hinter dessen Stuhl und bog sich mit dem Munde ganz dicht an das rechte Ohr Zehren’s. Hier sagte er leise, sodaß keiner der Nahesitzenden es zu verstehen vermochte: „Im Namen des Gesetzes: ich verhafte Sie.“

Franz Zehren kehrte sich mit einer jähen Wendung um und starrte etwas verblüfft in das triumphirende Gesicht des Beamten. Der warme Hauch von dessen Munde hatte ihm gesagt, daß ein Mensch dicht hinter ihm stehe, und nun erblickte er einen Polizeibeamten. „Was wünschen Sie, mein Herr?“ fragte er höflich, indem er aufstand und seine Tafel mit dem Stifte aus der Tasche zog.

„Incommodiren Sie sich nicht!“ fügte mit pfiffigem Lächeln der Commissar hinzu. „Ich wollte blos sehen, ob Sie wirklich so schwerhörig sind, wie die Welt glaubt.“

„Ich verstehe Sie nicht,“ meinte Zehren und hielt ihm die Tafel hin, ohne diese in’s Auge zu fassen. „Ich habe das Unglück, taub zu sein. Wollen Sie die Güte haben, mir auf diese Tafel zu schreiben, was Sie mir sagen möchten?“

Der Commissar blickte, betroffen über die Geistesgegenwart, wie er meinte, auf die Tafel und bemerkte, daß auf derselben einige Worte geschrieben standen. Er las im Fluge die Uriaswarnung, welche der Doctor Urban darauf geschrieben hatte und die Zehren zu löschen vergessen. Im nämlichen Augenblicke kam diesem auch die Erinnerung an die aufgeschriebenen Worte, als er die gierig lesenden Augen des Beamten sah, den er nicht kannte, in dem er aber mindestens einen Verräther zu fürchten hatte, und blitzschnell zog er das Täfelchen an sich. Seine Verlegenheit und die Eile, mit der er jene Worte verwischte, war zu augenscheinlich, als daß sie nicht hätten beitragen sollen, den Triumph Donner’s zu vervollständigen.

Der Commissar schlug die Arme übereinander und starrte ihn mit unverschämtem Lachen an. Dann legte er ihm die Hand auf die Schulter und wiederholte: „Hüten Sie sich vor dem Polizeicommissar Donner! Ein Freund.“ Er ging in die Nische zurück, während Zehren ihm mit feuerrothem Kopfe nachblickte.

„Sie scheinen sich verdammt gut mit ihm unterhalten zu haben, Herr Donner,“ empfing Bandmüller den Zurückkehrenden.

Der Commissar sah ihn mit überlegenem Mitleid an. „Amtsgeheimnisse, bester Herr Bandmüller,“ sagte er in geschäftsmäßigem Tone. „Wenn Sie morgen wieder hier sind, sollen Sie Näheres über den Vorfall hören.“

„Ich hoffe, Sie bekehren sich morgen noch zu dem Glauben, daß er taub ist wie eine Otter,“ lachte der Fabrikleiter und zeigte einen Mund voll wahrhaft gräulich langer Zähne zwischen seinem Urwald von Bart. „Daß Dir der Teufel die Haut in Riemen herunterschneide, verdammter Spion!“ knurrte er für sich, indem er dem abgehenden Donner einen bösen Blick nachwarf. „Ah, da ist ja der Pascha!“

Während der Commissar sich in den dunkelsten Hintergrund des Zimmers zurückzog, war Karl Hornemann, der „Pascha“, in das Zimmer getreten. Die Art, wie sein Eintritt bemerkt wurde, bewies, daß er in diesen Räumen eine Art Respectsperson war. Der Wirth zuerst, aber auch eine ziemliche Zahl der Uebrigen näherte sich ihm sofort, um einen Händedruck und einen Blick des Einverständnisses mit ihm zu tauschen. Er hatte für Alle das nämliche milde Lächeln und ein paar freundliche Worte. Karl Hornemann sah überhaupt aus, als ob er wohl lächeln, aber nicht eigentlich lachen könnte; es lag ein stiller Schleier über dem Wesen des seltsamen Mannes, wie der Sonnenduft des Mittags über einem Alpenthale, der zuweilen die Landschaft vor dem Auge des Bergsteigers verklärt.

Der Wirth zog ihn endlich ein Stück seitwärts mit sich und flüsterte ihm hier eifrig etwas zu, was Karl Hornemann veranlaßte, flüchtig aber aufmerksam einen Ecktisch in der Nähe der Billardqueues zu mustern. Dort saßen zwei Männer, welche beim Weine leise mit einander sprachen; der eine, ein Hüne von Gestalt, ein breiter Nordlandsrecke mit flachsfarbenem Lockenhaar, der sehr lebhaft gesticulirte, der andere, ein schmächtiger junger Mann, mit dem gebräunten Teint des Südländers und sorgfältig gepflegtem schwarzem Schnurrbärtchen, Beide sonach in diesem Kreise ziemlich auffällige Erscheinungen.

„Sie hätten sie auf keinen Fall in die Wirthsstube hereinlassen sollen, Vater Schoner. Wenn Donner sie sieht, den ich oben beim Fenster bemerkt habe, so ist der Geier los.“

„Der Große wollte durchaus herein, Karl; ich konnte ihn nicht oben halten.“

„Dieser Mann wird niemals klug werden; er ist eine ehrliche, treue Seele voll reinen Wollens und urwüchsiger Kraft, aber man läuft beständig Gefahr, von ihm compromittirt zu werden. Die Beiden müssen sofort auf ein Zimmer hinauf; ich darf sie hier nicht sprechen, auf keinen Fall.“

Im nämlichen Augenblick war Karl Hornemann von dem Hünen gesehen worden, der plötzlich aufsprang und seinen Gefährten beim Arme vom Stuhle zog. Der Pascha runzelte die Stirn und legte den Finger auf den Mund, indem er mit der andern Hand eine abwehrende Bewegung machte. Er flüsterte dem Wirthe noch über die Schulter zu: „Sagen Sie, ich käme sofort nach!“ und trat dann mit ein paar raschen Schritten in [74] den Nebenraum. Hier bemerkte er Zehren, welcher sich erhoben hatte. Er nickte ihm freundlich zu und ging um die Tafel zu dessen Stuhl hin.

„Hast Du den Doctor Urban nicht mitgebracht, Karl? fragte Zehren, der noch immer etwas verstört aussah. „Seid Ihr nicht die Zeit her zusammen gewesen?

„Er hatte dem Commerzienrath Seyboldt versprochen, heute Abend mit ihm der Union einen Besuch abzustatten; vielleicht daß er später nachkommt,“ bedeutete ihn jener in der gewohnten Lippensprache.

„Ich habe Unglück gehabt, wenn ich es so nennen soll. Du mußt es wissen; vielleicht erfahre ich durch Dich, was die ganze Sache zu bedeuten hat. Urban hat mir diesen Nachmittag eine Warnung vor dem Commissar Donner auf meine Tafel geschrieben und nun sage, wer ist dieser Polizeibeamte da?“ und damit winkte Zehren mit den Augen zu dem Commissar hinüber.

Karl Hornemann nickte fast unmerklich und flüsterte dessen Namen, indem er sein Gegenüber mit Spannung betrachtete.

„Nun,“ fuhr Zehren heftig fort, „vorhin redet mich derselbe Mensch plötzlich an; ich reiche ihm, wie ich bei Fremden gewöhnt bin, meine Tafel, und – er liest die Worte.“

Die Augen des Pascha schweiften unsicher durch den Raum vor ihm, und nur der heftige Druck, mit dem er Zehren's Arm ergriffen hatte, verrieth, daß ihn dessen Mittheilung beschäftigte. Endlich gab er demselben einen Wink, der verstanden wurde. Franz Zehren nahm wieder die Tafel unterm Rocke hervor, und Karl Hornemann schrieb mit wunderlich krausen, aber sehr deutlichen Schriftzügen darauf: „Wenn Dir etwas passirt, schicke sofort einen Boten an mich! Uebrigens mache Dir keine Sorge!" Er wartete, bis der Andere die Worte gelesen hatte, dann fuhr er mit dem Finger darüber, bis er die Ueberzeugung gewonnen, daß kein Buchstabe mehr lesbar sei. Eben verschwanden die beiden Fremden in der Thür, die der Wirth geräuschlos hinter ihnen schloß, während zugleich sein Auge Karl Hornemann suchte. Dieser lehnte zerstreut die Einladung Zehren's, sich zu setzen, ab.

„Warum hast Du mich eigentlich wieder in dieses merkwürdige Gemisch von Leuten geführt, unter denen ich Verschiedenen durchaus nicht zu begegnen Lust habe? Da hinten sehe ich z. B. einen von den Leuten des Commerzienrathes, der mir in innerster Seele fatal ist. Er macht auf mich durchaus den Eindruck der Rohheit und Heimtücke. Ich verkehre, offen gestanden, viel lieber in der Union, und ich kann mir Deine Anwesenheit hier nur aus nachbarlichen Gründen erklären.

Karl Hornemann sah ihn mit seinen ruhigen, stillen Augen an und schob sein Käppchen etwas weiter die hohe Stirn hinauf. „Es thut mir leid,“ schrieb er auf die Tafel des Tauben, „daß ich mich Dir im Augenblicke nicht so widmen kann, wie ich wollte. Es sind hier Fremde, mit denen ich dringend zu reden habe. Ich werde Dir aber Gesellschaft holen; einen Augenblick Entschuldigung!“ – und er ging an einen Tisch, an dem Whist gespielt wurde, und sprach zu einem kleinen, grauköpfigen Herrn mit echtem Geheimrathsgesichte wenige Worte, welche diesen veranlaßten, die Karten bei Seite zu legen und ihm zu folgen. Karl Hornemann nahm abermals Stift und Tafel und schrieb auf die letztere: „Abraham Swering, unser neuer amerikanischer Consul –“

Zehren verneigte sich tief, und der Pascha schritt, die beiden Männer sich selbst überlassend, an dem Wirthe vorbei. „Im Jenny-Lind-Zimmer,“ flüsterte der, worauf jener hinaus ging und treppaufwärts stieg.

Das Jenny-Lind-Zimmer hatte seinen Namen zum Andenken daran erhalten, daß die schwedische Nachtigall es bei einem Besuche der Stadt bewohnt hatte; es war selbstverständlich das Prunkzimmer des Wiedenhofs. Es hatte eine Fülle von soliden alten Möbeln aufzuweisen, worunter sich die Sitzmöbel durch auffallend hohe Polsterung und helle, großblumige Kattunüberzüge auszeichneten; in einem ähnlichen Muster waren auch die Tapeten gehalten; die Dielen waren mit dicken Teppichen belegt. Weiße, breite, auf dem Boden schleppende Gardinen vervollständigten den altväterisch-pompösen Eindruck dieser Räumlichkeit.

Als Karl Hornemann eintrat, waren sämmtliche Gardinen zurückgeschlagen und die Fenster geöffnet. Auf dem Tische brannten ein Paar gewaltiger silberner Armleuchter. Der Hüne lag der Länge nach auf dem Sopha, und seine hohen, nicht sehr saubern Ungarstiefeln verriethen wenig Pietät vor der großen Erinnerung, der dieses Zimmer geweiht war, denn sie bohrten sich rücksichtslos in die eine Sophalehne. Der kleinere, dunkelfarbige Begleiter schien auf einem Spaziergange durch die Stube begriffen zu sein, wobei er die Hände auf dem Rücken zusammengelegt hielt.

„Hurrah!“ schrie der auf dem Sopha, indem er aus seiner Lage aufsprang und Karl Hornemann um den Hals fiel, denselben herzhaft abküssend. „Alter Junge, was machst Du für eine verdammte Geheimthuerei, wenn unsereiner einmal hier in Euer Krämernest einfällt! Ich denke, Ihr habt hier das gelobte Land, weil Euch die Tyrannenknechte selber die Stange halten? He? oder sind unsere Nachrichten falsch?“

„Mensch, schrei' uns doch nicht die Brandspritzen vor die Thür!“ sagte der also Bewillkommnete lächelnd und warf dabei einen fragenden Blick auf den Dunkelfarbigen, den der mit Harro Angeredete indeß nicht sofort zu bemerken schien. „Wo hausest Du denn jetzt auf der Gotteswelt? Ich suchte Dich noch in Amerika.“

Der Hütte hob beide Arme auf und declamirte mit Begeisterung:

„Wenn Tyrannen fragen:
Wo ist Absalon?
Magst Du ihnen sagen,
Daß er hänge schon.
Aber nicht am Baume,
Noch an einem Strick,
Sondern an dem Traume
Einer Republik.“

Karl Hornemann lächelte wieder und sagte mit einer Handbewegung auf den Fremden zu: „Ich denke, die Herren werden gewöhnlich doch noch ein weniger luftiges Plätzchen bewohnen.“

„Ja so, ich habe Dir hier Herrn Pseudonymus Schneider mitgebracht, Geheimsecretär des großen Unbekannten in London; spricht Deutsch und ist für die Tyrannen aus Hinterpommern gebürtig, für uns hingegen aus Mailand. Karl Hornemann, Pascha und Volkstribun zugleich, ein Meerwunder.“

Der Italiener machte seine ceremoniöse Verbeugung, und seine scharfen schwarzen Augen glitten dabei prüfend über die neue Bekanntschaft hin, als wollten sie das Bild Karl Hornemann's fest in's Gedächtniß prägen. „Ich hatte bereits zweimal die Ehre, Ihnen zu schreiben,“ sagte er mit nur wenig fremdklingendem Accent.

„Kommen Sie direct von Mazzini, mein Herr – Schneider?“ fragte Karl Hornemann.

„Auf Umwegen,“ lautete die mit verbindlichem Tone gegebene Antwort, welche der Hüne in seiner derben, polternden Weise ergänzte:

„Wir haben die Pariser Clubs unsicher gemacht. Die Kerle sind feige. Mit der Zunge schlagen sie dem Satan ein Bein ab, aber wenn man sie fragt, wann die Bombe eigentlich in's Platzen kommen soll, dann ist es immer noch nicht Zeit. Die Rothen sind die Einzigen, auf die ich noch etwas gebe; wenn sie nur bessere Führer hätten. Der Louis Blanc ist ein Mordkerl, aber er fischt auch am liebsten erst, wenn Andere den Teich abgelassen haben. Diese Andern aber wollen bessern, flicken und noch einmal flicken. Sie glauben ein gutes Werk zu thun, wenn sie alle Schandthaten an's Licht ziehen, welche unter den Fittichen der Tyrannei ausgebrütet wurden, aber die große Schlafmütze des Orleanismus deckt sie wieder zu, und es bleibt doch alles beim Alten. Und diese furchtbaren Reformbankets, hahaha! – der Riese lachte, daß das Zimmer scholl – „als ob man Revolution machte, wenn man gut ißt und trinkt!“

„Und Lamartine? fragte aufmerksam Karl Hornemann.

„Geh mir mit Lamartine!“ war die wegwerfende Entgegnung. „Er hat kein Rückenmark, nicht für drei Schillinge. Ich sage Dir, Karl, er und seine Art, die rühren alles, was gesammelt einen Schlag wirken müßte, zu einem großen Brei auseinander, und der Spiritus fliegt heraus. Der Bourgeois sitzt ihnen allen in den Gliedern, und eine Philisterrepublik, wie jene sie zu Stande bringen würden, ist nicht werth, daß man sie an den Galgen hängt.“

„Du weißt, denke ich, daß ich nicht auf alle Fälle Republikaner bin, Harro. Wenn ich einen constitutionellen König haben kann, so ist er mir lieber, als der Tummelplatz für die Machtgelüste von Tausenden, den man Republik nennt.“

Der Italiener hatte bisher zugehört, ohne eine Miene zu [75] verziehen. Jetzt sagte er einfach: „Sie werden zu dieser Republik greifen müssen.“

„Warum meinen Sie das?“

Der Geheimsecretär Mazzini’s blickte einen Moment zu Boden. „Glauben Sie, daß wir in London sichere und prompte Rapporte von den Höfen der continentalen Großmächte haben?“ fragte er dann.

„Ich habe mich immer zu dem Glauben geneigt, daß nicht viel Cabinete durch ihre Gesandten so gut informirt sind, wie Mazzini durch seine Leute.“

„Nun, dann nehmen Sie die Versicherung, daß Ihr König den Volkswünschen nicht nachgeben wird, und daß Sie darauf werden verzichten müssen, einen constitutionellen König zu haben.“

Die Einfachheit und Bestimmtheit, mit der diese Worte gesprochen wurden, blieb auf Karl Hornemann nicht ohne Wirkung. Er sah betroffen auf den Italiener, gewann aber sofort seine ruhige Haltung wieder. „Sie mögen im Rechte sein,“ meinte er. „Viel Hoffnung haben wir nicht. Allein der König hat bisher nur den Volkswillen, aber noch nicht die Macht des Volksdruckes erfahren. Wir werden abwarten, ob wir an diesen werden appelliren müssen, und wir werden dann erst wissen, welche Regierungsform die unsrige sein wird.“

Der Italiener lächelte überlegen. „Vor vierundzwanzig Stunden ungefähr hatte der König eine Unterredung mit dem österreichischen Gesandten, in welcher er ihm die formelle Versicherung, für Metternich bestimmt, abgab, daß er völlig auf seine Truppen zähle und zählen könne und daß er nie dem Volke gestatten würde, der Krone etwas abzutrotzen, was auf die principielle Stellung derselben im Staate verändernd einwirken würde. Sie sehen, daß Sie die Republik haben werden, Herr Hornemann.“

„Nous verrons,“ sagte Karl Hornemann trocken und zuckte die Achseln. „Könige sind nicht unverbesserlich.“

Der Hüne ließ sich in das Sopha fallen, daß es in allen Federn ächzte, und hing die Beine über eine Stuhllehne. „Könige und immer Könige!“ brummte er ärgerlich. „Wie ein Mensch vom Wiener Congreß bis heute gelebt haben und noch von Königen reden kann, das begreife, wer will!“ Dann lachte er für sich.

„Und als ich über die Alpen kam,
Da hörte ich Deutschland schnarchen;
Es lag und schlief in guter Hut
Von sechsunddreißig Monarchen.“

„Das gäbe rund sechsunddreißig Constitutionen und eine große Reichsconstitution dazu. Geh zum Teufel mit Deinem Glauben an Constitutionen!“

„Ich möchte Ihnen einen Hauptgrund nicht vorenthalten, warum wir die Republik wünschen müssen,“ fuhr der Italiener fort, und seine Sprache wurde wärmer. „Es wäre das die einzige Garantie dafür, daß Nationen, welche die Kraft nicht in genügendem Maße zu finden vermögen, um ihre Ketten abzuschütteln, dennoch Erlösung von ihrer Schmach zu finden hoffen dürfen. Eine Nation, die einen König hat, wird nie zur Entthronung von Königen beitragen. Wer ein Herz hat, das für alle seine Menschenbrüder schlägt, wem die Faust zuckt, wenn er den Nachbar gemißhandelt sieht, getreten und geknebelt, der, mein Herr, kann den Constitutionalismus nicht für das halten, was die Zeit braucht. Die Republik ist die Barmherzigkeit, die Liebe, die Humanität; der Constitutionalismus ist die Beschränktheit, die Selbstsucht.“

Karl Hornemann schüttelte leise den Kopf. „Das wäre zu beweisen,“ sagte er, und mit einem feinen Lächeln fügte er hinzu: „Vergessen Sie nicht, mein Herr, daß Ihr Asyl England heißt!“

„Wir sind nicht undankbar,“ erwiderte der Geheimsecretär gewandt ausweichend, „aber wir rechnen mit der Thatsache, daß es England war, welches Amerika zwang, die Aera der Revolutionen zu begründen.“

„Possen!“ schrie Harro, indem er dem Stuhl einen Tritt verabreichte, daß er in das Zimmer hineinflog. „Fangt nicht mit Spitzfindigkeiten an, Kinder! Die Zeit der Länder ist vorbei, und die Zeit der Völker beginnt. Wo es nur Länder giebt, da sind Könige nöthig, meinethalben mit Knute und Kantschu oder Constitutionen, Völker aber, Karl, Völker haben eine einzige passende Regierungsform: die Republik. Laßt den Spectakel nur erst losgehen, und dann seht, wo Eure Constitution bleibt! Die Republik kommt von selber.“

„Ich glaube nicht, daß Sie viele Gesinnungsgenossen unter den deutschen Patrioten haben,“ sagte jetzt der Italiener wieder, indem seine Stimme einen melancholischen Klang annahm, „und ich hoffe, daß die Ereignisse Ihre Ansichten umgestalten. Die meisten Ihrer Landsleute, welche ich persönlich zu kennen die Ehre habe, sind begeisterte Republikaner. Und wir, mein Herr, werden alles thun, um eine französische, eine deutsche Republik mit Einschluß des deutschen Oesterreichs zu erzielen; wir müssen es, denn wir wollen ein freies Italien. Wissen Sie, mein Herr, was Sbirren und Pfaffen sind? Kennen Sie die Tiefe, bis zu der eine Nation durch sie hinabgezerrt werden kann? Haben Sie einen Begriff davon, was römische und neapolitanische Folterkammern sind?“

In diesem Augenblicke klopfte es an die Thür, und der Italiener entfärbte sich ein wenig, während Karl Hornemann die Thür öffnete. Es war der Wirth, der eintrat. „Was giebt’s, Vater Schoner?“ fragte der Pascha.

Statt aller Antwort überreichte ihm der Wirth mit verständlichem Augenblinzeln einen Brief, dessen Siegel Hornemann sofort erbrach. Er überlas wenige Zeilen und sagte dann mit einem Gemisch von Bitterkeit und Verachtung auf seinem sonst so leidenschaftslosen Gesicht: „Sie müssen fort, meine Herren. Ich habe von vertraulicher Seite die Nachricht in den Händen, daß soeben der Polizei Ihr hiesiger Aufenthalt signalisirt worden ist. Unsere Unterredung ist zu Ende.“ [86] Harro fluchte wie ein Türke. Der Italiener aber trat auf Karl Hornemann zu, erfaßte mit Wärme seine Hände und sprach im Tone tiefer Erregung: „Mein Herr Hornemann, ich habe den Wunsch, Sie Bruder nennen zu können. Leihen Sie Ihren Arm der Schöpfung einer deutschen Republik und eines freien und einigen Italiens! Lassen Sie uns in diesem Sinne sagen: auf Wiedersehen!“

Die braunen, treuen Augen des Pascha suchten das Fenster, zu dem die laue Nachtluft hereinströmte. „Vielleicht,“ sagte er zögernd.

„Nun,“ sprach blitzenden Auges der Italiener, und ließ die erfaßten Hände los. „Wir werden dafür sorgen, daß Ihr König verschmäht, um eine Constitution zu pactiren; wir werden das Unsrige thun, damit Ihr 'Vielleicht' zu einen 'Gewiß' wird.“

Harro's Abschied war so stürmisch wie seine Bewillkommnung. „Junge, wir gehen nach Baden hinunter, schloß er; „wenn Du nicht mit uns, sondern wider uns sein wirst, so lasse ich eine Auflage Bibeln drucken und statt Pilatus Hornemann setzen.“

„Leb' wohl, Du alter, lieber Tyrannenfresser!“ sagte der Pascha und drückte dann dem Italiener die Hand. „Und nun, Vater Schoner, fängt Ihre Aufgabe an; durch die Schlucht hinunter bringe ich die Herren. Tragen Sie Sorge für unsern Wagen und etwas Proviant!“ –

Während diese Unterredung auf dem Jenny-Lind-Zimmer stattfand, war der Polizeicommissar Donner unten in der Gaststube zu einem Entschluß gekommen.

Donner gehörte zu denjenigen Leuten, welche durch einen schlauen Instinct, der bei ihm freilich nichts weniger als unfehlbar war, und durch großen Eifer ersetzen, was ihnen an sonstiger Fähigkeit zum tüchtigen Polizeibeamten mangelt. Eine erhebliche Portion von jener Art Ehrgeiz, welche den Streber bezeichnet, diente seinem Eifer als Sporn.

So saß er denn nach dem Vorfall mit Zehren in der Ecke mit dem Gesicht eines Fuchses, welcher Witterung hat. Daß der Fabrikant Ursache habe, ihn zu fürchten, das unterlag für ihn keinem Zweifel, und hielt er die Entdeckung des heutigen Abends mit der Warnung Urban's zusammen, so ergab sich klar, in welcher Richtung Zehren's Schuld lag. Derselbe mußte ihm zur Beute fallen, wenn er im richtigen Moment zugriff. Vielleicht stand hier noch weit mehr auf der Karte. Aus Urban's Aeußerungen glaubte Donner schließen zu müssen, daß Zehren, wo nicht das Haupt, so doch eines der Häupter jener geheimen Verbindung sei, welcher er auf der Spur war. Wenn dieser Mensch in der That Taubheit fingirte, woran Donner zu zweifeln nicht einmal recht die Lust hatte, wenn derselbe in so raffinirter Weise seine Deckung suchte, dann war er schwerlich schlechtweg ein Verschworener neben andern.

Aber war nicht der richtige Moment eben jetzt vorhanden? Noch saß er dort und sprach mit dem Consul. Vielleicht zehn Minuten noch, und er stand auf, gewarnt von den Unbekannen, dreifach gewarnt durch deren zufällige Entdeckung, und ging hin, um sich vor jeder Ueberraschung zu sichern. Die grellen Augen des Commissars leuchteten, und vor ihnen tauchten geheime Kasten, Schubladen mit Doppelböden und jene kleinen, saubern, verdächtig complicirt gearbeiteten Schlüssel auf, die er aus seiner Praxis kannte; heuchlerische, schuldlos aussehende Büchereinbände klappten die Deckel von einander und entpuppten sich als Enveloppen; darin lagen die kostbarsten Papiere übereinander, und gleich auf dem ersten Blatte stand oben geschrieben: Statuten des Geheimbundes – und wie es dann weiter ging. Ganz im Hintergrunde aber schwebte in leuchtender Schönheit ein bekannter Orden, und seine Strahlen fielen auf ein Avancements-Patent für den Polizeicommissar Donner, eine Berufung in die Hauptstadt. – Und der Polizeicommissar Donner strich sein dünnes, schlichtes, schwarzes Haar hinter den Ohren hervor, schlug sich auf die Schenkel und rückte mit vernehmlichem Räuspern auf dem Stuhle hin und her.

„Ich glaube, ich kann es wagen,“ murmelte er endlich. „Was wird es mir schaden, wenn es mißglückt? Die Schrift auf der Tafel kann ich in jedem Falle auf meinen Amtseid nehmen.“

Er erhob sich, nahm seine Mütze vom Nagel und ging zum Wirthe, dem er rasch die Zeche zahlte. „Sie könnten mir eine Auskunft geben, Vater Schoner,“ meinte er nebenbei. „Wen hat der Zehren dort eigentlich jetzt bei sich im Hause?“

„Die alte Wirthschafterin, die er von seinem Onkel geerbt hat,“ entgegnete Schoner gleichmüthig, während er das Geld in die klirrende Tasche des Beinkleides gleiten ließ.

Der Commissar stolperte die Treppe hinab auf die Straße und verfolgte die Richtung des Canals nach der Brücke zu und über dieselbe hinaus bis dahin, wo die Wasser sich in den Fluß ergossen. Es war schon mondhell; das schwarze Gewirr von Baracken jenseits des Flusses spiegelte sich mit seinen vereinzelten hellen Fenstern in den raschen Strudeln, und man konnte das Wehr rauschen hören, das eine Strecke oberhalb der Canalmündung den Fluß durchsetzte. Er hielt vor einem zweistöckigen Hause an, einem ziemlich einfachen Baue mit Eisenstäben vor den untern Fenstern und einer Treppe; die Thür über dieser war mit einer ziemlich alten Sandsteinarbeit überdacht und mit Schnitzwerk bedeckt. Seitlich bezeichnete noch eine Thorwölbung den Zugang zum Hofe. Vor dem Hause, dicht am Canale, stand eine uralte, mächtige Kastanie, welche ein Sitz von Lattenwerk umschloß.

Donner betrachtete das Haus prüfenden Blicks und bediente sich dann ohne Besinnen eines Klingelzuges. Er mußte eine ziemliche Zeit warten, bevor sich ein schlürfender Schritt auf der Treppe hören ließ. Als die Thür vorsichtig geöffnet wurde, drängte er sich durch die Thürspalte und stand vor einer alten Frau in rothem Kopftuche, welche vor Schrecken über den Anblick der Polizei fast die Küchenlampe fallen ließ. „Jesus Maria,“ brachte sie zitternd über die Lippen, „ich dachte, es wäre Herr Franz. Er ist nämlich nicht daheim.“

„Das ist mir sehr gleichgültig,“ sagte der Commissar brüsk und nahm ihr die Lampe aus der Hand. „Wo ist der Schreibtisch Deines Herrn, alte Eule?“

„Was gefällig?“ fragte diese mit allen Zeichen der Schwerhörigkeit.

„Gott bewahre mich! Ist denn hier Alles taub?“ knurrte Donner, stieß die Frau unsanft bei Seite und stieg die Treppe hinan. Der Bewurf des Hausflurs und der Treppenwand sah ziemlich verwahrlost aus; unter den Stufen der Treppenbiegung ihm zu Häupten hing Spinngewebe hervor. Dennoch waren die Zimmer, in welche er gelangte, nicht ohne Comfort. Wachsteppiche lagen über den Dielen; die Zwischenthüren zeigten Portièren; Oelbilder hingen an den Wänden, und die meisten Möbel waren werthvolle alte Stücke und gut erhalten. Eines der Zimmer war völlig modern ausgestattet, und in diesem machte Donner Halt.

Die Alte kam im Dunkeln hinterdrein getappt; ihre Furcht war der Neugier gewichen. Der Commissar stand vor einem eleganten Schreibtische und zog eine unverschlossen Schublade nach der andern heraus, um sie sämmtlich nach flüchtigem Durchstöbern ihres Inhalts wieder zuzuwerfen. Zwei Fächer nur spotteten des Versuches, sie zu öffnen.

Donner machte dem Weibe wiederholt das Zeichen des Aufschließens vor, aber sie schüttelte den Kopf. „Die Schlüssel wird wohl Herr Franz haben,“ sagte sie, „da müssen Sie warten, bis er kommt, Herr Obercommissar.“

Donner brummte: „Daß ich ein Narr wäre!“ und zog einige Schlüssel aus der Tasche, welche indeß so wenig paßten, wie ein paar andere, welche in der Stube aufzutreiben waren. [87] Während er bei sich überlegte, scholl auf der Straße der gedehnte Pfiff eines Wächters. Er sprang zum Fenster, öffnete einen Flügel und gab, nachdem er eine Pfeife zum Vorscheine gebracht, ein Signal, welches sofort eine Antwort weckte. Der Wächter stand auf dem entgegengesetzten Canalufer.

„Holen Sie einen Schlosser mit Schlüsseln und Dietrichen, Mann! Ich bin der Commissar Donner.“

„Zu Befehl, Herr Commissar.“

Dieser trat vom Fenster zurück und vertrieb sich, ohne weiter von der Alten Notiz zu nehmen, die Zeit damit, noch einmal, die Lampe in der Hand, aufmerksam die Reihe der Zimmer zu durchwandern. Er fand indeß kaum etwas, das sein Auge länger als wenige Secunden fesselte, bis auf das letzte Zimmer, welches von allerlei Gerümpel voll stand und, wie der Commissar vermuthete, das Schlafzimmer des verstorbenen Onkels gewesen sein mochte. Er athmete einen häßlichen Geruch wie von Moder und Staub, blieb indessen hier, zog die Schubladen einer alten Commode auf, nahm die Deckel von einigen Kisten, welche ihm in den Weg kamen und theilweise mit werthlosem Papier gefüllt waren, und scheuchte nebenbei die Haushälterin fort, welche halb verwundert, halb neugierig spähend den Kopf durch die Thürspalte schob. Endlich schlug er die verstaubten Vorhänge von einem Himmelbett zurück, und hier war es, wo ein Gegenstand sein volles Interesse in Anspruch nahm.

Das Bett stand an der Wand. Ueber dem Kopfende zeigte die Wand eine niedrige Nische und in derselben stand ein viereckiger mäßiger Kasten mit Messingbeschlag, dessen Deckel eine fingerbreite Ritze hatte. Der Commissar nahm den Kasten ohne Schwierigkeiten von seinem Platze; seine Augen funkelten, wie er sich über die Kissen bog, und als er dann mit beiden Händen den Kasten schüttelte, klang es darin wie das Rascheln von Papier.

„Ganz sicher Briefe,“ murmelte er; „das Geräusch da ist mir gut dafür. Wir werden sehen, welche Geheimnisse diese Ritze passirt haben. Aber der Fund allein genügt nicht; der Inhalt könnte so alt sein wie die Schale.“

Er besah den Kasten auf allen Seiten und untersuchte die Beschaffenheit des Schlüsselloches, als Männertritte nebenan ihn störten. Der Wächter kam in Begleitung des Schlossers, und der Commissar winkte Jenem heran. „Schrot,“ sagte er, „Sie tragen diesen Kasten sofort in meine Wohnung und haften für ihn. Kommen Sie, Meister Lademann!“

Der Wächter nahm den Kasten unter den Arm und ging; der Commissar trat, mit der Lampe in der Hand, den Rückweg durch die Zimmerreihe an, und der Schlosser folgte ihm mit verdrossenem Gesicht. Die Haushälterin war nirgends mehr zu sehen. Die bezeichneten Fächer waren bald geöffnet, und der Commissar fand wenigstens eines derselben voller Papiere und gab sich mit Spannung der Untersuchung hin. Das Ergebniß war eine große Enttäuschung: er fand nichts als Rechnungen, auch nicht ein Brief war darunter.

„Verdammt!“ sagte er ungeduldig; „wir werden's anderswo probiren müssen, Meister.“ Er erhielt weder eine Antwort, noch rührte sich etwas im Zimmer, und als er aufblickte, da merkte er erst, daß der Schlosser verschwunden war. Gleichzeitig begann die Lampe trüber zu brennen und zu knistern, und Donner sah den Moment kommen, wo sie verlöschen würde. Er rief in verdrießlichem Tone: „Heda, Alte –“ hielt aber dann inne und knurrte: „Ah so, ich hatte vergessen. Die alte Unke ist schwerhörig.“ Dann stand er lauschend, und es war ihm, als höre er seinen Ruf noch in der Entfernung durch die dunkeln, einsamen Zimmer irren. Unschlüssig suchte sein Blick in der nächsten Umgebung und haftete auf einen Moment an dem mächtigen Oelportrait über dem Schreibtische; ein mürrischer alter Herr mit spitzer Stirn und etwas abstehenden Ohren hielt die Augen scharf auf ihn gerichtet, und es sah in der flackernden Lampenbeleuchtung aus, als ob die Lider des Bildes sich bewegten und die Augen blitzten. Donner war für Empfindungen wie Schauder und Furcht unzugänglich; gleichwohl wurde es ihm unbehaglich in dem öden, unheimlich stillen Hause, bei dem rothgelb verglühenden Dochte, und er suchte widerwillig den Ausgang.

Im Hausflure unten stieß er auf einen Mann, der soeben von der Straße hereingekommen zu sein schien, und da die Hausthür offen stand und die Straße im vollen Mondscheine lag, konnte Donner genug erkennen, um zu vermuthen, daß es Zehren sei. Er schritt mit voller Dreistigkeit auf den Ankömmling zu, um sich Gewißheit zu verschaffen, fühlte aber plötzlich eine Faust wie von Eisen, welche ihm unterm Kinne in die Halsbinde griff und die Kehle zusammendrückte.

„Der Dieb ist hier. Schaffe Licht. Martha!“ rief die zornige Stimme Zehren's; „wir wollen uns den Schurken besehen.“

Und wie ein Geist tauchte plötzlich die alte Wirthschafterin neben den Zweien auf.

„Ach Du barmherziger Heiland – ich gehe schon die Lampe holen, Herr Franz, sagte sie mit jammerndem Tone und bewegte sich, so schnell sie vermochte, die Treppe hinauf.

Der Commissar knirschte die Zähne zusammen und wand sich vergeblich, um loszukommen; jeder heftige Versuch drohte ihn zu ersticken. Er stand endlich richtig und schrie heisern Tones: „Spielen Sie keine Komödie mit mir, Herr! Ich weiß so gut wie Sie, daß die alte Hexe Sie hergerufen hat und daß Ihre Taubheit eine Faxe ist. Lassen Sie los, oder – bei meiner Seele –“

Keine Antwort. Sein Hals schmerzte empfindlich, und er sehnte den Moment herbei, wo die Alte mit der Lampe kommen würde. Auch Zehren wurde ungeduldig und murmelte unverständliche Worte; oben rief die krähende Stimme der Wirthschafterin, aber es war nicht zu verstehen was.

Endlich fiel ein Lichtschimmer über die Treppe nieder.

„O Jemine, es ist der Herr Ober-Commissar selber,“ machte die Alte mit einem Erstaunen, welches Donner für erheuchelt halten mußte. „Die Lampe war schuld, daß ich so lange blieb; sie war beinahe erloschen und ich mußte erst Oel aufgießen –“

Zehren hatte den Commissar sofort aus der Faust entlassen, als das Gesicht desselben zu erkennen war. Aller Zorn war aus seinen Minen entwichen; sie sprachen im Gegentheile eine gewisse Enttäuschung aus, als er sagte: „Entschuldigen Sie, mein Herr! Ich habe jene Frau mißverstanden; ich bin von der neuen Welt her gewohnt, in Eindringlingen, welche meine Hausleute in Schrecken setzen, nur verdächtiges Gesindel zu vermuthen. Womit kann ich Ihnen dienen, Herr Commissar?“ Und er holte wieder sein Täfelchen hervor und reichte es Donner hin, der von der fatalen Situation her noch alles Blut im Gesichte hatte und seinen dunkelrothen Hals rieb.

Ein grimmiges Lächeln spielte plötzlich um den Mund des Beamten, und er schrieb mit dem Stifte, den er in voller Heftigkeit ergriff: „Sie sind verhaftet.“ Dann riß er der Alten die Lampe aus der Hand und hielt dem Fabrikanten die Tafel unter die Augen.

Zehren that einen Schritt rückwärts, als er die Schrift gelesen hatte.

„Mit welchem Rechte verhaften Sie mich, Herr? Daß ich Sie im Dunkeln für etwas Anderes hielt, als Sie sind, werden Sie schwerlich als Grund für einen solchen Gewaltact betrachten wollen.“

Donner nahm die Tafel auf ein Knie, indem er zugleich den Henkel der Lampe mit dem Daumen hielt. „Das habe ich zu verantworten, und Sie werden mir gutwillig folgen, widrigenfalls ich für Hülfe sorgen werde.“ Er gab Zehren mit hochmüthigem Gesichte auch dies zu lesen, reichte der Alten die Lampe und warf die Tafel seitwärts auf die Fliesen des Hausflurs.

Dieser Ausgang der Sache schien dem Fabrikanten völlig unerwartet zu kommen. Sein Gesicht war um einen Schatten blässer geworden, und er sah düster und unschlüssig bald auf den Commissar, bald auf die Wirthschafterin, welche die Tafel eiligst vom Boden aufhob und ihm hinüberreichte.

Der Commissar wies mit einer herrischen Bewegung nach der Thür.

„Nun gut, mein Herr,“ sagte Zehren, „Sie repräsentiren das Gesetz und ich werde Ihnen folgen. Ich denke, es wird so viel Gerechtigkeit in meinem Vaterlande sein, daß ein Unschuldiger nicht ohne den Schein eines Rechtsgrundes seiner Freiheit beraubt wird. Wenn Sie in der Lage sein werden, Ihre Behandlung meiner Person aus dem Gesetze zu rechtfertigen, soll es mich freuen, und ich werde keinen Grund haben, Ihnen zu zürnen. Denn das Gesetz ist heilig. Wenn ich irgend worin gefehlt habe, so will ich es büßen. Gehen wir, mein Herr Commissar!“

Die Wirthschafterin trat ängstlich mit der Lampe zu ihm hin und zupfte ihn am Rocke. „Gehen Sie noch einmal fort, Herr Franz?“ machte sie mit den Lippen.

Zehren, der ihr aufmerksam in das grellbeleuchtete, faltige [88] Gesicht gesehen. hatte sie verstanden. Er bog sich zu ihrem Ohre nieder und rief: „Sie mögen sich zu Bette begeben, Martha; ich werde diese Nacht keinesfalls nach Hause kommen.“

„Ach, daß sich Gott erbarme! Er wird doch wohl nicht eingesperrt werden?“ klagte sie hinter den Beiden her, indem sie ihnen von der Thür aus nachblickte. Sie schloß dann die Thür sorgfältig ab und schlich, beständig mit dem Kopfe wackelnd und vor sich hin murmelnd, die Stufen hinauf.



[93]
6.

Wer den Wein schüttelt, der rüttelt auch die Hefe auf.

Es geht eine Sage, und die Schiffer erinnern sich ihrer, wenn sie die Einöde von Meer und Himmel um sich haben. Ruhig liegt die See um das Schiff her, zum Verzweifeln ruhig; es ist Windstille, und die Segel hängen schlaff von den Masten nieder. Da regt sich's eines Tages in der Ferne und furcht mit langer, blauer Flosse das Wasser: der Haifisch. Näher und näher kommen die Ungethüme; die Kugeln pfeifen um ihre Leiber, aber keine trifft sie; die trügliche Angelkette mit der Lockspeise rollt nieder, aber sie beißen nicht an. Um das regungslose Schiff schwimmen sie mit den beweglichen Zähnen und den gierigen, tückischen, lauernden Augen. Die wetterharten Theerjacken aber auf dem Verdecke gehen mit verständnißvoll ernsten Blicken an einander vorüber, denn sie wissen, was das zu bedeuten hat.

Es wird Sturm kommen, und es wird Leichen geben auf dem Schiffe. Der Haifisch weiß es, und sie wissen es jetzt auch.

Wenn die großen Stürme der Weltgeschichte drohen, dann kommen die Haifische. Sie regen sich und tauchen auf, da und dort. Sie haben einen Instinct, der ihnen sagt, daß etwas in Gefahr ist zusammenzubrechen, und sie begehren nach Beute. Ob es wenig ist, was der Sturm für sie vom Deck fegen wird, oder ob das ganze Schiff zerschellen wird und die Wogen ihnen ein ganzes Festmahl zuschleudern werden – gleichviel. Sie rüsten sich.

Es war in der Morgenfrühe des nächsten Tages. Im Kesselhause der Baumwollspinnerei von Seyboldt und Compagnie waren die beiden Heizer, Abraham Fenner und Sebulon Trimpop, soeben damit fertig geworden, den nöthigen Kohlenvorrath aus der Kelleröffnung heraufzuschaffen. In einer Ecke aufgeschichtet lag das „schwarze Gold“, und Sebulon Trimpop stieß die Schaufel mit kühnem Schwunge in den Haufen hinein, während sein ihn fast um Kopfeslänge überragender Gefährte die Fallthür schloß, welche zu den Vorräthen unter der Erde hinabführte.

Die Sonne war schon aufgegangen, und durch etliche neu eingesetzte Scheiben der eisendurchgitterten Fabrikfenster, die sonst von Staub und Alter blind waren, konnte man den lichtdurchflutheten Morgenhimmel sehen. Sonst war es noch frisch in dem nach Westen zu gelegenen Raume; das Metall der Kessel, der Kalk der Wände und das Steinpflaster des Bodens hauchte eine fühlbare Kühle aus.

Sebulon zog ein buntes, baumwollenes Taschentuch aus dem blauen Kittel, der die Arbeiterbekleidung der Gegend bildet, und wickelte mit listigem Gesicht eine gefüllte Flasche heraus. Er entkorkte sie vorsichtig und that ein paar Züge aus derselben.

Der lange Abraham lehnte sich an den Ofen und sprach melancholisch: „Du wirst Dich noch um den Dienst trinken, Sebulon; ich warne Dich immer, aber Du hörst nicht eher, bis es zu spät sein wird. Der Alte kann's nun einmal nicht leiden.“ Dabei schielte er mit einiger Verlegenheit im Gesicht nach der Flasche hinüber.

„Ja, er hat uns neulich erst wieder eine Rede darüber gehalten, wie gottlos es wäre, etwas Geistiges zu genießen, ausgenommen wenn man krank wäre. Aber es ist früh am Tage und mich friert, und das macht mich allemal krank. Uebrigens laufen so viele Leute durch unsres Herrgotts Arme, die Geistiges zu sich nehmen, daß es so schändlich nicht sein kann. Und weil nunmehr die einzige Zeit ist, wo uns Niemand sieht, so wollen wir in Gottes Namen diesen Rest hinunterschlucken, Abraham.“

Er reichte die Flasche hinüber, worauf Fenner kopfschüttelnd seinen Standort verließ und dem gegebenen Beispiele folgte. „Es ist doch Sünde,“ seufzte er, sich den Bart wischend, während Trimpop die Flasche wieder einwickelte und in den Kittel steckte; „denn wir müssen thun, was der Alte sagt; weß Brod ich esse, deß Lied ich singe.“

„Ich werde ihm etwas pfeifen,“ bemerkte Sebulon verwegen, indem er die Eisenthür des Kesselofens aufhob und zu dem aufgeschichteten Brennholz schritt. „Meine Arbeit verkaufe ich ihm; das andre geht ihn von Rechtswegen nichts an. Wer heißt ihn alle Morgen mit meiner Seele Kirche zu halten und den Segen darüber zu sprechen?“ Und er warf ärgerlich ein paar schwere Holzscheite in den Schlund des Ofens.

„Das kann Deiner Seele wahrhaftig nichts schaden, Sebulon. Rede nur nicht so gottlos! Schwerenoth,“ fuhr er plötzlich leiser fort, „da ist ja schon der Herr Bandmüller. Mach' schnell, sonst giebt's was.“

In der That blickte das struppige Gesicht des Herrn Bandmüller durch eine der hellen Scheiben, er kam aber nicht in das Kesselhaus, sondern stieg die Treppe empor. Zehn Minuten später prasselte die Gluth, und der Zugwind heulte und brummte in dem Flammenschlunde hinter der Eisenthür, und spärliche Aschenfunken rieselten durch die Roststäbe in den Behälter. Bald nachher kamen auch die ersten Arbeiter, und es wurde lebendig auf Gang und Treppe neben dem Kesselhause.

[94] Die Beiden waren einige Zeit ruhig. Endlich blickte Trimpop auf. „Abraham!“

„Was meinst Du, Sebulon?“

„Das will ich Dir rasch noch sagen, ehe wir hinauf in's Gebet gehen.“ Trimpop nahm die Mütze vom Kopfe und bearbeitete sie mit der flachen Hand, während er weiter sprach: „Ich habe so meine eigenen Gedanken, wenn ich die da draußen kommen höre. Beinahe zweihundert Männer und Weiber sind wir, und ich will in diesem Kessel sieden, wenn der Alte nicht allein so viel verdient, wie wir andern zusammen, die vom Comptoir drüben mitgerechnet. Nun frage ich: arbeitet der Alte so viel, wie wir zusammengenommen? Nein, sage ich mir, nicht so viel wie Einer. Und doch ist er ein reicher Mann, und wir sind arme Teufel. Darin steckt keine Moral.“ Er setzte die Mütze wieder auf, riß die Schiebthür vor seiner Hölle seitwärts, warf Kohlen hinein und störte die Gluth auf.

Der lange Abraham bedachte sich. „Das soll alles sein,“ bemerkte er endlich kopfschüttelnd. „Aber ich sage nur das Eine dawider: Keiner von uns kann die Maschinen bezahlen und eine Fabrik bauen, wie der Herr Commerzienrath. Wenn aber Einer das nicht kann, so kann er auch nicht das verdienen, wie der Alte. Und das ist meine Moral.“

„Oho!“ sagte Trimpop eifrig; „das ist nun so eine Ansicht. Ich möchte aber wohl wissen, woher der Alte das Geld genommen hat, um die Fabrik herzustellen und alle Möglichkeiten anzuschaffen. Es giebt Leute, die haben seine Mutter noch gekannt, wie sie hier herum auf die Dörfer ging Gänse kaufen und ihn als Jungen im Korbe auf dem Rücken sitzen gehabt hat. Ausgenommen ein paar lumpige hundert Thaler hat er alles von den Arbeitern verdient, und je mehr er verdient hat, desto mehr hat er angeschafft und desto mehr Arbeiter konnte er gebrauchen.“

Das stille Läuten einer Glocke unterbrach ihn, aber er machte eine unwillig abwehrende Bewegung und fuhr rascher fort: „Ich arbeite jetzt an die fünfzehn Jahre bei ihm; zu Anfang war er noch nicht fromm wie nachher. Ich will nun annehmen, daß er jedes Jahr hundert Arbeiter gehabt hat, und zwanzigtausend Thaler hat er doch jedes Jahr verdient; das giebt pro Mann zweihundert Thaler, macht gering gerechnet auf die fünfzehn Jahre dreitausend Thaler, was er mir schuldig –“

Das 'ist' blieb ihm in der Kehle stecken, denn die Thür vom Gange her öffnete sich, und Abraham Fenner ließ die Schaufel fallen und stammelte. „Guten Morgen, Herr Commerzienrath!“ Auf der Schwelle stand ein kleiner, schmächtiger, schon stark ergrauter Herr in schwarzem Anzuge und blickte sie mit ernsthaft strafenden Augen an. Ein paar modische Vatermörder, welche aus einer hohen, steifen Binde hervorwuchsen, rahmten das gelblich blasse, magere, völlig glatte Gesicht ein. Er stand in gebückter Haltung, und seine Hände schlossen sich um ein dickes Buch.

Das war der „Alte“, wie die Leute ihn nannten, der Commerzienrath, der Chef der Firma Seyboldt und Compagnie.

„Wir wollten eben gehen, Herr Commerzienrath,“ sagte Trimpop eilig, der sich wieder gefaßt hatte.

„Es wird Zeit, daß Er das Schwatzen läßt,“ war die scharfe Antwort. „Fenner, ich höre von Herrn Doctor Urban, daß es mit dem Arme Seines Neffen Zillesen besser geht, und der Herr Pastor rühmt seine Gottergebenheit in dem Leiden, welches sein leichtsinniges Umgehen mit der Maschine ihm bereitet hat. Nachher kann Er in das Comptoir gehen und sich Zillesen's Wochenlohn auszahlen lassen, und dann wende Er sich an das Fräulein von der Herberge oder an meine Tochter; man wird Ihm drüben etwas zur Stärkung für den jungen Menschen reichen.“

„Gottes Lohn, Herr Commerzienrath!“ sagte gerührt der lange Abraham.

„Der Gottesfürchtige ist nie ohne Freunde, merke Er sich das, Fenner.“ Und mit den Mienen eines vollkommenen Selbstherrschers drehte sich der Fabrikherr in der Thür um und stieg in die oberen Fabrikräume hinauf. Die beiden Heizer folgten ihm.

Das Fabrikpersonal war in einem Saale versammelt, und die Beiden mischten sich nach ihrem Eintritt rasch unter die Uebrigen, denn der Commerzienrath stand schon auf seinem Katheder, hatte sein Buch aufschlagen und überflog mit ein paar heimlichen Blicken die Versammlung. Es waren zumeist Männer in der blauen Blouse; weiter hinten standen auch Frauen und Mädchen.

„Alleluja!“ begann der Fabrikherr mit trocknem Tone. „Wohl dem, der den Herrn fürchtet, der große Lust hat zu seinen Geboten! Deß Nachkommenschaft wird gewaltig sein auf Erden; das Geschlecht der Frommen wird gesegnet sein. Reichthum und die Fülle wird in ihrem Hause sein, und ihre Gerechtigkeit bleibet ewiglich. Wohl dem, der barmherzig ist und gerne leihet und richtet seine Sache aus, daß er Niemand Unrecht thut, denn er wird ewig bleiben; der Gerechte wird nimmermehr vergessen. Wenn eine Plage kommen will, so fürchtet er sich nicht; sein Herz hofft unverzagt auf den Herrn. Er streuet aus und giebt den Armen; seine Gerechtigkeit bleibt ewiglich; sein Horn wird erhöhet mit Ehren. Der Gottlose“ – hier hob sich die Stimme des Lesenden – „wird es sehen, und es wird ihn verdrießen; seine Zähne wird er zusammenbeißen und vergehen, denn was die Gottlosen gern wollen, das ist verloren. Amen!“

Der Fabrikant richtete sich empor und schwieg einen Moment. Die Blousenmänner vor ihm hatten mit vollkommener Ruhe zugehört, wenige mit dem Ausdrucke wirklicher Andacht im Gesichte, die meisten mit dem Gleichmuthe der Gewöhnung. Nur als der Commerzienrath die letzten Worte mit Betonung sprach, blickte eines und das andre Gesicht empor.

Aber wie ein Schlag ging es durch die Versammlung, als Jener, statt die Leute, wie sonst zumeist nach dem Amen, zu ihrer Arbeit zu entlassen, stehen blieb und wie überlegend in die gegenüberliegende Zimmerecke starrte. Endlich ließ er die Blicke mit Absichtlichkeit da und dort in der Versammlung haften und begann von Neuem zu sprechen.

„Es geht ein finstrer Geist durch unsre Zeit, den Ihr wohl kennen werdet, und es ist meine Pflicht, Euch vor ihm zu warnen. Ein finstrer Geist, ein Geist des Aufruhrs und der frechen Begehrlichkeit. Er schleicht durch die Stätten der Arbeit, welche redlich nährt, und durch die Hütten der Armuth wie ein brüllender Löwe, der sucht, welche er verschlinge. Er verpestet die Seelen, welche ihm verfallen, mit dem Gifthauche der Hölle, denn der Geist ist der Geist des Thieres aus dem Abgrunde. Die ihm angehören, treibt ein Gelüst, zu ernten, was sie nicht gesäet haben, ein Gelüst nach des Nächsten Hab und Gut. Sie schielen wie das wilde Wüstenthier nach Raub, und sie sprechen das Wort Blutvergießen, ohne zu schaudern. Sie sind die Unersättlichen; die Eigel hat zwo Töchter: Bringe her! Bringe her! – wie die Schrift sagt. Nichts ist ihnen mehr heilig, selbst nicht die Krone des Gesalbten auf dem Throne. Sie jauchzen um ein goldenes Kalb, das sie Freiheit und Licht nennen, und binden sich zwiefach mit Ketten der Finsterniß. Ich warne Euch, daß Ihr nicht Raum gebet dem Unheiligen, wie ein Vater seine Kinder warnet. Sollte Jemand unter Euch sein, der getrunken hat von dem Gifte, der reinige sich und lasse ab von seinem Wandel. Denn jene gottlosen Leute werden im Verderben endigen, und der Gerechte fürchtet sie nicht. Sie werden Wind säen und Sturm ernten; denn was die Gottlosen gern wollen, das ist verloren. Amen!“

Es war nicht möglich zu erkennen, welchen Eindruck diese hart und hastig, mit klangloser Stimme gesprochenen Worte auf die Zuhörer machten. Die anfängliche lebhafte Bewegung hatte sich nach den ersten Worten wieder gelegt. Die Männer hielten die Augen zu Boden geschlagen, und wo einer der schmalen, dürftig aussehenden Mädchenköpfe im Hintergrunde sich regte, verrieth er höchstens Gleichgültigkeit und Langeweile. Nur die Blicke des Herrn Bandmüller, welcher allein neben dem Katheder, das Gesicht den Arbeitern zugekehrt, stand, flackerten unruhig und lauernd zwischen den Reihen der Leute umher.

Der Commerzienrath hatte das Buch zugeschlagen und das Katheder verlassen. Ein heftiges Geräusch, das jetzt unter den Männern entstand, veranlasse ihn, sich in der Thür noch einmal umzuwenden. Ein Mann, halb geschoben von den Andern, trat heraus, eine kräftige Figur mit tiefen Brauen und düstern Augen darunter, den dicken Kopf voll kurzen schwarzen Haares.

Bei seinem Anblicke verfinsterte sich das Gesicht des Fabrikherrn. „Was haben Sie noch unter meinen Leuten hier zu schaffen, Herr Kotelmann?“ fuhr er zornig heraus, und sein gelblicher Teint röthete sich ein wenig. „Was thut dieser Mann in meiner Fabrik, Herr Bandmüller?“

Der Letztere zuckte die Achseln: „Ich bemerke ihn diesen Augenblick erst,“ sagte Bandmüller.

„Ich wollte Sie nur fragen, ob ich nicht wieder bleiben [95] kann, Herr Commerzienrath,“ begann der Arbeiter verlegen „Wenn mir auch einmal so ein Fluch herausfährt, das ist nur so, wie wenn ich husten muß. Ich denke mir meiner Seele nichts dabei und will mir's auch abgewöhnen, blos nicht mit einem Male. Denn kein Mensch kriegt das fertig. Und man will doch leben, und es ist überall wenig Arbeit jetzund.“

„Sie sind ein unverbesserlicher Mensch, Herr Kotelmann, und kennen die Fabrikgesetze. Ich gestatte keine Abweichung von denselben, und Sie werden sich entfernen.“ Ein Wink mit der Hand, und der Commerzienrath verließ den Saal.

Ein paar der Arbeiter murrten vernehmlich; die düstern Augen des Abgewiesenen wandten sich auf Bandmüller, der hinter der Tribüne hervorkam und mit gedämpfter Stimme sagte: „Melden Sie sich unter Mittag in meiner Wohnung, Kotelmann, und gehen Sie jetzt!“ Dann schnellte der Fabrikleiter von Seyboldt und Compagnie zur Seite und sprang auf das Katheder. „Die Weiber an die Arbeit, vorwärts! Die Riemen eingelegt und nach den Kesseln gesehen! Wer von den Männern nicht nothwendig zu thun hat, wartet einen Augenblick.“ Ein Wink des Auges hielt Sebulon Trimpop zurück, während Fenner und einige Arbeiter mit den Weibern und Mädchen hinausströmten. Plötzlich schlug Bandmüller die Thür zu, schüttelte grimmig seine Mähne und kehrte auf die Tribüne zurück.

„Jungen,“ sagte er, und seine Augen funkelten häßlich, „jetzt will ich Euch noch eine Andacht halten.“ Und den Ton des Commerzienrathes nachahmend, begann er:

„Alleluja! Wohl dem, der fromm ist, denn die andern Frommen helfen ihm; die Dummheit muß sich unterstützen, damit sie nicht ausstirbt auf der Welt. Wohl dem, der zu pressen und zu scharren versteht, denn baar Geld lacht, und für Geld ist alles zu haben auf der Welt. Die Diener des Mammons nehmen zu auf Erden, und der Himmel segnet sie, daß ihre Häuser stehen wie der Thurm zu Babel und ihre Betten so weich sind wie das Nest der jungen Eidergänse. Sie fahren in Carossen, und ihre Keller sind voll theurer Weine; sie schlemmen und prassen und legen dennoch auf Zinsen, denn wo Tauben sind, da fliegen Tauben zu. Wenn eine Plage kommen will, so fürchten sie sich nicht, denn die liebe Polizei ist nur für kleine Diebe da, den großen aber putzt sie die Stiefel und sorgt, daß sie ihren Raub in sicheren Papieren unterbringen können. Und sie schauen ihres Herzens Lust an den Sclaven, die ihnen säen, wo sie ernten, und die nicht frei werden, weil das Lumpenpack nur so viel bekommt, daß es nicht zu verhungern braucht. Amen!

Es geht ein Geist durch diese Welt, ein Geist der Freiheit und des Gerichts. Die Sclaven rütteln an ihren Ketten wie der Hofhund, wenn er den Freßnapf wittert, und wer vernünftig ist, der hilft die Stunde der Erlösung und des großen Tausches vorbereiten. Die Geldsäcke aber werden heulen und Zeter schreien, denn die Kinder des Teufels werden sie auspressen wie die Citronen. Amen!

Nun, Ihr Narren, wie gefällt Euch das?“ sagte Herr Bandmüller mit cynischem Lachen. „Wer Muth hat, der hebe die Hand auf!“

Die Arbeiter sahen einander mit verdutzten Gesichtern an; ein paar machten wirklich den Versuch, die Hand zu erheben, ließen sie aber rasch wieder sinken. Ein kleiner, verschmitzt aussehender Spinner trat keck vor und sagte: „Sie wollen blos einen Witz machen, Herr Bandmüller, und zusehen, wer sich verräth. Sie sind ja die rechte Hand des Herrn Commerzienrathes.

„Haha!“ lachte Herr Bandmüller gezwungen auf. „Ihr seid pfiffiger, als ich gedacht habe, und das ist Euer Glück. Aber ich habe doch so ein paar gesehen, die nicht ganz sicher sind. Kettenbrink mag einmal hier bleiben. Ihr andern geht an die Arbeit!“

Kettenbrink, ein hagerer, etwas hektisch aussehender Mensch, war leichenblaß geworden; er gehörte zu denjenigen, welche die Hand erhoben hatten. Die Uebrigen blickten mit Bedauern auf ihn und entfernten sich rasch.

Bandmüller stieg vom Katheder herunter und ging auf den in tausend Aengsten Schwebenden zu. Er weidete sich an dem Anblicke des Menschen. „Ich werde Sie der Polizei überliefern, Kettenbrink – wissen Sie das? Man wird Sie in's Zuchthaus stecken. Was meinen Sie dazu?“

Der Mann verlor den Kopf vollends und fiel in die Kniee. „Herr Bandmüller,“ jammerte er, „machen Sie meine Familie nicht unglücklich!“

Bandmüller rieb sich die Hände. „So gestehen Sie mir auf der Stelle, wer in der Fabrik so denkt, wie ich da oben gesprochen habe! Dann will ich Sie laufen lassen, und ich werde sorgen, daß Niemand von Ihrem Bekenntnisse erfährt.“

Kettenbrink plapperte in der Angst eine Reihe Namen her, bis Bandmüller plötzlich sein Notizbuch zog und sagte: „Langsam, einen nach dem andern! worauf jener mit zitternder Stimme etwa zwanzig Namen dictirte.

„Mehr nicht?“ donnerte Bandmüller.

„Machen Sie mit mir, was Sie wollen! Ich weiß keine weiter.“

Der Fabrikleiter verzog triumphirend den Mund, klappte sein Notizbuch zusammen und ließ es wieder in die Tasche gleiten. „Sie können jetzt zu den Andern gehen, Kettenbrink! Wenn Sie gefragt werden, was mit Ihnen geschehen ist, so bemerken Sie, daß ich Sie gewarnt hätte.“

Der Erlöste flog empor und eilte hinaus, wie Einer, der heil aus einer Löwenhöhle entronnen. Bandmüller blickte ihm höhnisch nach. „Diesen verrätherischen Schuft werde ich aus dem Spiele lassen. Ein Anfang wäre gewonnen, aber man muß vorsichtig sein. Ein Umsturz muß kommen; Lärm muß es geben wie Anno dreiundneunzig; wir wollen die Welt auf den Kopf stellen, und die zahmen Dummköpfe im Wiedenhofe sollen die Knochen vom Braten nagen.“

So sprach Herr Bandmüller mit sich selber und schritt, in Gedanken versunken, einige Male auf und nieder, den Bart glättend und durch das buschige Haar wühlend. Bevor er die Arbeitsräume betrat, hielt er vor der Thür noch einmal an.

„Wenn ich wüßte, daß mir der Alte die Tochter gäbe, – es könnte anders kommen. Ich muß ihn noch mehr ängstigen; er muß an keine Rettung glauben, außer der, die ich verspreche,“ murmelte er, und dann schnippte er mit den Fingern. „Er hält viel auf mich, und dem Muthigen gehört die Welt. Ein reizendes kleines Persönchen! Und einst war der Vater ein so armer Teufel wie ich.“



7.


Inzwischen hatte der Commerzienrath Seyboldt nach der Lection, welche er den Arbeitern ertheilt, die Fabrik verlassen und war über den Hof in sein Arbeitszimmer gegangen. Er hatte sich dabei ungewöhnlich aufgeregt gefühlt. Seinem ganzen Naturell nach war er Aufregungen sehr ausgesetzt, aber er hatte dann selten so unbehagliche Empfindungen gehabt wie heute. Auf der Treppe war er Toni begegnet; sie hatte ihren Strohhut am Arme hängen gehabt und war singend die Stufen herab geflogen, um in den Garten zu gehen. Vor dem Commerzienrathe hatte sie eingehalten, um nach einem raschen Kusse unbekümmert weiter zu huschen wie ein flüchtiger Sonnenstrahl. Der Commerzienrath war ein zärtlicher Vater, aber er hatte im Augenblicke dieser Begegnung ganz besonders den Drang empfunden, sie wieder mit sich hinaufzunehmen und in seiner Nähe zu halten.

Er hatte in seinem Zimmer die grünen Rouleaux herunter gelassen, denn die Sonne schien in die Fenster, und nun saß er im grünen Lichtdämmer und trank eine Tasse Chocolade, und seine Gedanken bewegten sich in der nämlichen Richtung weiter, welche sie die Morgenstunden über verfolgt hatten.

„Ich denke wohl, daß ich einigen Eindruck gemacht habe,“ sagte er bei sich. „Es ist zwar möglich, daß Bandmüller übertrieben hat, wiewohl er sonst ein scharfes Auge hat und vertrauenswürdig ist; indeß man thut doch gut, vorzubeugen. Gott sei Dank, ich säe auf einen gut zubereiteten Boden; die Leute sind an die zwei wichtigsten Dinge gewöhnt, an das Wort Gottes und an Gehorsam. Des Menschen Herz ist freilich ein unzuverlässiges Ding. Aber nein, es ist kaum denkbar. Wer an das Wort Gottes gewöhnt ist, der wird kein Sansculotte. Im Hauche der Kirchenluft verdorrt das communistische Unkraut.“

Der Commerzienrath gehörte einer Classe von Leuten an, welche man mit Unrecht Heuchler zu nennen pflegt, weil ihre Religion wenig an ihrem Wesen geändert hat. Ihm war die Religion das unentbehrliche Gängelband, ohne welches die Menschheit [96] in den Staub fällt, und der Calvinismus diejenige Form, in deren Eigenthümlichkeit sein Denken und Fühlen sich hineingebildet hatte. Die Luft, die diesen altkirchlichen Bau durchwehte, athmete er ein wie ein Parfüm; er forderte gewöhnlich von seinem Kopfe, daß er glaube, und von seinem Herzen, daß es empfände, wie die Tradition es verlangte, aber er hörte zuweilen auf zu fordern, und dann war er er selbst.

Er trank den letzten Schluck aus seiner Tasse und lehnte sich in den Rohrsessel zurück. Eine eigenthümliche Müdigkeit überkam ihn, und es war ihm, als verdunkle sich die Luft, und als er in leisem Schrecken vor sich hin griff, stieß er die Tasse um, ohne sie gesehen zu haben. Er richtete sich jäh empor und empfand plötzlich einen heftigen Stich in der rechten Seite; von diesem Moment an wurde es zwar wieder ein wenig heller vor seinen Augen; aber alle Linien schwammen flimmernd durcheinander. Es war ihm unmöglich, den Umrissen auch nur eines Gegenstandes scharf zu folgen.

„Ewige Barmherzigkeit,“ ächzte der Commerzienrath, „soll das mein letztes Stündlein sein? Ich will nicht sterben, in dieser gefährlichen Zeit am allerwenigsten. Ich habe ja ein Kind, und das ist noch so jung.“

Er tastete mit bebenden Händen nach der Stelle, wo die Klingel lag, und schellte heftig.

„Ich habe es immer gesagt,“ fuhr er mit fieberhafter Angst fort, „und Urban wollte es nicht glauben. Nun nehme er den Glauben in die Hand, wenn er kommt! Ich fürchte, es ist ein Schlaganfall.“ Als er nahende Schritte vernahm, klammerte er sich an die Umgitterung des Schreibtisches, um sich eine feste Haltung zu geben, und wandte der Thür den Rücken, um sein Gesicht zu verbergen. An der Frage nach seinen Wünschen hörte er, daß es das Stubenmädchen war, welches eintrat.

„Sagen Sie dem Johannes, daß er auf der Stelle den Doctor Urban zu mir bittet!“ sprach er so fest wie möglich. „Ich hätte dringend nöthig mit ihm zu reden.“

Kaum war das Mädchen hinaus, so brach seine künstliche Haltung zusammen. Er empfand wieder den Schmerz in der Seite und schwankte stöhnend ein Stück in die Stube hinein, kehrte aber dann um und sank gekrümmt in den Lehnstuhl, das Gesicht geröthet, helle Tropfen auf der Stirn. Er lockerte sich hastig die Halsbinde und brauchte die doppelte Zeit dazu, die er sonst nöthig hatte.

„Richte mich noch nicht, himmlische Barmherzigkeit!“ murmelte er wie mechanisch; „ich habe deinen Namen hochgehalten unter einem gottlosen Geschlecht, aber ich bin noch nicht reif zur Ernte –“ die folgenden Worte verloren sich in beständigem Aechzen. Er machte noch einmal Anstalten nach der Klingel zu greifen, gab die Absicht wieder auf und schellte endlich doch. Das Mädchen, welches in den Hof gegangen war, mußte ihn auch gehört haben, denn sie erschien nach einiger Zeit, und der Commerzienrath bestellte ein Glas Wasser.

Er hatte sich wieder zusammengerafft, und als die Thür sich geschlossen hatte, sagte er mit einiger Festigkeit. „Ich darf keine Scene wieder aufführen, wie damals, als ich sie Alle herberufen, um sie Abschied von mir nehmen zu lassen, und ich doch zu ängstlich gewesen war. Verwünschte Farce, die! – Mein Auge ist trübe, und wie das Herz klopft! Vielleicht bin ich auch diesmal zu ängstlich, und es geht vorüber. Wenn nur Urban bald käme!“

Wieder war es ruhig im Zimmer; der Commerzienrath trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Man hörte die Fliegen summen und von einem entfernten Zimmer her die gellenden Touren eines Canarienvogels.

Aber der Commerzienrath vernahm auch noch etwas Anderes, und das waren zwei Menschenstimmen, die vom Hofe heraufklangen, diejenige Toni's und eine andere, welche dem gebückt Dasitzenden plötzlich Leben einflößte. Er stürzte nach der Thür hin und schob mit zitternden Fingern den Riegel vor.

„Nimmermehr,“ sagte er mit jammerndem Tone; „sie wäre die Letzte, die mich in diesem Zustande sehen sollte. Nur ihr diesen Triumph nicht! Ich werde nicht sterben, und ich darf nicht sterben, denn es wäre ihre Erlösung und wahrscheinlich die Erfüllung ihrer Gebete. Sie wird Gott auf den Knieen anflehen jeden Abend, daß der Karl Seyboldt den Morgen nicht erlebe. Aber ich habe sie noch nicht genug gedemüthigt, und sie darf nicht sehen, daß der Feind des Lebens seine Krallen in mein Fleisch geschlagen hat. Hier – hier –“ und er preßte die Hand fest in die rechte Seite und biß die Lippen zusammen und setzte sich wieder in den Stuhl.

Er horchte, wie die silberne Stimme Toni's näher und näher kam, und seine Augen glänzten fieberisch und unsicher. „Nehmen Sie gefälligst einen Augenblick Platz, Frau Hornemann! Ich denke wohl, Papa wird noch nicht wieder ausgegangen sein.“

Es klinkte an der Thür, aber sie ging nicht auf und wich auch dem stärksten Drucke nicht.

Der Kranke rührte sich nicht.

„Papa, hast Du Dich eingeschlossen?“

Keine Antwort. Die Lippen des Commerzienrathes drinnen bewegten sich unhörbar.

„Ach,“ sagte das junge Mädchen bedauernd, „es scheint, daß er doch nicht hier ist. Sie müssen schon verzeihen, liebe Frau Hornemann. Aber vielleicht, daß er in der Fabrik ist, oder im Comptoir; lassen Sie uns einen Versuch machen! Wenn wir ihn nirgends finden, schicken Sie vielleicht Milli den Nachmittag einmal her, damit Sie sich den Gang ersparen.“

Es war wirklich Frau Hornemann, die bei dem grauen Plaschfauteuil stand, im eng schließenden Stoffhute, der über der Stirn mit künstlichen weißen Rosen untersetzt war, das türkisch gemusterte Tuch umgeschlagen und ein Ledertäschchen in der Hand. Der Zug von Hochmuth und Kälte im Gesicht, mit dem sie in's Zimmer getreten, war gewichen, als Toni die Ueberzeugung aussprach, daß ihr Vater abwesend sei, und hatte einer sichtlichen Abspannung Platz gemacht. Aber bei der letzten Bemerkung des jungen Mädchens kräuselten sich ihre schmalen Lippen in spöttischer Bitterkeit, und sie sagte: „Der Herr Vater haben es lieber, wenn ich selbst komme. Ich besuche ihn ohnehin nicht oft genug.“

„O liebe Frau Hornemann, dann sollten Sie auch etwas ablegen und ein Weilchen mit mir vorlieb nehmen,“ rief Toni und sah die alte Frau mit ihrem bezaubernden Lächeln so unschuldig an wie ein bittendes Kind. „Verzeihen Sie meiner Theilnahme die Frage, ob Sie etwas beunruhigt? Kann ich den Vater in irgend einer Sache mit bitten, Ihnen zu helfen? Ich glaube, Sie sehen ein wenig unzufrieden aus, und ich hatte gemeint, Sie müßten in lauter Mutterfreude schwimmen. Aber erst will ich Ihnen selber helfen. Nicht wahr, Sie setzen sich zu mir und warten, bis der Vater kommt?“ Und sie ging zu Frau Hornemann und bückte sich rasch, um ihr die Schleife der Hutbänder zu lösen. Aber diese trat zurück und wehrte so bestimmt ab, daß sie einhielt.

„Es wäre das erste Mal, mein Kind, daß ich als Gast in diesen Mauern säße. Bemühen Sie sich nicht! Ich werde sofort gehen.“

Toni sah sie befremdet an. „Ich sollte eigentlich beleidigt sein,“ schmollte sie. „Das sagen Sie so, als wäre Ihnen von unserer Seite etwas zu Leide geschehen, was Sie uns gar nicht verzeihen könnten.“

Ueber das Antlitz der alten Frau flog es wie Gluth, und in ihren Augen blitzte es feucht wie Vorahnung zorniger Thränen. Sie schien etwas sagen zu wollen, was sie unterdrückte, und endlich raffte sie sich mit jener Selbstbeherrschung zusammen, welche ihr ganzes Wesen ausprägte und die eine Vergangenheit sie gelehrt haben mochte, welche sich mit tiefen Runen in ihre Züge eingezeichnet hatte. Sie ging zu Toni und sah ihr mit unverhohlener Rührung in die Augen.

„Gott segne Sie, mein liebes Kind! Wo ein Engel ist, da ist immer Himmelsluft um ihn, und wenn er mitten durch die Hölle flöge. Für Ihr schönes junges Herz ist die Welt eine Schaubühne, auf der lauter Lustspiele aufgeführt werden von muntern Acteurs; Sie sehen die Kleider glänzen und die weiß- und rothgeschminkten Menschen und die gemalte Leinwand und glauben, das sei Alles, was sie Leben nennen. Gott bewahre Ihnen diesen Glauben und lasse Sie nie hinter dem Glanze das Dunkel sehen und das Elend, den Zank und Hader und die Täuschungen!“ Sie hielt einen Augenblick inne. „Sie verstehen mich nicht, mein Kind,“ sagte sie dann; „man muß es gesehen haben, um es zu begreifen, und ich will Ihr liebes junges Herz nicht schwer machen mit Räthseln. Wenn Sie Ihren Vater fänden, wäre es mir recht sehr lieb; ich möchte den Martergang nicht gern wiederholen.“ [109] Toni war sichtlich verlegen, was sie aus diesen erregten Aeußerungen machen sollte. Frau Hornemamn hatte ihre beiden Hände mit der Linken erfaßt, und mit der Rechten streichelte sie ihr über das glänzende dunkle Haar, das so weich war wie Seide.

Plötzlich horchte sie auf. Im Nebenzimmer gab es ein dumpfes Geräusch. Zugleich kam das Dienstmädchen eilig herein und trug ein Glas Wasser auf dem Tablet.

„Wer hat das Wasser bestellt, Lisa?“ fragte Toni etwas erschrocken.

„Nun, der Herr selber.“

„Aber wann denn? Er ist ja ausgegangen.“

Das Mädchen sah sie erstaunt an. „Er war doch vor einer kleinen Weile noch hier.“ Und sie rüttelte noch einmal an der Thür.

„Mir war, als hörte ich drinnen etwas,“ flüsterte Toni Frau Hornemann zu. Diese sah mit einem Gesicht voll bitteren Hohnes nach der Thür und sagte laut: „Nehmen wir an, der Herr Commerzienrath wäre nicht da! Mich däucht, wir werden zu keinem andern Resultat kommen.“

Das Wasser wurde hinausgetragen, und Toni wandte sich wieder zu ihrem Besuch. „Ich verstehe oder glaube zu verstehen, daß Sie nicht ganz glücklich sind,“ meinte sie ein wenig zaghaft. „Aber jetzt sollten Sie doch nichts als Freude im Hause haben? Mir ahnt so etwas wie ein Verlobungsfest.[3] Leugnen Sie nur nicht! Die Spatzen auf den Dächern haben mir davon erzählt.“

„Ein Verlobungsfest?“ fragte Frau Hornemann mit eigenthümlicher Betonung und forschenden Augen. „Vielleicht, ja.“

Toni lehnte sich an eine Spiegelconsole und stieß mechanisch an die Nase eines Porcellan-Pogoden, der dort stand, daß der Kopf des Chinesen auf und nieder zu nicken begann. „Ich weiß mehr, als Sie denken, denn seit gestern Abend bin ich die sogenannte Vertraute. Eine merkwürdige Rolle! Man darf mit ansehen, wie zwei Menschen sich küssen, und muß dabei stehen und die Augen schließen. Das ist alles.“

Frau Hornemann wurde aufmerksamer. „Wie? Und das haben Sie mit angesehen?“

„Mein Himmel, Sie machen ja Augen wie ein Justizrath, liebe Frau Hornemann; ist denn das etwas Böses? Oder habe ich etwa ausgeplappert, was ich nicht sollte? Aber nein, wenn Sie selber ‚vielleicht, ja‘ sagen, brauche ich’s wohl nicht in die Beichte zu tragen. Und ich will nun einmal die Vertraute sein; kein Mensch hat mich bisher dazu machen wollen, aber der Himmel hat eingesehen, daß ich mich wohl dazu eigne, und mir gestern einen Zufall zur Hülfe geschickt. Nun laß ich mir die Würde nicht nehmen. Daß Sie’s nur wissen,“ sprach sie mit komischem Ernst und schnippte wieder an den Pagodenkopf, „ich will gar nicht immer Kind sein, wie alle Leute gern möchten und Sie auch. Warum soll ich immer nur Sonne sehen und froh sein? Ich weiß wohl, daß es viel süßer ist, traurig zu sein. Das Leben soll Tiefen haben und Abgründe, und es soll allerlei Merkwürdiges passiren – nur ich darf nichts sehen und nichts erleben, und dabei komme ich mir so dumm vor, wie dieser dicke Herr da“ – und sie zeigte auf den Chinesen vor’m Spiegel. „Ich will noch schweigen wie das Grab, wenn ich mich zur Verlobungsfeier einladen darf – die Bedingung stelle ich.“ Sie lächelte wieder mit Kinderanmuth, und zwischen den frischen Lippen glänzten die weißen, kleinen Zähne hervor.

Die alte Frau ergriff ihren Arm und preßte ihn heftig. „Es ist nicht möglich,“ sagte sie mit unterdrückter Stimme und mit einem Gesicht, aus welchem die tiefste Verzweiflung sprach. „Wen haben Sie gesehen?“

„Milli und den Doctor Urban,“ war die zögernde Antwort.

Die alte Frau bedeckte ihr Gesicht mit beiden Händen und stöhnte: „Also doch! Also doch! Und hier ist es, wo sie sich treffen?“

„Zum ersten Male; ich begegnete gestern Milli zu Wagen und habe sie mir entführt. Nachher kam der Doctor in den Garten – – Aber liebe Frau Hornemann, ich begreife nicht –“ sagte Toni fast weinend. „Warum sind Sie so außer sich?“

Nebenan wurde eine Thür geöffnet, und man vernahm rasche Männertritte.

„Leben Sie wohl, Fräulein Toni! Ich muß doch wiederkommen, und ich fühle mich nicht wohl.“ Sie nahm die Hand Toni's und schritt dann entschlossen zum Ausgang.

„Fräulein Toni ist drin und hat Besuch,“ sagte draußen das Mädchen. „Er ist gewißlich fortgegangen, Herr Doctor.“[4]

Eine Gegenrede verhallte im Geräusch der zugeschlagenen Thür.

Einen Augenblick später trat Doctor Urban der alten Frau entgegen, die ihn wie einen Geist anstarrte, während ihm die Ueberraschung kaum anzumerken war. „Ah,“ sagte er mit ironischer Verbeugung, „sehr angenehme Begegnung! Guten Morgen, Fräulein Toni! Hat Ihre Tante wieder Migräne?“

Frau Hornemann blickte zu Boden, bis der Doctor an ihr [110] vorbeipassirt war; dann schritt sie stumm und stolz aufgerichtet durch die Thür.

„Was war das?“ fragte das zurückbleibende junge Mädchen den Arzt. „Erlösen Sie mich, Herr Doctor. Ich bin ganz wirr im Kopfe. Mir war, als rede sie eine Sprache, die ich nicht verstehe, Kalmückisch oder Kafferisch. Ist es denn so schrecklich, daß Sie gestern mit Milli bei uns zusammengetroffen sind?“

„Haben Sie das der Frau Hornemann gesagt?“ lautete die etwas spöttische Gegenfrage.

Toni nickte.

„Nun – haben Sie schon einmal Ricinusöl genossen oder Leberthran getrunken? Nein, ich glaube nicht, mein Fräulein. Aber Sie wissen, daß Wermuth und Galle ausnehmend bitter sind. Sie Aermste haben der guten Frau eine tüchtige Dosis von beiden verabreicht. Aber ich möchte wissen, ob Ihr Herr Papa – ah, Herr Commerzienrath!“

Der Commerzienrath hatte aufgeriegelt und stand mit verstörtem Gesichte in der Thür.

„Laß uns allein, mein Kind!“

Urban nickte ihr zu und verschwand im Zimmer des Commerzienrathes.

Sie blickte ihm mit glänzenden Augen nach, und ihre Brust hob und senkte sich immer rascher, wie sie da stand, die kleinen Hände übereinander gelegt. Endlich holte sie tief Athem, wie Einer, der aus dem Traume erwacht. „Wie seltsam!“ sprach sie vor sich hat. „Er war noch drinnen. Warum hat er sich vor der Frau Hornemann eingeschlossen?“ Sie stand vor dem hohen, prachtvollen Trumeau und betrachtete sich darin mit einem stillen Seufzer. „Wie kann ich Jemandem gefallen – brrr!“ Und sie schüttelte sich. Der Chinese vor ihr nickte noch immer, und sie nickte endlich auch und gewann ihre Laune wieder. „Was hilft’s?“ meinte sie halblaut; „es scheint wirklich der Lauf der Welt zu sein: Was des Einen Glück ist, das macht dem Andern das Herz schwer, oder wie Johannes im Stalle sagte: ‚Fräuleinchen, Einer ist dem Andern sein Teufel‘; ja wohl, mein Herr Chinese, au revoir, mon bijou!“ Sie gab dem Pagoden noch einen Stoß und flatterte zum Zimmer hinaus.

Der Commerzienrath hatte inzwischen den eintretenden Arzt bei den Rockaufschlägen gefaßt. „Gott sei Dank, daß ich Sie bei mir habe, Doctor! Wenn Sie wüßten, welche Höllenqual ich ausgestanden habe! Ich hatte einen Anfall, einen kleinen Schlaganfall, glaube ich. Ich vermochte plötzlich nichts mehr zu sehen und empfand Stiche hier in der Seite.“

„Ah bah,“ sagte Urban ziemlich rücksichtslos. „Sie müssen ja natürlich hier ersticken bei den geschlossenen Fenstern.“ Er zog mit rascher Hand ein Rouleau nach dem andern empor und riß die Fensterflügel weit auf, daß die linde Sonnenluft einströmte. Dann betrachtete er den Commerzienrath, prüfte seinen Puls und lachte.

„Hypochondrie, nichts als Hypochondrie, werther Herr! Vielleicht eine kleine Leberaffection. Kein Gedanke an Sterben!“

„Lieber Doctor, ich bitte Sie dringend, die Sache nicht leicht zu nehmen,“ erwiderte der Fabrikant mit zweifelnder Aengstlichkeit. „Meinen Sie nicht, daß etwas Ernstliches geschehen muß? Daß ich vielleicht gut thue, in ein Bad zu reisen? Ich fürchte immer, es nimmt bei einem solchen Zufalle ein plötzliches Ende mit mir.“

Er setzte Urban einen Stuhl hin und nahm selber Platz. Jener besann sich.

„Wenn es Sie beruhigt – vielleicht würde eine Cur nichts schaden. Nur gebe ich Ihnen zu bedenken, ob Sie in dieser aufgeregten Zeit Ihre Fabrik verlassen wollen.“

„Nein,“ fiel ihm der Commerzienrath hastig in’s Wort; „Sie haben Recht. Wissen Sie auch, daß ich vorhin meinen Leuten in’s Gewissen geredet habe? Ich kann mich auf Bandmüller verlassen; er wird die räudigen Schafe schon zu rechter Zeit herausgreifen. Sie werden sehen, wohin es mit Ihrer Freiheit und Ihren Menschenrechten kommt.“

„Ereifern wir uns nicht über Politik! Sie dürfen sich heute keinesfalls aufregen. Machen Sie eine Spazierfahrt und nehmen Sie Fräulein Toni als Friedensengel mit sich! Steigen Sie ein wenig auf die Berge! Es wird Ihnen gut thun.“

Der Fabrikant sah unzufrieden aus, obschon seine Angst in der Gegenwart des Arztes so ziemlich verflogen zu sein schien.

„Doctor, ich habe das größte Vertrauen zu Ihrer Kunst,“ meinte er nach kurzem Besinnen. „Professor Mitterer hat mir sicher nicht ohne Grund gesagt, daß Sie sein bester Schüler seien, und das ist soviel, als wenn er gesagt hätte, Sie wären der Erzengel Raphael. Aber ich fürchte, Sie haben kein Herz für mich, keine Sorge um mich. Ich bin Ihnen gleichgültig, ein Patient, der Sie bezahlt. Ich wollte, ich hätte einen Sohn, der Ihnen gliche; ich gäbe wer weiß was darum.“

„Seien Sie zufrieden!“ sagte Urban, seltsam angemuthet von diesem Einfalle des hypochondrischen alten Herrn. „Sie haben einen so reizenden Arzt, einen wahren Specialarzt für Ihr Leiden im Hause, und ich wünschte nur, daß Sie sich mit vollem Herzen in seine Cur begäben; Sie errathen: ich meine Fräulein Toni. Uebrigens dürfen Sie auch meiner Theilnahme für Sie völlig vertrauen.“

„Ich wollte, wir wären wenigstens Parteigenossen; dann würden Sie mich vielleicht aus Nützlichkeitsrücksichten conserviren. Schlagen Sie ein, Doctor, kommen Sie zu uns in die Union! Sie wissen, wie man Sie dort aufnehmen wird.“ Und er streckte dem Arzte die Hand hin.

Dieser lachte: „Ei, so thun Sie doch besser, zu uns zu kommen, wie wir wünschen. Aber lassen wir das!“ fuhr er ernst fort, und sein Auge ruhte beobachtend auf dem Antlitze seines Gegenüber. „Bei Ihrem Leiden kann und muß ich Ihnen den dringenden Rath geben: entsagen Sie vorläufig auf ein halbes Jahr aller Politik! Weisen Sie Jeden ab, der Sie damit aufregen will, vermeiden Sie in die Union zu gehen! Ich stehe bei Ihrer nervösen Constitution für nichts.“ Er zog die Uhr. „Eine indiscrete Frage noch: ich fand soeben Frau Hornemann hier. Verkehrt die Mutter auch in Ihrem Hause wie die Tochter?“

Der Commerzienrath wurde ein wenig blässer, und seine Augen suchten verlegen umher. „O,“ sagte er endlich in dehnendem Tone, „wir verkehren in Geschäften miteinander.“

Der Arzt schied mit der Versicherung, er werde im Hofe das Anspannen bestellen. Er durchschritt rasch die Räume und stieß in einem der vorderen Zimmer auf Toni und die Tante, ein Fräulein von der Herberge, eine ältliche, würdige Dame mit grauen Locken an den Schläfen. Nachdem er die wortreiche Begrüßung der Letzteren mit ein paar scherzenden Worten abgefertigt, wandte er sich an Toni, welche mit einer zierlichen Reitpeitsche leise gegen das Kleid klätschelte und durch das Fenster in den Hof hinab sah.

„Wollen Sie eine Vorstellung in der Reitkunst und höheren Pferdedressur geben, Fräulein Toni?“ fragte er.

„Wie ungezogen!“ sagte sie und wandte sich um. „Gehen Sie nur! Es wartet gewiß schon Jemand auf Sie. Uebrigens werde ich Ihnen zum Tort ausreiten.“

Das Gesicht des Arztes war plötzlich ernst geworden, und er sagte fast rauh: „Das Reiten ist Ihnen nicht zuträglich heute. Ihr Herr Papa wird in einer Viertelstunde einen größeren Ausflug in’s Freie machen, und ich verordne als Hausarzt, daß Sie ihn begleiten. Ich habe die Ehre mich zu empfehlen, meine Damen.“

„Ist es nicht unerträglich, Tante, wie er mich behandelt?“ klagte Toni, als sein Schritt auf der Treppe erklang, und sie warf ihre Reitpeitsche in die Ecke. „Immer wie ein ungezogenes Kind.“

„Der Herr Doctor ist etwas sehr brüsk, liebe Antonie,“ erwiderte die Dame mit Würde, „aber diese Herren Aerzte haben das meist so an sich; ich versichere Dich, mein Engel, ich kenne sie.“

Toni drückte ihr Gesicht hart an die Scheiben und stand ein Weilchen, ohne sich zu regen.

„Was fehlt Dir, Antonie? Mein Himmel, Du zitterst am ganzen Körper!“

„Ach Tantchen, mein Herz!“ klang es mit unterdrücktem Schluchzen vom Fenster. „Ich glaube fast, daß ich krank bin.“

Unten kam der Doctor vom Stalle her und ging über den Hof, ohne sich umzublicken.




8.

Der Polizeicommissar Donner hatte seinen geduldigen Arrestanten im Stadtgefängniß untergebracht und war von da in seine Wohnung gegangen.

Die Blüthezeit der eigentlichen Demagogenfängerei war [111] vorüber, aber es war noch immer nichts sonderlich Auffälliges, wenn unterm Schleier der Nacht ein politisch Verdächtiger in ein Arrestlocal geschafft ward, der eine halbe Stunde zuvor noch darauf geschworen hätte, daß er die Nacht zwischen feinen Kissen und Decken weich und warm schlafen würde. Der übereifrigen Polizeiorgane, welche in solchen Verhaftungen Heldenthaten erblickten, gab es besonders in großen Städten noch manche. Was hätte sie hindern sollen? Die Willkür genoß alle Arten von Ausnahmeprivilegien, um „den Bestand des Staatswesens gegen Verschwörungen zu sichern“; es war die Zeit, wo die alte Abschreckungstheorie, welche die raffinirten Martern der mittelalterlichen Justiz erzeugt, ihre letzte Probe bestehen sollte, um dann für das Bewußtsein der modernen Civilisation in der großen Todtenkammer menschlicher Irrthümer, Geschichte genannt, beigesetzt zu werden. –

Es war gegen Mitternacht.

Donner saß in seinem Wohnzimmer bei einer Oellampe, deren grüner Blechschirm nur eine Erhellung der Tischplatte zuließ, den Lichtfleck an der Stubendecke abgerechnet, in welchem das Schattenspiel des Rauches kräuselte. Er hatte sich weder seines Uniformrockes noch seiner schweren Stiefeln entledigt; diese harte und zähe Natur wußte nichts von Bequemlichkeit und Behagen. Sein Weib schlief nebenan in der Kammer, und man hörte ihre tiefen Athemzüge; Kinder hatten sie nicht.

Vor ihm stand der Kasten, welchen er aus dem Sterbezimmer des alten Zehren entnommen und durch den Wächter hatte fortschaffen lassen. Der Deckel war offen; Donner besaß in seiner Wohnung das gesammte Handwerkszeug eines Diebes, und der Zufall hatte ihm überdies vor einiger Zeit eine Partie Schlüssel in die Hände geführt, deren einer in das Schloß des Kastens paßte.

Mit gierigen Augen blickte er über ein Packet Scripturen, welches er auf den ersten Griff herausgerissen hatte. Das Papier sah größtentheils nicht eben frisch aus. Die Schriftzüge waren vielfach vergilbt, aber Donner beschloß, sich dadurch nicht vom Lesen abhalten zu lassen, denn er kannte die Kunstgriffe, mittelst deren man unverfängliche Correspondenzen abzufassen wußte in jener gefährlichen Zeit. Er hatte erfahren, daß es nicht schwer sei, Papier von altem Aussehen zu beschaffen, vergilbte Tinte herzustellen und in Briefen mit alten Daten, welche scheinbar längst vermoderte Verhältnisse behandeln, Verschwörungen zu spinnen. Er brannte darauf, in den Scripturen dieses Kastens den Beweis für die Schuld Zehren’s zu finden, denn er fühlte heimlich, daß sein ungemessen entwickeltes Amtsbewußtsein ihn zu einer Uebereilung verleitet hatte.

Er begann aufmerksam zu lesen, und das hatte keine sonderlichen Schwierigkeiten, denn die Briefe, welche er nacheinander vor sich ausbreitete, trugen die leserlichen Züge kaufmännischer Correspondenzen. Einige in englischer Sprache abgefaßte, aus englischen oder amerikanischen Seestädten datirte Schriftstücke legte er bei Seite; er verstand sie nicht. Die Adresse richtete sich zumeist an Herrn Christian Zehren, nur in vereinzelten Fällen an eine Firma C. Frickhöffer; die Briefe letzterer Art waren sämmtlich über zehn Jahre alt, und der Commissar erinnerte sich gehört zu haben, daß der verstorbene Zehren die Fabrik vor etwa zehn Jahren erst übernommen habe und daß der frühere Inhaber, muthmaßlich jener Frickhöffer, zuvor durch einen Pistolenschuß den freiwilligen Tod gesucht.

Soweit Donner sah, waren die Briefe der Mehrzahl nach als Geschäftsbriefe zu bezeichnen. Der alte Herr Christian Zehren mußte ein tüchtiger Geschäftsmann gewesen sein, denn vielfach handelte es sich um Maßnahmen, auf kürzestem Wege über Conjuncturen Nachricht zu erhalten und günstige Gelegenheiten schleunigst zu benutzen, welche sehr außer der Sehweite des Rheinländers lagen. Andere Briefe setzten einen früheren persönlichen Aufenthalt des Verstorbenen jenseits des Oceans voraus, freundschaftliche Beziehungen pflegend und an Vergangenes erinnernd, meist nur in Andeutungen, welche dem Polizeimanne bei ihrer Dunkelheit kaum mehr Interesse abgewannen, als die Briefe der erstbezeichneten Art. Das Leben eines Heiligen hatte Christian Zehren in der Fremde nicht geführt.

Das Gesicht des Commissars begann sich zu verfinstern. Er schüttete den gesammten Inhalt des Kastens auf den Tisch. Ein paar veraltete Contracte und Quittungen ausgenommen, wollte sich auch hier nichts finden, was sich inhaltlich von den Bestandtheilen der ersten Partie unterschieden hätte. Der fieberhaft Suchende wühlte sich ungeduldig in dem kurzen, spärlichen Haar und drehte die Enden seines Schnauzbartes. Aber lesen mußte er. Die Kukuksuhr, welche über dem Tische an der Wand hing, rückte mit gleichmäßiger Sicherheit die Zeiger vorwärts, und der Commissar fuhr auf, wenn nach dumpfem Knarren der Ruf des Vogels sich hören ließ. Draußen krähten in der Ferne die Hähne, und bellende Hunde antworteten einander durch die lichte Sommernacht, aber er wußte nichts davon.

Er las noch immer, als die Morgendämmerung das Mondlicht ablöste und die Kühle des erwachenden Tages ihn frösteln machte. Eine Zeit lang beachtete er diese Empfindung nicht; dann stand er auf und suchte seinen Mantel, den er sich umlegte. Er spürte, wie seine Augen übernächtig brannten, goß aus einer Caraffe Wasser in ein Glas und benetzte die Augen damit. Dann setzte er sich wieder.

Unter den nächsten Briefen fanden sich einige, welche sich durch die nämlichen, merkwürdig verschnörkelten Schriftzüge auszeichneten. Sie stammten aus der Mitte der dreißiger Jahre, und waren an die Adresse C. Frickhöffer gerichtet. Es waren dies die ersten, welche Donner's Aufmerksamkeit erregten, obschon sie nichts von Dem enthielten, was er eigentlich suchte.

Der Unterzeichner nannte sich Hendricks. Er kündigte im ältesten der Briefe an, daß er bereit sei, Herrn C. Frickhöffer von einer gefährlichen Geschäftsconcurrenz zu befreien, wenn dieser auf gewisse Bedingungen eingehen würde, über welche er sich mündliche Rücksprache vorbehalte. Zwischen diesem und dem nächsten Schreiben mußten die Verhandlungen stattgefunden haben und zu einem Abschlusse gediehen sein, denn der nämliche Hendricks erklärte des Genaueren, wie weit er mit den Vorbereitungen gediehen sei, um die Wattenfabrik H. und H. zu Falle zu bringen. Diese Buchstaben fanden sich auch in den folgenden Briefen wiederholt vor. Der Plan war im Grunde ein teuflischer: der mit Hendricks Unterzeichnete mußte in vertrauter Verbindung mit der bedrohten Firma stehen und die Mittel zur Verfügung haben, ihr jeden Credit zu rauben, ihre pecuniären Verhältnisse zu zerrütten und ihren Verrieb zu unverhältnißmäßigen Opfern anzuspannen. Es hieß an einer Stelle, daß die neuen Maschinen richtig angeschafft seien und daß der Erfinder, dem gegebenen Rathe entsprechend, die horrende Summe beansprucht und erhalten habe. Daneben fanden sich genaue Zahlenangaben über eingezogene Gelder vor, welche bei Seite geschafft und bei einem Londoner Banquier deponirt worden seien, sowie Namen von Kunden der Firma H. und H., welche ihre Geschäftsverbindung mit derselben zu Gunsten der Erzeugnisse des Adressaten aufgelöst hätten. Zuweilen wurden Klagen beschwichtigt, Zahlungsraten gefordert.

Das wichtigste unter diesen Schriftstücken war ein kurzes, eilig geschriebenes Billet. Es lautete: „Ich besitze noch ein paar Wechsel, die H. in blanco unterschrieben hat, mit einem Accept der Firma S. und Compagnie von meiner Hand versehen. Todte können nicht reden, und H. ist, sobald Sie wollen, der Schuldige. Die Blättchen liegen für Sie bereit; zahlen Sie den Rest gegen Tausch, dann haben Sie die Sache in der Hand, und ich verschwinde in einem Urwalde, um über den Leichtsinn nachzudenken, der mich genöthigt hat ein Schurke zu werden.“ Die Frage zu entscheiden, wer jener H. war, dafür existirte ein einziger, aber genügender Anhalt. Der vorletzte Brief sprach mit einem gewissen Triumphe von einem Todesfalle, und an einer Stelle war der Name des Todten, wahrscheinlich durch Unachtsamkeit, ausgeschrieben. Dieser Name lautete: Hornemann.

Es war eine schreckliche Sprache, welche diese vergilbten Blätter redeten. Sie erzählten im Lapidarstyle die Geschichte eines Wildes, das von einer Parforcejagd zu Tode gehetzt wird. Es klang wie die Zurufe von Jägern, welche das Wild in Sicht haben und verloren wissen, wie wildes Hussah! und Peitschenknallen und Kläffen der Meute, und zum Schlusse scholl das Hallali! und blinkte das Messer. Aber wer diese Blätter las, der hörte noch etwas Andres, nämlich die Angst der Creatur, das Lechzen und Stöhnen, den fliegenden Athem und das verzweifelte Hasten, um zu entrinnen, den Sturz und das Röcheln des Todes; von alledem stand nichts geschrieben, aber zwischen den Zeilen hervor quollen die furchtbaren Bilder und Töne.

Der Commissar empfand nichts von den allgemein menschlichen Gefühlen des Mitleids und der Entrüstung; ein Criminalfall [112] flößte ihm kein anderes als ein rein sachliches Interesse ein. Indessen regte das Raffinirte dieser Schurkerei ihn so lebhaft an, daß er dieselbe einen Augenblick wie etwas Gegenwärtiges betrachtete und während des Lesens seiner Müdigkeit vergaß. Erst als er mit dem letzten Blatte zu Ende war, dachte er daran, noch einmal die Daten zu vergleichen. Die Geschichte war eben alt, fast fünfzehn Jahre. C. Frickhöffer, aus dessen vergessenen Papieren Herr Christian Zehren das aufgehoben haben mochte, was ihm bemerkenswerth erschienen, moderte mit zerschossenen Schläfen im Grabe; jener Hendricks war allem Vermuthen nach für immer verschollen, und die unterschlagenen Gelder waren jenseits des Oceans durch tausend Hände gewandert; Hornemann war ja auch todt. Die Sühne des Todes lag über dem Verbrechen. Aber Hornemann – wer war das? Donner kannte die Familie dieses Namens, den wunderlichen Pascha vom Wiedenhofe, welcher als Agent einer Anzahl überseeischer Firmen thätig war, dessen schöne Schwester und die Mutter, welche den Droguenladen am Canal besaß. Stand diese Familie in Beziehung zu dem dunklen Geheimnisse, von dem jene Blätter dort plauderten? War das verstorbene Familienhaupt mit dem Hornemann dieser Briefe identisch? Wenn dies der Fall war, dann lag wohl die Möglichkeit offen, auch hinter die Buchstabenräthsel der angedeuteten Firmen zu kommen.

Aber was für ein praktisches Interesse konnte es haben, ein fünfzehn Jahre altes criminalistisches Räthsel zu lösen, dessen Folgen allem Anscheine nach verwischt waren und wobei es Niemanden mehr zu bestrafen gab?

Donner legte die Briefe getrennt von dem großen Haufen und stöberte, von Neuem seiner eigentlichen Fährte nachgehend, den Rest durch. Die schlafende Frau nebenan in der Kammer beschäftigten mancherlei Morgenträume, und ihre unzusammenhängenden Worte verschmolzen mit dem Knistern der Blätter.

Endlich sprang der Commissar auf und preßte einen Fluch zwischen den Zähnen hindurch: seine Mühe war vergeblich gewesen. Er warf eine Faust voll Briefe nach der andern, sie rücksichtslos zusammenknitternd, in den Kasten, nur die einzigen, welche sich auf den Fall Hendricks’ bezogen, ließ er zurück; zuletzt schlug er den Kasten heftig zu und schloß ihn ab, worauf er eine Weile überlegte.

„Ich behalte diese Briefe,“ murmelte er entschlossen. „Ich werde erfahren, ob sie auf jene Hornemann’s Bezug haben und ob sie zu irgend etwas zu brauchen sind.“ Er nahm die Briefe auf und barg sie in einem Schubfache seines Schreibsecretärs; dann schritt er in die Kammer und schüttelte die Schlafende am Arme, der über den Bettrand herunterhing, bis sie erwachte.

„Bist Du schon aufgestanden?“ fragte sie verwundert, indem sie sich halben Leibes aufrichtete und die Augen rieb.

„Ich will erst schlafen,“ entgegnete er verdrießlich. „Vor sieben Uhr brauchst Du mich nicht zu wecken, Marie; es müßte denn etwas ganz Besonderes passiren. Vorläufig kümmere Dich weiter um nichts, was mich betrifft!“ Er warf sich in voller Kleidung auf die Steppdecke und zog den Mantel über sich. Wenige Augenblicke später verkündigten seine schnarchenden Athemzüge, daß er fest eingeschlafen war. –

Es war bereits acht Uhr vorüber, als sich Donner schon wieder auf dem Wege nach dem „Fuchseisen“ befand, wie der Volkswitz das Polizeigefängniß benannte. Von den Folgen einer durchwachten Nacht spürte er nur wenig; das Nervensystem dieses Mannes schien aus Fäden von Stahl zu bestehen, wie es denn Niemand in der Stadt gab, der da hätte behaupten können, ihn leidend gesehen zu haben. Dennoch war seine Laune keine rosenfarbene. Um vieles deutlicher als in der verflossenen Nacht sah er jetzt im Sonnenlicht, wo die Morgenluft so frisch und nüchtern um ihn wehte, das Voreilige der Verhaftung Zehren’s. Dazu bewegte sich allerlei vor seiner Erinnerung, was die Behörde betraf, vor welcher er diese Verhaftung rechtfertigen mußte. Die politische Gesinnung der städtischen Obrigkeit lag für ihn völlig im Nebel, und das allein genügte, einen stillen Verdacht in ihm aufkeimen zu lassen, der in Worte umgesetzt etwa lautete: Wer nicht für mich ist, der ist wider mich. Aber um diesen Verdacht schossen sofort einige Reminiscenzen an wie Eisenfeilspähne um den Magnet, und wie diese magnetisch werden, so hauchte jene der Verdacht an. Warum war vor Kurzem erst so dringend die Verlegung von Militär in die Stadt abgewehrt worden? Warum hatte man ihn wenige Wochen zuvor plötzlich in einer unbedeutenden Commission nach auswärts gesandt, während er drei flüchtigen Polen so nahe auf den Fersen gewesen? Die einzigen Aufträge, welche sich auf politische Vergehungen bezogen, waren seinem Collegen übertragen worden, der sich ebenso durch bemerkenswerthe Ungeschicklichkeit ausgezeichnet hatte, wie er selber Eifer und Glück zu zeigen pflegte. Warum? Weshalb war er überhaupt nicht beliebt und bevorzugt bei seiner Brauchbarkeit und Pflichttreue?

Er hatte noch nie an die Möglichkeit gedacht, daß die letztere Eigenschaft ihn mit seinen Vorgesetzten in Conflict bringen könnte, und er hätte nicht die Träume von Carrière und Auszeichnung im Kopfe haben müssen, um nicht eine gewisse innerliche Schwüle bei diesen Gedanken zu empfinden. Dieser Zehren im Polizeigefängniß konnte ihm fatal werden, und es war das Klügste, wenn er dessen Entlassung bewirkte und die ganze Angelegenheit vertuschte, bis er zum mindesten besser mit Belastungsmaterial gerüstet war.

Der Entschluß machte ihn ruhiger. Er kam auf den Marktplatz, in das Gewühl eines Wochenmarktes. Während der Duft von frischem Gemüse und Blumen, zwischen die er trat, seine Nüstern streifte und durcheinander wirrendes Schreien und Summen sein Ohr umtönte, spähte er mit übergehaltener Hand nach einem Polizisten, den er hier mit Sicherheit vermuthen durfte. Der nächste war zwischen den Strohhüten und rothen Kopftüchern der Butterweiber sichtbar, und Donner schritt, ziemlich unbekümmert um das Geschick der Waare, durch welche seine plumpen Stiefel sich den Weg bahnten, auf denselben zu. Er gab ihm den Auftrag, sofort den Kasten, welcher in seiner Wohnung bereit stände, in das Zehren’sche Haus abzuliefern. Dann verließ er den Markt, um das Polizeigefängniß aufzusuchen.

Das „Fuchseisen“ war ein schmaler, hoher Bau, dessen Aeußeres ziemlich verwahrlost aussah. Der Kalkbewurf hatte stark von der Feuchtigkeit gelitten; große Stücke waren herausgefallen. In den Fugen der steinernen Fensterumrahmungen und da, wo die Eisenvergitterung in den Stein mündete, hatte sich fettgrünes Moos angesetzt. Der Invalid, welcher den Schließerposten bekleidete und welcher den Commissar durch das Fenster bemerkt hatte, kam Donner entgegen, als derselbe eben die schwere beschlagene Eichenthür aufgedrängt hatte, und grüßte militärisch.

„Was macht der Gefangene, Marquard?“ fragte der Commissar kurz.

„Sehr ehrenwerther Mann; nicht gemuckst, Herr Commissar,“ war die stramme Erwiderung des Freiheitskriegers. „Wollte bei Nacht noch Billet an gewissen Hornemann schreiben; ging natürlich nicht an. Heute Morgen Frühstück besorgt für sein Geld.“

„Es ist gut. Schließen Sie mir seine Thür oben auf und lassen Sie mich allein mit ihm!“ Donner stieg langsam voraus, die schmale steinerne Wendeltreppe empor, und der Alte stampfte ihm nach, sobald er die Schlüssel geholt hatte.

Zehren saß beim Eintritte der Beiden auf einem Holzschemel und blickte durch’s Fenster in den engen Gefängnißhof. Er hatte weder das Geklirr der Schlüssel noch das Knarren der Thür vernommen und gewahrte die Anwesenheit des Commissars erst, als ihm dieser die Hand auf die Schulter gelegt hatte. Sein Aeußeres war etwas vernachlässigt im Gegensatze zu seiner sonstigen Erscheinung, sein schlichtes Haar nur oberflächlich geordnet. Die lichtblauen Augen richteten sich fragend, ohne sichtliche Aufregung, auf den Beamten, der ihm mit einem Anfluge von Verlegenheit zunickte. Zehren griff wieder zu seiner Tafel, während der Schließer die Thür einklinkte.

„Sie sind frei,“ sagte Donner deutlich.

Der Fabrikant hatte dies verstanden, aber die Eröffnung machte durchaus nicht den gehofften Eindruck. „Frei?“ wiederholte er; „frei, ohne Verhör, ohne vor einen Richter gestanden zu haben? Sie scherzen, Herr.“

Der Commissar zuckte die Achseln.

„Auf diese Art Freilassung werden Sie mir erlauben zu verzichten,“ fuhr Zehren sehr kühl fort. „Ich denke, der Richter wird entscheiden, ob ich das Recht habe frei zu sein; ich begehre keine Freiheit von Ihrer Gnade, mein Herr Commissar, nachdem Sie mich gezwungen haben, eine Nacht in dieser elenden Zelle zuzubringen. Ich wünsche vielmehr ein- für allemal einen Verdacht auf Ihrer Seite zu entkräften, der mir eine geheimnißvolle Warnung eingetragen hat.“ [125] Die entschiedene und charaktervolle Zurückweisung Zehren’s blieb doch nicht ohne Wirkung auf den routinirten Polizeimann.

„Stockfisch,” murmelte er mit einer Bewegung der Ungeduld, ergriff dann rasch die Tafel und schrieb. „Wer hat Ihnen diese Warnung zukommen lassen?”

„Ich habe keinen Grund, die Frage zu beantworten,” erwiderte Zehren nach kurzer Ueberlegung.

Der Commissar zog die Brauen zusammen und biß sich auf die Unterlippe, aber er zwang sich zur Ruhe. Noch ein paar Mal wechselten Schrift und Gegenrede.

„Ihre Verhaftung beruht auf einem Mißverständnisse.”

„Das habe ich nie bezweifelt, aber ich wüßte gern genauer, welcher Art dasselbe war.”

„Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig.”

„Mir direct gewiß nicht, aber meinem Richter. Diese Zelle, Herr Commissar, verlasse ich nur, um vor ihn geführt zu werden; ich werde Sie zwingen, jene Rechenschaft abzulegen. Wenn Sie die gebührende Achtung vor dem Gesetze haben, welches Sie vertreten, so werden Sie es auf einen Zwang nicht ankommen lassen; nun Sie mich, wie ich glauben muß, im Namen der Willkür mißhandelt haben, mögen Sie wenigstens den Muth zeigen, auf einen weitern Act der Willkür zu verzichten, der Sie der Verantwortung für den ersten entheben würde. Buße für Schuld!

Mag Ihre Uebereilung Ihnen nichts als einen Tadel eintragen, so hoffe ich doch, Sie werden die Lehre daraus ziehen, daß ein Mann, der die Macht des Staates zur Verfügung hat, sich doppelt vor Uebereilungen zu hüten habe. Mit dem Schwerte, das über Leben und Tod richtet, spielt man nicht wie mit einem hölzernen Kindersäbel.”

Zehren hatte ruhig gesprochen, nur gegen das Ende seiner Rede war er etwas wärmer geworden; an keinen Punkte hatte sein Ton etwas Beleidigendes. Donner war nichtsdestoweniger blaß geworden; er hatte ein deutliches Gefühl, daß er in diesem Momente eine klägliche Figur machte. Er ließ die Tafel unsanft auf die Pritsche fallen und durchmaß mit stummem Ingrimme den schmalen Raum der Zelle.

„Verwünscht!” dachte er, „er macht mir einen Strich durch die Rechnung und ich fürchte, es wird eine Nase absetzen. Aber erst lasse ich ihn bis zum letzten Termine hier festsitzen, zweimal vierundzwanzig Stunden, und ich werde eine noch gründlichere Haussuchung abhalten. Wehe, wenn ich eine Zeile finde, aus der sich ein Strick für ihn drehen läßt!” Er blieb einen Moment stehen und beobachtete den Gefangenen scharf. „Wenn ich nur ein Mittel wüßte, um über seine Taubheit in’s Klare zu kommen,” fuhr er in Gedanken fort. Dann kam ihm ein Einfall, und er schnippte mit den Fingern. „Ich lasse ihn nach Nummer Vier [126] umquartieren und behorchen. Alle seine Freunde sollen freien Zutritt haben; es wäre doch merkwürdig, wenn dieser taube Heilige nicht ein einziges Mal aus der Rolle fallen sollte.“

Er ging auf Zehren zu. „Nun, Sie Herr ohne Ohren,“ sagte er höhnisch, „ich werde Ihnen zu einem Richterspruche verhelfen. Inzwischen haben Sie Gelegenheit, bis morgen Nachmittag die Beschaffenheit unserer Zellen zu studiren –„

Donner horchte plötzlich auf und wandte sich der Thür zu. Männertritte und lebhaftes Gespräch kam die Treppe herauf, und in der Nähe der Thür sagte eine bekannt klingende Stimme: „Ich denke doch, daß Sie lesen können und daß Ihnen diese Vollmacht genügen wird.“

„Herr Commissar selber drinnen,“ hörte man den alten Schließer brummen, „muß Sie erst melden; ist mir in meiner Praxis noch nicht vorgekommen.“

„Nun wohl, so rufen Sie ihn meinetwegen heraus!“ lautete die ungeduldige Entgegnung.

Donner ging nach der Thür und stieß sie auf. Vor ihm stand Karl Hornemann, ein auseinander gefaltetes Blatt in der Hand, mit finsterem Gesicht. Die Beiden grüßten sich flüchtig und maßen sich mit den Augen, bis der Pascha dem Commissar das Blatt hinhielt und nachdrücklich sprach: „Ich wünsche meinen Freund Zehren zu sprechen; gegen diese Legitimation, denke ich, werden Sie nichts einzuwenden haben.“

Dieser überlas das Blatt und erwiderte sichtlich verdutzt: „Der Herr Oberbürgermeister haben befohlen und das genügt. Aber woher wußten Sie von der Verhaftung des Herrn Zehren?“

Der Pascha betrachtete ihn mit einem verächtlichen Blick von oben bis unten. „Haben Sie etwa geglaubt, Herr[WS 1] Donner, daß man in unserer Stadt Ausrufer von Nöthen hat, um Ihre nächtlichen Heldenthaten zu erfahren, oder Barden, welche sie auf der Straße singen und die Illustration dazu auf Leinwand gemalt mit sich führen?“

„Herr!“ fuhr Donner auf, „wenn Sie mich hier zu beleidigen wagen, so wissen Sie wohl auch, daß ich die Macht habe, Sie länger hier zu halten als Ihnen lieb ist.“

„Dann warten Sie gefälligst erst so lange, bis eine wirkliche Beleidigung vorliegt! Sie haben vorläufig an der einen Blamage da genug –“ und die gewaltige Hand des Pascha hob sich und deutete auf Zehren, der mit einiger Ueberraschung im Gesicht ein paar Schritte näher getreten war.

Donner wandte sich wüthend zu dem alten Marquard, der noch immer auf dem Gange stand und zuhörte. „Was wollen Sie noch hier?“ schrie er ihn an. „Gehen Sie hinunter auf Ihren Posten! Ich habe Ihnen nachher etwas zu sagen.“ Während der Alte mit einem „Zu Befehl, Herr Commissar“ die Treppe hinunterstampfte, fuhr Karl Hornemann in seinem früheren Tone fort:

„Ich denke, Sie werden nichts dagegen einzuwenden haben, daß ich diesen ehrlichen Mann da mit mir nehme.“

„Da dürften Sie sich im Irrthum befinden,“ entgegnete höhnisch der Commissar. „Der Herr da scheint besser als Sie zu wissen, daß nicht ich, sondern das Gesetz zu bestimmen hat, wann er dieses Haus verlassen darf. Vielleicht können Sie ihn morgen Abend abholen, wenn es Ihnen Vergnügen macht, vielleicht auch noch nicht. Für jetzt mögen Sie sich gefälligst mit ihm unterhalten; an meine Gegenwart dabei brauchen Sie sich nicht zu stoßen.“

Karl Hornemann war sichtlich tief gereizt, und seine Sprache wurde drohender. „Sie haben wohl die Gewogenheit, dieses Papier etwas genauer zu studiren. Es giebt mir das Recht, mit Herrn Zehren allein zu sprechen.“

„Das ist ungesetzlich,“ warf Donner hin.

„Dies zu verantworten ist nicht meine Sache.“

Der Commissar drehte sich heftig um und trat auf den Corridor hinaus. Plötzlich aber machte er wieder Kehrt und schritt dem Pascha dicht unter die Augen.

„Kennen Sie zufällig einen Herrn Hendricks?“

Karl Hornemann blickte ihn zweifelnd an. „So hieß der Associé meines Vaters. Was soll dieser Name?“

Donner triumphirte. „Vielleicht auch einen gewissen Herrn Frickhöffer?“

„Ein Unglücklicher, der seinem Leben ein Ende gemacht hat und dessen zweiter Geschäftsnachfolger da vor Ihnen steht.“

„Schön! Wissen Sie nebenbei auch, was falsche Wechsel sind?“

In den Mienen des Pascha wuchs sichtlich die Betroffenheit. „Wollen Sie sich nicht gefälligst deutlicher aussprechen?“ sagte er; „ich weiß nicht, was diese Fragen bedeuten.“

Der Commissar rieb sich die Hände und sah mit jeder Frage boshafter aus. „Nur noch Eins, dann will ich Sie nicht länger stören. Wissen Sie wohl, woran Ihr Vater gestorben ist?“

„Muthmaßlich an einer Krankheit.“

„In der That – nur daß es allerlei Krankheiten giebt, die zuweilen ganz merkwürdige Ursachen haben. Sehen Sie, mein guter Herr Hornemann, ich hatte mir eigentlich vorgenommen, Ihnen allerlei interessante Aufschlüsse zu geben, welche ich einem Zufall verdanke; jetzt werden Sie begreifen, wenn ich es vorziehe, diese Aufschlüsse für mich zu behalten. Sehen Sie diese zwei Finger? – Donner machte die Geste des Schwörens – „mein Eid darauf, daß Sie durch mich nichts davon erfahren werden.“ Donner lachte laut auf und verließ dann mit seinen weiten, hastigen Schritten die Zelle.

„Er polterte die Treppe hinab, sichtlich befriedigt von der genommenen Rache. „Er wird an dieser Nuß herumbeißen, bis ihm die Kinnlade weh thut,“ dachte er. „Ich werde ihn doch etwas näher im Auge behalten, diesen Freund des Herrn Zehren. Gleiche Brüder, gleiche Kappen. Ein Mensch, welcher beständig einen langen Schlafrock trägt und eine Mütze mit Troddel, ist extravagant, und extravagante Leute sind immer gefährlich. Und was meinen Herrn Vorgesetzten betrifft, so soll er jetzt unter Umständen von höherer Stelle erfahren, daß es ordnungswidrig ist, einen Verhafteten ohne Zeugen Besuche empfangen zu lassen.“ Er rieb sich die Hände und ging knirschenden Schrittes durch den Scheuersand des Hausflurs in die Schließerstube. „Marquard,“ sagte er, „der Gefangene wird, sobald der im Schlafrock oben weggegangen ist, nach Nummer Vier geschafft. Ein Jeder kann ihn sprechen, aber ich werde Fleckeisen herschicken, daß er sich nebenan in die Nische setzt und horcht. Wonach Sie sich zu richten haben. – –

In Karl Hornemann mußten die Andeutungen des Commissars eine empfindliche Stelle berührt haben, denn er stand nach dessen Weggang ein paar Augenblicke in sich versunken, bevor er sich umwandte und Zehren in sichtlicher Zerstreutheit die Hand reichte.

„Ich habe es geahnt, daß sie ein Geheimniß mit sich herumträgt,“ murmelte er, und dabei dachte er an seine Mutter. „Vielleicht wäre manches und sie selbst dazu anders, wenn sie Selbstüberwindung genug besessen hätte, um sich mir anzuvertrauen.“

Er fuhr sich über die Augen, wie um das Spinngewebe von Gedanken davor zu zerreißen, und nickte dann Zehren freundlich zu, der ihm die Geschichte seiner Verhaftung erzählen mußte. Die alte Martha war es in der That gewesen, welche ihn aus dem Wiedenhofe in vergangener Nacht gerufen hatte, und es war ein Mißverständniß von seiner Seite gewesen, daß er den Eindringling für einen Dieb gehalten hatte.

„Du hast keine Vermuthung, weshalb Du verhaftet bist?“ fragte der Pascha.

„Nicht die geringste, abgerechnet meinen thätlichen Angriff auf Donner.“

Das Gesicht Karl Hornemann's verfinsterte sich wieder. „Ich glaube den Grund zu wissen: Du bist staatsgefährlich; Du bist ein Demokrat, das Opfer politischer Ketzerriecherei. Danke Gott, daß Du hier und nicht anderwärts in die Klauen dieser Menschenjäger gefallen bist, die ich verabscheue wie todte Mäuse.“ Er schrieb Zehren diese Worte wiederholend auf seine Tafel, da derselbe ihm nicht zu folgen vermocht hatte. Dieser setzte sich auf die Pritsche und las.

In den Mienen des[WS 2] Fabrikanten malte sich das höchste Erstaunen. „Ich? der loyalste Mensch von der Welt, dem das kleinste Gesetz so heilig ist, wie eines der zehn Gebote?“

„Wenn Du in diesem Lande loyal bleiben willst, dann nimm es mit dem Gesetz nicht so genau! Die Herren Gesetzesvertreter lieben das nicht.“ Er gab Zehren seufzend die Worte zu lesen; „es ist so schwer, einen Tauben zu bekehren,“ sagte er für sich.

„Ich bin bereit, für das Gesetz Märtyrer zu werden,“ meinte der junge Fabrikant, und seine blauen Augen glänzten. [127] „Aber wie seltsam, Karl, daß die Warnung Urban’s Recht hatte! Woher wußte der Doctor von dem Verdacht, den man auf mich geworfen?“

Der Pascha wandte sich ab und machte einen Gang durch's Zimmer. „Heinrich, Heinrich,“ murmelte er, „ich fürchte, Du hast ein unwürdiges Spiel gespielt. Es wäre mir leid um Dich, mein Bruder Jonathan.“ Er ging wieder zu Zehren. „Hüte Dich vor Urban! Ein Freund,“ schrieb er auf die Tafel.

„Warum?“ fragte Zehren, rasch aufsehend.

Der getreue Eckard vor ihm zauderte ein wenig, aber er antwortete endlich doch. „Ich glaube, daß er Dich als Nebenbuhler haßt. Er ist Manns genug, um Dir böse Verlegenheiten zu bereiten, wenn er will.“

Der Fabrikant starrte Karl Hornemann wie einen Geist an, und sein Gesicht überfluthete eine jähe Röthe. „Liebt ihn Emilie etwa?“ fragte er, und in seiner Stimme zitterte etwas wie tiefe, mühsam verhaltene Angst.

Der Andere nickte ernst.

„Großer Gott, und davon weiß ich nichts? Davon habt Ihr mir nie etwas gesagt, nicht Du, noch Deine Mutter? O, nun verstehe ich Alles, Alles! Darum also der leidenschaftliche Abscheu, die Flucht vor mir und die verweinten Augen. Ja, darum! Ich bin zu spät gekommen, und es giebt kein Mittel, um mein Glück wieder einzuholen. Ich bin der Mehlthau, wie es scheint, der in ihre Liebe gefallen ist, denn Deine Mutter begünstigt mich, Karl – das weiß ich.“

„Laß mich allein, Karl! Ich bitte Dich,“ fuhr er fort, während er, die geballten Hände fest auf die Kniee gestemmt, mit trüben Augen vor sich hinstarrte. „Bei Gott, ich will sie nicht unglücklich machen; sie ist zu schön dazu; sage ihr das – hörst Du? Ich will Alles begraben und sie, soweit es an mir liegt, nicht wiedersehen, bis ich weiß, daß sie glücklich ist, so glücklich, wie ich sie gern gemacht hätte. Ich würde sie gehalten haben wie eine Fürstin, wem ich ihr dafür nur dann und wann die weichen Hände hätte küssen dürfen und einen gnädigen Blick aus ihren stolzen Augen erhalten hätte. Ich habe sie sehr lieb, Karl, sehr lieb. Und nun darf ich es nicht mehr.“

Karl Hornemann sah erschüttert zu dem armen Manne da vor ihm auf der Pritsche nieder und schwieg eine Weile.

„Geh' fort, Karl, thu' mir die Liebe! Frage Deine Schwester, ob ich zu Euch kommen darf, um Deiner Mutter reinen Wein einzuschenken, und ob sie mich an diesem Tage freundlich behandeln will. Ich möchte so gern einmal empfinden, wie es einem Menschen zu Muthe ist, dem die Sonne scheint. Ich freue mich, daß ich diesem Donner zwei leere Tage verdanke, die ich mit mir selber ausfüllen kann. Ich habe sie sehr, sehr nöthig.“

Der Pascha setzte sich einen Moment zu ihm, und die beiden Männer sahen sich in die Augen, als ob ihre Seelen sich berühren wollten. Hornemann ergriff endlich die Hand des unglücklichen Freundes und drückte sie warm. „Edler, wackerer Mensch,“ sprach er für sich, „Dein Entsagen wird nichts bessern, fürchte ich.“ Er nahm die Tafel, die zwischen ihnen Beiden lag, und schrieb:

„Die Liebe meiner Schwester und des Doctors ist hoffnungslos; dies ist meine Ueberzeugung. Urban ist meiner Mutter persönlich antipathisch.“

„Ich werde das Meinige thun,“ sagte Zehren mit gehobener Stimme; „sie soll aufhören, mich zu hassen, und ich werde glücklich sein, wenn sie anfangen wird mich zu bemitleiden. Leb' wohl, Karl!“

Er rief den Scheidenden noch einmal zurück. „Wirf einen Blick in die Fabrik, Lieber! Es ist Zahltag heute.“

Der Pascha traf im Hausflur auf den Schließer, der mit dem klirrenden Schlüsselbunde auf und nieder ging. „Schließen Sie den Gefangenen ein, Mann, und gedenken Sie meiner Vollmacht, wenn ich wiederkommen sollte!“




9.


Ein paar Tage waren in's Land gegangen.

Der Nachmittag brütete heiß über der Stadt, die weißlichen Straßen flimmerten blendend wie die Salzsteppen einer Wüste, und die schweren Pferde vor den Lastwagen und Karren zogen keuchend durch die Gluth. Wer genöthigt war, draußen zu gehen, suchte ängstlich jeden Fuß breit von dem bläulicher Häuserschatten zu benutzen, der doch heute nur wenig Erquickliches hatte.

Der Doctor Urban stand in seiner Wohnung und hantirte vor einem Koffer, mit dessen Füllung er beschäftigt war. Die Marquisen vor den Fenstern waren heruntergelassen; die Fensterflügel klafften weit auf; trotzdem war es schwül im Zimmer, und auf der hellen Stirn des jungen Mannes, der sich des Rockes entledigt hatte und bequem in Hemdsärmeln dastand, perlte der Schweiß in feinen Tropfen. Er war ganz in seine Arbeit versunken und pfiff nur mechanisch dabei leise durch die Zähne. Der Grund des Koffers zeigte bereits verpackte Wäsche und wenige Toilettengegenstände; ein schwarzer Anzug mit Frack hing über einem lederbezogenen Drehsessel ohne Lehne, welcher vor dem mit Büchern und Scripturen in ziemlichem Durcheinander bedeckten Schreibtische stand. Ueber letzterm glänzte von einer breiten Console hernieder das sanfte Antlitz der mediceischen Venus in Gipsnachbildung; sonst hingen an den Wänden allenthalben Silhouetten und lithographirte Portraits, deren Besitz ersichtlichermaßen aus der Studienzeit Urban's datirte. Auf der Venus lag Staub; das ganze Zimmer entbehrte der ordnenden weiblichen Hand.

Urban warf eben einen prüfenden Blick in den Koffer und drückte dann ein Stück des Anzuges nach dem andern, oberflächlich zusammengelegt, in das Behältniß. Es störte ihn nicht, daß die Hausthür ging und daß Jemand in sein Vorzimmer trat; erst als der Ankömmling nach kurzem Klopfen ohne Umstände die Zimmerthür öffnete, blickte er auf.

Der Besucher war Karl Hornemann.

„Du bist ja schon beim Einpacken, Heinrich,“ sagte der Pascha, dem Fremde die Hand reichend, wobei in einer langen Außentasche des Rockes ein Klappern wie von aneinander schlagendem Glase erscholl. „Ich habe Dich ja eine ganz ungewöhnlich lange Zeit nicht zu Gesicht bekommen und erst durch die Zeitung erfahren müssen, daß Du verreisen willst.“

„Ich war schon einige Tage verreist, freilich nur in die Nachbarschaft,“ meinte der Arzt mit gleichmüthigem Tone. „Nimm auf dem Sopha Platz, Pascha! Man consultirte mich wegen eines schwierigen Falles und hielt mich dann fest. Gestern Abend war ich einen Augenblick im Wiedenhofe, um Dich zu suchen, aber es hieß, Du wärst schon in Deine Wohnung hinüber gegangen. Kommst Du auf Veranlassung der Karte, die ich für Dich zurückließ?“

Der Pascha nickte und ging zum Sopha. „Aber wohin willst Du eigentlich jetzt reisen? So plötzlich?“

„Familienangelegenheiten,“ erwiderte Urban, ohne herüber zu sehen. „Ich werde meiner guten Vaterstadt Mainz einen Besuch abstatten. Inzwischen sind ja hier saubere Dinge passirt!“

„Du meinst Zehren’s Verhaftung?“ sprach Hornemann, indem er einen kurzen prüfenden Seitenblick des Doctors auffing.

„Ist denn die Sache nun völlig beigelegt?“

„Wenigstens hat der Instructionsrichter seine sofortige Freilassung verfügt.“

„Man fabelt bereits, er wäre in’s Ausland geflüchtet.“

„Hast Du auch von dem albernen Gewäsch gehört? Zehren ist allerdings sofort nach seiner Freilassung abgereist, aber in einer geschäftlichen Veranlassung. Du weißt so gut wie ich, daß er – leider – keinen politischen Proceß zu fürchten hat.“

Urban zuckte die Achseln und bückte sich dann, um die Lederriemen des Koffers durch die Schnallen zu ziehen „Wer kann das behaupten?“

„Hast Du etwa Gründe zu zweifeln? Und sind es vielleicht die nämlichen, welche Dich veranlaßten, ihm jene Uriaswarnung auf die Tafel zu schreiben?“ Die Schärfe, mit der Hornemann dies sagte, änderte nichts an der Haltung des Doctors.

„Mein Himmel, wenn Du sie einmal kennst, wirst Du auch wissen, unter welchen Umständen ich sie schrieb. Ich war erregt und wollte ihn etwas ängstigen; es war so ein Einfall. Wie konnte ich vermuthen, daß das Allerunwahrscheinlichste geschehen und Donner die Worte lesen würde? Ich denke, Du wirst das einsehen, Pascha. Wundere Dich nicht, daß ich die Ursache kenne, weshalb diese Spürnase den ganzen Lärm angezettelt hat; ich traf Donner kurz vor meiner Abreise, als Zehren noch im Käfig saß, und er war in voller Wuth, denn er hatte eben wieder [128] große Haussuchung gehalten und nichts gefunden, was den Wattengrafen politisch compromittirte. Er verwünschte die Runen auf der Tafel, die er einem geheimnißvollen Ungeheuer von Erzdemokraten zuschrieb, in den siebenten Abgrund der Hölle. Im Grunde, Karl, sollten wir uns über die Sache freuen. Erstens wird Donner vorsichtiger werden und uns weniger belästigen, und zweitens hoffe ich, daß Zehren aus der Blume dieser niederträchtigen Verhaftung etwas demokratisches Gift gesogen haben wird.

Es ist mir ganz recht, wenn wir ihn für unsere Zwecke präpariren, um Geld aus ihm zu schlagen, um so mehr als ich auf den Commerzienrath, so wohl er mir persönlich will, in politischer Hinsicht noch nicht den mindesten Einfluß habe gewinnen können.“

Er hatte sich während dieser Rede auf den Drehsessel gesetzt, die Füße weit von sich gestreckt und gelegentlich nach dem Zifferblatt der Uhr geblickt. Von der Verdächtigung Zehren’s in jener Nacht, in der er den Commissar irre führte, schwieg er wohlweislich.

„Ich kann nicht verlangen, Heinrich, daß Du einem Nebenbuhler Sympathie entgegen tragen sollst,“ erwiderte Karl Hornemann. „Aber ich will Dir Material liefern, um ihn gerechter abzuschätzen, als Du zu thun beliebst. Ich habe auf der Pritsche in der Zelle des ‚Fuchseisens‘ neben ihm gesessen, und damals hat er durch mich zum ersten Male von Deiner Beziehung zu Emilie erfahren.“

Urban drehte sich auf seinem Sessel, daß er quikende Mißtöne ausstieß, und sah sehr ungläubig aus. „Wirklich, zum ersten Male?“ fragte er mit Spott. „Und was sagte dieser Seladon?“

Der Pascha wurde verdrießlich. „Er erklärte mir in einer Art, daß mir das Herz blutete, er werde auf Emilien verzichten und Eure Verbindung befördern. Ich habe meiner Schwester natürlich nichts davon gesagt, um ihr keine falschen Hoffnungen zu erwecken.“

„Wie rührend!“ spöttelte der Arzt. „Für einen sentimentalen Menschen habe ich ihn immer gehalten, aber es scheint, daß er auch ein Feigling ist.“

Der Pascha warf ihm einen finstern Blick zu und seine Stirn röthete sich. „Brechen wir davon ab! Diese Bemerkung übersteigt alles, was ich Dir zugetraut habe.“

„Echauffiren wir uns nicht noch bei dieser tropischen Temperatur!“ lenkte Urban rasch ein. „Du weißt ja, daß meine Zunge schlimmer ist als mein Herz. Und ich darf nicht in Unfrieden von Dir scheiden, Karl, denn ich gehe einen schweren Gang. Ich werde von dieser Reise wahrscheinlich als Ehemann zurückkehren.“

Ein Blitz, der neben Karl Hornemann in den Boden gefahren wäre, würde denselben nicht mehr überrascht haben, als diese Eröffnung. Aber nur ein paar Augenblicke saß er in sprachlosem Staunen da, dann nahm sein Gesicht plötzlich einen seltsam gespannten Ausdruck an und er fragte in ausforschendem Tone: „Du scherzest, Heinrich. Du wirst nicht erwarten, daß ich Dir glaube nach dem, was vorgefallen ist.“

„Du meinst wegen Emilie?“ sagte scheinbar gleichgültig der Doctor. „Was soll ich machen? Ihr gönnt sie mir ja doch alle nicht,“ fügte er mit einer gewissen nervösen Gereiztheit hinzu. „Ich müßte sie geradezu entführen, um ohne Verzicht auf sie zu einer Frau zu kommen, und nun möchte ich doch wissen, was Du zu einer solchen That orakeln würdest, Du Weisheit aus den Pyramiden.“

„Wünschest Du eine Antwort?“ fragte ihn der Pascha, als jener sich wie zum Hören bequem setzte.

„Meinethalben.“

In Karl Hornemann arbeitete ein heftiger innerer Kampf. Er preßte die Hände auf die Schenkel, und um seinen Mund zuckte es wie ein Wechselspiel von Zorn und Wehmuth. Endlich warf er einen traurigen Blick auf Urban, der ihn verstohlen scharf beobachtete, und sagte sehr ernst: „Was ich darüber urtheilen würde, will ich Dir nicht verhehlen. Hätte diese Entführung in Veranlassung oder Zweck einen Beigeschmack von – Hautgout – so will ich mich ausdrücken – ich würde Dich niederschießen wie ein Raubthier, so bald es mir möglich wäre. Ich denke, daß Du mich verstehst.“

„Ein vielversprechender Anfang,“ schaltete Urban mit gezwungenem Lachen ein. „Du gehst sehr gründlich zu Werke.“

„Was ich sage, ist durchaus nicht scherzhaft, Heinrich. Den andern Fall anlangend, so würde ich Dich verachten, wenn Du die Stimme der Leidenschaft oder Laune über Deine Vernunft siegen ließest, weil ein trotziger Mädchenkopf sich auf die erstere Partei schlägt, und ich würde Emilie ihrem Schicksale überlassen, denn sie ist geistig entwickelt genug, um sich ihre Zukunft selber schmieden zu dürfen. Mein Vertrauen würde sie durch einen solchen Schritt allerdings einbüßen, und was meine Mutter betrifft, so würde ich sie wahrscheinlich über eine verlorene Tochter zu trösten haben.“

Es entstand eine kurze Pause.

„Hu!“ machte endlich Urban, indem er sich gewaltsam aufraffte, „mir ist meiner Seel’ zu Muthe, als ob ich vor dem jüngsten Gerichte säße.“

„Soll der Name Deiner Zukünftigen ein Geheimniß sein?“ fragte Karl Hornemann wie aus einem Traume erwachend. „Es scheint so, da Du ihn bisher zu nennen unterlassen hast.“

„Meine Tante hat längst eine Liste zu engerer Wahl aufgestellt,“ meinte der Doctor leichthin. „Ich gedenke, die Namen auf Zettel zu schreiben und mir irgend einen Waisenknaben zu miethen, der für mich in kindlicher Unparteilichkeit das Loos zieht. – Aber zum Henker mit diesen Grillen! Was macht die hohe Politik?“ – und er zog aufspringend einen Stuhl zum Sopha, goß sich aus einer Caraffe ein Glas Rothwein ein, welches er rasch hinunterstürzte, und begann so schnell hinter einander zu reden, als beabsichtige er, seinem Besuch jedes weitere Wort abzuschneiden. „Es scheint fast, als sollten wir die Franzosen gar nicht nöthig haben, bis der Tumult möglich wird. Wenn die Verhandlungen in Berlin so weiter gehen wie bisher, dann kann schon die Rückkehr unsrer rheinischen Ständemitglieder die Veranlassung geben. Ich habe directe Nachricht, daß der König keine Lust hat, sich gegen unsre Wünsche nachgiebig zu zeigen. Die meisten von unsern Leuten werden sich der Abstimmung enthalten, wenn es an die Wahl des ständischen Ausschusses geht, trotz der Willfährigkeit der andern Provinzen. Laß den Landtagsabschied so schroff abweisend ausfallen, wie die Haltung des Königs voraussehen läßt, dann bereiten wir unsern Leuten einen Empfang, der Tausende auf die Beine bringen soll, und ist der Trubel da, so läßt sich mit einigem Geschicke die Flamme entzünden, welche den ganzen luftigen Bau dieser Februarcharte zu Asche frißt. Wir brauchen nicht das Maß der Schande überfließen zu lassen und zu warten, bis wir mit Guizot und Consorten die Schweizer Jesuiten unterstützen und mit Oesterreich gegen die Italiener ziehen. Je früher wir zum Losschlagen gezwungen werden, desto besser! In der Union wird gearbeitet wie in einem Ameisenhaufen. Sie wollen noch einmal alle Hebel in Bewegung setzen, um Militär hierher zu bekommen und rasch einen kräftigen Belagerungszustand proclamiren zu können. Der Genuß, diese Halbmillionärs in Aengsten zu sehen, ist unbeschreiblich, Karl. Jede Regung des Proletariats erfüllt sie mit der Ueberzeugung, daß es auf ihr Geld abgesehen sei, und ihre Arbeiter betrachten sie wie der Thierbändiger seine Löwen im Käfig, die über Stöcke springen und Geld verdienen helfen müssen, von denen er aber nebenbei sehr wohl weiß, daß ihnen nichts Angenehmeres blühen könnte, als ihn selber zum Frühstücke verspeisen zu dürfen. Aber entschuldige mich, Freund!“ unterbrach er sich plötzlich, nachdem er die Uhr gezogen. „Ich habe noch dringend ein paar Besuche zu machen.“

Der Pascha, welcher nur mit halbem Ohre zugehört hatte, erhob sich schweigend, bis das Klirren und Klappern in seiner Tasche ihn an etwas Vergessenes erinnerte. „Ja so, ich habe Dir etwas mitgebracht,“ meinte er eintönig und holte aus der Tiefe seiner Tasche nacheinander drei mäßig große Flaschen heraus, welche mit einer Flüssigkeit von seltsamem Aussehen gefüllt waren: die untere Hälfte bestand aus einem schlammigen, gelbbräunlichen Bodensatz, über welchem ein flüssiges Decoct von tief schwarzbrauner Farbe ungefähr den gleichen Raum einnahm.

„Die Arznei?“ sagte der Doctor überrascht, indem er eine der Flaschen nahm und den Inhalt zu einem mißfarbenen Gemisch durcheinander schüttelte.

[141] Der Pascha nickte, und wie er die Flaschen betrachtete, welche so unscheinbar aussahen, da schmolz alle Härte auf seinem Gesicht; alles, was ihn im Augenblicke bekümmerte, verblaßte, und seine Züge verklärte ein Zug rührender Begeisterung. „Probire sie, Heinrich!“ sprach er; „wenn wir Zwei uns nicht betrogen haben, dann schlummern Wunder in diesen Gefäßen; ich wüßte nicht, was ich dem Recept noch zufügen sollte. Die Welt wird uns segnen. Das große Geheimniß des beschleunigten Stoffwechsels, der Massenausscheidung durch die momentan verzehnfachte Nerventhätigkeit, das wird die Unterschrift unter eine neue Zeitstufe unserer Therapie sein, und alle die kleinen Mittel, die mineralischen Bindemittelchen für den gefährlichen desorganisirten Stoff und die unzulänglichen Narkotica werden belächelt werden und in die Rumpelkammer wandern. Ich habe jeden Bestandtheil, der in diesen Flaschen enthalten ist, an meinem Leibe probirt, und ich schwöre auf die Wirkung.“

„Ich beneide Dich um Vieles, Karl, aber um diese Idee am meisten,“ sagte der Doctor aufrichtig. „Laß die Flaschen hier! Die Zeit wird nichts davon verderben; ich werde die Probe machen, sobald ich zurückgekehrt sein werde.“ Er schloß die Flaschen in einen Kommodenkasten, zog einen leichten Sommerrock an und griff zum Hute.

Auf der Straße draußen trennten sich die Beiden.

Die Luft war noch immer stechend heiß, und das Sonnenlicht färbte, wo es hintraf, tief gelb. Ueber dem Pflaster schwirrten hier und da kleine Staubwirbel empor wie neckische Kobolde, und einmal schlug ein nicht gehörig befestigter Fensterladen mit Heftigkeit so dicht vor Karl Hornemann zu, daß dieser aus seinen Gedanken aufschrak und zum Himmel aufsah, wo die weißlichen Wolkenballen eines Gewitters eben über die Dächer heraufschwebten.

Er verließe das Trottoir und ging auf dem Fahrwege weiter, indem er seine Schritte beschleunigte. „Ich fürchte, ich fürchte!“ murmelte er. „Wenn mir diese Erfahrung erspart bliebe, wenn ich mich doch täuschte, ich wollte die Vorsehung preisen.“

Und das Herz Karl Hornemann's, welches so weich und voller Liebe war, that ihm weh, wenn er an die Schwester dachte, die seine innigste Vertraute war, der er keinen Gedanken oder Plan verhehlte, welcher ihn beschäftigte, und auf die jetzt der Schatten seiner trüben Vermuthungen fiel. War es möglich, daß sie doch hinter seinem Rücken ein heimliches Spiel spielen konnte, daß sie im Stande war, ihn zu verlassen um Urban's willen? „Freilich, sie ist heißblütig und willenskräftig,“ so antwortete er sich selber; „Liebe ohne Glück – wer sie kennt, der weiß, wie schwer ihr zu entsagen ist.“ Und der wunderliche Kauz seufzte und blinzelte mit den Augen, in welche der böse Wind den Staub trieb. „Ich hoffe, daß ich nicht zu spät komme; ich will sie doch schützen vor sich selber, wenn ich es vermag.“

Er ging über den alten Markt, auf dem ein paar Obsthändlerinnen mit flatternden Kleidern in der Eile ihre Früchte zusammenräumten, und weiter den Canal hinunter. Das Wasser drunten flimmerte, denn der Wind staute die Wellen zurück, und es sah dunkel aus von den Wolken, die über ihm zogen. Die Straßen verfinsterten sich rasch; die Sturmgeister wühlten in den Gewittermassen und schleuderten Fetzen davon zur Seite. Endlich war er beim Hause der Mutter angelangt, welche er im Laden stehend fand. „Es ist gut, daß Du kommst, Karl,“ sagte sie; „ich bin allein zu Hause, und es muß doch Jemand hinauf gehen und nach den Fenstern sehen. Emilie ist ausgegangen.“

„Lassen Sie die Fenster, Mutter, und sagen Sie mir, wohin sie gegangen ist!“ antwortete Karl Hornemann und sah so verstört aus, daß es die alte Frau bemerken mußte.

„Was ist Dir, daß Du so hastig fragst? Sie wollte nur zu Anna in den Wiedenhof hinüber springen.“

„Bleiben Sie noch einen Augenblick!“ meinte der Pascha. „Ich muß jedenfalls wissen, ob sie drüben ist.“ Und fort war er. Er kam über den Steg hinüber in das Hôtel und stieß im Hausflure auf den Wirth. „Ist Emilie hier, Vater Schoner?“ fragte er. „Sie soll zu Ihrer Anna gegangen sein.“

„Ich weiß es nicht, Karl; Sie müssen hinauf gehen und die Weibsleute fragen.“

Karl Hornemann eilte die Treppe hinauf; er nahm immer zwei Stufen auf einmal, und der Wirth blickte ihm erstaunt nach. Ein paar Minuten später kam er wieder herunter, noch eilfertiger als vorher.

„Haben Sie die Mädchen gefunden?“ fragte der alte Schoner.

„Gleich!“ erwiderte der Pascha und rannte, ohne ihn anzusehen, vorüber. Ueber den Steg mußte er langsam gehen, und man sah ihm die Ungeduld dabei an. Dicke Tropfen standen auf seiner Stirn, als er auf's Neue vor seine Mutter trat, und doch zauderte er das zu sagen, was er zu sagen gekommen, und stand da, an den Lippen nagend und mit unruhigen Augen. „Mutter,“ [142] sprach er endlich entschlossen, „wir müssen gehen Emilie suchen; noch ist es nicht zu spät. Ich fürchte, sie ist im Begriffe einen dummen Streich zu machen. Eben komme ich von Urban, und ich kann mich dem Verdachte nicht verschließen, daß die Beiden vor der Ausführung eines Fluchtplanes stehen.“

„Karl, Du irrst; Du mußt Dich irren,“ stammelte die alte Frau und sank schreckensblaß auf einen Stuhl. „Das kann Emilie nicht thun.“

„Täuschen Sie sich nicht, Mutter! Sie hat einen so unbeugsamen Willen wie – Sie, und sie verfügt außerdem über den Trotz der Jugend. Wie ich sie kenne, setzt sie durch, was sie sich vorgenommen. Wie dem aber auch sei, wir wollen thun, was wir können, um sie zurückzuhalten, wenn ich wirklich Recht habe. Sie ist bis vor einer Viertelstunde im Wiedenhofe gewesen, jetzt ist sie verschwunden sammt der Anna. Ich hätte es gern allein auf mich genommen, aber – Mutter – ich kann keinen Zwang auf sie ausüben; sie hat Gewalt über mich, und ich bin schwach, wenn ich sie sehe. Ich will sie in Ihre Hand geben.“

Frau Hornemann nahm seine beiden Hände und drückte sie krampfhaft. „Sie dürfen nicht fliehen – hörst Du, Karl?“ sagte sie mit bebenden Lippen. „Ihr wißt Alle nicht, wieviel mir daran liegt. Ich muß sie wenigstens erst sprechen. Wenn Du weißt, wo sie sich aufhält, dann flehe ich Dich an, mein Sohn, führe mich zu ihr!“

Der Pascha fuhr sich über die Augen. „Ich habe einen Gedanken. Finden wir sie indessen da nicht, wo ich sie vermuthe, dann beginnen die Schwierigkeiten. Einer von uns müßte zum Bahnhof gehen, der Andere die Landstraße zum Rhein hinunter und aufsuchen und abwarten, ob ein Wagen sie etwa bringt. Wenn mich das Loos trifft, ihr allein zu begegnen, Mutter, dann will ich um Ihretwillen versuchen, ob ich ihrem Zauber trotzen kann. Ich denke wohl, daß sie sich im Rottmann’schen Hause über dem Wiedenhofe drüben befindet. – Man kann auf einem heimlichen Wege von diesem aus zu den alten Rottmanns hinüber gelangen,“ fügte er zögernd hinzu. „Gehen Sie über die Kaiserbrücke und nehmen Sie einen Schirm mit! Leicht könnte Sie der Regen überraschen.“

Er half der alten Frau einen Mantel umthun, den sie mit fiebernder Hast aus der Stube geholt, worauf sie, undeutliche Worte murmelnd, ihre Tuchmütze aufsetzte und plötzlich, den Schirm in der Hand, an ihm vorübereilte. Er selber verließ unmittelbar nach ihr das Haus und befand sich bald wieder im Hôtel, treppauf laufend und ein paar Corridors durchmessend bis in einen düstern Eckverschlag hinein, in welchem Holz und Torf aufgeschichtet lagen. Hier nahm er einen Schlüssel aus der Tasche, und – seltsam – in diesem düstern Winkel barg sich irgendwo ein klägliches Nichts von einer Thür, welche die hohe Gestalt des Pascha gebückt durchkroch und hinter sich in’s Schloß warf, nachdem er den Schlüssel herausgezogen. Von dem Raume aus, in welchem er jetzt stand, war die Thür fast vollkommen unsichtbar.

Er befand sich in der „Schlucht“, dem Saale, welchen wir bereits kennen. Oede standen die langen Tische und Bänke; ein paar alte Flaschen und halbverbrannte Kerzen ragten darauf; die Hälfte der Jalousien war geschlossen, und in dem niedrigen Raume mit der räucherigen, balkendurchsetzten Decke herrschte ein abendliches Halbdunkel. Der Regen schlug bereits nieder, und über den Saal hin grollten die ersten Donnerschläge. Er schritt quer hindurch zu der Fallthür, und hier bückte er sich plötzlich: dort lag eine rosa Bandschleife, die er einst seiner Schwester geschenkt hatte.

Karl Hornemann hob sie auf und war plötzlich ruhig geworden. Er besah die Schleife und setzte sich mit ihr auf eine der Bänke.

„Arme Milli,“ sagte er leise. „So hatte ich doch Recht mit meiner Ahnung.“ Und „arme Milli!“ dachte er weiter; „ich mußte Dir einen Strich durch Dein erträumtes Glück machen. Vielleicht ist es unrecht von mir gewesen; es ist möglich, daß ich der Mutter mehr Aufregung mit dieser Entdeckung verursacht habe, als wenn ich ihr die gelungene Flucht gemeldet hätte. Wer weiß, ob Du glücklicher wirst unter ihren Plänen, als Du an Urban’s Seite geworden wärest. Das Glück besteht in der Einbildung; wir sind glücklich, so lange wir an das Glück glauben. Warum nehmen wir Dir dasjenige, welches Du genossen haben würdest, auch wenn es nur kurz gewesen wäre? Wer weiß, ob nicht seine Summe hingereicht haben würde, Dich hinterher ein Leben voll Enttäuschungen tragen zu lassen? Es ist oft unschuldiger, Jemandem ein halb genossenes Glück in Trümmer zu schlagen, als ihn abzuhalten vom Sturze in ein Unglück, das er als Glück träumt. Ich bin grausam mit Dir, und ich habe nicht einmal den Trost der Ueberzeugung, daß ich recht daran thue, es zu sein.“

Er horchte, ob er in der Nähe das Rollen eines Wagens vernähme, aber die Donner in den Wolken über ihm rollten und knatterten, und der Regen schlug so dicht und heftig an die Fenster, daß er nicht wußte, ob es Täuschung sei oder nicht, als er wirklich etwas Aehnliches zu vernehmen glaubte. Der Mann, der einen Barrikadenkampf kaltblütig geleitet haben würde, besaß nicht den Muth, um die Diele zu heben und hinabzusteigen, so gern er gewußt hätte, wie es im Nebenhause aussah. Er saß still auf der Bank und blickte auf die rosa Schleife, auf welche dann und wann der grelle Schein eines Blitzes fiel. –

Milli Hornemann befand sich wirklich im Rottmann’schen Hause drüben, und sie hatte mit dem Arzte die Flucht verabredet, schriftlich, durch Vermittelung ihrer Jugendgespielin Anna, der Wirthstochter aus dem Wiedenhofe. Stückweise, mit soviel Consequenz wie Vorsicht, hatte sie die nöthigste Garderobe in das Hôtel gebracht, und die schmucke, rothwangige Anna hatte dieselbe im Hochgefühle der Verantwortlichkeit zu den alten Rottmanns hinüber befördert. Die beiden Alten waren einstige langjährige Dienstleute des Wiedenhofes und bewohnten das Haus, welches dem Wiedenhofwirthe gehörte, zu mäßigem Miethzinse. Dem zufolge gab es nichts, was sie der kleinen Anna abgeschlagen haben würden; sie hatten die Sachen in Verwahrung genommen, welche zu einem sehr lustigen Geheimnisse gehörten, wie die schlaue Wirthstochter ihnen unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut, und diese Versicherung hätte die Mitwirkung Rottmann’s allein schon unter allen Umständen gesichert, dem nichts über ein Geheimniß ging. Er hatte sich das Lesen angewöhnt und verschlang in Gemeinschaft mit seiner Lebensgefährtin jene zerlesenen kleinen Leihbibliothekbücher, welche die Firma Spieß und Kramer in Nordhausen der Welt geschenkt, und er fand nichts unbegreiflicher, als daß es in der Wirklichkeit so ganz anders zuging, als zwischen diesen abgerissenen Buchdeckeln. Man hätte keinen passenderen Wächter für den Zugang zur „Schlucht“ finden können als ihn.

Es war heute Niemand in dem Rottmann’schen Hause anwesend außer den Mädchen; die Alten hatten sich, dem Wunsche des Wirthstöchterchens entsprechend, auf einen Nachmittagsausflug in die Umgegend begeben. So saßen denn die Beiden allein in dem engen Zimmerchen, in welchem einst das Licht des alten Rottmann gebrannt hatte, als der Doctor gekommen war, um den Club zu retten. Emilie war völlig reisefertig; sie hatte den „Helgoländer“ jener Zeit auf, welcher den ganzen Kopf umschloß, und ein sommerliches Mousselinkleid an mit einer leichten Mantille darüber, und aus den Aermelpuffen quoll der volle Arm, zur Hälfte mit dem hohen Filetgeflechte des Handschuhs umsponnen. Ihre Wangen glühten vor Aufregung, und ihre Augen leuchteten unruhig wie im Fieber. Die kleine runde Anna, welche auf dem hohen Koffer vor ihr Platz genommen, erschöpfte sich in tröstlicher Zusprache, aber die schöne, stolze Freundin hörte wenig von dem, was sie sagte; sie lauschte auf das Geräusch der nahen Straßen, auf das Rädergerassel, welches so verschiedenartig klang, bald dumpf und schwer, bald spitz und hell, und dann wieder so glatt und so flüchtig, und keiner von all den Wagen, deren Lauf sie im Geiste verfolgt hatte seit einer Stunde schon, hatte in die Louisenstraße einbiegen wollen. Das Gewitter war heraufgezogen, und als es zu donnern begann, wurde auch die kleine Anna still, denn sie litt an Gewitterfurcht; nur wenn eine Staubwehe gleich prickelnden Nadelspitzen an das Fenster schlug, sagte sie seufzend: „Das wird eine schöne Fahrt geben.“

Kurz nachher sprang Emilie plötzlich empor. In wenigen Augenblicken rollte ein geschlossener Wagen vor die Thür, und Urban stieg heraus; man konnte hören, wie er mit dem Kutscher sprach, dann trat er herein und lachte, wie das schöne Mädchenantlitz ihn, kaum erkennbar in dem Wetterdunkel, aus der Tiefe des Helgoländers anblickte. Er sah nicht die holde Mischung von Liebe, Scham und vornehmer Festigkeit in ihren Zügen. Er [143] faßte ihre Hände und fragte bittenden Tones: „Liebes Herz, wie soll ich den Weg in diese Umzäunung von Mousselin und Pappe finden?“ und als sie in süßer Verwirrung die Bänder des Helgoländers löste und den Hut zurückschob, umschlang er sie, und sein Kuß brannte auf ihren Lippen. Dann erst reichte er Anna mit einem scherzenden Dankesworte die Hand. „Und nun rasch!“ wandte er sich zu Emilie um; „zwischen Lipp' und Bechersrand –“

Er kam nicht weiter, denn die kleine Anna that einen Schrei wie ein Mensch, der ein Gespenst sieht, und blickte nach dem Fenster. Es war nicht der Blitz, der eben Straße und Zimmer erhellte, was sie erschreckt hatte; die Thüren gingen auf und herein trat blaß und geisterhaft – Frau Hornemann.

Einen Augenblick war Alles still. Draußen plätscherte der Regen, und ein neuer Blitz mischte sich in den Donnerschlag des früheren. Es hätte nicht heimlicher zugehen können im Zimmer, wenn das himmlische Feuer die pochenden Herzen darinnen gelähmt hätte für immer. Dann barg die erschrockene Anna ihr Gesicht unter der Schürze, und der Doctor umfaßte die halb ohnmächtige Emilie und blickte zugleich mit Ingrimm und Ueberraschung auf die unerwartete Erscheinung. Er war nicht gewohnt, einer Verlegenheit zu unterliegen. „Ich vermuthe, Madame,“ sagte er rauh, „Sie sind gekommen, um Ihrer Tochter Lebewohl zu sagen. Vielleicht haben Sie gar ein Wort mütterlichen Segens für uns.“

Die alte Frau würdigte ihn keines Blickes. Sie ging auf die Gruppe zu, bis sie in das glühende Gesicht Emiliens sehen konnte, in welchem die Augen geschlossen waren, als ob sie leugnen wollten, was sie erblickt hatten. „Meine Tochter,“ sagte sie mit zitternder Stimme, „ich will Dich nicht hindern zu thun, was Dein Herz begehrt. Ich bitte Dich nur um Eines: mir auf eine Viertelstunde noch in Dein Vaterhaus zu folgen; ich habe Dir etwas zu sagen. Nachher steht es Dir frei wieder hierher zu gehen und zu vergessen, daß Du einst eine Mutter hattest.“

Das junge Mädchen richtete sich auf und sah den Doctor mit irren Augen an. „Laß mich gehen, Heinrich!“ sprach sie halblaut und wand sich von ihm los. „Ich komme wieder.“

„Meinethalben,“ meinte dieser. „Du kannst den Wagen benutzen, und ich erwarte Dich.“ Er legte die Hände auf dem Rücken zusammen und trat an das Fenster.

„Ich werde gehen,“ sagte Frau Hornemann. „Du kannst bis auf die Brücke fahren, meine Tochter.“

„Nein, Mutter, ich begleite Dich,“ entgegnete diese hastig.

„So komm!“ war die Antwort.

Beide verließen das Zimmer. Die alte Frau öffnete den Regenschirm, aber er schwankte in ihrer Hand und gewährte ihr und der neben ihr schreitenden Tochter wenig Schutz. Sie wanderten im Gewittergusse wie mechanisch den Weg, welcher von der anderen Seite auf den Canal führte, unmittelbar an den Steg und hinüber in das alte verschnörkelte Haus mit der Doppelthür. Ueber ihnen tobte das Wetter; im Canal schoß das Wasser in gelben Strudeln dahin, und es war ein Wunder, daß sie ohne Schwindel über den schlüpfrigen Steg gelangten.

In der Stube hinter den Laden saßen die beiden Frauen, und keine achtete es, daß das Regenwasser an ihren Kleidern hinunterfloß und kleine Wasserpfützen auf den Dielen bildete. Frau Hornemann hatte sofort nach ihrem Eintritt einen Schrank aufgeschlossen und Papiere durcheinander herausgeworfen, bis sie ein schmales blaues Buch gefunden, das sie auf den Tisch vor ihre Tochter gelegt. Dann erst hatte sie Platz genommen.

Sie strich ein paar Mal über ihr Gesicht, um die Tropfen davon zur wischen; es waren keine Thränentropfen, denn ihre Augen glühten trocken; es war von dem Regen, der es besprüht hatte.

„Meine Tochter, ich will Dir einen Theil von dem Geheimnisse unseres Lebens enthüllen, von dem ich zu Niemandem, selbst zu Karl nicht, gesprochen habe. Wir sind nicht wohlhabend zurückgeblieben, als Dein Vater starb, und Du sollst auch wissen, woran er starb: am gebrochenen Herzen. Ich sage Dir das wie alles Uebrige in der Hoffnung, daß Du es ebenso in Dir begraben wirst, wie ich es seither gethan. Freude soll man den Menschen offenbaren, aber den Jammer in sich verschließen. Dein Vater war ein guter Mann, aber schwach und nicht praktisch, und es gab einen Menschen, einen rothhaarigen Judas, den er irgendwo auf einer Reise kennen gelernt hatte und der sein Vertrauen zu erschleichen gewußt. Er brachte ihn mit, und es war vergebens, daß ich ihn warnte. Du weißt, daß wir eine kleine Wattenfabrik besaßen, und sie nährte uns gut, bis dieser Teufel in Menschengestalt unser Haus betrat. Er setzte Deinem Vater Ideen in den Kopf von Geschäftserweiterung und goldenen Bergen von Verdienst, bis ihn dieser in das Geschäft aufnahm, als Reisenden, wie ich Thörichte glaubte, in Wahrheit aber zugleich durch heimlichen Contract als Compagnon. Mir verbarg er das, denn er wußte, daß ich Alles gethan haben würde, um es zu verhindern, und er hatte auch später nicht den Muth, es mir zu gestehen, als wir dem Rande des Abgrundes zueilten. Anfangs mehrten sich die Bestellungen, dann ließen sie wieder nach. Und nun kam das Schreckliche. Das Ungeheuer muß schon bald begonnen haben, unterwegs unsere Gelder zu vergeuden, die er von Kunden erhob, und andere, welche er bei Bankhäusern gegen Wechsel auf unser Geschäft entnahm. Da kam er eines Tages hier an und redete von einer wunderbaren Erfindung, von Maschinen, welche das feinste Product in erstaunlich kurzer Zeit liefern sollten. Ich bat Deinen Vater fußfällig, mit Thränen – damals konnte ich noch weinen, meine Tochter – sich nicht auf solche Wagnisse einzulassen, aber der Gleißner behielt Recht, als er von dem beschränkten Mißtrauen der Weiber gegen Neuerungen sprach. Die Maschinen kamen, und sie kosteten enormes Geld, und selbst Dein Vater mußte bald eingestehen, daß sie nicht viel mehr werth waren als unsere alten. Wie es zuging, daß nun die Kunden zusehends abnahmen – ich weiß es nicht. Der Segen war von uns gewichen. Nur aus des Vaters sorgenvollem Gesicht habe ich gemerkt, daß ihm die furchtbaren Wechsel zugegangen waren, welche unseren Ruin bedeuteten. Der saubere Compagnon war auf einer Reise verschwunden, unser Vermögen erschöpft; vergebens versuchten wir einen eingeschränkten Betrieb und legten selber mit Hand an in der Fabrik. Da kränkelte Dein Vater, und es nahm ein rasches Ende mit ihm. Jener Mensch“ – und die alte Frau schrie und schlug in ausbrechender Leidenschaftlichkeit mit der Faust auf den Tisch – „jener Mensch hat ihn gemordet. Und kaum war Dein Vater todt, meine Tochter, da kamen noch eine Zahl von Wechseln zum Vorschein, welche eine himmelschreiende Summe von Schulden bezeichneten, die ich – ich zahlen sollte.“

Die Sprecherin schwieg einen Moment und zerdrückte das Taschentuch in ihrer Hand, während sie zu überlegen schien, wie sie das Weitere ausdrücken sollte.

„Die Wechsel waren in der Hand eines Mannes – der mich haßte, der sie benutzt hat, um mich zu demüthigen, so tief, so jammervoll –“ die Stimme der alten Frau versagte, und sie hielt sich eine Weile die Augen zu und murmelte: „ich kann es nicht sagen; ich bringe es nicht über die Lippen. – Ich habe alles erduldet, um Euere Ehre vor der Welt zu retten,“ fuhr sie endlich fort; „ich durfte den Erlös für die Maschinen behalten, um ein kleines Geschäft anzufangen, und unser Unglück blieb Geheimniß, selbst für Deinen Bruder, der damals schon herangewachsen war. Er hat nie begreifen können, warum ich mich immer geweigert habe, das Rechnungswesen an ihn abzugeben. Er wußte nicht und sollte es nie erfahren, daß ich alle Ersparnisse hinwegtrug, um den heimlichen Flecken von unserm Namen zu tilgen. Mit meiner Kraft wollte ich uns rein waschen. Und was ich nebenbei auf mich genommen habe, das weiß, außer meinem Peiniger, nur Gott und ich; die Peitschenhiebe, die den Rücken eines armen Sclaven zerfleischen, sind eine Wohlthat dagegen. Manches Jahr ziehe ich in diesem Joche; mein Haar ist grau geworden, mein Sinn versteinert; sich habe mich an Herzweh und schlaflose Nächte gewöhnt, und doch ist es so wenig, was ich mit meinen Opfern erreicht habe, und ich muß dieses elende Dasein weiter leben, bis es verlischt. Eine Hoffnung hatte ich, eine einzige. Du hast vielleicht gewähnt, ich sei eine eigensinnige, herzlose alte Frau, daß ich darauf bestand, Franz Zehren solle Dein Gatte werden. Ich habe aber dabei an das Eine gedacht: daß er die Mittel besitzt, mir den Frieden zu geben, und daß er um Deinetwillen jedes Opfer bringen würde. Es war eigennützig von mir, aber – ich kann nicht anders.“

Frau Hornemann war mit ihren Eröffnungen zu Ende und trocknete sich die Stirn. Mit dumpfer Stimme, die nur [144] zuweilen ein auflodernder Affect heller färbte, hatte sie gesprochen, von Zeit zu Zeit erstickt durch das Dröhnen der Gewitterschläge und mit dem Auge blinzelnd, wenn der Blitzschein über die alten Möbel fuhr. Es rieselte und plätscherte auf der Straße wie eine Sündfluth, während sie das Büchelchen auf dem Tische aufschlug. Sie wollte es eben der Tochter hinlegen, als ihr Blick auf einen Namenszug fiel, der sie plötzlich veranlaßte, es wieder zu schließen.

Emilie hatte wie im Traume gesessen und zugehört; sie schien völlig theilnahmlos und starrte vor sich nieder. Unheimlich stumm saßen die beiden Frauen noch eine Weile; das junge Mädchen schauerte ein paar Mal zusammen in der nassen leichten Kleidung. Endlich kam Bewegung in den starren, schönen Körper, und sie sagte tonlos: „Ich werde Zehren heirathen, Mutter.“

„Gott segne Dich, meine Tochter! Jetzt danke ich Karl doppelt, daß er mir den Weg in das Rottmann’sche Haus gezeigt.“

„Karl? Das hat Karl gethan?“ fuhr Emilie in tiefer Bitterkeit heraus. „Der liebe, treue Karl! Ich will keinen Brautstand, Mutter. Wir müssen so bald wie möglich heirathen, und ganz heimlich; wenn ich erst seine Frau bin, dann ist Alles abgeschnitten, Alles – Alles –“

Sie glitt vom Sopha auf die Kniee nieder und brach in einen Strom von Thränen aus, indem sie das Gesicht zwischen die verschränkten Arme in das Polster barg. „Gott, Gott,“ schluchzte sie, „warum hast Du mir das gethan?“ –

Der Doctor Urban wartete eine Stunde, dann ließ er die Droschke zu seiner Wohnung zurückfahren, um die Sachen wieder abzuliefern. „Kommen Sie nur mit, Anna!“ sagte er. Und die Beiden gingen den Umweg zum Eingange des Hôtels auf der Canalstraße, aber der Doctor warf keinen Blick auf das Haus gegenüber, bis er droben im Gastzimmer war. Dort setzte er sich in's Fenster und spähte in bittrem Unmuthe und Grolle, bis der Regen aufhörte und das Gewitter sich verzog. Allein er konnte an keinem Fenster der Hornemann'schen Wohnung ein Gesicht wahrnehmen. Zuletzt ging er nach Hause. Kurz darauf kam Karl Hornemann in das Zimmer und fragte nach Anna; sie sprachen ein paar Minuten zusammen, und die arme kleine Anna war tiefroth vor Scham. Dann ging auch der Pascha.

Drüben wollte er sein Zimmer aufsuchen, ohne die Frauen zu sehen, aber als er in die Nähe von Emiliens Stube kam, trat ihm diese aus der Thür entgegen. „Bist Du es, Karl?“ fragte sie mit müder Stimme. „Ich wollte Dir nur sagen, daß ich Franz Zehren heirathen werde und daß Du mich – verloren hast, Karl.“

In seinem Gesichte zuckte es wunderlich. „Hier ist Deine Schleife, Milli,“ sagte er weich. Sie nahm die Schleife, ohne ihn anzusehen, und der Pascha starrte ihr mit trübem Kopfschütteln nach, als sie hinter der Thür verschwand.




10.


Das tägliche Leben im alten Eckhause auf der Canalstraße nahm seit dem entscheidungsschweren Tage einen ziemlich unerfreulichen Charakter an. Milli Hornemann war eine Fremde geworden. Sie erschien nicht mehr, wie sonst wohl in der letzten Zeit, zerstreut, unthätig, leidenschaftlich heftig und wieder verweint. Gleichmäßig ernst und wortkarg widmete sie sich mit der peinlichsten Sorgfalt häuslichen Pflichten, fragte und antwortete, wenn sie mußte, ohne sichtliches Ausweichen, aber auch ohne irgend welches erkennbare Interesse. Es kam dann und wann vor, daß sie lächelte, aber ihr Lächeln hatte etwas Automatenhaftes, Seelenloses und verschwand plötzlich ohne Uebergang in dem eintönigen Grau ihrer gewöhnlichen Stimmung. Ihre Mutter versuchte wohl, von ihr Wünsche in Bezug auf eine Aussteuer zu erfahren, aber vergeblich; sie nahm ohne Aeußerung einer Freude oder Mißbilligung hin, was die Mutter oder der Bruder besorgten. Als eine Näherin in’s Haus genommen wurde, veranlaßte sie, daß dieselbe oben auf ihrem Zimmer arbeitete, und setzte sich in jeder freien Minute, die sie erübrigen konnte, zu ihr, um ihr zu helfen. Sie brachte auch die Abende mit Nähen zu und verriegelte, sobald sie allein war, die Thür. Sie wandelte wie ein Schatten über den frischen Gräbern ihrer Wünsche. – –

Zehren war noch vierzehn Tage nach der zu seinen Gunsten eingetretenen Wendung unterwegs; endlich theilte er Karl Hornemann mit, daß er im Begriffe stehe zurückzukehren. Er hatte noch keine Ahnung von dem, was geschehen war; die Zeilen athmeten das heroische Feuer der Entsagung, untermischt mit ergreifenden unwillkürlichen Herzenslauten einer tiefen Leidenschaft, und schlossen mit der Bitte an den Freund, die Mutter so vorzubereiten, daß es nur seiner warmen Fürsprache bedürfe, um sie der Verbindung Emiliens mit dem Doctor günstig zu stimmen. Der Pascha gab der Schwester den Brief zu lesen, ohne ein Wort hinzuzufügen, und sie nahm das Schreiben etwas verwundert. Ueber dem Lesen erblaßte sie und verließ, mit dem Blatte in der Hand, die Stube.

Als sie den Bruder später wiedersah, gab sie ihm den Brief zurück und sagte kühl: „Es ist unnütz, jetzt noch Maskerade zu spielen; ich werde seine Gattin werden auch ohne solche Gaukeleien.“

Der Pascha erwiderte ruhig: „Ich verpfände meine Ehre dafür, daß nicht ein einziges Wort in diesen Zeilen erheuchelt ist.“

Sie sah ihn groß an und wandte sich schweigend ab. Kurz nachher äußerte sie gegen ihre Mutter den Wunsch, die nächste Zeit in der Stille der „Erlenfuhrt“ bei einer alten Tante zuzubringen; dort wollte sie auch mit Zehren zum ersten Male wieder zusammentreffen, fern von den alten Verhältnissen. Die Mutter, welche von dem Wechsel der Umgebung und dem Einfluß einer ländlich friedlichen Natur Günstiges hoffte, und froh war, Emilie überhaupt einen Wunsch gewähren zu können, sagte ohne Zögern zu, und einen Tag später schon trug der Wagen diese die Thalkrümme des Flusses entlang, an welchem in einer Entfernung von kaum zwei Stunden die einsame Erlenfuhrt lag.

Schmerzlicher, als er äußerlich zeigte, litt Karl Hornemann unter der Entfremdung und Kälte, welche die trotzige Schwester ihm seit dem vereitelten Fluchtversuche bewies. Nicht ein leises Zeichen deutete ihm an, daß diese Mauer, welche sie gegen ihn zog, ein mühsam künstliches Werk sei, eine Coulisse, welche die hinter ihr weiter lodernde Liebe einst in plötzlichem Ansturm zerstören könnte. Und doch war es unmöglich, daß die frühere Innigkeit ihrer Beziehungen zu dem Bruder mit einem Schlage auf den Gefrierpunkt hinabgesunken war. Der Pascha machte keine Annäherungsversuche, denn er kannte die Willensstärke seiner Schwester zu gut, um zu wissen, daß vorläufig an ihrer Haltung ihm gegenüber nichts zu erschüttern war. Aber er hatte sich weniger in der Gewalt als sie; mehr als einmal ertappte er sich auf dem Wege zu ihrem Zimmer, wenn ihn eine Idee, eine Nachricht lebhaft beschäftigte, bis er sich rechtzeitig besann und wie beschämt umkehrte. Dann saß er in seiner Stube zwischen Briefen, Rechnungen, Waarenproben und den Apparaten seiner Privatliebhabereien, und das Herz that ihm weh, als ob ihm etwas Liebes gestorben wäre.

In ihrer Gegenwart war er solchen Zerstreutheiten weniger ausgesetzt; ihre erzwungene Schweigsamkeit hatte etwas Lähmendes für ihre Umgebung. War er daheim, so empfand er den Trieb auszugehen und der drückenden Luft, welche überall in dem alten Hause lag, zu entfliehen, und kaum war er draußen, so trieb es ihn mit unbezwinglicher Sehnsucht wieder in ihre Nähe. Es war fast etwas Bräutliches in dieser Liebe zu der schönen Schwester. Er besaß ein Miniaturbild von ihr, welches freilich weder die feine, reizvolle Ausmeißelung ihrer Züge und die wunderbare Zartheit ihrer Farben, noch die eigenthümliche Mischung von herber Kraft und gedämpftem Feuer vollkommen wiedergab, von welcher die braunen Augen unter den hochgewölbten Brauen sprachen. Aber er setzte sich davor, und sein Herz wallte über, und seine Selbstanklagen erdrückten eine innere Stimme, welche behaupten wollte, daß er dennoch recht gehandelt habe. Er war wirklich ein Schwärmer, der Volkstribun aus dem Wiedenhofe. [157] Als sie aus dem Hause fort war, stürzte er sich gewaltsam in seine patriotische Thätigkeit. Er correspondirte und conferirte viel, wenn aber das Ave-Maria-Läuten verklungen und die Sonne gesunken war, dann wandelte die hohe Gestalt Karl Hornemann’s mit dem wunderlich langen Rocke, in dessen Taschen er die Hände zu bergen pflegte, und der wackelnden Troddel auf dem Käppchen durch die Arbeiterquartiere, wo Blaukittel und ärmliche Weiber und schreiende Kinder im Abenddufte der Straßen lustwandelten und sich tummelten zwischen den engen Häuschen des Windbuckels, einer ziemlich hohen Terrainwelle, welche die Stadt mit in ihr Bereich gezogen hatte. Hier wohnte die Armuth der Weber, Spinner und Spuler. Mitunter fand man ihn auch um die Abendstunde in der Gegend am Flusse, wo das kleine Handwerk sich aufgehäuft hatte. Es war eine schwere Zeit; frühere Mißernten hatten nur spärliche Vorräthe der nöthigsten Lebensbedürfnisse hinterlassen. Fleischer, Bäcker, Höker und gewissenlose Speculanten machten sich den Mangel zu Nutze und steigerten die Preise zu unerträglicher Höhe; es war Karl Hornemann’s Verdienst, daß man bisher Krawalle verhütet hatte, welche jener Classe von Leuten anderwärts bereits gefährlich geworden waren. Auf seinen Rath hatten die vermögenden Häupter der demokratischen Bewegung ein Unterstützungssystem eingerichtet, dessen Seele er schon um seiner genauen Localkenntniß willen geworden war; sein früherer Verkehr mit der städtischen Armuth hatte jene Idee geboren. Und wie praktisch erwies sich dieselbe! Nichts war leichter, als sich auf diesem Wege die Sympathien zu binden, die vorzeitige Entladung von Zündstoff zu verhüten und die Garantie zu schaffen, daß der geeignete Moment die Vollzahl der Kämpfer hinter der flatternden Fahne finden würde. Billig war die Organisation freilich nicht; es hatte daher guten Grund, wenn man um einen oder den andern Halbmillionär der Union warb.

Auf diesem Boden war der Club entstanden, der sich für einige Zeit wieder in seine Elemente aufgelöst hatte, und er wurde jetzt weiter gepflegt in kleinen Versammlungen von einem Dutzend Menschen. Zwischen den großen, kräftig-geschmeidigen Gestalten, welche der Menschenschlag jener Gegend lieferte, saß der Pascha, umgeben von jener zutraulichen Ehrfurcht, wie sie der echte Volksmann genießt, die Zeitung oder irgend einen Brief in der Hand, und sprach in seiner klaren Weise, der eine merkwürdige Kraft innewohnte, von seinen Idealen wahrer Volksfreiheit und den parlamentarischen Vorgängen in der Hauptstadt, von den jüngsten zwei königlichen Botschaften, welche noch immer nichts von der unbegrenzten Controle der Steuerzahler über die Staatsfinanzen wissen und die Berufung des vereinigten Landtags der Cabinetswillkür vorbehalten wollten, vom Dissidenten- und Preßmaßregelungen, von Judenemancipation und der Strafgesetznovelle. Er pries die muthige Haltung der Abgeordneten und erzählte mit flüsternder Stimme von dem heimlichen Bruderbunde in allen Ländern, der still die Minengänge bohrte und das Pulver hineinstreute, bis die Freiheitsfackeln lodern und die dunkeln unterirdischen Schlangen sich entzünden und aufjauchzend die Zwingburgen der Knechtschaft auseinander splittern würden.

Mit Urban, der dem Bunde unentgeltlich seine Thätigkeit als Arzt zur Verfügung gestellt hatte und der sonst im engsten Anschlusse an den Pascha zu wirken pflegte, war dieser noch nicht wieder zusammengetroffen. Sie mieden sich instinctmäßig. Die Leute, welche der Verkehr mit dem Doctor zusammenführte, fanden ihn bald ungewöhnlich lustig, bald in sich gekehrt, zerstreut, bissig und ungenießbar, und seine Patienten klagten mehr denn je über rücksichtslose Behandlung. Man sagte ihm nichts davon, denn man fürchtete seine Zunge.

Er hatte von Emilie noch ein einziges Lebenszeichen bekommen – den Abschiedsbrief, ein kurzes Billet, dessen Inhalt ihm das Räthsel ihrer Trennung nicht löste. Es lautete: „Innig Geliebter – es ist das letzte Mal, daß ich Dich so nennen darf, denn wir sind geschieden für immer; es giebt keine Brücke mehr zwischen uns, nur einen Abgrund, und ich fühle die Kraft zu verhüten, daß wir in denselben stürzen. Zehren wird mein Gatte; es waltet ein Verhängniß, das es so will; versuche nichts, um meinen Entschluß zu erschüttern! Du würdest nur das Eine erreichen: mein Unglück schwerer zu machen. Mein Herz ist todt, und ich lebe nur noch meiner Pflicht, und diese würde mir gebieten, jeden Brief, den ich von Dir erhalten würde, ungelesen den Flammen zu übergeben. Vergiß, daß wir uns geküßt haben und daß mein Herz Dir gehört hat! Die verwelkten Blätter meines Glückes gebe ich dem Winde. Emilie.“

Das Billet war am Tage nach dem Fluchtversuche geschrieben worden. Einmal nur waren sie einander auf der Straße begegnet, und Urban war mit raschem Entschlusse auf sie zugetreten, aber sie hatte ihn fremd und verwundert angeblickt, wie einen Unbekannten, ohne seinen Gruß zu erwidern, und war mit beschleunigtem Schritte weiter gegangen. Und wie er sich besonnen gehabt, mit blassen Lippen und das Herz voll tiefen Grolles, da hatte er sich zweierlei mit schwerem Eide gelobt: „Ich werde sie dennoch sprechen, und ihn – ihn werde ich verderben.“

[158] Am Ende war es doch die Politik, welche den Pascha wieder mit Urban zusammenführte.

Eines späten Abends glänzten die Fenster des Jenny Lind-Zimmers nach der Straße hinaus in mattem Scheine. Viel Licht vermochte, selbst wenn der kleine, von der Decke niederhängende Kronleuchter in voller Benutzung brannte, nicht durch die zusammengezogenen, dunkelblumigen Kattungardinen zu dringen, und diesmal erhellte nur ein einziger Armleuchter mit zwei Kerzen das Prunkzimmer des Wiedenhofes. In diesem befanden sich zehn Personen, theils um den mächtigen runden Tisch vor Weingläsern und halbgeleerten Flaschen sitzend, theils im Halbdunkel einer Ecke die Köpfe zusammensteckend, oder leisen Schrittes über den dicken Teppich promenirend. Wer an jenem Abende im Wiedenhofe anwesend gewesen war, an welchem der Pascha die beiden Fremden empfing, der hatte die meisten dieser Gesichter bereits gesehen. Der Stadtsecretär, der Consul Swering befanden sich darunter. Dem großen corpulenten Herrn, welcher dort im hellgrauen Anzuge so tief in Gedanken mit den Stiefeln über den Teppich scharrte, konnte Niemand den Postdirector ansehen. Urban unterhielt beim Spiegeltische mit einem Notar und einem jungen Staatsanwaltsgehülfen ein halblaut geführtes, aber sehr eifriges Gespräch; ein Apotheker, der Stadtbaumeister und ein paar Kaufleute machten den Rest des kleinen Kreises aus.

Die Scene hatte einige Bedeutung: es galt eine Sitzung des patriotischen Actionscomités.

Von der Gruppe, in welcher Urban saß, abgesehen, stockte die Unterhaltung, und es wurde nur hie und da ein Wort der Ungeduld laut, wenn Jemand die Uhr zog und seinem Nachbar die Zeit angab.

Endlich erschien Karl Hornemann in der Thür, in Begleitung eines kleinen, weißhaarigen Herrn mit scharf geschnittenem, bebrilltem Gesicht. Die Gesellschaft kam in Bewegung; man begrüßte sich lebhaft, nur den Postdirector und den Consul schien der Begleiter des Pascha nicht zu kennen. Er wurde ihnen als Professor von der Linde vorgestellt. „Ihre hiesigen Herren Collegen von der Schule sind leider am Erscheinen verhindert,“ erklärte der Pascha diesem in verbindlichem Tone.

Man nahm Platz, und Karl Hornemann ergriff das Wort.

„Meine Freunde, ich habe Euch zu einer kurzen Berathung entboten, deren Veranlassung die Mission ist, mit welcher unser werther Gast seitens unserer rheinischen Gesinnungsgenossen betraut wurde. Wir werden direct vor die Frage einer Demonstration gestellt, wie sie ja auch unter uns bereits angeregt wurde, einer Demonstration, welche unmittelbar unseren in diesen Tagen heimkehrenden Abgeordneten, den muthigen Vertretern der Volksrechte in der unwürdigen Komödie des Landtages, gelten soll. Dieselben sind, wie wir bestimmt wissen, entschlossen, unschuldig an der Schöpfung jenes Wechselbalgs von parlamentarischer Institution zu bleiben, welchen man 'Ständeausschuß' nennt, und es besteht die Absicht, angesichts der hochmüthigen Staatsgewalt zu documentiren, daß sie im Sinne des rheinischen Volkes handeln und daß ihr Muth ein Theil des unsrigen ist. Wir Rheinländer sind die erstberufenen Wächter der Volksfreiheit; wir allein in Deutschland haben eine freiheitliche Tradition; wir haben Institutionen aufzuweisen, welche großentheils in jener Münze geprägt sind, in der die Hand einer Revolution den Stempel führte. Es ist Zeit, daß irgendwo das Volk die Fäuste zeigt; diese Demonstration soll eine Drohung sein – vielleicht, daß sie das Mittel wird, eine Revolution überflüssig zu machen. Behandeln wir die Sache summarisch: wer dagegen ist, erhebe sich!“

„Caeterum censeo: es wird demonstrirt,“ knurrte der Notar, während die Uebrigen schweigend sitzen blieben.

„Baumeister, jetzt mußt Du Hand anlegen,“ sagte ein jüngerer Fabrikant. „Es muß eine Ehrenpforte geben, die in den Himmel ragt. Ich liefere fünfzig Thaler dazu.“

„Ich hundert,“ meinte lächelnd der Consul, welcher allgemein für sehr reich galt.

Weitere Geldbeiträge wurden zugesagt.

„Bürger,“ rief der Apotheker aufspringend, eine drollige Figur mit langer Habichtsnase, kleinen, schwarzfunkelnden Augen und merkwürdig kurzen Beinchen, „Patrioten, ich habe eine Idee. Wir schreiben an unseren Abgeordneten vom Rath, daß er auf St. Kilian einzieht zur selben Stunde, wo die Procession marschirt. Wir werden beobachten können, wie sich die Schafe von den Böcken scheiden und wer mehr Macht hat, der heilige Kilian oder der Erwählte des Volkes.“

Es gab ein unterdrücktes Gelächter, und eine Anzahl der Anwesenden schien nicht übel Lust zu haben, den Vorschlag zu unterstützen. Aber Karl Hornemann schüttelte den Kopf.

„Fassen wir wir Vorschlag als Scherz auf! Auch vom Rath würde sich, wenn ich ihn recht kenne, weigern, auf denselben einzugehen. Lassen wir die Heiligen aus dem Spiele! Ich kenne eine ganze Anzahl guter Patrioten, welche St. Kilian den Vorzug geben würden – weshalb einen Zwiespalt in sie werfen? Ich warne davor, die katholische Geistlichkeit vor den Kopf zu stoßen; ich kann im Vertrauen die Versicherung abgeben, daß wir bis heute hier noch keinen Gegner unter ihr haben.“

„Der Tag vor St. Kilian ist ein Sonntag,“ meinte der Professor, der inzwischen einen Taschenkalender verglichen hatte. „Benutzen Sie den Moment des Morgengeläutes für die Einzugsfeierlichkeit! Ein paar Böller thun das Uebrige.“

In den Mienen des Pascha spiegelte sich Unzufriedenheit. „Ich mache mich anheischig,“ sagte er nach kurzer Ueberlegung, „die Benutzung der Glocken auch für einen Wochentag zu erwirken.“

„Ich möchte für den Sonntag vor St. Kilian plaidiren; ich gebe zu bedenken, daß wir besser vermeiden, den Leuten den Verdienst eines Arbeitstages zu rauben,“ bemerkte der Consul.

Karl Hornemann wurde überstimmt und fügte sich mit sichtlichem Widerstreben.

„Du wirst der Heilige der Revolution werden, Karl, um Deiner exemplarischen Frömmigkeit willen,“ sagte Urban, der sich im Hintergrunde gehalten hatte, mit leichtem Spott. Der Pascha, welcher bisher keine Notiz von ihm genommen, machte eine plötzliche Wendung nach dem Sprecher hin und wurde roth, wie er die eigenthümlich dunkeln Augen Urban’s, die namentlich in der schwachen Beleuchtung etwas geheimnißvoll Brennendes hatten, forschend auf sich gerichtet sah. Aber er antwortete nichts und kehrte sich wieder den Anderen zu.

„Es würde nun auf Dich ankommen, Postdirector, uns den Triumphator rechtzeitig und unversehrt zu überliefern,“ sprach der Stadtsecretär.

„Ich lege Relais bis in das nächste Dorf; ich denke, bis dahin fahrt Ihr ihm entgegen. Uns Beamte laßt Ihr besser aus dem Spiele,“ war die Antwort.

In diesem Momente stand Urban auf, trat langsam vor und stellte sich in das volle Licht der Kerzen. Sein prächtiger schmiegsamer Körper reckte sich hoch auf, und er begann mit gedämpfter Stimme zu reden, in welcher mehr und mehr der Wiederschein verhaltenen Feuers funkelte.

„Freunde und Gesinnungsgenossen! Wir werden eine Demonstration haben; wir werden eine Ehrenpforte bewinden, zu Roß und Wagen ausziehen und zurückkehren unter Glockengeläute und Böllerdonnern und Hurrahrufen. Es wird ohne Zweifel ein sehr erhebendes Schauspiel sein. Aber welchen Erfolg werden wir davon haben? Wir werfen eine Drohung hinaus, schön; wir machen eine Faust, ganz wohl. Was soll diese Drohung? Imponiren? Nun, wir stehen völliger Verblendung gegenüber, und der Verblendung imponirt überhaupt nichts. Aber wir sind im Begriffe eine Thorheit zu begehen, deren Wirkung auf uns zurückfällt. Wir werden der Gefangene sein, welcher seinem Wächter die halbdurchfeilte Kette zeigt und ihm sagt: ‚Mann, gieb mir die Freiheit freiwillig, wo nicht – sieh, hier bin ich im Stande sie mir selber zu nehmen.‘ Ein Narr, der das thut. Man wird uns die Feile nehmen; die Thyrannei wird ihre Wachsamkeit verdoppeln. Man wird die halbe Truppenmacht des Staates über uns werfen, und ich gebe keinen Dreiling für den Aberglauben, daß wir das Militär gewinnen. Benutzen wir die Demonstration, um Barricaden bauen und Sturm läuten zu lassen! Machen wir ein Ende, brechen wir den Stab über diese nichtsnutzigen Verhandlungen! Auf die Hunderte, deren wir sicher sind, kommen ebenso viele Tausende, die hinter ihnen stehen; wir leben in einem Geschlecht, dem es in den Fäusten juckt und welches mit Jauchzen das Pflaster aufreißen wird. Der Augenblick, ist günstig, wie kein anderer, um uns in die Geschichte einzuzeichnen, sagen wir: ja! und man wird unsere Stadt das Bethlehem der Völkerfreiheit nennen und den Glorienschein um unsere Häupter malen –“

Ein mächtiger Tritt kam während der letzten Worte den Corridor herauf; die Thür wurde plötzlich gewaltsam aufgerissen, [159] und in ihrem Rahmen präsentirte sich die Riesengestalt Harro’s. „Gottes Donner,“ scholl seine dröhnende Stimme, „da sitzen die zwölf Apostel beisammen, und ich bringe den heiligen Geist mit, Kinder.“

Karl Hornemann sprang auf und schloß ihm den Mund mit der einen Hand, während er mit der andern die Thür in’s Schloß warf. „Mensch, Du bist schrecklich,“ sagte er, mühsam eine Aufwallung unterdrückend. „Die Posaune von Jericho ist ein Fagott gewesen gegen Deine Stimme. Vergiß nicht beständig, daß unser Bau wackelige Wände hat! Wo kommst Du schon wieder her, Du landstreichender Goliath?“

Der Riese lachte über das ganze Gesicht und fuhr sich durch die dicken, weißblonden Locken, nachdem er den Schlapphut herunter genommen.

„Direct aus Baden, Schatz. Mein Kumpan hat sich über Lyon nach Marseille geschmuggelt; ein Maulwurf von einem Kerl, noch schlimmer als Du. Bürger,“ wandte er sich zu den Uebrigen, „ich heiße Harro, stamme aus Friesland, wo der Flachs gleich gehechelt auf den Köpfen gedeiht, und suche eine Frau, welche deutsche Republik heißt. In Baden sind sie ihr schon auf der Spur. Du kannst einpacken mit Deiner Constitution, wenn der Hecker obenauf kommt, Karl. Es giebt eine Republik, eine herrliche, rothe, deutsche Republik, daß Dir die Augen schmerzen werden. Es wirken dort auch solche constitutionelle Philister, wie Du einer bist – nichts für ungut! – aber der Hecker schlägt ihrer fünfhundert mit einem Eselskinnbacken.“

„Ich bitte Dich nur um Eines, Harro,“ meinte der Pascha nicht ohne Aengstlichkeit, „mache uns keine Ungelegenheiten bei der Polizei! Im Uebrigen bist Du uns herzlich willkommen.“

Es ging wie ein leichter Schatten über das gutmüthige Gesicht des Ankömmlings, und es klang fast rührend, wie er sprach: „Ja, ja, nur leise gehen, damit die hohe Obrigkeit schlafen kann! Karl, mein Sohn, der Löwe hat sein Lager und der Bär seine Höhle, aber die Fouriere der Freiheit haben nicht, wo sie in Ruhe ihr Haupt betten. Sei nur still – morgen bin ich wieder über alle Berge.“

Der Pascha reichte ihm die Hand. „So war es nicht gemeint,“ sagte er herzlich, fügte aber mit feinem Lächeln hinzu: „Es wird auf alle Fälle besser sein, wenn wir den Schluß der Sitzung in die Schlucht verlegen; gesetzt, daß unser lieber Freund die Arme einmal unvorsichtig weit zur Seite schleudert, so kann es in dieser Enge ohne unangenehme Empfindungen zu wecken nicht geschehen. Wir haben ein großes Clublocal in diesem Hause, welches wir mit jenem Namen bezeichnen,“ erklärte er, zu Harro gewendet.

Er schellte und gab dem eintretenden Wirthe heimliche Weisungen. Kurz nachher saß die Gesellschaft in der Schlucht, Harro mit einiger Verwunderung nach der geschlossenen Stelle der Wand blickend, an welcher er dieselbe hatte durchkriechen müssen, als begriffe er nicht recht, wie er das fertig gebracht. Plötzlich schlug er sich vor den Kopf. „Bei dem Loche da denke ich an etwas; der tausend! wie hieß der Schurke? er behauptete ja von hier zu stammen – Hendricks, glaube ich; hast Du ein menschliches Ungeziefer gekannt, welches so hieß, Karl?“

Der Pascha blickte mit äußerster Spannung empor. „Einen Menschen des Namens Hendricks habe ich allerdings gekannt, wenn auch nur wenig gesehen. Er stand meiner Familie nahe, denn er war – Compagnon meines Vaters.“

„Wie sah er aus? Mein Mann besaß ein wüstes Gewächs von Bart und Haar, so roth wie ein oldenburgischer Ochs.“

„Die Haarfarbe stimmt, soviel ich in der Erinnerung habe. Einen Bart trug der, welchen ich gekannt habe, nicht.“

„Du wirst einsehen, daß dies gar nichts verschlägt. Ich möchte nun blos wissen, ob er hier drüben den ehrlichen Mann gespielt hat?“

„Nicht ganz,“ meinte der Pascha ablenkend, und blickte mit einem Anflug von Verlegenheit im Kreise der Anwesenden umher. „Im Uebrigen sind seine geschäftlichen Beziehungen zu uns das Geheimniß meines Vaters geblieben.“

„Ich sage Dir, er war ein Hallunke von ganz besonderer Qualität, dem ich in Amerika drüben zweimal begegnet bin. Wenn es nicht unmöglich wäre, so wollte ich nur wünschen, er liefe mir noch einmal in die Hände.“

„Erzählen!“ scholl es aus der Versammlung.

„Nun gut. Ich treibe mich da also in der Gegend der Seen herum, zwischen Mississippi und Michigansee. Wir waren zu Dreien ein paar Tage durch die Graswüste geritten, ich, ein Farmer, bei dem ich eine Zeit lang wohnte, und ein Jäger aus der Gegend, ein in Felle genähtes Individuum, welches im ärgsten Winde jedes Blatt vom Baume schoß, das man sich ausbat, und wir steuerten auf Chicago los, denn wir wollten an den See, um Hirsche und Enten zu schießen. Wie wir vor die Stadt kommen, marschirt uns ein Haufen Menschen entgegen, so ein paar Hundert etwa, und als wir näher heran reiten, tragen sie da ein Geschöpf, welches wie eine fünf Fuß hohe Eule aussieht, denn man konnte nichts daran erkennen als einen Federklumpen und einen runden Kopf, der gleichfalls voller Federn saß, und in dem Gesichte glotzten ein paar Augen, welche vor Angst so rund wie Scheiben waren.

‚Aha,‘ sagt mein Farmer, ‚da haben sie einen armen Teufel gefedert.‘ Und richtig, die Creatur hatte Arme und Beine, aber sie waren schwer zu erkennen, denn was die Beine betrifft, so hatte man sie mit Stricken umwickelt, und die Arme hatten sie fest an den Leib gebunden. Es waren ihrer Sechs, die das Monstrum trugen. ‚Was habt Ihr mit dem Burschen, Jungen?‘ fragt mein Farmer. ‚Ein Schätzchen vom Richter Lynch, Herr,‘ sagt ein langer schwarzer Bursche, – ich sehe ihn noch heute; er hatte ein Franzosenkäppi auf. ‚Weiß ich, mein Sohn,‘ nickte mein Wirth, ‚wollte nur wissen, gegen welches der zehn Gebote der Mann da gesündigt hat.‘ – ‚Calculire, gegen keines,‘ sagte ein Andrer und fuchtelte mit einem Riemen, der voller Knoten saß wie ein Weinstock voll Augen. ‚Er hat uns vier Gotteswochen lang mit falschen Würfeln genarrt, und wir haben ihn erwischt, als er mit unserem guten Gelde nach Milwaukee gehen wollte.‘ – ‚Steht im zehnten Gebote, mein Junge,‘ bekam er zur Antwort. ‚Und was soll’s nun geben?‘ – ‚Wollen ihm das Fliegen beibringen; er wird geschnellt, Herr,‘ sagte der mit dem Riemen wieder. Nun fängt Euch dieser Federklumpen zu winseln an, daß es Einen erbarmte; schreien konnte er nicht, denn sie hatten ihm einen Theerlappen in den Mund gesteckt, der ein Stück herausstand wie ein Schnabel. ‚Gentlemen,‘ spreche ich und steige vom Pferde, ‚der Mann wird Euch zu schwer. Wir wollen ihn auf meinen Gaul da packen,‘ und sie lassen ihn sich ruhig abnehmen und hinaufwerfen; mit einem Satze bin ich selber oben; wir geben den Pferden die Sporen und sind einige vierzig Schritt davon, ehe sie nur schreien – so verdutzt waren sie. Zum guten Glück hatten sie nur ein paar Revolver bei sich, und wir kamen mit heiler Haut davon.

‚Verdammt gefährlicher Streich,‘ sagte der Farmer, wie wir im Bogen um das Nest herumritten; ‚aber das Schnellen ist kein Vergnügen, und im Grunde sind die Leute nicht viel mehr werth, als dieser gefederte Gentleman da.‘ Ich lasse mir die Sache erklären, und da hatten sie denn die menschenfreundliche Absicht gehabt, eine junge Fichte niederzuziehen, unsern Mann an die Krone zu binden und, indem sie den Baum fahren ließen, ihm zu einer Himmelfahrt zu verhelfen. Dort oben hätte er dann hängen können bis zum jüngsten Gericht. Kaum waren wir nun in Sicherheit, da schnitten wir ihm die Riemen und Stricke durch und zogen ihm den Lutschbeutel aus den Zähnen, worauf wir erfuhren, daß dieser Kostgänger Gottes Hendricks hieß und aus Eurer Stadt hier über’s Meer geschwommen war. Am See hatten wir einen halben Tag zu thun, um ihn wieder glatt zu reiben; noch vierzehn Tage lang brachte ich den Theergeruch nicht aus der Nase. Was er an Haar aufzuweisen gehabt, ging bei der Procedur so ziemlich verloren. Wir nahmen ihn mit uns, damit er nicht verhungerte, und er bekam mit der Zeit auch wieder etwas Schopf, und nun kommt das Beste: eines Morgens ist der Schuft mit zweien von unseren Pferden verschwunden. Er hat sie nachher in Milwaukee an einen Officier verkauft.“

„Und Sie haben ihn noch einmal wiedergesehen?“ fragte der junge Kaufmann, welcher die fünfzig Thaler für die Ehrenpforte gespendet und der mit leuchtenden Augen zugehört hatte.

„Ob ich ihn wiedergesehen habe! Es war gar nicht so lange nachher in Iowa City, wo wir in eine Versammlung von Dunkern gehen wollten. Wir begaben uns denn auch in das Haus, worin ihr Versammlungssaal war; sie nannten ihn das Himmelreich, und man mußte, um hinein zu kommen, durch einen wahren Maulwurfsgang kriechen bis zu einem ähnlichen, aber noch beträchtlich engeren Loch, als das dort ist, durch welches wir [160] hierher gelangt sind, und das eben war es, was mich wieder an die Geschichte erinnerte. Die Dunker sagen, beides zusammen bedeute den schmalen Weg und die enge Pforte, die in den Himmel führen. Kurzum: Einer von uns hat die Luke geöffnet und ich will eben anfangen, mit den Beinen vorweg in’s Himmelreich zu kriechen, da sehe ich auf einem Tische im Saale eine Figur stehen und predigen, die mir sehr bekannt vorkommt, besonders der Stimme nach, und – seht Ihr, Kinder, es war der Taugenichts, der uns die Pferde gestohlen. – ‚Verdammter Spitzbube!‘ schrie ich jetzt, – aber das hören und wie der Blitz vom Tische herunter springen ist Eins; er reißt eine Thür auf und ist mir aus den Augen. Nun lag ich da eingeklemmt; denn das Loch war zu eng für mich, und hatte meine Noth, rückwärts wieder heraus zu kommen, denn die Gentlemen griffen mir nach den Beinen und hätten mich für die Störung der Andacht am liebsten geprügelt. Es war keine Möglichkeit da, den Burschen einzufangen, doch hoffe ich zu Gott, daß er gleichwohl an irgend einem Baumast hängen geblieben ist.“

Der blonde Friese war nach dieser Erzählung so sehr der Mittelpunkt des kleinen Kreises, daß an Weiterführung der abgebrochenen Debatte lange nicht gedacht wurde; er mußte über allerlei berichten, über gefeierte Helden der Partei, über Parteigeheimnisse und Parteipläne, und er that es in seiner derben, oft burlesken Weise. Er sprudelte von Anekdoten aus dem Treiben des demokratischen Kleinbürgerthums. Als man später auf den Vorschlag Urban’s zurückkam, war man nicht mehr in der Stimmung, ernstlich auf denselben einzugehen; auch fand man, daß ein solches Wagniß, wie eine revolutionäre Erhebung, in ausreichenderem Maße vorbereitet werden müsse, und daß die Zeit bis zu dem festgesetzten Termine zu kurz dafür bemessen sei. Vergebens schlug sich Harro auf die Seite Urban’s, der mit steigender Empfindlichkeit seine Idee verfocht; die bestimmte Weigerung Karl Hornemann’s, seine Hand dazu zu bieten, genügte, um bei der Abstimmung eine entschiedene Ablehnung herbeizuführen. „Der Staat ist gerettet; ich danke Ihnen in seinem Namen, meine Herren,“ sagte Urban bitter, indem er nach seinem Hute griff.

Der Morgen graute bereits, als man sich anschickte, noch ein Paar Stunden Nachtruhe zu genießen. Die Gäste blieben fast sämmtlich im Wiedenhofe, wo für solche Fälle das Genügende vorgesehen war. Der Friese küßte den Pascha mit derber Zärtlichkeit, als dieser von ihm ging. „Karl,“ meinte er, „wenn es einmal losgeht im heiligen römischen Reiche, dann komme ich zuerst hierher und schlage mich mit Euch. Der Geier mag wissen, warum ich Dich so in’s Herz geschlossen habe, denn im Grunde bist Du doch ein Diplomat und Federfuchser. Adieu, Don Carlos:

Heute scheid’ ich, heute wandr’ ich,
Keine Seele weint um mich – –

Apropos, was ist denn aus Deiner Schwester geworden, Milli glaube ich hieß sie; sie war ein schmucker Backfisch, wie ich sie das letzte Mal gesehen habe, und ich dachte, sie müßte ein schönes Mädchen werden. Teufelsding das! Ich habe es damals nicht fertig bringen können, daß sie sich die Hand küssen ließ.“

„Ein schönes Mädchen ist sie geworden, Harro, ein sehr schönes,“ sagte Karl Hornemann, und sein Herz zog sich zusammen, „Leb’wohl, Harro!“

„Bekomme ich sie zu sehen, wenn ich wieder einmal hier einkehre?“

„Wenn es möglich ist.“

Karl Hornemann war schon zehn Schritte den Corridor hinunter gegangen, als er dies sagte. Er stieg ganz allein eine schmale Seitentreppe nieder in jenen Durchgang, vor dessen Thür wir zuerst dem Polizeicommissar Donner begegnet sind. Zu dieser Thür besaß der Pascha einen Schlüssel. Er war in Gedanken versunken, als er den Gang betrat, und schrak ein wenig zusammen, denn plötzlich fiel sein Blick auf eine menschliche Gestalt, die sich ihm zuwandte.

Es war Urban, der ihn offenbar hier erwartet hatte.

„Du kannst mich mit Dir zusammen an die Luft fördern, Karl,“ sagte derselbe mit erkünstelter Ruhe; „ich beabsichtige, gleichfalls nach Hause zu gehen.“

„Gut,“ war die lakonische Antwort.

Sie traten hinaus auf die Wallstraße. Karl Hornemann nahm kühl die Hand, die Urban ihm reichte; dafür ergriff dieser die seinige um so fester und sagte: „Ich muß klar sehen zwischen uns und wissen, wie ich mit Dir daran bin. Du hast mir oben wie einem Feinde Opposition gemacht; ich glaube fast, daß meine Idee nur darum Deine Billigung nicht fand, weil ich es war, der sie aufstellte.“

„Du irrst,“ antwortete der Pascha; „ich pflege nie die Sache mit der Person zu vermengen.“

„Es wäre mir doch lieb, zu erfahren, wie Du Dich nach dem Vorgefallenen zu meiner Person zu stellen gedenkst,“ fuhr der Doctor dringender fort.

Der Andre war sichtlich erschüttert und rang nach Worten: „Du bist mir lieb gewesen, Heinrich, sehr lieb. Meine Schwester habe ich verloren, und es ist mir bitter, auch Dich verlieren zu müssen. Hoffen wir, daß die Alles heilende Zeit uns einander wieder nahe führt! Ein Band wird uns, denke ich, immer verbinden: das Vaterland, Heinrich. Laß uns friedlich verkehren in Arbeit und Sorge um seine Zukunft und Größe – das ist mein inniger Wunsch. Leb’ wohl!“

Er entzog Urban seine Hand und schritt gesenkten Hauptes langsam zur Brücke hin.

Die Straßen lagen in der ersten Frühhelle; ein kühles Morgenlüftchen wehte erquickend vom Canale her. Auf dem Dachfirste eines Hauses saßen zwei Rothschwänzchen und wippten auf und nieder und stießen ihre kurzen hellen Triller aus.

Urban blickte dem Geschiedenen nach und unterdrückte gewaltsam eine wärmere Empfindung, die in ihm aufquellen wollte. „Lieber Sohn,“ sagte er durch die Zähne, „wir werden einmal sehen, ob wir nicht ohne Dich einen Aufstand fertig bringen.“ –

Vier Stunden später zog der Friese Harro die Kaiserstraße hinunter, einen derben Knotenstock in der Faust, während eine Ledertasche an einem Riemen über seiner Schulter hing – die Mädchen, welche ihm begegneten, blieben bewundernd stehen, als die hohe, breitschultrige Gestalt mit den auffallend hellen blonden Locken vorüberschritt. An einem Hause schien ihn die Eingangsthür zu interessiren, und er bog von dem Fahrwege ab und stellte sich vor derselben auf. Es war eine Treppenthür mit gut gearbeiteten Sandsteinkaryatiden zur Seite, welche einen Balcon voll von Orangebäumen trugen. Er las den Namen des Besitzers an dem Glockenzuge: K. Seyboldt, Commerzienrath. Dann schritt er an den Gitterstäben des geschlossenen Hofthors vorbei, und als er an die Ecke des Fabrikgebäudes gelangte, stieß ein Mensch mit ihm zusammen, der in heftiger Eile auf die Straße einlenkte. Es war Bandmüller. Von dem Stoße zurückprallend, blickte dieser den Riesen, der um keinen Zoll wankte, aus seiner Wildniß von Gesicht ziemlich wüthend an, und schoß, ohne ein Wort zu sagen, vorüber. Harro wandte sich plötzlich um und spähte in voller Ueberraschung hinter dem Davoneilenden drein, indem er zugleich die Hand an die Stirn legte.

„Donnerwetter, den Menschen muß ich schon einmal gesehen haben, oder Jemanden, der ihm ähnlich sieht. – Ah so,“ meinte er endlich vor sich hinlachend, „er hat einige Aehnlichkeit mit dem Spitzbuben von Iowa.“ Und er drehte sich auf dem Absatz um und schlenderte weiter, auf die Landstraße hinaus und den Fluß entlang.

[173]
11.

Kurz vor der Mittagsstunde des nämlichen Tages schritt der Doctor Urban an denselben Karyatiden vorüber und bog durch die offene Seitenpforte in den Hof der commerzienräthlichen Wohnung. Er vermied das lästige Klingeln und Warten vor dem Straßeneingang und nahm in seiner ungenirten Weise das unbehinderte Entreé vom Hofe aus in Anspruch. Auf den obern Stufen der glatten Marmortreppe begegnete ihm das Stubenmädchen.

„Ist der Commerzienrath zu Hause, Lisette?“

„Er ist vorhin ausgegangen, Herr Doctor.“

„Aber die Damen sind hoffentlich zu sprechen?“

„Fräulein Toni muß in der Stube oder im Garten sein. Fräulein von der Herberge hat wieder Kopfschmerz und liegt zu Bett. Es sollte eben Jemand nach Ihnen ausgehen.“

Ein Ausdruck der Befriedigung zeigte sich in dem Gesicht des Doctors. „Ich will Fräulein Seyboldt sprechen. Sehen Sie zu, ob sie sich hier oben befindet!“

Das Mädchen lief vorauf und kam ihm aus der Thür mit dem Bescheide entgegen, Fräulein Toni sei oben, lasse ihm aber sagen, daß sie ihn nicht empfangen könne.

„Hat sie Toilette gemacht? Wissen Sie, weshalb sie mich nicht empfangen will?“ fragte er heftig.

Das Mädchen zuckte die Achseln und sagte zögernd: „Ich weiß es nicht."

„Nun dann – –“ Urban schob das Mädchen bei Seite und trat in das Vorzimmer, das er mit dem Hute in der Hand hastig durchschritt. Er sah erregt und finster aus. Im Salon saß Toni Seyboldt über eine Stickerei gebeugt, von der sie mit blutrothem Gesicht zu ihm aufblickte.

„Seit wann ist es denn erlaubt zu einer Dame zu kommen, welche sich verleugnen läßt, Herr Doctor?“ meinte sie, ohne sich zu erheben.

Er nahm ohne Umstände und wortlos einen der Plüschfauteuils, zog ihn an's Fenster und setzte sich vor sie hin. „Erbarmen Sie sich über mich und sagen Sie mir, warum Sie einen Freund Ihres Hauses, der noch dazu ein Unglücklicher ist, abweisen lassen! Alle Welt verläßt mich; Freundschaft und Liebe wird mir gekündigt: wollen Sie sich wirklich auch von mir lossagen, Fräulein Toni?“

Sie hatte einen schwachen Versuch gemacht, sich zu erheben, aber das zugleich Leidenschaftliche und Traurige, das in seinen Worten lag, zwang sie zum Niedersitzen.

„Ich darf Sie doch eigentlich nicht empfangen,“ entgegnete sie in leichter Verlegenheit; „ein junges Mädchen, und noch dazu ein so unerfahrenes wie ich, nimmt allein keine Herrenbesuche an. Zur Tante können Sie allenfalls gehen, denn die hat wieder Migräne. Wenn ich erst eine alte Jungfer bin und auch Migräne habe, dann dürfen Sie auch ungerufen zu mir kommen.“

„So jung noch und schon so grausam,“ sagte Urban mit flüchtigem Lächeln. „Aber nein, ich bin bei Gott nicht zum Scherzen aufgelegt. Sie müssen mich anhören, Fräulein Toni, denn ich habe jetzt auf der weiten Welt nur einen Wunsch, einen einzigen kleinen Wunsch, den Niemand als Sie mir erfüllen kann. Es liegt in Ihrer Hand, ‚nein‘ zu sagen, aber Sie sollen zuvor wissen, was Sie damit thun. Ich kannte einen armen Mann, welcher nichts besaß, woran sein elendes Herz hing, als einen Kanarienvogel. Eines Tages, in seiner Abwesenheit, kam eine Katze an den Käfig, griff mit ihrer häßlichen Tatze durch die Stäbe und schlug dem Vogel die Krallen in den Leib. Der Vogel war das Letzte gewesen, was den Mann an das Leben band. Er sah das todte Geschöpfchen, ging hin und – ertränkte sich."

„Hu!“ machte sie schaudernd; „und nun meinen Sie, ich sollte von meinen häßlichen Tatzen keinen Gebrauch machen. Sie sind wirklich ein Ausbund von Artigkeit. Das habe ich verstanden, wie Sie sehen, aber ich begreife Eines nicht: nämlich wie Sie der Mann sein können, der durch einen einzigen kleinen Wunsch und weiter nichts am Leben gehalten wird. Sie müssen nicht so schrecklich schwarz malen, wenn man Ihnen glauben soll. Aber ich bin es Milli schuldig zu verhüten, daß Sie sich ertränken, obwohl Sie mich beständig wie eine Confirmandin behandeln, die kurze Kleider und Margarethenzöpfe trägt.“

Der Doctor sah sie ein wenig erstaunt an und verzog leise die Mundwinkel. Aber einen Augenblick später spielte wieder ein bittrer Zug um dieselben. „Sie scheinen noch nicht zu wissen, mein liebes Fräulein, daß Ihrer Freundin Emilie Hornemann sehr wenig daran gelegen ist, ob ich mich ertränke oder sonst auf eine Art umbringe. Sie dürfen überzeugt sein, daß dieselbe den Vorfall in den Armen des Herrn Franz Zehren kaum sonderlich bemerken würde.“

Toni saß sprachlos da und war im Begriff hell aufzulachen, aber sein Gesicht sprach zu beredt und deutlich, als daß sie über [174] den Ernst seiner Worte hätte in Zweifel bleiben können. „Mein Gott,“ sagte sie, tief Athem holend, „wie ist das möglich?“ Und sie warf die Arbeit auf das Nähtischchen und legte beide Hände im Schooße zusammen. „Wer ist denn dieser Herr Zehren? Ich kennen ihn gar nicht. Ist er mit dem alten Zehren verwandt, der am Canal wohnte und vor einem Vierteljahre gestorben ist?“

„Sein Neffe und Erbe, der vor ein paar Wochen aus Amerika nach Europa gekommen ist, um mich unglücklich zu machen, und der obendrein taub ist. Aber lassen wir ihn! Was nützte es, wenn ich vor Ihnen jetzt meinen ganzen Vorrath von Galle über ihn ausschütten wollte! Es handelt sich für mich um das Eine: ich muß Emilie noch einmal sprechen, bevor ich sie verloren gebe für alle Zeit. Ein Abschiedsbrief beweist nichts; erst wenn sie den Muth hat, mir Auge in Auge zu sagen: 'Leben Sie wohl, mein Herr!' dann weiß ich, daß ich geopfert bin. Und Sie, Fräulein Toni, sind die Einzige, welche mir zu einer Zusammenkunft mit ihr verhelfen kann. Wenn sich in Ihrem glücklichen Kinderherzen ein Funke von Theilnahme für mich regt, so bewirken Sie eine solche! Da haben Sie meinen Wunsch.“

Er hatte sich bei den letzten Worten zu ihr hinüber geneigt und ihre Hand ergriffen, die er leidenschaftlich drückte. Ihr Blick streifte den seinen, der unruhig drängend auf ihrem roth übergossenen Antlitze haftete, und sie schlug in reizender Verwirrung die Augen nieder und wandte sich dem Fenster zu. Einen Moment war es still zwischen ihnen. Draußen grünte und blühte der Garten; der Amor blitzte von fern zwischen den Linden hindurch, und über der Berglehne im Hintergrunde stieg das leuchtend tiefe Sommerblau des Himmels auf. Sie wußte nicht, wie ihr zu Muthe war, halb zum Lachen und halb zum Weinen. Der Doctor sah es, wie ihre junge Brust sich beklommen hob und senkte, und es überkam den unbekümmert Sieggewohnten eine leise Ahnung von dem heimlichen Leben in dieser Brust. Aber sie gewann rasch ihre ganze Unbefangenheit wieder; sie stützte den Arm auf das Fenster, legte den Kopf in die Hand und sah ihn mitleidig an.

„Ich glaube wohl, daß Sie mir nichts vorflunkern, denn Sie machen ein gar zu trauriges Gesicht dazu. Ich will auch gern mit Emilie reden, schon weil ich nicht begreifen kann, wie –“

„Um Gottes willen,“ unterbrach er sie hastig, „sagen Sie ihr kein Wort vorher – ich muß unerwartet mit ihr zusammentreffen. Das bringt mich ja eben zur Verzweiflung, daß ich nicht einmal wissen soll, warum das Tuch zwischen uns mit einem Male zerschnitten sein soll. Jeder Mensch, den man hinrichtet, erfährt doch vorher wenigstens in Form Rechtens, aus welchen Gründen man die Nothwendigkeit ableitet, ihn einen Kopf kürzer zu machen, aber sie will mich nicht sprechen – hören Sie, Fräulein Toni, sie will nicht.“

Toni sah ihn zweifelnd an. „Sie wird Ihnen wohl zutrauen, daß Sie ohnedies Bescheid wissen. Was soll ich denn aber thun? Soll ich sie herlocken und dann von Ihnen überfallen lassen? Dazu habe ich sie eigentlich zu lieb; ich weiß wirklich nicht, warum ich mich Ihrethalben um meine liebste Freundin bringen soll."

Er sank mit finsterer Entschlossenheit vor ihr nieder – vielleicht nicht ganz ohne Berechnung. „Ich bleibe hier liegen, bis Sie mir versprechen, es dennoch zu thun, oder bis man mich mit Gewalt von Ihren Füßen hinwegreißt –“

Sie blickte ängstlich zu ihm nieder, während er wiederum ihre Hand gefaßt hielt. „Ja doch, meinethalben denn! Ich will einmal horchen, wie Alles gekommen ist, und wenn Sie unschuldig sind, so werde ich Ihnen den Willen thun – wenn auch –“ ihre Blicke suchten unsicher und feuchtglänzend die Höhe des Zimmers – „aber nun stehen Sie auf – um Gott, es kommt Jemand –“

Während Urban ihr die kleine feine Hand küßte, sagte es plötzlich in der Thür: „Sieh da! Was hat denn das zu bedeuten?“

Es war der Commerzienrath, der mit etwas verdutztem, aber nicht gerade unwilligem Gesichte näher trat. „Machen Sie meinem Kinde eine Liebeserklärung, Doctor?“

„Nein; der Doctor ist schon heimlich verlobt, Papa," sagte Toni eifrig, „und Verlobte machen andern Mädchen niemals Liebeserklärungen.“

Urban erhob sich und wischte nachlässig über die Kniee. „Halten Sie es für möglich, Herr Commerzienrath, daß Ihr liebenswürdiges Fräulein Tochter sich so lange trotzig geweigert, mir den Namen ihrer Schneiderin zu nennen, bis ich kniefällig darum gebeten habe? Und ich Unglücklicher habe einer Dame mein Wort verpfändet, daß ich ihr denselben verschaffen würde; was blieb mir übrig, als meine Beinkleider für das leichtsinnige Versprechen büßen zu lassen?“

„Nun denn einmal heraus mit dem Namen, Doctor,“ fragte mit etwas boshaftem Lächeln der Commerzienrath, indem er Urban scharf in's Gesicht blickte. Ehe indessen Urban Zeit hatte in Verlegenheit zu gerathen, übernahm Toni die Antwort.

„Fräulein Engelhardt, Papa!“

„In der That. Fräulein Engelhardt. Damit wäre der eine Zweck meines Besuches erreicht, und es bleibt mir noch übrig, das Krankenzimmer Ihrer Schwägerin aufzusuchen. Ich habe ihr zwar oft genug gesagt, daß ich ihr nichts helfen kann, ausgenommen, daß ich ihr das alte Recept noch einmal schreibe, aber Frauen bleiben immer die nämlichen; ihre kranken Seelchen werden ruhig, wenn der Pfarrer, und ihre kranken Leiber, wenn der Arzt in’s Zimmer tritt.“

Der Commerzienrath zog die Stirn kraus. „Ihr Aerzte seid ein ungläubiges Geschlecht. Aber ich hoffe, die Wiedergeburt wird auch noch an Sie kommen. Apropos, bevor Sie uns verlassen, kommen Sie wohl noch einmal auf mein Zimmer, Doctor; ich möchte Sie etwas fragen.“

Urban nickte und ging hinaus.

Der Commerzienrath schritt bei Toni vorüber, kehrte aber auf dem Wege wieder um und fragte die erröthende Tochter ernsthaft: „Habt Ihr wirklich nur einen Possen mit einander gespielt, mein Liebling?“

„Papa, dränge mich nicht – ich bitte Dich; er hat mir etwas anvertraut, was ich für mich behalten muß. Es geht seine Braut an.“

„Also er ist wirklich verlobt? Jedenfalls im Stillen blos. Heißt seine Braut etwa Emilie Hornemann?“

Toni sprang auf und fiel ihm um den Hals. „Es ist unausstehlich, wenn ein Mensch so klug ist. Adieu, Papa – ich fürchte mich vor Dir –“ damit eilte sie aus dem Zimmer.

Urban fand zu seinem Verdrusse ihren Platz am Fenster leer, als er zurückkam. Er ließ sich einen Augenblick auf ihrem Stuhle nieder und betrachtete die Stiche an ihrer Arbeit; dann verließ er die Fensterecke und verfügte sich zum Commerzienrath, der ihn mit sorgenvoller Miene empfing.

„Setzen Sie sich einmal zu mir, Doctor! Was halten Sie von der – Cholera? He? Wissen Sie schon, daß sie wieder in Rußland auftritt, und daß sie auch in zwei englischen Häfen eingeschleppt ist?“

„Ich glaube gar, Sie fürchten sich schon jetzt vor ihr, mein Herr Commerzienrath?“ fragte Urban halb erstaunt, halb ärgerlich. „Ich denke, wir warten damit, bis uns dieser menschenfressende Moloch erst näher auf den Leib rückt.“

„Wieviel Procent der davon Befallenen sterben wohl ungefähr? Aber antworten Sie mir vernünftig, Doctor! Ich fasse die Sache sehr ernst.“

„Nun, etwa achtzig, nach den bisherigen Erfahrungen.“

Der Commerzienrath biß sich in die schmale Unterlippe und wiederholte für sich: „Achtzig Procent! Es ist entsetzlich. – Und keiner Seele ist es gelungen, das Geheimniß dieser gräßlichen Seuche zu ergründen?“ fügte er laut hinzu.

„Keiner,“ lautete die lakonische Antwort. „Nur daß der große Hahnemann die Heimtücke mikroskopisch kleiner Bestien dahinter wittert, die er mit Moschus vergiftet. Ich kann Ihnen keinen Trost im Augenblick weiter geben, als daß wir vorläufig noch weit vom Schuß sind und daß eine Anzahl Fachleute im Begriff steht, das Leben daran zu wagen, um das Ungeheuer in seiner mörderischen Beschäftigung zu studiren. Vielleicht beruhigt es Sie auch, wenn ich Ihnen versichere, daß dasselbe vor Leuten von Ihrer Constitution einigen Abscheu zu bezeigen pflegt, und daß ihm die Blume eins guten Bordeaux zuwider ist. – Darf ich mich empfehlen?“

Der Fabrikant sah den Arzt sichtlich ungern scheiden. Er begann eine kurze Wanderung im Zimmer, das Haupt tief in die breite schwarze Cravatte gesenkt, und das unruhige Muskelspiel [175] seines Gesichtes spiegelte die beängstigenden Bilder wieder, welche vor seiner erregten Phantasie vorüberflogen. „Achtzig Procent!“ murmelte er. „Der erfinderische Menschengeist ergründet jeden Tag Geheimnisse und schafft Wunder über Wunder, und hier steht er rathlos. Warum? Warum hier gerade, wo die Natur bebend sich vor dem Entsetzlichen windet und die Hände hülfeflehend zum Himmel streckt? Soll es nicht sein? Ist es der Teufelsodem der Hölle, der hämisch mordend die Seelen einheimst und welchem Macht gegeben ist über tausend mal tausend?“ und der kleine alte Mann mit dem harten Gesicht schauerte zusammen und nahm ein Buch voller Zahlen zur Hand, um sich zu zerstreuen.

Inzwischen war Urban die Treppe hinabgestiegen. Im Hausflur unten befand sich rechter Hand die Wohnung des Kutschers Johannes, dessen Frau Portierdienste that; die Leute lebten allein; denn ihre Kinder waren sämmtlich bereits selbstständig geworden. Lautes Lachen drang durch die braungestrichene Thür, und es war dem Lauscher, als höre er Toni’s frische Stimme deutlich heraus. In diesem Moment ging die Thür auf, und das Stubenmädchen trat Urban mit verdrießlichem Gesicht entgegen. Hinter ihr aber erfaßte sein rasches Auge eine seltsame Gestalt in der Stube drinnen, eine schlanke, zierliche Figur mit rabenschwarzen losen Flechten, die sich unter einem rothen Kopftuch hervorstahlen; er gewahrte ein grobes braunes Wollenkleid mit kurzem Rock und zwei braune Füßchen darunter, welche bis auf ein paar alte gestickte Hausschuhe nackt waren. Halb verdeckt von dieser Gestalt stand Toni; ihr Gesicht bog sich seitwärts, und ihr lachender Blick, welcher dem davon eilenden Mädchen folgte, fiel auf Urban. Dieser harmlos glückliche Blick hatte – er wußte nicht recht warum – plötzlich etwas Verletzendes für ihn. War es darum, weil ihn selber tiefste Unruhe peinigte, weil es in seinem eigenen Kopfe so ungestüm arbeitete, während in seiner Brust zugleich die Empfindungen mit einander in Hader lagen? Oder weil sie wußte, wie es um ihn stand und dennoch lachen konnte? Es wandelte ihn eine verdrießliche Lust an, etwas zu stören, und er ging an dem Mädchen vorüber in das Zimmer.

„Was ist denn das für eine Mummerei?“

Ein schmales, braunes Gesicht, jugendlich und fremdartig, wandte sich mit einem rasch verschwindenden Ausdruck von Befangenheit nach ihm um; ein paar große, ernste, tiefschwarze Augen hafteten auf den finstern Zügen des schönen, stattlichen Mannes, und zwischen den feinen schmalen Lippen der Zigeunerin – denn eine solche stand vor ihm – blitzten zwei Perlenschnüre von Zähnen auf.

„Was haben Sie mit dieser braunen Hexe zu schaffen, Fräulein Toni?“ fuhr Urban unfreundlich fort. „Nehmen Sie Ihre Uhr da in Acht und was sonst nicht fest an Ihnen sitzt! Dieses Volk hat kein Verständniß für den Unterschied von ‚mein‘ und ‚dein‘, und die jungen Weiber besonders sind wahre Elstern.“

Die Zigeunerin senkte langsam die Wimpern und sagte mit wohlklingender Stimme: „Ich stehle nicht, schöner Herr. Es giebt Leute in unserem Volke, die nehmen was sie wollen, und es giebt andere, die verdienen was sie brauchen. Schelten Sie nicht, lieber junger Herr! Unsre Männer fangen wohl Fische und Feldthiere, aber – –“

„Bist Du verheirathet?“ unterbrach Urban sie mit Härte, während er heimlich das wunderbar regelmäßige, sammetweiche Gesicht musterte, dessen geröthete Wangen an Flammenschein mahnten, welcher braunen Rauch überglüht.

„Nein,“ sagte das Mädchen, die Augen noch immer zu Boden gesenkt.

„Wo sind Deine Leute? Und wie viel Personen seid Ihr zusammen?“

„Vater, Mutter, ein großer und kleiner Bruder und zwei kleine Schwestern, lieber Herr, Niemand weiter. Wir haben einen Wagen und ein Pferd, die Dascha, und noch zwei kleine Hunde. Sie lagern neben der alten Schmiede, wenn man die Straße hinaus geht, rechts, da, wo der Berg einbiegt.“

„Warum läufst Du allein in der Stadt herum?“

„Meine Mutter liegt im Wagen und ist krank.“

„Da müssen Sie helfen, Herr Doctor,“ rief Toni mit Feuer; „Sie machen den Gang umsonst, und ich bezahle die Arznei.“

„Mein liebes Fräulein,“ meinte Urban trocken, „diese Art wird entweder ohne Arznei gesund, oder sie ist überhaupt nicht zu retten. Was will das Mädchen hier? Betteln?“ Er blickte sich jetzt erst in der Stube um, als er vom Fenster her das unarticulirte Gebrumm des Kutschers Johannes vernahm, und nickte diesem und seiner Ehehälfte zu, welche letztere, neben einem andern weiblichen Dienstboten des Hauses stehend, scheue Blicke auf die Fremde warf.

„Sehen Sie nur die dort,“ lachte Toni, nach dem Fenster zeigend; „es ist ihnen übel geworden, denn sie können das Prophezeien nicht vertragen. Geben Sie einmal Ihre Hand her, Herr Doctor!“ meinte sie, indem sie sich ohne Umstände seiner Linken bemächtigte; „ich bitte mir aus, daß Sie still halten, denn“ – fügte sie leise warnend hinzu – „Sie wissen, daß Sie in meiner Gewalt sind.“

„Nun wohlan, Sie kleine Commandeuse!“

Toni hielt der Zigeunerin die innere Fläche der Hand unter die Augen. Diese warf nur noch einen flüchtigen Blick auf das Antlitz des Mannes vor ihr, einen geheimnißvollen Sibyllenblick, den Urban auffing; ihre Mundwinkel senkten sich ernsthaft, und dann neigte sie sich und studirte die Linien, daß jener ihren warmen Hauch auf seiner Hand fühlte. Aus der leisen Bewegung ihres Kopfes konnte man wahrnehmen, daß in ihrer Beobachtung Methode lag. Der junge Mann hielt schweigend aus und blickte inzwischen auf Toni herab, welche ihr Antlitz mit lebhafter Neugierde bis dicht vor seine Brust herab beugte; er athmete den feinen Duft ihres Haares und sah in nächster Nähe das Blut durch ihr kleines Ohr schimmern.

„Viel Unglück im Glück und viel Glück im Unglück,“ murmelte das Mädchen und trat endlich mit einem tiefen Athemzuge zurück.

„Ist das Alles?“ fragte Urban, der die Worte verstanden hatte.

„Gott bewahre!“ rief Toni lebhaft; „sie sagt Ihnen eine ganze Litanei von Schicksalen, alles was da war, ist und sein wird. Es wird gleich kommen.“

Die schwarzen Augen des jungen Geschöpfes waren starr geworden, und sie stand einen Augenblick ohne sich zu bewegen. Urban, der sie scharf beobachtete, fand heraus, daß sie entweder sehr geschickt Komödie spielte, oder an ihre Pythia-Rolle glaubte. „Hüten Sie sich vor dem kleinen Wasser, Herr!“ meinte sie endlich nachdenklich. „Nur das große wird Ihnen nützlich sein. – Ich sehe nicht viel Gutes für Sie in der nächsten Zeit; es drohen Ihnen auch Waffen. – Es stehen Frauen an Ihrem Lebenswege; die Sie suchen, finden Sie nicht, und die Sie finden, kommen Ihnen ungesucht. – Schöner Herr,“ unterbrach sie sich plötzlich; „ich habe heute zwei Mal dieselbe Lebenslinie gesehen. – Sie werden alt werden, und ihr Haar wird sich bleichen, aber in Frieden. – Ich sehe Metalladern, die in Ihren Lebensweg münden; die eine ist sehr reich. – Ein weißer Schwan wird Sie zum Glücke führen –“

„Dasselbe hat sie mir auch gesagt,“ fuhr Toni heraus.

Die Zigeunerin wandte sich plötzlich um, und ihre Blicke schweiften zwischen Urban und dem blühenden, lächelnden Mädchen neben ihm hin und her.

„Wie heißt Du?“ fragte Urban.

„Juschka,“ war die zögernde Antwort.

„Vortrefflich, kleine Juschka,“ fuhr jener kühl fort, indem er seine Börse zog; „Du bist gnädig mit mir umgegangen, und Du sollst Dich in Deiner Berechnung nicht getäuscht haben, daß ich alsdann auch mit Dir gnädig umgehen würde.“ Er nahm einen Thaler zwischen den Maschen heraus und reichte ihn dem Mädchen. Die Zigeunerin kreuzte die Arme über der Brust und verneigte sich tief; dann bückte sie sich, wie um zugleich den Thaler zu nehmen und ihm die Hand zu küssen, aber im nämlichen Augenblicke, wo er das Geld zwischen seinen Fingern hervorgezogen fühlte, empfand er einen heftigen Schmerz an der Hand; die Zigeunerin wand sich wie ein Aal zwischen ihm und Toni hindurch und verschwand durch die Thür, und von der Thür her erscholl ein Klirren auf dem Fußboden: es war der Thaler, welcher unaufgehalten bis mitten in die Stube rollte.

Der Doctor, welcher ein kurzes Zischen des Schmerzes nicht hatte unterdrücken können, war mit einem Sprunge am Fenster; er kam noch zeitig genug, um die geschmeidige Figur der braunen Juschka drunten von der Treppe nieder in den Hof fliegen zu sehen.

[176] Die übrigen Anwesenden waren mit neugierigem Erstaunen Zeugen seines auffallenden Benehmens gewesen, ohne den Grund desselben zu ahnen. Die Spannung wuchs, als Urban, vom Fenster zurücktretend, aufmerksam seine rechte Hand musterte.

„Was ist Ihnen denn, Herr Doctor? fragte endlich Toni.

„Sehen Sie hier: die Hexe hat mich gebissen. Ich werde mir künftig die Gutmüthigkeit gänzlich abgewöhnen.“ Er reckte die Hand hin, in deren Fleisch die Spuren der kleinen Zähne tief eingebohrt waren, obschon nicht bis zur Verwundung tief genug. „Das Ehrgefühl dieses hübschen Vampyrs ist für eine Zigeunerin merkwürdig entwickelt.“

„Da sehen wir's ja. Habe ich's nicht vorher gesagt, Fräuleinchen, daß diese Heidin nicht weg gehen würde, ohne ein Unheil angerichtet zu haben?“ murrte der Kutscher, welcher nunmehr gleichfalls den Muth gewann, seinen Platz im Hintergrunde zu verlassen. „Wenn nur der Herr Commerzienrath dazu gekommen wäre, er würde ihr den Marsch schon gepfiffen haben. Und ein Christenmensch darf sich von solch einem verworfenen Geschöpf nicht wahrsagen lassen, wie Saul von der Hexe zu Endor.“

„Sie haben ganz Recht, Johannes,“ bekräftigte Urban, der sich auf die gebissene Stelle hauchte, „und ich habe meinen Lohn dafür schon bekommen, daß ich mich habe verführen lassen. Es ist gewöhnlich so, daß der Verführte die Kosten bezahlen muß, und der Verführer leer ausgeht.“ Dabei fiel ein Seitenblick auf Toni, die etwas verschüchtert zurückgetreten war. „Den Thaler dort mögen Sie zu Ihren Sparpfennigen legen.“

„Mit Verlaub, Herr Doctor, den nehme ich nicht, nachdem ihn das Satanskind in der Hand gehabt hat. Die Künste des Bösen sind von mancherlei Art, und ein Christenmensch soll allerwegen auf seiner Hut sein.“

„So legen Sie ihn in den Opferstock, damit er unschädlich wird, oder tragen Sie ihn zum Armenpfleger!“

„Das will ich thun, aber gleich, auf daß er aus dem Hause kommt,“ brummte der Kutscher, setzte seine Mütze auf, zog die waschledernen Handschuhe auf die Finger und nahm behutsam das Geldstück vom Boden.

„Also es bleibt bei unserer Verabredung, Fräulein Toni?“ fragte Urban und reichte dieser, im Begriffe zu gehen, die unversehrte Linke hin; „und Sie haben die Güte, mir Nachricht zu geben?“

Sie nickte und schlug ein.

Urban schritt hinter dem Kutscher her in den Hof, der in der Mittagsgluth dalag. Die ganze phantastische Scene hatte ihn eigenthümlich berührt, so wenig auch die Prophezeiung des Mädchens ihn kümmerte. Er hatte nicht übel Lust, der Prophetin noch einmal zu begegnen, nur um zu sehen, wie sich dieselbe ihm gegenüber nach dem wunderlichen Attentate benehmen würde. Die Veranlassung dazu war ja gegeben; er brauchte nur den beschriebenen Ruheplatz der Familie aufzusuchen, um nach dem kranken Weibe zu sehen. Zunächst indeß fiel ihm etwas Anderes ein.

Er näherte sich der Thür mit dem Comptoirschilde und trat durch dieselbe in einen schmalen, mit Backsteinen gepflasterten Flur, von welchem rechts eine Thür in das Comptoir, links eine zweite, unmittelbar neben der Dampfmaschine, in die Fabrikräume führte; er wählte die letztere.

Die Maschine stand still; in dem weiten, kühlen Raume war kein Mensch mehr zu erblicken, denn die Mittagsglocke hatte längst geläutet und die Arbeiter waren zum Essen gegangen. Er schritt weiter, auf den entgegengesetzten Flur hinaus, von welchem die Treppe in die oberen Räume führte, und stand im Begriffe hinaufzusteigen, als sich hinter ihm die Thür des Kesselhauses öffnete und das melancholische Gesicht des langen Abraham Fenner erschien.

„Ist Herr Bandmüller schon zu Tische gegangen?“ fragte Urban.

„Zu Befehl, Herr Doctor,“ antwortete der tiefe Baß des Heizers. „Vor ein' zehn Minuten ungefähr.“

„Wenn er heute Nachmittag wiederkommt, so können Sie ihm sagen, daß er diesen Abend, sobald er von der Arbeit frei ist, mich besuchen soll. Ich hätte Wichtiges mit ihm zu besprechen. Hören Sie, Fenner?“

„Will’ schon bestellen.“




12.

Urban ging hinaus.

Die heißen, blendenden Straßen waren jetzt, um die Mittagszeit, doppelt öde. Der glühende Staubdunst wirbelte um die Gestalt des rasch Dahinschreitenden; das Erdreich in den Fugen des Pflasters klaffte wie lechzend, und das spärliche Gras, welches sich in der Nähe des Rinnsteins und unter den Dachtraufen angesiedelt hatte, hing vergilbt und verdorrt. Aus den Häusern quoll häßlich der Speisedunst, und Urban, um ihm zu entgehen, drückte den Strohhut tief in das Gesicht und suchte die Mitte der Straße auf.

Endlich bog er in eine schattige Quergasse, und sein Auge gewahrte hier in einiger Entfernung eine Polizei-Uniform, als deren Träger der Arzt den Commissar Donner erkannte. Er beschleunigte seine Schritte, und sobald er in die Nähe des Commissars gelangte, begann er halblaut zu singen:

„Der Vogelfänger bin ich ja,
Stets lustig, heisa, hopsasa.“

Donner drehte sich herum, und sein zorniges von der Hitze geröthetes Gesicht hellte sich nur wenig auf, als er den Sänger erkannte.

„Mit Ihren niederträchtigen Spottversen, Doctor! Es würde mir sehr lieb sein, wenn Sie sich das abgewöhnen wollten.“

„Mein Himmel,“ versetzte Urban mit der Miene gekränkter Unschuld, „was wollen Sie wieder? Sie haben eine fatale Manier, Alles auf sich zu beziehen – das müssen Sie zugeben, Donner. Man kann den harmlosesten Vers singen, gleich finden Sie etwas darin, was wie Spott aussieht. – Nichts Neues sonst?“ fuhr er zutraulich fort; „keine frische Demokratenfährte?“

„Die Jagd ist mir verleidet,“ meinte Donner mürrisch, als er Urban dicht neben sich hatte. „Ich wollte, daß ich die Zehren’sche Angelegenheit erst verdaut hätte. Diesen Aerger danke ich Ihnen allein mit Ihren dummen Winken; ich glaube nicht einmal mehr, daß der Mann seine Taubheit blos heuchelt.“

„Warum das?“

„Ich bin ein Narr gewesen, daß mir die Idee nicht schon früher gekommen ist: der Mann, der ihm die Warnung geschrieben hat, war sicherlich Einer, der um Zehren’s Gehör Bescheid wußte.“

„Das ist gar nicht nothwendig,“ entgegnete Urban. „Im Uebrigen, geschätzter Freund – nehmen Sie mir das nicht übel! – sind Sie viel zu hitzig vorgegangen. Es fehlte jede gehörige Vorbereitung. Ich hätte zum Beispiel zuvor vierzehn Tage lang auf der Post seine sämmtlichen Correspondenzen untersucht. Ich möchte eine Wette darauf eingehen, es ist nicht alles unschuldig, was er schreibt und was er empfängt. Sie haben in seinem Hause nur das richtige Nest nicht gefunden; auf der Post gehen Sie sicherer, – Sie wissen ja, wie man das macht; das Siegel in Thon drücken und so weiter.“

„Sie haben Ideen, Doctor, das ist nicht zu leugnen,“ sagte der Commissar, den dieser Einfall sichtlich beschäftigte. „Apropos, wissen Sie schon, daß am Sonntag vor St. Kilian großer Empfang des Abgeordneten Herrn vom Rath sein wird?“

„Keine Silbe weiß ich; also er kommt zurück? Und wer wird den Empfang veranstalten?“

„Verstellen Sie sich doch nicht! Sie wissen so gut wie ich, daß das Ganze ein Demokratenstückchen wird. Natürlich wird eine Ehrenpforte gebaut und Hurrah! gerufen und ich – ich“ – fügte der Commissar zähneknirschend hinzu – „kann nichts daran ändern, denn Jemand Hochmögendes hier will ja durchaus nicht, daß wir Militär kommen lassen. Ich werde es mit ansehen müssen, daß sie mit schwarz-roth-goldenen Fahnen angezogen kommen, vielleicht gar hören müssen, wie sie die Marseillaise singen. Es wird immer besser; mich wundert nur, daß nicht der ganze Magistrat in corpore dem schwarz-roth-goldenen Bruder entgegen fährt. Aber wenn ein gewisser Jemand nach Berlin berichtet, so wird ihm dort Alles geglaubt. Was kann Unsereiner dagegen thun? Nur Eins freut mich: ich werde bei dieser Gelegenheit wenigstens erfahren, was für Volk sich dabei zu betheiligen den Drang fühlt. Ich werde eine hübsche Liste bekommen. Halten Sie es für möglich, daß man nicht einmal nöthig gefunden hat, mir die Namen der Haupträdelsführer zu nennen?“

[189] „Das ist erstaunlich,“ meinte Urban kopfschüttelnd. „Aber,“ fuhr er plötzlich lebhaft fort – „hören Sie, Donner – ich habe noch eine zweite Idee. Ich werde ein wenig für Sie spioniren. Sie können sich nicht so ungefährdet unter diese Leute mischen wie ich, und thäten Sie es wirklich, so erführen Sie wahrscheinlich doch nicht viel. Ich empfinde die größte Lust, einmal den Demokraten zu spielen. Meinethalben könnte ich die Möglichkeit eines Unfalles in dem Gedränge zum Vorwand gebrauchen, um mich den Herren als Arzt aufzudrängen. Was meinen Sie?“

Der Commissar blickte den dienstfertigen Begleiter argwöhnisch von der Seite an; dann spielte einen Moment ein listiges Lächeln um seinen Mund.

„Ich würde es an Ihrer Stelle unterlassen. Es konnte Ihrem Rufe schaden.“

„Ich will Ihnen nur gestehen,“ sagte der Arzt nach einigem Zaudern, „daß ich auch ein wenig meine Praxis im Auge habe, wenn ich es thue. Ich habe mit Leuten, welche den Wiedenhof besuchen, ziemlich viel zu thun, mit solchen, die zur Union gehören, sehr wenig. Und daß unter den Gästen des Wiedenhofes die schlimmsten Demagogen stecken, wissen Sie ja auch, obschon es schwer hält, sie heraus zu finden.“

Donner hielt an. „Ich muß in das Haus hier treten,“ sprach er.

„Ich werde mir die Sache ansehen, Commissar; wenn es etwas einbringt, so will ich gern bis an das Ende des Trubels in meinem und Ihrem Interesse den Demokraten heucheln. Sie sollen einen Bericht bekommen, den Sie sofort zu den Acten nehmen können.“

„Nun, gut,“ murmelte der Commissar hinter dem Weiterschlendernden drein; „aber wir wollen Dich ein wenig genauer in's Auge fassen, Freundchen, nur endlich zu erfahren, wie wir mit Dir daran sind.“

Urban hatte nicht minder seine Nachgedanken, als er dem Beamten den Rücken wandte. Er fühlte sehr wohl, daß das Vertrauen Donner’s in ihn stark erschüttert war. Vermuthlich wäre ihm das sonst gleichgültig gewesen. Aber er erblickte in demselben das Werkzeug, welches ihn an dem einzigen Menschen rächen sollte, gegen den er unauslöschlichen Haß empfand – an Zehren.

Der Einfall mit der Beschlagnahme der Briefsendungen an und von Zehren auf der Post, den er gelegentlich hingeworfen hatte, wollte ihm nicht aus dem Sinne, und immer versucherischer und deutlicher krystallisirte sich ein Plan um denselben. „Pah!“ sprach er endlich für sich. „Es ist im Grunde ein Lumpenstreich, führt vielleicht nicht einmal zum Ziele. Aber ich muß ihm Beschäftigung geben, damit er den Glauben an mich nicht verliert.“ –

Zur Zeit der ersten Dämmerung saß der Doctor in seiner Wohnung und harrte auf den Besuch Bandmüller’s, der länger ausblieb, als er erwartet hatte. Auf dem Schreibtische lagen ein paar Schriftstücke, mit deren Abfassung er sich während der späten Nachmittagsstunden beschäftigt hatte, und er nahm deren eines zu sich an das offene Fenster und versuchte es zu überlesen. Die Abendluft wehte wohlig herein; draußen lärmten noch ein paar Kinder; die Bewohner der Straße wanderten plaudernd und lachend auf und ab, und drüben im Fenster lag, wie alle Abende, der glatzköpfige, behäbige Rentier und blies die Dampfwolken seiner Pfeife in den stahlgrauen Himmel. Urban legte endlich das Papier weg. „Alles recht schön, teuflisch schön, aber schreiben – schreiben! Ich brauche einen Falschmünzer, der diesem Zeuge da den Schein echter Münze giebt.“ Er wollte sich eben wieder setzen, fuhr aber auf wie ein ertappter Dieb, als er gewahrte, daß sich gleichzeitig ein menschlicher Kopf zum Fenster hereinbog, der ihn angrinste.

Er erkannte Bandmüller.

„Entschuldigen Sie, Herr Doctor! Ich komme doch nicht zu spät? Es ging nicht eher. Wichtige geschäftliche Besorgungen!“

„Bleiben Sie draußen, Herr Bandmüller!“ erwiderte Urban, indem er nach seinem Ueberrocke griff. „Es ist spät geworden, und wir können unsre Angelegenheit auch auf einem Spaziergange abmachen. Ich muß nothwendig noch etwas Luft schöpfen.“

Sie schlugen die Richtung zum Canale hinunter ein, und Bandmüller wagte nach kurzem Schweigen zu fragen, was es denn gäbe.

„Was es giebt? Je nun, es soll mobil gemacht werden, Bandmüller, und es muß schleunigst damit begonnen werden. Wir haben endlich beschlossen, daß demnächst, am Sonntage vor der Kiliansprocession, reine Wirthschaft gemacht werden soll und zwar in Anknüpfung an eine große Empfangsfeierlichkeit, welche dem von Berlin heimkehrenden vom Rath zu Ehren veranstaltet wird. Man wird zunächst sofort eine revolutionäre Stadtregierung constituiren, und außerdem muß alsbald an den Barrikadenbau gegangen werden, damit wir uns nöthigenfalls [190] gegen das Militär behaupten können. Der Plan ist noch nicht genau durchgearbeitet; was ich Ihnen zur Instruction mittheile, sind Punkte, welche die allgemeine Billigung haben. Benutzen Sie jeden Abend während der kurzen Zeit bis auf St. Kilian, um die Leute in Ihrem Quartiere vorzubereiten, aber zunächst nur die Zuverlässigen, die wir als zu uns in jedem Falle gehörig kennen! Erst kurz vor dem Losschlagen dürfen dieselben bestimmt Andern gegenüber mit dem Plane herausgehen, nachdem sie dieselben ausgehorcht und zur Beihülfe geneigt gefunden haben, und sie dürfen ihnen goldene Berge versprechen; ob sie hinterher etwas davon besehen, kann uns sehr gleichgültig sein. Vorsicht, größte Vorsicht, Bandmüllerchen! Ich werde Ihnen nachher über diesen Punkt noch Einiges sagen. Unsere Leute müssen sämmtlich auf jeden Fall irgendwie bewaffnet sein; es könnte Widerstand in der Stadt geben, wiewohl ich glaube, daß wir das Arbeitervolk rasch auf unsere Seite bringen. Ferner müssen möglichst Hacken mitgebracht werden, um das Pflaster aufzureißen. Während wir an den Barrikaden zu arbeiten anfangen, werden Piquets abgeschickt, um im Namen der Revolution die Waffenläden auszuborgen und Blei zum Kugelgießen zu beschaffen. Im Pulverhause auf dem Grützenberge draußen lagern gerade jetzt ausreichende Vorräthe, um uns auf lange zu versorgen, wenn wir sparsam sind. Es ist ein Glück, daß wir keine Kanonen haben, die uns das Pulver wegfressen würden. Wir brauchen nur ein paar Ladungen für die alten Stadtböller und außerdem Sprengpulver. Vor der Chausseebrücke wird der Triumphbogen gebaut, und Sie können dieser Tage schon – ich lasse Ihnen Mittheilungen über die Zeit zugehen – freiwillige Arbeiter dazu stellen. Auf dem Rauhenfelde bis links an den Steinbruch ist Versammlungsort; dahin müssen die Leute beordert werden; der Platz faßt bequem ein paar tausend Menschen. Punkt neun Uhr, wenn geläutet wird, bringen wir den Abgeordneten im Wagen von Bramkerken her; vor der Brücke werden die Pferde ausgespannt, und es stellen sich Leute an die Deichsel und ziehen den Wagen herüber; die Böller krachen dreimal und Alles schreit: 'Es lebe das souveräne Volk; es lebe die Revolution!'“

Bandmüller war anfangs mit sprachlosem Staunen, später unter vergnügtem Händereiben und mit funkelnden Augen neben Urban hergegangen. „Teufel auch!“ sagte er, als dieser eine Pause machte, „das ist aber merkwürdig schnell gekommen, ganz unerwartet schnell“ – und man sah, wie er rasch ein paar eilige Gedanken im Kopfe wälzte, ehe sein Begleiter den Faden wieder aufnahm.

„Die Gelegenheit ist zu günstig und die politische Spannung gerade auf einen Höhepunkt gekommen. Eine Hauptarbeit wird für Sie am Samstag vorher zu thun sein; ich kann auch diese nur in allgemeinen Umrissen andeuten. Zuvörderst müssen Sie am Nachmittag einen Zuverlässigen auf die Dörfer im Thal schicken; ebenso über die Horseberge, – wir haben ja Erkundigungen eingezogen, daß wir etwa der Hälfte der Bauern sicher sind, und es muß gesorgt werden, daß diese am Sonntag früh zwischen acht und neun Uhr spätestens in der Stadt sind und mitbringen, was irgend zum Schießen, Hauen und Stechen gut ist. Vor Samstag braucht dort nichts bekannt zu werden, weil wir die Leute nicht unter Controle haben. Weiter schicken Sie Samstag Abend soviel Mann mit guten Pferden auf das Rauhenfeld, wie Sie irgend auftreiben können; suchen Sie auch ein paar Mann aus, die wir auf die Bahn werfen und den Rhein hinauf und hinunter spediren können. Sie müssen durch die rheinischen Städte die Runde machen, um anzusagen, daß man sich zum Schlagen bereit halten möge und daß wir hier den Anfang gemacht haben. Nehmen Sie schwächliches Volk dazu, welches schlau und flink ist! Was ordentliche Muskeln besitzt, können wir hier besser gebrauchen. Endlich müssen wir darauf Rücksicht nehmen, daß wir das Militär dicht auf dem Halse haben, und uns so lange wie möglich vor ihm sichern. Die Eisenbahnzüge halten wir vom Sonntag früh an hier fest; der letzte Samstagszug muß die nöthigen Leute befördern, um halbwegs zwischen hier und dem Rheine die Schienen aufzureißen. Die Chaussee wird auf Ihrer Seite an den drei engen Stellen, wo der Berg an das Wasser vortritt, verbarrikadirt; wir hauen ein paar Dutzend Pappeln während der Nacht nieder und sprengen das lockere Gestein mit Pulver auseinander, um Material zu gewinnen. Wie gesagt, wir sind noch nicht völlig klar bis in’s Einzelne, und Sie werden das Nähere noch erfahren. Ich wollte Ihnen die ganze Idee nur im Allgemeinen vorlegen und Sie auf das Gewissen fragen, ob Sie bereit sind, bei der Ausführung in Ihrer Eigenschaft als Bezirksoberer mitzuwirken.“

„Das braucht auch noch einer Betheuerung!“ lachte der Gefragte.

„Dann hören Sie aber noch die Hauptsache!“ fuhr der Doctor nach kurzem Besinnen fort. „Merken Sie wohl auf: wer in den Plan eingeweiht wird, muß sich verpflichten, vor keinem Menschen einzugestehen, daß er darum weiß; besonders daß die Weiber nichts erfahren! Jedermann muß seine Vorbereitungen heimlich halten. Für die kurz vor der Ausführung Neuangeworbenen aber gilt das nämliche Gesetz der Verleugnung. Nicht einmal den Oberen gegenüber ist es erlaubt zu zeigen, daß man von dem Plane unterrichtet ist. Es muß den Leuten ausdrücklich gesagt werden, daß sie nicht stutzen sollen, wenn wir uns selber so stellen, als wären wir der Sache fremd. Bemerken Sie das wohl!“

„Eine höchst pfiffige Idee!“ schaltete Bandmüller ein.

„Wir sind zu den möglichsten Vorsichtsmaßregeln gezwungen, um uns den Rücken zu decken. Lassen Sie sich von den Leuten schwören, daß sie von da ab, wo ihnen die Mittheilung geworden ist, nüchtern bleiben wollen, denn der Spiritus schwatzt. Versprechen Sie darauf los, wie ich Ihnen schon sagte! Das Wichtigste bleibt, daß Alles zunächst ordentlich in Fluß kommt. Daß die richtigen Ziele hochgehalten werden, dafür wollen wir schon sorgen.“

Das rothe, buschige Gesicht des Fabrikleiters verzog sich zu einem heimlichen Grinsen, das die Dunkelheit barg. „Natürlich,“ meinte er, „es muß Ordnung bleiben. Es handelt sich ja blos um das Vaterland.“

Die Beiden waren zuletzt die Kaiserstraße entlang gegangen, an dem Seyboldt’schen Etablissement vorüber, und befanden sich zwischen den letzten Häusern. Am Himmel funkelten die Sterne; unter ihnen zog sich das Thal hin mit den hohen Berglehnen zur Seite, welche schwarzen Riesenmauern glichen, an denen hier und da ein Licht glomm. In ihrem Verlaufe rückten dieselben nahe zusammen, so nahe, daß ein Bergthor entstand, durch welches man den Fluß sich zwängen sah, mit der Chaussee als Begleiterin. Es war still hier draußen. Vom Wasser her wehte feuchter Duft, und ein kühles Nachtlüftchen bewegte sanft die Blätter der steilen Riesenpappeln.

„Wollen wir nicht umkehren?“ fragte Bandmüller.

„Es würde Ihnen wohl zu weit werden, wenn Sie mich bis an’s Ende meines Spaziergangs begleiten wollten,“ versetzte Urban. „Vielleicht kehren Sie allein um. Es ist eine Liebhaberei von mir, nächtliche Promenaden zu machen.“

Er sprach das in einem Tone, dem man ziemlich deutlich anhörte, wie angenehm ihm der Weggang seines Begleiters sein würde. Vielleicht war gerade dies der Grund, welcher Bandmüller veranlaßte, zu bleiben.

„Ich bin mit nächtlichen Märschen viel mehr vertraut, als Sie glauben mögen,“ sagte er gleichmüthig, indem er weiter schritt; „und ich habe dergleichen in Gegenden gemacht, wo es keine Chausseen gab und keine anderen Wege als Büffelfährten.“

„Nicht möglich!“ sprach Urban. „Sie waren in Amerika?“

„Vor einiger Zeit. Aber das Leben drüben gefiel mir nicht.“

„Ich hörte diese Nacht von einem gewissen Hendricks erzählen, der von hier hinübergegangen ist und ein abenteuerliches Leben geführt haben muß.“

Bandmüller schwieg.

„Da fällt mir etwas ein,“ unterbrach der Doctor plötzlich den eintönigen Schall der Schritte. „Kennen Sie zufällig einen Menschen, der im Stande wäre, meine Handschrift genau zu copiren? Es liegt mir für einen bestimmten Fall außerordentlich viel daran. Ich könnte allerdings nur einen zuverlässigen Menschen gebrauchen, dem man ein Geheimniß anvertrauen oder nöthigenfalls den Mund versiegeln kann.“

„Ich wüßte Niemand,“ sagte der Andere nach kurzer Ueberlegung.

Vor ihnen ragte ein Gebäude auf, aus dessen Schornstein helle Garben von Funken emporloderten. Ein Feuerschein fiel aus dem Hause über die Chaussee und strahlte ein paar Wagen und Pflüge an, und der klingende Schlag eines Hammers ließ keinen Zweifel aufkommen, daß sie sich der Schmiede näherten, welche dem Doctor vom Mittag her in lebhafter Erinnerung stand. [191] Er schielte seitwärts nach dem Berge hinüber, konnte aber keine Spur von Zigeunern entdecken. Sollten diese schon weiter gezogen sein?

„Ich hörte heute, daß hier draußen eine Zigeunerfamilie sich gelagert hätte,“ warf er hin. „Die Familienmutter sollte krank sein, und da ich einmal hier bin, so hätte ich nach dem Weibe sehen können. Aber ich sehe die Gesellschaft nirgendwo.“

„Das wäre für hiesige Verhältnisse ganz romantisch,“ versetzte Bandmüller, der plötzlich wieder lebendig wurde. „Wir müssen die Gegend einmal untersuchen.“

Der Berg ging an der Stelle, bis zu welcher die beiden Nachtwandler gelangt waren, hart an die Chaussee vor, sodaß die Pappeln sich fast an die glatte Wand lehnten. Kurz vor der Schmiede trat derselbe indeß mit rascher Einbiegung zurück, sodaß nur eine niedrige Wandung, einer Lehmmauer ähnlich, hinter den Bäumen entlang lief. Es wuchs massenhaft Teufelszwirn auf dem Kamme, wie man an dem niederhängenden Gewirr der Zweige selbst in der Dunkelheit erkennen konnte.

Kaum waren die Zwei ein Stück an dieser Wand hingegangen, so hörten sie hinter derselben vernehmlich Knurren, dann ein scharfes Gekläff und zugleich eine menschliche Stimme, welche besänftigende Worte zu reden schien.

„Oho, wir sind auf der Fährte,“ sprach Bandmüller. „Der Platz ist gut gewählt – das muß man sagen.“ Damit schritt er um die Ecke der Mauer, welche plötzlich abschnitt.

Es zeigte sich, daß man den Berg von der Schmiede aus abgeräumt hatte, sodaß eine nicht unbeträchtliche Ausschachtung entstanden war; die niedrige Mauerflucht an der Chaussee hatte man stehen lassen. An dieser geschützten Stelle stand in der That der Wagen der Zigeuner.

Das Pferd lag neben der Stange abgesträngt auf dem Boden. Hinter dem quergestellten Gefährt konnte man ein helles Feuer erblicken; unter dem Wagenboden hing eine Art Hängematte, in welcher nach Urban's ausgesprochener Vermuthung den jüngeren Sprößlingen der Familie ihr Nachtquartier angewiesen sein mochte. Zwei Hunde, welche man an die Räder gebunden hatte, knurrten die Ankommenden mißtrauisch an und ließen sich auch durch das leise Zischen einer Gestalt nicht beruhigen, welche sich von drüben spähend unter den Wagen bog.

Als die Beiden den Wagen umgingen, kroch diese Gestalt zurück, und sie sahen, daß es ein junger Bursche war mit unverfälschtem Zigeunertypus. Er lag halben Leibes aufgerichtet zwischen dem Feuer und dem Wagen im Grase und starrte neugierig auf die unerwarteten Gäste. Jenseits des Feuers, über welchem an drei zusammengestellten Stangen ein Kessel hing, war eine zweite Männergestalt sichtbar, welche, platt ausgestreckt, sich um nichts zu kümmern schien. Unmittelbar vor dem Doctor und seinem Begleiter aber kauerte die braune Juschka, das Gesicht mit einer halben Wendung auf Urban gerichtet, dessen Anblick sie völlig gelähmt zu haben schien. Das schwarze, schlichte, glänzende Haar war von dem Kopftuch befreit; ihren Oberkörper umhüllte lose nur das Linnenhemd und die vollen Schultern schimmerten im Wiederschein der Gluth wie Goldbronze.

Nur ein paar Secunden saß sie, tiefe Angst im Antlitz, unter dem Banne der Ueberraschung gefangen. Plötzlich, noch ehe einer der Beiden Zeit fand ein Wort zu sprechen, schnellte sie mit der Elasticität einer Schlange vom Boden auf und sprang, einen schwachen Schrei ausstoßend, zwischen ihnen hindurch, indem sie Bandmüller's ausgesteckten Arm bei Seite schlug; sie flog dann in der Richtung zwischen der Schmiede und dem Berge hin, wo sich im Dunkel übermannshohes Gebüsch hinzog, und lautschallend folgte ihr das heulende Gebell der beiden Köter.

„Eine Zigeunerschönheit, eine echte Zigeunerschönheit!“ rief Bandmüller; „ich will Ihnen das braune Schätzchen einfangen, Herr Doctor.“ Und blitzschnell rannte er hinter der Flüchtigen drein. Seine schweren Schritte hallten von der Bergwand wieder; aus der Entfernung konnte man das Knacken und Knistern des Gehölzes vernehmen, welches die Zigeunerin erreicht hatte; endlich waren die zwei Gewalten im Dunkel der Nacht verschwunden.

Die beiden Zigeuner waren aufgesprungen und standen mit feindlichen Blicken neben Urban. Das krause, zottige Haar des älteren zeigte schon Spuren von Grau.

„Beruhigt Euch!“ sagte Urban, indem er furchtlosen, stolzen Auges die fremdartige Nachbarschaft musterte; „es wird dem Mädchen nichts geschehen. In wenigen Minuten, denke ich, soll mein Begleiter sie Euch wieder zuführen. Ich bin Arzt und hörte, daß Ihr eine Kranke im Wagen habt; vielleicht kann ich ihr mit meiner Kunst helfen.“

Die zwei Männer tauschten beredte Blicke aus und wechselten ein paar Mal Rede und Gegenrede in einer dem Doctor unverständlichen Sprache. Dann ging der Jüngere rasch, an diesem vorüber, in der nämlichen Richtung davon, welche die braune Juschka und ihr Verfolger eingeschlagen hatten.

Das Wasser im Kessel schäumte zischend über, und der Alte nahm das Gefäß vom Gestell herunter und setzte es auf den Boden. Urban sah dem Manne schweigend zu; sein Auge fiel seitwärts auf die Hängematte, in welcher es sich regte. Drei schwarze, blitzende Augenpaare schielten verstohlen zu ihm herauf; das Ganze sah aus wie ein Nest voller junger Vögel, welche ein Knabe erschreckt hat.

In diesem Moment ließ sich im Wagen eine klagende Stimme vernehmen. Der Zigeuner ging rasch zum hinteren Theile desselben, löste eine Schleife vom Pflock und schlug die Plane ein wenig zurück. Das krampfhafte, blasse Gesicht eines Weibes wurde sichtbar, vom flackernden Schein der Flamme überflogen. Der Alte begann mit seiner tiefen, heiseren Stimme in abgebrochenen Sätzen zu erzählen, von schwachen, jammernden Interjectionen der Kranken begleitet. Urban verstand wieder von alledem nichts; er sah nur, daß zuletzt von ihm die Rede war, denn die Augen der Frau, welche tief eingesunken waren, hefteten sich auf ihn.

„Laßt mich die Kranke untersuchen!“ sprach er, in die Mitte des Wagens hinübertretend, sodaß ein breiter Streifen Beleuchtung zwischen seinem Schatten und demjenigen des Zigeuners blieb. „Wie lange ist Euer Weib leidend?“

„Schon seit ein paar Monaten, Herr.“

„Gebt mir die Hand, Frau!“

Der heftige Fieberpuls und ein kurz darauf folgender Hustenanfall sprachen für den erfahrenen Arzt deutlich genug. Er legte die abgezehrte Hand, die er in der seinen hielt, auf die Lumpen zurück, zwischen denen die Kranke lag.

„Es ist gut,“ sagte er; „kommt ein paar Schritte mit mir, Mann!“

Der Zigeuner folgte ihm hinter den Wagen. „Die Frau muß sterben,“ sagte er halblaut. „Fahrt nicht so viel mit ihr herum, sondern sucht Euch einen ruhigen Platz aus, wo Ihr bleibt, bis Alles vorüber ist! Es kann nur ein paar Wochen noch dauern. Werft Alles von Euch, was Ihr an Hoffnung noch übrig habt!“

Der Alte stöhnte aus tiefster Brust.

Urban griff in die Tasche und zog seine Börse, aus welcher er unbesehen einen Theil des Inhaltes auf seine Hand schüttete und dem Alten hinreichte, der sich blitzschnell bückte und den Rockzipfel des Arztes an die Lippen drückte, ehe dieser es verhindern konnte.

„Kauft ihr, was ihr Freude macht! Es ist traurig sterben zu müssen, ohne das Leben genossen zu haben.“

Eine Gestalt bewegte sich langsam auf sie zu; es war der junge Zigeuner. Urban wurde unruhig, denn der Alte sprang mit lebhafterer Bewegung, als er bisher gezeigt, auf die Seite und vertrat ihm den Weg, und der Arzt meinte die Augen desselben im Dunkel zornig funkeln zu sehen. Ein heftig hervorgesprudelter Zuruf, welcher dem Ankommenden galt, wurde von diesem mit kurzer Rede beantwortet, und es schien, daß diese Beruhigendes enthielt, denn der Zigeuner wandte sich seitwärts und ließ den Doctor passiren.

Dieser erreichte mit wenigen Schritten die Chaussee und sah sich um, aber von Bandmüller war nichts zu entdecken. Er schwankte einen Augenblick kopfschüttelnd, ob er ohne denselben zur Stadt zurückkehren oder im Weitergehen dessen Ankunft erwarten sollte, und die Begierde zu erfahren, welchen Ausgang die Verfolgung des jungen Geschöpfes genommen, entschied für das Letztere.

Er ging zwischen den Pappeln hin, an der Schmiede vorüber, in welcher der Hammerschlag verklungen war und vor welcher der dunkel-verworrene Haufe von Geräthschaften ihn gespenstisch anblickte. Ein Stück hinter der Schmiede rückte das Gebüsch an den Weg, und die Blätter regten sich leise im Lufthauche, während zur Linken das stille Rieseln und Rauschen des Flusses klang. – – [192] Inzwischen war Bandmüller der flüchtigen Zigeunerin in eiligem Fluge gefolgt. Als er an das Holz gelangt war, hatte er nur das Knacken der Zweige vor sich als Führer, um auf ihrer Spur zu bleiben. Er horchte auf die Richtung und brach dann mit gewaltigen Sprüngen in das nicht allzu dichte Buschwerk, den Hut in der Hand und unbekümmert, ob Zweige und Blätter ihm das Gesicht peitschten.

Das Mädchen mußte mit der Gewandtheit einer Katze durch die Reiser schlüpfen; sie behielt, ohne viel Geräusch zu machen, immer einen Vorsprung. Da kam dem Verfolger etwas zu Hülfe, woran er nicht gedacht hatte. Er gerieth auf einen schmalen Weg.

Ein kurzer Lauf, und er hörte, daß er in ihrer unmittelbaren Nähe war. „Halloh, mein Engelchen!“ rief er, „da hätten wir Dich.“ Und mit aller Anstrengung warf er sich seitwärts, woher das Geräusch erklungen war.

Er fand nichts.

Die Zigeunerin saß still zusammengeduckt unter einem Strauche; sie hoffte auf diese Weise zu entkommen. Aber ihr keuchender Athem verrieth sie.

„Komm’ nur hervor, mein Hühnchen!“ sagte der Unerbittliche. „Ich fange Dich doch.“ Er strich aufmerksam suchend in ihrer Nähe umher, dann und wann horchend. Plötzlich holte sie dicht vor ihm tief Athem.

Sie machte noch einen kurzen Fluchtversuch, aber es gelang ihm, ihr Kleid zu fassen. Seine Arme legten sich um ihre Taille, und der Rohe wandte ihren Kopf herum, um sie zu küssen.

Ihre schwarzen Augen blitzten dicht neben den seinen; sie rang mit einer Kraft, die ihn in Erstaunen setzte, und es gelang ihr wirklich, einen Moment frei zu kommen. Aber von Neuem streckte der Verfolger die Arme aus. Er sah nicht, wie sie in die Tasche ihres Kleides griff, wie es in ihrer Hand funkelte, aber er schrie plötzlich mit einem häßlichen Fluche auf, denn er empfand an der linken Hand etwas wie die Berührung eines glühenden Eisens und gleich darauf ein rieselndes Warmes –

Das Mädchen war verschwunden. Zwanzig Schritte weit rauschte etwas und entfernte sich rechts hinüber, dann klang es nur schwach, ein flüchtiger Schritt. Sie mochte den Weg gefunden haben.

Der Verwundete zog ein Taschentuch hervor und wand es fest um die getroffene Stelle; dann drängte er sich, Verwünschungen murmelnd, quer durch das Holz nach der Chaussee zu.

Dicht vor Urban trennte er die äußeren Büsche und sprang über einen schmalen Graben auf den Weg.

„Sind Sie es, Herr Doctor?“

„Wo bleiben Sie denn in aller Welt?“

„Sie bekommen einen Patienten; ich bin verwundet. Eine niederträchtige Geschichte!“

Urban ließ ihn näher kommen. „Die Wunde scheint wenigstens nicht tödtlich zu sein,“ sagte er trocken.

„Sie haben gut reden,“ lautete die gedrückte Antwort des Fabrikleiters; „es konnte ebensogut anders kommen. Haben Sie ein Zündholz bei sich, um sich die Bescheerung anzusehen? Seien Sie froh, daß es nicht die rechte Hand, sondern die linke ist, sonst hätte ich Ihnen in den nächsten drei Wochen die Schrift nicht besorgen können.“

„Welche Schrift?“ fragte Urban aufmerksam.

„Ihre Handschrift – – ja so,“ unterbrach er sich mit krampfhaftem Lachen. „Da habe ich mich verrathen. Ich will Ihnen ehrlich gestehen: ja, ich kann Ihnen die Schreiberei besorgen. Aber ich lasse mich nicht gern auf dergleichen ein; es ist ein Metier für Zuchthauscandidaten.“

„Nun, das trifft sich ja herrlich; wir sprechen morgen weiter darüber. Zeigen Sie die Hand! Was ist denn eigentlich geschehen?“

Während Bandmüller zu erzählen begann, entzündete der Andere Licht und nahm das blutgetränkte Tuch ab. „Eine Dolchwunde,“ sagte er kopfschüttelnd, „mitten durch die Hand hindurch. Da haben Sie eine fatale Lehre für Ihre Kußbedürftigkeit bekommen.“

„Eh,“ meinte der Verwundete, den Mund schmerzhaft verziehend, „hätte ich gewußt, daß diese braune Natter stechen könnte, so würde ich mich ihrethalben nicht außer Athem gelaufen haben. Aber sie ist merkwürdig hübsch für eine Zigeunerin. Ich habe vor Jahren einmal eine gekannt, die noch hübscher war; damals wollte ich ihr zu gefallen Zigeuner werden und zog drei Wochen, lang mit der Bande herum, bis ich das Vergnügen satt bekam und bei Nacht und Nebel davonlief.“

„Sie sollten Ihre Memoiren schreiben, lieber Bandmüller!“ sagte Urban, indem er den glühenden Rest des dritten Zündholzes von sich warf. „Sie scheinen eine ganz merkwürdige Vergangenheit hinter sich zu haben. Jetzt legen Sie einmal die Binde wieder um! Ich habe leider keine Charpie bei mir und muß Sie in Ihre Wohnung begleiten, um einen ordentlichen Verband herzustellen.“

Beim Zurückschreiten war es Urban einmal, als raschle es in den Blättern zur Linken und als stehe dort eine dunkle Gestalt, gebückt zwischen dem Gezweige hindurchlugend. Aber er nahm weiter keine Notiz davon, als er wahrnahm, daß sein Begleiter nichts davon bemerkte. Bei der Schmiede konnten sie sehen, daß das Feuer hinter dem Zigeunerwagen erloschen war. – –

Der Doctor Urban wagte es wirklich, das Ungeheuerliche, Unglaubliche: auf eigene Faust die Leidenschaften einer Revolution zu entfesseln. Es gehörte der ganze selbstbewußte Trotz und das bequeme Gewissen dieser stolzen souveränen Natur dazu, um ohne sonderliche Unruhe auf die eigene Verantwortung hin den Blitz in die stille Minirarbeit von Monaten zu legen, welche zum guten Theil Andere als er geschaffen und aufgespart hatten für einen Moment, dessen Bezeichnung erst das Ergebniß sorgfältiger, vorsichtiger Berechnung sein sollte. Wenn es fehlschlug? Wenn die speienden Erdschlünde nichts zerstörten als den kunstvollen, unterirdischen Bau, die Flammen nichts verzehrten als die kühnen Minirer? Wenn die Kerker ihn, die Freunde, junge, kraftvolle Arbeiter, Ernährer von Familien verschlangen, so viele ihrer der blutige Tod übrig gelassen? Das Alles war möglich, aber Urban weigerte sich, es zu denken, ohne doch zugleich die volle innere Ueberzeugung vom Erfolge gewinnen zu können. Es war eine einzige Empfindung, die ihn beherrschte: er hatte seinen Kopf darauf gesetzt, es müsse an dem bezeichneten Zeitpunkte zum Handeln kommen. Das war Alles.

Seit jener Nacht, in welcher er die Dolchwunde in der Hand des Fabrikleiters von Seyboldt und Compagnie verbunden hatte und in welcher, wie ein Gang am nächsten Tage ihn überzeugte, die Zigeuner weiter gezogen waren, machte die politische Erregung in der Stadt rasche Fortschritte. Zunächst ging wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus die Kunde von der bevorstehenden festlichen Einholung des Deputirten. [205] Diese Demonstration der Einholung zu verhindern, war man außer Stande. „Wie aber wäre es,“ fragten sich die Mitglieder der Union, „wenn man zur nämlichen Stunde, da jene stattfinden sollte, eine Loyalitätskundgebung vom Stapel laufen ließe, etwa in einer der Kiefernlichtungen auf den jenseitigen Bergen? Wenn man diese zu einem Volksfeste gestaltete, die Tafel dieses Festes mit allen Genüssen reich besetzte, wie sie das Volk liebt?“ Man hatte Geld genug zur Verfügung, um es mit vollen Händen wegzuwerfen.

Die Idee ward mit Begeisterung aufgenommen, und die städtische Behörde genehmigte unbedenklich die Ausführung, halb und halb wider Erwarten. Sie konnte, wenn sie der Gegenpartei eine Gunst hätte erzeigen wollen, sehr leicht geltend machen, daß eine gleichzeitige Mobilisirung der beiderseitigen Truppen die Furcht vor Zusammenstößen nahe legen mußte. Aber das geschah nicht. Die Union wiederhallte von Jubel, und in den Fabriken begannen die nachdrücklichsten Werbungen der Geldfürsten.

In der Bürgerschaft waren die Wirthshäuser die Schauplätze heftiger Redekämpfe, welche in einzelnen Fällen selbst mit Thätlichkeiten endigten. In einem Wirthshause der Uferstraße zerschlug ein Färber die Scheibe vor dem Bilde des Abgeordneten, welches an der Wand hing, zog kaltblütig das Papier hervor, rollte es zusammen und zündete sich die Pfeife damit an; ein paar Minuten später lag er mit blutendem Kopfe auf der Straße und entging nur mit Mühe dem Schicksale, in den Fluß geworfen zu werden. Doch blieben dergleichen Fälle vereinzelt. Im Ganzen zeigte es sich, daß weitaus der größte Theil der Bürgerschaft zur Volkspartei gehörte. Bis in die niedersten Schichten konnte man über die Regierung schelten hören, und in den drastischsten Ausdrücken; die Handwerker würzten ihre Frühstückspausen mit heftigen Protesten gegen den Absolutismus, die Verletzung der Volksrechte, das Schergenthum, das fürstendienerische Ministerium.

Allmählich aber drangen ganz eigenthümliche Gerüchte in das Volk. Man nahm wahr, daß zwischen gewissen Leuten ein Geheimniß webte. In einzelnen Familien, bei denen man dergleichen nie bemerkt, tauchten Waffen auf, vielfach alte Schaustücke, aber für ihren Zweck immerhin noch brauchbar.

Und der Volksmund sagte: „Es geht los!“

Niemand gab bestimmte Anhaltspunkte, verbürgende Thatsachen für diese Ansicht wenn er gefragt wurde, und doch bildete sich mehr und mehr auch außerhalb des Kreises, welcher in den Plan Urban’s eingeweiht war, diese Ansicht zur Ueberzeugung heraus. Die Gewißheit kam, man wußte nicht wie; sie mußte in der Luft liegen, durch die Schlüssellöcher, die Ritzen der Thüren und Fenster eindringen, die Leute anfliegen wie die geheimnißvollen Keime einer Epidemie.

Die Häupter der Demagogie stutzten und schüttelten die Köpfe, aber dann beruhigte man sich. Der Revolutionsgedanke lag im Volke und vermischte sich, wie es schien, unwillkürlich mit dem Plane der Demonstration. Karl Hornemann selbst sprach es zuletzt aus, daß hier nur ein Mißverständniß auf seiten der Elemente vorliegen könne, welche der Agitation noch fern standen, wenn nicht etwa die Gegenpartei ihre Hand im Spiele hatte und jene Gerüchte auf böswillige Aussprengung zurückzuführen waren. Zum Ueberfluß beschloß man, die Getreuen zu warnen und zum Ersticken der verkehrten Auffassung der Sache aufzufordern, soweit sie das vermochten.

Man begegnete einem verständnißvollen Lächeln, das etwas Seltsames an sich hatte, und der unverzüglichen Zusage, und da man das erstere nicht zu deuten wußte, so hielt man sich an die zweite und gab sich zufrieden.

Urban triumphirte. Bis jetzt war alle Aussicht zum Gelingen seines keck angelegten Unternehmens vorhanden. Er arbeitete rastlos; er grübelte und zeichnete, um seine Dispositionen bis in's Kleinste fertig zu haben. Es war ein Riesenwerk, das er schuf, ohne jede Hülfe, und er mußte es schaffen, denn eine einzige wesentliche Lücke, in welche die Verwirrung einbrechen konnte, drohte Verderben für das Gelingen des Ganzen.

Und er war doch zugleich auch nach einer andern Seite hin thätig. Der Fabrikleiter Bandmüller hatte nach seinem Abenteuer nur kurze Zeit am Wundfieber darnieder gelegen; dann war seine Genesung rasch vorwärts geschritten. Er[5] besuchte wieder die Fabrik des Commerzienrathes, dem er über die Entstehung der Wunde ein wohlfeiles Märchen aufgeheftet hatte. Urban erneuerte ihm von Zeit zu Zeit den Verband. Aus der Hand des Letztern empfing er Schriftstücke, die er nach Hause nahm; er brachte andre zugleich mit jenen zurück, deren Beschaffenheit einer sorgfältigen Prüfung unterzogen wurde. Urban wählte einige wenige aus, alles Uebrige wurde den Flammen übergeben, bis jedes einzelne Theilchen zu Asche verglommen war.

Eines Tages erhielt der Doctor einen ganz ungewöhnlichen Besuch: der Polizeicommissar Donner trat in seine Stube. Er blickte den Arzt, der ihn sehr unbefangen begrüßte, mit dem triumphirenden Lächeln eines Mannes an, welcher für den Andern eine große Ueberraschung in der Tasche hat. [206] „Doctor,“ sagte er, nachdem er sich an der scheinbaren Neugier Urban’s eine Weile geweidet, „an Ihnen ist ein Polizeigenie verloren. Jetzt haben wir ihn, und nunmehr, so hoffe ich, soll ihn nichts mehr retten.“

„Ich verstehe Sie nicht. Von wem ist die Rede?“

Statt aller Antwort warf Donner vier Briefe auf den Schreibtisch, sämmtlich Zehren’s Adresse tragend.

„Ah – ich verstehe,“ sagte Urban. „Ein Fischzug auf der Post wahrscheinlich?“

„Lesen Sie! Ich erlaube es Ihnen. Jeder für sich genügt, um ihn mir an’s Messer zu liefern.“

Die Poststempel nannten rheinische Städte als Absendungsorte, aber nur zwei der Briefe waren aus den entsprechenden Orten datirt; mit Chiffren unterzeichnet, enthielten sie statistische Angaben hinter einigen Namen von Ortschaften: Zahlen mit dem Beisatze „Personen“ oder „Comitémittel“, außerdem etwas Text in Geheimschrift. Die zwei anderen Briefe waren durchaus in Geheimschrift abgefaßt.

„Das sind mir böhmische Dörfer,“ sagte der Doctor, nachdem er die Schriftstücke überblickt hatte.

Donner klopfte ihm gnädig lächelnd auf die Schulter. „Etwas Scharfsinn – dann geht es schon. Lesen Sie diese Ueber- und Unterschriften rückwärts!“

„London Circularschreiben, Italienisches Actions-Comité – Paris, Revolutionäre Liga, Abtheilung Deutschland,“ buchstabirte Urban. Er versuchte in der nämlichen Weise auch das Uebrige zu lesen, aber es gelang nicht.

„Verstehen Sie sonst noch etwas?“ fragte er unschuldig.

„Noch nicht,“ erwiderte der Commissar mit Betonung. „Aber ich hoffe gleichwohl dahinter zu kommen. Um ihn verhaften zu dürfen, habe ich vorläufig Material genug. Leider ist er gegenwärtig noch nicht von der Reise zurück, aber ich denke, daß er bei dem Feste nicht fehlen wird, wenn ich ihn nicht schon ein paar Tage vorher unschädlich gemacht habe.“

„Uebereilen Sie sich nicht, Donner! Ich würde in Ihrer Stelle warten, bis er sich eigenhändig um seine politische Unschuld geschrieben hat. Sie müssen diesmal ganz sicher gehen.“

Urban zog, während er dies sprach, wie im Spiel ein Zündhölzchen aus einem vor ihm stehenden Behälter und entzündete die Flamme. Plötzlich raffte er die Briefe zusammen und brachte sie in die Nähe des Brandes. „Wie wäre es?“ lachte er.

„Sind Sie des Teufels?“ schrie der Commissar, sprang mit einem Satze vorwärts und entriß ihm die Papiere, die er eiligst in der Brusttasche barg. „Sie können einmal die schlechten Scherze nicht lassen. Leben Sie wohl!“

Als der Beamte die Thür zugeschlagen, athmete der Doctor tief auf, indem er lose Blättchen beschriebenen Papiers ordnete, welche er im Verlauf des Gesprächs bei Seite geschoben hatte. „Gott sei Dank! Das wäre etwas für diese Spürnase gewesen!“ Dann dachte er einen Augenblick nach und murmelte: „Es ist ein Judasstreich, aber ich muß ihn von ihr trennen, es koste was es wolle! Die Festungen geben Keinen heraus, den sie einmal sicher haben.“ – –

Ein paar Tage nach seinem Wiedereintritt in die Fabrik hatte Bandmüller eine eigenthümliche Besprechung mit dem Commerzienrath Seyboldt.

Der Fabrikant hatte in der Frühe wieder eine seiner bekannten Andachten gehalten, verbunden mit der Ermahnungsrede, in der er den Gehorsam gegen die gottverordnete Obrigkeit mit einer Schärfe und Leidenschaftlichkeit gepredigt hatte, wie seine Leute solche an ihm seit dem vorübergehenden Krankheitsanfalle nicht wieder bemerkt. Als er fertig war, winkte er dem Fabrikleiter, ihm zu folgen. Er führte denselben schweigend in den thaufrischen Garten hinunter.

„Bandmüller,“ sagte er, „der Satan erhebt sein Haupt am hellen Tage, und seine Genossen verlassen die Höhlen und Klüfte und suchen die Sonne auf. Der gottverachtenden Revolution wird Macht gegeben, Triumphe zu feiern. Es soll mich nicht wundern, wenn das Gerücht Recht hat und wir am Vorabend offener Empörung stehen. Wie ist augenblicklich die Stimmung unter meinen Leuten beschaffen? Halten Sie es für nöthig, daß wir zuvor noch eine Scheidung der Schafe von den Böcken vornehmen? Und wieviel Arbeiter würde mich dies kosten?“

Der Fabrikleiter schielte den sichtlich Erregten von der Seite an. Dann zog er die Augenbrauen hoch und schien ein wenig nach Worten zu suchen, während das, was von seinem Gesicht zu sehen war, sich röthete.

„Ich habe traurige Erfahrungen gemacht,“ antwortete er endlich zögernd und mit einer gewissen Salbung im Tone. „Wir werden nichts thun können, denn ich muß leider die Ueberzeugung aussprechen, daß sie allzumal angesäuert sind. Sie lassen sich die Meinung nicht ausreden, daß Ihr Vermögen, Herr Commerzienrath, zum größten Theil ihnen selbst gehöre, und ich fürchte –“

„Was fürchten Sie?“

„Daß die Zeit nahe ist, wo sie ihr vermeintliches Eigenthum fordern werden.“

„Die Revolution? Wird sie kommen? Wissen Sie etwas Positives darüber?“

„Sie wird kommen, bald und schrecklich. Ich besuche nicht umsonst den Wiedenhof; ich habe dort die Ohren offen gehalten.“

„Also wirklich?“ seufzte der Commerzienrath vor sich hin. „Und alle meine Arbeiter verdorben, rettungslos verloren? Es ist nicht möglich.“

„Es ist Thatsache,“ meinte Bandmüller achselzuckend.

„Können Sie mir nähere Angaben machen? Wissen Sie Rath zu schaffen?“

Der Commerzienrath blieb stehen und faßte den Andern beim Rockknopf. Der Fabrikleiter legte die Hände auf dem Rücken zusammen, nagte an der Unterlippe und überlegte einen Augenblick.

„Es giebt zwei Mittel, um Ihr ganzes Eigenthum zu sichern, für deren Erfolg ich bürge. Entweder Sie schwören selber zur Revolution – –“

„Sind Sie verrückt?“ rief der Fabrikant zornig.

„Oder ich thue es für Sie, natürlich nur äußerlich.“

„Was soll das nützen?“

„Ich erinnere mich einer Erzählung meines Großvaters aus der Zeit der Napoleonischen Eroberung,“ meinte Bandmüller zögernd. „Die Stadt, in welcher er wohnte, wurde geplündert, und ein Trupp Franzosen war im Begriff, sein Etablissement in Brand zu stecken. Aber mein Großvater wußte Rath. Er ging zum Obersten und bot demselben das Recht des Mitbesitzes an. Während der notarielle Act aufgesetzt wurde, erschien auf dem Grundstücke meines Großvaters ein Detachement, welches die Brandstifter auseinander jagte und die schärfste Wache hielt. Dieses Opfer hatte die Folge, daß dem klugen Manne während der ganzen Franzosenzeit kein Haar gekrümmt und weiter kein Pfennig genommen wurde.“

Der Commerzienrath lachte höhnisch auf. „Sie sind in der That sehr bescheiden in Ihren Forderungen, mein lieber Bandmüller.“

„Sie müssen mich nicht falsch verstehen,“ beeilte sich dieser zu erläutern. „Geben Sie mir einen kleinen Antheil am Geschäft, ernennen Sie mich zum Compagnon – dann dürfen uns die Schurken nichts anhaben. Ich spiele den Demokraten und eine Krähe hackt eben der andern die Augen nicht aus.“

Er forschte heimlich nach dem Eindruck, den diese Worte auf den alten Herrn machten, und bemerkte, daß er nachdenklich geworden war.

„Es ist gut. Sie können jetzt wieder zu den Leuten gehen,“ sagte der Commerzienrath plötzlich und sah ihn mit den kleinen scharfen Augen durchdringend an. „Ich werde Ihren Vorschlag in Erwägung ziehen.“ Eine kurze Handbewegung bestätigte dem Fabrikleiter, daß er entlassen war.

Das Gesicht Bandmüller’s glänzte. „Es scheint wirklich, daß man es auch mit Solidität zu etwas bringen kann, wenn man die nöthige Grütze im Kopfe hat,“ sprach er vor sich hin, als er sich in gehöriger Entfernung von dem Principal befand. „Aber nur kein gutmüthig-dummes Vertrauen! Ich werde heute noch meine Unterofficiere den Eid der Treue leisten lassen.“

Am Ausgang des Gartens trat ihm Toni entgegen, frisch wie eine thaugebadete Rosenknospe im Aufbrechen; sie nickte ihm freundlich zu, und er blieb plötzlich stehen und küßte ihr die Hand. Sie blickte ihm voller Erstaunen nach und strich sich über die Hand.

„Brr!“ sagte sie; „der schreckliche Bart!“

Gegen Abend schafften Leute ein Bierfaß in die Wohnung Bandmüller’s, der am Flußufer wohnte. Später sammelten sich in derselben nach und nach wohl fünfzehn Männer, lauter bekannte Gesichter aus der Seyboldt’schen Fabrik; auch Sebulon Trimpop [207] kam, aber ohne seinen Collegen, den langen Abraham. Es ging laut und lustig zu in dem kleinen Raume; die hell erleuchteten Fenster flammten im Wiederschein des Wassers drunten; rauhe Kehlen sangen bis über die Mitternacht hinaus, und als eine taumelnde Gestalt nach der andern auf die Straße trat, um den letzten Rest von Besinnung nach Hause zu tragen, blieb nur Einer noch übrig, um sich die Hände zu reiben und verschmitzt zu lächeln – der Fabrikleiter Bandmüller.




13.


Der Sonnabend vor St. Kilian war herangekommen und die Aufregung in der Stadt eine fieberhafte.

Die eine Hälfte der Arbeiter feierte und füllte die Wirthshäuser und Straßen in und vor der Stadt; die andere war beschäftigt, aber nicht in Fabriken oder Werkstätten, sondern daheim, bei der alten Balkenbrücke am menschenbesäeten Rauhenfelde, endlich auf der Kiefernlichtung mit dem pinienartig gewachsenen, weithin sichtbaren Riesenstamme in der Mitte. Diese lag auf dem Berge über’m Flusse drüben, und die Union ließ sie durch Plankenverschläge einzäunen. In der Stadt hatte die Volkspartei mit Bekränzung und Beflaggung der Häuser, mit Vorbereitungen auf eine Illumination, mit Vervollständigung der Rüstungen zu thun. Die Absicht, Tag’s darauf loszuschlagen, wurde von Unvorsichtigen bereits mit einiger Dreistigkeit zur Schau getragen, und die Anfragen dieserhalb bei den Häuptern der Partei, soweit dieselben das Festcomité bildeten, mehrten sich zu deren größter Beunruhigung. Es kam selbst eine vertrauliche Anfrage aus dem braunen Cabinet im Rathhause, in dem das Oberhaupt der Stadt Audienz ertheilte, und Karl Hornemann ließ sich einen Weg dorthin nicht verdrießen, um beschwichtigende Erklärungen abzugeben. Der Triumphbogen war ziemlich fertig; durch die sechs grünbewundenen Säulenpaare drängten die Neugierigen; auf den großen Feuerleitern hantierten noch ein paar Leute mit Guirlanden und Flaggen, welch letztere, wie die meisten Fahnen, welche in der Stadt auf die Straße niederhingen, die verpönten schwarz-roth-goldenen Farben zeigten, zum Aerger Donner’s, der sich mehrmals auf dem Rauhenfelde blicken ließ. Auch die Brücke wurde in wirkungsvoller Weise decorirt.

Ein kecker, rauflustiger Geist beseelte die Masse. Derbe Witzworte, welche weithin belacht wurden, Drohungen gegen mißliebige Personen, namentlich gegen anwesende Polizeibeamte, laut erschallende revolutionäre Gassenhauer belebten das bunte Bild. In der Kleidung der Menge waltete die blaue Blouse entschieden vor; Frauen zeigten sich verhältnißmäßig wenige.

Zuweilen ließ sich einer der Führer sehen; man machte ihnen respectvoll Platz, während ein endloses „Hurrah!“ die Luft erzittern ließ. In solchen Momenten bekam man eine Ahnung von der Summe der Kraft, welche sich hier zusammendrängte. Dieser Menschenhaufe in ameisenartiger Erregung und größter Einmüthigkeit in der äußeren Haltung machte einen beklemmenden Eindruck.

Bei den Vorbereitungen der Union auf dem Berge ging es weniger lebhaft zu. Man zimmerte, rammte Pfähle ein, überspannte Zelte, richtete Kletterbäume auf mit Nadelgrün, Bändern und einem Allerlei von Geschenken auf der Spitze, kurz, bereitete auf's Vollständigste alle Requisiten vor, welche erforderlich sind, um einem Volksfeste die rechte Würze zu geben. Im Hintergrunde war man sogar im Begriffe, die Bestandtheile eines Caroussels zu vereinigen; die abgegriffenen Pferdeköpfe mit den kläglich blickenden Lackaugen ragten mumienhaft unter buntfarbigen Draperien hervor. Hier und da standen Pechtonnen, bestimmt, das Feuerwerk zu verstärken, mit welchem man die Illumination der Volkspartei zu übertrumpfen beschlossen hatte. Flatternde Fahnen, Wimpel, Bänder trugen durchaus das preußische Schwarz-Weiß. Der gewaltige Plankenzaun ging seiner Vollendung entgegen; in einer fertigen Ecke lagerten Fässer und Kisten mit Lebensmitteln in mächtigem Haufen.

Das Clublocal der Union glich einem Taubenschlage; einen sonderlich siegesgewissen Eindruck machten die Gesichter der Aus- und Eingehenden keineswegs, wohl aber lagerten auf mancher Stirn schwere Sorgenwolken. Es war nicht der Einzug des Abgeordneten, der die Stirnen kraus zog und die harten, trüben, giftigen Worte hervorlockte, – es war das Medusenhaupt der Revolution, das seine Schlangen schüttelte.

In allem dem wilden unruhigen Treiben bewegte sich still und feierlich wie ein sinniges Kinderspiel die Sorge um den heiligen Kilian. Der Sacristan stäubte in der Kirche den Purpur-Baldachin aus, unter welchem der hochwürdige Dechant mit dem Allerheiligsten ziehen sollte, und putzte Geräthschaften blank, und die Mütter nähten und bügelten die weißen Kleidchen und suchten die Lockenwickel für die Kleinen, welche mit pochenden Kinderherzen der Herrlichkeit des Kilian’s-Tages gedachten und die Lieder zu Ehren des Schutzpatrons probirten.

Selig sind die Kinder! Aber die Freiheit ist ein Lorbeerreis für Sieger, und der Kampf braucht Männer.

Die Sonne stand bereits tief am westlichen Himmel, über einem blau-schwarzen Streifen Gewölk, welcher den Horizont wie mit einer Mauer besetzte. Durch die schon abgekühlten Straßen schritt Urban, die Lippen zusammengepreßt und die Augen von trotziger Entschlossenheit leuchtend. Seine Stunde war nicht ferne mehr; das Terrain war von nun ab ziemlich frei für ihn, denn die übrigen Großmächte des Wiedenhofes saßen in drei Karossen und fuhren die Chaussee hinauf, um dem Erwarteten entgegenzufahren und erst am nächsten Morgen zugleich mit demselben zurückzukehren. Unter diesen Großmächten befand sich diejenige, welche er am meisten fürchtete: Karl Hornemann.

Er hatte die Boten aus dem Rauhenfelde abgefertigt, und war im Begriffe, Bandmüller aufzusuchen, den er auf die Chaussee, in die Nähe der Schmiede, bestellt hatte.

„Nun?“ fragte er, als er ihn an der bezeichneten Stelle mit ingrimmigem Gesichte antraf, „was giebt’s? Sie sehen ja aus, als wollten Sie Jemandem den Hals umdrehen.“

„Privatangelegenheiten,“ war die durch die Zähne gegebene Erwiderung. Der Zornige besann sich indessen eines Besseren und fügte mit bitterem Lachen hinzu: „Ich habe vorhin eine kleine Auseinandersetzung mit dem Commerzienrath gehabt. Ich hatte neulich die unterthänigste Frechheit, ihm eine Bitte vorzutragen, nicht ohne daß ich ihm eine Gegenleistung anbot – damals vertröstete er mich in hoffnungerweckender Weise – und heute schlägt er mir Alles rundweg ab; ich mag nicht sagen, wie! Wenn ich diese Rechnung mit dem heimtückischen Schleicher ausgleichen werde, dann gnade ihm Gott!“ Er stieß mit dem Fuße einen Stein fort, daß er weit über die Chaussee hinflog.

„Seien Sie nicht so heftig!“ sagte Urban. „Uebrigens bin ich auch der Ansicht, daß das einzig Gute an ihm seine Tochter ist,“ scherzte er.

„Sie ist vorhin hier vorbeigefahren,“ meinte Bandmüller; „der Alte hat sie der Vorsicht halber auf’s Land geschickt, damit morgen ihre Nerven nicht in Gefahr kommen.“

„Wohin denn?“

„In die Erlenfuhrt. Hornemann’s Schwester wohnt seit einiger Zeit dort.“

Urban ließ die Augen unruhig über den Fluß schweifen bis auf den Berg hinauf, wo die schwarz-weißen Fahnen der Union flatterten.

„Bandmüller,“ sagte er, „Sie können mir einen Gefallen thun. Sorgen Sie, daß die Leute heute mit dem letzten Zuge richtig fortkommen! Hier haben Sie Geld. Ich verspüre eine merkwürdige Lust, einen Spaziergang in die Erlenfuhrt zu machen. Wollen Sie?“

Er reichte dem Fabrikleiter ein paar Goldstücke, welche dieser mit einem mißtrauischen Blick auf den Geber in Empfang nahm.

„Wollen Sie Fräulein Toni besuchen?“

„Nicht sowohl Fräulein Toni wie vielleicht Jemand Anderes.“

„Aha! Nun, was die Eisenbahnsache betrifft, so dürfen Sie sich auf mich verlassen. Ein Hurrah! für morgen!“

Urban ging schnellen Schrittes die Chaussee hinunter, an der Schmiede vorüber und weiter.

Es war nicht das erste Mal, daß er in jüngster Zeit diesen Weg gemacht hatte.

Eines Abends war der kleine Herr Pieper bei ihm eingetreten und hatte ihm ein rosenfarbenes Billet mit einer Empfehlung von Fräulein Seyboldt überreicht. Ohne Anrede und Unterschrift sagte ihm dieses Billet, daß Milli Hornemann, wie sie selbst in einem Briefe angezeigt, gar nicht mehr in der Stadt, sondern bei ihrer Verwandten in der Erlenfuhrt wohne. Schreiberin dieses sei daher vorläufig außer Stande, ihr gegebenes Versprechen zu erfüllen. Seitdem hatte der Doctor trotz der riesigen Anstrengungen, [208] die er sich neben seiner Praxis zumuthete, mehr als einmal Zeit zu finden gewußt, um die Erlenfuhrt aufzusuchen. Er war durch die paradiesische Gegend gestrichen, heimlich wie ein Dieb, um das schöne Mädchen zu überraschen; er hatte hinter den Uferbäumen in der Nähe des Hauses Schildwache gestanden, auf einer Felskuppe, welche die Gegend beherrschte, stundenlang gelegen, um das helle, modische Sommerkleid zu erspähen, welches sie von jeder Bewohnerin dieses Landaufenthaltes unterscheiden mußte. Alles umsonst.

Fast widerwillig empfand er, wie ein geheimer Zug, eine unruhige Sehnsucht in ihm zunahm, die ihn in ihre Nähe zwang, sehr verschieden von jenem anfänglichen Gefühl beleidigten Stolzes, das Rechenschaft für die demüthigende Enttäuschung, für die plötzliche Entfremdung forderte. Einst, in der Knospenzeit seiner Neigung, hatte er Aehnliches gefühlt, später nie wieder.

Es giebt stolze, selbstbewußte und selbstsüchtige Herrschernaturen unter den Menschen, die nur das lieben, was sie abstößt und was sie nicht zu ihren Füßen zwingen können. Sie bedürfen der Demüthigung, um zu lieben, denn die Liebe fängt mit der Demuth an. War er eine solche Natur? Und geschah es darum, daß jene süße Mischung von Wehmuth und Sehnsucht ihn wieder quälte, wenn er ihr fern war, und daß die Luft in der Erlenfuhrt ihn geheimnißvoll elektrisch berührte, – darum, weil sie ihn verstoßen hatte?

Was ihn in diesem Augenblick gerade zu der abendlichen Wanderung trieb – er hätte es schwerlich zu sagen gewußt. Die Worte Bandmüller’s hatten bewirkt, daß aus dem dumpfen Gewirr ganz anderer Interessen und Ideengänge plötzlich die farbenglänzenden Gestalten der beiden Mädchen vor seiner Phantasie auftauchten und je lebhafter er sie vor sich sah, desto mehr zerfloß das Uebrige in formlosen Nebel. Ihm schwebte eine dunkle Hoffnung vor, daß das lebenslustige junge Mädchen die Freundin in’s Freie locken und außergewöhnlich lange im Freien halten würde.

Sein Herz brannte leise. Hinter ihm ging der Mond auf; als er sich umwandte, sah er ihn wie eine große Goldorange auf dem Berge liegen. Der dunkelnde Höhenzug spiegelte sich schwarz in dem Flusse, nur ein schmaler Streifen Wassers war mit den stillen himmlischen Sternen wie mit Feuerfunken besät. Dann und wann sprang ein Fisch aus der Fluth oder flatterte eine Fledermaus lautlosen Fluges durch seinen Gesichtskreis.

Die Erlenfuhrt, von der die Rede ist, bestand nur aus einigen wenigen Häusern: ein paar Bauernwirthschaften, einem kleinen Hammerwerke, sowie einem sehr primitiv eingerichteten Gasthause. Die wohlhabendste der Bauernwirthschaften war es, in welche die Schwester des Pascha sich zurückgezogen hatte. Die Lage dieser Niederlassung, auf dem rechten Flußufer, war von hohem Reize. Gärten lagen zwischen den Häusern und dem Wasser; die kleine Thalausweitung strotzte von Ueppigkeit. Unterhalb des Ortes unterbrach eine Felspartie den ruhigen Lauf des Flusses; schroffe, ausgewaschene Schiefermassen stiegen an beiden Ufern empor, und in mächtigem Sturze sauste die Wassermenge polternd und zischend in eine ziemlich bedeutende Tiefe nieder, um, aus einem Schaumstrudel auftauchend, sich allmählich zu beruhigen und friedlich weiter zu fließen. Vielklippig ragte es aus dem Falle empor, feuchtglänzend und dunkel starrte das zerrissene Ufergestein, in dessen Klüften sich Moose und Farrnbüschel angesiedelt hatten. Ueber dem Kessel schnitt die kleine Wasserschwalbe durch die Luft und flog der schillernde Eisvogel herüber und hinüber.

Noch weiter unten, wo die Schiefermassen sich in das Thalniveau hinabsenkten, führte eine breite Holzbrücke über den Fluß. Die Chaussee umging die Erlenfuhrt und ihre Felsen und lief am Fuße des steil abfallenden Bergzuges hin, der den Hintergrund des Bildes ausmachte, aber ein Fahrweg zweigte sich nach der Brücke ab und setzte sich auf dem linken Ufer fort, wo er alsbald im dichten Gehölz verschwand. Dort wuchs zwischen dem saftgrünen Buchengebüsch die zartglänzende Stechpalme und rankte das wilde Geisblatt mit den großen, süßduftenden Blüthen. Und wenn die heiße Sommersonne in die Blätter schien, schwärmte und summte es in den Büschen, und die Grasmücken und Finken schlugen, und die Meisen zwitscherten. Sie war eines Besuches wohl werth, diese Landschaft in der Nähe der staubigen, dampfenden, lärmenden Fabrikstadt.

Es war noch heller Tag, als Toni Seyboldt, von Johannes mit den muthigen Apfelschimmeln gefahren, in der Erlenfuhrt anlangte. Der Wagen bog in das Gehöft; die Hunde bellten; die Hähne krähten, und in der Hausthür stand die schöne, ernste Freundin und empfing die kleine Sylphe, die ihr schon aus dem Wagen Kußhände zuwarf.

„Wie Du blaß aussiehst!“ sagte diese besorgt. „Freilich, wenn man solche Dinge erlebt wie Du, wird man in alle Ewigkeit keine Landpomeranze. Ich hoffe, daß Du mich wenigstens durch eine kleine Ritze in Dein Herz sehen läßt, arme Milli. Was mich betrifft, so kannst Du sicher sein, daß ich Dir eine ganze Bibel voll offenbaren werde. Was hast Du denn die ganze Zeit hier getrieben? Hast Du Tauben und Hühner gefüttert?“

Emilie lächelte trübe. „Es giebt hier nicht viel zu thun für mich; ich habe auch nicht viel Zeit für fremde Arbeit gehabt, denn ich hatte mit mir selber genug zu thun. In der letzten Zeit habe ich doch noch eine andere Beschäftigung gehabt; Du wirst sie nicht errathen: ich habe einen Bären gezähmt!“

Toni blickte sie fragend an.

„Ja, staune immerhin! Einen großen, stattlichen blonden Bären, und rauh und ungeleckt war er genug. Er lebt im Wirthshause, wo er sich, wie ich glaube, meinethalben einquartiert hat: mit einem Worte, es ist ein Freund meines Bruders, der mich hier aufgefunden hat und Harro heißt. Du wirst ihn kennen lernen und dann begreifen, daß mir die Zeit hier nicht lang geworden ist. Er ist jetzt zu den Zigeunern in den Wald hinübergegangen, denn Zigeuner haben wir auch hier, und ein hübsches, wunderliches Geschöpf von Zigeunermädchen ist dabei und eine arme Frau, die im Sterben liegt.“

„Ich kenne das Mädchen, wenigstens glaube ich gewiß, daß es die nämliche ist, die mir und –“

„Und?“

„Mir und dem Doctor Urban prophezeit hat,“ schloß Toni und senkte erröthend die Augen. „Wir müssen nachher auch einmal hinüber gehen,“ sagte sie lebhaft hinzu.

„Ich denke, wir gehen erst in das Haus,“ sagte Milli Hornemann abbrechend.

Sie saßen ein halbes Stündchen in der Idylle des Bauernhauses, mit der Besitzerin, einer freundlichen Matrone, plaudernd, welche die städtische Herkunft nicht verleugnete, und sie tranken dazu Milch, die sie mühsam vor den Fliegenschwärmen schützten. Toni erklärte, daß sie mit Johannes und den Pferden bis zum Abende des folgenden Tages Urlaub habe, wenn nicht bis zu diesem Termine noch eine nachträgliche Verlängerungsbewilligung eingetroffen sein werde. Es sei nämlich, wie ihr Papa gesagt habe, den nächsten Tag über nicht geheuer in der Stadt; Johannes behauptete sogar, es werde eine Revolution geben, aber Papa hätte gemeint, das sei gar nicht wahr, es würden nur zwei Volksfeste gefeiert.

„Zwei Volksfeste? Ich weiß nur um eines,“ sprach Milli, und ihre Augen begannen zu glänzen, „bei welchem Karl, mein Bruder, an der Spitze stehen wird.“

„Nein, ganz gewiß zwei, nämlich noch eines, wobei Papa mitwirkt, mit den schwarz-weißen Fahnen der Union. Wenn ich morgen Abend zurückfahren muß, solltest Du mich eigentlich begleiten, Milli. Es giebt Illumination und Feuerwerk zu gleicher Zeit.“

„Einen Augenblick Geduld!“ sagte Milli Hornemann, indem sie hastig aufstand und die Stube verließ. „Eine Revolution – es ist möglich,“ murmelte sie draußen, und ihr Herz klopfte heftig. „Karl vielleicht auf den Barrikaden und alle die tapferen Herzen neben ihm, und ich –!“

Ihr Antlitz verfinsterte sich, und ihre Lippen preßten sich fest aufeinander; sie war auf dem Wege zu dem Kutscher, der im Stalle den Pferden Hafer vorschüttete. Aber wenn sie gehofft hatte, von diesem etwas Bestimmtes zu erfahren, so sah sie sich getäuscht; er kannte nur das Leutegerede, den heftigen Zwiespalt und die Aufregung in der Stadt. Gleichwohl kehrte sie lebhaft bewegt und mit stolzerer Haltung in die Stube zurück, und sie hing mehr ihren Gedanken nach, als daß sie auf das Gespräch Acht gab. [221] Toni hielt es nicht lange mehr im Zimmer aus; sie wollte die Gegend sehen und die Abendluft des Thales athmen. Die Mädchen nahmen die Hüte und gingen in den Obstgarten hinaus und zum Flusse hinunter. Am Wasser standen altersgraue Weiden, hohl und wie ausgebrannt, nahe bei einander. Die Fluth murmelte leise in den Unterspülungen des Ufers, und in träumerischer Ruhe lag ein nicht eben großer Kahn vor den Augen des Commerzienrathkindes, mit der Kette an einen Pfahl geschlungen. Das Ruder befand sich auf dem Grunde desselben.

Toni klatschte in die Hände. „Ein Kahn! Wir müssen einmal fahren, Milli. Kannst Du nicht das Ruder führen?“

„Ich kann es wohl, liebes Herz, aber die Strömung ist wegen des nahen Wasserfalles stärker, als die ruhige Fläche glauben läßt. Vielleicht leiht uns mein neuer Freund Harro später seinen starken Arm dazu. Es ist geisterhaft schön hier unten gewesen in den letzten Nächten, wo der Mond auf das Wasser schien und die Nachtigall im Busche drüben sang.“

„Hast Du denn Mondscheinspazierfahrten mit Deinem neuen Freunde gemacht?“ fragte Toni.

„Nein, kleine Unschuld,“ lächelte die Begleiterin. „Ich habe sie mutterseelenallein gemacht. – Für mein armes Bischen Leben übernehme ich die Verantwortung schon, aber für Dich nicht, wenigstens nicht allein.“

„Ich bin doch neugierig auf diesen Harro oder wie er heißt. Gefällt er Dir denn? Und ist er wirklich so stark? Was treibt er eigentlich, und wie kommt er hierher? Gehört er zu den Schwarzen oder Braunen oder Blonden?“

„Sieh' ihn Dir an, mein Engel! Wenn Du klettern kannst, so steigen wir auf die Felsen und sehen, ob er kommt.“

Sie stiegen wirklich die Felsen hinauf, einen schmalen, beschwerlichen Schlangenweg, im Dufte der Bergflechten und des wilden Thymians. Als sie auf dem Gipfel zwischen Klippen und Blöcken standen, lag der Berg im röthlichen Glanze der sinkenden Sonne zu ihren Füßen, und weiterhin streckte sich der Thalwinkel, mit weidenden Kühen, lief unten, und ein paar heimkehrenden Arbeitern und Weibern.

„Da,“ sagte Toni plötzlich überrascht und deutete zum Flusse hinüber. „Das ist ein Zigeuner.“

Auf dem jenseitigen Ufer, den Wald im Rücken, stand in der That ein Mensch, wie es schien mit einem Angelstocke in der Hand, und seine Tracht verrieth den Zigeuner. Er blieb regungslos wie eine Bildsäule.

„Sie treiben viel Fischfang, und wie Harro sagt, mit merkwürdigem Geschicke. Der da unten ist der Bruder Deines Zigeunermädchens. Uebrigens sehe ich Harro nirgends; er bleibt länger als sonst aus.“

Sie senkte die Augen, als sie das Zigeunermädchen nannte, und zuletzt schritt sie abgewandt zwischen dem Gesteine hin in der Richtung, in welcher der Fluß lag; nur einen Moment blickte sie über die Schulter zurück und winkte der Freundin, ihr zu folgen. Kurz darauf standen sie bei einer zerrissenen Klippenwand und blickten mit leisem Schauer in den brausenden, schäumenden Kessel nieder. Ein Lufthauch, der zu ihnen herauf drang, wehte sie feucht an.

„Das ist schön,“ flüsterte Toni.

„Schön und schauerlich,“ meinte ihre Gefährtin. „Die Leute erzählen sich, daß ein unvorsichtiger Knecht eines Tages mit dem Kahne von der Fluth überwältigt und mit hinabgestürzt worden sei. Die wüthenden Wasser haben ihn gegen einen der Zacken da geschleudert, und bei der Brücke hat man die Leiche und die Kahntrümmer aufgefischt.“

Toni schloß die Augen. „Mich schwindelt,“ sprach sie, den Kopf abwendend und mit der kleinen Hand fest einen Vorsprung umklammernd, „laß uns gehen! Vielleicht können wir auf der andern Seite dort hinunterklettern. Führt da kein Weg?“

„Ah, dort kommt Harro, und er schwenkt den Hut zum Zeichen, daß er uns gesehen hat. Bleiben wir hier!“

„Also das ist er?“ sagte Toni vor sich hin. „Und er ist wirklich nur Deinetwegen hier, Milli? Liebt er Dich denn etwa auch? Oder weiß er am Ende gar nicht, daß Du bald heirathen wirst?“

Emilie antwortete nicht. Sie setzte sich auf einen Steinblock und blickte feuchten Auges in die Abendluft, während Toni sich zu ihren Füßen kauerte und ihr unverwandt in das schöne, verklärte Gesicht sah.

„Toms liebte Mieken, mein Schatz. ‚Es ist eine alte Geschichte, doch bleibt sie ewig neu, und wem sie just passiret, dem bricht das Herz entzwei.‘ Das ist richtig, ausgenommen den Schluß, denn ein Herz kann viel mehr vertragen, als die meisten Menschen glauben. Ich habe viel gelernt, seit ich in dieser Einsamkeit wohne, und es war eine schwere Lection, die mir gar nicht in den Kopf wollte. Das Herz ist ein Weib, ein armes, schwankendes, launenhaftes, leicht verführtes Weib, das gern den Herrn im Hause spielen möchte und nicht das Zeug dazu hat. [222] Es ist ein Unglück, daß der Mann, der Herr Verstand, sich so leicht unter den Pantoffel fügt, wenn das Herz weint und sich in Krämpfen windet; er ist wie alle Männer und kann keine Frauenthränen vertragen. Weißt Du, mein Kind, warum das Herz die Herrschaft nicht haben darf? Ich will es Dir sagen: weil es die höchste Macht über Allem niemals begreifen wird, das ‚Muß‘. Das ist der große König der Welt; das ist Gott selber. Am Nordpol steht ein Eisberg, der in die Wolken ragt; seine Wände sind steil und spiegelglatt, und die Seufzer und Wünsche versuchen alle Tage in Schaaren aufwärts zu klimmen, und heiße Gebete aus angstgepeinigten Herzen quälen sich ab, um das Eis zu schmelzen – Alles umsonst; es geht nicht. Oben thront in ungestörter Ruhe der hehre Gott, die Strahlenkrone blutigen Nordlichtscheins um das Haupt; er hört nichts; er sieht nichts, aber sein Mund murmelt unablässig die strengen Gesetze des Weltlaufes, und wer das Ohr geschärft hat, vernimmt sie, und wer sich unter sie beugt, der ist glücklich. – Glücklich!“ wiederholte sie für sich, und in ihrer Stimme bebte mühsam verhaltene Empfindung. „Das Herz meint immer, es könne allein beglücken, aber es ist ein dummes, gedankenloses Glück, und ein Wort des Allmächtigen auf dem Throne im fernsten Norden schlägt es in Trümmer.“

Toni hatte nachdenklich zugehört und begann wie mechanisch Feldnelken, Scabiosen und Glockenblumen, die in der Nähe standen, zu einem Strauß zusammenzupflücken. „Ich verstehe aus alledem doch nur, daß Du unglücklich bist, arme Milli,“ sagte sie.

Emilie schüttelte langsam den Kopf. „Nicht unglücklich, – nur noch nicht ganz glücklich. Es ist so schwer, das zu werden, besonders für uns Frauen. Ich wollte, ich wäre ein Mann, ein so kraftvoller, willensfreudiger, gewaltiger Mann wie dieser Harro.“ Sie schwieg einen Moment; dann warf sie einen scheuen Seitenblick auf Toni und fragte leichthin: „Bist Du in jüngster Zeit öfter mit Urban zusammengekommen? Wie benimmt er sich denn? Du wirst begreifen, daß er meinem Herzen nicht mit einem Male fremd geworden ist.“

„Ich finde ihn nicht sehr verändert, aber er wird sich wohl etwas verstellen. Ich glaube, er ist doch recht unglücklich. Er möchte gar zu gern noch einmal mit Dir reden.“

„Gott behüte ihn und mich davor!“ sagte Emilie.

Der Friese kam den Weg herauf, den Hut in der Hand und die Stirne mit einem Tuche trocknend. Der wunderliche Zufall hatte ihn wirklich mit der Schwester des Freundes zusammengeführt, und der ruhelose Feuerkopf hatte sich von der Erscheinung des schönen Mädchens an das stille, dürftige Wirthshaus zur Erlenfuhrt binden lassen, da er bei ihr ein so merkwürdiges Verständniß für seine Ideen und Bestrebungen fand. Er war bald der tägliche Gast in dem Bauernhause, das sie beherbergte, und wenn er einmal eine Viertelstunde weit in’s Land gegangen war, dann fühlte er es wie Blei an seinen wanderlustigen Füßen hängen und kehrte tiefsinnig in seine Herberge zurück. „Unsere Sache ist ohnehin noch nicht reif, und die Polizei wird sich auch nicht grämen, wenn ich ihr ein paar Wochen lang aus den Augen gehe,“ so entschuldigte er sich vor sich selber.

Er begrüßte die Mädchen mit Lebhaftigkeit und ließ Emilie kaum Zeit, ihm Toni vorzustellen. „Wissen Sie auch, liebes Fräulein, daß die Alte – sie ist übrigens noch in den Dreißigern – diese Nacht schwerlich überleben wird?“

„Was macht denn die Junge?“ fragte Toni.

„Sie briet eben einen Igel am Spieß und weinte dazu, wie ich wegging. Ich hätte gar nicht geglaubt, daß diese Heiden soviel Gefühl haben.“ Er sagte das ganz ernsthaft.

Man stieg den Berg hinunter. Der Himmel glomm seltsam, und der Rauch quoll schwer und träge aus den Schornsteinen der verstreuten Häuser; das Tosen des Wasserfalles, in welches sich das Zirpen der Grillen fast auflöste, klang deutlich und scharf durch die feuchte Luft. Harro fuhr, sich bückend, mit der Hand über das thauige Moos am Boden und prophezeite Regen.

Vor dem Bauernhause trennte er sich von den Mädchen; er müsse einen langen Brief schreiben, den anderen Tages in der Frühe der Postbote mitnehmen solle. Toni stieß die Freundin heimlich an und erinnerte sie halblaut an die versprochene Kahnfahrt, und der Friese, der die Worte verstanden, ließ sich Auskunft darüber geben, um was es sich handle. Er versprach dann seinerseits, nach etwa anderthalb Stunde an den Fluß zu kommen, wo er die Mädchen erwarten wolle.

Aus der Dämmerung blühte die Nacht auf. Wie ein schwarzer Zaun ragten die Uferweiden vor dem Flusse auf, als die beiden Freundinnen durch den Garten zum Kahne hinunter schritten. Die Nachtigall schlug wirklich in den Büschen des anderen Ufers schmelzend und schmetternd; das Rauschen des Falles klang hier entfernter und sanfter. Glühwürmchen saßen wie Feuerfunken im feuchten Grase, durch das ihr Fuß wandelte.

Toni stieß einen Laut der Ueberraschung aus: „dort ist er,“ sagte sie. „Er ist pünktlich.“

Es war ihr gewesen, als hätte sich zwischen den Weiden etwas bewegt. Aber sie mußte sich wohl getäuscht haben, denn als sie schärfer zusah, konnte sie nichts gewahren, als die dicken, dunklen Weidenstämme, zwischen denen der Fluß im Mondlicht glänzte, und als sie nahe heran kamen, war die Stelle des Ufers, bei welcher der Kahn lag, völlig leer und das Fahrzeug lag träge und unbewegt.

„Wir wollen einsteigen und es uns einstweilen bequem machen,“ meinte Toni halblaut. „Weißt Du auch, daß es mir ordentlich ängstlich zu Muthe ist? Ich bin so wenig an solch eine Einsamkeit gewöhnt.“

Milli Hornemann stieg voraus. „Jetzt werde ich Dich losbinden,“ scherzte Toni und wickelte die klirrende Kette vom Pfahle; „Du sollst einmal zeigen, ob Du wirklich allein den Kahn regieren kannst.“

Plötzlich hielt sie inne; es raschelte neben ihr, und sie vernahm einen festen Schritt. „Ach, Herr Harro, Sie wollten uns überraschen,“ sagte sie, sich aufrichtend, und sie fühlte ihr Herz bis in die Schläfe hinauf klopfen.

Ein Mann stand vor ihr, aber der erste Blick sagte ihr, daß es nicht Harro war. Sie fühlte eine kräftige Hand die ihre erfassen und sah mit einem Male die blitzenden Augen Urban’s dicht vor ihrem Gesicht. „Warten Sie ein Weilchen hier, Fräulein Toni – ich flehe Sie an,“ raunte er in tiefer Erregung. Und blitzschnell sprang er in den Kahn, der heftig schwankend mit dem Paare in das Wasser hinausflog, während die Kette sich mit heftigem Rucke vollends vom Pfahle löste und über den Boden schleifend in’s Wasser fiel.

Alles das war das Werk eines Augenblicks. Toni war mit tiefem Entsetzen in die Kniee gesunken und starrte wie gelähmt auf das Fahrzeug. Ein breiter, krauser, glitzernder Wellenstreif zog sich von demselben bis zum Ufer.

„Mein Gott, nun bin ich ganz allein,“ murmelte sie endlich. „Er läßt nicht von ihr, und ich habe ihn doch so lieb, so lieb.“ Und ihr armes junges Herz zog sich schmerzhaft zusammen, daß sie die Hand auf die Brust drücken mußte, so fest, daß sie meinte, es könne sich gar nichts mehr regen und bewegen in der Brust da drinnen.

Urban ergriff das Ruder und sagte nur: „Guten Abend, Milli!“ Dann nahm er am Ende des Kahnes Platz und begann mit aller Macht zu rudern, daß das Wasser in tiefen Strudeln gurgelte und die funkelnden Tropfen streifenweise in die Luft flogen.

„Heinrich – Herr Doctor –“ stieß das junge Mädchen angstvoll hervor und machte vergebliche Versuche, sich von ihrem Platze zu bewegen, „fahren Sie mich zum Ufer zurück! Was wollen Sie von mir – wer giebt Ihnen das Recht – –?“

Das Geräusch des Wassers und die klatschenden, rasch sich folgenden Ruderschläge verschlangen die Hälfte ihrer Worte; sie schlug endlich die Hände vor das Gesicht und ließ den Gewaltthätigen gewähren. Pfeilschnell schoß das Gefährt bis in die Mitte des Flusses, und hier hielt Urban plötzlich inne, richtete sich mit tiefem Athemzuge auf und blickte, auf das Ruder gestemmt, zu der regungslos zusammengekauerten Mädchengestalt am entgegengesetzten Kahnende hinüber.

„Jetzt bist Du meine Gefangene, Du Schöne, Stolze, Treulose, und kein Gott noch Dämon rettet Dich aus meiner Hand, wenn ich Dich nicht freigebe,“ sagte er mit tiefer Stimme, aus der es wie unterdrücktes Jauchzen klang. „Mein Stern hat mich geführt; der Einfall, heute noch in Dein Patmos zu dringen, ist vom Himmel in meine Seele gefallen wie der Thau, der die Erde netzt, und ich will den glücklichen Augenblick nützen und den letzten Tropfen aus ihm herauspressen. „Vergieb mir, Milli!“ [223] fügte er weicher hinzu. „Ich habe heute Abend das volle Gefühl gehabt, daß ich unselig bin ohne Dich, daß mein Leben eine lechzende Wüstenwanderung sein würde, wenn ich Deine wunderbaren Augen nicht sehen, Deine königliche Gestalt nicht zuweilen umschlingen darf. Warum hast Du mich von Dir gestoßen wie einen Stein, den man aus dem Wege räumt? Hast Du mich nie geliebt? Ich frage Dich das Eine nur: hast Du mich nie geliebt?“

Sie hob das Gesicht empor, auf welches der volle Mondenglanz fiel, und es sah herb und kalt aus. „Du weißt das so gut wie ich,“ erwiderte sie mühsam athmend; „welchen Nutzen soll es haben, die Geister von Todten zu beschwören, die nie wieder Blut und Leben haben werden? Nie wieder! Hörst Du wohl? Eher werden die Berge hier sich über den Fluß neigen und einander küssen, ehe unsere Lippen einander wieder begegnen.“

„Warum? Bei allen Heiligen warum? Mache mir das begreiflich, überzeuge mich von der Nothwendigkeit! Vielleicht, daß Du eine solche siehst, wo gar keine vorhanden ist. Mein Kopf ist erfinderisch; ich will Tag und Nacht brüten, ich will Himmel und Hölle in Bewegung setzen, um einen Ausweg für Dich zu ersinnen; vielleicht auch, daß ich einsehe, es mußte so kommen, wie es gekommen ist – dieses gespensterhafte, formlose Ungewisse, das mich von Dir trennen soll.“

Sie schwieg.

Er trat in die Mitte des Kahns, ohne Notiz davon zu nehmen, daß das Fahrzeug in bedrohliches Schwanken gerieth.

„Mädchen,“ fuhr er leidenschaftlicher fort, „Du mußt reden; ich habe ein Recht, es zu verlangen. Ich habe mir Dein Vertrauen erkauft und gezeigt, daß ich zu jedem Opfer für Dich bereit war. Um Deinetwillen habe ich einen Gewaltstreich nicht gescheut, der mich meinen besten Freund, meine liebsten Pläne und wahrscheinlich mehr noch gekostet haben würde –“

„Um meinetwillen?“ fragte sie langsam. „Das ist bitter.“

„Klaube nicht an Worten!“ fiel er ein. „Du siehst selber ein, daß ich nicht die Absicht haben kann, Dich zu beleidigen. Aber ich will Klarheit, Klarheit um jeden Preis. Willst Du sie mir geben?“

„Nein,“ sagte sie nach einer Pause. „Ich darf nicht. Ich bitte, daß Du diese peinliche Unterredung abschneidest, welche Du zu erzwingen rücksichtslos genug gewesen bist. Ich muß die Liebe zu Dir ausrotten, Wurzel für Wurzel. Laß mir wenigstens die Achtung vor Dir!“

„Milli,“ schrie er auf und sank im Kahne nieder, und mit dumpfer Stimme fügte er hinzu: „Habe Mitleid, tritt mich nicht mit Füßen! Ich bin ein hochmüthiger Mensch, und ich weiß das; es kann sich Niemand rühmen, mich gebeugt zu haben. Aber in dieser Stunde – nun gut, in dieser Stunde will ich Alles ertragen, so lange ich noch einen Funken von Hoffnung habe. Laß mich alle Qualen aus Dante's Hölle kosten, Alles, was die Inquisition ersonnen hat, um einem Menschen die Erde zu verleiden – aber sei wieder mein! Laß uns weit von hier gehen, wohin keine Kunde von diesem Erdenwinkel dringt! Meine Wissenschaft ernährt uns, und wir wollen uns tagtäglich vormalen, wie glücklich die Menschen hier ohne uns sind, bis wir beide daran glauben. Du rettest eine Seele. Es wohnen böse Geister in mir, halb Schlangen, halb Skorpionen, und sie haben zu schwärmen angefangen, seit Deine süße Stimme sie nicht mehr bannt: werde mein Weib, und der Himmel hat einen Bürger mehr. Willst Du, Milli, Geliebte?“

Sie stöhnte aus tiefster Brust; ihre Augen brannten, und um ihren Mund zuckte es wie verborgenes Weinen. „Allmächtiger, was muß ich ertragen!“ sagte sie, und „Nein!“ fuhr sie auf, sich zu voller Höhe emporrichtend. „Hast Du denn kein Erbarmen mit mir? Begreifst Du nicht, daß ich nur thue, was ich thun muß? Glaubst Du nicht, daß mein Herz, zerrissen und blutend, mich mehr verklagt hat, als Du es kannst, und bedarf es noch eines Fingers, der mit Wollust in den Wunden wühlt? Fahr' mich an's Land! Mir ist elend zum Sterben.“

Er sprang auf, noch immer das Ruder in der Hand. Der Kahn bewegte sich auch ungetrieben vorwärts, von der Strömung getragen, und das Rauschen des Wasserfalles kam langsam näher.

„Sterben,“ wiederholte er langsam und nachdenklich; „ein schöner Gedanke! Was meinst Du dazu, mein eigensinniger Engel? Wenn ein schlechter Erzähler in der Geschwindigkeit den Knoten nicht zu lösen weiß, dann läßt er den deus ex machina erscheinen mit dem durchsichtigen Knochenleibe und der Hippe und zerschlägt ihm das Stundenglas, damit er glauben soll, es sei abgelaufen. Hörst Du es dort branden? Wie, wenn das die Wellen der Ewigkeit wären, welche an das Ufer des Diesseits schlagen? Wir fahren langsam, um einander geschlungen, näher und näher – kein Laut, kein Sträuben – und das unersättliche Jenseits hat wieder ein Stückchen Diesseits verschluckt. Wie? Es wäre wahrhaftig nicht der schlechteste Bissen.“

„Heinrich, Du bist wahnsinnig. Gieb mir das Ruder!“

Sie stieg rasch über einen Sitz und griff nach dem Werkzeuge, um es ihm zu entreißen, aber er hielt es hinter den Rücken, weit von sich ab.

„Wahnsinnig?“ fragte er, die Zähne zusammen beißend. „Das ist ein ganz unzutreffender Ausdruck, Mädchen. Ich bin entschlossen zum Aeußersten, aber ich habe meine fünf Sinne beisammen. Ich lasse Dich diesem Zehren nicht. Du hast mich bis zur Verzweiflung gereizt, und nun will ich entweder ein Gott sein oder ein Teufel. In beiden Fällen schiert es mich wenig, ob sie morgen zwei Stunden von hier Revolution haben werden oder nicht. Siehst Du das Ruder, Liebchen?“ – und er hielt dasselbe noch hinter sich in die Luft. „Wenn ich es von mir schleudere, ist die Brücke hinter uns abgebrochen, oder es geschieht ein Wunder. Willst Du mein Weib werden – ja oder nein?“

Sie kreuzte die Arme über die Brust. „Jetzt unter keiner Bedingung,“ sagte sie verächtlich.

„Milli“ – seine Stimme klang noch einmal warm und leidenschaftlich – „ja oder nein?“

„Nein!“

„Nun dann –“ rief er außer sich, und das Ruder flog in mächtigem Schwunge weit ab in das aufblitzende Wasser.

„Nun bist Du mein,“ sagte er mit wilder Freude. „Untrennbar, ewig, ohne Rettung.“

„Glaubst Du, Mörder,“ sprach sie. „Es käme auf einen Versuch an.“

Einen Augenblick sah er ihr Antlitz dicht vor sich, daß ihr Athem ihn berührte. Dann schwang sie sich leicht auf das Sitzbrett; er griff nach ihr, aber er faßte in die leere Luft. Wie Schwanengefieder blinkte ihr weißes Kleid über der Wasserfläche – dann schlugen die aufwallenden Wogen über ihr zusammen, während der Kahn, von ihrem Fuße abgestoßen, ein ziemliches Stück seitwärts flog.

„Heiliger Gott!“ schrie Urban, der taumelnd das Gleichgewicht verlor und auf den Boden des Fahrzeugs niedersank.

Er blickte mit gierigen Augen nach der Stelle hinüber, wo sie wieder auf die Oberfläche tauchte. Er hörte nichts von den angstvollen Hülferufen, die vom Ufer her geisterhaft herüberklangen. Er sah nur die weißen Arme einen Moment sich über das Wasser heben und den stolzen Körper sich ruhig bewegen; kein Hasten, kein Ringen – nur ein glattes, gleichmäßiges Schwimmen.

Seine Blicke irrten unsicher umher.

„Sie kann schwimmen,“ sprach er vor sich hin, „und ich werde allein zu Grunde gehen.“

Er beobachtete, wie die Entfernung zwischen ihm und ihr sich vergrößerte und wie sie stoßweise weiter gelangte, und es fiel ihm ein, daß sie die Kunst, welche sie aus seinen Händen rettete, in der Pension gelernt; sie hatte das einmal gelegentlich gegen ihn ausgesprochen.

„Hurrah!“ tönte es vom Ufer her, „nur Muth! Es geht wahrhaftig.“

Urban horchte auf. „Der Friese,“ murmelte er überrascht, „das muß seine Stimme sein. Wie kommt der Mann hierher?“ Eine Combination blitzte in ihm auf: wie, wenn es nicht Zehren war, der ihm Emilie geraubt, sondern der hünenhafte, blondlockige Demagoge? Lag da ein Geheimniß vor, von dessen Existenz er bisher keine Ahnung gehabt?

Er lachte bitter. „Der Eine oder der Andere – gleichviel. In fünf Minuten werde ich Alles oder Nichts wissen.“

Die Strömung riß den Kahn zusehends rascher vorwärts; er hörte das hohle Brüllen des Falles ziemlich nahe und sah deutlich die weißliche Nebelwolke, die über demselben in der Luft schwebte. Er sah auch, daß die dunkle Wand am Horizont hoch aufgestiegen [224] war und sich in Wolkenballen auflöste, deren Ränder das Mondlicht säumte. Abgerissene Töne der Nachtigalltriller klangen aus dem Walde zu ihm herüber.

Er blickte sich nach dem Ruder um, das er weggeworfen hatte; es schwamm weitab seitwärts; die Strömung entführte es nach einer völlig andern Richtung als den Kahn. Dann spähte er an der Linie der Ufer hin und über die glänzende Fläche des Flusses, als ob doch in ihm der Wunsch nach Rettung erwachte, und als er nichts gewahrte, außer daß die Entflohene dem Ufer nahe war, beugte er den Kopf und versank in dumpfes Brüten.

Emilie war in der That in den Schatten der Uferbäume gelangt; ihre Brust keuchte und ihre Kraft war dem Erliegen nahe, aber die Geistesgegenwart hatte sie keinen Moment verlassen. Am Ufer stand Harro und hielt ihr mit begeistertem Zuspruche eine lange Stange entgegen, welche er irgendwo aufgetrieben hatte; sie erfaßte dieselbe mit beiden Händen, und er mußte sie bis zum Rande hin ziehen, denn das Wasser hatte auch hier noch über Mannestiefe. Dann sank er auf die Erde, nahm ihre bloßen Arme und zog sie zu sich hinauf. Einen Moment hielt er das schöne Mädchen, welches todtenblaß war und schwer athmete, an seiner Brust, und ein Schauer durchrieselte den starken Mann bis in's Mark.

„Nun habe ich eine Nixe im Mondscheine schwimmen gesehen,“ sagte er mit heimlichem Jubel. „Aber was ist geschehen? Wer ist der Schuft, der dort in den Tod treibt? Stützen Sie sich auf mich! Wir müssen Ihre arme kleine Freundin aufsuchen; ich glaube, daß sie zehn Minuten von hier im Grase liegt und ohnmächtig ist.“

Emilie hatte ihre Kraft wiedergefunden und drängte ihn ängstlich zurück. „Retten Sie ihn!“ stieß sie hastig hervor, „um Gotteswillen! Sie müssen eine Möglichkeit finden; es ist die höchste Zeit: er darf nicht sterben. Hier unten, hundert Schritt weiter hinter dem Gestrüpp, liegt noch ein Kahn. Ich habe ihn gesehen. Eilen Sie – helfen Sie.“

Der Friese eilte davon, und kurz nachher klang eine Kette in der Richtung des Weidengebüsches, und ein zweiter Kahn glitt pfeilschnell in den Mondschein hinaus. Zugleich rauschten Kleider auf der andern Seite, und kaum im Stande, sich aufrecht zu halten, schwankte Toni herbei und stürzte der Freundin zu Füßen, deren Kniee sie krampfhaft schluchzend umfaßte.

„Milli, er muß ja sterben,“ stöhnte sie, „er wird hinabstürzen wie der Knecht und die Wasser werden sein schönes, edles Gesicht gegen die gräulichen, schwarzen Zacken schleudern daß es zerschmettert wird und daß sie ihn bei der Brücke als Leiche herausziehen. Ach, und ich liebe ihn so sehr, viel mehr als Du, ich habe mir nur nichts davon merken lassen, denn ich weiß, daß ich ihm ganz und gar gleichgültig bin, und daß er nur Dich anbetet, die jetzt gar nichts mehr von ihm wissen will. Jetzt darf ich es Dir sagen, wo ihn die tückischen Wasser schon haben, gegen die er sich gar nicht wehren kann; denn ich habe wohl gesehen, daß er das Ruder von sich geworfen hat. Ach Gott, wenn ich nur beten könnte, aber es liegt mir Blei im Kopfe. Ich glaube es nicht, daß ihn Dein Freund im Kahne dort noch erreichen wird – siehst Du, wie weit sie noch von einander sind, und er hat nur ein kleines Stückchen noch – da – Milli – Milli – –“

Ihre Arme lösten sich schwerfällig von den Knieen der Freundin, und sie sank dieser in tiefer Ohnmacht vor die Füße. Emilie warf nur einen Blick nach dem Falle hin; dann kauerte sie sich auf dem feuchten Boden nieder, die Hände vor das Gesicht drückend und leise ächzend: „Engel des Himmels, steht ihm bei – –“

Urban hatte das Erscheinen des zweiten Kahnes bemerkt; er maß die kurze Strecke Wassers, die ihm noch zu durchmessen blieb, und murmelte: „Vergebliche Mühe!“ Er blickte vorwärts und sah das Wasser pfeilschnell sich bäumen wo es hinter das Profil des Falles tauchte. Sein Gesicht wurde feucht; der Wasserdunst rieselte auf seine Haut.

„Rettung!“ sagte er heiser; „es ist doch kein rechter Grund vorhanden, warum ich jetzt dem Nichts in den Rachen springen soll.“

Er fühlte, wie seine Kehle ausgetrocknet war und wie ein leichter Schauder über ihn kam.

„Ruhig! Nur kaltes Blut behalten!“

Noch eine Secunde.

In dem Dunst vor ihm tauchte zwischen den sich überstürzenden Wassern etwas Dunkles auf und unter; es war eine Klippe. Mit einem heftigen Ruck flog das Fahrzeug dagegen und drehte sich in halber Wendung, und der verlorene Mann im Kahne griff plötzlich, sich hinausbeugend, mit beiden Armen um das Felsstück. Der Kahn schoß unter ihm hinweg, nicht ohne seinen Körper mit sich hinüber zu reißen, und schlug dann im Sturz um. Urban hing einige Augenblicke; er versuchte in die Tiefe zu blicken, um sich zu orientiren, aber Sturzwellen flutheten plötzlich über ihn hinweg und beraubten ihn des Gesichts und des Athems. Eine ungeheure Kraft drängte unablässig gegen ihn und schleuderte seinen Körper herüber und hinüber, wie der Wind ein Stück Wäsche an der Leine. Unter ihm brüllte und zischte es; er vernahm hohle, seltsame Töne, ein melodisches Murmeln und Singen dazwischen, welches die Wirbel in den Klippenhöhlen und Löchern verursachten.

Zuletzt ließ er den Anhaltspunkt fahren, und die Sinne schwanden ihm. –

Der Friese war auf halbem Wege umgekehrt; er hatte alle Kraft vonnöthen um dem Strome Widerstand zu leisten, und landete ein gutes Stück unterhalb des Ausfahrtplatzes. Als er den Kahn wieder an den Pfahl befestigt hatte, nachdem er ihn bis zu demselben stromaufwärts gezogen, stand er ein Weilchen still. Ein heimliches Bangen beschlich ihn vor dem Gedanken, zu den beiden Mädchen zurückzukehren, welche eine so leidenschaftliche Theilnahme an dem Schicksale des Unglücklichen gezeigt hatten, den er nicht hatte retten können. Wer war dieser Mann gewesen, dieser – glückliche Unglückliche? Jetzt erst kam ihm das Räthsel der Scene, deren Ausgang er mit angesehen hatte, zum vollen Bewußtsein: ein einzelner Mann im Kahne, – von den beiden Freundinnen nur die schöne, ernsthafte Milli Hornemann bei ihm, während die andere ohnmächtig am Ufer lag, – endlich sie, deren Brust er noch an der seinigen athmen zu fühlen meinte, deren nixenhaft blasses, schmerzlich flehendes Gesicht er mit heißer Empfindung dicht vor sich sah, wie er zuvor gesehen, sie, die verzweifelte Flucht durch das tückische Element wagend, während der Mann im Kahne ruderlos in den Tod trieb – was hatte das zu bedeuten?

Alles in allem: welch ein Empfang wartete seiner, wenn er wieder vor Milli Hornemann trat?

Der blonde Friese war eine viel zu gesunde Natur, um länger als eine Minute sich vor dem Anblick von Schmerzausbrüchen zu fürchten. Aber eine andere Empfindung hielt länger vor: ein heimliches eifersüchtiges Brennen und Nagen in seiner Brust, die leise Bitterkeit einer Enttäuschung. Die klare, edle Gestalt des jungen Mädchens, die ihn inmitten der Idylle der Erlenfuhrt so frei und harmonisch angemuthet hatte, die er hier gefunden wie eine einsame Sonne unter dunkeln Planeten, war plötzlich mit der Außenwelt verknüpft. Ein Nachtstück menschlichen Lebens forderte sie zu sich; finstere Geister der Leidenschaften hingen sich an ihre Ferse und starrten ihn fratzenhaft an. Während der Zeit ihres gemeinsamen Genießens in der traulichen Einsamkeit dieses Erdenwinkels war es ihm allmählich geworden, als gehörten sie Beide zu einander, als ginge sie die übrige Welt nichts an. Und nun war die Täuschung zerrissen; es gab – vielleicht besser: es hatte einen andern Mann gegeben, mit dem ihre Vergangenheit verknüpft war.

Hatte sie diesen Mann geliebt?

Er dachte einen Augenblick daran, in das Wirthshaus zu gehen und seine Tasche zu packen, um in aller Stille und so schnell wie möglich seine Kometenirrgänge durch die Welt fortzusetzen; er verspürte den Trieb, die ganze Nacht hindurch zu wandern. Aber da durchrieselten ihn wieder die süßen Schauer, die er vorhin empfunden, und erst langsam, dann schneller schritt er hinter den Uferbäumen hin, der Stelle zu, wo er sie verlassen hatte.

Plötzlich fuhr er aus seinem Brüten auf. Er war zuletzt lautlos in weichem Grase gegangen und befand sich kaum zehn Schritte von den Mädchen entfernt. Emilie stützte die todtmatte Toni, welche einen Moment aufschluchzte und dann schwieg, um kurz darauf wieder zu schluchzen. [241] „Mich friert, arme Toni,“ hörte er Emilie sagen; „die nassen Kleider liegen mir wie Eis auf der Haut. Mache Dich stark und laß uns langsam in das Haus gehen! Harro wird im Augenblicke kommen, und er darf uns nicht so schwach sehen.“

Der Friese trat derben Schrittes vor. Toni schreckte zusammen und wandte ihm ihr verstörtes und verweintes Gesicht zu.

„Ach, Herr Harro, nicht wahr, er ist todt, und wir werden ihn nicht wieder sehen?“ fragte sie mit bebender Stimme.

Er zuckte die Achseln. „Der Mann hat eine gefährliche Reise gemacht, Fräulein, wie ich sie nicht antreten würde, ohne zuvor mein Testament vor Notar und Zeugen richtig gestellt zu haben. Es stünde mir schlecht an, Hoffnungen zu erwecken, die ich selbst nicht theile; man muß auf das Schlimmste gefaßt sein. Wer indessen Glück hat, der ist gefeit gegen Alles. Nun dürfen Sie aber in dieser Kleidung keinen Augenblick mehr hier stehen, Fräulein Emilie.“

Er bemerkte, wie sie am ganzen Körper schauderte.

„Wollen Sie mir noch einen Gefallen erzeigen?“ fragte sie mit gezwungener Fassung, während er fühlte, wie ihre Blicke mit forschendem Ernst auf ihm ruhten.

„Ich stehe zu Ihrer Verfügung.“

„So eilen Sie auf dem kürzesten Wege um den Berg und bringen Sie uns Nachricht über das Schicksal des Verunglückten. Sie müssen ihn finden, lebend oder als Leiche.“

„Darf ich mir die Frage erlauben: Wer war dieser Mann?“

„Jetzt nicht,“ drängte sie mit zitternden Lippen; „Sie sollen noch Alles hören.“

„Nun denn, so will ich gehorchen, obwohl ich die moralische Ueberzeugung habe, daß der Mann, wer er auch sei, ein gewissenloser Schurke gewesen ist, der weder Ihrer Klagen noch meiner Mühe werth ist. Wollen Sie mich in einer Stunde noch sehen, auch wenn ich ihn nicht finde?“

„Ja,“ sagte Emilie, „aber lassen Sie uns den Glauben bis dahin, daß Sie ihn finden werden!“

Sie reichte dem Friesen die kalte, feuchte Hand, und er führte sie an seine Lippen.

„Auf Wiedersehen!“

Dann blickte sie ihm mit weitgeöffneten, thränenlosen Augen nach, bis seine hohe, mächtige Gestalt im Schatten verschwand, und nun erst brach ihre künstliche Haltung auf einen Moment zusammen.

„Es ist zu spät, Toni,“ murmelte sie mit erstickter Stimme; „er wird ihn nicht finden. Zerschellt oder ertrunken – die Wasser haben ihn fortgeschwemmt. Du hast ihn nicht allein geliebt, Mädchen. Du kannst ihn nicht so heiß geliebt haben wie ich, denn Du hast nicht das süße Gift seiner Liebesworte getrunken wie ich und Du weißt nichts von seinen Küssen. Todt – Alles aus! Nun brauche ich nicht mehr zu beten: Führe mich nicht in Versuchung! Er konnte der Deinige noch werden, Toni, aber vielleicht ist es gut, daß er es nicht geworden ist, für mich und für Dich. Weißt Du, wer ihn gemordet hat? Ich, ich selber! Ein heuchlerisches Versprechen von meiner Seite, etwas weniger Stolz, etwas mehr Duldsamkeit gegen Zwang, und es war Alles gut. O mein Gott, warum habe ich ihn nicht[WS 3] betrogen oder – nein, mit ihm sterben durfte ich nicht, denn ich will ja mit einem Zehren an den Altar treten. Ich will kämpfen, bis ich auch das Entsetzen dieser Nacht überwunden habe; es muß ja sein – der kalte, herzlose Gott auf dem Eisthrone will es so. Nur darf mich in der nächsten Stunde kein Mann sehen, vor Allem nicht der starke, unbeugsame, der mich hier gefunden hat. Er soll eine Stunde lang fern von uns suchen, und er soll den Glauben behalten, daß ich werth wäre, ein Mann zu sein. Das ist es, warum ich ihn fortgeschickt habe. Komm, Toni!“ – –

Harro war fast bis an den Fuß den Felsens gelangt, von wo er das jenseitige Thal überblicken konnte, aber hier überzeugte er sich, daß sein Gang ohne jedes weitere Hülfsmittel vergeblich sein würde. Das Thal lag dunkel; der Himmel war zur Hälfte schon mit finsterm Gewölk bezogen. In wenigen Minuten flogen die Vorboten desselben bis an den Mond heran. Dann brach mit Nothwendigkeit die volle Dunkelheit herein; wie sollte er da etwas finden ohne Laterne?

Er kehrte um und eilte in’s Wirthshaus zurück. Nur der Wirth war noch munter.

„Kommen Sie mit!“ sprach Harro; „es ist ein Unglück geschehen. Ein Mann ist mit dem Kahne den Fall hinuntergestürzt.“

Sie machten sich auf den Weg, jeder eine Stalllaterne, der Wirth überdies eine Leiter, Harro zwei Stangen tragend. So schritten sie in der Finsterniß um den Berg. Kalte, regendunstige Luft strömte vom Thale her; zur Linken klang das Geräusch des Flusses. Sie suchten lange am Ufer hin und kletterten bis dicht an den Fall. Naß von dem Sprühnebel, meinte endlich der Wirth: „Ich hätte es Ihnen gleich sagen können, daß da von einem Menschen nichts übrig geblieben sein wird, der vor einer halben Stunde herunter gefahren ist. Es wird gleich anfangen zu regnen; ich dächte, daß wir das Suchen aufgäben.“

[242] Harro nickte stumm, konnte es indessen doch nicht unterlassen, auf den Uferweg zu achten, so lange sie die Brücke noch nicht erreicht hatten. Plötzlich stand er still und zeigte mit der Laterne vor sich hin.

„Was ist das?“

Eine Stelle des trockenen, rissigen Weges war in auffallender Weise feucht. Auch der Rasen zwischen ihr und dem Flusse war naß und das Gras zeigte Lagerungen.

„Es wird von den Zigeunern sein,“ meinte der Wirth; „die braunen Teufel legen hier Nachtschnuren und werden sich bei der Gelegenheit eine Bütte voll Wasser mitgenommen haben.“

Sie schritten weiter. Vom Himmel begann in der That ein feiner Regen zu fallen, noch bevor sie das Wirthshaus erreichten; vom Mondschein war keine Spur mehr zu sehen. Harro legte seine Geräthe ab, ließ sich den Schlüssel zur Hausthür geben, die der Wirth nicht zu verriegeln versprach, und begab sich, von dem leisen Knurren der Hofhunde verfolgt, zu den beiden Mädchen.




14.


Es war immerhin seltsam, daß Harro nicht auf den Einfall gekommen war, zu guter Letzt doch noch bei den Zigeunern anzufragen, ob sie das zuweilen so wunderlich spielende Geschick etwa mit dem Unglücksfalle in Beziehung gebracht hatte.

Wer um den ersten Mondschein an der Stelle gewesen wäre, welche der Friese und sein Wirth zuletzt so aufmerksam untersucht, der hätte die Gestalten der beiden Männer, die wir schon von dem Besuche Urban’s und des Fabrikleiters bei den Zigeunern her kennen, gesehen, wie sie fast unhörbar auf den nackten Sohlen den Weg aus dem Walde herauf kamen. Der Alte trug ein Fangnetz auf einer Stange über der Schulter, der junge Mann ein Bündel und eine Holzbütte.

Sie tauschten am Ufer wenige Worte und begannen, in entgegengesetzter Richtung auseinander gehend, ihre Arbeit. Der Jüngere mit der Bütte und dem Fangnetze wandte sich der Brücke zu, indem er von Zeit zu Zeit das Netz in das Wasser tauchte und wieder heraus schnellte; der Alte ging mit dem Bündel dem Wasserfalle näher, entfaltete es und wickelte das Fadenwerk auseinander, worauf er aus einer Stelle des Gebüsches Steine hervorholte und die beschwerten Schnuren eine nach der anderen vorsichtig in die Tiefe warf. Die Arbeit des Letzteren nahm viel Zeit in Anspruch, wenigstens hatte sein Gefährte die seinige viel früher aufgegeben und kam mit seinem Geräth herauf, um zu helfen, als jener noch nicht zur Hälfte fertig war.

„Es lohnt nicht, Vater.“

„Wir hätten die Aalreusen mitnehmen sollen, Michal,“ entgegnete der Alte melancholischen Tones. „Wir haben Holz hier und können dörren für den Winter. Es wird eine dunkle Nacht werden.“

„So holen wir sie hernach noch.“

Der Bursche ging in der That nach einiger Zeit den Fluß hinunter in den Wald, und man konnte ihn noch eine Weile pfeifen hören, während der Alte, im Grase auf dem Rücken liegend, das Heraufziehen der Wolken beobachtete.

Da weckte ihn ein ungewöhnliches Geräusch, wie das eines hart aufschlagenden schweren Gegenstandes, aus seiner bequemen Lage. Wie der Blitz richtete er sich halben Leibes auf und wandte den Kopf nach dem Falle hinüber. Er sah eine dunkle Masse aus dem wogenden Gischt auftauchen, verschwinden und wieder auftauchen, ein Ding, welches so ziemlich einen Kahn darstellte und welches, endlich auf eine ruhigere Oberfläche gelangend, pfeilschnell an ihm vorüber geführt wurde. In demselben Moment erregte etwas Anderes seine Aufmerksamkeit: am Falle oben schwankte zwischen Wasserstürzen eine menschliche Gestalt, welche plötzlich hernieder gerissen wurde, einige Zeit unsichtbar war und dann gleichfalls, wie zuvor der Kahn, im strudelnden Wasser trieb.

Der Zigeuner sprang auf, raffte das Fangnetz vom Boden und rannte, so schnell er konnte, am Ufer hin. Dabei überflog sein Auge den Zug der Strömung, in welcher der Körper schwamm. Mit gewaltigen Sprüngen überholte er denselben und faßte dann ein Stück hinter der Brücke Posto.

Seine Berechnung hatte ihn nicht getäuscht; das menschliche Wesen im Wasser kam hier dem Ufer so nahe, daß er mit dem vorgestreckten Netze im Stande war, es aufzuhalten. Aber dasselbe vollends heranzuführen, dazu reichte seine Kraft gegenüber derjenigen des Stromes nicht aus, er spannte alle Muskeln an, aber sein Arm begann endlich zu erlahmen, als er in der Noth plötzlich vom Waldwege her Schritte vernahm. Er stieß laute Rufe aus und einen Augenblick später stand der Zigeunerbursche neben ihm.

„Michal, ein Mensch! Hilf mir das Netz festhalten!“

Den vereinten Anstrengungen gelang es, den Körper an das Land zu ziehen. Da lag der Doctor Urban. Der Mond beschien den Starren, Leblosen, und das Wasser rieselte aus den Kleidern und Haaren auf den Rasen herab. Der Zigeuner und sein Sohn beugten sich knieend zu ihm nieder, um eine Spur Leben zu erhorchen, und zehn Schritte davon stand die braune Juschka mit dem glänzenden Linnenhemd um den Oberkörper und dem dunkelrothen Rock, der von den Hüften niederfloß. und blickte auf die Aalreusen zu ihren Füßen.

„Ist er todt?“ fragte sie ohne aufzusehen.

„Geh’ in’s Zelt zur Mutter!“ gab der Bursche zur Antwort.

„Sorg’, daß das Feuer nicht abstirbt!“ fügte der Alte hinzu.

Sie warf im Scheiden einen neugierig-schüchternen Blick auf den Daliegenden und tauchte dann in die Gebüsche.

Vater und Sohn sahen sich einen Moment forschend an.

„Es ist besser, Michal, wir tragen ihn an das Feuer. Wenn er lebendig wird, so wird er sehr freigebig sein. Ich spüre noch Athem,“ sprach der Alte, die Blicke niederschlagend.

Der Bursche nahm, ohne ein Wort zu sagen, die Beine des Verunglückten vom Boden auf, während der Alte am Kopfe anfaßte; ein leises Stöhnen machte ihn stutzig.

„Er lebt, und er muß verwundet sein; ich fühle etwas Warmes und glaube, daß er blutet.“

Sie luden den schwerfälligen Körper so sorglich wie möglich auf und trugen ihn in das Dunkel des Waldweges. Nach Verlauf von einigen Minuten bogen sie auf eine schmale Wiese ein, auf welcher die dunkle Silhouette des Wagens und das im Grase lagernde Pferd erkennbar waren. Ein leises Knurren, welches lebhafter wurde, als die Beiden mit ihrer Last sich näherten, verrieth, daß die Hunde gegenwärtig waren.

„Schlage das Zelt auf, Juschka!“ rief die Stimme des Burschen schon von Weitem.

Ein Feuerschein fiel auf die Wiese.

Die Zigeuner, welche sich mit dem kranken Weibe in diesem Waldasyle niedergelassen, hatten dem längern Aufenthalte entsprechende Vorkehrungen getroffen. Zwischen fünf Bäumen und mit deren Benutzung war durch Stricke und Tücher, soweit die letztern gereicht hatten, theilweise auch durch Zuhülfenahme von Reisig ein Bau, halb Zelt, halb Hütte geschaffen worden, der einen ziemlichen Raum einschloß. Der Anwesenheit Harro’s im Wirthshause und der Fürsprache desselben bei dem Wirthe, welcher zugleich die obrigkeitliche Person in der Erlenfuhrt darstellte, hatten es die Zigeuner zu danken, daß man sie unbehelligt gewähren ließ.

Ein mächtiges Feuer flackerte in dem Raume; der Rauch zog durch eine Oeffnung in der Decke ab. In einem Winkel blickte das abgezehrte Gesicht der Kranken mit den hektisch glänzenden, schwarzen, tief eingesunkenen Augen zwischen Decken hervor, die theilweise nicht mehr als Lumpen waren. Die braune Juschka lehnte an dem Buchenstamme zur Seite des Eingangs und hielt die Leinwand des aufgeschlagenen Vorhangs zwischen den Fingern. Langsam und vorsichtig ließen die Zigeuner den Körper vor dem Zelte nieder, daß das bleiche, edle Gesicht des Doctors, dessen Augen geschlossen waren, zu den Füßen des Mädchens im Feuerscheine zu liegen kamen.

Die Frau im Zelte begann heftig zu husten, und der Ton erstickte den kurzen Ausruf der Ueberraschung, den die junge Zigeunerin ausstieß. Sie beugte sich lebhaft zu dem Gesichte vor ihr hinab und prüfte aufmerksam die Züge mit wunderbar wechselndem Mienenspiele.

„Ich kenne ihn,“ sagte sie, als die Frau ruhig geworden war. „Und Ihr kennt ihn auch; sieh her, Michal!“

Die Männer betrachteten Urban, und der Bursche schnippte plötzlich mit den Fingern. „Der Arzt, Vater, der bei der Stadt Abends mit einem Andern am Wagen war.“

[243] „Ach, daß Gott, der Arzt!“ flüsterte die Kranke und machte vergebliche Anstrengungen, den Kopf zu erheben. „Es wäre doch gut, wenn er lebendig würde und mir hülfe.“

Der Alte untersuchte die Kopfwunde, aus der zwischen dem braunen üppigen Haare das Blut rann. Er hieß das Mädchen einen Lappen holen und riß ein Stück ab, welches er auf die quellende Stelle legte; dann begann er wunderlich mit den Fingern darüber hin und her zu streichen, indem er unverständliche Worte dazu murmelte. Nach einer Weile band er dem Verwundeten den Rest des Lappens um den Kopf, der Bursche faßte wieder mit an, und kurz nachher lag der Doctor, welcher jetzt deutlich Athem holte, auf der dem Lager des Weibes entgegengesetzten Seite des Feuers im Zeltraume.

Die Männer gingen der Netze wegen noch einmal an das Wasser. Als sie zurückkehrten, lag die braune Juschka zwischen den beiden Kranken dem Eingange gegenüber an die Zeltwand hingekauert und störte mit einem kurzen grünen Aste im Reisig herum, daß die Funken heller aufflogen.

„Hat er sich geregt?“ fragte der Alte, den Kopf neben dem zur Seite geschobenen Zeltvorhange hindurch steckend.

Das Mädchen schüttelte verneinend den Kopf.

„Du kannst Wache halten die Nacht; der Regen kommt, und es wird kalt. Der Mann wird trocknen müssen in der Nacht und die Mutter wird frieren.“

Die braune Juschka nickte, und kurz darauf hörte man die Männer auf den Wagen kriechen und ihr Lager aufsuchen.

Das Mädchen war mit den beiden Kranken allein im Zelte.

Das Feuer knisterte, und der rothe Schein flackerte unruhig über die drei Menschen und über die Zeltwände. Die kurz abgebrochenen, unregelmäßigen Athemzüge Urban's waren kaum zu hören; desto vernehmlicher war der mühsame, ächzende, pfeifende Athem der kranken Zigeunerin, welche in heftigem Fieber lag. Sie hustete dann und wann, nicht viel im Ganzen, aber sie begehrte oft nach Wasser, und die braune Juschka stand jedesmal geduldig auf und brachte ihr das Verlangte in einem Blechbecher. Sie nahm hinterher ihren Platz bei der Zeltwand wieder ein, kaum drei Schritte von Urban entfernt, den Kopf zu diesem hinübergeneigt und zuweilen beobachtende Blicke auf ihn werfend.

„Meinst Du, daß er morgen aufstehen und mir helfen wird?“ fragte die Kranke einmal, als das Mädchen ihr den Becher von den Lippen genommen.

„Ich weiß es nicht, Mutter, aber der Dampf von seinen Kleidern steigt gerade auf – das ist ein gutes Zeichen,“ flüsterte die Tochter.

„Sieht er gut aus, wie der gelbhaarige Fremde, der immer herkommt?“

„Seine Augen waren trübe, als ich hineingesehen habe; er ist nicht so rein wie der.“

Die Bäume über dem Zelte begannen sich zu bewegen; die Aeste knarrten, und der Raum füllte sich mehr und mehr mit Rauch, worauf die braune Juschka den Vorhang zurückschlug und mit den Zipfeln am Buchengestrüpp unter dem Baume befestigte. Der Kranken, welche heftiger hustete, legte sie ein Tuch lose über das Gesicht. Der Regen rieselte auf die schauernden Blätter, und man hörte sein feines Zischen auf der Wiese, allmählich aber nahm er an Stärke zu; die Hunde bei dem Wagen begannen leise zu winseln; von den Bäumen rannen die Tropfen auf die Zeltdecken, und das Reisig, wo es die Wand bildete – an der Seite wo Urban lag – rasselte von ihnen. Sie fielen auch durch die weite Deckenöffnung blitzend in das Feuer. Die Bäume waren indessen dicht genug, um das Meiste abzuhalten, und nach einer Stunde hörte der Regen wieder auf.

Die junge Zigeunerin lag fröstelnd zusammengekrümmt und summte etwas vor sich hin.

„Juschka, singe etwas!“ murmelte die Stimme der Kranken unter dem Tuche; „vielleicht daß ich dann schlafe. Es ist schrecklich, wenn man nicht schlafen kann.“

Das Mädchen blieb liegen und erhob die Stimme nur ein wenig, um wie im halben Traum etwas zu Tage zu fördern, was weder gesungen noch gesprochen war, sondern ein Mittelding von Beidem. Aber die Worte konnte man verstehen:

„Fliegt das Mondlicht über den Berg,
Wo der graue Stein steht.
Grauer Stein am Wege,
Weißt du, wo mein Liebster geht?

Blutkorallen die Lippen sein.
Meines Mundes Weide,
Schwarzer Flecken auf weißer Kuh
Seine Augen beide.

Rossesmähne im Winde fliegt,
Wie sein Haar voll Glanz ist;
Blink von Silberknöpfen die Jack’,
Blank sein Stiefel zum Tanz ist.

Auf dem Wasserweidenbaum
Sitzen schwarze Raben:
Zehn Fuß unter dem Wasser tief
Liegt er begraben.

Ach, ihr weißen Wasser, sagt,
Was euch that mein Liebster?
Kleine Fische, schwimmt vorbei,
Denn er bleibt mein Liebster.“

Wenn sie die letzte Strophe gesungen hatte, fing sie bei der ersten wieder an.

Die Mitternacht war vorüber, und die Kranke schlief zuletzt ein, weil das Fieber nachließ. Aber die braune Juschka schlief nicht; das Gesicht lag auf dem bloßen ausgestreckten Arme, halb verdeckt von dem anderen, und ihre schwarzen Augen blinzelten unruhig in das verglimmende Feuer, bis sie die höchste Zeit gekommen fand, um es wieder anzufachen.

Nach ein paar Stunden begann der bewußtlose Mann laut und gleichmäßig zu athmen. Die Zigeunerin horchte und rutschte bis dicht zu ihm hin. Dann richtete sie sich ein wenig auf und sah ihm mit still verlorenen Blicken in das sich lebhafter färbende Gesicht, bis ihre kleine Hand sich hob und ihm leise über die Wange und die Stirn zu streicheln begann, welche letztere freilich von der Binde überzogen war. Sie hielt endlich ein, denn es war ihr, als ob seine Augenlider zuckten. Sie brachte ihr Gesicht dicht an das seine, um zu beobachten, aber nun sah sie nichts mehr von einer Regung. Danach lehnte sie sich zurück, blickte träumerisch in die Flamme, den Kopf in die Hand gestützt, und summte auf's Neue die Weise ihres Liedes, das sie vorher gesungen, bis sie endlich die letzte Strophe zwischen den Lippen sprach und sich wieder in den Anblick des Schlafenden versenkte.

„Ach, ihr weißen Wasser, sagt,
Was euch that mein Liebster?
Kleine Fische, schwimmt vorbei.
Denn er bleibt mein Liebster.“

Sie wagte es endlich, seine feuchtkalte Hand zwischen ihre Hände zu nehmen, als wollte sie dieselbe wärmen, und sie wurde wirklich zuletzt warm. Dann legte sie sich hinüber und wiederholte dasselbe Spiel mit der andern Hand. Zuletzt spitzte sie die Lippen und senkte ihr Gesicht auf das seine herab – –

Urban begann zu träumen, erst verworren und dumpf, dann klarer. Es war ihm, als überschatte ein Mädchenkopf seine Augen und als fühle er leidenschaftliche Küsse auf seinen Lippen brennen; seine Hände regten sich schwach und er stammelte mit halb erstickter Stimme: „Milli!“

Das junge Geschöpf, das so verwegen gespielt hatte, fuhr jäh zurück, aber nicht von diesem ersten Laut aus dem Munde des Genesenden, sondern von einem unerwarteten Geräusch auf der andern Seite des Zeltes. Sie sah, daß die Kranke wach geworden war, das Tuch abgeworfen hatte und sie mit brennenden angstvollen Blicken beobachtete.

„Juschka, mein Kind,“ sagte die heiserer Stimme der Zigeunerin, „komm her zu mir!“ Und als das junge Mädchen mit gesenkten Wimpern zu ihr hinübergerutscht war, fuhr das kranke Weib fort: „Ich glaube, daß ich doch bald sterben muß. Schwöre mir, daß Du nur eines Mannes Eigenthum werden willst, der zu unserem Stamme gehört.“

„Warum soll ich das schwören?“

„Ich sehe, daß Dir jener Mann, der da liegt, gefällt. Aber wollte er Dir etwas versprechen, was ehrlich klänge, so wäre es doch Lüge. Wenn man jung ist, glaubt man Vieles, was die weisen Väter nicht zu glauben rathen. Es gab einmal einen Mann von dem andern Volke – verflucht sei er! – der mit den Unsrigen zog, um mein Gatte zu werden, und als er es wenige Tage war, da stahl er sich eines Morgens davon bei einer großen Stadt; Niemand von unseren Leuten hat ihn wieder gesehen.“

Ein kurzer Hustenanfall unterbrach sie; dann sprach sie weiter: [244] „Sie haben dann Spott und Schande auf mich und meines Vaters Haus geworfen, bis Dein Vater mich in seinen Wagen nahm, daß wir allein und auf andere Straßen zögen, als die Uebrigen.“

„Er wird mir kein Leid anthun,“ entgegnete das Mädchen nach kurzem Besinnen ausweichend. „Meine Lebenslinie weiß nichts davon.“

„Hole ein Messer!“ gebot die Kranke heftig.

Die braune Juschka ging hinaus und kam mit dem Dolch zurück.

„Ritze Dich in den Finger und laß ein paar Tropfen in das Feuer fallen, und dann schwöre!“

Nach kurzem Kampfe entschied ein Blick auf das furchtbar erregte Gesicht der Frau. Den blutenden Finger über das Feuer haltend, sagte das Mädchen:

„Ich schwöre.“

Die Kranke legte den mühsam empor gehaltenen Kopf beruhigt zurück und schloß die Lider, während Jene hinausschlüpfte und ohne Waffe wiederkehrte, um ruhig ihre Lage zwischen dem Feuer und dem fremden Manne auf’s Neue einzunehmen.

Der Nachthimmel wollte gar nicht hell werden. Nach und nach fand sich wieder ein ziemlich heftiger Regen ein, und es war spät geworden, als die Zigeuner vom Wagen kletterten. Die braune Juschka hatte einen Topf über dem Feuer stehen, aus dem die Beiden etwas genossen, worauf sie sich an den Fluß hinunter begaben, um nach den Netzen zu sehen. Urban schlief noch immer, aber ziemlich unruhig sich hin und her werfend; der Alte hatte ihn mit befriedigtem Nicken betrachtet, als er in das Zelt gekommen war. Nach dem Abgange der Männer war es wieder still im Zelte, und der Regen hörte auf.

Plötzlich wurden draußen eilige Schritte laut, die Tritte derber Männerstiefeln. Die junge Zigeunerin spähte neugierig durch die Lücke seitwärts vom Vorhang und fuhr mit einem Schrei zurück. Der Schrei hatte die Wirkung, sowohl die schlummernde Kranke, wie auch Urban zu erwecken, der sich verwirrt aufrichtete, nach seinem Kopfe griff, wo er das Tuch fühlte, und dann mit großen Augen fragte: „Wo bin ich?“

Die braune Juschka antwortete nicht; sie stand dicht neben dem Kopfe der Mutter an die Zeltwand gedrückt, als ob sie diese durchdrängen wollte, und starrte angstvoll auf den Eingang.

Zwei Männer krochen unter dem von Nässe steifen Vorhange herein: der Friese Harro und der Fabrikleiter Bandmüller.

„Wahrhaftig, er ist es,“ rief der Letztere eifrig; „und er ist zum wenigsten nicht todt. Aber um aller Heiligen und Unheiligen willen – wer soll denn jetzt unsere Sache leiten? Es ist die höchste Zeit, daß wir drüben erfahren, wie? und wo? Alles ist schon auf den Beinen, aber Niemand ist da, der die Ordres ausgiebt, und meine Collegen wollen auf ihren Kopf allein nichts wagen. Mir gehorcht Niemand, und wer vom Comité da ist, behauptet bis auf diese Stunde, von Allem nichts zu wissen. Ich habe einen Wagen mitgebracht und bin froh, daß wir von dem braunen Lumpenpack am Wasser wenigstens erfahren haben, wo wir Sie finden konnten, Herr Doctor. Es bleibt gar nichts übrig: Sie müssen mitfahren oder es wird aus Allem nichts. – Sieh da, Schätzchen, wir reden nachher zusammen,“ wandte er sich mit flüchtigem Drohblick zu dem Mädchen hin.

„Ich fahre mit, versteht sich,“ sagte der Doctor. „Guten Morgen, Herr Harro! Ich denke, Sie sind längst in England oder wer weiß wo.“ Er machte eine gewaltsame Anstrengung sich zu erheben, aber die Kraft verließ ihn, und er sank zurück und lag ein paar Secunden mit geschlossenen Augen.

„Es geht nicht,“ stammelte er blaß; „meine Glieder sind wie Blei. Ich dachte diese Nacht nicht daran, daß ich heute früh noch einen Funken Leben haben könnte, um für Eure Revolution verantwortlich zu bleiben. Ich muß mich erst besinnen, wie das Alles gekommen ist. – Ja – ja –“ flüsterte er, und dann kam wieder etwas wie eine kurze Ohnmacht über ihn. „Es wird doch wohl nichts werden,“ fuhr er nach einer kleinen Pause kräftiger fort, indem er die Augen wieder öffnete; „die Weiber – die Weiber! Sie machen den besten Kopf verrückt. Wenn ich mich recht erinnere, so bin ich den Wasserfall hinuntergestürzt, und es scheint, daß die Zigeuner mich aufgefangen haben. Eine so schöne Revolution fix und fertig, und nun soll sie unterbleiben! Nein, das darf nicht geschehen; es wird ja anderwärts auch losbrechen. Revoltirt nur drauf und drein, baut Barricaden vor allen Zugängen vom Rheine her, besonders auf der Chaussee so viel wie möglich! Wie steht’s mit der Eisenbahn?“

Er sprach die letzten Worte aus Schwäche so leise, daß sie kaum verständlich waren. Bandmüller begriff, was der Doctor meinte.

„Sie sind heute früh nach verrichteter Sache zurückgekommen,“ sagte er zögernd und zuckte die Achseln; „aber sie müssen es sehr ungeschickt angefangen haben, denn kurz ehe ich hierher fuhr, ist dennoch ein Zug angekommen. Man hat also wohl den Schaden in der Nacht noch gefunden und ausgebessert.“

„Dumm – sehr dumm!“ flüsterte Urban. „Wollen Sie nicht an meine Stelle treten, Herr Harro?“ sprach er lauter, indem er die Augen auf den Letzteren richtete. „Sie finden Alles vorbereitet, die Leute, das Material – Sie brauchen blos zu disponiren. Herr Bandmüller wird Ihnen jede wünschenswerthe Auskunft geben. – Mein Plan, mein schöner Plan!“

„Fahren Sie mit mir, Herr Harro!“ drängte Bandmüller. „Ich freue mich, daß mein Absteigen im Wirthshause mir die Ehre Ihrer Bekanntschaft vermittelt hat. Es war das, wie ich annehme, ein Fingerzeig der Vorsehung.“

„Wohlan denn, ich will,“ sprach der Friese pathetisch und hob die Schwurfinger in die Luft. „Ich wollte mir eigentlich etwas Rechenschaft über eine gewisse Kahnfahrt mit einer Dame ausbitten, Herr Doctor, denn ich nehme an der Ehre und dem Wohlergehen dieser Dame sehr lebhaften Antheil. Aber wo die große Sache ruft, da müssen persönliche Rücksichten schweigen. Ohnehin sind Sie jetzt krank – Ah, was ist das?“

Niemand von den eifrig sprechenden Männern hatte seither auf jene Ecke geachtet, in welcher sich die beiden Frauen befanden, Niemand das geisterhafte, haßverzerrte Gesicht gesehen, mit welchem die Kranke in äußerster Spannung auf die Worte des Fabrikleiters gelauscht hatte.

„Juschka, den Dolch, den Dolch, aber schnell!“

Die junge Zigeunerin, welche die leisen, keuchenden Worte vernommen, war mit der wunderbaren Gewandtheit, über welche sie verfügte, unhörbar an den Eingang geschlichen und mit so wenig Geräusch hinausgeglitten, daß weder Bandmüller noch Harro, die ihr den Rücken zugekehrt, etwas davon gewahr geworden waren. Dabei war ihr freilich der Umstand zu Hülfe gekommen, daß der Fabrikleiter durch die Verhandlung mit Urban sichtlich auf das Angelegentlichste beschäftigt wurde. Sie war nicht wieder in das Zelt zurückgekehrt, sondern draußen hatte es beim Kopfende des Lagers gegen die Zeltwand geklopft, und dann hatte sich die Waffe unter dem Leinen hindurchgeschoben, gierig erfaßt von dem halbtodten Weibe, in welchem der Rest von Leben noch einmal zu einer dämonischen Kraftäußerung aufflackerte.

Sie schob sich langsam aus ihren Lumpen hervor, einen Rock um die Hüften und die Füße schwerfällig umwickelt, und kroch, durch das rauchende Feuer gedeckt, bis in die Nähe Bandmüller’s, den sie keinen Moment aus den Augen verlor. Sie spürte nichts von Schwäche, von dem Wühlen und Bohren in der Brust; mit der Muskelspannung des Gesunden richtete sie sich plötzlich hinter dem Fabrikleiter auf und holte mit der blitzenden Waffe aus –

Es fragt sich, ob sie die Kraft gehabt hätte, den beabsichtigten Stoß mit hinlänglicher Wucht zu führen. Aber es kam nicht so weit. Die Bewegung hinter Bandmüller hatte rechtzeitig die Augen Harro’s auf sich gezogen, der in rascher Geistesgegenwart den Bedrohten am Rockaufschlage erfaßte und vorwärts riß.

„Ah, was ist das?“

„Verräther!“ schrie das Weib mit heiserer Stimme und ihre hohlen schwarzen Augen glühten, als Bandmüller sich herumwandte und ihr verdutzt in das Gesicht sah. „Kennst Du mich?“

„Eine Verrückte!“ rief der Fabrikleiter und fiel ihr in den Arm, mit dem sie auf’s Neue die Waffe schwang. „Was habe ich mit Dir zu schaffen, altes Skelet! Leg’ Dich in die Ecke und stirb!“ Er schleuderte die Unglückliche so heftig zurück, daß sie taumelnd zu Boden stürzte. Der Dolch flog aus ihrer Hand gegen die Zeltwand; das Blut der wunden Brust quoll ihr vom Munde; ihre brechenden Augen hafteten unverwandt auf dem Rohen, der sich mit einer Geberde der Verachtung zu Harro hinkehrte – –

Draußen vor dem Zelte ertönte der laute Aufschrei einer weiblichen Stimme – –

Einige Secunden später war die Zigeunerin todt. [257] „Mensch,“ sagte Harro mit zornigem Gesicht zu dem Fabrikleiter, „Sie haben ein krankes, kraftloses Weib gemordet. Das vergebe Ihnen der Himmel, zu dem dieses Blut schreit!“

Bandmüller zuckte die Achseln. „Wozu sich echauffiren?“ meinte er gleichmütig. „Sie sehen, daß dieses Geschöpf ohnehin dem Tode verfallen war. Ich verstehe nicht, weshalb ich mich von dem wahnsinnigen Weibe wie ein Osterlamm abstechen lassen sollte; habe ich etwa nicht Grund gehabt, Nothwehr zu üben?“

„Weshalb haben Sie sich nicht damit begnügt, ihr den Dolch zu entreißen?“ fiel der Friese entrüstet ein.

Urban hatte den Kopf ein wenig erhoben und zu der am Boden Liegenden hinüber geblickt; jetzt sah er finster auf und sprach mit Anstrengung: „Vielleicht war dieses Weib doch nicht wahnsinnig. Sagten Sie nicht gestern erst, daß Sie einmal ein Abenteuer mit einer Zigeunerin gehabt hätten? Uebrigens liege ich hier als Gast und Pflegling derselben Familie, zu welcher auch jene Frau gehörte. Mir hat die Familie das Leben gerettet, und der Mann, welcher mich hier aufsucht, ermordet eines ihrer Glieder. Eine solche Erfahrung ist ohne Zweifel sehr geeignet, diese Leute zu weiteren Thaten der Menschenliebe anzufeuern. Ist dies dieselbe Zigeunerin, zu der Sie einst Beziehungen hatten?“

„Ich habe nichts von einer Aehnlichkeit bemerkt,“ erwiderte Bandmüller. „Was geht mich die alte Geschichte an? Ich bleibe dabei, daß ich mich im Stande der Nothwehr befunden, und muß es für verzeihlich halten, wenn ich derber zugefaßt habe, als vielleicht nötig war.“ Er sprach das so keck, aber in seinen Blicken blinzelte doch ein wenig Unsicherheit. „Wollen Sie mich begleiten, Herr Harro? Wir haben keinen Augenblick zu verlieren, wenn wir zu rechter Zeit in der Stadt sein wollen.“

Der Friese sah mit gerunzelten Brauen vor sich hin. „Gut, sagte er endlich. „Aber seien Sie überzeugt, daß ich Sie als einen Schandfleck für unsere Sache betrachte und daß ich Sie nur neben mir dulde, weil man die Hunde zur Jagd nicht entbehren kann. Sind Sie hiernach noch Willens, mir als Adjutant zu dienen?“

„Warum nicht?“ lachte Bandmüller gezwungen auf und sah mit tückischen Augen zur Seite. „Ein guter Jagdhund läßt sich prügeln ohne zu beißen und begnügt sich mit dem Trost, daß von der Jagdbeute einige Stückchen für ihn abzufallen pflegen.“

„Sie scheinen nicht an einem Uebermaß von Ehrgefühl zu leiden,“ sprach der Hüne und sah von oben herab halb verächtlich, halb verwundert auf den Fabrikleiter. „So kommen Sie! Auf Wiedersehen, Herr Doctor!“

„Einen Augenblick noch!“ rief dieser dem Abgehenden nach.

Der Friese kehrte um und trat an sein Lager.

„Ich kann hier nicht bleiben,“ sagte Urban. „Haben Sie die Güte, den Wirth in der Erlenfuhrt zu veranlassen, daß er mich in sein Haus schaffen läßt. Da die Chaussee, wie ich hoffe, noch heute unpassirbar wird, so muß ich wohl oder übel in dessen Hause liegen, bis mich meine Füße wieder tragen werden. Vielleicht habe ich morgen schon die Kraft hinüberzukommen. – Was den Aufstandsversuch betrifft, an dessen Spitze Sie treten werden, so – nun, so ist er mein Werk allein, gegen das Wissen Hornemann's und der übrigen Häupter unserer Partei vorbereitet, um diese zaghaften Seelen durch die vollendete Thatsache zu überraschen und in die Action zu reißen. Sie erinnern sich jener Nacht, in welcher Sie der Einzige waren, der mit mir die Idee verfocht, daß es an der Zeit sei, über den Rubikon zu gehen. Wohlan, der Aufstand ist in diesem Augenblick unvermeidlich, und da Jemand ihn leiten muß, wenn er zu dauernder Frucht führen soll, so werden Sie, wenn ich Sie recht kenne, sich nicht weigern, an meiner Stelle der Cäsar dieser Leute zu werden.“

„Bei allen Sünden der Tyrannei, Sie sollen sich in mir nicht getäuscht haben!“ rief der Friese.

„Noch Eins,“ fuhr Urban matt fort, „behalten Sie diesen Bandmüller scharf im Auge! Er ist ein Schuft, das ist mir vollkommen klar, und nicht erst seit heute.“

„Warum haben Sie sich mit ihm eingelassen?“

Eine leichte Röthe färbte das blasse Gesicht des Doctors. „Er ist brauchbar, und jeder General hat seine Spione.“

Harro nickte ihm zu, warf noch einen Blick voll tiefen Mitleids auf die todte Zigeunerin und verließ das Zelt.

Er ging schweigend und in Gedanken versunken neben Bandmüller her durch den feuchten, tropfenden Wald. Am Saume desselben schüttelte ein häßlicher, kalter Wind die Wipfel und schleuderte die Nässe von den Blättern über die Beiden; am Himmel jagten schwere, tiefgehende, zerfetzte Regenwolken unter einer einförmigen, nebelgrauen Decke. In der Nähe der Brücke begegneten die Beiden den zurückkehrenden Zigeunern, und zu Hause angelangt, ertheilte Harro dem erstaunten Wirth in geflügelten Worten die nöthigen Weisungen wegen der Ueberführung Urban’s, gab ihm seine Habseligkeiten in Verwahrung und händigte ihm ein in der Eile geschriebenes Billet an Milli ein.

Der Wagen fuhr vor; die Beiden stiegen ein, und fort ging es, der Stätte der Aufregung und Verwirrung entgegen. Bandmüller [258] fing aus freien Stücken an, ein Bild der Lage in der Stadt zu entwerfen, bis der Regen plötzlich mit solcher Gewalt auf das Verdeck und an die Fenster des geschlossenen Fuhrwerks zu prasseln begann, daß sich jener zum Schweigen verurtheilt sah.

Zehn Minuten später standen die beiden Mädchen vor dem Billet des blonden Friesen und studirten die großen, krausen Schriftzüge mit fliegendem Athem und heißen Wangen. Toni’s Augen zeigten die Spuren der durchwachten Nacht mit ihren furchtbaren Erschütterungen; sie waren dunkel umflort. Und doch glänzten die schwarzen Sterne in unaussprechlicher Seligkeit, als die Freundin das Papier auf die Erde fallen ließ und, ohne ein Wort zu sagen, die Hände faltete und den Blick durch das Fenster hinaus schweifen ließ, ziellos und verloren.

„Milli, liebe Milli, Gott ist barmherzig gewesen,“ sagte sie; ihre Stimme zitterte vor Glück, und sie fing leise zu schluchzen an, als sie ihr Haupt am Busen der Freundin barg und diese umfaßte. So standen sie ein Weilchen, bis Toni sich aufrichtete und mit dem Tuch über die Augen fuhr.

„Ich will Johannes schicken, daß er ihn zum Wirthe schaffen hilft. Er muß anspannen und bis an die Brücke fahren. Ich bin gleich wieder bei Dir.“

Als sie das Zimmer verlassen hatte, glitt Emilie Hornemann auf den Boden nieder und barg ihr Gesicht in den Armen, welche sie auf einem Stuhle kreuzte. „Herr des Himmels, schütze mich vor den Stunden der Versuchung!“ flüsterte sie vor sich hin; „schütze mich vor meinem eigenen Herzen! Ich will thun, was eines Menschen Kraft vermag – das gelobe ich.“

Sie erhob sich endlich, denn sie hörte den leichten Schritt Toni’s vor der Thür.

„Ich habe ihm den Wagen zur Verfügung stellen lassen für den Fall, daß er nach der Stadt fahren möchte,“ sprach diese im Hereintreten. Ihre Stimme hatte etwas Gedämpftes, und ihr Wesen athmete eine stille Verschämtheit. Sie blieb eine Weile mit niedergeschlagenen Augen vor Emilie stehen, welche ihr, wie mechanisch, kosend die Wangen streichelte, bis sie die Veränderung an der Freundin bemerkte und innehielt.

„Was ist Dir, Toni?“

Diese erröthete bis an die Schläfe hinauf und in ihren Blicken, die sie auf die Fragerin richtete, verschmolz die kindlich hülflose Verlegenheit mit rührendem Bitten.

„Ich habe es doch nun Jemandem gesagt, was Niemand erfahren sollte, nämlich daß ich ihn lieb habe. Was wirst Du nun von nur denken, Milli? Eigentlich ist es ja doch schrecklich, einen Mann zu lieben, mit dem eine Andere verlobt ist.“

„Ich bin aber nicht mehr mit ihm verlobt –“

„Nein, entschuldige mich nicht aus lauter Gutmüthigkeit! Ich hatte ihn damals ebenso lieb, wie Ihr es noch waret. Ich habe es freilich vor aller Welt versteckt und vor ihm am allermeisten; ich hätte mich todt geschämt, wenn Jemand etwas davon gemerkt hätte. Verzeihe mir, liebe Milli! Ich kann ja nichts dafür, daß mein Herz so dumm war und immer hoch aufschlug, wenn ich ihn gesehen habe. Und nun bitte ich Dich um Eins: verrathe keiner Seele eine Silbe! Lieber will ich sterben, als daß er glauben könnte, ich wollte mich ihm aufdrängen, während er gar nichts von mir wissen will. Denn ich sehe nun deutlich, daß er Dich über alle Maßen liebt, weil er um Deinetwillen selbst den Tod gesucht hat. Nicht wahr, Du gelobst mir ewiges Stillschweigen?“

„Sei ruhig!“ erwiderte Milli, indem ein flüchtiges Lächeln auf einen Augenblick ihr schönes, schwermüthig-ernstes Gesicht verklärte. „Was wir in dieser Nacht mit einander durchlebt haben, ruht in meiner Brust wie zehn Fuß tief unter der Erde in einem Sarge.“ – –

In dem Zigeunerzelte war Urban inzwischen, sobald Harro ihn verlassen hatte, mit geschlossenen Augen wie todt zurückgesunken. Die gewaltsam aufgerüttelten Nerven versagten plötzlich den Dienst; das klare Bewußtsein machte einem Zustande Platz, in welchem die Geräusche der nächsten Umgebung wie aus weiter Ferne an sein Ohr schlugen. Er dachte nichts, und er wollte nichts. Er vernahm abgerissene Klagelaute, als ob sie der Wind zu ihm herüber trüge, und doch erschollen sie in seiner unmittelbaren Nähe, wo das braune Zigeunerkind sich schluchzend und jammernd über die Leiche der Mutter geworfen hatte und deutsche Brocken – es waren klagende Worte – mit den seltsamen Lauten der Sprache ihres Volkes mischte.

So lag er minutenlang, bis es allmählich in seinen Sinnen wieder heller ward. Er hörte deutlich die Stimmen der beiden Zigeuner, und ein leiser Schauer durchrieselte ihn, als der jüngere in ein unarticulirtes Geheul ausbrach, welches er stoßweise von sich gab. Dazwischen erzählte die schreiende Stimme des Mädchens und klang grollend die dumpfe Sprache des Alten.

Plötzlich wachte er von der Berührung seiner Hand auf, welche Jemand gewaltsam in die Höhe riß. Er sah mit müden Augen, daß es der junge Bursche war, der den Dolch in der Hand hielt und damit auf die andere Seite des Zeltraumes hinüber deutete. Aber er empfand keine Regung von Furcht oder Schrecken, sondern die vollkommenste Gleichgültigkeit. Seine Augen erfaßten nur noch, wie die braune Juschka auf einmal hinter dem Burschen stand und demselben den Dolch aus der Hand riß, und wie halbnackte Kinder neben dem Zeltvorhange herein schlichen – dann schlossen sie sich wieder. Zugleich ließ der Zigeuner seinen Arm fahren, daß derselbe schlaff hernieder glitt, und trat scheltend von ihm weg.

Auf’s Neue kam Dämmerung über ihn, und wieder ermunterte er sich nach einiger Zeit. Ein summender Ton war es, der ihn auf eine Minute seiner Lethargie entriß, und als er in der Richtung hinsah, aus der dieser Ton kam, erblickte er das Zigeunermädchen neben der wieder auf ihr Lager gebetteten Todten auf der Erde kauernd; um sie herum saßen die Kinder, denen sie in ihrer eigenthümlichen Manier eine Art Todtenklage vorzurecitiren schien. Die Männer waren aus dem Zelte verschwunden.

„Daß die Sonne sich verfinst’re nicht,
Schwarze Erde deckt auf ihr Gesicht!
Böse Krankheit schickt der blut’ge Mond,
Wenn er sie beschaut mit seinem Licht.
Eine Pappel mit den Wurzeln nehmt –“

Weiter hörte er nichts deutlich.

Später fühlte er etwas warm auf sein Antlitz tropfen und sah die weinenden Augen der Zigeunerin dicht über sich.

„Wacht auf, Herr! Sie kommen, Euch zu holen. Die arme Juschka muß Euch Lebewohl sagen.“

Er ließ es geschehen, daß ihm das Mädchen die Hand mit Küssen bedeckte, bis sie endlich aufsprang und auf die andere Seite des Zeltes flüchtete.

Drei Männer traten ein, der Wirth und sein Knecht, außerdem ein fremder Knecht. Der Wirth begrüßte den Doctor und breitete ein Plantuch auf den Boden.

„Bis über die Brücke müssen wir Sie tragen; dort hält das Fuhrwerk.“

Sie hoben den schweren Mann auf und legten ihn auf das Tuch; dann trugen sie ihn, zu Dreien wechselnd, den Waldweg hin und erreichten den Wagen, noch ehe der Regen losbrach.

„Ah!“ sagte Urban, als er plötzlich Johannes und das Gefährt des Commerzienrathes neben sich sah, „wer hat Sie mir zur Hülfe geschickt? Ihr Fräulein?“

„Ja wohl, Herr Doctor. Sie läßt fragen, ob Sie vielleicht gleich in die Stadt fahren wollten.“

Urban gab keine Antwort. Er saß schlaff und schwerfällig, das Leintuch um sich gewickelt, neben dem Wirth; der Wagen wiegte ihn sanft in den schwanken Federn bis an das Wirthshaus. Hier sprang Johannes vom Bocke, drängte die Männer zurück, die schon in den Regen hinausgestiegen und im Begriffe waren, den Doctor hinauszuheben, und wiederholte seine Frage, ob er gleich zur Stadt fahren sollte.

„Sagen Sie Ihrem Fräulein,“ meinte Urban, „wenn sie sich entschließen könnte, mich als barmherzige Schwester zu begleiten; nur dann würde ich den Wagen benutzen.“

Johannes sah ihn verwundert an, übergab die Zügel dem einen Knecht und ging zwischen die Gärten. Endlich kam er wieder und steckte sein vom Regen triefendes Gesicht zum Wagenschlag hinein.

„Das gnädige Fräulein meinte, es thäte ihr sehr leid, aber es ginge nicht, wegen des Geredes der Leute. Sie möchten ihr das nicht übel nehmen und ohne sie fahren.“

Um den Mund des Doctors zuckte ein bitteres Lächeln. „Es scheint mit der Größe ihres Erbarmens nicht viel auf sich gehabt zu haben. Und nun bringen Sie mich in eines Ihrer Betten, Herr Eckermann! Ich werde Ihnen oben sagen, was mir noth thut; ich muß eine Kopfwunde haben. Ich lasse Ihrem Fräulein danken, Johannes.“



[259]

15.

Als der Wagen, in welchem Harro und Bandmüller saßen, zwischen den ersten Häusern der Stadt hinrollte, lüftete der Letztere ein wenig das Wagenfenster auf seiner Seite, denn es war nicht möglich, durch die regengepeitschten Scheiben etwas zu sehen. Ein paar Fahnen, deren Anblick die Beiden im Vorüberfliegen erhaschten, gewährten einen kläglichen Anblick; der Wind hatte sie wie Stricke zusammengedreht und theilweise über den Stock geschlagen. Die wenigen Menschen, welche sich auf der Straße befanden, verbargen sich unter Regenschirmen und zeigten in ihrer Haltung eher das Bestreben, unter Dach und Fach zu kommen, als den herausfordernden Muth eines Soldaten der Freiheit, welcher den Kampf erwartet.

„Nichtswürdiger Regen!“ brummte der Fabrikleiter verdrießlich und schloß das Fenster wieder. „Wenn das so weiter gießt, stehe ich für nichts.“

„Eine Revolution mit Regenschirmen – das wäre allerdings etwas Neues,“ fügte Harro hinzu und verlor einen Augenblick den strengen Ernst aus dem Gesicht.

Die Fahrt durch die Stadt wollte kein Ende nehmen. Bandmüller rutschte ungeduldig von einem Fenster zum andern, aber nur die vermehrte Helligkeit des einfallenden Lichtes verriet zuletzt, daß sie in’s Freie gelangten. Noch einmal öffnete jener; sie fuhren auf der Chaussee, und vor ihnen lag ein Wiesenstreif, der sich bis zum Flusse erstreckte; dort ragte der Triumphbogen vor der mit Grün bedeckten Brücke empor; unter ihm standen, Kopf an Kopf gedrängt, so viel Menschen, wie zwischen den grünen Pfeilern Platz fanden. Etwa dreißig Personen bewegten sich, zum Theil mit Schirmen über sich, auf der Wiese, viele davon sichtlich im Begriffe, zur Stadt zurückzukehren. Ein paar Männer, an denen der Wagen vorbeifuhr, neigten sich spähend zu demselben herüber, und Bandmüller ließ hastig das Fenster vollends hernieder und steckte den Kopf in den Regen hinaus.

„Hier bleiben!“ rief er. „Wir kommen.“

„Es wird nichts, Herr Bandmüller!“ tönte es zurück. „Das kann kein Mensch aushalten.“

„Es muß etwas werden!“ brüllte Bandmüller wieder. „Kutscher, halt, halt!“

Der Wagen hielt, und der Fabrikleiter sprang hinaus und rannte auf die wartenden Männer zu.

„Seid Ihr des Teufels? Wollt Ihr die Schande auf Euch nehmen, daß man am ganzen Rhein hinunter und vielleicht in der ganzen Welt sagt, Ihr hättet keine Revolution zu Stande gebracht, weil Ihr Euch vor dem Regen gefürchtet hättet, als ob Ihr von Zucker wäret? Lauft in die Stadt, trommelt zusammen, so viel Ihr könnt! Und wenn es Euch die Kleider in Stücke regnet! Es giebt neue in der Stadt, die besser sind.“

„Ist der Herr Doctor mitgekommen?“

„Der ist krank, aber er schickt Euch Jemanden, der ebenso gut ist wie er. Wollt Ihr, oder wollt Ihr nicht?“

„Ja ja – probiren wollen wir es schon.“

„Aber nur schnell, darauf kommt Alles an!“

Bandmüller kehrte in eiligen Sätzen zum Wagen zurück. „Vorwärts zur Brücke!“ rief er im Einsteigen. Die Pferde lenkten auf einen Fahrweg ein, der quer über die Wiese führte, und bald nachher hielten sie, umdrängt von Menschen, vor den grünen Säulen des Bogens.

„Ein Hurrah für Herrn Bandmüller!“ riefen einige Stimmen. „Wen haben Sie denn da mitgebracht? … Ist der Doctor drin?“

„Hier ist Herr Harro, ein berühmter Mann, den uns der Doctor als Anführer mitschickt, weil er in der Erlenfuhrt krank liegt; er ist die Nacht mit einem Kahne in den Fall gerathen und halb todt davon gekommen. Wo sind die Anderen? Warum habt Ihr sie nicht gehalten? Wo sind Eure Sachen geblieben?“

„Das Zeug liegt dort auf einem Haufen,“ antwortete ein Mann über die Seite deutend, und als Bandmüller ihn ansah, erkannte er Sebulon Trimpop, dessen Gesicht halb in einer dicken Winterkappe mit Ohrlappen stak.

„Platz für Herrn Harro, Platz für den General!“ ertönte es, als die imposante Gestalt des Friesen aus dem Wagen stieg, und eine Gasse öffnete sich in die Halle des Bogens. „Das ist der Richtige! Ein Hoch für unsern General!“

Dreimal scholl das Hoch, aber es hallte nicht weit in die dicke Regenluft hinaus. Harro nahm seinen Hut vom Kopfe und seine blauen Augen musterten die Schaar.

„Leute,“ sagte er mit tönender Stimme, „hundert Menschen bringen hier keine Revolution zu Stande; wir haben wenigstens die zehnfache Zahl nöthig, um die einfachsten Anstalten zu treffen. Die Hälfte von Euch muß zur Stadt, um Zuzug zu schaffen, wenn solcher zu haben ist. Freiwillige vor!“

Ein Drittel der Anwesenden stürzte in den Regen hinaus; eine weitere Anzahl schloß sich auf die Mahnung Bandmüller's denselben an; dieser blickte auf die Uhr und rief ihnen nach: „Ich gebe Euch kaum eine halbe Stunde Zeit. Es wird gleich das erste Mal läuten.“

Und plötzlich klang auch das erste Anschlagen von Glocken; andre fielen ein; es summte und brummte und dröhnte, aber gehemmt und stumpf und als hingen die ehernen Mäuler eine Stunde entfernt. Das Prasseln des Regens blieb so vernehmlich wie zuvor.

Die Zeit verging; Harro sprach mit Bandmüller und gab einige Anordnungen, aber das zusammengeschmolzene Häuflein, welches sich um keine Seele vermehrte, gerieth allmählich in eine immer gedrücktere Stimmung. Die himmlischen Wasser machten allmählich einen wolkenbruchartigen Eindruck, und der Wind wehte stärker.

Ein kurzer Krach – und ein schwerer Gegenstand sauste dicht vor den zurückdrängenden Männern auf die Wiese: es war die große schwarz-roth-goldene Fahne. Die Stange mochte nicht völlig tactfest gewesen und das durchnäßte Tuch schwer genug geworden sein, um einem Windstoße bequemes Spielzeug zu gewähren. Die Leute murmelten unter einander; der Aberglaube zog seine Schlüsse.

„Geben wir's auf! sagte Harro finster.

Bandmüller stieß einen schweren Fluch aus. „Die Bauern sind ohnehin heute Morgen nicht gekommen. Aber ich habe in der vergangenen Nacht Leute in die Provinz hinaus geschickt; sie werden überall ausposaunen, daß heute hier Alles in hellen Flammen stünde.

„Sie werden so vernünftig sein, in irgend einem Wirthshause zu sitzen und den Mund zu halten,“ erwiderte Harro. „Verschieben wir die Sache! In solchem Gusse brennt kein Feuer.“

„Wir haben lange genug auf eine Gelegenheit warten müssen; sie kommt gerade so oft wie eine Sonnenfinsterniß.“

Die Glocken fingen wieder zu läuten an, und gleichzeitig schien es, als wollte der Regen etwas nachlassen.

„Da haben wir’s,“ knurrte Bandmüller giftig; „es ist neun Uhr.“ Er trat einen Schritt hinaus und ballte beide Fäuste in den Himmel hinein.

Harro betrachtete ihn kopfschüttelnd und wandte sich dann um. „Ich will verdammt sein, wenn mir je so etwas von einer Aehnlichkeit vorgekommen ist. Ich muß mich doch einmal näher nach der Vergangenheit des Burschen erkundigen,“ sprach er zwischen den Lippen.

Auf dem Wege jenseits der Brücke wurde ein Wagen sichtbar, dem sich die allgemeine Aufmerksamkeit zuwandte.

„Das ist einer von unsern Wagen,“ rief eine Stimme, „das sind sie.“

„Sie sind ja in zwei Wagen hinausgefahren,“ lautete eine Entgegnung.

Das Fuhrwerk schlich langsam über die Brücke, und Alles stürzte hinaus, die Ankunft erwartend.

Pferde und Kutscher trieften. Der Wagen war leer.

„Wer ist hier der Oberste?“ fragte der Kutscher und zog einen Brief aus der Tasche.

Ein Dutzend Hände streckten sich nach dem Papier, und man brachte es zu Harro. Während dieser das Siegel erbrach, wandte der Rosselenker um und fuhr wieder davon.

Die Neugier war auf's Höchste gereizt.

„Leute,“ sprach der Friese verdrießlich und ließ das Papier sinken, „der Abgeordnete ist bis jetzt noch nicht angelangt; warum, das weiß man nicht zu sagen. Ihr sollt nach Hause gehen; ein Bote wird die Nachricht herbringen, sobald der Herr in Bramkerken eintrifft. Nun – vielleicht ist doch ein Glück dabei,“ [260] fügte er, sich an Bandmüller wendend, hinzu. „Es wäre ja möglich, daß inzwischen dieser elende Regen aufhörte und das Volk in der nöthigen Zahl sich einfände. Uebrigens wundert mich doch, daß keine Polizei hier umher spionirt.“

„Der sind hier so ziemlich die Hände gebunden,“ lachte der Fabrikleiter.

Sie gingen schnellen Schrittes über die Wiese; um sie herum rannte und stolperte es, und der Triumphbogen war im Nu völlig verlassen. Die Glocken läuteten noch, als sie schon zwischen den Häusern hingingen.

Plötzlich hörten sie eilige Schritte hinter sich, und der Friese fühlte sich am Rockschoße erfaßt. Als er sich umwandte, erblickte er einen jungen Burschen, der sich ganz außer Athem gelaufen hatte.

„Nun?“ fragte Harro erstaunt.

„Sie möchten einmal mitkommen, Herr. Dort unten in einem Hause ist Jemand, der auf Sie wartet.“

„Auf mich? – Gehaben Sie sich einstweilen wohl, Herr Bandmüller. Ich werde von hier aus in den Wiedenhof gehen, sobald ich mit dem Unbekannten gesprochen.“

Er winkte dem Fabrikleiter nachlässig mit der Hand, der ihm einen Blick voll tödtlichen Hasses nachsandte, danach aber begann diesen die Neugier zu stacheln. Er kehrte gleichfalls um und sah den Friesen mit dem Burschen zuletzt in ein gewöhnliches Wirthshaus treten. Als er wie zufällig sich der Thür dieses Hauses näherte, fuhr er wie von einer Natter erschreckt zurück.

Im Hausflure standen zwei Polizeibeamte mit blanker Waffe.

Er eilte mit großen Schritten ein Stück die Straße hinauf, in deren Pfützen und Gossen der Regen Blasen trieb.

„Himmel und Hölle,“ fluchte er, „das ist sicher ein Stückchen von Donner. Und dabei kann ich ohne diesen Goliath nichts anfangen. Jetzt ist Alles aus, rein aus. – Ich kümmere mich um nichts mehr. Halt! Vielleicht – ich könnte die Leute das Fuchseisen aufbrechen lassen. Versteht sich; an den Anfang gehört ohnehin ein Bastillesturm. Alter Freund von Chicago, verschwinden sollst Du, denn es wäre doch möglich, daß ein gewisser armer Teufel in Deinem Gedächtnisse auftauchte, der mir ähnlich sieht. Aber vorläufig bist Du noch nicht zu entbehren. Ein schöner Tag, der mir die verrückte Zigeunerin und den Mann da auf einmal in den Weg führt! Dem Zufall ist wahrhaftig nicht zu trauen“ –

Der Friese war von dem Burschen, der ihn geführt, in der leeren Gaststube allein gelassen worden; sie lag auf der Hofseite. Als sich längere Zeit Niemand hatte blicken lassen, öffnete er die Thür zu einem Nebenzimmer, in dem er ein Geräusch vernahm.

Vor ihm standen zwei Männer in Polizeiumform, und zwei Klingen blitzten ihm auf einmal entgegen.

„Zurück!“

Der Hüne maß die beiden Wachtmeister mit verächtlichem Blicke.

„Elende Schergen, glaubt Ihr, daß ich mich vor diesen Federmessern – –“

Eine Hand legte sich hinten auf seine Schulter. „Im Namen des Gesetzes – Sie sind mein Gefangener, Herr Harro – ich weiß, daß Sie so heißen. Versuchen Sie keinen gewaltsamen Widerstand! Ich habe Leute genug, um ihn zu brechen.“

Es war Donner, der den Friesen triumphirend fixirte.

Im Nu hatte dieser den Commissar ergriffen und schüttelte ihn mit Riesenkraft in der Luft. „Kommt her, Gesindel! Mit dieser Keule hier schlage ich Euch die Bratspieße aus den Händen,“ wandte er sich an die Wachtmeister, die entsetzt zurücktraten.

Ein Pfiff, und ein halb Dutzend Beamte standen hinter dem gereizten Löwen. Als er sich umsah, gewahrte er mehrere Pistolen im Anschlag.

„Viel Hunde sind des Hasen Tod,“ sagte er bitter lachend, indem er den Commissar auf die Füße stellte.

„Ich lasse Sie krumm schließen,“ rief dieser.

„Unterlassen Sie das lieber, wenn Sie unangenehmen Weitläufigkeiten vorbeugen wollen!“

„Ihr wartet und haftet mir für den Gefangenen. Ich werde Verstärkungen schicken; der Mann bleibt bis zur Dunkelheit vorläufig hier. Wer wagt es, zu lachen?“

Die Gesichter der Leute wurden plötzlich ernst, bis der Abgehende die Thür in’s Schloß geschmettert hatte; dann fielen ein paar sehr wenig ehrerbietige Bemerkungen. Der Friese nahm fortan von seinen Wächtern nicht die mindeste Notiz. Er zog einen der rohen braungestrichenen Wirthstische an das Fenster, nahm auf demselben Platz und blickte, den Kopf voll unruhig schweifender Gedanken, auf den trüben, schmutzigen Hof hinaus, in dem die Regenstrahlen sich kreuzten.

Woher dieser unerwartete Anschlag auf ihn allein? Was mochte nun den Tag über sich abspielen, während er hier saß, ein Gefangener?

Er beobachtete den Himmel, sehnsüchtig nach den lichteren Stellen zwischen den Wolken spähend, um an einem Stückchen Himmelsblau die Hoffnung auf besseres Wetter zu entzünden. Aber die Wolken kamen in ununterbrochener Folge wüst und schwer; sie kamen aus der Richtung der Erlenfuhrt. Und seine Gedanken sprangen wie Blitze von Wolke zu Wolke, weiter und weiter, bis sie plötzlich niedersanken zu der schönen, ernsten Schwester Karl Hornemann’s – zu ihren Füßen. – –

Der Abend kam, und das Wetter war fast unverändert das nämliche geblieben. Von Bramkerken war kein Bote gekommen; die Physiognomie der Stadt war von derjenigen, welche sie unter den nämlichen Witterungsverhältnissen zu anderer Zeit trug, kaum verschieden. Selbst die Wirthshäuser waren nicht auffallend gefüllt; es war in der That, als ob der Regen das Feuer gedämpft, als ob der Rausch unter Einwirkung der kalten Güsse einer völligen Ernüchterung Platz gemacht hätte. Von dem Feste der Union war selbstverständlich keine Rede; was aus den Vorbereitungen geworden, konnte man von der Stadt aus nicht sehen, denn die Berglehne war den ganzen Tag in Nebel gehüllt. Mit Einbruch der Dunkelheit gewann es den Anschein, als wollte der Himmel sich klären. Das Gewölk wurde lichter und ließ den Mond oder ein paar Sterne hindurchblicken.

Es war einige Stunden nach Mitternacht. Der Friese lag auf seiner Matratze in der Zelle des Fuchseisens, in welche man ihn während der Dunkelheit übergeführt hatte – der nämlichen, welche einst Franz Zehren bewohnt hatte – in festem, gesundem Schlafe. Er hörte nicht, wie das Thürschloß leise klirrte, und sah nicht, wie sich eine Männergestalt, mit einer Blendlaterne in der Hand, leise auf ihn zu bewegte. Erst als der Schein des Lichtes ihm ein paar Secunden lang voll auf die geschlossenen Lider gefallen war, begann er zu blinzeln und schlug endlich die Augen auf.

„Halloh, was ist das?“ sagte er und sprang, eine übergelegte Decke von sich streifend, rasch auf die Füße.

„Schweig’!“ flüsterte es dringend. Harro erkannte mit äußerstem Erstaunen Karl Hornemann. [273] „Mensch, kommst Du wie der Engel zu Sanct Peter, um mich bei Nacht und Nebel in die Freiheit zu führen, oder hast Du es blos auf eine Anstandsvisite abgesehen?“ fragte der Friese leiser.

„Hast Du noch etwas mitzunehmen außer Deinem Hut da? Komm’ ohne Zögern! Auf der Straße mehr!“

Sie gingen schweigend und vorsichtig, nachdem der Pascha die Zelle wieder abgeschlossen, die Treppe hinab; aus der geschlossenen Blendlaterne stahl sich nur ein schwacher Schein zu den Stufen nieder. Im Hause regte sich nichts.

Durch den Hof gelangten sie auf die Straße, und erst als der Schlüssel zur Ausgangspforte in die Tasche Karl Hornemann’s geglitten war, reichte dieser dem Freunde die Hand.

„Ich begleite Dich bis vor die Stadt. Du wirst gut thun, in dieser Nacht noch ein tüchtiges Stück zu wandern. Die Geschichte Deiner Verhaftung kenne ich schon; ich höre, daß Du an Urban’s Stelle eine Insurrection hast leiten wollen. Vielleicht hättest Du ein wenig Rücksicht auf mich nehmen können, als Dir die Proposition gemacht wurde, zur Durchführung dieses treubrüchigsten und gewissenlosesten aller Pläne die Hand zu bieten. [274] Aber wie ich Dich kenne, darf ich Dir verzeihen. Persönliche Beweggründe haben Dich sicher nicht geleitet.“

„Löse mir vor Allem einmal das Räthsel meiner Verhaftung!“

„Viel Räthselhaftes ist an derselben nicht zu finden. Dein Signalement liegt seit länger bereits auf der Polizei. Deine Anwesenheit bei der Brücke ist denuncirt worden. Das ist die ganze Lösung.“

„Aber woher nahmst Du die Möglichkeit, mich zu befreien?“

Karl Hornemann schwieg einige Augenblicke. „Lassen wir das!“ sagte er endlich.

„Bist Du hier allmächtig, Karl?“

„Ich will Dir ein paar weitere Fragen gleich abschneiden. Der Abgeordnete befindet sich seit drei Stunden in der Stadt. Seit gestern Morgen wußten wir in Bramkerken, was hier geplant war, und wir haben es durchkreuzt. – Und nun hast Du vielleicht die Güte, mir über Deinen Aufenthalt und die jüngsten Vorgänge in der Erlenfuhrt einige Auskunft zu ertheilen.“

Der Hüne war durch die kurze, kühle Art seines Begleiters verschüchtert. Stockend und holperig begann er, bis die Erinnerung seine Worte wärmer färbte und sein Wesen in rührender Begeisterung aufglühte. Gesenkten Hauptes schritt Karl Hornemann neben ihm her, mit keinem Laut seine Empfindungen verrathend.

Der Friese war mit seinem Bericht fertig, als sie das Ende der Straße erreicht hatten. Sie standen zwischen den Chausseepappeln; der Wind hatte wieder zu pfeifen begonnen. Der geschwollene Fluß brauste, und es war so finster, daß Keiner die Gesichtszüge des Andern zu erkennen vermochte.

Der Pascha seufzte tief und schmerzlich wie ein Verwundeter.

„Ich bin sehr in Sorgen, Harro; lebe wohl für diesmal!“

Zwei Stunden später klopfte der Flüchtling an das Fenster der Wirthschaft in der Erlenfuhrt. Die Hähne krähten im Stalle, und ein Hund bellte unter dem Thorweg hervor.

Der Wirth öffnete endlich.

Harro erkundigte sich nach Urban und erfuhr, daß derselbe sein Lager bisher nicht habe verlassen können. Er selbst warf sich noch für ein paar Stunden auf ein Bett, ohne den rechten Schlaf zu finden, ließ sich dann etwas Frühstück bereiten und verließ, nachdem er für Urban einige Zeilen niedergeschrieben, das Haus.

Wohin nun? Wieder landauf und landab in seiner alten Weise. Der Traum war ausgeträumt; der nüchterne Tag blickte ihm in die Augen.

Jahrelang, mehr als ein Jahrzehnt hindurch hatte ihn nichts gekümmert, als seine politischen Ideale. Ein rüstiger, kraftfroher Schwimmer, hatte er sich in den Wogen des Parteigetriebes getummelt wie ein Delphin. Jetzt zum ersten Male empfand er ein inneres Widerstreben gegen das Leben Kain’s, des unsteten und flüchtigen; es schien ihm, als ob sein Blut schwerer geworden sei, die Spannkraft seiner Muskeln nachgelassen habe.

Er fragte sein Herz, was das Glück sei, und es antwortete ihm mit einem bittersüßen Gefühl, dem er sich willenlos überließ.

Er ging einen schmalen Weg zwischen Zäunen, an deren Fuße die Nesseln in Büschen wuchsen, und betrat endlich feucht aufgeweichten Gartenboden, auf welchem sein Fuß tief in die Grasnarbe einsank. Zwischen den von Nässe glänzenden Obstbäumen blickte das weißgestrichene Haus mit den grünen Fensterläden, um welche der Wein rankte, lockend herüber zu dem langsamen, nachdenklichen Manne, und er schritt auf dasselbe zu, scheu um sich blickend wie ein Knabe, welcher naschen will.

Die Fensterscheiben, zu denen er hinüberschielte, starrten ihn leblos an; eine leise Hoffnung, hinter ihnen ein Mädchenantlitz zu gewahren, hatte ihn getäuscht. Er stand zaudernd an der Thür, die Hand auf den Drücker gelegt. Aber was wagte er denn? Er wollte sich verabschieden.

Eine Magd, die er im Hausflure nach Fräulein Hornemann fragte, wies ihn die Treppe hinauf in deren Zimmer. Milli saß im bequemen Hauskleide da und wandte ihm den Rücken, als er durch die knarrende Thür trat, aber der schwere Männertritt in der Stube verkündete ungewohnten Besuch. Sie drehte den Kopf, und als sie seiner ansichtig ward und mit leichtem Erröthen aufsprang, sah er, daß sie geschrieben hatte.

„Ich muß wandern, Fräulein Milli, und will Ihnen zuvor Lebewohl sagen.“

„Wo kommen Sie her, Harro? Was ist gestern in der Stadt geschehen? Ich fürchte, nicht viel, denn meine Freundin ist den Abend noch nach Hause gefahren und würde mich nicht haben verlassen dürfen, wenn es Unruhen gegeben hätte.“

Der Friese erzählte mit wenigen Worten die Geschichte seiner Fahrt, und das schöne Mädchen hörte mit athemloser Aufmerksamkeit zu; nur gegen das Ende der Erzählung flüsterten ihre von bewunderndem Stolze geschürzten Lippen: „Mein Karl, mein lieber, gewaltiger Bruder!“

„Ich muß also meinen Stab weiter setzen,“ schloß Harro. „Ich bin ja an die Luftveränderung gewöhnt; der Regen und der Sonnenschein sind beide meine Wandergesellen. Aber ich möchte mir eine Last von der Seele wälzen, bevor ich scheide; ein Wanderer darf kein schweres Gepäck mit sich schleppen. Ich danke Ihnen vierzehn schöne Tage – es waren ihrer noch mehr, glaube ich, aber sie schlossen mit ein paar dunkeln unverständlichen Stunden ab. Sie verstehen wohl, was ich meine –“

Sie hatte während dieser Rede die Farbe gewechselt und angstvoll verlegene Blicke auf die blühenden Büsche von Lack und Geranium im Fenster geworfen – plötzlich fiel sie ihm in’s Wort:

„Nicht weiter, Harro – ich flehe Sie an; ich kann Ihnen darüber keine Aufklärungen geben –“

„Mißverstehen Sie mich nicht! Ich will nur Eines fragen: ist Ihr Herz schon gebunden?“

„Ich bin verlobt,“ sagte sie leise mit blassen Lippen.

„Das genügt,“ gab er mit scheinbarer Ruhe zur Antwort. „Es wäre ein Wunder, wenn Sie es nicht wären. Möchte der Mann Sie verdienen, der Sie besitzen wird! Ich werde vorläufig von ihm glauben, daß er kein Schuft ist,“ fügte er forschend hinzu.

„Es ist nicht Urban –“

„Gott sei Dank! Das ist das Zweite, was ich gern gewußt hätte. Vergessen Sie einen Freund nicht, und wenn Sie, wie alle Frauen gern thun, später einmal von Ihren Triumphen erzählen, so sagen Sie: auch Ahasver, der ewige Jude, hätte Sie geliebt, es hätte ihm aber nichts genutzt, denn er sei verflucht zum Wandern. Leben Sie wohl, Fräulein Milli!“

Sie reichte ihm stumm die Hand, die er mit heißen Lippen küßte. Dann schritt er, ohne sich umzusehen, hinaus, das hohe, blondlockige Haupt, das beinahe die gedrückte Decke erreichte, tief neigend, als er durch die Thür ging.

Sie preßte die Hand auf das Herz, und ihre braunen Augen wurden feucht. Endlich athmete sie tief auf und fuhr sich über die Stirn. „Das wäre der letzte schwere Augenblick, die letzte Abwehr. Der Weg ist frei, ganz frei. Nun komme, was kommen muß! Es giebt mehr arme Seelen, die auf Gräbern sitzen und weinen müssen.“

Sie nahm Platz, um weiter zu schreiben, aber die Hände versagten ihr den Dienst, und sie legte die Feder nieder. Am Fenster stehend, starrte sie trübe auf den Fluß und den wolkenverschleierten Berg hinüber.

Der Friese gelangte in den naßkalten Wald, tapfer vorwärts schreitend und den Stock schwingend. Nur seine unruhigen Augen, welche wenig auf den Weg achteten, und ein leiser Zug von Wehmuth um den Mund sprachen von innerer Bewegung, von dem Geheimnisse eines kranken Herzens. Er war bereits, in Gedanken verloren, über die Stelle hinausgegangen, wo die Zigeunerniederlassung gestanden hatte, als ihm die Erinnerung an diese Leute kam; ein Zug mitleidigen Interesses führte ihn die paar Hundert Schritte zur Waldwiese zurück. Da sah er denn, daß, abgesehen von den aufgerichteten Reisigwänden des Zeltes, jede Spur ihrer Anwesenheit verschwunden war. Aber eine Stunde später etwa holte er ihr langsam schleichendes Gefährt ein. Der Mann und der Bursche gingen nebenher; von dem Mädchen war nichts zu erblicken. Seine Begrüßung wurde kalt erwidert; wortkarg nahm man seine theilnehmenden Fragen auf, und als er sich nach der Zigeunerin erkundigte, die er unter der Plane des Wagens zusammen mit den Kindern vermuthete, erfolgte erst gar keine Antwort, bis der Bursche endlich sagte, sie sei auf einem kürzern Wege zum nächsten Nachtquartiere vorausgegangen. Die Gesellschaft wurde dem Friesen zuletzt unbehaglich, und er wanderte nach kurzem Abschiede beschleunigten Schrittes voraus. –

Der Tag war bereits ein gutes Stück weiter vorgerückt – da [275] saß der Doctor Urban am Fenster in der Putzstube der Wirthin. Er hatte das ihm angewiesene Bett in der anstoßenden Kammer verlassen, und sein blasses Gesicht mit der Binde über der Stirn sah finster, doch ohne den sonstigen Ausdruck von Energie, durch die Scheiben hinaus, wo hinter Sommerblumen und Gemüse die Pappeln der Chaussee sich hinzogen. Seine Hand knitterte mechanisch an dem Briefe Harro's, und seine Gedanken wühlten in dem Schutte, zu dem das mißgünstige Geschick den babylonischen Thurmbau seiner Revolution dicht vor der Vollendung so schnöde zertrümmert hatte. Wer war denn jener Karl Hornemann, daß man ihm allen Trumpf in die Hände gab, während man seinen eigenen Rath wie das Erzeugniß einer unreifen Knabenphantasie bei Seite geschoben und die kühne Schöpfung eines großen geistigen Kraftaufwandes mit feindseliger Hand durchstrichen hatte, weil der Pascha vom Wiedenhofe es so gewollt? Die Eifersucht, der gekränkte Ehrgeiz im Herzen des einsam brütenden Mannes ringelten sich wie Schlangen um die Gestalt des frühern Freundes und sahen ihr drohend in die Augen. Und neben den Pascha stellte sich plötzlich das schöne Mädchen, das er tiefer geliebt hatte, als er selber geglaubt, und sein Herz kochte auf in Groll und – Scham über den mißlungenen Theatercoup, den er aufgeführt hatte und der ihm jetzt, da er mit dem Leben davongekommen war, unendlich lächerlich vorkam. Seine Faust ballte den Unglücksbrief einen Augenblick fester zusammen, und er dachte heimlich den Wunsch, daß er lieber als stiller, lebloser Menschenrest irgendwo im Ufergestrüpp hängen möchte, als daß er erwarten mußte, ihr wieder zu begegnen. Jener Ausgang hätte wenigstens etwas Tragisches gehabt.

Pah! – Sein Stolz bäumte sich auf, und sein mattes, schwerfälliges Ich versuchte mit gewaltsamer Anstrengung die Fittiche zu rühren, um alle die Widerwärtigkeiten zu überfliegen.

„Es giebt mehr begehrenswerthe Weiber. Warum gerade dieses unbeugsame, unberechenbare Mädchen? Warum nicht ein lustiges, blühendes, reiches – Was ist das?“

Sein Auge spähte durch den rieselnden Nebel zwischen das Gitter der Pappelstämme, und er glaubte an ein paar eilfertig die Chaussee herabkommenden Gestalten das Roth von Polizei- oder Militäruniformen zu erkennen. Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf: suchte man hier Jemanden, so war es ohne Zweifel der Friese. Wie, wenn der Wirth nicht gewarnt war und harmlos die nächtliche Anwesenheit desselben zugestand?

Der eifersüchtige Verdacht, der im Kahne wegen der unvermutheten Erscheinung Harro’s in ihm aufgeglommen, war erloschen; er sah in diesem nur den Verbündeten, dessen Flucht er sichern helfen mußte. Er erhob sich und stieg, so schnell ihm das möglich war, die Treppe hinunter. Der Wirth war in der Scheune, wo man Strohseile wand, und begrüßte mit Verwunderung den Anblick des Reconvalescenten, der ihm hastig winkte.

„Es kommt wahrscheinlich Polizei,“ empfing ihn Urban; „um’s Himmels willen verleugnen Sie, daß Herr Harro seit gestern Morgen einen Fuß in das Haus gesetzt hat, und schärfen Sie Ihrer Frau und den Leuten ein, dasselbe zu thun!“

Der Wirth besann sich einen Moment, wer den Friesen am Morgen gesehen haben könnte, lief dann, während Urban in’s Haus zurückkehrte, in die Scheune und holte Jenen in dem Moment auf dem Hausflure ein, wo die Thür sich öffnete und – Donner in Person mit zweien seiner Leute eintrat.

„Uff!“ schnaufte dieser, prallte aber plötzlich vor der Erscheinung Urban's zurück und blickte ihn mit scharfen Polizeiaugen an; „wie – der Geier! – was ist denn mit Ihnen geschehen? Haben Sie ein Duell gehabt?“

Urban lächelte schwach. „Die Mondschein-Romantik plagte mich vorgestern Abend, hier einen Kahn zu besteigen; ich kam dem Falle zu nahe und – die Folgen sehen Sie. Es ist zum Glück alles leidlich abgelaufen.“

Er begleitete den Ueberraschten in die Wirthsstube.

„Und auf welcher Fährte laufen Sie denn bei dem Wetter umher?“

„Ja so – einen Augenblick Geduld!“ entgegnete Donner rasch und verließ das Zimmer. Draußen hörte man ihn mit dem Wirth sprechen.

„Suchen Sie Jemand?“ fragte Urban die Sergeanten. Diese sahen einander an und verzogen die Gesichter wie in einer lustigen Erinnerung.

„Es ist diese Nacht Einer entsprungen, ein Hauptdemokrat, den wir gestern gefangen hatten, und der Herr Commissar meint, er wäre von hier gekommen und wäre wahrscheinlich auch wieder hierher zurückgegangen.“

„Hm, dann wäre er dumm genug gewesen.“

„Schadet nichts. Die Gegend wird untersucht,“ sagte die Stimme Donner’s vor der Thür. welche sich öffnete, um diesen und den etwas Getränk bringenden Wirth einzulassen.

„Ich höre, Sie haben Unglück gehabt,“ meinte der Arzt.

Der Commissar überlegte einen Augenblick. „Kommen Sie mit hinüber in die Wohnstube, Doctor! Ich habe Ihnen allerlei zu sagen. Der Wirth kann mein Bier ebendahin schaffen.“

„Es ist um toll zu werden, sage ich Ihnen,“ fuhr er erregt heraus, als sie in der Bauernstube allein waren. „Ich bin verrathen und verkauft und im Grunde ganz überflüssig. Beiläufig: wissen Sie schon, daß der ganze Empfang zu Wasser geworden ist?“

„Woher soll ich das wissen?“

„Richtig. Nun: es ist Alles verregnet und der Hornemann mit seiner Gesellschaft –

„Karl Hornemann?“

„Natürlich – der ist die Hauptperson, wie ich mir halb und halb vorher gedacht; eine herrliche Liste habe ich – das kann ich Sie versichern. Kurzum die Rädelsführer mit ihrem Abgeordneten sind jämmerlich bei Nacht und Nebel in die Stadt gefahren. Nun aber die Hauptsache: die Demokraten in der Stadt durfte ich ja nicht anrühren, auf höheren Befehl; Sie wissen schon. Wie ich aber die Gesellschaft am Triumphbogen, die sich wie ein Hühnervolk im Regen zusammenduckte, durch ein Fernrohr beobachten lasse, erfahre ich, daß sich mit einem Male ein berüchtigtes Subject, ein gewisser Harro, dazwischen befindet, der schon einmal heimlich in der Stadt gewesen ist. Woher er so unerwartet angelangt, habe ich glücklich herausbekommen. Der Mensch hat die Dreistigkeit, mit Bandmüller, dem Factotum von Seyboldt und Compagnie, seelenruhig in die Stadt zu gehen; ich locke ihn in eine Falle und schaffe ihn gegen Abend ohne Aufsehen in das Fuchseisen. Er sitzt fest eingeschlossen und eingeriegelt und – heute früh ist er verschwunden. Keine Spur von Gewalt; die Schlösser, alles in Ordnung. – Ich versichere Sie,“ schloß er heimlich und mit aufeinander gebissenen Zähnen, „ohne allerhöchste Mitwirkung kann er nicht entwischt sein. Es ist nicht möglich.“

„Weiß denn der Schließer nichts?“

„Der alte Taugenichts behauptet es wenigstens. – Sehen Sie dorthin, Doctor – sehen Sie dorthin – –“

Donner sprang vom Stuhle auf und zeigte nach dem Fenster. „Zehren, so wahr ich lebe!“

Das Auge Urban's flammte vor Haß und sein Gesicht wurde noch blasser, als es ohnehin schon war. Der Fabrikant schritt langsam, einen Mantel um und den zugeklappten Regenschirm in der Hand, neben einem Bauer her, „einem Wegweiser – zu ihr,“ dachte Urban.

„Das bringt mich gleich auf ein zweites Capitel,“ fuhr Donner fort und schlug zornig mit der Faust auf eine Stuhllehne. „Denken Sie denn, daß mir die Briefe etwas genützt haben, die ich Ihnen neulich zeigte? Ich rapportire der Vorsicht halber darüber an maßgebender Stelle; was geschieht? Zwei Tage nachher bekomme ich die Antwort: die Briefe wären jedenfalls gefälscht und würden zu den Acten genommen; statt mich um Zehren zu kümmern, sollte ich lieber zu erfahren suchen, wer der Fälscher sein könnte, um nach dieser Richtung hin Weiteres zu veranlassen. Das alles ist – offenbarer Landesverrath; ich spreche es ruhig aus, selbst auf die Gefahr hin, daß Sie es dem Herrn Oberbürgermeister wiedersagen.“

Ein lauernder Blick des Commissars fiel auf seinen Zuhörer.

„Sie sind nicht klug,“ erwiderte Urban, der nur mit halbem Ohre zugehört hatte und Zehren mit den Augen gefolgt war, bis die Gärten ihn verbargen. „Ich dächte, ich hätte schon mehr Gefährliches aus Ihrem Munde gehört.“ Mit einem Male schlug er dem Commissar auf die Schulter. „Donner, haben Sie nie daran gedacht, daß auch ein Oberbürgermeister-Sessel wackelige Beine hat?“

„Wie – – was? stammelte dieser; „ist das Ihr Ernst?“

„Die Politik ist mir bisher gleichgültig gewesen, aber was ich von Ihnen gehört habe, regt den loyalen Unterthanen in mir auf. Warum thun Sie nicht dem Staate und sich selber den [276] Gefallen, dieses Treiben am geeigneten Orte in’s rechte Licht zu stellen?“

„Es würde mir nichts nützen.“

„So? Nun, ich will Ihnen ein paar Adressen geben, deren Benutzung Ihnen den Beweis vom Gegentheil in die Hand liefern würde.“

Der Commissar war in vollständiger Verwirrung; eine Weile haschte er vergeblich nach Worten, dann platzte er endlich heraus: „Bei meiner armen Seele, ich dachte immer, daß ich kein ganz dummer Beamter wäre, aber gegenüber dem, was Sie da eben gesagt haben, wird mir meine Qualität zweifelhaft. Bis auf diesen Augenblick habe ich Sie für einen verkappten Demokraten gehalten. Sie haben mir doch einmal bemerkt, daß der Herr Oberbürgermeister Ihr Freund sei. Und gerade deswegen habe ich Ihnen alles erzählt, was ich gegen ihn auf dem Herzen hatte. Ich wollte, es sollte zu einer Untersuchung gegen mich kommen, und ich hätte es dann so eingefädelt, daß sie zu einer Untersuchung gegen ihn geworden wäre; das war die einzige Möglichkeit, wie ich nach meiner Ansicht ihm beikommen könnte.“

„Freund?“ sagte Urban achselzuckend, „wie man das nimmt! Ich bin sein Hausarzt, und wir standen auf ganz gutem Fuße. Aber Alles hat seine Grenze. Haben Sie Papier da?“

Der Commissar zog seine Brieftasche, und Urban dictirte ihm drei Namen. „So,“ fügte er hinzu. „Nehmen Sie sofort Urlaub! Ich liefere Ihnen damit unsre ganze Demokratie sammt ihrem Schutzpatron an’s Messer. Und nun geben Sie sich wegen jenes Harro keine Mühe weiter! Er stand gestern früh mit Bandmüller vor meinem Bette, und ich habe aus ihrem Gespräche genau verstanden, daß er, wenn er in Gefahr käme, über die Berge steigen würde. Der Wirth hat mir gestern erzählt, daß dieser gefährliche Mensch vierzehn Tage hier schon im Quartier gelegen hätte. Jetzt muß ich mich aber beurlauben. Ich bin äußerst matt.“

Die Beamten entfernten sich, und Urban schlich schläfrig treppauf und warf sich auf sein Bett. Nur traumhaft dunkel quälte ihn eine Gruppe, in welcher er Franz Zehren die Schwester des Pascha umarmen sah, und leise empfand er ein schmerzliches Nagen in seiner Brust – das Nagen der Reue. – –

Franz Zehren Milli Hornemann umarmen! Daran hatte der schüchterne, ehrliche, junge Fabrikant wahrlich nicht gedacht, als er neben seinem Führer dem Hause zuschritt, in welchem der Gegenstand seiner glühenden Neigung wohnte. Eine Göttin umarmt und küßt man nicht; man betet sie an. Auf die Kniee wäre er wohl vor ihr gesunken, und ihre weiße Hand hätte er an seine Lippen geführt, wenn er nicht zu viel männliche Würde besessen hätte, der wohl auch von Haus aus eine gewisse Steifheit zu Grunde lag, und – wenn er nicht noch einen andern Grund gehabt hätte, dies zu unterlassen. Er sah so ernst und so trübe aus, als er vor dem schönen Mädchen stand, das ihn als Bräutigam erwartet hatte, und als er die treuherzigen blauen Augen unsicheren Blickes auf sie richtete.

„Ersparen wir uns alle verlegene Einleitungen!“ sagte Milli Hornemann mit dem tiefen Ton ihrer klaren Altstimme kalt, aber nicht unfreundlich. Sie reichte ihm ihre Hand, die er ein paar Secunden fest in der seinigen hielt. „Ich betrachte Sie als meinen künftigen Gatten und gelobe Ihnen Treue,“ scandirte sie deutlich, als ob sie sich plötzlich besonnen hätte, daß er ja nur die Bewegung ihrer Lippen verstand.

Er hatte genug Worte erfaßt, um den Sinn ihrer Rede vollständig zu errathen, und schüttelte leise den Kopf.

„Ich habe mit Ihrer Frau Mutter gesprochen und erfahren, was die Ursache ist, der ich mein Glück verdanken soll, mein theures Fräulein. Ihre Frau Mutter ist mir ehrwürdig, und die schwere Last, welche sie trägt und welche zu erleichtern in meiner Macht steht, soll sie, soviel an mir liegt, keinen Augenblick länger drücken. Ich denke, Sie mißverstehen mich nicht, wenn ich es für unverträglich mit der Ehre eines Mannes halte, die Verlegenheit einer Familie zu benutzen, um sich eine Lebensgefährtin zu erzwingen. Sie lieben mich nicht, denn Sie haben bis jetzt einen Andern geliebt, und man wendet ein Herz nicht um, wie einen Handschuh. Ich glaube auch nicht, daß ich die Eigenschaften besitze, um das zu entflammen, was man gewöhnlich Liebe nennt; mein körperliches Gebrechen bildet dafür wohl allein schon ein unübersteigliches Hinderniß. Aber es wäre vielleicht möglich, daß ein Mädchen, das mich länger kennt, Achtung genug für mich empfindet, um mir ihre Zukunft anzuvertrauen. Es gab eine Reihe unglücklicher Tage, wo ich Ihre Abneigung erfahren mußte und der Hoffnung lebte, Ihnen an Stelle der Abneigung wenigstens jene Achtung einflößen zu können. Seit ich erfuhr, daß Sie liebten, habe ich auch auf diese Hoffnung verzichtet, denn entstehen kann jene Achtung wohl neben der Liebe – Frucht bringen kann sie nicht.“

Er hielt einen Moment inne; ein Strahl von Theilnahme, der ihre Augen warm verklärte, verwirrte ihn, und seine Blicke glitten an den vollen, blendenden Armen nieder bis zu den Händen, die sich in einander falteten. Dann raffte er sich noch einmal zusammen und schloß mit bebender Stimme: „Ich kenne die Leidenschaft der Verzweiflung nicht; es ist unwürdig, sich ganz an ein Unglück zu verlieren. Ich will meinen Weg einsam durch Arbeit gehen. Vielleicht achten Sie mich jetzt so weit, daß Sie fortan in mir einen Freund erblicken. Sie sind frei von jeder Verpflichtung gegen mich, los und ledig. Ich bitte um kein Zeichen Ihres Dankes, außer um die Erlaubniß, heimkehren zu dürfen.“

Emilie deutete stumm auf einen Stuhl, und er gehorchte zögernd ihrer Aufforderung und nahm Platz. Er wagte nicht sie anzusehen und vernahm nichts von den abgebrochenen Worten, die sie vor sich hinflüsterte.

Sie war schon so sicher und so entschieden gewesen; die klare Ruhe des Entschlusses hatte etwas so Wohlthuendes für sie gewonnen, daß sie dankbar dafür war nach allen den Zweifeln, dem Ringen, den Qualen und Stürmen der letzten Zeit. Warum mußte dieser Mann kommen, um sie noch einmal vor die Entscheidung zu stellen? Nein – sie wollte Ruhe haben; die Brücke, die sie in jener Nacht hinter sich abgebrochen, als sie aus dem Kahne des Gewaltthätigen gesprungen war in die aufblitzende Fluth, sie sollte abgebrochen bleiben. Vielleicht mußte sie es sogar, denn sie hatte den Mann, der um ihren Besitz das Aeußerste wagte, in den Tod fahren lassen, vor dem nur ein Wunder ihn bewahrt hatte. War er nicht damit aller Wahrscheinlichkeit nach für sie verloren? Der Gedanke, die Braut des braven, ehrenhaften Mannes zu werden, der dort vor ihr saß, war ihr etwas Vertrautes geworden.

Und doch – wenn sie dachte, daß sie seinen Kuß, seine Umarmung dulden müßte – –. Ein leiser Schauder überkam sie. –

Plötzlich richtete sie sich entschlossen auf. „So geht es vielleicht,“ murmelte sie.

Auf dem Tische stand noch das Schreibzeug neben dem Papier. Zehren, der mit klopfendem Herzen in seiner gedrückten Haltung verharrt hatte, blickte empor und sah, wie die biegsame Gestalt des geliebten Mädchens halb abgewandt sich vom Stuhle über den Tisch neigte und wie die Feder in ihrer Hand in raschem Fluge die Zeilen füllte. Dann streute sie Sand darauf, nahm eine Oblate – und nun stand sie, das Antlitz in tiefes Roth getaucht, vor ihm und überreichte ihm ruhig und freundlich den Brief, auf welchem als Aufschrift die Worte standen: „Unterwegs zu lesen!“ – Er verneigte sich, aber er sah, daß sie ihm die Hand darbot, und plötzlich, ehe er wußte, wie es kam, merkte er, daß er die Hand an seine Lippen preßte. –

„Zwei an einem Morgen,“ sagte das schöne Mädchen mit wehmüthigem Lächeln und gedachte des stattlichen Friesen, der jetzt schon fern dem Rheine zuwanderte.

Als Zehren leichten Schrittes und mit wundersam verklärtem Gesicht die Stadt betrat, riß die Sonne die Wolken auseinander, daß das himmlische Licht jäh über Häuser und Straßen fluthete. Die Glocken läuteten feierlich dröhnend vom Thurme der katholischen Kirche, und aus der Entfernung vernahm man das Blasen der Musik und schwach hallenden Gesang.

„St. Kilian,“ sagte der Glückliche überrascht, als er in die weite gerade Flucht der Kaiserstraße hinunter sah. Fahnen flatterten; eine Menschenmenge hatte sich vor dem Kirchplatze gestaut, und als er näher kam, unterschied er die weißgekleideten Mädchen mit den lockigen, bekränzten Blondköpfen und den sauberen, blühenden Kindergesichtern, Blumenguirlanden und Dekorationsstücke tragend, wie sie eben in die Straße eingebogen waren, und hinter ihnen kamen die Knaben, und dann der Baldachin mit den bunten Chorknaben davor, über denen [278] sich die feinen blauen Weihrauchwölkchen kräuselten, und der Dechant war darunter, der die blitzende Monstranz hielt und die assistirenden Geistlichen neben sich hatte, – in Farbenglanz und Sonnenschein wickelte sich die Procession aus der tausendköpfigen Zuschauermenge.

Der Heilige feierte seinen Triumph, und die Freiheit saß müde in ihrem dunkeln Winkel und rieb sich die wunden Stellen, welche ihr die Fesseln gedrückt hatten in der kurzen vergeblichen Anstrengung, sie zu zerreißen, und sie seufzte dazu.

Zur nämlichen Stunde aber ging ein Mann schnell durch eines der ärmlichen, engen Gäßchen am Wasser und trat in ein Haus, das so baufällig, bröckelig und schmutzig war, wie seine ganze Umgebung, und einen Augenblick nachher stand der Mann vor einer wurmstichigen Bettstelle, in der zwischen dünnen Kissen ein Mensch sich krümmte, jammernd und mit hohlen Augen im bleigrauen Gesicht den Arzt anstarrend, der sich über ihn neigte und dessen Antlitz sich plötzlich entfärbte, daß es aussah, als ob der Wiederschein von dem Krankengesicht da unten sich in ihm spiegele.

„Gott erbarme sich unserer guten Stadt!“ flüsterten die Lippen des Arztes – „das ist die Cholera!“

[306]
16.

Die Cholera in der Stadt!

Lakonisch und so versteckt wie möglich hatte das locale Blatt von jenem ersten Falle der gräulichen Seuche Meldung gethan, welcher in dem verfallenen Häuschen in der Nähe des Wassers ein Menschenleben ausgelöscht hatte, und der hinzugefügte kurze Wunsch, daß dieser Fall vereinzelt bleiben möge, war nicht in Erfüllung gegangen.

In den ersten zwei Tagen starben fünf Menschen, in den folgenden beiden ihrer acht. In dem nämlichen Verhältnisse ungefähr schwoll das Verderben weiter.

Auf den Todtenhöfen traf man Vorbereitungen. Wagen mit Kalk gefüllt langten an und entledigten sich ihrer Last an der Mauer. In einer Ecke klaffte eine Grube; Arbeiter in ihren blauen Blousen standen darin und warfen mehr und mehr Erde heraus, und sie waren merkwürdig still bei ihrem Thun und tranken häufiger als sonst wohl aus ihren Flaschen. Die Zeit, wo diese Grube eine Nothwendigkeit wurde, sollte rasch genug kommen. Die ersten vierzehn Tage strichen über hundert Menschen aus dem Buche der Lebendigen.

Ein dumpfes Gefühl der Unsicherheit, eine heimliche Angst brütete in den Stuben der festgesperrten Häuser und auf den verödeten Straßen. Aus den reichen Stadttheilen rollten dann und wann Wagen, mit Kisten und Koffern bepackt, in’s Freie hinaus, ohne wieder zurückzukehren. Die Insassen, vermummt und verstört, hielten bis weit vor die Stadt die Hitze hinter verschlossenen Fenstern aus, fürchtend, daß der giftige Hauch sie im letzten Augenblicke der Flucht noch anwehen könnte, und schlossen die Augen, wenn der Zufall wollte, daß sie einem Sarge begegneten oder daß von einer Thürklinke her ein schwarzer Flor ihnen entgegenwehte. Die Todtenhäuser mit den schwarzen wehenden Floren waren noch durch etwas Anderes gekennzeichnet: sie hatten die Laden und Jalousien zugeschlagen.

Wer die Wege des Windbuckels beschreiten mußte, auf dem der Friedhof lag, schlich scheuen Blickes bei den langgezogenen Mauern vorüber. Die Glocken auf den Thürmen, welche sonst jeden feierlichen Einzug in das stille Reich der letzten Ruhe mit ihrem dumpf gewaltigen Klange begleitet, schwiegen jetzt, wenn dunkle Trauerzüge jene schmalen Holzgehäuse einführten, welche zerfallene Menschenruinen bargen.

Am Ende jener vierzehn Tage gab es kaum ein Trauergeleite mehr, nur daß hier und da ein Familienglied sich der Todtenfrau und dem Polizeidiener zugesellte, welche hinter dem rumpelnden Wagen hergingen, um draußen das Begräbniß zu constatiren. Und endlich flüchteten sich diese Acte unter den Schleier der Nacht; an der Wagenleiter schimmerte gelbröthlich die schwankende Laterne; schattenhaft bewegten sich das Pferd und ein paar Menschen neben dem Fuhrwerke. Den Wagen stellte die Stadt, und das Volk nannte ihn die „Petruskarre“.

Und zu allem dem schien den Tag über am wolkenlosen Himmel eine lachende Sommersonne. Kaum ein Hauch bewegte die Luft; die Blumen dufteten, und die Vögel sangen in das Menschenelend.

Eines Nachmittags hielt ein Wagen vor dem Hause, in welchem Urban wohnte. Der Doctor, welcher seine volle Kraft wiedergewonnen hatte, war eben von einem Berufsgange nach Hause gekommen und saß auf dem Sopha, um sich einen Augenblick Ruhe zu gönnen, als eine Hand an sein Fenster klopfte und das Gesicht des Kutschers Johannes sich spähend an die Scheibe drückte.

Der Gestörte sprang, ein paar ärgerliche Worte zwischen den Zähnen murmelnd, auf und öffnete das Fenster.

„Was giebt es denn, Johannes?“

„Der Herr Doctor möchten sich nur gleich in den Wagen setzen und mitkommen, denn unser gnädiges Fräulein ist krank geworden.“

„Fräulein Toni krank? Um des Himmels willen doch nicht an der Cholera?“ –

„Wie Gott will; ich habe sie nicht gesehen und weiß es nicht, ob es die Cholera ist.“

Urban war blaß geworden; es war das erste Mal seit dem Ausbruch der Epidemie, daß ihn bei der Nachricht von einer Erkrankung ein Schauer überrieselte.

Das reizende, blühende, muntere Mädchen in der Gewalt des Scheusals: – „Es wäre entsetzlich,“ sagte der eiligst Hinausstürzende. Er warf sich in die Kissen und rief: „Vorwärts in Dreiteufelsnamen! Je eher wir kommen, desto besser!“

Die Apfelschimmel flogen; die Räder rasselten, und doch dünkten die Minuten, welche der Wagen brauchte, ehe er vor dem Hofthore des Commerzienraths still hielt, dem Darinsitzenden eine halbe Ewigkeit. Auf dem Balcone über den Karyatiden stand der Commerzienrath in Ungeduld und winkte hinunter.

„Halten Sie hier, Johannes!“ sagte Urban im Hinausspringen. „Vielleicht müssen Sie sofort zur Apotheke fahren.“

Auf der Treppe kam dem hastig Hinausstolpernden der Fabrikant entgegen.

„Das haben Sie davon,“ warf ihm Urban fast zornig entgegen, „daß Sie dieses Nest nicht bei Zeiten verlassen haben. Aber da kann man sich von seinen Schnurren und Spulen nicht trennen und von den dicken Hauptbüchern und meint, ohne Unsereinen ginge das Geschäft zu Grunde. Hätten Sie doch Alles drunter und drüber gehen lassen und gethan, wie ich Ihnen gesagt habe! Es hätte auch nichts geschadet.“

„Sie haben Recht, Doctor,“ erwiderte der Commerzienrath, dessen fahles Gesicht von Angst verstört war und dessen sonst peinlich sorgfältige Toilette Verschiedenes zu wünschen übrig ließ. „Es ist auch schon Alles gepackt, und noch heute Abend wollten wir abfahren; da fängt mir das Mädchen nach Tische zu klagen an. Vergebens, daß ich sie zu bewegen suche, das Bett zu Hülfe zu nehmen – Sie wissen, Herr Doctor, daß Sie mir dies für den Fall eines Unwohlseins sofort zu thun verordnet haben – sie hält sich bis vor ungefähr einer Viertelstunde aufrecht, inzwischen ist ihr aber übler und übler zu Muthe geworden, und nun liegt sie da. Mein Gott, nur nicht diese fürchterliche Krankheit – jede andere, nur diese nicht!“

„Treffen denn die Symptome zu? Doch wozu alles Reden! Führen Sie mich zu ihr! Ich will selbst sehen.“

Sie stiegen noch eine Treppe höher, und der Commerzienrath klinkte rasch an einer Thür –

Sie öffnete sich nicht.

„Lisette!“

„Herr Commerzienrath?“ antwortete es drinnen.

„Hat Sie die Thür zugeriegelt?“

[307] „Ja, auf Befehl des gnädigen Fräuleins. Sie läßt um Entschuldigung bitten –“

„Oeffne die Thür! Ich werde mit meinem Schwager sprechen,“ hörte man drinnen die würdevolle Stimme der Tante sagen, und die hagere Gestalt mit dem altjüngferlichen Anstande und dem feierlichen Gesichte erschien auf der Schwelle und wandte sich grüßend zu Urban, indem sie ein Nebenzimmer aufschloß.

„Würden Sie die Güte haben, sich einen Augenblick hier hinein zu bemühen, Herr Doctor?“

Und verdrießlich und verwundert zugleich horchte dieser einen Moment später wider Willen auf die leise geflüsterte Auseinandersetzung der Dame draußen, ohne etwas anderes zu verstehen, als ärgerliche Interjectionen des Commerzienrathes, welche dann und wann den Vortrag unterbrachen, bis die Beiden eiligen Schrittes in das Krankenzimmer gingen.

Urban stampfte ungeduldig die Dielen und musterte stirnrunzelnd die Blumen auf den herabgelassenen Rouleaux, durch welche die sinkende Sonne leuchtete. Plötzlich kam der Commerzienrath herein, ein Gemisch von Angst, Verdruß und Verlegenheit in den Mienen.

„Wie eigensinnig oft Krankheiten machen, Doctor!“ sagte er, und vermied es, Urban anzusehen. „Wollen Sie glauben, daß meine Tochter – wie soll ich mich ausdrücken – – sich genirt, Ihre ärztliche Hülfe in Anspruch zu nehmen?“

„Wie?“ fuhr der Doctor auf und trat einen Schritt näher, als hätte er nicht recht gehört.

„Es ist so. Eine Laune, eine ganz unbegreifliche Laune. Oder haben Sie irgend eine Erklärung dafür?“

In Urban empörte sich etwas; er hatte das Gefühl bitterster Kränkung. Aber er war in solchen Fällen weit entfernt nach Art empfindlicher Menschen sich zurückzuziehen.

„Ich darf wohl annehmen, daß Sie vernünftiger sind als Ihr Fräulein Tochter,“ warf er hastig hin. „Kommen Sie!“

Der Commerzienrath zauderte ein wenig, als der Arzt sich mit zorniger Entschlossenheit zur Thür wandte, und bewegte die Lippen, als wollte er eine Einwendung machen. Dann folgte er kopfschüttelnd.

Toni hatte das weiße Plumeau, zwischen dessen Bändern blaue Seide schimmerte, bis an den Kopf gezogen und das Gesicht der Wand zugekehrt, daß Urban nur die dunkeln, festgesteckten Flechten sah.

„Es ist jetzt keine Zeit, persönliche Abneigung geltend zu machen, Fräulein Toni,“ sprach er, und seine Stimme klang bitter und hart. „Sie haben nicht allein ein Anrecht an ihr Leben, und Sie müssen mir wenigstens ein paar Fragen erlauben, damit ich constatiren kann, ob augenblickliche Hülfe vonnöthen ist, oder ob ich es darauf ankommen lassen darf, daß ein Stellvertreter für mich, den Widerwärtigen, geholt wird. Im letztem Falle verzichte ich darauf, mich Ihnen als Arzt aufzudrängen.“

Sie regte sich nicht und antwortete nicht, aber Urban sah, wie ihr Ohr und ihr schlanker Hals in Röthe flammten.

Der Arzt kreuzte finster die Arme und nagte an der Unterlippe. Er hörte das Seidenkleid der Tante hinter sich rauschen.

„Was ist das für ein Benehmen, Kind!“ sagte strafend die sanfte Stimme der Dame. „Der Arzt ist ein Werkzeug des Himmels, dem man mit Achtung und Ehrfurcht, aber nicht mit Mädchengrillen begegnen soll.“

Urban gab plötzlich die wartende Haltung auf. Er nahm die feine schlanke Hand, die auf dem Plumeau lag, und er fühlte keinen Widerstand, als er nach dem Pulse suchte; dann beugte er sich hinüber und betrachtete das glühende Gesicht. Die Augen waren matt geschlossen und die langen seidenen Wimpern berührten die Wangen. Er merkte, daß sie den Athem anhielt.

„Sie sollen Ihren Willen haben,“ flüsterte er, sich tief zu ihrem Ohre neigend. „Leben Sie wohl, mein Fräulein!“ fügte er laut hinzu, indem er sich aufrichtete und der Tante zunickte. „Sie haben wohl die Güte, mich die Treppe hinab zu begleiten, Herr Commerzienrath.“

„Wie ist’s, Doctor?“ fragte der Letztere draußen. „Darf ich aus Ihrem Benehmen einige Hoffnung schöpfen?“

Die Blicke des Arztes ruhten mit erheuchelter Kälte auf dem kleinen, ängstlichen Manne an seiner Seite. „Ich bin entbehrlich,“ sagte er gleichgültig; „von Cholera ist hier keine Rede, und Sie haben vollkommen Zeit, zu einem meiner Collegen zu schicken. Es ist wahrscheinlich, daß eine Fieberkrankheit im Anzuge ist. Wie lange klagt die Kranke schon?“

„Sie war nicht ganz wohl, als sie von einem Besuche in der Erlenfuhrt zurückkehrte, den ich ihr vor einiger Zeit verstattete. Dann aber hat sie nicht geklagt bis jetzt.“

„Sie wird sich in dem feuchten Thale eine Erkältung zugezogen haben,“ meinte Urban nachlässig.

Sie waren bei der Hofthür angelangt, und der Doctor blieb stehen und sah seinen Begleiter mit flammenden Augen an.

„Meine Thätigkeit in diesem Hause ist zu Ende,“ brach es grollend aus ihm hervor: „Ich bin nicht gewohnt, daß man der Ausübung meiner Berufsthätigkeit solche Schwierigkeiten in den Weg legt. Entweder ich bin allgebietend in dieser Ausübung, oder ich bin nicht in der Lage, die volle Verantwortung zu tragen, und in diesem Falle verzichte ich darauf, Arzt zu sein. Ich empfehle mich Ihnen, Herr Commerzienrath!“

„Bleiben Sie, Doctor!“ rief die flehende Stimme des alten Herrn hinter dem Davoneilenden her – „haben Sie ein wenig Nachsicht –“

Umsonst. Urban hatte den Hut trotzig in die Stirn gedrückt und ging mit weiten Schritten und leise zwischen den Zähnen pfeifend an der harrenden Equipage vorbei, ohne auch nur zu Johannes auf dem Kutschbocke empor zu sehen, der ihm mit verwundertem Brummen nachblickte. Er hatte bereits die halbe Straße nach der Brücke hin zurückgelegt, als der Wagen ihn einholte, und er athmete mit zorniger Befriedigung auf, daß derselbe an ihm vorbeirasselte.

Es giebt Stimmungen, welche jezuweilen bei jedem geistig bedeutenden, ringenden und strebenden Menschen eintreten und jede Empfindung von Glück ausschließen. Irgend ein tief berührender Mißerfolg, ein ganz besonders unangenehmer Zufall pflegt die Veranlassung zu sein, und in seinem Schatten wachen die Geister aller Verdrießlichkeiten auf, deren Spuren im Herzen noch nicht völlig vernarbt sind, und halten einen Hexensabbath ab. Diese sonnenlosen, widrigen Stimmungen erzeugen dem darunter Leidenden ein Gefühl des Lebensüberdrusses, der Feindschaft gegen sich selbst und gegen die ganze Welt.

So war es Urban zu Muthe. Alles, was ihm in der letzten Zeit mißglückt war, stellte sich plötzlich in seiner Erinnerung neben einander und ließ sich nicht bannen: sein fruchtloser Kampf um Emilie, seine vergeblichen Anstrengungen, um Zehren zu schädigen, der erstickte Revolteversuch. Die Verbindung mit seinen alten Freunden war gelockert, um nicht zu sagen zerrissen; überall begegnete er feindlichen, abstoßenden Empfindungen; selbst dieses reizende, originelle Pathenkind der Grazien, das er auf dem Krankenlager verlassen, kündigte ihm die Freundschaft auf. Warum? Es war wohl das leidenschaftliche, bis zum Verbrechen leidenschaftliche Va-banque-Spiel in der Erlenfuhrt, das den Widerwillen gegen ihn in ihr wachgerufen hatte; er konnte kaum daran zweifeln.

Eine leise Stimme mahnte ihn zur Demuth, zur Umkehr, zum Neubau seiner Beziehungen zu der Welt, die ihn umgab, aber sein Trotz setzte dem stillen Mahner den Stiefelabsatz auf den Kopf und zertrat ihn. „Gegen eine Welt!“ sagte er bei sich. „Ich beuge mich nicht.“

Er bog in die Canalstraße ein. Vor dem Hornemann’schen Hause stand eine Ansammlung von Leuten, und als er näher kam, konnte er in den Gesichtern die ganze Scala von der trüben Bekümmerniß bis zur verzerrten Angst wahrnehmen. Viele dieser Gesichter kannte er, und er blieb einen Moment stehen.

„Was treibt Ihr hier? Was geschieht in diesem Hause?“

„Herr Hornemann hat ein Mittel, das gegen die Cholera hilft – er hat schon ein paar Kranke gesund gemacht –“ tönte es im Chorus, und ein paar Namen wurden genannt.

„Ah, die Arznei!“ sagte Urban überrascht, und in Gedanken sah er die Flaschen vor sich, die der Pascha ihm einst in die Wohnung gebracht und welche noch unberührt in der Schublade lagen. Ein inneres Verlangen trieb ihn an, treppauf zu steigen zu dem einstigen Freunde, um Näheres zu erfahren. Dann zuckte er die Achseln und ging mit scheinbarer Gelassenheit über den Steg; seiner Wohnung zu.

„Es ist vorüber zwischen uns,“ sprach er bei sich selber; „er hat es so gewollt, und ich habe noch nie um Freundschaft gebettelt.“ –

[308] Das Gerücht von der heilkräftigen Arzenei des wunderlichen Mannes, der in dem alten Bau auf der Canalstraße bei Tag und Nacht fast unermüdet kochte und braute, durchflog rasch die Stadt, und sein Haus glich bisweilen einer belagerten Festung. In großen Nöthen pflegen die Menschen mit Begier zum Außerordentlichen zu greifen und an Wunder zu glauben. Und Karl Hornemann war so zuversichtlich. Alle ehrlichen Erfinder glauben an ihre Erfindungen. Er freute sich, daß man auf der Seite seiner politischen Gegner seine Arznei als Agitationsmittel bekämpfte, und opferte ihr unbedenklich Kraft und Geld.

Endlich ging beides auf die Neige. Die Vermögenden unter seinen vertrauten Verbündeten waren zumeist geflüchtet, und er trug Bedenken, die Zurückgebliebenen in Anspruch zu nehmen, da er das Gefühl hatte, daß er in dieser Angelegenheit das persönliche Vertrauen nicht mit derselben Unbedingtheit fordern könne, wie in seinem politischen Wirken. Er bot den Aerzten sein Recept an. Ein Deputirter derselben prüfte es zwar, schüttelte indessen den Kopf und erklärte, nicht begreifen zu können, wie diese Composition der Seuche entgegen zu wirken vermöge. Damit war die Arzenei Karl Hornemann’s officiell gerichtet. Er lächelte bitter und war im Begriffe, die Hände in den Schooß zu legen. –

Eines Tages erschien zwischen seinen Gläsern und Retorten, in der verräucherten und mit einem scharfen, nicht gerade angenehmen Duft durchwürzten Stube Jemand, an den er in seiner Sorge nicht gedacht hatte, – Franz Zehren.

„Karl,“ sagte dieser lächelnd und legte eine Anzahl Banknoten vor diesen hin, „ich habe durch einen Arbeiter erfahren, daß Dir Kraft und Mittel auszugehen beginnen, um Deine Arzenei zu bereiten; Du hast es gegen den Mann geäußert. Nun, ich bin bereit, Dir mit beiden auszuhelfen. Schlag ein!“

Der Pascha, dessen Gesicht ziemlich blaß und bekümmert aussah, blickte mit seinen strahlenden Augen überrascht zu dem künftigen Schwager empor. „Die Union wird Dir wegen dieses Entschlusses wenig Dank wissen.“

Zehren hatte ihn verstanden. „Ich denke, Du stehst mir jetzt näher als die Union,“ erwiderte er.

Der Pascha dachte ein wenig nach; endlich nahm sein Gesicht einen freundlich schlauen Ausdruck an.

„Du hast ohnehin einige Verpflichtungen gegen mich.“

Er stand auf und nahm aus einem verschlossenen Fache Papiere, welche er Zehren hinreichte. Es waren die Briefe, welche Donner auf der Post mit Beschlag belegt hatte, und die Hand Karl Hornemann’s hatte den Text der Geheimschrift entziffert zwischen die Zeilen gesetzt.

Der Fabrikant begann neugierig zu lesen und sah gespannt auf den Demagogen, als er mit dem ersten der Documente zum Schlusse gelangt war. Da wandte dieser das Blatt um und deutete auf die Adresse. Zehren wurde bleich. Seine Lippen zitterten vor Aufregung. „Das ist wieder eine niederträchtige Intrigue,“ sagte er heftig.

Der Pascha nickte stumm und bedeutete ihn, weiter zu lesen. Dann nahm er die Papiere wieder an sich.

„Wie sind diese Papiere in Deinen Besitz gelangt?“

„Sie waren bestimmt, Dich zu verderben,“ entgegnete Karl Hornemann langsam. „Die Polizei, welche sie in Deiner Abwesenheit auf der Post an sich genommen, war im Begriffe, sie zu Deiner Verfolgung zu benutzen, und es ist Zeit, sie für immer unschädlich zu machen.“

Er warf die Papiere einzeln in ein Kohlenfeuer, welches auf einem kleinen Herde brannte.

„Bist Du es, der mich gerettet hat?“ fragte erschüttert der Fabrikant.

Der Pascha blinzelte ausweichend mit den Augen.

„Ich verstehe Dich. Und meinst Du, daß es wieder Urban ist, dem ich diese Gefahr danke?“

Ein Achselzucken war die Antwort.

„Karl,“ sagte Zehren begeistert, „verfüge über mich und mein Vermögen!“

„Arbeiten wir!“ meinte der Pascha und zeigte auf die Geräthschaften vor ihm, während ein Schein von Verklärung über die angenehmen Züge seines Gesichts ging. „Du bist mir Ersatz für meine Schwester schuldig.“

Und nun begann eine verdoppelte Thätigkeit auf der von Menschen bestürmten Erkerstube. Zuweilen erschien Frau Hornemann oben, mit welcher eine sichtliche Veränderung vorgegangen war. Sie lachte, wo sie früher kaum lächeln konnte, und auch dies nur hart und glanzlos, wie unter einem äußeren Zwange. Das Starre, Gedrückte, Eckige in ihrer Haltung und ihrem Wesen war nicht völlig verschwunden, aber es hatte sich erweicht, und sie glich, Alles in Allem, einer glücklichen alten Frau, bis auf Augenblicke, wo sich etwas unruhig Nachdenkliches wie ein Schatten über sie breitete.

Ueber der Arzenei Karl Hornemann’s aber schwebte das Verhängniß und in gleicher Weise über Allem, woran sonst noch seine Seele hing. Wenige Tage später geschah etwas, von dessen Möglichkeit sich Niemand hatte träumen lassen, ein Ereigniß von so elementarer Wirkung, daß für kurze Zeit selbst der Engel des Verderbens vergessen war, dessen Flammenschwert mit heimtückischen Streichen seine Saat schnitt.

Der Polizeicommissar Donner war von einer Urlaubsreise zurückgekehrt, und in seiner Begleitung war ein Unbekannter erschienen, der sich im Wiedenhofe einquartiert hatte. Dieser Fremde war am dritten Tage nach seiner Ankunft vor das greise Oberhaupt der Stadt getreten und hatte demselben höflich ein Schreiben überreicht.

Dem alten Herrn waren über dem Lesen die Augen feucht geworden. Nur wenige dürre Worte hatten darin gestanden: daß dem seitherigen Oberbürgermeister der Stadt in Gnaden die wohlverdiente Ruhe gewährt und daß Ueberbringer des Schreibens, Geheimer Regierungsrath Rehling, commissarisch mit der Verwaltung seiner schwierigen Stellung betraut worden sei.

Der Wiedenhof blieb die Wohnung des von der Union, soweit die Furcht vor der Seuche sie nicht gesprengt hatte, mit Jubel begrüßten Verwesers mit der hageren, sauber gekleideten Figur, dem freundlichen, vornehm verschlossenen, glatten Gesichte und dem Toupet à la Louis Philipp, und es war das Jenny-Lind-Zimmer, in welchem er sich niedergelassen. Der Verabschiedete verließ mit seiner Familie zunächst auf einige Zeit die Stadt. Donner aber mußte einen Wink erhalten haben, zu schweigen, denn wie triumphirend auch sein Gesicht aussah, wenn die Rede auf die blitzartig gekommene Veränderung fiel und sehr unzweideutig auf den Zusammenhang seiner Reise mit derselben angespielt wurde, – er hütete sich zu sagen, daß diese Veränderung sein Werk sei. Nur einem Menschen legte er vollständig Beichte ab, nämlich dem Doctor Urban, der mit einem Schlage sein unbedingtes Vertrauen erworben hatte.

Ein paar Versetzungen und Pensionirungen im Beamtenpersonal der Stadt ließen keinen Zweifel über den Geist der neuen Aera; einige Verhaftungen wegen Majestäts- und Beamtenbeleidigungen folgten. Und eines Tages stellte ein Polizeibeamter Karl Hornemann eine Verfügung des Inhaltes zu, daß ihm die Bereitung und Austheilung von Arzenei Mangels jeder Qualification künftig nicht gestattet sei.

Er machte den Versuch, in der Stille zu thun, was er öffentlich nicht mehr thun durfte, aber bei dieser Gelegenheit wurde ihm sofort ein Zweites klar, daß er polizeilich scharf bewacht wurde. Er mußte nach dem ersten heimlichen Abendgange halbwegs umkehren. In der Stube beim Laden drunten, wo er schmerzlich bewegt auf- und abging, erfaßte er die Verfügung, welche in seiner Tasche knisterte. Er rollte sie zu einem Fidibus zusammen, zündete eine Kerze damit an, ging langsam treppauf in sein Zimmer und zerschlug dort seine Gläser und Glasapparate, worauf er die Scherben in den Kohlenkasten warf. Auf die erloschenen Kohlen des Herdes goß er Wasser. Für diese sinnige Natur waren symbolische Handlungen ein Bedürfniß.

Zuletzt nahm er Briefe und Zeitungen, in denen Hoffnungsstrahlen für sein gedrücktes Gemüth leuchten mußten, denn sein Gesicht klärte sich über dem Lesen auf. Als er fertig war, überlegte er.

„Ich will Euch vor Spionen sichern,“ murmelte er, stand auf, knitterte die Papiere zusammen und schob sie auf den Rost eines alten Kachelofens. Einen Augenblick später loderten sie in Flammen auf. – – [309] In der nämlichen Nacht lag Urban auf seinem Sopha, bequem ausgestreckt, wie das seine Gewohnheit vor dem Schlafengehen war.

Plötzlich schrak er auf, denn draußen zog Jemand mit ungewöhnlicher Heftigkeit die Schelle. Er erhob sich, um die Hausthür zu öffnen, und als er, die Lampe in der Hand, den späten Besucher, welcher mit undeutlichem „Guten Abend“ eintrat, recognoscirte, erkannte er den Commerzienrath Seyboldt.

„Was verschafft mir die Ehre?“ fragte er freundlicher, als die anfangs verfinsterte Miene hatte erwarten lassen. Das verstörte, verzweifelte Gesicht des kleinen alten Herrn, der mit sichtlicher Scheu zu ihm aufblickte, flößte ihm Mitleid ein.

„Doctor,“ stieß der Commerzienrath zitternd hervor, „mein Kind, mein Kind! Ich glaube, daß sie stirbt. Ich habe den Sanitätsrath Dolcius und den alten Matthias da gehabt, und die haben sie die Zeit her behandelt und von einem gallig-nervösen Fieber geredet. Heute haben Beide die Achseln gezuckt und gemeint, sie könnten jetzt nichts mehr thun. Mein liebes, schönes Kind, mein Sonnenstrahl wird sterben,“ brach der alte Mann jammernd aus. „Ich habe gebetet,“ fuhr er gefaßter fort, „wie nie in meinem Leben. Ich habe gewiß einigen Anspruch an Gottes Barmherzigkeit, aber der Himmel ist wie zugeschlossen. Doctor, ich gehe nicht aus Ihrem Hause, oder Sie kommen mit mir. Sie können die Verantwortung nicht auf sich laden und einem unglücklichen Vater den letzten Hoffnungshalm in der Hand zerbrechen, Sie müssen mich an das Bett meines Kindes begleiten.“

Und der haltlos Verzweifelte riß mit heftigen Rucken an dem Hausrocke des Arztes, dessen Aufschläge er krampfhaft gefaßt hielt, daß der Schirm der Lampe in Urban's Hand aufspringend klirrte.

Einen Augenblick überkam diesen das alte Gefühl des Grolles, und sein Herz wallte in Bitterkeit auf. „Wenn sie nun einen lichten Augenblick hat und mich erblickt, was dann?“ sagte er mit einiger Ironie im Tone. „Ich fürchte, der Verdruß wird ihr mehr schaden, als meine Kunst ihr nützen kann.“

„Ich nehme Alles auf mich,“ fiel der Commerzienrath hastig ein. „Sie liegt in Fieberphantasien und erkennt Niemanden.“

„Gehen wir!“ sagte Urban kurz.

Sie schritten durch die ruhige, sternenhelle Nacht, in welcher man selbst das nächste Wehr rauschen hörte, und der Arzt fragte Dieses und Jenes über den Verlauf der Krankheit.

Endlich standen sie im Krankenzimmer.

Eine spanische Mattenwand verdeckte das Bett. An einem Tische, auf welchem mitten unter Gläsern und Medicinflaschen wie ein Glühwurm das kleine Nachtlicht strahlte, saß die Frau des Kutschers Johannes; sie hatte den Kopf auf die Tischplatte gelegt und war eingeschlafen. Hinter der Matte hörte man hastig hervorgestoßene, nur halb verständliche Worte – das Fieberlallen des armen jungen Geschöpfes, dessen Natur mit dem Verderber rang.

„Da sitzt sie wieder und schläft,“ flüsterte die zitternde Stimme des Commerzienrathes. „Und den ganzen Tag lasse ich dem Weibe zum Schlafen frei, damit sie in der Nacht munter sein soll.“ Und er stieß die Ermüdete an, daß sie erschrocken auffuhr.

Urban winkte abwehrend gegen Beide, nahm das Glas mit dem schwankenden Lichte darin in die eine, und einen grünen, durchscheinenden Papierschirm in die andere Hand und trat leise hinter die Schutzwand.

Wie blasser Mondschein fiel das gedämpfte Licht durch die Blende auf das fieberverwüstete Gesichtchen, das so schmal und farblos auf dem krausen, wirren Haare lag. Die Augenlider waren nicht völlig geschlossen; über die schwarzen Wimpern lief ein nervöses Zucken, und der feine, bleiche Mund zwischen den tiefliegenden Grübchen schwatzte mit geisterhafter Eile einen Wirbel von Worten, während die weißen, kleinen Zähne zwischen den Lippen hervorschimmerten.

Das Antlitz des Arztes verdüsterte sich einen Moment; als er indessen wieder zu den beiden Anderen trat, hatte er seinen gewöhnlichen ruhig-energischen Gesichtsausdruck angenommen. Er setzte Licht und Schirm auf den Tisch und beantwortete den angstvoll fragenden Blick des Commerzienrathes mit Achselzucken. Dann ging er noch einmal zu der Kranken und fühlte nach der schmalen, kühlen Hand auf der Decke. Der Puls schlug schwach, dann und wann aussetzend.

„Ich werde diese Nacht am Bette der Kranken wachen,“ sagte er, leise zu dem unglücklichen Vater tretend.

Der Commerzienrath reichte ihm die Hand. „Fordern Sie dafür, was Sie wollen, aber retten Sie mein Kind!“

„Sie selbst,“ fuhr Urban fort, „werden sich einstweilen zur Ruhe begeben. Wenn irgend ein besonderer Grund vorhanden ist, lasse ich Sie rufen. Die Frau mag hier bleiben und meinetwegen schlafen, soviel sie Lust hat; bedarf ich ihrer Hülfe, so wecke ich sie schon. Gehen Sie! Für diese Nacht bin ich Herr im Hause.“

[310] Der Commerzienrath zündete ein Licht an und gehorchte zaudernd der gebieterischen Weisung. Als er hinaus war, setzte sich Urban an das Bett und stützte den Kopf in die Hand. In dem stillen, dämmerigen Zimmer war nichts zu hören als das leise Ticken einer Taschenuhr, die schnarchenden Athemzüge der Frau, welche wieder eingeschlafen war, und das flüsternde Geschwätz der Kranken neben ihm.

Er lauschte anfangs unfreiwillig diesem geheimnißvollen Plaudern und gab sich später Mühe, aus dem Wortstrudel Gedanken zu fischen, als er hörte, wie häufig sein eigener Name darin auftauchte. Das Meiste, was sie sagte, paßte in den Rahmen jenes unglücklichen Abenteuers in der Erlenfuhrt, und er konnte immer wieder die Spur des tiefen Entsetzens wahrnehmen, welches sich mit der Erinnerung daran in die Seele des jungen Mädchens geprägt hatte. Ein Frösteln überkam ihn bei dem Gedanken, daß er selber es war, der den Giftsamen zu dieser zerstörenden Wirkung gesäet hatte. Blitzschnell wechselten die Bilder, oft nur in zwei, drei Worten angedeutet, aber für ihn leicht erkennbar; manches davon kehrte häufig wieder, am häufigsten der Kahn, der auf der Höhe des Wassersturzes schwebte und im Begriff war zu verschwinden, und die Vorstellung, daß er gegen den Felsen zerschmettert wurde und zerrissen und blutend gegen die Brücke hin trieb. Nur selten leuchtete dazwischen ein leises Lachen des Glückes auf, wie das Kichern eines versteckten Kindes, oder fremde Bilder, von denen er wenigstens eines begriff: die weißen Flügel eines Schwanes, der über das Wasser zog. Er dachte an die Zigeunerin und ihre wunderliche Prophezeiung.

Aber das Merkwürdigste für ihn war die Art, wie sie seinen Namen aussprach. Er war für sie immer wieder ein Anderer. Der ganze Farbenvorrath der Empfindung beleuchtete nacheinander diesen oder vielmehr diese Namen, denn sie nannte ihn abwechselnd bald Urban, bald Heinrich. Zorn und Bitterkeit, tiefes Grauen, Wehmuth und Jammer, und wieder die keusche, schüchterne Zärtlichkeit und leidenschaftliche Innigkeit – wie ein schillernder Stern tauchte der eine und der andere Name in diese wechselnden Farben und strahlten ihm beide das verschwiegene Geheimniß des jungen, unschuldigen, ringenden Herzens zu. Was er in einzelnen Momenten geahnt, aber kaum für mehr als eine kraftlose, stille Neigung, eine jener Erstlingsblüthen gehalten, welche um so süßer und berauschender duften, je unfruchtbarer sie sind – es blendete ihn, dies jetzt als vollwichtige, im Fegfeuer tiefster Seelenqual geläuterte Leidenschaft begreifen zu müssen.

Sie liebte ihn, und sie starb für ihn; sie starb, weil sie ihn hatte im Herzen behalten wollen und das nicht möglich gewesen war, ohne die zerstörendsten Schrecken jener Nacht zu empfinden, die Niemand weiter empfunden hatte als sie, nicht einmal er selber, am wenigsten jenes stolze, kalte, eigensinnige schöne Mädchen, das sich rettete, um ihn sterben zu lassen.

Der Tod da vor ihm plauderte das Geheimniß des Lebens aus.

„Heinrich! – Heinrich! –“

Er beugte sich tief nieder zu dem mageren Gesichtchen und versenkte sich in tiefster Seele zitternd in die veränderten Linien und Formen, deren Vergangenheit mit reizender Deutlichkeit in seiner Erinnerung auflebte. Ihr bebender Athem strömte ihm zu; der Augenstreif zwischen den Wimpern flimmerte. Heiß wallte es in ihm auf, und er hauchte leise einen Kuß auf die bleichen, zuckenden Lippen.

In seinem Innern regte sich ein Stachel und begann still zu wühlen und zu bohren. In dieser heimlichen Stunde zerrann sein Hochmuth, seine Selbstsucht wie Nebel, und nur das Verwerfliche, das sie geboren, die Mißformen, die sie in seiner Seele ausgemeißelt, blickten ihn nackt und in ihrer ganzen Häßlichkeit an.

„Ich bin dieses Kindes nicht werth,“ sagte er bei sich selber.

Und dann stiegen wieder verlockende Bilder von Glück in ihm auf. Eine kleine, graziöse, sprühende Sylphe, von Reichthum und Glanz umgeben –

Ein Stöhnen aus tiefster Brust riß ihn in die Wirklichkeit zurück. „Wasser!“ stammelte die Kranke schwach.

Urban blickte freudig überrascht nieder. Ihre Augen waren noch geschlossen. Er ging an das Licht, schenkte ein Wasserglas voll und trug es hinter die Matte.

Seine Hand zitterte, als er sie leise unter das schwarze, lose Flechtengewirr schob und den Kopf der Kranken aufrichtete. Sie wurde plötzlich still und schluckte mühsam, aber mit Begierde, als er das Glas zwischen die schimmernden Zähne brachte und ihr den Trank einflößte. Er mußte den Athem anhalten, um die Herrschaft über seine Muskeln zu bewahren. Endlich ließ er ihren Kopf in die Kissen zurücksinken.

Er trug das Glas wieder hinaus und kehrte zurück, um seinen Platz auf dem Stuhle abermals einzunehmen und zu beobachten. Wie er sich wieder über ihr Gesicht beugte, blickte er in zwei starre, offene Augen, welche plötzlich einen ängstlichen Ausdruck annahmen.

„Nicht – nicht!“ stammelte sie. „Gehen Sie, Herr Doctor! Sie sollen nicht hier sein, wenn ich sterbe. Wo ist mein Vater?“

Sie hob ein wenig den Arm, als wollte sie seine Gegenwart abwehren, aber die Kraft reichte nicht weit; das ernste Männergesicht über ihr blieb, und die strengen, zaubergewaltigen Augen darin leuchteten warm und mild wie Frühlingssonnenschein zu ihr nieder.

„Toni!“ sagte er leise und langsam.

„Was wollen Sie?“ rang es sich von ihren Lippen, während sie auf einen Moment wieder die Augen schloß.

„Im Angesichte des Todes seien Sie wahr!“ fuhr er fort. „Ich weiß, daß Sie mich lieben, daß mein Bild in Ihrem süßen kleinen Herzen lebt. Ehe der Vorhang vor dieser Weltbühne für Sie fällt, lassen Sie mich das eine Wort noch hören, das Sie mir schon längst gern gesagt hätten, wenn ich Thor es nur hätte hören wollen!“

Ein glückseliges Lächeln spielte um ihre Lippen und es war, als ob ihr Gesicht sich färbte und Wärme strahlte.

„Du kleiner Engel, dem schon die Flügel sprossen, hast Du mich lieb gehabt damals, als Du noch ein reizendes blühendes Menschenkind warst?“ fragte er, sich tiefer neigend.

Da war es, als käme ihre Kraft wieder; sie legte leise die Arme um seinen Hals und flüsterte wie im Traume:

„Ich habe Dich lieb – lieb – über alle Maßen. Aber nun muß ich sterben, sonst dürfte ich es Dir nicht sagen.“ Und nun legte auch er seine beiden Arme unter ihren Kopf und küßte sie so sanft, wie man ein neugeborenes zerbrechliches Kind küßt.

„Nun stirb, wenn Du durchaus willst!“ sagte er in tiefer Bewegung, als sie die Hände löste. „Es stirbt sich leicht, wenn man durch Sterben glücklich geworden ist.“

„Gott, was habe ich gethan!“ seufzte sie, und dann wandte sie das Gesicht von ihm weg und lag da wie damals, als er zuerst vor dem Krankenbette gestanden. „Ich sehe etwas Weißes, wie Schwanenflügel, Heinrich,“ fügte sie kaum hörbar hinzu; „das ist der Tod – der Schwan – die Zigeunerin –“

Sie war still, aber sie athmete ruhiger als vorher.

Der Doctor vermochte nicht, sich zu setzen; ein stürmisches Gefühl von Glück floß ihm durch alle Nerven. Er stand draußen bei dem stillen, unbewegten Flämmchen und kreuzte die Arme über der Brust. Drunten auf der Straße fuhr langsam ein Wagen und sein Ohr folgte mechanisch der schütternden Bewegung und dem Klappen des Hufschlages.

Er war eine bewegliche Natur; die Wogen des neuen Glückes schlugen hoch auf und verdeckten das Bild der schönen Emilie Hornemann.

Wie lange? –

Er schrak auf; die Stubenthür bewegte sich leise knirschend in den Angeln, und herein trat in einem türkisch gemusterten Schlafrock der Commerzienrath. Sein Gesicht war grau und seine Augen stier vor Angst.

„Doctor, mir graut drüben,“ stöhnte er und wischte mit dem bunten Taschentuche über die perlende Stirn. „Ich muß mich hierher setzen, wo Licht und Menschen sind; die Angst läßt mich nicht schlafen. Was macht mein armes, unglückliches Kind, Doctor?“

Er wollte aufstehen, aber Urban drückte ihn wieder in den Sessel nieder.

„Bleiben Sie und stören Sie sie nicht! Die Kranke schläft und hat jedenfalls aufgehört zu phantasiren. Wie Sie sehen, habe ich noch keine Ursache gehabt, die Frau dort zu wecken.“

„Ist der Schlaf ein gutes Zeichen, Doctor?“ flüsterte der Aufgeregte, und in seinen Zügen dämmerte eine schwache Hoffnung auf.

[311] Urban zuckte die Achseln. „In ein paar Stunden will ich Ihnen Bescheid sagen. Aber wollen Sie nicht Ihr Lager wieder aufsuchen? Erkältungen sind gegenwärtig gefährlich.“

„Nein, ich kann nicht schlafen. Ich habe einen Traum gehabt, Doctor, einen Traum, grauenerregend, sage ich Ihnen. Es ging ein Gespenst in der Stadt um – die Cholera. Und sie packte mich, Doctor – ich schaudere noch – –“

„Alpdrücken!“ sagte Urban. „Sie haben sich in der letzten Zeit zu sehr aufgeregt, verehrter Herr; Ihr Blut ist in Unordnung gekommen. Nehmen Sie ein Brausepulver, wenn Sie eines im Hause haben!“

„Alpdrücken, natürlich!“ wiederholte zögernd der Commerzienrath. „Uebrigens erinnern Sie sich noch, Doctor, wie ich Sie vor einiger Zeit wegen der Cholera befragte? Sie lachten mich damals aus. Aber ich hatte eine Ahnung, daß sie kommen würde. Eine Geißel Gottes für unsere Sünden nenne ich sie, und als solche erwartete ich sie. Wir haben viel Sünde in unsrer Stadt, viel Auflehnung wider Gott und die Obrigkeit.“ Er starrte eine Weile schweigend in die Leere. „Haben Sie wohl einige Hoffnung, mich zu retten, wenn der Himmel wollte, daß –“

Er sprach nicht aus. Urban erhob sich und ging auf den Zehen hinter die Matte zur Kranken. Toni athmete tief und ruhig, und als er mit leisen Fingern ihr über die Stirn strich, fühlte er, daß sie warm und feucht war. Dann stand er da wie Einer, der rasch etwas überlegt, und kehrte endlich zu dem Alten zurück, dessen Hände ruhelos das rothe Taschentuch knitterten.

„Ich darf wohl Ihre Frage mit einem ‚Ja‘ beantworten,“ sagte er halblaut, ein gewinnendes Lächeln auf den Lippen. „Aber verstehen Sie recht: ich, und nur ich kann dieses ‚Ja‘ sprechen, seit die Narren jenem Karl Hornemann ein Verbot in den Weg gelegt.“

„Ich habe davon gehört –“

„Und ich weiß davon,“ fiel der Arzt ein wenig brüsk ein. „Aber noch etwas: ich werde Ihnen Fräulein Toni retten; ich werde sie dem Tode aus dem Rachen reißen – und – ich möchte sie dann für mich behalten.“ Er sagte das so nachlässig wie ein Fürst, der auf eine Ananas seines Gewächshauses Beschlag legt, und doch, wie groß und stolz sein Auge auf dem überraschten Commerzienrath ruhte! Seine zuckenden Nüstern und der verhaltene Athem straften die erheuchelte Sicherheit Lügen.

„Ich dachte, daß Sie verlobt wären?“

„Ich war nahe daran, es selbst zu glauben,“ versetzte der junge Mann düster. „Aber ich habe mich zu einem bessern Glauben bekehrt, Herr Commerzienrath, denn ich habe vorhin eine Offenbarung gehabt; ich habe eine Blumenknospe sich öffnen sehen und der Duft hauchte mir süß und berauschend das Geständniß zu: ‚Ich liebe Dich.‘ Wissen Sie, was diese Knospe war? Das Herz Ihrer – und wenn Sie wollen: meiner Toni.“

„Sie haben mit ihr gesprochen?“

„In der That.“

„Also sie wird gesund werden? Ich alte, verwitterte Säule werde meinen schlanken, lustigen, jungen Epheu nicht verlieren, Doctor, und Sie sind es, der das Kunststück fertig bringt, ihn mir zu erhalten?“ Wie leise der alte Herr auch flüsterte, man hörte es, wie seine Stimme zitterte. „Aber die Politik, Doctor! Ja, wenn Sie sich entschließen könnten, Gott die Ehre zu geben –“

„Lassen wir die Ehre Gottes aus dem Spiele!“

Der Commerzienrath blinzelte mit den Augen und schlug mit innerer Erregung die Flügel des Schlafrockes über einander. „Ich kann nicht fördern, was die Schrift verbietet. Sagen Sie sich von jenem gottlosen Liberalismus los, der eine Religion ist für diejenigen, welche nichts zu verlieren haben! Ich rathe Ihnen wie ein Vater –“

Urban stand unmuthig auf und ging leisen Schrittes gegen das Fenster hin. Die Augen des Alten folgten ihm mit einiger Aengstlichkeit.

„Wir sprechen noch darüber,“ sagte der junge Mann kurz, aber nicht unfreundlich, als er umgekehrt war. „Vorläufig bitte ich inständig: versuchen Sie noch einmal zu schlafen! Meine kleine Braut wird unruhig und sie bedarf der Ruhe dringend; ich will mein Glück vertheidigen gegen Alles, selbst gegen Sie.“

Er stellte sich breit zwischen Tisch und Wand, und der alte Herr kniff lächelnd die kleinen schwarzen Augen ein und reichte ihm die Hand. Dann schlurfte er hinaus.

Urban sah ihm mit unruhigen Blicken nach. „Ich muß ihm als ihr Retter gelten,“ sagte er in Gedanken. „Und die Arzenei Karl Hornemann's – nun, ich hoffe, daß es zu keiner Probe kommen wird.“ – –

Als er früh in den morgenkühlen Hof trat, stieß er auf Bandmüller, der aus dem Garten kam und große Augen machte, als er seiner ansichtig ward.

„Ich glaubte, Sie wären in Ungnade gefallen. Herr Doctor.“

„Aberglaube, lieber Bandmüller! Sie haben im Gegentheil den muthmaßlichen Erben von Seyboldt und Compagnie vor sich, und ich rathe Ihnen, auf die Kniee zu sinken und mir den Huldigungseid zu schwören,“ war die lächelnde Antwort. „Es hat immer etwas für sich, der ‚erste‘ Unterthan zu sein.“

Der Kopf des Fabrikleiters fuhr empor und seine graugelben Augen funkelten einen Moment häßlich wie Katzenaugen.

„Alle Wetter! – Wie meinen Sie das?“

„Ich habe in dieser Nacht den Lebensretter Toni Seyboldt’s gespielt, und ich habe nur ein letztes Wort zu sprechen, um ihr Bräutigam zu sein.“

„Hm – meinte Bandmüller trocken, „wer das Glück hat, führt die Braut heim. Ich habe Ihnen auch eine Neuigkeit zu melden: die romantische kleine Hexe von Zigeunerin, deren Mutter so menschenfreundliche Absichten mit mir hatte, muß sich vor diesem Stadtende wieder irgendwo angesiedelt haben. Ich bin die letzten Tage öfter die Chaussee hinauf gegangen, und wenn ich in die Gegend der Schmiede kam, hatte ich nie lange zu warten, um sie in Sicht zu bekommen. Nun kommt aber das Beste: ich habe einen leisen Verdacht, daß sie, oder wohl eigentlich ihre männlichen Verwandten mir einen Denkzettel zugedacht haben; wofür, das können Sie sich leicht sagen.“

„Was brachte Sie auf diese Idee?“

„Gestern Abend untersuche ich die Stelle, wo sie damals lagerten, als wir zuerst ihre Bekanntschaft machten. Ich finde nichts, wie ich mich aber umsehe, sitzt sie auf dem Abhange über dem Unterholze. Es war noch nicht dunkel, und ich konnte recht gut den rothen Rock und das Kopftuch erkennen. Ich steuere nun auf das Unterholz zu; mit einem Male steht sie auf und steigt abwärts, aber langsam. Sie hatte mich jedenfalls gesehen, und es fiel mir schon auf, daß sie nicht wie eine angeschossene Gemse heruntersprang; das ist ja sonst ihre Art. Trotzdem betrete ich den Weg, der im Gebüsch hinläuft. Fünfzig Schritt vor mir leuchtet ihr Kopftuch über den Haselnußstauden, und weiterhin werde ich deutlich gewahr, daß sie sich nach mir umsieht und durchaus keine Anstalten zur Flucht macht. Mir war unter diesen Umständen nicht recht geheuer, und ich machte Kehrt.“

„Was fürchten Sie denn von den Zigeunern?“ sagte spöttisch und ungläubig Urban.

„Was weiß ich?“ war die ärgerliche Erwiderung.

„Ich möchte diesen Leuten einigen Dank abtragen,“ meinte der Doctor im Abgehen. „Ich verdanke ihnen mein Leben, und das ist schon immerhin etwas.“

„Erbe von Seyboldt und Compagnie!“ murmelte der Fabrikleiter hinter ihm drein, indem er bedächtig die Spitzen seines Bart-Urwaldes zauste. „Es wird Zeit, daß ich eine Mine springen lasse.




17.


Eine reizende Menschenblüthe, auf welche der Frühreif gefallen, war im Augenblicke gerettet worden, da das letzte Naß in ihr erstarren wollte. Die Krisis war vorüber, und Toni Seyboldt schlief den heißen Sommertag über. Wie oft auch ihr Vater in das Krankenzimmer schlich und sich auf das abgemagerte Gesichtchen niederbog, in dem ein Hauch von Röthe aufging wie das Morgenroth der Genesung, – immer lagen die seidenen, schwarzen Wimpern fest auf die Wangen geschmiegt, und die Brust hob und senkte sich freudlos und leidlos im regelmäßigen Wellenschlage elementaren Lebens. Urban kam gegen Mittag noch einmal an das Krankenbett und gab der Tante, welche den Tag über das oberste Regiment im Krankenzimmer führte, eingehende Vorsichtsmaßregeln. Er war launig und frisch wie lange nicht und reizte die Neugier der Würdigen durch versteckte Anspielungen, welche sie nicht verstand. Der Commerzienrath hatte also ihr gegenüber geschwiegen.

Letzterer war übrigens nicht recht bei Laune heute, trotz des [312] frohen Ergebnisses der vergangenen Nacht. Er behauptete unter Mittag schon, ein unbehagliches Gefühl zu verspüren, und entschuldigte damit ziemlich verdrießlich seinen Mangel an Appetit beim Mittagessen. Sein Kopf sei dumpf und seine Glieder schwer. Er machte Reiseprojecte, die er ausführen wollte, sobald Toni so weit hergestellt sei, um überhaupt frische Luft im Freien zu vertragen und in einen Wagen gehoben werden zu können.

Er wollte hinaus aus dem elenden „Choleraneste.“

Als der Fabrikleiter Bandmüller in den Nachmittagsstunden das Arbeitszimmer seines Principals betrat, hatte der Alte unter seinem Schlafrocke ein Kissen über den Magen gebunden, und der Ankömmling vermochte über diesen unerwarteten Zuwachs an Körperfülle ein heimliches Lächeln nicht zu unterdrücken. Doch verschwand dasselbe schnell, denn der Commerzienrath Seyboldt konnte nichts vertragen, was einem Spotte über ihn selber ähnlich sah. Auf dem runden Tische vor dem Sopha, mit den schöngeschnitzten Drachenfüßen, stand ein Theegeschirr, und der scharfe Duft der römischen Camille würzte die Luft des Gemaches.

„Was wollen Sie, Bandmüller?“ fragte es vom Sopha her, in welchem der Commerzienrath sich aus seiner liegenden Stellung emporrichtete.

Der etwas gereizte Ton, mit welchem er empfangen wurde, machte den Fabrikleiter ein wenig verdutzt. Aber er konnte sich auf die Wirkung dessen, was er zu sagen hatte, verlassen.

„Eine wichtige Entdeckung, verehrter Herr Commerzienrath; erlauben Sie, daß ich Platz nehme! Eine Entdeckung politischer Natur. Wir sind durch die Gnade des Höchsten in jüngster Zeit über einen Abgrund gefahren, der Alles verschlingen konnte, was an Gutgesinnten in dieser Stadt lebt: mit einem Worte, wir sind wie durch ein Wunder einer in allen ihren Theilen vorbereiteten blutigen Revolution entgangen.“

Der Commerzienrath horchte auf. „Also war das Gerede davon doch keine bloße Mythe? Und Sie sind im Stande, bestimmte Angaben zu machen?“

„Bestimmte und zuverlässige zugleich. Nur muß ich bitten, meine Quelle verschweigen zu dürfen, und unbedingte Discretion in Anspruch nehmen. Bei dieser Gelegenheit ist mir endlich auch ein klares Licht über die Rolle aufgegangen, welche der Doctor Urban, Ihr Hausarzt, in dem unseligen Treiben der thron- und kirchenfeindlichen Partei unsrer Stadt spielt, und ich muß es leider aussprechen: Sie nähren eine Schlange am Busen.“

„Was sagen Sie? Das müssen Sie beweisen, Herr!“ fuhr der Commerzienrath aufgeregt in den salbungsvollen Ton des Fabrikleiters hinein.

„Entschuldigung!“ sagte dieser mit gut gespielter Betrübniß; „in diesem Falle bin ich gezwungen zu schweigen –“

„Nein, nein, reden Sie! Die Sache interessirt mich mehr, als Sie wissen und verstehen können.“

Und so begann denn ein Vortrag, welcher dem Zuhörer das Blut in den Adern erstarren machte. Mit tückischer Deutlichkeit wurde der kunstvolle Plan Urban's nachgezeichnet, soweit er Bandmüller bekannt geworden, die muthmaßlichen Folgen entwickelt und mit den schreiendsten Farben gemalt, und mitten in diesem Netze, in dem Punkte, wo die Fäden zusammenliefen, saß die blut- und beutegierige Kreuzspinne, welche das Netz gewoben: Doctor Urban, der Heuchler mit dem Vertrauen heischenden Aeußern und dem lauernden, Verderben brütenden Innern. Das Ganze war ein Verrath und eine Denunciation zugleich.

Der Commerzienrath hörte anfangs wie betäubt zu, kaum daß ein halb erstickter Ausruf des Entsetzens den Eindruck andeutete, den er von dem Gehörten empfing: – dürres Reisig für das trübe Feuer der Rede Bandmüller's, das diese jedes Mal heller auflodern machte. Später gewann eine zornige Erbitterung die Oberhand; die unruhigen Lippen und Hände, die grimmigen Augen, die immer lebhafter werdenden Unterbrechungen sprachen deutlich genug.

Bandmüller war zu Ende.

Der Commerzienrath war aufgestanden und postirte sich dicht vor den Fabrikleiter hin, welchem er die Hand auf die Schulter legte.

„Können Sie die Wahrheit dessen, was Sie mir da erzählt haben, beschwören?“

„Der Hauptsache nach, ja.“

„Ah! und ich bin im Begriffe, meiner Tochter diesen Mann zum Gatten zu geben. Was würden Sie in meiner Lage thun?“

Bandmüller zuckte die Achseln.

Der Alte that ein paar Schritte in's Zimmer und kehrte dann rasch um; der Fabrikleiter gewahrte mit Befremden, daß der zornige Ausdruck im Gesichte des Fabrikanten fast erloschen war.

„Geschehen ist geschehen,“ murmelte derselbe unentschlossen; „ein offener Uebertritt zur Union, und ich könnte ihm die Amnestie garantiren. Er muß sich dazu verstehen. – Sie müssen wissen,“ fuhr er gegen Bandmüller heraus, der ihn scharf beobachtete, „daß meine kranke Tochter diesem Manne das Leben schuldet, und daß ich den geschicktesten Arzt im Orte nicht missen mag.“

„Es ist möglich, daß er das Leben Ihres Fräulein Tochter gerettet hat, möglich, sage ich, aber nicht erwiesen. Die Natur pflegt sich meist selber zu helfen, und die Aerzte haben es hinterher bequem, zu sagen, daß Alles ihren Recepten zu danken sei. Aber wenn Sie freilich die Ueberzeugung haben, Herr Commerzienrath –“

„Gewiß; ich kann kaum anders.“

Der Fabrikleiter schlug mit heftiger Bewegung die Beine übereinander, und ein giftiger Blick fiel auf den Fabrikanten, dessen Augen auf dem Teppiche hafteten. Sein Plan war nahe daran zu scheitern. Vergebens preßte er sein Gehirn um einen rettenden Einfall.

„Ich würde nicht zu hoffen wagen, daß ein so hart gesottener Revolutionär zu wirklicher innerer Umkehr kommt,“ warf er hastig hin.

„O, man hat Beispiele, Saulusbekehrungen, lieber Bandmüller. – Ich werde ihm schreiben –“

Der Fabrikleiter lachte plötzlich kurz auf.

„Was haben Sie?“ fragte der Alte emporblickend.

„Einen Einfall. Ich würde mir, wenn ich in Ihren Verhältnissen wäre, unter keinen Umständen einen Arzt zum Schwiegersohne wählen.“

„Warum nicht?“

„Es steht zwar geschrieben: Lasset Euch nicht gelüsten, aber es ist keine kleine Versuchung, immer ein reiches Erbe vor Augen zu haben, das nur eine Kleinigkeit von Lebensfaden hindert, uns in den Schooß zu fallen. Eine Krankheit – man verfehlt zufällig das rechte Mittel, das einzige, welches helfen würde – das passirt ja ohnehin in der Praxis oft genug –“

Bandmüller hatte seinen letzten Trumpf ausgespielt und das lange Gesicht des Commerzienrathes befriedigte ihn völlig.

„Teu…, daran habe ich niemals gedacht.“

Und das ohnehin heute auffallend fahle Gesicht war aschgrau geworden, und der Commerzienrath Seyboldt ging an den Schreibtisch und kritzelte zwei Briefe, erst einen kürzern, den er nach dem Durchlesen wieder zerriß, und dann mit vielem Nachdenken einen zweiten. Die Cholera, die Cholera! War es nicht, als ob ein nebelhaftes, grinsendes Gespenst draußen vor den Scheiben hing und mit langen, dürren Krallenfingern auf ihn zeigte? Wie, wenn er mit dem Absagebriefe wartete, bis die Stadt von dieser Geißel befreit war? Nein, und wieder nein! Gesetzt, daß die gräßlichen Krallen sich in seinen Nacken schlugen und ihn niederwarfen: war das nicht die beste Gelegenheit für den künftigen Schwiegersohn, sich seiner sofort zu entledigen? Und doch war es auf der andern Seite der nämliche Urban, der ihm versichert hatte, allein die Wahrscheinlichkeit einer Rettung bieten zu können.

Ein seltsam widerspruchvolles Geschöpf von Brief entstand unter seinen zitternden Händen. Zweierlei nur ging mit einiger Klarheit aus demselben hervor: die Abweisung einer Verbindung Urban’s mit Toni, und die Absicht, einen vollständigen Bruch mit dem Arzte zu verhüten.

„Hier,“ sagte der Commerzienrath, und reichte Bandmüller das Schreiben; „schicken Sie das durch den Kutscher an die angegebene Adresse! Vorläufig will ich glauben, daß ich Ursache habe, Ihnen dankbar zu sein,“ fügte er mit eigenthümlich gepreßter Stimme hinzu. „Sagen Sie im Vorbeigehen, daß eines der Mädchen sich im Vorzimmer aufhalten soll! Ich fühle mich unwohl; sie wird genau auf meine Schelle Acht geben und verhindern, daß Jemand bis zu meinem Zimmer vordringt.“ Der Fabrikleiter war entlassen.

[336] In dem großen Wohnzimmer blieb Bandmüller einen Augenblick stehen und betrachtete den Brief, den er in der Hand hielt, mit innigster Genugthuung. Dann warf er einen Blick des Behagens auf die elegante Ausstattung, die ihn umgab, und klopfte sich mit dem Zeigefinger auf die Stirn, indem er vergnügt vor sich hin murmelte: „Alter Freund da drin, ich danke Dir, daß Du mich nicht im Stiche gelassen hast. Du hast Dir heute wieder etwas Anwartschaft auf die hübschen Siebensachen hier herum erworben –“

Er schwieg plötzlich und horchte. Nebenan ging die Thür; Frauenkleider rauschten und herein trat – Frau Hornemann.

„Der Herr Commerzienrath ist unwohl und empfängt keinen Besuch,“ sagte Bandmüller, der nicht sofort ihr Gesicht zu sehen bekam. Aber kaum hefteten sich die durchdringenden Augen der energischen alten Frau auf den Sprecher, so drehte sich derselbe auf dem Absatze herum und trat mit anscheinender Rücksichtslosigkeit an das Fenster. Er warf die Lippen auf und kniff die Augen ein – die Mienen seines Gesichtes drückten eine Verlegenheit aus, welche zu dem ganzen Schnitte desselben wenig genug paßte.

„Hol’ der Henker dieses Weib!“ zischte er leise durch die Zähne.

„Ich hoffe, Sie werden mich nicht hindern, wenn ich trotzdem gehe,“ versetzte Frau Hornemann scharf nach einer Pause, während welcher sie die Rückseite des Fabrikleiters gemustert hatte. „Vielleicht haben Sie die Gnade, sich herumzudrehen und mir Ihren Namen zu nennen. Ich bin Ihrem Gesichte schon einige Male begegnet, und es hat jedesmal ein ganz besonderes Interesse für mich gehabt.“

Der spöttische Ton forderte die ganze dreiste Frechheit des Ueberrumpelten heraus.

„Sehr schmeichelhaft,“ erwiderte er im nämlichen Tone; „mein Name ist Bandmüller. Und mit wem habe ich die Ehre?“ Er starrte, das Licht im Rücken, mit großen Augen der alten Frau in’s Gesicht.

„Hornemann heiße ich, Wittwe Hornemann.“

„Sie entschuldigen, wenn ich nicht in der Lage bin, Sie zu ehelichen,“ fuhr der Gereizte giftig heraus, dem es offenbar unter den Sohlen brannte. Er durchmaß rasch den Raum, der ihn von der Thür trennte, riß, dicht neben der Angreiferin stehend, die Thür auf und schmetterte sie hinter sich in’s Schloß.

Da stand sie, das alte, saubere Gesicht mit den blitzenden Augen von den schwarzen Bändern des Stoffhutes umrahmt, der den ganzen Kopf einschloß, im schwarzen Shawltuche über dem gleichfarbigen Wollkleide, ganz Trauer, von der nur in ihren Zügen keine Spur zu finden war. Die eine der filetüberzogenen Hände hielt ein Ledertäschchen.

„Mensch,“ sagte sie hinter dem Davongestürmten drein, „wenn Du wirklich ein Anderer bist, als der, den ich meine, dann ist ein Mann doppelt auf der Welt.“

Und es kam etwas über sie, daß sie die Hände ballen und drohend gegen die Thür ausstrecken mußte, bis sie sich plötzlich besann und die Arme sinken ließ.

„Und nun zu ihm!“

Sie schritt leise über den Teppich; leise öffnete sie die Thüren – –

Der Commerzienrath, der mit schwerem Kopfe auf dem Sopha lag, schnellte empor und stierte sie mit Augen an, welche denen eines Trunkenen glichen.

„Annette,“ brachte er schwerfällig hervor, und man sah, wie er mit seinen Gedanken rang, bis ihm plötzlich die heftige Erregung die Kraft über sich selber zurück gab. „Mein Gott,“ murmelte er erschreckt vor sich hin, „ich glaube, daß ich wirklich krank werde.“

[338] „Herr Seyboldt! – Sie sehen gut aus, mein lieber Herr Seyboldt,“ lachte sie, und es lag etwas Grausames in diesem Lachen. „Sie sind merkwürdig stark geworden im letzten Monat, seitdem wir uns nicht gesehen haben.“

„Wa – was?“ stotterte der Commerzienrath in einem Tone, als traue er seinen Ohren nicht, und mit einer Behendigkeit, die seltsam gegen jene Schlaffheit abstach, welche er ein paar Secunden zuvor gezeigt, sprang er auf die Füße und schritt in drohender Haltung auf sie zu. „Was veranlaßt Dich, diesen Ton gegen mich anzuschlagen, Weib, gegen mich, der ich die Macht habe, Dich zu vernichten? Hilft denn keine Beschwörung, keine Buße, die ich Dir von Monat zu Monat auferlege, um den Hochmuthsteufel aus Dir hinaus zu treiben dessen Herberge Du von Deiner Jugend an gewesen bist? Und willst Du mich mit Gewalt zwingen, von jenem schönen Papiere Gebrauch zu machen, in welchem Du so gefällig warst, die Schulden Deines Gatten zu übernehmen? Oder genügt das Wort ‚Schuldgefängniß‘, um den höllischen Nebel aus Deinem Hirne zu verjagen, wie schon so manches Mal? Du wirst mich nöthigen, die Bußübungen zu verschärfen, Annette; es ist meine Christenpflicht, für das Heil Deiner Seele in ausreichenderem Maße zu sorgen, auch wenn ich es nicht aus alter Freundschaft thun wollte.“

Es lag soviel Grimm und Galle in der Art, wie der kleine alte Herr mit der wunderlich ausgestopften Figur und dem seidenen Schlafrocke dies sprach, daß seine Erscheinung aufhörte, komisch zu sein.

Die Frau, welche so stolz und gerade vor ihm stand, maß ihn mit einem verächtlichen Blicke. „Heuchler,“ sagte sie, und ihre Stimme verrieth den innern Triumph, „Deine Macht ist vorüber. Du hast geträumt, Deine frivole Rache ein Leben lang genießen zu können. Jahre hindurch ist meine Schmach Deine Weide gewesen, und diese Jahre haben mich Menschenalter gedünkt. Ja, Karl Seyboldt, es ist lange her, seit ich mir den Tod wünsche, um aus den Händen eines elenden Feiglings erlöst zu werden. Du hast das Unglück eines Weibes gemißbraucht, um sie jammervoll zu demüthigen, und hast äußerlich salbungsvoll und innerlich grinsend wie ein Teufel dabei zu stehen vermocht. Jetzt ist meine Stunde gekommen, und ich werde dem gottseligen Commerzienrathe Seyboldt die Maske vom Gesichte reißen, ich werde der Welt eine Geschichte erzählen, und der Kalender wird um einen Heiligen ärmer werden.“

„Du bist mir ja merkwürdig plötzlich über den Kopf gewachsen,“ höhnte der Commerzienrath. Aber sein Gesicht zuckte mit einem Male schmerzhaft, und seine Stimme klang dumpf, als er fortfuhr: „Hast Du das große Loos gewonnen oder einen Schatz aus der Erde gehoben? Vierzigtausend Thaler! Du hast doch die Summe richtig behalten?“

„Vierzigtausend Thaler,“ wiederholte sie kopfnickend. „Ich möchte nun wissen, ab Du mir die Papiere sofort gegen die Summe aushändigen willst, oder ob Du die Vermittelung eines Notars wünschest. Aber Du scheinst gar nicht zufrieden damit zu sein, daß ich Dir soviel schönes baares Geld bringe. Du siehst krank aus, Karl Seyboldt, sehr krank.“

„Das ist nicht wahr,“ schrie der Commerzienrath, der sich mit aller Macht aufrecht erhielt. „Ich werde Dir zeigen, daß ich Kraft genug besitze, um Deinen harten Sinn zu zwingen; Du wirst heute in jener Ecke liegen und Dein Bekenntniß sprechen, wie vor einem Monate, meine theure Annette. Aber Dein Geld – nun gut, es ist mir in jedem Falle lieber, als die nutzlosen Papiere da drinnen.“ Und er trat schwankenden Schrittes zu einem Geldspind, schloß es auf und brachte aus einem zweiten Verschlusse eine Hand voll Papiere hervor.

Sie gingen an den Tisch vor dem Sopha, und der Commerzienrath setzte sich, während Frau Hornemann, ein geringschätziges Lächeln auf den Lippen, ihre Tasche vor sich nahm und diese öffnete.

„Eintausend,“ sagte der Fabrikant. Seine Hand zitterte heftig, als er das Papier vorschob und die Banknote an sich zog, welche Frau Hornemann ihm hinwarf, und durch seine Züge flog ein nervöses Zucken, aber seine Stimme klang hart und fest.

„Eintausend fünfhundert – eins, zwei, drei, zusammen zweitausend dreihundert – fünftausend –“

Wie Schachspieler, Zug gegen Zug, vollzogen die Beiden den Umtausch.

Der Commerzienrath erhob sich, indem er die Banknoten zusammenraffte.

„Es fehlen noch dreitausend, höhnte Frau Hornemann. „Du willst sie mir doch nicht schenken, Karl Seyboldt? Ich gehöre nicht zu den Armen, welche Du mit Deinem Geld kaufst, damit sie im Himmel Fürbitte einlegen für Dich.“

„Nur Geduld, meine Traute!“

Er schloß hastig das Geld ein und kehrte zurück. Sie hatte es nicht gehört, wie er leise stöhnte, als er vor dem Spind stand; das Rasseln der Schlüssel hatte es übertönt.

„Eintausend, zweitausend, dreitausend –“ sagte er, nachdem er auf's Neue Platz genommen. Die drei Papiere lagen vor ihm, und er legte diesmal die Hand darauf und sah sein Gegenüber eine Weile mit unsicheren Augen an.

„Nun?“ fragte sie ungeduldig.

„Du dauerst mich im Grunde, Annette, und wenn Du heute eine Andere wärest, als Du zu mir kamst, wer weiß, was ich gethan hätte. Diese Wechsel hat Dein Mann ausgestellt; Du kennst zweifelsohne seine Handschrift wieder?“

„Allerdings.“

„Du siehst auch, daß hier drei Accepte von Seyboldt und Compagnie stehen; ganz meine Handschrift, Zug für Zug.“

Sie blickte flüchtig über den Tisch und trat dann zurück.

„Nun, meine süße Annette: diese drei Accepte sind – gefälscht.“

„Das ist nicht möglich,“ stieß sie mit glühendem Gesicht hervor und that einen Griff nach den Papieren.

Der Commerzienrath zog dieselben vom Tische, faltete sie zusammen und steckte sie in die Westentasche. „Es ist doch so, und Du wirst begreifen, warum sie mir lieber sind als Deine dreitausend Thaler. Karl Seyboldt war vorbereitet auf Deinen Reichthum, mein Kind. Vor dem Schuldgefängniß bist Du freilich sicher, den Vortheil hast Du davon, daß Du reich gegeworden bist; – vielleicht beichtest Du mir gelegentlich einmal die Quelle Deiner Schätze. Aber unter Umständen werde ich der Welt auch eine Geschichte erzählen; ich werde den Schatten eines Fälschers in das Zuchthaus sperren, dem dieser lebend entgangen ist. Du wirst mir alle Monate die Zinsen bringen, Annette, hörst Du wohl? Wir wollen nicht aus der Uebung der Gottseligkeit kommen; Du bist noch lange nicht reif in der Demuth.“

Die schwarze Gestalt der alte Frau kauerte auf dem Boden; ihre wirren Augen irrten in alle Richtungen; jede Spur ihrer sonstigen Energie war aus dem Gesicht geschwunden, welches fast so fahl aussah, wie dasjenige ihres unerbittlichen Feindes.

„Mein Gott, laß mich sterben!“ murmelte sie mit bebenden Lippen. „Hab’ Erbarmen mit meiner Schmach und tödte mich!“ Ihre Hände falteten sich in einander und lösten sich wieder in mechanischem Spiele. „Ich glaube es nicht, Karl Seyboldt, und wenn er selber aus dem Grabe herausstiege und die Finger zum Schwure erhübe, daß er es gethan – ich kann nicht an ihm irre werden. Wer das dort geschrieben hat, Gott verzeih’s ihm, wenn er will! Oder spielst Du falsches Spiel mit mir?“

„Ich sagte Dir ja, daß Dein Triumph ein voreiliger war. Du willst nicht an die Fälschung glauben? Es steht Dir ganz frei, die Entscheidung der Gerichte zu provociren. Siehst Du, das ist wieder Dein Hochmuth, Annette, daß Du die Wahrheit von Dir weisen willst. Gott bewahre – wie wäre es möglich, daß Du das Weib eines Fälschers gewesen wärest! Das ist derselbe Hochmuth, mit dem Du einst den armen Karl Seyboldt von Dir gestoßen hast, als er es wagte, Dir seine Liebe zu gestehen, damals, wo er noch ein ‚Betteljunge‘ war. Weißt Du noch? Es war auf dem Maskenfeste in der Eremitage, in das Ihr übermüthig gegangen waret, Du und ein paar Freundinnen, und Du strichst Dir über den Aermel Deines Dominos, an den ich gefaßt hatte, und sagtest, Du wolltest Dir die Spulwolle abwischen –“

„Weil Du mich verfolgt hast, Mensch, weil Du mich zum Gespött meiner Bekannten gemacht hattest, weil Du mich belagert hast in meinem Elternhause –“

„Ich hatte Dich lieb, Annette, vielleicht etwas überschwänglich; die Liebe und die Thorheit sind Zwillinge. Aber Du hast mich dafür beleidigt, so tief, wie nur ein Mensch den andern beleidigen kann – und damals habe ich es geschworen, Dich zu demüthigen, bis der letzte Funke von Deinem Hochmuth mit [339] Thränen erstickt wäre. Thue Buße, Annette! Dort steht der Schemel.“

Der eigensinnige alte Mann hatte mit äußerster Anstrengung gesprochen. Seine Augen rollten und auf seiner Stirn standen Schweißtropfen. Frau Hornemann rutschte auf den Knieen zu ihm hin.

„Gnade, Karl Seyboldt! Ich flehe Dich an, was ich noch nie gethan habe: entlaß mich aus Deiner Gewalt, und ich will Alles vergessen und Dich segnen. Gott wird Dir dafür gnädig sein am jüngsten Tage.“

„Zu spät!“ stöhnte der Commerzienrath; „dort steht der Schemel. In zwei Minuten muß es geschehen sein.“

Sie erhob sich und wankte wie im Traume zu dem kleinen, schwarz bekleideten Betschemel hin, vor welchem in der Nische der Wand ein Crucifix stand.

„Barmherziger Gott und Vater,“ hob sie tonlos an, indem sie niederkniete, „ich armes, elendes – –“

Ihr schwindelte.

„Weiter – weiter – nur rasch!“ klang es mit unwillkürlichem Ausbruche tiefster Angst vom Sopha her. Der stöhnende, schauerliche Ton mußte ihre Aufmerksamkeit erzwingen.

Die Knieende blickte hinüber und richtete sich jäh empor, den Commerzienrath scharf fixirend.

„Hast Du Dein Testament gemacht, Karl Seyboldt?“ fragte sie, und ihr Auge leuchtete plötzlich so hell, wie sonst.

„Was soll das heißen?“ Er versuchte noch einmal zu imponiren, aber es ging nicht mehr. Seine Zähne schlugen knirschend auf einander.

„Was soll das heißen?“ fragte sie dagegen und verschränkte die Arme mit dem schwarzen Shawltuche darüber. „Nichts weiter, als daß Dich die Cholera erfaßt hat und daß Gott zwischen mir und Dir richtet.“

„Weib,“ keuchte er, „steh’ nicht da und starre mich nicht so an! Hole Hülfe, rufe, schreie! Sie sollen zum Doctor Urban laufen! Der ist der Einzige, der mir noch helfen kann.“

„So hast Du zwölfmal im Jahre seit einem Jahrzehnt vor mir gestanden, und Du hast Dich an meinem Elend geweidet; ich kann das nicht, denn ich bin ein Weib, und ich habe Mitleid mit Dir. Aber Eines zu sagen, bin ich mir schuldig: gieb mir die Wechsel, die Du zu Dir gesteckt hast, und nimm mein Geld! Dann will ich Dir Beistand herbeirufen, und mehr als das: ich will Dich retten.“

„Nein!“ rief er, „und tausendmal nein!“ Und er taumelte mit entsetztem Gesicht vom Sopha empor und durch die Stube. „Die Cholera – zur Hülfe, zur Hülfe!“ Er riß das Fenster auf und rief mit den Tönen der Verzweiflung hinaus; er tastete an der Thür, bis er den Griff erfaßt hatte, und stürzte hinaus. –

„Gericht Gottes, laß ihn leben!“ sagte die alte Frau leise vor sich hin und schauderte in sich zusammen. Sie ging an den Tisch, that den Rest des Geldes in die Tasche, schloß sie ab und verließ das Gemach.

Alle Thüren der Zimmerflucht standen offen; ein kühler Luftzug wehte ihr entgegen und bewegte seitwärts leise die Gardinen. Von der Fabrik her schollen die Töne der Abendglocke. Als sie in das Treppenhaus hinaustrat, vernahm sie über sich Angstrufe und das Rascheln von Frauenkleidern; ein Mädchen stürmte die Treppe herab an ihr vorüber und riß drunten das Zimmer des Kutschers auf: „Ist Ihr Mann schon fort? – Kommen Sie rasch herauf! Fräulein von der Herberge ist ohnmächtig. Ach Gott, wenn ich nur aus dem Hause fortkönnte, aber ich weiß nicht, wohin.“

Aus dem Hofe schwirrten ihr die Tauben um den Kopf, welche der kleine Herr Pieper eben zum Füttern lockte. Er hatte die Sorge für die Lieblinge seiner jungen Herrin übernommen, seit sie krank darniederlag – selber eine kranke Taube.

Frau Hornemann ging stolz aufgerichtet die Straße hin, wie es ihre Art war. Der Schauder vor dem, was sie gesehen, drängte auf Minuten hinaus noch jede andere Empfindung zurück. Aber dann hoben die Gespenster ihres eigenen Elends allmählich die Köpfe und sahen ihr in’s Auge und gruben die Krallen mit heimtückischer Freude in ihr Herz. Alles umsonst! Das große Opfer nutzlos gebracht! – Dreifach geschlagen und gedemüthigt kehrte sie heim, und das Andenken ihres Gatten, die Ehre ihres Hauses – wie brachte sie das zurück? Befleckt und besudelt, mit dem Fluche des Verbrechens überschattet! Die Häuser drehten sich vor ihren Augen, und sie beschleunigte ihre Schritte. Die Wagen, das Treiben der heimkehrenden Arbeiter und Arbeiterinnen, das ganze Gewühl und der Lärm um sie herum gewann etwas Schattenhaftes. Das Wasser im Canale strudelte, ein goldener Streifen Abendsonne fiel neben der Brücke über die bewegliche Fläche, und der Wasserdunst wehte sie kühl und verlockend an.

Im Zimmer neben dem Laden saß Karl Hornemann und las in einem Buche.

„Was ist Ihnen, Mutter?“

„O Karl, mein Sohn, mein Sohn, ich bin sehr unglücklich.“

Er sprang auf und hielt die Kraftlose, die in wildes Schluchzen ausbrach. Es war das erste Mal, so weit er zurückdenken konnte, daß er sie weinen sah.

„Brechen Sie Ihr verschlossenes Schweigen, Mutter! Vertrauen Sie mir an, was Sie so lange schon drückt! Ich vermag viel; vielleicht daß ich Ihnen rathen, helfen kann.“

Sie schüttelte den Kopf, während ihre kräftige Gestalt an seiner Brust bebte.

„Laß mich weinen, mein Sohn! Nur ein paar Minuten halte mich aufrecht – dann finde ich mich selber wieder.“

Und traurig resignirt hielt der Sohn die Mutter fest umschlungen, bis ihr Schluchzen allmählich erstickte und sie das Tuch hervorzog, um ihre Thränen zu trocknen. –

Nur wenig früher war es, daß der Doctor Urban mit finsterm Gesichte die Länge seines Zimmers durchmaß, den Absagebrief des Commerzienrathes in der Hand. Dann und wann schüttelte er den Kopf, und ein zorniges Lachen flog über seine Lippen.

„Freiheit, die ich meine –“ sagte er. „Es scheint, daß diese Dame Freiheit sehr eifersüchtig meinetwegen ist. Ich denke, ich lasse erst einmal meine kleine Braut gesund werden; sie dürfte doch in der Sache das letzte Wort zu sprechen haben, mein Herr Commerzienrath. – Politische Gründe: ah! mit einem Male? Sie waren doch in der vergangenen Nacht nicht entscheidend. Es muß etwas Besonderes dahinter stecken – das scheint mir außer Zweifel.“ –

Ein Schatten flog dicht beim Fenster vorüber, und es entstand Geräusch im Hause.

„Herein! Ah – Johannes. Wollen Sie meine Antwort auf das Schreiben dort holen?“

Der Kutscher stand mit verstörtem Gesicht vor ihm. „Ich sollte Sie holen, Herr Doctor. Es hat Gott gefallen, daß unser Herr Commerzienrath die Cholera gekriegt hat.“

Urban trat zurück. „Die Cholera?“ In seinem Antlitze spielte ein wunderliches Gemisch widerstreitender Empfindungen.

„Und der Herr Commerzienrath glaubt wirklich, daß ich nach dem Briefe da noch kommen werde?“

„Muß er wohl,“ entgegnete der Kutscher mit unerschütterlicher Haltung, „denn sonst hätte man mich nicht hierhergehen heißen.“

„Richtig, sehr weiser Johannes,“ sagte der Doctor, und seine Augen glänzten. „Ich werde allerdings kommen; Sie dürfen vorausgehen und das melden.“

„Nun, mein Herr Commerzienrath Seyboldt,“ fuhr er im Selbstgespräche fort, als der Kutscher das Zimmer verlassen hatte, „ich denke, wir werden uns jetzt verständigen. Das wird eine theure Cur werden, und ich werde auf Vorausbezahlung dringen müssen.“

Er ging an die Schublade und nahm eine der blinkenden Flaschen Karl Hornemann’s heraus.

„Ich habe Dich schaffen helfen,“ sprach er und hielt die Arzenei gegen das Licht. „Ich will an Dich glauben, denn ein Vater darf sein Kind nicht verleugnen.“ –

Kurz nachher befand er sich in dem hellerleuchteten Krankenzimmer, – dem zweiten des stolzen Kaufmannshauses mit dem Balcon und den Karyatiden darunter.

„Doctor, um Gotteswillen, warum bleiben Sie so lange?“ stöhnte es aus der dicken Kissenlage hervor.

Er war allein mit dem Alten; selbst der Kutscher, der Einzige, der im Hause den Muth hatte, in die Nähe des Kranken zu kommen, verließ ungerufen nicht das Nebenzimmer.

„Es schüttelt mich – mir ist sterbenselend. Aber ich will nicht sterben. Hören Sie wohl, ich will nicht. Sie müssen Ihr Wort halten – ah!“

Urban kreuzte die Arme über der Brust.

[340] „Es ist ein eigenes Ding um das Worthalten.“

„Nein, nein, ich weiß, daß Sie Ihr Wort halten können. Der Brief – ja, der dumme Brief – ich habe ihn nicht geschrieben; er ist Luft, Wind. Aber freilich, man hat mir allerlei erzählt – die Revolution, die Sie haben machen wollen – ich weiß Alles – ewige Barmherzigkeit, machen Sie schnell, Doctor!“ –

„Revolution? Alle Teufel, wer hat – –“

„Bandmüller, Doctor; ich sollte es eigentlich nicht verrathen, aber jetzt gilt mir Alles gleich; nur nicht sterben, Doctor!“

„Dann bin ich freilich nicht würdig – dieser Schuft –“

„Sie sind doch würdig – Sie sollen mein Kind haben, wenn Sie mich retten. Aber zur Union müssen Sie übertreten. Nicht wahr, das versprechen Sie mir?“

[341] Das Gespräch hatte sich im Fluge abgesponnen, während der Commerzienrath sich unter der Decke wand. Seine Zähne knirschten. Urban nahm die Arzenei heraus und hielt sie vor sich.

„Ich werde Ihrem Wunsche vielleicht entsprechen, aber nicht gezwungen. Hier halte ich Ihre Rettung eingeschlossen, Contrebande, vernehmt von der Union: es ist die Arzenei Hornemann’s, und ich bin der Einzige, der sie zu vergeben hat. Ihr Leben gegen mein Glück, ein bedingungsloses Glück –“

„Ja, ja, wie Sie wollen.“

„Einen Moment Geduld! Man muß von Erfahrungen lernen.“

Urban ging, ohne weiter auf die flehenden, begierigen Augen zu achten, raschen Schrittes hinaus und stieg treppab. Er eilte durch die stillen, dunkelnden Zimmer bis in das Arbeitsgemach des Fabrikanten. Hier entzündete er eine Kerze, suchte Papier und warf rasch ein paar Zeilen hin, welche er kurz nachher nebst der gefüllten Feder in das Krankenzimmer brachte. Es war ihm Niemand begegnet; er hatte unterwegs keinen Laut vernommen, ausgenommen den Schall seiner Tritte. Das stolze Haus war wie ausgestorben.

Auf dem Nachttischchen, von dem das Licht der großen Hauslampe über das Bett fluthete, lag ein Buch; der Commerzienrath mochte wohl gewöhnlich vor dem Einschlafen noch lesen. Der Arzt nahm es mit entschlossener Bewegung, legte die Schrift darauf und reichte dem Commerzienrath die Feder. „Ich möchte Sie gegen Reue sichern,“ sagte er fest.

Die weiße, marmorkalte, zitternde Hand des Kranken nahm mit fiebernder Hast die Feder; er raffte alle Kraft zusammen und unterzeichnete. Es war ein gespenstischer Anblick, wie die hagere Gestalt des alten Mannes mit der weißen Flanelljacke und der nickenden Spitze der Nachtmütze, halb aufgerichtet, sich über das Papier neigte.

Er ließ die Feder fallen und sank zurück. „Ich habe nichts lesen können, Doctor, aber ich vertraue Ihnen. Und nun – Barmherzigkeit! Geben Sie mir die Arzenei! Es packt mich wieder –“

„Johannes!“ rief Urban, indem er das Buch auf den Tisch legte und mit dem Korkzieher seines Messers in den tief gestoßenen Pfropfen der Flasche bohrte.

Der Kutscher trat ein.

„Würden Sie sich freuen, wenn Fräulein Toni und ich ein Brautpaar wären?“

„Wie Gott will,“ entgegnete Johannes mit einem scheuen Blick nach dem Bett; „Ehen werden im Himmel geschlossen.“

Urban blinzelte ein wenig mit den Augen; die ehrlichen Worte des wackeren Mannes da klangen wie ein Hohn auf ihn, aber es war jedenfalls ein unfreiwilliger Hohn.

„Es ist so, Johannes, und auf dem Blatte da steht es, von mir und dem Herrn Commerzienrath unterschrieben. Ihr armer, kranker Herr aber wünscht, daß Sie Ihren Namen auch noch darunter setzen. – So! Und nun reichen Sie mir einmal das Glas da – und nun die Wasserflasche!“

Urban hatte die Arzenei durcheinander geschüttelt und eingegossen, und der gequälte alte Mann im Bette trank mit gierigen Lippen.

„Mehr, Doctor!“ stammelte er lechzend.

„Es kann nicht schaden,“ murmelte der Arzt und goß nochmals ein Gemisch von Arzenei und Wasser zusammen.

„Nun verlassen Sie mich nicht! Um Christi willen bleiben Sie bei mir!“

Urban besann sich.

„Gut,“ sagte er endlich, und durch die bisherige Kälte in seinem Wesen brach es wie unwillkürliche warme Theilnahme. „Ich bleibe. Ich bin kein Feigling, und soviel an mir liegt, will ich mein Wort ganz und voll einlösen.“

Es waren ein paar Stunden tiefer, mühsam verhaltener innerer Aufregung, die Urban an dem Krankenbette des Mannes zubrachte, mit dessen Leben er experimentirte; jedes Aechzen und Stöhnen, jedes gewaltsame Aufzucken der Krankheit rüttelte sein Inneres auf. Es war ihm immer, als müsse er beten: Herr des Himmels, binde deinem Würgengel die Hände, nur dies Mal, nur dies eine Mal! Er nahm die Hülfe des alten Dieners draußen nicht in Anspruch; er fand einen Trost darin, jede Hülfeleistung mit eigener Hand zu gewähren. Nur einmal trat er leise auf die Schwelle des Nebenzimmers und rief: „Johannes!“

Der treue, alte Mann saß zusammengekauert auf dem Stuhle; er hatte die Hände über die Kniee gefaltet und das Gesicht tief geneigt.

„Johannes, beten Sie für den Herrn Commerzienrath, daß Alles gut gehen möge!“

„Das thue ich allbereits seit einer Stunde, Herr Doctor,“ sagte der fromme Mann und hob sein ehrliches, bekümmertes Gesicht zu dem Arzt auf.

[342] „Er schläft, Johannes, und ich hoffe, er wird am Leben bleiben.“

Da drückte der alte Mann die dargebotene Hand wie mit eisernen Klammern und fuhr sich mit dem Aermel über die Augen.

„Gott sei gepriesen! – Wollen Sie wirklich gehen, Herr Doctor?“

„Ich muß ein Stündchen in’s Freie hinaus; später komme ich wieder. Wenn er Durst bekommt, geben Sie ihm zu trinken!“

Als der Arzt an den Zimmern Toni’s vorbei ging, stand die Thür ein wenig offen und die Frau des Kutschers, wie er an der Stimme erkannte, steckte den Kopf heraus und flüsterte: „Das gnädige Fräulein ist in Todesängsten, Herr Doctor, und möchte gern wissen, wie es dem Herrn Commerzienrath geht; von uns hat sich Keiner hinüber getraut.“

Urban faßte nach der Thürklinke, aber da verschwand der Kopf mit einem Male und die Thürspalte verengte sich bis zu einer schmalen Ritze. „Bitte, Sie möchten nicht hereinkommen,“ hörte er sprechen.

„Nun dann – Bestellen Sie einen Gruß an meine Braut, und daß ich ihr sagen ließe, es sei Alles gut! Alles – hören Sie wohl? Das müssen Sie betonen.“

Er stieg die Treppe hinunter; die Hauseingänge waren unverschlossen; in der Verwirrung hatte sich Niemand um sie gekümmert. Er wählte den nächsten Weg in’s Freie, der auf die Chaussee nach der Erlenfuhrt führte.

Als er in die Nähe der Schmiede kam, in welcher noch gearbeitet wurde, erregte etwas seine Aufmerksamkeit. Eine menschliche Gestalt schlenderte langsamen Schrittes vor ihm her, und als sie den Feuerschein passirte, der aus dem thorartigen Eingang der Schmiede strömte, glaubte Urban in dem Spaziergänger Bandmüller zu erkennen.

Eine rasche Combination wollte ihm diesen Einfall bestätigen: er gedachte der Zigeunerin und der Mittheilungen, welche der Fabrikleiter ihm in der Morgenfrühe gemacht. Zugleich aber kamen ihm die Eröffnungen des Commerzienrathes in die Erinnerung. „Doppelzüngiger Schurke,“ murmelte er, und es wallte zornig in ihm auf, „jetzt dürfte ich die Macht in Händen haben, dich zur Rechenschaft zu ziehen.“

Sein Auge folgte scharf den Bewegungen des Mannes vor ihm, und seine Schritte beschleunigten sich unwillkürlich, indem er zugleich so leise wie möglich auftrat. Er sah, daß der Mann um die Schmiede bog und am Rande des Buschwerks verschwand.

Urban ging quer über das flache Stück Terrain vor ihm und fand unschwer den Eingang des Weges, in welchen jener eingetreten war. Er stand einen Augenblick und horchte, aber er vernahm nur in ziemlicher Entfernung etwas wie ein leises Rascheln und schritt alsbald entschlossen, aber mit Vorsicht das Anstreifen vermeidend, den schmalen Pfad hin. Ein paar erschreckte Vögel, welche von ihm aufgescheucht sein mußten, schwirrten ihm entgegen, und der Flügel des einen streifte fast sein Gesicht. Der Weg dehnte sich weiter und weiter und lenkte immer mehr nach rechts ab. Plötzlich tauchte die Gestalt des Verfolgten wieder vor ihm auf, aber nur auf einen Augenblick. Und nun tönte ein Aufkreischen durch die nächtliche Stille, grell wie der Schrei eines Raubvogels, um auf's Neue dem geheimnißvollen Schweigen Platz zu machen.

Der Arzt beflügelte seine Schritte, hielt aber dann plötzlich inne und drückte sich zwischen das Gesträuch. Unter einem Baume hervor schleppte der Mann den kraftlosen Körper eines Weibes, den er um die Brust gefaßt hielt, und ließ ihn an der Berglehne niedergleiten. Der Hut war dem Manne vom Kopfe gefallen und Urban hörte seinen Athem keuchen.

Es drängte ihn vorwärts, aber er bezwang sich.

In der Hand des Menschen flammte ein Zündholz auf. Kein Zweifel – es war Bandmüller, der ihm da den Rücken kehrte; auf dem Rasen aber lag die braune Juschka, völlig wehrlos, ein Tuch im Munde, die Handgelenke zusammengeschnürt. Die kleinen braunen Hände zerrten an dem Tuche, und das Gesicht arbeitete krampfhaft, während die großen, schwarzen Augen Blicke voll Angst und tödtlichen Hasses auf den Gewaltthätigen schleuderten.

„Wie nun, mein Engelchen?“ sagte höhnisch die Stimme des Fabrikleiters. „Noch immer so rachsüchtig? Glaubst Du denn, daß wir hier in einer Wildniß leben, wo jeder thut, was er will und kann? Hast Du niemals gehört, daß es verboten ist, nach anderen Leuten mit Dolchen zu stechen, und daß man Leichtsinnige, welche der Lust dazu nicht widerstehen können, zwischen vier nackte Wände sperrt, um ihnen das klar zu machen? Und nun gar ein Mädchen! Und wie liederlich Du aussiehst – die Brust halb offen –“

Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter; er wandte sich jäh um und blickte in das finstere Gesicht des Arztes. Das Feuerzeug, welches er hielt, entfiel ihm; der Brand an dem einen Zündholz erlosch auf dem feuchten Rasen, und die ganze Gruppe tauchte in das Dunkel der Nacht.

„Sie hier?“ stammelte der Ueberraschte, „muß Sie der Teufel mir überall in den Weg führen?“

„Ich denke, Sie sparen sich den übrigen Theil Ihrer Anstandslection,“ sagte Urban mit erzwungener Kälte. Er bückte sich und nahm der Zigeunerin das Tuch aus dem Munde.

„Was wollen Sie hier? Warum mischen Sie sich in meine Angelegenheiten?“ fragte Bandmüller zornig, der seine ganze Frechheit wieder gefunden hatte.

Urban richtete sich rasch auf und trat dicht vor ihn hin. Er sah das Weiße im Auge seines Gegenüber blitzen.

„Was ich will?“ grollte es aus ihm hervor. „Sie vor einem neuen Lumpenstreiche schützen –“

„Oho! Sie wissen, daß Sie nicht zu allen Zeiten ein Feind solcher Streiche gewesen sind.“

Dem Doctor schoß das Blut in's Gesicht. Gerade das Treffende dieser boshaften Bemerkung raubte ihm die Selbstbeherrschung, und er packte mit eisernem Griffe die Arme des Fabrikleiters und schüttelte ihn wie einen leeren Rock.

„Mensch,“ sagte er dumpf. „Du bist der Letzte, der ein Recht hat, mich für die häßlichste Sünde meines Lebens zur Verantwortung zu ziehen. Du wirst Dich hüten, sie zu verrathen, wie Du unsere Revolutionspläne verrathen hast.“

„Ah! Wissen Sie schon?“ entgegnete der Gepackte mit schmerzhaftem Lachen, wie im Gefühl seiner Ohnmacht einlenkend. „Hat mich der Alte doch verrathen? Nothwehr, nichts als Nothwehr! Ich kann mir freilich denken, daß Sie nicht sehr erbaut über den Verlust einer solchen Braut sind. Aber schließlich will Jeder zu etwas Rechtem kommen. Lassen Sie mich doch los! Ihre Hände sind ja wahre Schraubstöcke.“

„Sie haben Recht,“ sagte Urban ironisch und trat einen Schritt zurück. „Wir wollen einmal versuchen, wer von uns Beiden den Anderen aus seinem Wege zu räumen vermag. Im gegenwärtigen Falle werden Sie kein Bedenken tragen, das Terrain mir zu überlassen.“

„Angenehmes Schäferstündchen, werther Herr Doctor!“ war die grinsende Antwort. Bandmüller drehte sich um. „Ja so – ich will meinen Hut nicht im Stiche lassen,“ sagte er plötzlich und verlor sich, an Urban vorbeistreifend, im Dunkeln.

Urban kehrte sich der Stelle zu, wo die Zigeunerin gelegen – sie war leer. Er schränkte die Arme in einander, bis er den Fabrikleiter durch die Büsche brechen hörte, – ferner und ferner.

„Juschka!“

Keine Antwort.

„Thörichtes Mädchen, ich will Dein Bestes. Ich habe Dich gerettet und fordere Vertrauen.“

Es knisterte, wie wenn Waldmäuse durch dürres Haidekraut schlüpfen, aber es kam nichts. Er stampfte ungeduldig mit dem Fuße auf und war im Begriffe zu gehen. Da knackte ein Zweig hinter ihm; er wandte noch einmal das Gesicht, und da stand die Zigeunerin, kaum fünf Schritt von ihm entfernt, den Kopf geneigt und die aus den Fesseln gelösten Hände schlaff zur Seite hängend.

„Die Juschka muß Euch danken, Herr, daß Ihr sie aus seiner Gewalt befreit habt,“ sagte sie mit unsicherer Stimme. „Was wollt Ihr, Herr?“

„Ich habe Dich zu finden gewünscht, Mädchen, seit ich erfuhr, daß Du Dich noch in der Gegend aufhältst. Ich bin noch tief in Eurer Schuld und will einen Theil meiner Rechnung abtragen. Wo sind Deine Leute?“

„Die sind weiter gezogen über die Berge,“ gestand sie zögernd.

Er trat überrascht einen Schritt näher.

„Also Du bist wirklich allein hier? Und wie willst Du sie wiederfinden bei Eurem Vagabundenleben?“

[343] „Wir haben unsere bestimmten Wege, Herr, und ich weiß, wo sie Halt machen auf der Fahrt und die Dascha ausspannen.“

„Aber es ist unverantwortlich von den Deinigen, Dich allein zurück zu lassen.“

„Sie wollten nicht mit der Juschka bleiben; da hat sie heimlich den Wagen verlassen,“ sagte die Zigeunerin trotzig. „Sie sind wie die Schafe; sie wollten fortlaufen, weil der Hund sie gebissen hatte. Meine Mutter liegt unter der Pappel, und ihr Blut trocknet auf der Erde, und der Mann, der sie in das Zelt geworfen hat, geht herum und lacht, weil der Muth von unsern Männern gegangen ist. Wer todtgeschlagen hat, soll sterben, sagen die alten Leute in unserm Volke.“

„Du bist toll, Mädchen.“ Urban lachte hell auf, und doch berührte ihn die trotzige Energie des jungen Geschöpfes sympathisch. Juschka wandte sich plötzlich verletzt um und machte Miene, sich zurückzuziehen.

„Bleibe, Kind! Ich spotte Deiner nicht. Gieb mir die Hand!“

Sie zögerte, aber endlich fühlte er die zarte, warme Hand in der seinen; er blickte lächelnd in die großen, furchtsamen Augen und sagte: „Kleine Juschka, ob Ihr unter einander Blut mit Blut vergeltet nach dem Spruche Eurer alten Leute, das weiß ich nicht. Aber wer in unserm Lande lebt, Mädchen, der muß sich nach unsern alten Leuten richten, und wenn Du gethan haben würdest, was Du wolltest, dann würde man Dich einfangen, meine arme kleine Juschka, und so lange zwischen Mauern sperren, bis Deine glänzenden Augen trübe, Dein schwarzer Krauskopf grau und die Blüthe Deiner Haut welk geworden wäre. Du wirst mir versprechen, die Gegend hier zu verlassen und Deinem Wagen nachzugehen. Die Nacht ist hell und warm, und es ist besser für Dich, im Dunkeln zu wandern, als im Tageslicht.“

„Laßt die Juschka bleiben, Herr!“ sagte sie flehend. „Sie wird sich nicht wieder fangen lassen.“

„Du wirst gehorchen, Mädchen.“

„Und doch nicht, Herr!“

Urban schleuderte ihre Hand weg.

„So werden morgen Leute zu Fuß und zu Pferd durch die Gegend streifen, so lange bis sie Dich gefunden haben, und dann wird man Dich mit Gewalt zu Deinen Männern bringen.“

Der zornige Ton, in dem er das sprach, übte eine merkwürdige Wirkung. Sie stürzte ihm zu Füßen und brach in Schluchzen aus, so heftig, daß es ihm warm zum Herzen strömte. Er bückte sich und faßte sie um den schlanken, jugendlichen Leib, um sie aufzurichten; sie hing willenlos und kraftlos in den Armen des blühenden Mannes, und er sah in die strömenden, halb geschlossenen, dunklen Augen und auf den kleinen, zuckenden, halb offenen Mund –

Plötzlich ward sie lebendig; blitzschnell spannte sich jede Muskel ihres Körpers, und sie glitt ihm unter den Händen weg. Er hielt noch das Leere umarmt, als ihr weißer Oberkörper schon in einiger Entfernung durch das Schattendunkel leuchtete.

„Die Juschka geht, Herr,“ hörte er sie sagen.

Die Büsche rauschten auf und verschlangen sie.




18.


Der Herbst ging hin, und der Winter ging hin, ein kalter, schneereicher Winter. Die Weltgeschichte hatte die Siebenmeilenstiefeln angezogen:

In Italien Aufstände. In der Schweiz der Sonderbund gesprengt, die Jesuiten vertrieben, die Verfassung regenerirt. In Frankreich die Reformbankets verboten, und trotzig und drohend die Einladung zum Februarbanket durch die Gassen und Straßen von Paris fliegend. In Baiern Sturz des Ultramontanismus; Straßenkampf in München. Ueberall düstere Stirnen, zuckende Nerven, eine gährende Zeit!

Wer die Augen schließt und aufhorcht, der vernimmt Geräusche, welche wie das Murmeln und Schwatzen, das Kichern und Flattern der Sturmgeister klingen, das dem Seemanne den nahenden Orkan verkündigt, während um das Schiff herum die Windstille lagert. Die Zeit der Vorboten, der spielenden Windwirbel, von denen die Segel aufflatterten, ist vorüber; was jetzt kommt, das ist der wuchtige Sturm mit seinen Schrecken.

Das letzte Februardrittel des Jahres Achtzehnhundertachtundvierzig hat begonnen, und es ist Windstille auch innerhalb der engen Grenzen, zwischen denen unsere Geschichte spielt – die nämliche Windstille, in welche das bedrohliche Geräusch des heranziehenden Sturmes herüberklingt.

Ein halbes Jahr verstrichen, und welche Veränderung!

Die Seuche ist längst erloschen. Sie verschwand, wie sie gekommen – plötzlich. Der Commerzienrath Seyboldt schlich noch auf matten Füßen durch sein Zimmer. Einige Zeit nachher glänzten die stattlichen Räume des Fabrikantenhauses vom Festgepränge einer Hochzeit; der Bräutigam war, einigermaßen zur Verwunderung befreundeter Kreise, Doctor Urban. Die Häupter der Union waren zugegen, und der Geheimrath Rehling gratulirte dem Doctor mit feinem Lächeln zu seiner Bekehrung. Was diesen veranlaßt hatte, einer solchen offenen Manifestation seiner veränderten Parteistellung zuzustimmen? Nun: man hatte ihm im Wiedenhofe sehr unverhohlen gezeigt, daß er dort ein Fremder geworden, und sein Trotz antwortete mit dem nackten Abfall. Aber das war nicht der alleinige Grund. Urban war seit der Krankheit des Commerzienrathes von einer Aufmerksamkeit und Nachgiebigkeit gegen denselben, die um so gewinnender war, je fremder sie an dem rücksichtslos selbstsüchtigen und stolzen jungen Manne erschien. Aber die Union sah sich in ihrer Hoffnung getäuscht, mit dem Arzte zugleich die Geheimnisse der demokratischen Partei gewonnen zu haben. Derselbe Mann, welcher durch Donner die Partei um Luft und Sonnenschein gebracht hatte, erklärte: er wolle sich der Union dadurch empfehlen, daß er sich weigere, ein Verräther zu sein.

Uebrigens schwärmte der Doctor sofort nach der Hochzeit mit seiner jungen Gemahlin in den Süden Europa's. Die weichen Lüfte Italiens, Griechenlands, des Mittelmeeres sollten wieder Rosen auf die noch blassen Wangen der Genesenen zaubern. Erst die Furcht, für unbestimmte Zeit durch die drohenden Februarunruhen von der Heimath abgeschnitten zu werden, führte den sonnengebräunten jungen Ehemann und die zierliche, blühende, glückliche Gazelle, welche sein eigen geworden, in die für sie hergerichtete obere Etage des Vaterhauses. Da saßen sie am lodernden Kamin, in dessen Schlot der Thauwind heulte, und Toni Urban war der nämliche Sonnenstrahl, der Toni Seyboldt einst gewesen war. – –

In den Fabrikräumen waltete kein Bandmüller mehr. Urban hatte leicht siegen, als er den Sturz des Fabrikleiters bewirken wollte; ein Bruchtheil des Materials, das ihm zur Verwerthung gegen denselben zur Verfügung stand, genügte, um den Kündigungsbrief zu erlangen. Bandmüller blieb in der Stadt; er hatte viel Verkehr, namentlich mit den Leuten aus der Seyboldt'schen Fabrik, und wenn er an den Karyatiden vorüberging, grub er die Hände in die Taschen und lächelte boshaft und vergnügt. – –

Auch in den Räumen des Zehren'schen Hauses, welche jetzt mit allem Comfort ausgestattet waren und wunderbar wohnlich anheimelten, waltete ein junges, schönes Weib als Gattin des Besitzers. Ernst und bestimmt, wie sie das Ja vor dem Altare der kleinen Dorfkirche gesprochen, glitt sie durch die Zimmer, wirthschaftlich sorgend und ordnend, freundlich, aber selten ein Lächeln auf den Lippen, das wie ein flüchtiger Sonnenblick mahnte, der über eine wolkenbeschattete Landschaft streift. Zehren küßte ihr die Hand; er küßte sie auf die Stirn, aber er hatte ihr nur einmal den Mund berührt, – vor dem Altar. Je wärmer und verlorener sein Auge auf der wundervollen Gestalt, auf dem feinen, stolzen Kopfe ruhte, den der schlanke Hals so vornehm trug, desto fröstelnder strömte ihm aus ihrem Wesen eine Kühle entgegen, welche so unnatürlich wie genau berechnet erschien. Wie viel Franz Zehren auch beneidet und beglückwünscht wurde, – glücklich war er nicht geworden. Aber die Welt wußte nichts davon, wenn er saß und den Kopf in die Hand stützte und mit trüben, großen Augen die Bewegungen seiner jungen Frau verfolgte, welche aussahen wie die Bewegungen einer Königin, und die Welt hörte es nicht, wenn die hohe Gestalt zu dem Seufzenden hinglitt und ihm, mit den weißen Fingern über die bewölkte Stirn streifend, die Worte sprach: „Nicht traurig sein, mein Freund, und nicht bereuen!“ Dann lächelte er bitter und fuhr fort, sie zu lieben und mit jenen tausend zarten Aufmerksamkeiten zu überhäufen, welche so wohlthun, weil sie niemals die Absicht verrathen.

An die Taubheit ihres Gatten gewöhnte sich Emilie merkwürdig schnell. Zuweilen vergaß sie ganz, daß ein solches Hinderniß ihres Verkehrs bestand. Zehren sprach selber gern und [344] gut, und er verkürzte ihr die langen Winterabende unter dem milden Lichte der großen, prächtigen Deckenlampe durch Vorlesen. Verkehr hatten sie wenig. Der Mutter hatte sich Emilie wieder genähert, aber ihre Vertraute war sie nicht, und gegen den Bruder hielt sie die gezogene Schranke aufrecht, während Zehren mit demselben in innigster Beziehung stand.

Ueber die trüben Krisen im Leben der Mutter, welche diese jetzt tiefer erschütterten als früher, zerbrach sich Karl Hornemann vergebens den Kopf. Jene räthselhaften Thränen, welche sie von Zeit zu Zeit an der Brust des Sohnes ausweinte, quälten ihn, dem der bestimmt ausgesprochene Wunsch der alten Frau jedes eigenmächtige Spüren nach ihrem Geheimniß versagte. Er hätte auch kaum einen Anhalt gefunden, da bezüglich der Geldangelegenheit kein Wort über Zehren’s oder der Mutter Lippen kam. Das erzwungene Eindämmen seiner begeisterten Liebe zur Schwester vermehrte die quälende Unruhe seines Innern. Dazu kam die Unterbindung seiner gemeinnützigen Bestrebungen. Sein Schooßkind, die Arzenei, welche er erfunden, war ein todtes Recept. Und die Politik erst!

Seine demokratischen Ideale, die so maßvoll waren, standen in dem Tempel, in welchem er betete. Und nun zerfiel Alles, was er zu ihrer Verwirklichung gebaut, unvollendet in Ruinen. Keine Gewaltthat war geschehen; der Herr Geheimrath war ein kluger Mann: er wohnte im Wiedenhofe, kannte die Häupter der demokratischen Partei und ließ sie bewachen – das war Alles. Der Club existirte nur noch dem Namen nach, und als ein paar Verwarnungen erfolgt waren, zogen selbst die meisten Mitglieder des kleinen Raths es vor, die Hände in den Schooß zu legen und zu – warten.

Windstille vor dem Sturm! Und der Sturm kam.

Man schrieb den zweiundzwanzigsten Februar; die schwarzen, drohenden Wolken mit den weißen Säumen hingen über Paris, und die Windsbraut heulte durch die Straßen und über die Boulevards. Ein paar Tage später wußte man in der rheinischen Fabrikstadt, daß ein mächtiger Volkswille in Europa sich für souverain erklärt und einen Thron zertrümmert hatte, den stolzen Thron von Frankreich.

Die Wirkung war eine bedrohliche. Industrie und Gewerbe stockten plötzlich; die Wirthshäuser füllten sich, und die Köpfe erhitzten sich. An den Wänden der Häuser beschien der grauende Tag da und dort Inschriften, mit Kohle oder Kreide geschrieben: „Es lebe das Volk, die Republik, die Constitution!“ oder: „Nieder mit den Reichen! Es lebe der Arbeiter!“ Die Polizei wurde selbst thätlich insultirt. Eines Nachts kam Donner nach Hause, ohne Gewehr und Mütze, die Uniform zerrissen, schäumend vor Wuth; man hatte ihn überfallen und ihm seine Unpopularität sehr nachdrücklich klar gemacht.

Die Clubs traten wieder in volle Thätigkeit. Die Union hielt täglich Versammlungen, aber auch Karl Hornemann und die übrigen Häupter seiner Partei wagten unter dem Schutze der allgemeinen Aufregung ihre Truppen wieder zu organisiren. An Stelle des Wiedenhofes mußte freilich ein anderes Local zum Orte der Zusammenkünfte gesucht werden, und man wählte den „Rothen Engel“ am Flusse drunten. Aber es gab Orte, wo noch ganz andere Elemente zusammenkamen und ganz andere Reden gehalten wurden, unheimliche, bluttriefende, verbrecherische Reden, die man früher nicht vernommen hatte und welche in einer dunstigen Atmosphäre von Branntweinduft und brenzlichem Oelgeruch verhallten. Die Sprecher waren hier: ein stadtbekannter Schneider, welcher beständig ein Paar alter gelber Nanking-Beinkleider und einen zugeknöpften Frack trug, den er einst einem Kunden verschnitten hatte, ferner ein verkommener ehemaliger Student und – der gewesene Fabrikleiter Bandmüller.

Die Haifische regten sich.

Am nämlichen Tage, an welchem die Nachricht vom Wiener Studentensturm und dem Sturze Metternich's eintraf und sofort tausendfach gedruckt durch die Häuser getragen, an die Straßenecken geklebt, verschlungen und bejauchzt wurde, saß der Geheimrath Rehling, die Stirn so glatt wie immer, aber das Gesicht blasser als sonst, in seinem Arbeitscabinet auf dem Rathhause, und vor ihm stand der Polizeicommissar Donner.

„Sie haben also wirklich die Ueberzeugung, daß jener Fabrikant Zehren, von welchem die Welt glaubt, daß er taub sei, derjenige Mann ist, in dessen Händen hier die Fäden der demokratischen Verschwörung zusammenlaufen?“

„Ja wohl, Herr Geheimrath. Wie ich Ihnen sage, er ist der Schwager des berüchtigten Hornemann, ist in Amerika gewesen und durch häufige Reisen verdächtig. Er war schon einmal festgenommen und – was die Hauptsache ist – jene chiffrirten Briefe haben wirklich existirt, obgleich heute kein Mensch mehr in der Registratur wissen will, wohin sie gekommen sind. Freilich bin ich heute nicht mehr so sicher wie früher, daß er sich blos taub stellt.“

„Der Doctor Urban, sagen Sie, war es, der Ihnen über diesen Herrn Zehren die ersten Mittheilungen machte?“

„Derselbe, Herr Geheimrath.“

Der Angeredete drehte sich auf dem Stuhle herum, schrieb eine Karte und couvertirte sie.

„Besorgen Sie das an den Fabrikanten und zwar persönlich! Im Uebrigen schaffen Sie mir sofort einen Wagen!“ –

Zehn Minuten später hielt eine Droschke vor dem Hause des Commerzienrath Seyboldt; der Kutscher riß den Schlag auf und schellte. Der Geheimrath stieg aus, und bald darauf stand er oben vor Toni Urban und küßte ihr artig die Hand.

„Wie wohl Sie aussehen, gnädige Frau! Ich erkenne immer deutlicher, daß man auf der Welt nichts Besseres thun kann, als reisen. – Treffe ich Ihren Herrn Gemahl zu Hause? Ich möchte ihn auf ein paar Minuten allein sprechen.“

„Um Gottes willen, Sie bringen doch nichts Schlimmes für ihn in’s Haus, Herr Geheimrath?“ sagte sie und erblaßte ein wenig.

Der Beamte lächelte. „Sehe ich wie ein Unglücksbote aus?“

„Mein Mann ist ohnehin so reizbar und aufgeregt seit Kurzem. Aber ich will Ihnen vertrauen, und Sie sollen eine ganze Viertelstunde mit ihm allein sein dürfen.“ –

Urban empfing den Besuch mit einiger Ueberraschung.

„Aber nun zur Sache!“ sagte der Geheimrath nach kurzer Begrüßung. „Ich ehre die Beweggründe, auf Grund deren Sie sich weigern, Ihre ehemaligen Parteigenossen zu compromittieren, bester Herr Doctor, aber wie die Dinge gegenwärtig liegen, müssen Sie es mir zu Gute halten, wenn ich Sie nichtsdestoweniger um einige Aufschlüsse bitte. Ich werde mich auf das Allernothwendigste beschränken.“

Die Worte klangen vertraulich, fast herzlich. Und dennoch legte sich ein Schatten über die Augen des Arztes, und er antwortete kühl und mit Achselzucken: „Ich bedaure, daß die Gründe, welche mich leiten, keine Ausnahme gestatten.“

„Das kann Ihr letztes Wort nicht sein,“ meinte der Geheimrath. „Ich beabsichtige zunächst durchaus nicht, den Demagogenfresser zu spielen. Es liegt mir im Gegentheil daran, mit der maßgebendsten Persönlichkeit jenes Kreises ein vernünftiges Wort zu reden, um drohendem Unglück vorzubeugen. Zu diesem Zwecke muß ich sie freilich kennen. Ich möchte mich nicht vergreifen. Ich habe zunächst Herrn Zehren in’s Auge gefaßt; was meinen Sie dazu? Sie haben ja den Bann der Discretion bezüglich dieses Herrn schon einem meiner Commissare gegenüber gebrochen, und ich darf vielleicht auf das nämliche Entgegenkommen Ihrerseits rechnen.“

Urban beachtete nicht, wie scharf beobachtend die grauen Augen des Beamten auf ihm ruhten. „Ich habe gegen diese Wahl durchaus nichts einzuwenden,“ sagte er unbefangener und leichtherziger, als vielleicht klug war.

„Hm! Vielleicht giebt es noch eine andere Persönlichkeit, welche Sie mir empfehlen könnten; nur noch eine. Man muß immer auf Reserve halten. Was meinen Sie zum Exempel zu Herrn Hornemann? Herr vom Rath ist leider verreist.“

Der Arzt machte eine Bewegung der Ungeduld.

„Ich verstehe schon,“ meinte der Geheimrath rasch. „Ich will Sie nicht quälen und danke Ihnen für Ihre Gefälligkeit.“ –

Urban stieß ärgerlich einen Stuhl bei Seite, als er den Besuch hinausgeleitet hatte. „Ich hätte dem sehr ehrenwerthen Herrn Zehren endlich Ruhe verschaffen sollen. Welchen Nutzen hätte ich jetzt noch davon, ihn zu quälen?“

Eine Thür öffnete sich, und Toni steckte erst den Kopf herein, ehe sie eintrat.

„Ist der Geheimrath fort, Heinrich? Wahrhaftig, und ohne Abschied. Du siehst so verstimmt aus.“

[346] „Männersachen, mein Kind! Kümmere Dich nicht darum!“

Sie sah ihn an wie ein erschrockenes Kind, und ihre dunkeln Augen füllten sich mit Thränen. Dann ging sie still, ohne ein Wort zu sagen, hinaus. Urban schien es gar nicht zu bemerken. –

Die Droschke mit dem Geheimrath Rehling als Insassen rollte bereits wieder zum Rathhause zurück. Als er in sein Arbeitscabinet trat, traf sein Blick in die warmen, klugen blauen Augen Zehren’s.

„Mein Name ist Rehling. Bitte, behalten Sie Platz, Herr Zehren!“ sagte der Geheimrath verbindlich. Er zog sich, nachdem er den Hut weggelegt, einen Stuhl in die Nähe und sah ziemlich erstaunt auf, als der Fabrikant stehend sein Täfelchen aus der Tasche nahm und bemerkte:

„Sie wünschten meine Gegenwart, Herr Geheimrath, und ich muß Sie nur bitten, mir aufzuschreiben, womit ich Ihnen dienen kann, denn ich habe durch einen unglücklichen Zufall mein Gehör verloren.“

„Teufel, das hatte ich vergessen,“ warf der Beamte hin und schlug sich leicht vor die Stirn. Er nahm die Tafel an sich und lud den Fabrikanten mit einer Handbewegung zum Sitzen ein.

„Ihre Stellung an der Spitze der demokratischen Partei in dieser Stadt ist mir kein Geheimniß,“ schrieb er. „Die Stadt ist in Aufregung, und mir liegt es ob, für die öffentliche Ordnung unter allen Umständen zu sorgen und Unheil zu verhüten. Sind Sie geneigt, ein paar Worte von mir anzunehmen, welche den Zweck haben, eine Verständigung zwischen uns anzubahnen?“

Zehren las; die Adern an seinen Schläfen schwollen über dem Lesen an, und sein Gesicht röthete sich.

„Es giebt hier einen Menschen,“ stieß er hervor, „der sich das boshafte Vergnügen macht, mich dem Gesetze als Haupt einer regierungsfeindlichen Partei hinzustellen. Ich kenne ihn und die Ursache seines Hasses.“ Er besann sich ein paar Augenblicke und fuhr dann ruhiger und mit fast melancholischem Tone fort: „Ich bin kein Parteimann, Herr Geheimrath, und es wird Niemandem gelingen, mich in das Getriebe des Parteiwesens zu ziehen. Ich kann keine politische Rolle spielen, denn ich bin taub. Ich vermag so gut wie viele Andere auf theoretischem Wege eine politische Ansicht zu construiren, welche mir richtig scheint, und ich habe in der That meine Ansicht, aber ob das Leben um mich herum, ob die Menschen und die Verhältnisse geeignet sind für die praktische Durchführung meiner Ansicht, das vermag ich nicht zu entscheiden; dazu muß man alle fünf Sinne gesund haben, und mir fehlt ein Hauptsinn. Ich bin ein Kaufmann und will weiter nichts sein; wenn mein Geschäft durch mein Gebrechen Schaden leidet, so habe ich allein den Schaden. Im Uebrigen achte ich die bestehenden Gesetze und bin stolz, wenn mir Niemand nachsagen kann, daß ich eines derselben mit Wissen oder Willen verletzt habe. Das ist Alles, was ich Ihnen zu sagen habe, Herr Geheimrath.“

Der Beamte nickte, stand auf und schrieb an seinem Tische etwas nieder. Als er fertig war, klingelte er.

„Zu Herrn Hornemann!“ sagte er kurz zu einem eintretenden Schreiber. Dann schritt er, die Hände auf dem Rücken, im Zimmer auf und nieder.

Plötzlich stand er wieder vor dem Fabrikanten, diesen mit einer artigen Handbewegung um die Tafel bittend.

„Würden Sie sich weigern, im Interesse des Gesetzes sich einer kurzen Haft zu unterwerfen?“

„Wenn es sein muß –“

„Es muß sein, aber damit Sie sehen, daß wir Ihre Zustimmung als einen Act der Gefälligkeit betrachten, werde ich sorgen, daß Ihnen einer meiner Beamten in diesem Hause sein Logis einräumt und daß allen billigen Ansprüchen Ihrerseits an Comfort und Unterhaltung genügt wird. Ihrer Frau Gemahlin notiren Sie vielleicht in einem Billet, daß Sie plötzlich zu einer kurzen Reise Veranlassung erhalten hätten.“

Das Gesicht des Fabrikanten verrieth nicht eben Freude, aber das „Muß“ des Beamten mochte ihn von der Nutzlosigkeit eines Widerstandes überzeugt haben, und die Gutherzigkeit, mit welcher derselbe ihn behandelte, hatte etwas so Entwaffnendes, daß Zehren nickte. Der Geheimrath führte ihn in höflichster Form in das Nebenzimmer, ein Empfangszimmer in elegantester Ausstattung, und entfernte sich wieder.

„Ich darf ihn nicht entlassen, soviel Vertrauen er mir auch persönlich einflößt,“ sagte der Beamte im Arbeitscabinet für sich; „der Verdachtsmomente sind zu viele, und er ist zu intelligent.“ Er griff wieder zur Klingel.

„Der Polizeicommissar Donner soll kommen.“

[370] Der Polizeicommissar kam.

„Herr Geheimrath?“

„Haben Sie einige Leute zur Hand?“

„Ein paar Wachtmeister.“

„Wenn Herr Hornemann, den ich hierher gebeten habe, bei seinem Weggange ohne meine Begleitung den Corridor draußen betritt, so verhaften Sie ihn und halten ihn bis zum Eintritte der Dämmerung“ – er sah nach der Uhr –, „also eine Stunde etwa, hier zurück! Bewachen Sie ihn im Sitzungszimmer! Später schaffen Sie ihn ohne Aufsehen in’s Polizeigefängniß hinüber!“ –

Karl Hornemann befand sich mit einem der Stadtdiener auf dem Wege zum Rathhause. Wo der Weg vom Canal abbog, holte ihn ein Mann in Bauernkleidung ein, keuchend vom Lauf, die hohen Stiefel mit Koth bespritzt.

„Ich habe etwas an Sie abzugeben, Herr Hornemann.“

„Ah!“ sagte der Pascha, der den Mann zu kennen schien. „Was giebt es denn?“

Er brach ein Schreiben auf und erblickte die großen Schriftzüge Harro’s:

„Hurrah! die Drachenköpfe sind billig wie die Brombeeren. Wenn Du noch einen Funken Liebe für mich hast, so lade mich zu Eurem Tanze! Es zuckt mir in den Beinen. Hier bin ich; ich kann nicht anders. Gott helfe mir, Amen! Grüße Deine wunderschöne Schwester und sage ihr, die Zigeuner wären auch wieder da. Gegeben im Hospitium der Erlenfuhrt. H…o.“

Der Pascha, dachte nach.

„Einen Gruß von mir, und das Weitere würde sich finden.“

Er riß, während der Bote sich entfernte, das Schreiben in Streifen und Stückchen, that die paar Schritte zum Wasser und warf die Papierstückchen in den Canal. Der feuchte Thauwind streute sie wie einen Schwarm weißer Tauben aus einander, ehe sie niederfielen.

Die beiden Löwen zu den Seiten der breiten Rathhaustreppe glotzten ihn tückisch an, und als er durch den Säulenschmuck des Vestibüls der inneren Treppe zusteuerte, begegnete er Donner, der ihn mit zweideutigem Lächeln begrüßte. Desto verbindlicher war der Empfang, den er bei dem Geheimrath fand. Der Gegensatz der beiden Männer, die in dem schon nicht mehr ganz hellen Raume Aug’ in Auge einander gegenüber saßen, war interessant genug, – hier der Volksmann mit seiner zwanglos originellen Erscheinung, der diesmal jedoch gegen seine sonstige Art das Käppchen in der Hand hielt, dort der weltmännisch feine, tadellos modern gekleidete Vertreter der Regierung.

„Wir sind in gewissem Sinne Gegner, Herr Hornemann,“ begann der Geheimrath lächelnd, „obwohl unsre Ziele im Grunde auf das Nämliche hinauslaufen: das Wohl unsres gemeinsamen Vaterlandes. Mir persönlich scheint dasselbe am besten verbürgt durch die größtmöglichste Achtung vor den staatlichen Einrichtungen und Gesetzen, einen starken einheitlichen Staatswillen, der in der Person des Herrschers verkörpert ist, ein tüchtiges Beamtenthum und ein gut geschultes, schlagfertiges Heer. Sie dagegen suchen das Heil vielleicht in einer deutschen oder preußischen Republik, in einem steten Ringkampf aller Individuen, um ihrem Eigenwillen die möglichste Geltung zu verschaffen –“

„Erlauben Sie mir, den Gegensatz schärfer zu präcisiren!“ fiel der Pascha wie unwillkürlich ein; „Sie unterscheiden anders oder sollten es wenigstens correcter Weise thun; sie haben hier einen Herrscher, der zum Befehlen geboren ist und dessen Werkzeuge eine Militärmacht und ein Beamtenthum bilden, und dort so und so viel Unterthanen, welche zum Gehorsam geboren sind; ich dagegen kenne nur eine Summe freier Staatsbürger, welche kraft angebornen Menschenrechts sich selbst befehlen und sich selbst gehorchen. Uebrigens bin ich mit einem Bunde constitutioneller deutscher Staaten zufrieden. Für das Ideal einer Republik sind wir weder intellektuell noch moralisch reif; die Republik würde die Unordnung sein.“

Wieder lächelte der Geheimrath, fein, wie ein Diplomat lächelt.

„Ich halte mich an Ihre letzte Aeußerung; Sie sind ein Freund der Ordnung: reichen Sie mir Ihre Hand und helfen Sie mir, Unordnung zu verhüten! Das Schicksal der schwebenden Fragen wird jedenfalls nicht hier, sondern in Berlin entschieden, und es würde nicht das Mindeste zu dieser Entscheidung beitragen, wenn hier durch einen öffentlichen Tumult für die eine oder andere Anschauung plaidirt würde. Wir haben die Macht, die Ordnung wieder herzustellen; der ganze Ertrag wäre Blut, Leichen, volle Gefängnisse, Familienunglück, dessen Spuren erst eine lange Reihe von Jahren verwischen würde. Sie sind ein verständiger und gemäßigter Mann, kein demagogischer Brausekopf, und ich weiß, daß Ihr Einfluß auf Ihre Partei groß ist; wollen wir Beide uns verbinden, um die Ruhe dieser Stadt zu schützen?“

Er hielt dem Pascha die Hand hin.

Der Ton, welchen der Geheimrath angeschlagen, konnte dem Pascha gegenüber nicht bestrickender gewählt werden. Er wirkte süß benebelnd wie Opium. Aber Karl Hornemann war bei aller Gemüthstiefe ein zu fester Charakter, um sich länger als ein paar Secunden dem ersten Eindruck zu überlassen; seine Hand zuckte, aber sie ließ das Käppchen mit der Troddel nicht los.

„Ich könnte nicht einschlagen, wenn ich auch für meine Person nicht abgeneigt wäre es zu thun. Ich stehe nicht über der Partei, sondern in der Partei; ich bin nur einer der Nervenknoten, in denen das geistige Streben einer großen Menge sich concentrirt. Mehr zu sein, wäre undemokratisch. Will meine Partei die Revolution, so werden Sie mich auf den Barricaden sehen; nur werde ich nach Kräften zu verhindern suchen, daß man zur Unzeit aufsteht. Jeder andere Weg muß zuvor abgeschnitten und das Resultat voraussichtlich ein Erfolg sein.“

Der Geheimrath erhob sich.

„Sie können mir Ihr Ehrenwort nicht geben, daß Sie mit allen Kräften für die Verhütung von Excessen auf Seiten Ihrer Partei einstehen wollen?“ fragte der Beamte ein wenig kühler.

„Nein,“ sagte der Pascha fest.

„Dann bedaure ich, Sie bemüht zu haben.“

Der Geheimrath winkte verabschiedend, und Karl Hornemann verneigte sich ein wenig steif und verließ das Cabinet.

Draußen auf dem Corridore empfing ihn Donner.

„Wollen Sie die Güte haben, mir zu folgen, Herr Hornemann?“ sagte er spöttisch.

Der Pascha warf ihm einen langen Blick zu, in dem sich Ueberraschung malte.

„War es so gemeint?“ versetzte er endlich. „Wohlan, ich will Ihnen Ihren Triumph durchaus nicht trüben.“, Und er schritt an dem Commissar vorüber in die Thür, welche dieser aufstieß.

Einige Minuten später übergab der Geheimrath einem der Schreiber einen Brief mit der Weisung, ihn auf die Post zu schaffen.

„An das königliche Militärkommando zu X.“ las der Schreiber, als er den Corridor hinunter ging.




19.


Die Verhaftung Karl Hornemann’s hatte eine Wirkung, wie sie der Geheimrath Rehling so überraschend und so mächtig nicht erwartet hatte.

Der Zufall wollte es, daß eine Anzahl Arbeiter im Vorbeigehen an der Tracht den Mann erkannte, vor welchem der [371] Commissar Donner in der späten Dämmerung die Thür des „Fuchseisens“ öffnete. Zwei dieser Arbeiter waren alte Mitglieder des Clubs.

Unter dem Schleier der Nacht wurde es in den Arbeiterquartieren auf dem „Windbuckel“ und am Flusse drunten lebendig. Zornige Reden, Lärm und Gelächter schollen. Kleinere und größere Trupps von Männern jedes Alters, meist in der blauen Arbeiterblouse, bewegten sich, einander begegnend und sich vereinigend, zum Mittelpunkte der Stadt hin. Hier und da wurde dumpf an einen Laden geklopft; Hausthüren öffneten sich; ein paar Worte wurden gewechselt und eine oder einige Personen vermehrten den Zug. Es war, als brächen allüberall Quellen aus der Erde und strömten, begierig den Zusammenfluß suchend, ineinander, um Bäche und endlich einen Strom zu bilden. Es kamen weit mehr Leute zusammen, als je zu den Anhängern der städtischen Demagogie gehört hatten; die Männer der Arbeiterquartiere waren ein rauflustiges Geschlecht, dem das Wort locker auf der Zunge und das Messer lose in der Tasche saß.

Eine Stunde vor Mitternacht schimmerten die Fenster des Jenny-Lind-Zimmers sanft vom Scheine einer Lampe, bei welchem der Geheimrath Rehling unruhig im Sopha saß. Von der Canalstraße herauf drang das Geräusch, welches eine durcheinander wirrende Menschenmenge verursacht, ein Gemurmel von Stimmen und das Rascheln und Scharren von Tritten in’s Zimmer.

Der Geheimrath erhob sich und schritt die Wand entlang in eine Zimmerecke; eine Gardine lüftend, blickte er hinab: auf dem Trottoir jenseits des Canals drängten sich viele Menschen.

Es klopfte an der Thür, und er trat rasch zurück und rief: „Herein!“

Der Eintretende war der alte Schoner. „Herr Geheimrath,“ sagte er ruhig, das gilt Ihnen. Sie wollen Karl Hornemann frei haben; es werden wohl gleich ein paar von ihnen herauf kommen.“

„So schließen Sie die Hausthür zu!“

„Was soll das nützen?“ meinte achselzuckend der Wirth. „Sie werden sie aufbrechen und nur desto wüthender werden.“

„An’s Fenster kommen!“ rief eine Stentorstimme in der Straße, und „an’s Fenster!“ donnerten ein paar hundert Stimmen nach.

Der Geheimrath schwankte, ob er dem Rufe folgen sollte. „Es widerstrebt mir, mit dem Gesindel zu pactiren,“ murmelte er halblaut. Der Wirth hatte die Worte verstanden.

„Es ist eine unruhige Zeit jetzt,“ sagte er. „Aber die Leute meinen es ehrlich und verdienen eigentlich nicht, Gesindel zu heißen.“

„An’s Fenster! Hornemann freigeben!“ dröhnte es von Neuem.

Eine Fensterscheibe sprang klirrend entzwei, und ein Stein rollte in’s Zimmer; Hurrahruf und spottendes Gelächter folgte dem Wurfe. Des Geheimraths Gesicht überzog sich mit leichenhafter Blässe. Er ging an den Tisch, löschte die Lampe und drängte den Wirth auf den spärlich beleuchteten Corridor hinaus.

Ein Sturm des Unwillens brauste auf der Straße, und wieder klirrten Fensterscheiben, zwei kurz hintereinander; man, hörte die Steine gegen Möbel poltern und dann auf die Diele rollen.

„Sie ruiniren mein Zimmer,“ meinte der Wirth finster.

„Sie sollen Ersatz haben,“ sagte der Beamte, mit nervöser Hast die Hände reibend. „Ihr Haus hat ja wohl einen Nebenausgang?“

„Den haben sie längst besetzt.“

„Hm! So gehen Sie denn und beruhigen Sie die Leute! Ich will mit ein paar Zeilen die Freilassung des Herrn Hornemann verfügen.“

„Das ist das Einzige, wozu ich Ihnen rathen kann,“ versetzte Schoner und ging.

Der Geheimrath wartete noch eine Weile, bis er an dem Jubelruf der Menge erkannte, daß die Botschaft des Wirthes ausgerichtet war. „Hätte ich früher Militär kommen lassen!“ knirschte er, als er das Zimmer wieder betrat. „Man ist viel zu vertrauensselig gegen die Canaille.“

Er zündete die Lampe wieder an und warf ein paar Zeilen auf das Papier; der alte Schoner kam zurück, um die Verfügung in Empfang zu nehmen.

Eine Viertelstunde später stand der Geheimrath auf der Treppe des Locals der Union und zog die Schelle. Es war dort bereits leer von Gästen, da die Mitglieder aus Furcht vor Insulten das nächtlich-späte Nachhausegehen scheuten, seit die Aufregung einen so aggressiven Charakter angenommen hatte. Ein Diener öffnete. Der Hausflur, in welchen der Geheimrath trat, war noch beleuchtet.

„Wollen Sie mir gefälligst sagen, wie weit der nächste Ort entfernt ist, den die Straße nach X. berührt?’“ fragte der Beamte.

„Zwei Stunden zu gehen, Herr Geheimrath. Es ist die Erlenfuhrt.“

„Lassen Sie sofort einen Wagen anspannen. Es giebt doch ein Wirthshaus in dieser Erlenfuhrt, in dem man sich zwölf Stunden aufhalten kann! wenn es sein muß?“

„Eine Bauernwirthschaft, Herr Geheimrath.“

„Nun gut; so eilen Sie!“

Kurz nachher fuhr der Wagen aus dem Thorweg und rollte der Chaussee zu. Der Geheimrath war schon im Hofe eingestiegen.

Inzwischen hatte sich die johlende, erhitzte Menge dem „Fuchseisen“ zu bewegt. Als das Gros derselben vor dem hohen, dunklen Bau mit den vergitterten Fenstern ankam, stand der Pascha bereits auf der Schwelle der Hausthür; ein paar Mitglieder des „kleinen Rathes“ befanden sich neben ihm. Schnellfüßige Vorläufer hatten den Schließer Marquardt aus dem Schlafe gedonnert, und der alte Mann hatte auf ihr drohendes Gebahren hin und da er die Menge vor dem Hause rasch anschwellen sah, mit wankenden Knieen sich treppauf begeben und die Zelle des Gefangenen geöffnet. Polizei war nirgends zu erblicken.

„Ein Hurrah für Herrn Hornemann!“ Die Straße dröhnte von dem betäubenden Ruf; es klang wie das Rasseln vieler zusammengeschlagener Gewehre. Der Pascha nahm das Käppchen in die Hand und überblickte ernst und mit tiefer Rührung die Scene, welche nur von ein paar Straßenlaternen schwach beleuchtet war.

„Ruhe!“ scholl es. „Er will reden.“

Lautlose Stille lagerte sich über die Menschenmenge, deren Endpunkte sich rechts und links weit in die Straße hinein verloren.

„Ich danke Euch, Bürger, für den Beweis Eures Vertrauens,“ erklang vernehmlich die ein wenig bebende Stimme des Pascha. „Leider kann ich mich eines Zweifels nicht erwehren, ob Ihr mir und Euch einen Gefallen erzeigt habt, indem Ihr meine Befreiung erzwangt. Morgen werden wir die Klingen der Cavallerie und vielleicht auch ein paar Kanonen in der Stadt haben, und man wird Euch und mich für diese Liebesthat büßen lassen.“

„Wir lassen sie nicht herein; wir bauen Barricaden,“ schrie, eine Stimme. Ein unbeschreiblicher Lärm folgte, aus welchem man nur das Wort „Barricaden“ deutlich heraus hören konnte. Die nächste Umgebung des Pascha sprach lebhaft auf denselben ein, während sein Auge noch unentschlossen über die Menge schweifte. Endlich winkte er mit beiden Händen, und der Aufruhr legte sich, bis auch die letzten Stimmen im Gemurmel erstarben.

„So mag es denn sein. Wenn Ihr Muth habt; Eure Leiber den Klingen und Kugeln auszusetzen, um Euch und Eurem Volke die Rechte freier Menschen, die versprochenen und verbrieften, erstreiten zu helfen, wenn Ihr geloben wollt, Euch wie Soldaten zu schlagen, fest auf dem Posten und gehorsam dem Commando, dann werden wir an Eure Spitze treten, so wahr es ist, daß die Besetzung unserer Stadt durch Militär für uns die Ohnmacht, die Unfreiheit, die Verfolgung bedeutet.“

Neuer Lärm und Zuruf. Arme erhoben sich in die Luft, und Mützen wurden geschwenkt. Karl Hornemann stieg die Stufen hinab, und man drängte sich um ihn und drückte ihm die Hände. Ein Enthusiasmus hatte sich der Menge bemächtigt, welcher die Sorge gerechtfertigt erscheinen ließ, ob die Herstellung einer festen Ordnung möglich sein würde. Aber die Organisation, welche man dem Club gegeben hatte, bewährte sich in der Aufgabe, die unklare Mischung zu krystallisiren. Als man auseinander ging, um sich zu bewaffnen, waren die Dispositionen im Allgemeinen zur Genüge getroffen.

Die Nacht war dunkel; feuchte Luft strich mit leisem Wehen durch die Straßen, von welchen der Koth des Thauwetters nicht völlig verschwunden war. Ein paar Männer zwangen dem [372] Küster der katholischen Kirche, den man aus dem Schlafe weckte, die Thurmschlüssel ab und begannen die Sturmglocken zu läuten, deren mächtige Stimme die Kunde vom Beginn des Aufruhrs heulend über die Stadt hin trug. Handlaternen fackelten da und dort in den Straßen; das Metall von Waffen und Geräthen blitzte auf, und dunkle Trupps von Männern eilten der Kaiserstraße zu. Auf der Chaussee draußen, an der engen Wegstelle vor der Schmiede, wo links eine steile, tiefe Böschung in den Fluß hinab fiel, rechts der Bergrest ein für Pferde unüberwindliches Hinderniß bildete, flammte ein Riesenfeuer auf; an den benachbarten Pappeln arbeiteten schrille Sägen; Wagen wurden herangefahren, und auf der Seite nach der Schmiede zu grub man den Chausseedamm aus. Eine zweite Barricade erhob sich vor der Brücke, welche zum Bahnhofe über dem Flusse drüben führte; an den beiden kleineren Brücken, bloßen Holzbauten, wirthschafteten Säge und Axt, um sie unpassirbar zu machen. Man konnte mit dem Vortheil rechnen, daß in der nächsten Garnisonstadt nur Cavallerie und Artillerie lag.

Der Pascha machte zwei Gänge, bevor er sich zu den Arbeiten begab; der erste galt seiner Mutter. Er gab sich alle Mühe, die aufgeregte alte Frau zu beruhigen, welche der Lärm vor dem Wiedenhofe wach gehalten und gleichzeitig mit der Einkerkerung des Sohnes bekannt gemacht hatte. Er sprach warme und begeisterte Worte von seiner Mission, seinen politischen Idealen, von der Freiheit, welche ein echter Patriot im äußersten Falle bereit sein müsse, mit dem eigenen Herzblute vor gänzlichem Verschmachten zu bewahren, wie der Pelikan der Sage die dürstenden Jungen. Aber Frau Hornemann hatte kein Verständniß für politische Ideale, wie die meisten Frauen. „Ich werde Dich verlieren, mein Sohn,“ sagte sie; „wenn Du am Leben bleibst, was Gott gebe, so werden sie Dich für lange Jahre in’s Gefängniß schleppen, und ich alte Frau werde einsam zurückbleiben in dem alten Hause – das ist Alles, was ich begreife.“

„Emilie bleibt Ihnen, Mutter. Ich werde zu ihr gehen und mit ihr reden.“

Frau Hornemann lächelte ein wenig bitter. Ihre Lippen zitterten, als sie den Sohn küßte. „Gott sei mit Dir!“ sagte sie und fuhr sich über die gerötheten Augen, denen das Weinen so schwer wurde.

Auch die Schwester fand der Pascha noch munter, und sie sah gar nicht so kühl und zurückhaltend aus, wie er erwartet hatte; ihr ganzes Wesen war lebhaft bewegt, und als er ihr beim Lampenscheine in’s Gesicht blickte, kam es ihm etwas verstört vor. Sie trat ihm mit der Frage wegen der plötzlichen Abreise Zehren’s entgegen, indem sie die Vermuthung aussprach, daß der Bruder die Veranlassung zu derselben wisse. Im Moment, da Karl Hornemann seine gänzliche Unkenntniß betheuert hatte, brachen dröhnend die ersten Klänge der Sturmglocke aus den Schalllöchern, und die junge Frau horchte erblassend auf.

„Was ist das, Karl?“

In den treuen, braunen Augen des Pascha leuchtete es schwärmerisch. „Die Stimme des Schicksals, Milli; Tod oder Freiheit, Nichts oder Alles – hörst Du das Herüber und Hinüber? In einigen Stunden sind ein paar tüchtige Barricaden fertig.“

„Allmächtiger! Wie ist das gekommen?“

„Wie die meisten großen Katastrophen – Blitze aus heiterem Himmel.“ Er berichtete ihr in fliegender Eile das jüngst Erlebte, und sie neigte sich vor und hörte athemlos zu. „Willst Du nicht zur Mutter gehen?“ schloß er; „die Einsame wird sich in den nächsten Stunden doppelt einsam fühlen.“

„Ich darf nicht, Karl; ich kann das Haus nicht gänzlich ohne Aufsicht lassen. Warum auch heute gerade dieser unselige Zufall, welcher Zehren zum Reisen nöthigt!“

„Du hast Recht,“ meinte er und blickte nachdenklich zur Seite. Als er ihr das Gesicht wieder zuwandte, lag ein leiser Ausdruck von schüchterner Beklommenheit in seinen Zügen. „Wir werden morgen wohl schon das Militär uns gegenüber haben, Milli,“ sprach er, „und es könnte geschehen, daß mir etwas Menschliches passirt. Nimm Dich alsdann der Mutter an! Und noch etwas, Milli! Du hast mir lange gezürnt, weil ich andrer Ansicht war über das, was zu Deinem Glücke diente, als Du. Vielleicht daß ich im Irrthum war; wenigstens ist Eure Ehe keine vollkommen glückliche –“

„Woher weißt Du das?“ unterbrach sie ihn hastig, und über ihr Antlitz flammte ein brennendes Roth. „Was hat Dir Zehren gesagt?“

Er sah sie betroffen an. „Nichts hat er mir gesagt; ich dachte nur, wenn Ihr glücklich wäret, würde ich nicht so lange Deine Verzeihung entbehrt haben. Es ist so hart, zu lieben vor kalten Augen und kaltem Herzen; meine Liebe zu Dir war eine zitternde Rose in Herbstfrosttagen, Milli, und der Frost hat ihr weh gethan. Zürne mir wenigstens dann nicht mehr, wenn ich sterben sollte; willst Du mir das versprechen?“

Sie warf sich mit leidenschaflicher Heftigkeit an seine Brust, und ihre Thränen rannen und mischten sich in ihre Küsse. „Ich habe Dich immer lieb gehabt, Karl, mein süßer Bruder; Du weißt nicht, wie schwer es ist, künstliches Eis um ein brennendes Herz zu legen.“

Er preßte sie einen Augenblick fest an sich. „Leb wohl!“ sagte er dann und löste sich sanft von ihrer Brust. „Vielleicht daß Du doch noch glücklich wirst. Grüße Deinen Gatten, wenn ich ihn nicht wiedersehen sollte!“

Als er drunten den Canal entlang ging, fühlte er, wie sein Herz tief wund war und wie der Nebel einer bangen Ahnung bleiern darauf lagerte. „Vorwärts!“ sagte er für sich und ballte die Fäuste; „jetzt bin ich Soldat.“ – –

[390] Im Hause des Commerzienrathes gab es eine unruhige Nacht, wie in allen andern Häusern. Aber am nächsten Morgen war der Commerzienrath früh zur gewohnten Zeit angekleidet, nur fühlte er, daß sein Kopf wüst war und daß ihm die Erinnerungen, der Lärm der Nacht wie ein Traum vorkam. Er hörte den Kutscher vor seinem Arbeitszimmer, trat hinaus und hieß ihn in die Fabrik hinüber gehen, um zu sehen, wie es mit den Arbeitern stände. Johannes kehrte mit erstauntem Gesichte zurück. „Sie wären versammelt, sagt Trimpop, der Heizer.“

Ein Blitz der Genugthuung erleuchtete das Gesicht des Commerzienrathes. „Sieht Er, Johannes,“ sprach er würdevoll zu dem Kutscher, „das ist die Macht der Wahrheit und des Gotteswortes. Mitten in einer gottlosen Revolution wartet meiner eine treue Schaar.“

„Das soll wohl sein, Herr Commerzienrath,“ sagte der Kutscher und nahm ein paar Kleidungsstücke vom Nagel.

Der Fabrikant ergriff das dicke, schwarzgebundene Buch, welches ihn immer auf seinem Morgengange begleitete, und ging langsam blätternd und lesend hinüber. Er erwiderte kopfnickend und ohne aufzusehen den Gruß der Leute, welche da in dem heute etwas frostig kühlen Raume versammelt waren; er gewahrte nichts von dem heimlichen Lachen, welches über die Gesichter lief. Erst als er auf dem Katheder stand, blickte er empor, und in seinem Antlitz malte sich einiges Erstaunen, als er die Frauenköpfe im Hintergrunde vermißte. Sein Auge flog rasch über die Physiognomien der Männer und blieb mit Befremden auf verschiedenen, ihm völlig unbekannten Gesichtern haften; plötzlich erblaßte er: sein Blick fiel auf Züge, welche Niemand Anderem zugehörten, als dem Fabrikleiter Bandmüller. In völliger Verwirrung begann er zu lesen, aber stockend, ohne das sonstige gewichtige Pathos; er wußte kaum, was er las.

„Ich traue auf den Herrn. Wie sagt Ihr denn zu meiner Seele, sie soll fliegen wie ein Vogel auf Eure Berge? Denn siehe, die Gottlosen spannen den Bogen und legen ihre Pfeile auf die Sehnen, damit heimlich zu schießen die Frommen. Denn sie reißen den Grund um; was soll der Gerechte ausrichten? Der Herr ist in seinem heiligen Tempel; des Herrn Stuhl ist im Himmel; seine Augen stehen darauf; seine Augenlider prüfen die Menschenkinder. Der Herr prüfet den Gerechten; seine Seele hasset den Gottlosen und die gerne freveln. Er wird regnen lassen über die Gottlosen Blitz, Feuer und Schwefel und wird ihnen ein Wetter zum Lohne geben – –“

Ein brausendes Gelächter unterbrach ihn, und das Buch fiel aus seinen zitternden Händen. „Zur Hülfe!“ schrie er heiser, „man will mich ermorden.“ Er sank einen Moment auf den hinter ihm stehenden Stuhl zurück und sprang dann plötzlich wieder empor, um mit einem Satz die Thür zu gewinnen, aber ein halbes Dutzend der Anwesenden fing ihn auf oder stemmte sich gegen die Thür.

„Feiglinge,“ rief der entsetzte alte Herr mit erstickter Stimme, „laßt mich hinaus!“

„Geht nicht, Commerzienrath! Jetzt ist die Reihe an uns. – Abrechnen – wir müssen Abrechnung halten. – Blutsauger! Arbeiteraussauger – wir wollen wiederhaben, was Du den Arbeitern abgepreßt hast. –“ Zwanzig Stimmen schrieen durcheinander; drohende, zornige, giftig lachende Gesichter tauchten in raschem Wechsel vor seinen stieren Augen aus.

Die Haifische!

Plötzlich machte sich im Rücken der Gesellschaft eine heftige Bewegung bemerkbar. „Loslassen,“ rief eine tiefe Baßstimme, „unsern Herrn Commerzienrath loslassen, oder Gottes Donner –“

Die Stimme erstickte in einer Kraftanstrengung, und in einem Wirbel von Armen wurde die mächtige Gestalt des langen Abraham Fenner bemerklich, welcher mit glühend rothem Gesichte rechts und links um sich schlug. Er schien nicht ganz ohne Gesinnungsgenossen zu sein, denn er brüllte kurz nachher: „Vorwärts, Jungens! Dachte mir bald, daß es hier nicht auf Arbeit, sondern auf einen Lumpenstreich abgesehen war. Wer ein ehrlicher Kerl ist, läßt seinen Brodherrn nicht im Stich und wenn es blaue Beulen und Messerstiche regnet.“

Aus dem wirren Knäuel drängte sich geschmeidig der Fabrikleiter Bandmüller hervor und gelangte zur Thür. „Zurück!“ sagte er halblaut zu den Nächststehenden, „ich will das Uebrige schon besorgen, wenn Ihr den Alten festhaltet. Gebt mir die Thür frei!“ Es gelang ihm nach einigen vergeblichen Anstrengungen, soweit zu öffnen, daß er hindurchschlüpfen konnte. Er stürzte durch die schweigenden Säle, welche das erste Morgenlicht erhellte, und über den Hof. Im Hausflure rannte er fast den Kutscher über den Haufen. „Ich muß rasch etwas holen,“ rief er diesem von der Treppe her zu – „daß ich's nicht vergesse, Johannes, Sie sollen auf der Stelle den Amdahler Fuhrmann holen; er möchte mit dem Karren kommen, aber das schwerste Pferd einspannen. – Muß mir der Kukuk auch den gerade in den Weg führen!“ murmelte er zwischen den Zähnen, als er bereits über die Teppiche der Gemächer flog. Im Arbeitszimmer des Commerzienrathes zog er ein Eisen aus der Tasche und hob mit sicherer Hand die Klappe des Schrankes aus dem Schlosse, in welchem die Hornemann'schen Wechsel gelagert hatten und der verhängnißvolle Rest noch immer lagerte. Er brach ein paar Schubladen auf und raffte zusammen, was er darin fand, Gold, Papiere – er wußte nach flüchtigem Hinblicke, daß sie ein Vermögen darstellten. Als er die Taschen gefüllt hatte, funkelten seine Augen von dämonischer Lust, und er fuhr sich mit beiden Händen durch den grau-röthlichen Haarwust. „Nun fort!“ stieß er hastig heraus. „Die Hauptsache bleibt, Alles in Sicherheit zu bringen. Ich denke, es reicht ein Weilchen; die Narren drüben mögen selber zusehen, wo jeder von ihnen seine Rechnung findet.“

Im Hausflure stand noch immer der Kutscher Johannes. „He,“ sagte er, als Bandmüller die Treppe herabgestolpert kam, „sind Sie denn wieder in Stellung bei uns?“

„Natürlich,“ erwiderte der Vorbeistreichende, „seit gestern. Beeilen Sie sich nur, daß Sie zu dem Fuhrmann kommen, sonst giebt es etwas vom Alten!“

„Oho!“ brummte der Kutscher kopfschüttelnd und sah nach der Thür, durch welche Bandmüller bereits verschwunden war; „den Fuhrmann holen ist doch sonst meine Sache nicht!“

Im Hofe warf der einstige Fabrikleiter einen raschen Blick auf das Gitterthor. Es war noch geschlossen. Er kehrte in die Fabrik zurück, verfügte sich aber sofort zu der Eingangsthür für die Arbeiter auf der andern Seite. Deutlich vernahm er einen Knall und ein Durcheinander polternder Männertritte. „Teufel, sie kommen schon; ich bin gar nicht neugierig zu wissen, was sich oben zugetragen hat.“ Er glitt eilig durch den Ausgang auf die schmale Gasse, welche zum Flusse führte, und nahm einen Schlüssel aus der Tasche, mit dem er hinter sich zuschloß. Dann bewegte er sich in mäßig beschleunigtem Tempo auf die Kaiserstraße zu. Hier kam ihm zu seinem größten Verdrusse ein Trupp Leute entgegen. Er drehte das Gesicht mit plötzlicher Wendung auf die Seite und blieb einen Moment stehen, eine häßliche Verwünschung vor sich hin murmelnd, um sie passiren zu lassen, aber man erkannte ihn und kam mit lachendem Zurufe herüber. Man machte sich einen Scherz daraus, ihn zum Mitgehen zu zwingen. Jede Ausflucht, jeder Protest war vergeblich; Bandmüller fügte sich endlich mit innerem Grimme in das Unvermeidliche und schmeichelte sich mit der Hoffnung, unterwegs Gelegenheit zu finden, um unversehens den Lästigen zu entkommen. Uebrigens trugen die Leute sämmtlich Gewehre, welche, wie es schien, neu waren.

[391] Der wilde Tumult in der Fabrik hatte inzwischen nach Bandmüller’s Entfernung noch eine Weile fortgedauert. Während im Hintergrunde der lange Abraham Angreifer um Angreifer von sich schleuderte, wie der Wildeber die Meute, unterstützt, soweit man sehen konnte, von zwei oder drei Genossen, hatte man den Commerzienrath seitwärts auf das Podium des Katheders niedergedrückt. Seine Hände waren wie zwischen Schraubstöcke gepreßt und sein angstverzerrtes Gesicht blickte in die finstern Züge jenes Hotelmann, den er einst seiner Neigung zum Fluchen halber aus der Arbeit entlassen hatte. Der Mann hielt ein gespanntes Pistol in der Hand, und die zornigen Ausbrüche seiner wilden Rachsucht hatten so viel Drohendes wie die Mündung der Waffe, welche beständig über den Augen des Fabrikanten schwankte. Plötzlich ertönte im Hintergrunde ein Schrei – die Folge eines wohlgezielten Hiebes, den Abraham Fenner verabreicht hatte; Hotelmann richtete sich auf – ein Schuß entlud sich –

Einen Moment machte der Lärm eine Pause; um das Katheder träufelte sich bläulicher Dampf – dann wurde die Thür aufgerissen, und fluchtartig schnell drängten sich die zu vorderst Stehenden hinaus; Andere folgten; der Commerzienrath fühlte seine Hände frei – das drohende Antlitz Hotelmann's war verschwunden – –

Was war geschehen? Im Grunde nichts. Der Schuß, welcher Abraham Fenner gegolten, hatte gefehlt; die Kugel war unschädlich in die Wand gefahren – man sah es an dem Kalk, den sie heruntergeschlagen hatte. Das Gewaltsame, Unerwartete des Schusses schien eine Panik erzeugt zu haben, deren ansteckende Wirkung in weniger Zeit als einer Minute den Raum leerte. Nur der Commerzienrath und seine Vertheidiger blieben zurück. Die Rotte stürmte zu dem von Bandmüller verschlossenen Ausgange hinunter; man rüttelte ein paar mal vergeblich und versuchte dann auf der andern Seite das Entkommen zu bewerkstelligen, und es gelang hier, da der Kutscher, welcher den Auftrag auszurichten gegangen war, das Gitterpförtchen offen gelassen hatte. Als man sich auf der Straße besann, hatte Niemand recht den Muth, zurückzukehren. Kein Einziger wußte mit Bestimmtheit zu sagen, welche Wirkung der Schuß gehabt. –

Die Barricade bei der Schmiede war bereits vor Sonnenaufgang fertig gestellt worden und überragte an Höhe den seitlichen Rest des Berges. Dieser war durch Abtragen von Erde abgeschrägt und ersteigbar gemacht worden. Den Bau und die Bergwand auf und nieder kletterten Menschen – ein Ameisengewimmel, wilde, trotzige, oder launig-lustige Gesichter, erhitzt und großentheils auch geschwärzt von der Arbeit und dem Rauche des Feuers, welches auf der Böschung zum Flusse hinunter noch immer brannte und bei dessen Gluth kauernde Gestalten Kugeln gossen. Gewehrläufe blinkten allenthalben, dazwischen auch manche scharfe Waffe, und in die blauen Blousen mischte sich hier und da eine phantastische Tracht. Die Chaussee war auf der zur Stadt führenden Strecke, so weit man sehen konnte, belebt.

Auf der Höhe der Barricade, dort wo sie an die Bergwand stieß, auf der an dieser Stelle noch ein Rest der Teufelszwirnwucherung stehen geblieben war, befand sich Karl Hornemann nebst ein paar Freunden in eifrigem Gespräch. Er war völlig unbewaffnet; seine Hand hielt nichts als ein Fernglas, welches er zuweilen an das Auge führte.

Das Wetter hatte sich geklärt. Ein Sonnenblick flog über die Scene hin, als einer der Männer neben Karl Hornemann einen Ruf der Ueberraschung ausstieß und auf die Chaussee hinausdeutete. In rasendem Galopp kam ein Reiter gesprengt, mit der einen Hand den Hut schwenkend. Der Pascha hob das Glas und erkannte den Friesen.

„Bei Gott, unser Freund Harro!“ sagte er. „Das Pferd schäumt, und mir ahnt, was dieser tolle Ritt bedeutet.“

Der Friese näherte sich rasch; man hörte das Schnaufen des Thieres und den lauten Ruf des Reiters: „Hurrah, sie kommen. Guten Morgen, Kinder!“ Der Kamm der Barricade bedeckte sich mit Neugierigen.

Lebhaftes Winken und Zurufen veranlaßte den Ankömmling, in das Terrain einzulenken, auf welchem einst die Zigeuner gelagert hatten; er sprang hier vom Pferde, ohne sich weiter um dasselbe zu kümmern, und stieg eine Leiter herauf, welche man über den Bergrest hinunterließ. „Die X-er kommen, Cavallerie und Artillerie,“ sagte er drüben, den Freunden die Hände schüttelnd, welche niedergestiegen waren. „Kinder, wie nett Ihr Euch eingerichtet habt!“ Er strich sich das blonde Gelock aus der feuchten Stirn und rang schwer nach Athem, während er mit Wohlgefallen den Bau musterte.

Der Pascha war rasch von ihm weg getreten. „Die Dreißig hier bleiben und mit den Reserven hinter die Bergecke!“ rief er in die umdrängende Menge. „Fort mit euch Andern an die Kaiserbrücke! Reißt hüben und drüben das Pflaster auf und baut so hoch wie Ihr könnt! Für Wagen wird die Requisitions-Compagnie gesorgt haben; im Nothfalle müssen Möbel aushelfen. Nur vorwärts! Baumeister, Du gehst wohl und übernimmst die Leitung?“

Der Abzug begann; einige Minuten später war die Chaussee bis zu der Stelle, wo der Berg ihren Fortgang verdeckte, entblößt. Während die Zurückgebliebenen sich ihren Standpunkt wählten, erzählte der Friese von dem Fremden, der in verflossener Nacht im Wirthshause der Erlenfuhrt Quartier genommen und den man nach Harro's Beschreibung leicht identificirte, von den beiden Husaren, welche, zum Recognosciren vorausgesandt, ebenda abgestiegen waren, und weiter, wie er Zeuge des Gesprächs zwischen den Fremden und den Soldaten gewesen war und daraus die Lage der Dinge erfahren hatte. Mit raschem Entschlusse war er hinausgeeilt und hatte eines der Husarenpferde bestiegen, welche der Knecht am Zügel gehalten. „Ihr könnt euch denken, daß ich den Gaul nicht geschont habe,“ schloß er.

So verging eine Viertelstunde. Da kam der Trupp an, welcher Bandmüller in die Mitte genommen hatte; die Leute baten um die Erlaubniß, bleiben zu dürfen, und sie wurde ihnen im Hinblick auf ihre Bewaffnung gewährt. Harro begrüßte den ehemaligen Fabrikleiter ironisch und erinnerte sofort an die Zigeuner, welche er noch den Abend zuvor bei der Erlenfuhrt gesprochen habe. Bandmüller beeilte sich mit verdrießlichem Gesicht, diesem Gesprächsstoff zu entgehen; er nahm ein Gewehr, welches man ihm reichte, und begab sich auf die Höhe des Bergrestes.

Auf der Barricade rief man „Hurrah!“ In der Entfernung bewegte sich eine dunkle Masse näher, und der Pascha, das abgesetzte Glas seinem Nachbar reichend, sagte: „Husaren und Ulanen.“ Die Besatzung des Bergrestes stieg auf den Kamm und reckte neugierig die Hälse; Niemand beachtete, wie Bandmüller die jenseitige Tiefe mit den Augen abschätzte und das Pferd musterte, welches dort ruhig an dem dürren Grase rupfte. „Treten Sie nicht so weit dort hinüber!“ rief plötzlich sein Nachbar. Zu spät; die Erde rutschte unter den Füßen des Fabrikleiters, und er fiel jenseits auf den Boden. „Hülfe!“ rief er, „die Soldaten – man wird mich fangen.“ – „Die Leiter her!“ schrieen ein paar Stimmen. Bandmüller raffte sich auf und stürzte zu dem Pferde hin; ein Sprung, und er saß im Sattel und jagte auf das Gebüsch hinter der Schmiede zu. Harro stieß einen zornigen Ruf aus und riß einem der Schützen das Gewehr aus der Hand, aber Karl Hornemann fiel ihm in den Arm. „Das ist ein Spitzbubenstreich,“ schrie der Friese entrüstet; „eine Kugel für den Deserteur und Pferdedieb! Erinnerst Du Dich jenes Hendricks, von dem ich Euch im Wiedenhofe erzählt habe? Das ist der nämliche Kerl, der mich schon einmal um ein Pferd gebracht hat – ich möchte jede Wette darauf eingehen.“ Der Pascha sah in verwundert an. „Hendricks, sagst Du? Wie wäre das möglich? Aber gleichviel – und wenn er es wäre: wir haben jetzt keine Kugeln für einen solchen Schurken übrig.“

„Fertig zum Feuern! Sie kommen.“

Aber sie kamen nicht, sondern hielten außer Schußweite und saßen ab. Die Officiere beobachteten das unerwartete Hinderniß mit dem Fernglas; dann schwang sich einer der Husaren wieder auf sein Pferd und ritt im Galopp den Weg zurück, den sie gekommen waren. Ein zweiter ging seitlich an den Busch und schnitt einen Stock ab; man band ein weißes Taschentuch an denselben, und der Husar sowie ein Officier bestiegen ihre Pferde, worauf Beide langsam zur Barricade heranritten, der Soldat die Parlamentärflagge haltend.

„Im Namen des Königs – ich fordere die Besatzung dieses Schanzwerks, sich ruhig in die Stadt zu begeben. Wer binnen einer Viertelstunde noch bei demselben anwesend gefunden wird, hat eine Behandlung als Empörer, im Falle thätlichen Widerstandes nach Kriegsrecht, zu gewärtigen.“

Der ungeduldige Friese sprang auf den Kamm und hob den Arm empor. Der Wind wühlte in seinen wehenden Locken. „Im [392] Namen der Freiheit – ich fordere das löbliche Militär auf, in aller Ruhe seine Casernen zu suchen. Wer sich von nun ab in den Bereich unsrer Gewehre wagen sollte, es sei zu Roß oder zu Fuß, wird als Scherge der Thyrannei behandelt und verfällt der Kugel. Dixi.

Der Officier, ein hübscher junger Bursche mit wohlgepflegtem Schnurrbärtchen, warf ihm einen verächtlichen Blick zu und sprengte mit seinem Begleiter davon. Nach der Rückkunft sah man ihn mit lebhaften Gesten Bericht erstatten. Ein zweiter Officier ging darauf mit zwei Mann Begleitung quer in das Gebüsch; man konnte an ihrer Bewegung erkennen, daß sie, durch die Schmiede gedeckt, sich zu nähern beabsichtigten, wohl um den Terrainwinkel zu recognosciren, welchen der Bergrest neben der Barricade beherrschte. In der That wurden bald darauf hinter der Schmiede zwei Köpfe sichtbar. Eine allgemeine Salve folgte, und weithin im Thale donnerte der Wiederhall.

„Zum Geier!“ rief der Pascha verdrießlich, „wartet doch das Commando ab! Wir sind wahrhaftig nicht in der Lage, Pulver vergeuden zu dürfen.“

Wieder verging eine Viertelstunde. Die drei Abgesandten sah man unversehrt zu den Truppen stoßen. Nichts füllte die gähnende Leere der Minuten, bis endlich ein Mann aus den Reserven ankam und im Namen des Doctor Urban die Mittheilung machte, der Fabrikleiter Bandmüller habe den Geldschrank des Commerzienrathes Seyboldt ausgeraubt. Jetzt wurden die Zungen lebendig; Ausrufe des Erstaunens, Verwünschungen, Selbstvorwürfe, daß man ihn hatte entrinnen lassen, kreuzten sich, und der Pascha hatte alle Mühe, den Friesen zu besänftigen. Bittere Aeußerungen über Urban, den Abtrünnigen, mischten sich in den Lärm. Kaum hatte sich der Bote mit dem Bescheide entfernt, da machte ein fernes dumpfes Rasseln der Episode ein Ende.

Kanonen! Es waren drei – eine halbe reitende Batterie. Die Läufe glänzten in der Sonne, welche eben einen Blick durch die Wolken that. Unheimlich klar sah man die Cavallerie Gasse bilden und die Geschütze auffahren, und man kletterte zum Fuße der Barricade hinab.

„Wollen wir nicht lieber einstweilen hinter den Berg dort gehen?“ fragte eine Stimme. „Hier sind wir doch zu nichts nutze, als Kanonenfutter abzugeben.“

„Jedenfalls müßten Wachen hier bleiben,“ erwiderte nachdenklich der Pascha, „sonst reiten sie während des Schießens um die Schmiede und überrumpeln uns von der Seite her, ohne daß wir es merken.“

Drei Leute meldeten sich freiwillig zum Bleiben, und der Friese bestand hartnäckig darauf, sich ihnen anzuschließen; er ließ sich einen Degen geben, den er umschnallte, und ein Gewehr. Die Uebrigen waren noch nicht in Sicherheit – da donnerte es drüben zwischen den Bergen, und summend und sausend flog das erste Geschoß dicht über die Barricade hin. Der Friese horchte. „Stückkugeln! Gott sei Dank, sie scheinen keine Sprenggeschosse zu haben,“ sagte er. Wieder ein Donnerschlag, ein Krachen und Knistern in der Barricade, – ein paar Splitter flogen herüber. In regelmäßiger Folge schlugen die Kugeln in den Bau, und die Splitter mehrten sich gefahrdrohend. Eine abgeschossene Wagendeichsel fiel hart neben dem Friesen mit sausender Wucht zu Boden. Wolken von Erde, welche die Barricade ausspie, überstäubten die Männer. Ein Dutzend Schüsse, und die Barricade zeigte bereits in ihrer Mitte eine Bresche.

„Sie schießen verteufelt gut,“ brummte Harro. In demselben Moment fiel sein Blick auf das Gebüsch hinter der Schmiede: Pferdeköpfe, blaue und grüne Uniformen brachen aus dem Saum desselben hervor und obendrüber flatterten die schwarz-weißen Fähnlein an den Lanzen. „Da sind sie ja. Köpfe zurück! Laßt sie näher kommen und nehmt Jeder seinen Mann gut auf's Korn!“ Der Boden erzitterte; mit mächtigem Ansturm sausten die Rosse heran. Vier Gewehre feuerten, und vier Stimmen stießen zugleich ein Geschrei aus; ein Husarenpferd stürzte sich überschlagend mit seinem Reiter; ein Ulan wankte und fiel schwerfällig aus dem Sattel. Heulend fuhr eine Kugel durch die Bresche. Einen Augenblick später drängten sich Pferde an die Bergmauer, und die Reiter richteten sich in den Sätteln auf und griffen über den Rand, der vom Pferderücken aus im Stehen zu erreichen war. Die vier Männer stießen und schlugen auf Hände und Köpfe, während zu ihrer Seite der Lärm der herbeistürmenden Genossen ertönte. Die Gefahr wuchs bedenklich; ein Dutzend Leute war bereits über die Mauer gesprungen; ein Ulan stand auf der Barricade und winkte zu den Geschützen hinüber, um sie schweigen zu heißen, bis ihn eine Kugel traf: die Lanze entfiel seiner Hand, und er rollte die halbe Böschung herunter.

Eine Scene unbeschreiblicher Verwirrung folgte: Gewehrschüsse, Pulverdampf, blitzende Klingen, schreiende Kehlen. Durch alles Geräusch hindurch klang die jauchzende Stimme des Friesen, der seinen Degen gezogen hatte:

„Speit die ganze Hölle
Ihre Geister aus,
Auf der Freiheit Schwelle
Schützen wir das Haus.
Laßt die Bogen brüllen,
heulen laßt den Wind – –

Er verstummte plötzlich. Durch den Dampf, den der Wind auseinanderriß, sah man ein paar Soldaten wieder über die Mauer springen; Pferde galoppirten; Schüsse krachten hinterher –

Die Ueberrumpelung war mißglückt. Todte und Verwundete lagen umher. In der Ecke, wo Bergmauer und Barricade zusammenstießen und die nackten Strähne des Teufelszwirns niederhingen, lag der blonde Hüne und hielt ein weißes, von quellendem Blut geröthetes Taschentuch auf die Brust gedrückt. Der Pascha kniete daneben, mit überströmenden Augen. „Harro, mein Freund, mein Bruder, wie stirbt sich's für die Freiheit?“

Ein paar halberloschene Augen sahen ihn an, und schmerzlich zuckte es um den vollen, todtblassen Mund. „Sage Deiner Schwester, sie wäre mein vorletzter Gedanke gewesen, der letzte aber die Freiheit.“ Die Lider des Friesen sanken.

„Doch an keinem Baume,
Und an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Einer Re – – –“

Die Geschütze fingen wieder an zu spielen. Karl Hornemann wischte sich die Augen und sprang auf. „Die Verwundeten aufnehmen! Es ist nichts; wir müssen wieder hinter den Berg gehen.“

Die Bestandtheile der Barricade flogen immer massenhafter in den verödeten Raum, in dem nur stille Leichen lagen. Der Körper des Friesen war in kurzer Zeit völlig überdeckt. Hinter der Bergecke lagen die Verwundeten auf einem Wagen, und die Uebrigen standen in Berathung. Es machte sich entschieden die Neigung geltend, den weiteren Kampf in das Innere der Stadt zu verlegen. „Man sieht ja, daß die Barricade den Kanonenkugeln nicht Stand hält,“ hieß es, „und es wird einen Augenblick geben, wo die Reiter den Weg über die Ausschachtung frei haben werden. Ueberreiten sie uns, so sind wir ohne jede Zuflucht. In der Stadt haben wir die Häuser und wir können der Artillerie in den Rücken kommen.“ So lauteten die vorgebrachten Argumente, aber es ließ sich nicht verkennen, daß der Anblick der Verwundeten, deren Einer sehr übel zugerichtet war, noch überzeugender wirkte, als jene Ausführung.

Die Reiter, welche geraume Zeit nachher kampfdürstig in die Bresche sprengten, fanden keinen Feind mehr. Sie räumten das Ende der Barricade beim Wasser auf und schafften die Geschütze längs der Böschung auf die andere Seite hinüber.

[405]
20.


Das Läuten der Sturmglocke in der Nacht war zugleich das Signal für den Beginn einer anderen Revolution geworden, deren Kampfplatz eine Menschenbrust war: diejenige des Doctor Urban. Bisher hatte die Laune des Moments in dem reich begabten, aber charakterlosen Manne mit zwingender Gewalt seinen Willen in Besitz genommen; wo ein Widerstand sich geregt hatte, da war er auf wirkungslose Proteste beschränkt geblieben, welche die priesterliche Stimme seines Gewissens ausgesprochen. In dieser Nacht aber waren alle Geister seines Innern mit einem Male aufgestanden und hatten die Rüstungen angelegt und die Waffen ergriffen. Seine demokratische Vergangenheit empörte sich wider die Gegenwart, alle seine Ideale standen auf ihrer Seite; die Bilder alles dessen, was er einst geliebt, waren lebendig geworden. Er sah das stille, treue, ernste Gesicht Karl Hornemann's, und er gewahrte daneben jene schönen, stolzen Augen, die noch immer [408] ihre entzündende Kraft besaßen. Auf der anderen Seite stand sein Weib, die Geister seines häuslichen Herdes, aber auch die Fratzen dessen, was das letzte halbe Jahr seines Lebens brandmarkte; eine gefährliche Hülfe für die arme kleine Toni.

Sie kämpften die dunkle Nacht hindurch, und sie kämpften noch immer, als der Doctor Urban die Chaussee hinunter ging, um nach Bandmüller zu forschen, und wie er vor den Männern stand, welche, die Waffen in der Hand, mit den trotzigen Gesichtern verächtlich auf den Abgefallenen blickten, da wäre die Entscheidung erfolgt, wenn er den Muth gefunden hätte, Karl Hornemann unter die Augen zu treten, aber er zögerte und zögerte, und als er sich langsam zur Rückkehr umgewandt hatte, da war der rechte Augenblick vorüber geflogen, und der Streit begann auf’s Neue.

Er ging an seiner Wohnung vorüber, dicht am Hause her, und beobachtete in der Nähe der Kaiserbrücke den Barricadenbau – lange Zeit. Hinter ihm langten schnellen Schrittes die Kämpfer an, welche draußen die Feuerprobe bestanden. „Die Hälfte von der Barricade her, die andere Hälfte von der entgegengesetzten Seite!“ hörte er sagen. „Ich werde die Führung der ersteren übernehmen – und wer wird die zweite führen?“

„Ich!“ sagte Urban plötzlich und wandte sich um. Vor ihm stand Karl Hornemann, erstaunt und kühlen Blickes. „Ja, ich, Karl,“ wiederholte der Doctor. „Ich will meine Sünden büßen.“

„Und wenn Du uns statt dessen noch einmal verräthst?“ fragte der Pascha.

Urban kreuzte die Arme. „Du hast Recht, Karl. Ich werde als Gemeiner fechten und, wenn es dem Himmel gefällt, sterben. Wer einmal im Zuchthause war, findet schwer Arbeit.“

„Heinrich, sieh’ mir in die Augen!“ sprach der Pascha wärmer und trat nahe zu dem ehemaligen Freunde heran.

„Ich habe böse Träume gehabt,“ erwiderte dieser, „vielleicht sehen sie noch etwas übernächtig davon aus.“ Aber es mußte doch etwas in den Augen geschrieben stehen, das Karl Hornemann das Herz rührte, – und als sich die Beiden umarmten, schwenkte ihre Umgebung die Waffen in der Luft und schrie Beifall. Jemand überreichte dem Neugewonnenen einen alten Reitersäbel.

Durch die Nerven Urban’s fluthete wieder brennend jener heilige Enthusiasmus, den er lange nicht empfunden. Er führte seine Truppen am Canal hin und weiter, bis sie sich in weitem Bogen auf’s Neue der Kaiserstraße näherten. Endlich machte er Halt und ließ recognosciren, und als der Erdboden vom ersten Kanonenschusse bebte und die benachbarten Fensterscheiben so eigen klirrten und surrten, da brach die Schaar auf. Die friedlichen Vedetten flüchteten; Hörnersignale ertönten auf der Kaiserstraße.

Die Leute Karl Hornemann’s kletterten über die Barricade und zwangen von drüben das Militär, sich zu theilen; in der Mitte standen die Geschütze, zum Schweigen verurtheilt. Auf beiden Seiten tobte das Handgemenge; Gewehrfeuer und Carabinerschüsse knallten. An den Scheiben hie und da ein blasses, ängstlich-neugieriges Zuschauergesicht.

Das Militär wich anfangs zurück; Reiter, und Pferde stürzten, und ein Paar der letzteren jagten scheu mit leerem Sattel, Verwirrung hüben wie drüben anrichtend, in dem Gewühle umher. Urban hieb jenen Officier vom Rosse, der draußen den Parlamentär gemacht hatte; er verschwand mit einem trotzigen Fluche unter den Hufen. Aber dann riß ein mächtiger Anprall die Ordnung der Revolutionäre auseinander; vereinzelt stak Alles zwischen den Pferden, und die blitzenden Klingen sausten Verheerung nieder. Ein schmaler Durchgang, der kaum eine Gasse zu nennen war, nahm Alles auf, was entkam. Urban war darunter, leicht am Kopfe verwundet. „Zurück zur Barricade!“ sagte er. „Wir können hier nichts mehr entscheiden.“ Er keuchte, aber seine Augen glänzten in freudigem Feuer. Sie erreichten in der Nähe des Hornemann’schen Hauses den Canal und sahen die Gegend beim Ausgange der Kaiserstraße in Pulverdampf gehüllt. Es schien, daß aus den Häusern geschossen wurde. „Eilen wir! Mir ahnt nicht viel Gutes.“

Hinter der Barricade lagen etwa zwanzig Menschen, ladend und feuernd. „Gott sei Dank!“ sagte eine Stimme, als Urban und der Rest seiner Begleiter, soweit sich dieselben nicht unterwegs verloren hatten, heraufgeklettert kam. „Es geht uns schlimm genug, und wir können Hülfe brauchen.“

„Wo ist Karl Hornemann?“ fragte der Doctor, welcher die Stimme des Stadtbaumeisters erkannte.

„Das weiß der Himmel,“ lautete die Antwort. „Was nicht gefallen ist oder Pardon genommen hat, steckt in den Häusern. Ah, da kommen sie – schießt – schießt!“

Urban blickte über die Barricaden und sah die jenseitige Böschung sich mit aufwärts kletternden Uniformen bedecken, und wie Manche auch unterwegs liegen blieben, die Meisten langten auf der Höhe an. Funkelnde Lanzen und flatternde Fähnlein – ein Herüber und Hinüber – Geschrei und Flintenschüsse; dann flüchtende Haufen, beide Seiten des Trottoirs am Canal hin und die Kaiserbrücke von ihnen bedeckt. Urban hatte eine Lanze gepackt und rang mit ihrem Träger um den Besitz, bis er stolpernd das Gleichgewicht verlor und hinunter rollte. Er raffte sich auf, und ein flüchtiger Blick belehrte ihn, daß es Wahnsinn gewesen wäre, zu bleiben. Er stürzte links das Canalufer entlang.

Zwanzig Schritte vor ihm ertönte aus der Mündung einer Straße Hufschlag und das Schnauben von Pferden. „Verloren!“ sagte er zornig. „Sie fangen mich ein.“ Aber es kam ihm ein rettender Einfall: er glitt die Ufermauer hinab in den Canal und drückte sich, halben Leibes im Wasser stehend, hart an die Wandung. Sein Herz pochte heftig; er hatte Mühe, geräuschlos zu athmen. Die Soldaten kamen auf das Trottoir geritten; er vernahm dicht über sich ihre Reden und sah Pferdeköpfe vor- und zurückschnellen. Dann erscholl ein Signal – die Gefahr entfernte sich.

Die Höhe der Mauer nöthigte ihn, in dem kalten Wasser abwärts zu waten, um eine der Steintreppen zu erreichen, welche in abgemessenen Entfernungen vom Trottoir auf das Wasser führten. Er war barhäuptig; sein Hut lag auf der Kaiserstraße, und er dankte demselben, daß die Säbelwunde auf seinem Scheitel so unbedeutend ausgefallen war; gleichwohl begann sie jetzt zu schmerzen. Das Wasser rieselte und gurgelte leise um ihn; er sah die riesigen, kahlen Aeste eines Baumes über die halbe Breite des Canals sich strecken und erblickte in dessen Bereiche Treppenstufen. Als er nach vorsichtiger Umschau über das Niveau der Straße tauchte, wollte ein neugieriges Mädchen im gegenüberliegenden Hause erschreckt das Fenster schließen, zu dem sie hinausgelugt hatte, dann aber schien ihr das Mitleidwürdige in seiner Erscheinung aufzufallen, und sie gab den verständlichen Gesten des Einlaßbegehrenden nach.

„Ist der Herr des Hauses daheim?“

„Der Herr ist verreist, nur die Frau ist zu Hause.“

„Melden Sie ihr einen verwundeten Flüchtling, der ihre Hülfe erbittet.“

Ein altes Weib steckte den Kopf aus einer Thür und sah ihn mit blöden Augen einen Moment an, um rasch wieder zu verschwinden. Langsam folgte er dem voraus eilenden Mädchen treppauf, und in seinem schmerzenden Gehirn arbeitete eine Erinnerung. Der Baum vor dem Hause – war das nicht die Wohnung –

„Sie möchten eintreten –“

Das Mädchen führte ihn in elegante Räume und warf verstohlene Blicke auf seine Beinkleider, von welchen das Canalwasser auf die Teppiche rieselte. Wohlige Wärme umgab ihn; eine Portière schlug auseinander – eine blühende, stolze Frauengestalt verließ das Fenster und winkte dem Mädchen mit plötzlicher Handbewegung, sich zu entfernen –

„Milli!“ stieß er leidenschaftlich hervor, indem er sich vor ihr niederwarf. „Ein guter Geist hat mich hierhergeführt, nicht mein Wille. Vergieb mir, was ich an Dir gesündigt habe aus trotziger Liebe! Das ist die zweite Schuld, die ich bezahle – die Quittung für die erste trage ich hier, und sie ist mit Blut geschrieben –“ Er zeigte auf die frische Wunde.

Sie neigte ihr glühendes Gesicht über ihn. „Stehen Sie auf! Um Gottes willen, wenn Jemand Sie in dieser Stellung sähe! Mich dünkt, ich höre die Thür gehen.“

„Nein, ich will beichten, knieend beichten, auch was ich an Deinem Manne verbrochen, und dann hilf mir oder weise mich aus Deinem Hause, wie Du willst –“

Leise schlich zu derselben Zeit ein Mann über den dicken Teppich des Nebenzimmers; er drängte sich vorsichtig durch die Thür auf den Corridor hinaus und stieg die Treppe hinab. Es war Zehren, der seine Gattin hatte überraschen wollen. Das Mädchen [409] blickte ihn verwundert an, als er unten wieder die Hausthür öffnete und ohne ein Wort zu sagen auf die Straße ging.

Er hatte sein Zimmer auf dem Rathhause verlassen, weil sich an diesem Morgen keine Seele um ihn gekümmert hatte; er war im Rathhause Menschen suchen gegangen und hatte keine gefunden. Draußen waren verwundete Flüchtlinge vorbei geeilt, und mit der aufdämmernden Ahnung dessen, was sich zugetragen, hatte sich seiner die Sorge um Weib und Haus bemächtigt, und er war unangefochten durch die Schreckensspuren der Revolution heimwärts geschritten. Die beruhigenden Versicherungen des Mädchens, das ihm geöffnet, hatten dem Erfreuten den Einfall eingegeben, heimlich, ganz heimlich zu seinem Weibe zu schleichen und dann plötzlich zu sagen: „Da bin ich.“

Ein flüchtiger Blick durch die Portière oben – und er war wieder umgekehrt.

„Ich darbe und hungere nach ihrer Liebe,“ sprach er mit bebendem Munde vor sich hin. „Ich habe ein Weib und habe doch keines. Und zur Zeit, da sie mich verreist glauben muß, finde ich meinen bittersten Verfolger und Nebenbuhler auf den Knieen vor ihr. Aber ich darf ihr nicht mißtrauen; sie müßte der Auswurf ihres Geschlechts sein, um eine solche Schuld zu tragen – weg mit dem Gedanken! Ich hätte dem Mädchen gebieten sollen, ihr nichts von meinem Besuch zu sagen; sie wird sich beunruhigen – –“

Er stieg zerstreut über das Geröll am Fuße der Barricade auf die Kaiserbrücke, auf welcher das Militär bereits mit dem Abtragen beschäftigt war. Die Körper der Gefallenen mußten weggeräumt sein, nur die Blutspuren verriethen noch, wo sie gelegen. In der Nähe des Hornemann’schen Hauses überfiel ihn erschreckend der Gedanke an das Schicksal seines Schwagers. Er konnte nur vermuthen, daß derselbe in die Empörung mit verwickelt gewesen war; von der Bedeutung, welche dessen politische Thätigkeit innerhalb der demokratischen Partei hatte, wußte er nichts Genügendes, um vollaus zu begreifen, in wie weitem Umfange er zu Besorgnissen Grund hatte. Er beeilte sich, um in den alten Bau zu gelangen.

Ein Mann kam ihm entgegen, und als er das Auge auf ihn richtete, erkannte er den Polizeicommissar Donner. Der Beamte blieb vor ihm stehen und deutete mit fragendem Gesicht in die Gegend, in welcher das Rathhaus lag.

„Ich bin frei, sobald ich will,“ meinte Zehren, „weil meine Gefangenschaft eine freiwillige war.“

Donner zuckte die Achseln. „Ich kann Sie nicht freilassen ohne ausdrückliche Zustimmung des Herrn Geheimrathes.“

„So lassen Sie mich wenigstens erst in jenem Hause einen Besuch machen,“ entgegnete Zehren, unmuthig vor sich hinweisend. Aber Donner erwiderte etwas, woraus er zum mindesten die Aufforderung verstand, ihn sofort zu begleiten, und er fügte sich.

Sie stiegen über die Barricade und betraten eines der anstoßenden Häuser. Auf der Treppe begegnete ihnen ein Polizeidiener, mit dem Donner ein paar Worte wechselte, und oben standen vor einer Thür zwei Husaren mit blankem Säbel Wache. Hier traten sie ein.

Ein kleiner, freundlicher Raum – wohl ein Fremdenzimmer der Hausbewohner; die Rouleaux vor den Fenstern herabgelassen. Vor einem weiß überzogenen Bette kniete, die Stirn auf den Bettrand gelegt, die alte Frau Hornemann, regungslos, und auf dem Bett lag der Pascha, – ein Todter. Sein Kopf war mit Binden umwickelt; seine Augen waren geschlossen.

„Allmächtiger Gott,“ stammelte Zehren, „mein armer Schwager!“

Donner näherte sich der alten Frau und zog eine Hand voll Papiere aus der Tasche. „Frau Hornemann, hier sind die Briefe,“ sagte er mit gedämpfter Stimme, indem er leise ihre Schulter berührte. Sie bewegte sich nicht. Erst als der Beamte die Worte wiederholte und die knisternden Briefe neben ihr Ohr auf das Bett legte, richtete sie sich langsam auf und wandte das geisterhaft graue, thränennasse Gesicht herum.

Sie erkannte Zehren und schwankte, unbekümmert um den lange bewahrten Fund Donner’s, der die Kette sprengen sollte, an der sie das Unglück ihrer Vergangenheit mit sich herumgeschleppt, auf den Schwiegersohn zu. „Mein Sohn!“ rief sie in herzzerreißendem Jammer, „mein einziger Sohn!“ Ihr Kopf sank schwer an die Brust des Fabrikanten; sie war ohnmächtig geworden. -–

Eine Viertelstunde später schritten Donner und Zehren dem Rathhause zu, trübe und schweigend. Ein paar Ulanen kreuzten ihren Weg, zwei Zigeuner geleitend, denen die Hände auf dem Rücken zusammengebunden waren. Die Zigeuner waren Michal und sein Vater, und als Donner eine Frage hinüber rief, machte einer der Soldaten mit lachendem Gesicht die Geste des Stehlens.

Der Geheimrath Rehling war im Rathhause nicht anwesend; Franz Zehren mußte sich bequemen, im nämlichen Zimmer, in welchem er die Nacht verbracht, die Ankunft desselben abzuwarten. –

Die Todten wurden der Erde übergeben, und obschon am Tage, da dies geschah, die Nachricht vom Märzsturm der Berliner eintraf, gestattete man, daß Tausende mit Musik und Fahnen den Särgen folgten; man glaubte sich auf Seiten der Behörde wie des Militärcommandos gesichert, nachdem man aus den Reihen der Unionspartei eine Bürgerwehr organisirt hatte. Niemand verwehrte den Angehörigen, die Gräber zu bekränzen und auf denselben zu weinen. Mit Verhaftungen ging man sparsam vor; man unterschied zwischen „Verführern“ und „Verführten“.

Die Spuren der Barricaden beeilte man sich so vollständig wie möglich zu verwischen.

Die Rotte, welche den Ueberfall in der Fabrik des Commerzienrathes verübt und später auch auf anderen Stellen ihre socialistische Ausgleichungstheorie in die Praxis umzusetzen versucht hatte, war theils schon gelegentlich dieser Versuche eingefangen worden, theils hatten ihre Mitglieder die Flucht ergriffen, und die Signalements derselben flogen durch das Rheinland und über die Grenzen. Eines Tages fand ein Bauer, der den Weg durch das Gebüsch hinter der Schmiede nahm, welche in Verbindung mit dem ersten Barricadensturm jetzt so viel genannt wurde, unter der Hänge-Eiche den Leichnam des Fabrikleiters Bandmüller; tief im Rücken stak ihm ein Dolch, welchen Niemand kennen wollte, – der Dolch der Zigeunerin. Das Grauen über ihre That mochte ihr nicht verstattet haben, das mit ein paar edlen Steinen besetzte Instrument wieder an sich zu nehmen. Der Raub fand sich unberührt in den Taschen des Ermordeten vor.

Nach Urban suchte man vergeblich. Die arme kleine Toni zerfloß in Thränen, und der Commerzienrath hatte nicht einmal die Genugthuung, über den Empörer schelten zu dürfen, wenn er ihre leidenschaftliche Aufregung nicht zu bedrohlichen Zufällen steigern wollte. Dann wurde sie mit einem Male ruhiger. Ihr Vater beobachtete sie scharf.

„Würdest Du im Stande sein, Deinen Vater zu verlassen, um einem unwürdigen Gatten in das Ausland zu folgen?“ fragte er sie gelegentlich, wie zufällig.

„Vater und Mutter zu verlassen um seinetwillen, wie es in der Schrift steht, Papa.“

Er beschloß, von nun an mit aller Aufmerksamkeit über sie zu wachen, und am nächsten Morgen war sie gleichwohl schon verschwunden. Ein Billet enthielt die zärtlichsten Abschiedsworte und Spuren von Thränen, aber keinen Fingerzeig über ihren Verbleib.

Zehren war von dem Geheimrath unverzüglich nach dessen Ankunft entlassen worden; er kehrte zu Milli zurück, und die tiefe Trauer um den Gefallenen drängte in den ersten Tagen jedes andere Interesse in den Hintergrund. Nach dem Begräbniß aber beruhigten sich die Gemüther ein wenig. Am raschesten faßte sich die alte Frau, welche dem bittenden Schwiegersohn aus der qualvollen Einsamkeit ihres Hauses in das seine folgte, um weiterhin dauernd hier ihren Wohnsitz aufzuschlagen. Sie fand Trost in der Rücksichtslosigkeit, mit der sich ihr plötzlich das Herz der Tochter erschloß, und – noch in etwas Anderem, was sie ängstlich als ihr Geheimniß aufwahrte. Ein Geheimniß hatte freilich auch Milli; sie brütete darüber, und sie machte Ausgänge, über welche sie Niemandem Rede stand und welche sie, wenn es ging, verbarg. Bei Zehren aber wirkte jetzt die Erinnerung an jenen flüchtigen Besuch seines Hauses eine Beklommenheit, welche sein Auge mit verstohlenen Fragen füllte. Der Name Urban’s kam weder über seine, noch über Milli’s Lippen, aber sie fragte ihn auch nicht einmal über seine angebliche Reise. Manchmal überraschte er ihre Blicke, wie sie warm und innig auf ihm ruhten, daß eine Ahnung unaussprechlichen Glückes den ernsten, resignirt stillen Mann durchschauerte.

[410] Eines Abends stand sie zum Ausgehen gerüstet vor ihm. „Ich werde auch einmal eine plötzliche Abreise veranstalten,“ sagte sie mit den Lippen, und diese Lippen lächelten so eigen, und ein tiefes Roth war über ihr Antlitz gegossen. „Ich will Dir aber wenigstens Lebewohl sagen.“

Er blickte sie mit großen Augen an und nahm die schlanke Hand, welche sie ihm reichte, aber er sagte nichts, sondern nickte blos. Sie ging zur Wohnung der alten Rottmanns, in die Louisenstraße.

Tief in der Nacht stand der letzte Zug, welcher zum Rhein hin abgehen sollte, formirt und mit Passagieren besetzt auf dem Bahnhofe. Die Thüren waren zugeschlagen; das Abfahrtssignal wurde jede Secunde erwartet. Da trat der Polizeicommissar Donner auf den schwach beleuchteten Perron, rief dem Zugführer etwas zu und begann mit flüchtigem Auf- und Abspringen Coupé um Coupé zu mustern. Aus einem derselben lehnte sich, den Einblick in das Innere wehrend, eine schlanke, jugendliche Frauengestalt in der Kleidung tiefster Trauer. Donner blickte ihr scharf in das Gesicht, als er an diesen Punkt des Zuges gelangte, und griff, plötzlich zurücktretend, mit höflicher Verneigung grüßend an die Mütze. Der schöne Kopf neigte sich leise zum Gegengruß. Der Zug pfiff – die Locomotive stöhnte und setzte sich in Bewegung – und noch immer, noch Minuten nach der Abfahrt, blickte das blasse Gesicht aus dem Fenster, und der Zugwind spielte mit dem schwarzen Tüll des Schleiers auf der Stirn. Dann setzte sich Milli Zehren in die Kissen und sagte zu ihrem Nachbar, einem schlanken, ältlichen Herrn mit grauem Vollbart: „Gott sei Dank, diese Gefahr wäre glücklich vorübergegangen.“ Und sie holten Beide tief Athem. –

Wieder ward es Abend. Zehren saß einsam vor dem lodernden Kamine, und der Widerschein des Flammengeflackers spielte auf seinem nachdenklich gesenkten Antlitze, während seine Finger mechanisch die weichen Quasten des Fauteuils bewegten. Frau Hornemann war ausgegangen.

Er sah nicht, wie hinter seinem Rücken leise die Portière auseinander geschlagen wurde, und hörte weder das Rascheln des schwarzen Seidenkleides, das sich leise auf ihn zu bewegte, noch den weichen Tritt der zierlichen Stiefelchen auf dem Teppiche. Aber da legte sich plötzlich eine warme Hand auf seine Stirn, und er wandte jäh den Kopf und sah dicht über sich die ernsten braunen Mandelaugen, aus denen glückverheißende Blicke wie Mairegen auf ihn fielen. Ein Sturm von Liebe brauste durch alle seine Nerven, und er sprang auf und schloß sein Weib in die Arme, bebend und mit feuchten, seligen Augen. Sie duldete es lächelnd, und ihre warmen rothen Lippen suchten die seinen – zum ersten Male.

Er gestattete nicht, daß sie den Hut und den pelzgefütterten Sammtmantel ablegte; er hielt sein Glück fest umschlungen und führte es den Teppich auf und nieder, und Keines von Beiden sprach ein Wort. So fand sie Frau Hornemann.

„Bist Du wieder da?“ fragte sie überrascht; „und wo warst Du?“

„In Holland, Mutter,“ sagte sie, träumerisch weiter wandelnd. „Ich habe den Doctor Urban zu seiner Pflicht, zu seinem Weibe und in Sicherheit gebracht. Der Frühlingswind wehte und hat die dürren Blätter einer todten Vergangenheit in den Rhein geschüttet. Urban wird sich mit Toni in London niederlassen.“

Frau Hornemann ging zum Kamine und nahm in dem Fauteuil Platz, den Zehren verlassen. Sie legte den Muff in ihren Schooß und nahm zwei Papiere aus demselben, entzündete sie an der Flamme und warf sie endlich ganz auf die Kohlen. Die Hitze trieb die Asche empor, daß die Flocken wie lebende Wesen in der lohen Gluth tanzten.

„Was haben Sie da verbrannt, Mutter?“ fragte die junge Frau.

„Den Fluch meines Lebens,“ erwiderte mit einiger Heftigkeit die Angeredete. Und plötzlich nahm sie den Kopf in beide Hände und brach in bitterliches Schluchzen aus, und die Tochter drängte sich aus dem Arme des Gatten und sank zu ihr nieder und barg das Gesicht in ihrem Schooße.

„O Karl, mein Sohn, mein Sohn!“ jammerte die alte Frau. – –

Der Canal ist heute überbaut; über den stillen, dunklen Wellen wandeln die Menschen und fahren die Wagen im Sonnenlichte. Der schnörklige Bau mit der verwitterten Doppelthür und den Erkern ist längst abgebrochen, und ein hohes, stattliches, modernes Gebäude erhebt sich, wo er gestanden. Frau Hornemann ist todt, der Commerzienrath auch; er liegt auf einem der Kirchhöfe Londons begraben – er hatte es nicht ertragen können, ohne die lustigen Augen seines Kindes zu leben, und war ihr nachgezogen. Die beiden Paare leben noch, aber sie sind alte Leute; nur in stillen, einsamen Stunden oder Nachts im Traume besucht sie manchmal ihre Jugend.

Die Revolution ist fast vergessen; die Kinder einer bessern Zeit wollen kaum noch etwas von ihr wissen. Von denen, welche den klaren, sonnig funkelnden Wein in die Gläser gießen und schlürfend seine Blume athmen– wer von ihnen fragt nach der Zeit, da der gährende Most im Fasse wühlte und seine Perlen und Blasen trieb?



  1. Vorlage: habl
  2. Vorlage: 'kennt'
  3. Vorlage: „ein Verlobung fest“
  4. Vorlage: Schluss-Anführungszeichen fehlen
  5. Vorlage: 'Cr'

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Her
  2. Vorlage: das
  3. Vorlage: uicht