Deutsche Art, treu gewahrt

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Textdaten
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Autor: Stefanie Keyser
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Titel: Deutsche Art, treu gewahrt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40–49, S. 669–674, 689–692, 709–714, 725–728, 741–744, 757–763, 773–778, 789–795, 809–814, 826–830
Herausgeber: Adolf Kröner
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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[669]
Deutsche Art, treu gewahrt.
Eine Hofgeschichte aus dem 17. Jahrhundert von Stefanie Keyser.

Wenn an schweren Wettertagen die streitenden Wolken für eine kurze Frist einhalten, ihre Blitze, Donnerschläge und Hagelschauer zu versenden, und ein Sonnenstrahl herausschlüpft, dann öffnet alsbald die weiße Windglocke ihren zarten Kelch, der Sommervogel entfaltet die Sammetflügel, der Distelfink zwitschert sein lustiges Lied und das Mücklein tanzt einen fröhlichen Reigen. Sie verstehen, die gute Stunde zu genießen. Der Mensch ist gleichfalls theilhaftig dieser natürlichen Weisheit. Zwischen Feuersbrunst und Wassersnoth, Krieg und Pestilenz nimmt er gern den freien Augenblick wahr zu einem Freudensprung.

Also begab es sich auch vor drittehalb hundert Jahren im Thüringer Land.

Zwar war es nur ein spärlicher Lichtstrahl, der dem geplagten Volke leuchtete – seit zehn Jahren wüthete schon die Kriegsfurie auf deutscher Erde und ein Ende der Heimsuchung vermochte niemand abzusehen – aber der Kaiser Ferdinand unterhandelte doch mit dem König Christian von Dänemark, dem Haupt der evangelischen kriegführenden Partei; derweilen wurden keine Schlachten geschlagen, und man brauchte keines Einfalls feindlicher Heere gewärtig zu sein. Die evangelische Sache lag freilich am Boden; König Christian war mit seinem Heer gleich einer Schar Krebse rückwärts ins Meer gerutscht. Indessen bei den katholischen Mächten sah es gleichfalls übel aus; sie hatten sich in einander verbissen wie ein Rudel Wölfe: die Liga bellte wider den Wallenstein, dieser that ihrem Führer Tilly Tort und Dampf an, und den Kaiser zwickte in Welschland der König von Frankreich. Und hatte auch unter den Fürsten, welche die lutherische Lehre auf der Spitze ihres Schwertes zu erhöhen strebten, der Tod eine reiche Ernte in den letzten Jahren gehalten, so waren nunmehr die Trauertage um die Gefallenen zu andern trüben Tagen hinabgesunken.

[670] Die Fürstinnen aus den schwer betroffenen Häusern der ernestinischen Sachsen legten die langen Leidschleier ab, die sie um drei gebliebene Herzöge von Weimar und Altenburg getragen hatten. Die noch lebenden kampflustigen Herren kehrten in ihre Erblande zurück und gönnten sich eine kurze Waffenruhe.

Dazu war der Lenz gekommen, in welchem allezeit die Lebenslust neu erwacht.

Ein lauer Tag des Wonnemondes ging zur Rüste. Die sinkende Sonne blitzte noch einmal in den Fenstern der Dornburg, welche auf schroffem Felsen über dem Saalthal sich erhebt. Dann verblaßten gemeinsam die goldenen Linien an den Giebeln und überdachten Schornsteinen; ein rosiger Schein überhauchte den Abendhimmel. In dem Städtlein Dornburg, das hinter dem Schlosse seine spitzen Ziegeldächer in altersgrauen Mauern zusammendrängte, wurde Feierabend geläutet.

Da schallte Hufschlag und Waffengeklirr durch die krummen Gassen. Aber die Bürger im Rathskeller blieben geruhig beim Broihan sitzen. Die Reiter waren trotz Krebs und Sturmhaube keine Kriegsleute. In den unruhigen Zeitläufen, wo Ueberfälle von Waldfischern und Strauchhechtlein als alltägliches Abenteuer galten, bewehrte sich jeglicher Reisende bis an die Zähne, ging der Friedfertigste mit einem Morgenstern statt des Wanderstäbleins über Feld. Um so eiliger hatten es die Frauen, die Fenster aufzuschieben und vor die Thüren zu laufen.

War das ein schönes Mannsbild, das den Reitertrupp führte! Biegsam gleich einer Weidenruthe wiegte der junge Herr sich im Sattel. Er trug den künstlich gearbeiteten Harnisch wie ein gewohntes Gewandstück; aber grüne Sammetpuffen bauschten darunter hervor, ein spinnwebfeiner Spitzenkragen legte sich darüber. An den hohen Stiefeln gleißten silberne Radsporen, und der Federhut war auf lange, wohl gekräuselte Locken gedrückt. Nein, das schmale bräunliche Gesicht, das sich ihnen mit honigsüßem Lächeln zuwandte, als sie in der singenden Mundart der Gegend die Tageszeit boten, gehörte keinem rauhen Kriegsknecht an; deren Fäuste trugen nicht so feine Stulphandschuhe, winkten nimmer solch holden Gruß. Schier behext sahen sie dem Reitersmann nach.

Der strich sein spitzes braunes Bärtchen empor und schaute mit den blitzenden Augen triumphirend noch einmal sich um, ehe er zu dem zinnigen Stadtthor hinausritt, das auf den Burgweg führte.

Par Dieu! Er war ja ein „alamoder“ Monsieur! Solch einem hing allerorten das Frauenzimmer mit Passion an. Er hatte gelernt, wie man selbiges ködert, da er vor einem halben Jahrzehnt seinem Herzog Wilhelm von Weimar unter die Fahne Christians von Braunschweig gefolgt war, der seine französische Sitte liebte. Als ein ungeleckter deutscher Bär zog er dazumal aus im eisernen Harnisch, mit der thörichten Fürstellung behaftet, daß ein Mann sein ganzes warmes Herz einsetzen müsse, um eine holde Frau zu gewinnen. Da er zurückkehrte, verstand er, feines Spitzenwerk dem Eisen zu vereinigen, zu parliren und den galanten Schäfer zu spielen. Und vor allem war ihm die Erkenntniß aufgegangen, daß in der Liebe gerade derjenige siegt, der den kühlsten Kopf behält. Nun! dessen vermochte er sich wohl zu rühmen!

Der zweite seiner gnädigen Herren, Herzog Albrecht, war zwar ein erklärter Feind des Alamodewesens und blickte ihn schier verächtlich an, wenn er dem Frauenzimmer des fürstlichen Hofstaates mit zärtlichen Seufzern und schmachtenden Blicken huldigte. Indeß er war sich bewußt, daß man bei ihm durch die Finger sah, dieweil er einen großen Stein im Brett hatte bei seiner Herrschaft. Und wer konnte sagen, was die Zukunft brachte?

Sein kecker Blick richtete sich auf die Dornburg, die vor ihm dunkel in den erblassenden Abendhimmel hineinragte.

Das schwarz-gelbe Banner auf dem Thurm wallte ihm entgegen, als biete es den schwarzen und gelben Federn auf seinem Hut vertrauten Gruß.

War das ein günstiges Vorzeichen?

Jetzt hielt er am Burgthor. Die Wachen sperrten mit gekreuzten Hellebarden den Weg.

Aus der Thorstube rief ihm der Wachtmeister zu: „Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr?“

Herrisch entgegnete der Reiter:

„Achatius von Krombsdorff, Hofmeister Ihrer fürstlichen Gnaden, der Herzöge von Weimar, kommt in einer Sendung seiner gnädigen Herren zu Ihrer fürstlichen Gnaden, der Frau Herzogin Witwe Anna Maria von Altenburg.“

„Passirt!“ befahl der Wachtmeister respektvoll. Die Hellebardiere schulterten die Waffen. Der Hufschlag der Pferde dröhnte durch das Thorgewölbe.

In dem von hohen Gebäuden umschlossenen Hofe war es schon Abend geworden. Ueberall schimmerte Licht und zeigte neugierig zusammenlaufendes Ingesinde. Unter einer aufgesteckten Fackel drängten sich Stallbuben und junge Dirnen, die aus dem Wirthschaftshofe herbeikamen, der Schein des Herdfeuers beleuchtete die Küchenmägde und den dicken Koch, und in der erhellten Kellerluke wachte das rothe Gesicht des Kellermeisters auf.

Sattelknechte sprangen herzu, um das Pferd des Hofmeisters in Empfang zu nehmen.

„Treffe ich den Herrn Schloßhauptmann von Tautenburg zu Haus an?“ fragte er, sich abschwingend.

Ein Lakai in schwarzem, mit gelben Borden besetztem Wams trat vor.

„Der Herr Schloßhauptmann ist noch nicht aus den Weinbergen zurück, allwo heute die Reben angebunden werden.“

„Aber die Frau und die Jungfrau Katharine sind hoffentlich daheim?“ erkundigte der Hofmeister sich weiter.

Ehe der Lakai antworten konnte, tönte eine kräftige Frauenstimme aus der Tiefe des Kellers:

„Was brennt in der fürstlichen Küche an? Ich rieche es bis hierher. Meister Koch, gebt dem Bratenwender eine Maultasche, daß er seinen Spieß ordentlich drehe. Und Ihr, Kellermeister, habt Acht, damit das Faß mit dem guten Kunitzer Wein sicher herunter geschrotet wird. Das weiß Gott: die Frau muß selber sein die Magd, will sie im Hause schaffen Rath.“

Die Stimme aus der Tiefe wirkte Wunder. Jeglicher Dienstbote kehrte zu seinem Geschäft zurück. Der Lakai aber sagte:

„Ihr hört, daß die gestrenge Frau zu Haus ist.“

Achatius hatte den Mund beim Namen des Weines zusammen gezogen. Jetzt lachte er, kniff die rothbackigste Küchenmagd in die Wangen und wandte sich dem Wohngelaß des Schloßhauptmanns zu.

An der rundbogigen Pforte blieb er lauschend stehen. Vom Residenzhause her schwirrten Klänge eines musikalischen Instrumentes.

„Die junge Herzogin Dorothea geruht, den französischen Tanz Mimi auf Dero Klavicymbel zu reißen,“ flüsterte er lächelnd vor sich hin. „Ob das fürstliche Fräulein wohl auch vermöchte, einen hochgebietenden Herrn nach dieser Weise tanzen zu lassen?“

In dem lustigen Takt des Mimi stieg er die Wendeltreppe empor und klinkte die braune Stubenthür auf.

Eine rosig gleißende kupferne Lampe hing von dem Deckengebälk herab und beleuchtete das niedrige holzgetäfelte Gemach.

Vor einer geöffneten Truhe stand Käthchen, das siebzehnjährige Töchterlein des Schloßhauptmanns, mit einem Körbchen voll duftender Kräuter.

„Vetter Achatius!“ schrie sie auf, und die silberglänzenden Blätter der Spika fielen auf den Estrichboden, statt zwischen die aufgeschichteten Leinenschätze. „Ach, der Schreck! Mir zittern alle Glieder. Woher kommt Ihr?“

Wie ein einziehender Herrscher schritt Achatius über das gestreute Grün klirrend zu ihr hin.

„Unter des kleinen Gottes Cupido Geleit geradeswegs aus Weimar. Aber beim Einspruch eines freundvetterlichen Gastes gebraucht eine holde Jungfrau ihre Purpurlippen zu etwas anderem, als zu einem Zetergeschrei. Mit Eurer Permission, holdes Bäschen!“

Er zog sie an seine Brust und hauchte mit gespitzten Lippen einen zarten Kuß auf ihren Mund. Dann entließ er sie sanft aus seinen Armen.

Verwirrt, dunkelroth zupfte sie den steif gestärkten Halskragen wieder glatt.

„Nun habe ich gerade heute den schlechten karteknen Rock angezogen,“ klagte sie. „Ich dachte, nur der Junker Utz von Hagenest käme zum Abendbrot; da wäre er lange gut genug gewesen.“

„Ihr seid auch so schön,“ tröstete Achatius. „Wie ein Nymphlein der Feldflur erscheint Ihr mir. Hell gleich reifen [671] Aehren glänzt Euer Haar, wie Kornblumen leuchten die Augen, und der wilde Mohn ist nicht röther als Eure Lippen.“

Mit offenem Mündchen sog sie seine Worte ein; versunken in seinen Anblick stand sie vor ihm.

Er aber vergaß über das holde Bäschen seine Bequemlichkeit nicht. Schäkernd fragte er:

„Darf ich meine kriegsmäßige Rüstung ablegen, oder gebietet meine strenge Herrin, daß ich vor ihr paradire wie vor einem Obristen?“

Sie besann sich auf ihre häusliche Pflicht und nahm ihm eifrig Hut, Stulphandschuhe und Degen ab.

„Sind wirklich so viele Monde vergangen, seit Ihr mit Eurem Herzog Albrecht hier weiltet?“ flüsterte sie. „Mir ist, als hätte ich in der ganzen Zeit geschlafen und wäre jetzt erst ausgewacht.“

Er lächelte selbstgefällig und küßte die kleinen, hilfsbereiten Hände.

„Euer Gewissen wird aufgewacht sein und Euch Vorwürfe machen, daß Ihr bei den Festivitäten auf den Schlössern und Burgen des schönen Saalthales dem Gedenken an mich Valet gegeben habt.“

Käthchen schüttelte den Kopf:

„Die Frau Mutter ist dem Herumfahren im Lande abhold und wehret Einladungen zu Schmausereien und Tänzen mit dem Sprüchlein ab: Wenn fliegt die Taub’ zu weit ins Feld, zuletzt der Habicht sie behält.“

Achatius führte sie lachend nach dem Fenster, aus dessen Brüstung ein Rosmarinsträuchlein duftete, und zog sie neben sich auf die Bank.

„Die Frau Mutter ist eine fürsichtige Frau. Wenn nur derweilen kein Marder in ihren Taubenschlag kommt.“

„Ein Marder?“ wiederholte Käthchen, und die blauen Kinderaugen lugten pfiffig unter dem Büschelchen blonden Stirnhaares hervor, das ihr immer wieder auf das zierliche Stumpfnäschen fiel. „Meint Ihr den Junker Utz, der das schöne Gut drüben in der Stadt gekauft hat mit dem Schlößchen? Ja, der kommt oft. Welch einen Hühnerhof hat er! Dagegen ist mein Taubenschlag gar nichts. Wenn er pfeift, laufen kalekutische Hähne mit langen rothen Nasen herbei, und ach! so liebe grau gesprenkelte Perlhühnerchen, denen die Hauben bis über die Augen hängen. Und welche drollige Kratzfüße macht der bunte Gockel! Die hat der Utz ihm abgeguckt.“ Sie kicherte in sich hinein.

Achatius hob neckisch drohend den Finger.

Sie gerieth außer sich vor Vergnügen. „Er hat mir auch zu Fastnacht eine stattliche Verehrung von süßen Fladen geschickt und zu meinem Geburtstag grüne Maien setzen lassen,“ erzählte sie eifrig und sah ihn gespannt an, um zu erkunden, welchen Eindruck des Junkers Werbung auf den Vetter machte.

Er that ihr den Willen und stieß einen herzbrechenden Seufzer aus, von dem die Quästchen seines Spitzenkragens erbebten.

„Wenn ich wollte“ – suchte sie ihn, selig über seinen Kummer, weiter zu quälen.

Aber sie vermochte nicht zu vollenden.

Die Thür öffnete sich. Frau von Tautenburg rauschte herein im starren stahlgrauen Kleid, den Schlüsselbund an der Seite.

„Hab’ ich recht gehört?“ rief sie mit schallender Stimme. „Wahrlich, es ist unser lieber Vetter aus Weimar. Was führt Euch lustigen Hofschalk her?“

Er neigte sich mit verschlossener Miene. „Eine Botschaft meiner gnädigen Herrschaft an Eure Frau Herzogin. Bis Selbige sie Euch kund thut, laßt Euch an meiner demüthigen Reverenz genügen, großgünstige Frau.“

Sie lachte. „Wollt Ihr Euch wichtig machen mit Eurem Geheimnißkram? Nun, dem sei also! Wir empfangen Euch gleich einem mächtigen Scharhansen.“

Sie küßte ihn mütterlich auf die eine Wange und gab ihm einen freundschaftlichen Backenstreich auf die andere. Dann streiften ihre klugen Augen das glühende Antlitz ihres Kindes.

„Flink, Käthe!“ befahl sie, „hilf die Abendtafel beschicken. Mein Eheherr und der geladene Gast werden gleich kommen. Hier ist der Schlüssel zum Keller. Nein, seht mich nicht so ängstlich an; der Kunitzer Wein wird heut nicht angezapft.“

Erst nach der Tochter verließ sie das Gemach, und nun tönte es von draußen: „Suse, sind die guten Messer mit den Achatsteingriffen geputzt? Grethe, bringe den Schinken aus der Vorrathskammer! Die Torte von Lammfleisch nicht zu vergessen!“

Die Thür öffnete sich; unter den Händen Käthchens und der stämmigen Mägde wurde die Eichentafel in der Mitte der Stube zum Tischlein deck dich.

Dann dröhnten starke Schritte auf der Treppe. Der Schloßhauptmann erschien, ein stattlicher Herr mit grauem Haupt und rundem rothen Antlitz. Hinter ihm schob sich die kräftige Gestalt des Junkers von Hagenest herein. Sein ehrliches rothbackiges Gesicht färbte sich noch dunkler beim Eintritt. Aus den von weißblonden Wimpern umrahmten blauen Augen sprach eine treuherzige Freude. Er sah aus, als erwarte er, daß ihn nun die gebratenen Tauben ist den Mund fliegen würden, er brauche denselbigen nur zu öffnen.

Breitspurig stellte er sich auf und rief: „Guten Abend, Jungfrau Katharine!“

Aber sein Gesicht wurde lang, als von der Fensterbank statt des blonden Mägdleins ein schlanker Kavalier sich erhob, der seine feinen Glieder auf eine schmale Linie zusammenzog und eine schier unheimliche Reverenz machte.

Auch der Schloßhauptmann war sichtlich überrascht. Fragend sah er den jungen Vetter an, während er ihm gemüthlich die Hand schüttelte. Dann machte er die Herren mit einander bekannt.

Utz maß den Hofmeister von dem braunlockigen Scheitel bis zu den zierlichen Fußspitzen. Er empfand einen Widerwillen gegen den Fant, er wußte selbst nicht, warum, und seine Verbeugung fiel sehr aufstutzig aus.

Achatius lächelte leise. Ja, ja, den Kratzfuß mochte er wohl seinem Gockel abgelernt haben. Es lag für ihn klärlich auf der Hand, wie es um die Tautenburgs und den Junker bestellt war. Aber er gehörte zu den Menschen, die an einem rechtschaffenen Gewebe nicht vorüber gehen können, ohne eine kleine Verwirrung zu stiften. Als Frau von Tautenburg zur Mahlzeit rief und Anstalten traf, dem Junker zwischen Käthchen und sich den Platz anzuweisen, da glitt Achatius wie eine Schlange um ihn herum und saß neben dem Bäschen, bevor der umständliche Junker nur an den Tisch gelangt war.

Dieser mußte sich gegenüber an der andern Seite der Tafel niederlassen. Dort machte er es sich bequem. Er rückte so lange auf seinem hochlehnigen, mit ingwerfarbigem Tuch beschlagenen Stuhl hin und her, bis die Ellenbogen Spielraum hatten, und knöpfte einen Knopf seines Wamses auf in Erwartung der Tafelfreuden.

Der Schloßhauptmann bemerkte nicht, wie der Plan seiner Hausfrau vereitelt wurde. Als echter Hofmann sann er darauf, zu erforschen, weß Inhalts die Botschaft war, die der Vetter überbrachte.

Die Deckelkrüge vollschenkend, hob er in seiner behaglichen Weise das Gespräch an: „Ist doch ein wahres Labsal, zu sehen, wie das gute Einvernehmen der beiden Häuser Weimar und Altenburg immer wieder sich herstellt trotz mancher Zwiespältigkeiten. An solchen hat es schon zu Lebzeiten der beiden, leider Gottes! so früh verstorbenen Häupter der Familie nicht gefehlt. Denn wiewohl Brüder, waren sie doch verschiedentlich geartet. Unser Herzog Friedrich Wilhelm fegte wacker den Beutel, Euer Herzog Johann lebte still und sparsam wie ein guter Hausvater. Und selbige Eigenschaften haben sich fortgeerbt. Unser Fräulein Dorothea strahlt von Kleinodien wie der Nachthimmel von Sternen und ist beweglich gleich einer Welle der Saale. Welch ein Bild schlichter fester Männlichkeit ist dagegen Euer Herzog Albrecht! Und doch schien Hochderselbe nur Augen für unser Fräulein zu haben, als er im vorigen Herbst zur Reiherbeize hier weilte.“

Er blinzelte den Hofmeister forschend von der Seite an.

Der dachte: Da müßt Ihr früher aufstehen, Vetter! gabelte eine Morchel aus der Lammtorte, verspeiste sie zierlich wie ein Eichkätzchen und antwortetet: „Darum ist mein gnädiger Herr nicht zu verdenken. Fama hat recht, wenn sie verkündet, die Herzogin Dorothea besitze eine Alabasterhaut, Rubinlippen, Augen gleich verschleierten Topassteinen und Marmorschultern.“

Utz lachte verächtlich. „Oho, unser fürstliches Fräulein ist nicht von Stein.“

[674] Und Käthchen nahm es übel, daß der Vetter noch von einer andern Schönheit sprach als von der ihrigen. „Fama?“ wiederholte sie verdrießlich. „Die kann das gar nicht wissen; denn sie ist nicht hier gewesen.“

„Aber sie erzählt doch auch,“ schmeichelte Achatius, „man könne ein Rosenblatt auf Eure Wange legen und selbiges nicht von ihr unterscheiden.“

„Liebwerther Vetter,“ unterbrach ihn Frau von Tautenburg ärgerlich, „es ziemt sich nicht, die Ohren eines unschuldigen Kindes mit Zuckergeschwätz zu füllen. Laßt Euch das von einer aufrichtigen Frau gesagt sein. Erzählt uns lieber etwas Neues aus Weimar. Daß Euer Herzog Wilhelm mit seiner sanften Gemahlin Eleonore glücklich lebt, ist uns bekannt. Aber denkt denn keiner Eurer drei jüngeren Prinzen daran, sich zu verheirathen?“

Sie sah ihn forschend von der anderen Seite an.

„Großehrenreiche Frau!“ erwiderte Achatius. „Es ziemt uns nicht, den Schleier der Zukunft zu lüften.“

Und schelmisch lächelnd fuhr er fort:

„Laßt auch Ihr Euch das von einem aufrichtigen Mann gesagt sein. – Der Schwan ist fürtrefflich gebraten.“

Er kieferte säuberlich ein Knöchlein ab und legte es auf seinen Tellerrand.

Käthchen schaute ihm schier ehrfürchtig zu. Dann blickte sie finster auf den Junker Utz, der nach seinem redlichen Tagewerk tüchtig aß, ein Schwadrament auf seinem Teller anrichtete und, altem Brauch gemäß, die Knochen unter den Tisch warf.

Dazwischen rief er ihr zu. „Jungfrau Katharine, versteht Ihr auch, solchen Mostrich zu bereiten? Lernt es ja! Er ist gut auf den Trunk gewürzt. Mir geht nichts darüber.“

Sie vermochte vor Erbosung nur höhnisch aufzulachen.

Dem Schloßhauptmann verging alles höfische Sinniren; er schenkte eiligst wieder ein.

„Trinket aus, liebe Freunde, auf daß wir der Kanne endlich auf den Grund kommen.“

Utz leerte gehorsam seinen Deckelkrug. Er hielt es für Gastespflicht, dem guten Trunk Ehre anzuthun. Aber angesichts des fremden Hofmeisters schmeckte ihm der Rheinfall wie Schlehenwein.

Welch eine verdammte Art zu lächeln hatte der Kerl, daß man immer nur die Spitzen der weißen Zähne zwischen den rothen Lippen sah! Und warum hing die Käthe also mit den Augen an dem Zierbengel? Er, der wackere Junker Utz, bekam nichts von ihr zu sehen als die blonden Löckchen im Nacken. Daß doch ein Donnerwetter drein schlüge!

Je grimmigere Blicke er zu dem Pärlein hinüberschoß, desto muthwilliger wurde Achatius.

„Holde Herzensbezwingerin,“ flötete er, „lasset Euch erweichen! Schenket mir das roth- und weißgestreifte Schleiflein, daß ich es als Favor allezeit bei mir führen kann.“

Mit gewandter Hand löste er die Schleife von Käthens Kragen und befestigte sie auf seinem Wams nächst dem Herzen mit einer Spendel.

Käthchen strahlte vor Glück.

Utz schlug mit der Faust, in der er das Messer hielt, auf den Tisch. „Was ist das für ein alamoder Unrath?“

Achatius richtete sich auf. Seine Augen blitzten den Junker an. Aber er besann sich, machte ihm nur eine spöttische Verbeugung und erklärte herablassend: „ Ein Andenken an die Dame, welche wir adoriren. So trug Herzog Christian von Braunschweig allezeit den Handschuh der Pfalzgräfin Elisabeth am Hut.“

„Ich erachte ihn für einen Frauenknecht,“ schrie Utz, dem die Ader auf der Stirn schwoll.

Der Schloßhauptmann wischte sich den Angstschweiß ab.

„Nu, nu!“ begütigte er nach beiden Seiten hin, „er war ein vollkommener Kavalier und tapfrer Held, Gott hab’ ihn selig. Aber Ihr werdet müde sein, Vetter,“ wandte er sich an Achatius, „und wir wollen Euch nicht um Eure Nachtruhe bringen.“

„Ein Kavalier wird nie müde,“ versicherte dieser.

Die Hausfrau hob jedoch eiligst die Tafel auf. „Euren Nachttrunk, Vetter, werde ich Euch in Euer Losament schicken. Hole die Postille, Käthe; es wird Zeit zum Abendsegen.“

Utz wischte sich mit dem Aermel den Mund ab.

Achatius tupfte mit einem Zipfel des Tischtuches an die Lippen. „Möget Ihr sanft in Morpheus’ Armen ruhen!“ sprach er, sich sittig vor den Frauen neigend.

Der Junker wollte Einspruch erheben gegen diesen Wunsch, unter welchem er eine abermalige Unziemlichkeit witterte; aber der Schloßhauptmann klopfte ihm auf die Schulter, drückte ihm seinen Hut in die Hand und sagte: „Ich begleite Euch ein Stücklein Weges. Dann muß ich noch bei der Frau Herzogin den Hofmeister anmelden.“

[689] Achatius schickte den Diener, der mit einer Leuchte und dem Nachttrunk ihn nach dem Gastgemach im Thurme geleiten sollte, voraus; er konnte sich allein zurecht finden. Mit lässigem Schritt ging er über den stillen Schloßhof. Spöttisch blickte er dem Junker Utz nach, der am Arm des Schloßhauptmanns verstört zum Burgthor hinausstapfte. Wer war ein Frauenknecht? Er, Achatius, der die Weiber um den Finger wickeln, durch einen Blick lenken konnte? oder dieser Krautjunker, der in seiner biderben Mannlichkeit nicht einmal mit der kleinen Käthe fertig wurde, hinter ihr herstieg, bestürzt die ihm zugewandte [690] Kehrseite anstarrte und ihre Mißachtung hinnahm, ohne sie dafür zu strafen? Was die kleine Unschuld für rothe Oehrlein bekommen hatte, als er ihr die Schleife raubte! Und zu welch früher Stunde diese braven Dörfler in ihre dicken Federbetten stiegen!

Das vermochte ein alamoder Hofmeister nicht. Der liebte die Nachtschwärmerei. Aber es war keine Seele da, die mitschwärmen konnte: kein lustiger Gesell, kein kicherndes Mägdlein; nur das erste Viertel des guten Mondes sah ihn mit seinem spitzen Kinn an.

Doch halt! Dort aus dem Residenzhaus fiel noch heller Lichtschein in breitem Strom in das Burggärtlein. Da mußte noch jemand wachen.

Er glitt mit leisem Höflingsschritt hinüber, wo das schmiedeeiserne Gitterthor einen Einblick gestattete.

Von der altersgrauen Steinwand des Burggebäudes, welche der Mond mit bläulichem Schimmer übergoß, hob sich ein farbenprächtiges Bild ab. Der ehemalige Söller der Burg war umgebaut worden zu einem anmuthigen Luginsland. Dem Geschmack der Zeit gemäß wölbte sich eine leuchtend grüne Kuppel darüber. Purpurne Vorhänge wallten zwischen den Pfeilern leise im Abendwind, weiche Teppiche sanken bis auf die Stufen der Treppe nieder, die in das Burggärtchen hinabführte. Unter dem Kuppeldächlein vor der geöffneten Thür saß ein kleiner Kreis von Damen um einen Tisch, hell beleuchtet von Windlichtern.

Die Frau Witwe mochte der Abendkühle wegen in dem Gemach verblieben sein. So thronte denn auf dem mit Polstern belegten Hochsitz die junge Herzogin Dorothea.

In dem Doppellicht von Mond und Kerzen glänzte der blaue mit Silber verzierte Damast ihres Kleides, schimmerten die Perlenschnüre in den langen hellbraunen Locken, funkelte ein Geschmeide von Rubintafeln bei jedem Athemzug an ihrer Brust und wetteiferte doch vergeblich mit dem Strahlen der schönen, an allen Fürstenhöfen berühmten topasfarbigen Augen.

Auf niedrigen Schemeln reihte sich das Frauenzimmer der Herzoginnen um den Tisch; die rundliche Hofmeisterin, deren schwimmende Augen allezeit nach einem zweiten Gemahl ausspähten, die überschlanke Hofjungfrau mit der langen Nase und die kleine, welche gleich einem Strohblümchen verschrumpft und vergilbt war.

Eine Stimme klang eintönig herab. Aha! die langnäsige Dame las vor.

Achatius kannte das dicke Büchlein mit dem Goldledereinband, der seidenen gewirkten Schließborte und den bis an den Rand vollgedruckten Seiten. Es war der neue französische Roman von Monsieur Honoré d’Urfé[WS 1], welcher von der Liebe Astreae und Celadonis, einer Schäferin und eines Schäfers handelte.

Zarter Duft stieg von den Narzissenröslein im Gärtchen auf; leise einlullend rauschte die Saale im Thal. Wie schöne Traumbilder der linden Lenznacht schwebten die Helden und Heldinnen des Romanes an den andächtig Lauschenden vorüber. Auf blumigen Auen am Gestade der Loire wandelten die Schäferinnen, mit Bändern geschmückt, den Stab in der Hand, die Hirtentasche umgehangen. Und im Jasmingestäude harrten ihre Amants und lasen ihren Herrinnen an den Augen ab, ob sie sich hervor zu deren Füßen wagen dürften.

Verständnißvoll nickten die Damen zu den Reden des weisen Sylvander, der allen mit Liebe Beschwerten Aufschluß über ihre Gefühle gab und dieselben so fein wie Haare spaltete. Halblaute Ausrufe der Verwunderung kamen über ihre Lippen, da er endlich trotz aller Weisheit sich selbst von der Liebe Narrenseil verstricken ließ. Dann tönte ein leises Kichern wie Vogelgezwitscher in die warme Maienluft hinaus, als es kund ward, daß der leichtfertige Hylas immer seine Liebchen acht Tage früher verließ, ehvor er ihrer überdrüssig wurde.

Achatius strich sich vergnüglich sein Bärtchen. Er wußte recht gut, daß ein Flattergeist bei den holden Evastöchtern nicht Zorn, sondern nur den Wunsch erweckt, selbigen zu fesseln.

Aber wie reckten die Damen jetzt die Ohren dar!

Ah! der treue Celadon nahte, der durch einen großen Knopf der Liebe mit der holden Astrea verbunden war.

Der jungen Herzogin mochte die Erzählung bereits bekannt sein; denn ein triumphirendes Lächeln ihrer Lippen kündigte schon im voraus jede schnöde Rede an, mit der Astrea das Herz des Schäfers zerriß. Sie zeigte nicht einmal Mitleid mit ihm, da die Schäferin den großen Fehler schoß, daß sie ihrem unschuldigen Celadon zurief: „Geh hin! geh hin, Du Ungetreuer!“ Und als er, statt beleidigt sich abzuwenden, sie flehend an ihrem Schäferbändel fest zu halten strebte, da nickte die junge Fürstin leise für sich hin, als bekräftige sie eine nun auch ihr aufgegangene Wahrheit. Sie wiegte sich förmlich in seinem Liebeskummer.

Die Hofjungfrau mußte die Stelle zweimal lesen, wo der verlassene Celadon den Hut tief in die Augen drückte, die Arme über der Brust kreuzte und, schwermuthsvoll die großen Schleifen auf seinen Schuhen beschauend, davon schritt, um unter düstern Sykomoren die Hände zu ringen.

Als er endlich verzweifelnd sich in die strudelnde Fluth stürzte, da versagte der Vorleserin die Stimme. Aus den Augen der Damen rieselte ein feister Sprühregen von Zähren auf die Halskragen und Flortücher nieder.

„O,“ rief Dorothea, und ihre helle Stimme, die an ein Silberglöckchen gemahnte, bebte leise, „welch eine schöne Welt! Wie lieblich muß es sein, gleich der Schäferin verstohlen mit einem Adorateur im Garten sich zu ergehen! Welch einen Reiz mag es ausüben, im Liebesspiel, im Streiten und Meiden die Kraft zu prüfen, die uns verliehen ward! Kann es eine größere Wonne geben, als die süßen Schmerzen durchzukosten, welche die liebleidende Astrea empfindet, als sie glaubt, ihren Celadon für immer verloren zu haben? O glücklich, wer ein solches Evenement erleben darf!“

Achatius hatte mit angehaltenem Athem gelauscht. Jetzt mußte er lächeln. Eine unglückliche Liebe wünschte sich die schöne Herzogin? Schade, daß er nur der Hofmeister war! Er hätte ihr eine solche mit Vergnügen bescheren wollen.

„Es ist eine erstaunliche Historie!“ ließ sich jetzt die rundliche Hofmeisterin vernehmen. „Die von Liebe Beschwerten brauchten im Anfang nur ein aufklärendes Wort zu sprechen und das Mißverständniß wäre beseitigt. Wie klüglich hat der Dichter dies ein dickes Buch hindurch zu verhüten gewußt! Und welche seine Reden legt er den Schäfern in den Mund! Unaufhörlich wie eine Rolle Band fließen ihnen die Worte über ihre Liebe von den Lippen. Hier entgegen wirkliche Männer genommen! Sie jagen und reiten, und wenn sie heimkommen, begehren sie zu schmausen, zu trinken und zu schnarchen.“

„Ja“ nickte die langnasige Hofjungfrau, „Monsieur d’Urfée versteht Erlebnisse zu schildern, die sich nirgends begeben können. Bei uns wird sich ein Schäfer vielleicht für Hunger in die Saale stürzen, nicht wegen seiner braunen Gänsehirtin. Und wo trüge ein solcher Schleifenschuhe? Welche hohe Stiefel zieht selbst der Junker von Hagenest an, wenn er seine Herden bei der Schafwäsche mit der langen Peitsche zusammenhält!“

Das Strohblümchen stieß heimlich die Hofmeisterin an; laut aber sprach es gefügig gegen die Herzogin hin: „Die Poeten und Reimschmiede sollen uns ja auch zeigen, wie es auf der Erde sein könnte, wenn sie noch ein Garten Eden wäre. Wie sie beschaffen ist als Jammerthal, wissen wir selbst, leider Gottes!“

Dorothea legte die von Juwelen funkelnde Hand auf den Roman.

„Dieses Buch,“ sprach sie seufzend, „lehrt uns erkennen, wie arm das Dasein ist, welches die Tochter eines edlen Geschlechtes hier zu Lande führt. Wie der Sittich wird sie im Käfig gehalten. Ein Herz klopft ihr in der Brust; aber die wunderbarlichen Zustände desselben, den Schmerz und die Seligkeit der Liebe, lernt sie nie kennen. Den Gemahl kürt die Familie, aus – Gott weiß welchen Gründen, vielleicht, um einen alten Zank abzuschließen. Man stiftet eine Zusammenkunft an, ohne viel zu fragen, ob es ihr genehm ist, sich beschauen zu lassen wie käufliches Gut. Findet sie Gnade vor seinen Augen – o, so nimmt er sich dennoch Zeit. Er sendet keine verpetschierten Brieflein durch heimliche Liebesboten; er vermummt sich nicht wie ein Bauer mit einer Juppe, um einmal verluppt die Geliebte zu sehen. Er sendet von Zeit zu Zeit eine Botschaft, welche Nachricht bringt von den vielen Geschäften, die ihn fern halten. Und wir erfahren, was alles er über Liebes- und Ehewerk stellt. Es hilft uns nicht, wenn wir darob schmollend uns in Stillschweigen [691] hüllen; er bleibt geruhig bei seiner Leier. „O,“ rief sie, und ihre Augen starrten in die dämmernde Nacht hinaus, als schauten sie dort ein dräuendes Zukunftsbild, „er ist auch im Stande, die Sache also zu Ende zu bringen. Dann Ade, heimlicher Schwur unter dem Sternenhimmel! Ade, Gott der Liebe mit Deinem goldgespitzten Pfeil! Keine zärtlichen Diskurse führt das junge Paar, nicht dunkle Sykomoren neigen sich, vom Finger des Zephyrs bewegt, über die Hand in Hand Wallenden. Der Tag der Werbung wird anberaumt wie jede andere Festivität, ein gelehrter Rath rückt ein mit Feder und Tinte, die Ehepakten festzusetzen, die vorgeschriebenen Reden werden gehalten, steife Höflinge machen ihre Bücklinge, und endlich wird die Braut statt auf den Thron der Liebe auf den Rücksitz der Staatskutsche gesetzt, derweilen der Ehegemahl den Ehrenplatz behauptet. Denn also ist es deutscher Brauch.“

Die kleine Hand ballte sich.

„Halten zu Gnaden,“ sagte die Hofmeisterin. „Alamode Kavaliere lassen itzo der Dame den Ehrenplatz. Ich habe das selbst erlebt mit dem Hofmeister von Krombsdorff, als wir in der Dämmerung zur Betstunde hinüber in die Kirche fuhren.“

Achatius schrak zusammen. Was würde die alte Plaudertasche noch alles schwatzen?

Das Strohblümchen stieß die langnasige Hofjungfrau in die Seite. Diese aber sprach: „In aller Unterthänigkeit sei es gesagt: Das Rückwärtsfahren sollte mich nicht abhalten. Ich kann es vertragen.“

Dorothea zog, unmuthig über ihr unentwegt dem Ehehafen zusteuerndes Gefolge, die Augenbrauen zusammen.

Aber im Gemach entstand eine Bewegung und lenkte ihre Aufmerksamkeit dorthin.

Achatius lauschte. Der tiefe Baß des Schloßhauptmanns ertönte. Jetzt wurde der Hofmeister aus Weimar gemeldet. Die sanfte, immer klagende Stimme der Frau Witwe antwortete.

Und nun hatten die Damen keine Ruhe mehr zum Schäferroman, obwohl derselbe von der schönen Dorothea eben viel vergnüglicher gefunden worden war als eine Heirath nach deutschem Brauch. Eilig rauschte sie in das Gemach zu ihrer Mutter. Die andern flogen wie Schwalben vor dem Sturm ein und aus.

Endlich tönte wieder die Stimme der Frau Witwe verabschiedend herab.

Die Pagen löschten die Windlichter und schlossen die Thür.

Eine Lampe zog an den schiefen tiefem Lugfensterlein der Treppe vorüber aufwärts nach dem dritten Stock, und wie ein Stoßseufzer drangen die Worte heraus. „Wenn nur einmal ein christliches Ehewerk auf der Dornburg zu Stande käme! Dann folgte gewiß bald eine nach der andern dem guten Beispiel. Es ist schier eine Verstockung in dem unverehelichten Frauenzimmer allhier eingetreten.“

Achatius lachte in der lautlosen Art der Hofleute, die alle seine elfenbeinweißen Zähne zeigte. Das war die Hofmeisterin gewesen.

Vor sich hinnickend, schritt er nach dem Thurm.

Also auch hier machte der Schäferroman die Damen rebellisch. Das Büchlein wurde an allen Höfen verschlungen. In Weimar war es aus der Schloßbibliothek entführt worden, und der Hofskribent behauptete, seine Spur habe sich unter den Hofjungfrauen verloren.

Achatius trat in das Thurmgemach, wo sein Leibknecht das Felleisen ausgepackt hatte und seiner harrte. Er warf einen prüfenden Blick auf seine Staatskleider. Es war alles in Ordnung; die gelben Atlaspuffen im schwarzen Sammetwams wohl aufgekrämpelt, die seidene blaue Schärpe geglättet, die feinen Galaschuhe bereit gestellt.

Er entließ den Diener und that einen langen Zug von dem heißen gewürzten Wein. Der kleine Vorgang im Garten hatte ihn so munter gemacht wie einen Fisch, der in sein Element gesetzt wird.

Als das fürstliche Fräulein vorhin über Verlobungen in hohen Familien sprach, da hatte sie – er wußte es wohl – ihre eigenen Erlebnisse treu abkonterfeit.

Es waren viele Jahre hingegangen, in denen die so nahe versippten Häuser von Weimar und Altenburg sich fern von einander hielten, dieweil sie um den Vorrang haderten. Als endlich der Streit geschlichtet ward, da trachtete man danach, das verwandtschaftliche Band um so fester zu knüpfen. Herzog Albrecht meldete sich im vorigen Herbst auf der Dornburg an, und die Frau Herzogin lud ihn zur Reiherbeize.

Achatius war im Gefolge gewesen, als das junge Paar zum ersten Mal einander gegenüber stand.

Jedoch, wenn er es recht bedachte, so hölzern hatte es sich nicht zugetragen, wie die schöne Dorothea es ausmalte. Einen schüchtern werbenden Adorateur stellte Herzog Albrecht freilich nicht dar; aber seine klaren braunen Augen ruhten doch voll sichtlichen Wohlgefallens auf der reizenden Base, und auch sie sah mit heiterm Blick zu ihrem hochgewachsenen erlauchten Partner empor. Und hielt Hochderselbe auch keine zärtlichen Diskurse – sintemalen seinem spröden Herzen süße Worte widerwärtig waren – so fanden ihn doch die kleinen Neckereien, mit denen die junge Fürstin ihn aus seiner gelassenen Sicherheit aufzustacheln suchte, allezeit bei gutem Humor. Mit einem frohmüthigen Lächeln auf den Lippen kehrte der Herzog dazumal nach Weimar heim.

Aber freilich! wenn sie gewärtig gewesen war, heimliche Liebesbrieflein zu erhalten, den Herzog, phantasierlich herausgestrichen, um die Dornburg schleichen zu sehen, da hatte sie nun ihrerseits einen großen Fehler geschossen. In Weimar harrten seiner Kuriere mit Botschaften von verbündeten Fürsten, Bittsteller aus den durch fremde Einlagerung spoliirten Dörfern, Schreiben vom Herzog Bernhard, der stetig im Dienst der evangelischen Sache auf Reisen war. Die in der Residenz anwesenden Herzöge hielten Geheimrathssitzungen bis in die späte Nacht; in der geheimen Kanzlei brannten die Lichter oft bis zum Morgengrauen.

Herzog Albrecht stellte alles bei Seite, wenn es seinen Fürstenberuf galt; selbst die Aussicht auf eine schöne Braut mußte davor zurücktreten. Es dünkte den jungen Hofmeister sehr wahrscheinlich, daß ihre einzige Trösteinsamkeit in diesem Winter ein herzlicher Gruß aus dem verwandten Fürstenhaus gewesen war.

Er lächelte überhebend. In Weimar duldeten die Männer nun einmal nicht, daß der kleine Cupido ihnen über den Kopf wuchs, sondern hielten denselben streng im Zügel.

Unholdes Schnarchen der Schleiereule im Thurm unterbrach seine Gedanken. War es schon so späte Nachtzeit? Er warf einen Blick in den Hof hinab. Alle Fenster der Dornburg lagen dunkel. Tiefe Stille herrschte. Nur aus dem Stübchen des Feuerwächters schimmerte noch Lichtschein; nur der Röhrbrunnen murmelte leise.

Auch für ihn wurde es Zeit, seine Vorbereitungen für die Nacht zu treffen und zur Ruhe zu gehen.

So bestrich er denn seine Haare mit einer Essenz von grünen Nüssen, dieweil es alamode war, schwarz zu sein wie der gefürchtete Spanier. Da – während er, starr in den Spiegel schauend, seine Locken eifrig mit dem Kamme bearbeitete, das Bärtchen berupfte, mit einem über der Lampe glühend gemachten Eisen brannte, bis es sich zum beliebten Maikäferbärtchen krümmte – da meinte er plötzlich nicht mehr seine eigene schöne Person, sondern eine zarte Gestalt zu erschauen, die das vom dunklen, leicht gewellten Haar umschlossene Köpfchen leise schüttelte.

Das fehlte noch, daß die jüngste Hofjungfrau der Herzogin Eleonore, die blasse Trude, sich unterfing, ihn zu tadeln, sei es auch nur in seinen Gedanken.

Er stampfte zornig mit dem Fuße auf, band nun gerade erst recht das Futteral über den Bart und stieg endlich, also angethan, trutzig in seine quadratförmige Bettstatt.




Noch war die Sonne nicht über die bewaldeten Hügel, welche das jenseitige Ufer der Saale begrenzen, aufgegangen, als schon das hausmütterliche Walten der Frau von Tautenburg begann. Nicht einmal Zeit zum Morgensegen gönnte sie sich; sie sang ihn im Gehen und Arbeiten.

„Der Tag vertreibt die finst’re Nacht,“ tönte es in dem Hausflur. „Töffel!“ rief sie auf den Hof hinaus, wo ein Stallknecht am Brunnen Wasser für die Tränke schöpfte, „sorge, daß die Pferde des Hofmeisters wohl gefüttert und von elf Uhr an stets reisefertig gehalten werden.“

„Ihr lieben Christen, seid munter und wacht,“ sang sie weiter auf dem Wege zur Küche. „Meister Koch, steckt das Spanferkel zur rechten Zeit an den Spieß und das Schaffleisch zu den Zwiebeln in den Topf, damit unsere Gäste nicht durch spätes Tafeln am Abreiten verhindert werden.“

[692] „Und lobet Gott den Herrn!“ schloß sie mit schallender Stimme, indem sie wieder die Treppe nach ihrem Wohngemach hinaufstieg.

Dort saß der Schloßhauptmann im flockigen Hauskleid und löffelte seine Morgensuppe.

„Nun habe ich alle Vorkehrungen getroffen,“ sprach sie, „daß Vetter Achatius erst geweckt wird, wenn er nur noch genug Zeit hat, sich schön zu machen für die Audienz. Mit dem Morgentrunk wird ihm der Befehl der Frau Herzogin gebracht, sich um die zehnte Stunde dazu einzufinden. Und es ist alles beschickt, daß hierauf das Abrücken des Alamodenarren ohne Anstand vor sich gehen kann.“

Der Schloßhauptmann lachte.

„Nu, nu! muß ich mein liebes Ehegespons mit einem seiner Sprüchlein strafen? Laß lieber nicht den Gast ins Haus, als wirfst Du ihn zur Thür hinaus.“

„Der Gast ist an hochgefiederter, wohlgespornter, weitgestiefelter Monsieur,“ schalt sie. „Ich begreife nicht, wie die ernsten Herzöge von Weimar einen solchen an ihrem Hofe dulden mögen.“

„Der Vetter hat dem weimarischen Haus von Kindesbeinen an treu gedient,“ war die Antwort. „In der unglücklichen Schlacht bei Stadt Lohn kämpfte er tapfer mit seinem Herzog Wilhelm und ließ sich mit ihm von dem General Illo in die Gefangenschaft nach Wien führen. Ich bin auch überzeugt, er hat ihn aus derselben lösen helfen. Der Plan, daß Herzog Wilhelm der Kaiserin seine spinnewebfeinen, aus Elfenbein gedrechselten Spinnrädchen und Weisen zum Geschenk sandte, ist gewiß von ihm ausgeheckt worden. Die erhabene Dame hat richtig darauf ihren ,Nandl‘ beredet, daß er dem Herzog durch einen Kapuziner die Freiheit verkünden ließ. Vetter Achatius wird mit allen Frauenzimmern fertig, selbst mit einer Kaiserin.“

„Um so weniger soll er eine unnütze Löffelei mit unserer Käthe anfangen,“ antwortete Frau von Tautenburg, und die steife Spitze ihrer Haube nickte nachdrücklich. „Wird der Utz kopfscheu gemacht, so fängt ihn am Ende gar die Hofjungfrau ab, die drüben immer ihre lange Nase hinter ihm her zum Fenster heraussteckt. Und meint mein werther Gespons, daß der Käthe nach dem Buntspecht der graue Holztauber noch gefallen wird? Wenn er auch alles hat, was ein Weib wünschen kann: ein Schloß, fruchtbares Land, Vorrathskammern, darin es aussieht wie im Lande Gosen, wo Milch und Honig fleußt, einen Garten, in welchem sogar Melonen wachsen -“

„Und auch eine starke treue Hand,“ unterbrach der Schloßhauptmann ihre Rede, „unter deren Schutz unser Kind in den jetzigen schlimmen Zeitläuften wohlgeborgen wäre.“

Sie nickte. Dann meinte sie sorglich:

„Wenn ich nur wüßte, wo wir die Käthe heute verbergen könnten, bis der ungebetene Gast abgeritten ist.“

Er lachte in sich hinein.

„Auf dem Taubenschlag. Junker Utz schickte vorhin an Paar Turteltauben in einem Bäuerlein. Da hat sie genug zu thun, um selbige in einem besonderen Gitter unterzubringen. Ja, solch ein Taubenschlag ist eine fürtreffliche Einrichtung.“ –

[709] Im Residenzhause der Dornburg regte sich früh das Leben. Das Audienzgemach wurde aufgethan. Lakaien stäubten mit langen Binsenwedeln die kostbare Tapezerei ab, welche hinter dem Thronstuhl der Frau Witwe die Wand bedeckte und das sächsische Wappen, den Rautenkranz, darstellte, und rückten den niedrigen Sessel für die junge Herzogin Dorothea neben den Ehrensitz ihrer Mutter. Die Pagen trieben mit einer Räucherpfanne die eingeschlossene Luft hinaus.

Als der Zeiger der Sonnenuhr am Thurm die zehnte Stunde wies, rollte das Hofceremoniell wie ein Uhrwerk ab.

Der Zug der fürstlichen Frauen ging nach dem Audienzgemach. Anna Maria in schwarzem Moorkleid, das blasse Gesicht vom Witwenschleier halb verhüllt, ließ sich auf den Thronstuhl nieder, Dorothea, eine weiße Straußfeder in der Hand, nahm ihren Sessel ein. Wie Automaten reihten sich an der einen Seite des Gemaches Hofmeisterin und Hofjungfrauen, überein gekleidet, als trügen sie eine Livrei, andern der der Schloßhauptmann und ein Hofjunker aneinander.

Die Pagen öffneten die Thür. Auf der Schwelle stand, tief sich neigend, Achatius. Dann glitt er unhörbar vor und verbeugte sich abermals.

„Tretet näher, Herr von Krombsdorff,“ sprach Anna Maria in leisem gnädigen Tone. „Wir sind gewärtig, die Botschaft zu vernehmen, mit welcher unsere lieben Neffen, die Herzöge von Weimar, Euch zu uns gesendet haben.“

Zwei Finger der linken Hand am Degengriff, mit der rechten den federgeschmückten Hut gesenkt haltend, hub Achatius seine Rede an:

„Eurer fürstlichen Gnaden sendet meine gnädige Herrschaft ehrfürchtigen Gruß und läßt kund thun, daß meine gnädigen Herzöge beschlossen haben, in der Mitte des Wonnemondes eine Sitzung der Fruchtbringenden Gesellschaft in Weimar abzuhalten, und die Frau Herzogin Eleonore gedenkt, zur gleichen Zeit die hoch- und wohlgeborenen Damen zu sich zu laden, welche dem Bund der Tugendlichen angehören. Es ist meiner Herrschaft vornehmlichster Wunsch, bei selbiger Occasion Eure fürstlichen Gnaden einmal wieder zu sehen. Zu mehrerer Anfeuerung hat die Frau Herzogin mir dieses Gesellschaftsbrieflein mitgegeben.“ Das Knie beugend, überreichte er dem fürstlichen Fräulein ein von mächtigem Wachssiegel geschlossenes Schreiben.

Dorotheas Augen waren während seiner Rede aufgestrahlt.

Auch über die schwermüthigen Züge der Frau Witwe hatte sich ein Lächeln gebreitet. Voll warmer Anerkennung sprach sie:

„Unsere lieben Vettern von Weimar bleiben immer die ernsten Fürsten, selbst wenn sie gesellige Freuden planen. Sie berufen die Fruchtbringende Gesellschaft, die [710] unter dem Zeichen des Palmbaumes Fürsten, Edelleute und Gelehrte vereinigt, um die deutsche Sprache von fremden Worten zu reinigen, die heimische Dichtung zu fördern. Und sie laden die Tugendlichen, welche das schlichte Walten der deutschen Frauen pflegen und zu Ehren bringen wollen. Ein hochverdienstliches Unternehmen dünkt uns diese Festivität.“

Die Lippen der jungen Herzogin schürzte ein muthwilliges Lächeln.

„Den Plan, die Palmgenossen einzuberufen, hat gewiß Herzog Albrecht gesponnen. Fremde Wörtlein ins Deutsche zu zwingen, ist sein liebstes Passeletemps.“

Achatius dachte bei sich: Eine erfahrene Dame hätte nicht sogleich den Namen des Kavaliers genannt, der um ihre Holdschaft warb; laut aber sagte er geschmeidig:

„Herzog Albrecht hat allerdings großen Eifer bewiesen, da das Fest geplant wurde. Doch glaube ich nicht, daß Hochderselbe allein an gelehrte Arbeit gedacht hat.“

Dorothea erröthete leise, fuhr aber dennoch fort zu fragen:

„So würde unser Vetter einem anmuthigen Zeitvertreib nicht abhold sein?“

Achatius sah sie erstaunt an. Das war eine sonderbare Frage für eine angehende Braut. Doch mit schmeichelnder Stimme sprach er: „Ich glaube, der anmuthigste von allen wird heiß ersehnt.“

Ein noch dunkleres Roth flog über ihr Antlitz. Aber in ihren Augen war ein Ausdruck, als folge sie einem weitabgelegenen Gedankengang.

„Warum hat Herzog Albrecht alsdann nicht lieber heitere Spiele in Aussicht genommen?“ setzte sie ihr Examen fort.

Holla! Wo wollte das hinaus? Sie wurde dem Hofmeister immer unverständlicher. Mühsam sammelte er sich zu der mit tiefer Verbeugung gegebenen Antwort:

„Weil Hochdemselben jetzo sehr ernst ums Herz ist.“

Sie wehte lebhafter, fast ein wenig ungeduldig mit der Feder, als wolle sie damit alle Weihrauchwölkchen, welche aus den Worten des Hofmeisters zu ihr aufstiegen, verjagen, um klaren Blick zu gewinnen. Dann fragte sie wie mit plötzlichem Entschluß:

„Glaubt Ihr, daß Damen und Kavaliere in Weimar zu finden wären, welche geschickt sind, Diskurse über zarte Gefühle zu führen gleich den Schäfern und Schäferinnen in der ,Astrea’?“

Achatius war gänzlich verblüfft. Sacre Dieu! Das fragte man ihn! Und zu welchem Zweck? Noch mehr auf seiner Hut antwortete er, doppeldeutig gleich einem alten Orakel und jungen Hofmann: „Eure fürstlichen Gnaden werden sich am besten durch eigene Prüfung überzeugen können, daß man in Weimar ebenso gut zärtliche Gefühle zu empfinden und darüber zu sprechen vermag wie an andern Orten.“

Die Frau Witwe hatte schon lange ihre Tochter mahnend angesehen. Jetzt schnitt sie ihr die weitere Rede ab, indem sie die Audienz beendete. „Ueberbringt Eurer Herrschaft Unseren freundlichen Gruß und Dank. Wenn nicht wetterwendische Tage die Wege grundlos machen, gedenken Wir der Einladung Folge zu geben.“

Achatius zog sich mit drei zierlichen Reverenzen zurück.

Die Herzoginnen erhoben sich. Ein leiser Wink der Frau Witwe entließ den Hofstaat.

Die fürstlichen Damen begaben sich allein in das Gemach der Frau Witwe.

„Was schreibt Ihre Liebden von Weimar?“ fragte Anna Maria, auf ihrem hohen Stuhl Platz nehmend.

Dorothea eilte nach einer Fensternische, die sie sich mit der Freiheit eines verzogenen Lieblings eingerichtet hatte. Zwischen Clavicymbel, Stickrahmen und Nähkästchen ließ sie sich nieder, erbrach den Brief und las:

„An die Freudige richtet die Demüthige ihren schwesterlichen Gruß und bittet sie, um ihres Bundesgelübdes willen bei ihr im Rautengärtlein einzukehren. Sie soll finden, was sie sich zum Sinnbild erkiest hat: ein Virginal, das sie meisterlich zu schlagen versteht, und ein Gläslein Wein, von dem die Bibel sagt: Er erfreut des Menschen Herz.“

Ein leises silberhelles Lachen kam über die Lippen Dorotheas. „Die gute Eleonore! Es ist ihr heiliger Ernst mit dem tugendlichen Bund. Wer wird diesmal das längste Hemd genäht haben? Nun, ich für mein Theil gedenke, gegen die ehrbare Langeweile mit diesem Hirtentäschlein zu Felde zu ziehen.“ Sie griff nach ihrem Stickrahmen, über den sich grüne Seide spannte. Ein rosenfarbiges Herz war in dieselbe gestickt, das zierliche Flämmlein zeigte.

„Du willst, die alamode Spielerei doch nicht mit nach Weimar nehmen?“ sagte die Frau Witwe. „Wenn mich nicht alles trügt, so ist Herzog Albrecht den französischen Bräuchen gram. Er zog nachdenklich die Brauen empor, als Du bei der Jagdtafel die Silberspitzen trugst, gegen welche die Geistlichen als eine zu große Ueppigkeit eifern, und sah Dich mahnend an, so Du ein französisches Wörtlein fliegen ließest.“

„Aber er sah mich doch an, und meine gnädige Mutter hat soeben gehört, er will mich wiedersehen,“ antwortete Dorothea übermüthig und zog einen Goldfaden durch die Nadel.

„Ja, er will Dich wiedersehen,“ sprach Anna Maria wie aufathmend. „Nimm nun die gute Stunde wahr! Zeige ihm, daß Du es vermagst, Dich seiner ernsten Lebensführung zu fügen.“

Dorothea hob eigenwillig das Köpfchen. „Es wird plaisirlicher sein, ihn zu unsrer heitren zu bekehren.“

Die Frau Witwe schüttelte seufzend das Haupt. „Ein Mann läßt sich nicht durch die Frau umwandeln. Nur aus höchsteigener Entschließung schlägt er zuweilen einen andern Weg ein. Steter Widerspruch aber erzürnt ihn und löscht die Liebe aus.“

„Meine gnädige Mutter wolle mir vergeben,“ erwiderte Dorothea mit heitrer Sicherheit, „wenn ich ihr entgegen die Hoffnung hege, daß durch kleine Disputationen eine wohlmeinende Affektion angefacht wird wie der Funke durch das Blasebälglein.“ Und sie stickte die Flammen noch einmal so lang und zackig.

Die Gedanken, die hinter der weißen darüber geneigten Stirn ihr Spiel trieben, waren nicht minder funkelnd und aufstutzig. Sie schoben die Warnungen der Herzogin-Mutter bei Seite, wie frisch aufsprießendes Laub das welke der vergangenen Zeit. In der Abgeschiedenheit der Dornburg war der gebeugten fürstlichen Witib die Welt fremd geworden.

O, Dorothea kannte sie besser. Sie wußte, daß die Zeit sich wendete. Wie die Morgenröthe die Gipfel der Berge zuerst küßt, so wurden allgemach die Fürstenhöfe von dem neuen schönen Leben ergriffen, das aus Frankreich stammte.

Eine Reihe heitrer Bilder gaukelte an ihrer Erinnerung vorüber.

Wie sie in Altenburg bei ihrem ältesten glücklich verheiratheten Bruder das Ballet der Paysans mittanzte, das ihre Schwägerin dem haushälterischen Gemahl abgeschmeichelt hatte, wie sie in Kassel der reizenden Landgräfin Agnes half, die französische Sprache am Hofe einzuführen, und in Köthen mit der Fürstin Amöna die Académie des vrais amis stiftete. O, und was hatte die alte kurfürstliche Witib ihr hinter dem Faltfächer zugeflüstert, als sie jüngst bei ihr zum Besuch auf der Lichtenburg weilte? Am Hofe der Pfalzgräfin Elisabeth werde jeglicher, der seine Rede nicht mit französischen Worten würze – mit Permission solle es gesagt sein – für einen unverständigen Esel verschrieen. Ueberall waren es die Damen, welche die französischen Bräuche einführten. Und mit Fug und Recht. Denn sie errangen durch selbige die hohe Stellung, die ihnen gebührte.

Während der Audienz war ihr die Offenbarung geworden, daß auch sie zu diesem Werk berufen war. Ihr fiel die Aufgabe zu, in Weimar, das noch im finsteren Thale lag, das neue Licht anzuzünden.

Für das Gewebe, das ihre Gedanken nun zu spinnen begannen, fand sie keine deutschen Worte. Alamode Praktiken, Intriguen und Finessen wirbelten durcheinander wie draußen die weißen Blüthenblättchen im Frühlingswind. Aber immer deutlicher trat aus denselben ein Bild hervor: ein hoher fürstlicher Herr, der sein vergoldetes Rappier gegen einen Schäferstab vertauscht hatte und seufzend mit einem Messerlein ein Madrigal an sie in die Baumrinde schnitt. –

Ihre Zuversicht hatte die Frau Witwe in ihren eigenen Ansichten schwankend gemacht. Wie alle Menschen, die nicht viel Glück gehabt haben, mißtraute Anna Marie ihrem Urtheil. Und doch lasteten das Hirtentäschlein und die kleinen Disputationen, mit denen Dorothea sich und den Herzog Albrecht erlustiren wollte, wie eine Sorge auf ihr.

Schwerer Gedanken voll trat sie an das andere Fenster.

Es war ein heitrer Frühlingstag. Flaumige Wolken segelten über den blauen Himmel hin. Die Schlehenbüsche an dem [711] Felsen, der die Dornburg trägt, waren mit weißen Blüthen übersäet. Drunten im Thal glitzerten zwischen den grünen Wiesen die Wellen der Saale und rauschten unter der altersbraunen überdachten Brücke auf, die nach dem von blühenden Kirschbäumen umkränzten Dörfchen Dorndorf führte. In den Sonnenstrahlen sprangen übermüthig die Fische aus dem Gestrudel empor, und drüben in der Feldschlucht jagten sich Hasen, machten Männchen und spitzten die langen Ohren.

Auch die Gedanken der Frau Witwe begannen ein Fädlein zu spinnen, aber nicht in spitzfindiger alamoder Art, sondern nach treuherzigem alten Brauch. Stand ihr Fuß nicht so weich und warm auf dem braunen Bärenfell, das ihr von Herzog Albrecht verehrt worden war? Es hatte dem letzten Bären am Inselsberg angehört und war von ihrem Lieblingsneffen erbeutet worden, auf einer Jagd bei seinem alten Vetter, dem Herzog von Eisenach. Sie schuldete ihm noch ein Gegengeschenk. Jetzt gedachte sie des zur Hasenjagd trefflich abgerichteten Hündleins Kiekebusch, das sie von ihrem ältesten Sohn erhalten hatte, weil Hasenbraten ihr Leibessen war. Dies Hündlein wollte sie als seltsame Verehrung dem jungen fürstlichen Herrn durch den Hofmeister senden. Denn in ihrer Jugend hatte man für freundliches Entgegenkommen freundliche Erwiderung gehabt, nicht solange Verstecken gespielt, bis man sich gar nicht mehr zu finden vermochte. –

Indessen ging Achatius wieder nach der Wohnung des Schloßhauptmanns hinüber. Er schaute zu dem Fenster mit dem Rosmarinsträuchlein auf. Dasselbe war leer. Aber bevor er sich noch weiter nach Käthchen umzusehen vermochte, stand schon ein Diener vor ihm, der meldete, daß der Schloßhauptmann ihn zu einem Imbiß erwarte.

Und nun ging alles wie am Schnürchen von statten, daß Achatius kaum zur Besinnung kam.

Er hatte getafelt, mit dem Schloßhauptmann eine Kanne Wein ausgestochen, sein Staatskleid gegen den Reiseanzug vertauscht – er wußte nicht, wie. Jetzt war sein Felleisen bereits von flinken Händen geschnürt und wurde in den Hof getragen, wo seine Leute schon vorritten.

Dem bedächtigsten Knecht setzte der Schloßhauptmann das Hündlein Kiekebusch auf das Pferd. Das fand sich dort schnell zurecht; denn es war gewohnt, mit auf die Jagd zu reiten; man ließ es erst laufen, wenn es an das Aufspüren der Hasen ging.

„Ich danke Euch für die herrliche Traktation,“ sagte Achatius ganz schwindelig von der schnellen Bedienung zu Frau von Tautenburg.

Da kam Käthchen gesprungen. Noch hing ihr vom Taubenschlag her ein Strohhalm, ein Federchen an Kleid und Haar.

Ihre Eltern erschraken. „Wo hast Du Deine Turteltauben?“ fragte ihr Vater.

„O, mit denen hat es gute Weile,“ erwiderte sie athemlos. „Die fliegen mir nicht davon. Ich habe sie einstweilen wieder in ihren Käfig gesperrt.“

Dem Hofmeister ging ein Licht auf. Wartet! dachte er, Ihr sollt Euch und mich umsonst abgehetzt haben. Er nahm eine schwermüthige Miene an, seufzte und sprach zu Käthchen:

„Die Stunden, da ich traulich bei Euch weilen durfte, sind fortgelaufen wie Wasserbäche. Bald sitze ich wieder in meinem öden Haus am Schloßplatz seelenallein.“ Er sah Käthchen herzbrechend an.

„Dann kommt vielleicht endlich Eure Geckerei zur Ruhe,“ fuhr Frau von Tautenburg dazwischen.

Vor der Hand war dieselbe noch nicht einzudämmen. Er legte die Hand aufs Herz und flüsterte mit bebender Stimme: „Nun geb’ ich Euch das ewige Adieu und letzte Bewahr Dich Gott!“

Er schwang sich auf das Pferd. Seine Augen flogen an alle Fenster der Dornburg.

Sie waren von Frauenköpfen besetzt. Da bog sich die rundliche Hofmeisterin heraus; dort lugten, durch die Butzenscheiben ein wenig schief gezogen, die ältlichen Gesichterchen der Hofjungfrauen herab. Selbst aus der Dachluke guckten noch zierliche Kammermägdlein.

Er nahm den Federhut ab, schwenkte ihn rings im Kreis gegen all die Frauen und Mägdlein, die ihre Hälschen nach ihm ausreckten, und ritt davon.

Käthchen stand und sah dem Scheidenden nach. Unter dem Thorgewölbe schaute er noch einmal sich um und warf einen Kuß zurück. Dann war er verschwunden.

Sie lauschte auf die immer ferner klingenden Hufschläge; nun erstarben auch diese. Ach, wenn sie doch eines ihrer Täublein wäre, die sich droben auf dem Dach des Thurmes sonnten Die konnten ihn noch erschauen, wie er, den Arm in die Seite gestemmt, auf seinem Schecken saß und so keck die Welt über die Achsel ansah.

Der Schloßhauptmann raunte seiner Ehegesponsin zu: „Ich glaube, die Käthe weint.“

Sie warf einen Seitenblick nach dem jungen Mädchen. „Stellet Euch, als ob Ihr es nicht sähet. Denn wenn man solchen Liebeshandel erst ausgerufen und benamset hat, dann ist er nimmermehr aus der Welt zu bringen. Er kommt ihr ja jetzt aus den Augen.“

Der Schloßhauptmann rückte bedenklich sein Hausbarett hin und her. „Nu, nu! unsere Herrschaft reist nach Weimar und hat befohlen, daß Ihr Euch ihrem Gefolge anschließen sollt!“

Frau von Tautenburg hob die Arme gen Himmel.

„Auch die Käthe? Sollen wir das Lamm dem Wolf in den Rachen treiben? Und sie ist aus allen ihren Fähnchen herausgewachsen. Gott sei Dank, daß der leberfarbene Seidenkamelot noch da liegt. Grethe! lauf nach dem Schneider! Töffel, morgen früh reitest Du nach Jena und holst Goldbrokat zu einem Brustlatz! Suse, ist noch Spikanardiwasser vorräthig zum Besprengen der Gewänder?“ Sie stürmte hinter dem Ingesinde her.

Käthchens Thränen wären schnell versiegt. Sie schlug vor Freude die Hände zusammen. „Nach Weimar? Und ich bekomme einen leberfarbenen Seidenkamelotrock? Was wird Vetter Achatius für Augen machen!“ –

Vetter Achatius hatte in seinen Gedanken dem Bäschen wirklich das ewige Adieu gegeben. Noch einmal sah er sich nach der Dornburg um. Dort lag das graue Gebäu mitten im Maiengrün. Das runde Haupt der Burglinde schaute über die Ringmauern; an der Mittagseite wehten mit Blüthenquästchen betroddelte Birken; gen Mitternacht zog sich der Hain am Burgberg herab. Nur die uralte Ulme ragte dunkel über die Buchen empor, wie es der Art des finstren Baumes gemäß war, unter dem einst dem Donnergott Opfer geschlachtet wurden. Denn nicht von Rosendornen, sondern vom alten deutschen Gott Torr leitet die Dornburg ihren Namen her.

Der Blick des Hofmeisters suchte nicht das steile Dach über dem Wohngelaß des Schloßhauptmanns. Er richtete sich auf die so hoch herab und so weit in das Land hinausschauenden Fenster des Residenzhauses, hinter denen die schöne Dorothea weilte.

Wie lautete die Lösung des Räthsels, das ihre Fragen ihm aufgegeben hatten? Nachdenklich setzte er seinen Weg fort.

Aber endlich wippte er leichtsinnig mit der Reitpeitsche in die Luft. Ach, hudelt euch weg, ihr grüblerischen Gedanken! Diese Nüßlein zu knacken war Sache des Herzogs Albrecht. Die Sonne hatte sich auf ihren goldenen Wagen gesetzt, der Vögel kleine Kumpanei spazierte tirillirend durch das Feld. Dort pflanzten braune Nymphen grüne Kräutlein in die warme Erde. Wie wäre es, wenn er gleich Pan mit ihnen um die Stauden tanzte?

Kaum noch mit den adligen Insassinnen einer Burg karessirt und nun ein Bauerndirnlein geschwenkt: also changirt ein alamoder Monsieur mit feister Passion. Ihm gehört ja das ganze Frauenzimmer.

Da tauchte vor seinem innern Auge eine Gestalt auf, schlank und zart, mit einem von dunklem Haar umschlossenen Köpfchen.

Ob ihm die Gertrud von Heilingen auch gehörte?

Diable! Er hätte sie noch gar nicht gewollt. Sie war ihm viel zu langweilig, um ihrer zu gedenken.

Er gab seinem Schecken die Sporen und sprengte an den braunen Nymphen vorüber, ohne sie nur zu sehen.

In langem scharfen Trabe suchte er der langweiligen Erinnerung zu entfliehen. Aber sie saß mit ihm zu Pferde, und als er demselben endlich ein Verschnaufen gönnte, machte sie sich wieder mausig.

Schier unausstehlich dünkte ihn die blasse Hofjungfrau in ihrer großen weißen Schürze, mit der sie allezeit angethan war. Nein! Bei Festlichkeiten, wenn sie in dem Staatsrock von braunem seidenen Vorstatt erschien, den der Herzog Wilhelm den Hofjungfrauen seiner Gemahlin zu Weihnachten geschenkt hatte, entstellte das Vortuch sie nicht. Dafür trug sie alsdann ebenso unabänderlich ein [714] altes Familienschmuckstück. Dicksatt hatte er das Halsband aus Bernstein, an welchem jedes Glied ein versteinertes Würmlein umschloß. Er vermochte es gar nicht mehr zu ersehen, wenn sie darin an ihm vorüberwandelte mit dem zarten Antlitz und den großen dunklen Augen, die so ernst blickten.

Ihn schaute sie nie an, er mochte ihr nun in den fürstlichen Sälen begegnen, oder zum niedrigen Fenster der Kanzleistube sich hinauslegen, wenn sie abends um sieben Uhr nach der Burgmühle hinüber schritt, wo ihre gänzlich verarmte Mutter einen Gnadensitz von der Herrschaft erhalten hatte.

Welche Zeit mochte es wohl jetzt sein?

Er zog seine schlagende Halsuhr hervor. Fünfmal erklang ihr helles Stimmchen. Und da war der Meilenstein, der ihm anzeigte, daß er noch zwei Wegstunden bis Weimar zurückzulegen hatte.

Aber wahrhaftig! Es fiel ihm nicht ein, durch das Wasserthor des Lustgartens heimzureiten. Was ging es ihn an, daß die andere Hofjungfrau, die blonde Benigna, sich von ihm hatte aufbinden lassen, er kehre durch dasselbe zurück, und nun wahrscheinlich dort herumtrippelte? Er würde durch das Kegelthor einziehen, wenn es auch ein Umweg war und ihn an der Burgmühle vorüber führte. Zum Teufel! Er fürchtete sich wahrlich nicht vor dem kleinen Tugendspiegel.

„Nun Schritt!“ befahl er seinem Gefolge. „Vor sieben Uhr brauchen wir nicht in Weimar zu sein, und ich denke nicht daran, meinen Schecken zu Schanden zu reiten.“


Als die Tage kamen, an denen die Sitzungen der Palmgenossen und der Tugendlichen stattfinden sollten, machte der Heitersberg, der alte Wetterprophet für die Residenzstadt Weimar, seinem Namen Ehre: klar hob sich sein breiter Rücken vom blauen Himmel ab.

Schon am frühen Morgen waren die Bewohner der Stadt auf den Füßen, um von den fremden Gästen so viel als möglich zu erschauen. Aus dem abgelegenen Rosmaringäßlein sprangen die kleinen Handwerker über die Schrittsteine nach dem Geleitshaus, wo die Einziehenden das Wegegeld entrichten mußten. Wohlhäbige Bürger wandelten auf dem schönen neuen Pflaster der fürnehmen Rittergasse, in welcher die Häuser des auswärtigen Adels lagen, der zu dem Fest erwartet wurde. In der Schloßgasse fanden sich die entferntesten Muhmen und Basen ein, geschmückt mit frisch gestärkten Halskrausen, das schönste Messer an die Gürtelkette gehangen, und nahmen Platz in den Erkern.

Und alles Volk schaute auf und horchte, wenn die Palmgenossen hoch zu Roß einzogen, einander mit ihren Ordensnamen zurufend: „Grüß’ Gott, Nutzbarer!“ „Schönen Dank, Wohlbekommender!“ und die Tugendlichen aus den langen Kutschen, in denen sie saßen, mit Frühlingssternen und Himmelschlüsseln sich Grüße zuwinkten. –

Auch aus einem Fenster der Burgmühle sah ein feines ältliches Frauenantlitz voll Antheilnahme auf die Reiter und Wagen, die über die Kegelbrücke zogen.

Der Schnitt der steifen Haube, die diademartig das schmale Gesicht fest umschloß, und die vornehme Haltung der Frau verriethen, daß sie nicht in die Sippe des Müllers gehörte. Sie zollte auch den mit Säcken heran und hinwegtrabenden Eseln nicht die mindeste Beachtung.

„Michel,“ rief sie einem krummen Knecht zu, der vor der Thür an einem Sägebock stand und einen ebenso krummen Weidenstamm klein schnitt. „Ist das dort nicht der Lehnsvetter, der unser Gut bekam, als mein seliger Eheherr starb, ohne Sohne zu hinterlassen? Das Gesinde trägt weiß und blau, die Hellingenschen Wappenfarben. Den wird der Wirth ,Zum güldnen Ring’ arg bezwacken; einem Edelmann berechnet er allezeit achtzehn Pfennige für die Nächtigung.“

Der Knecht schaute auf. Dann brummte er:

„Hierher zu fahren, dazu haben sie Geld. Das Altenhäuschen, darin Ihr mit der Jungfrau Trude von Rechtswegen einen Sitz hattet, konnten sie nicht wieder ausflicken, als es von den Kaiserlichen bei der Einlagerung zerstört worden war.“

„Du mußt nicht immer murren gegen die Fügungen Gottes,“ verwies Frau von Heilingen. „Er hat alles wohl gemacht. Ohne unsre Noth wäre die fürstliche Herrschaft nicht darauf gekommen, die Trude als Hofjungfrau zu nehmen, und mir hat ihre Gnade dieses sichre Losament in Dero Mühle angewiesen, wo auch Du einen Unterschlupf gefunden hast. Während Du das geschenkte Holz spaltest, solltest Du nur voll Dankbarkeit sein.“

Der Knecht brummte etwas in seine alte Weide hinein und sägte weiter.

„Michel,“ ertönte wieder die Stimme. „Hoffentlich hat der Schneider sein Bedenken über das Hofkleid, welches er für mich machen soll, bei Seite gestellt, und ich bekomme selbiges zur rechten Zeit.“

Michel zog die schiefe Schulter noch höher empor. „Der Meister kratzte sich gewaltig hinter den Ohren, als ich ihm Euren Befehl ausrichtete, daß er das Vordertheil von dem alten aschenfarbigen Brokatmäntelchen des seligen Herrn, das Rücktheil aus Eurem Zindelrock machen sollte.“

„Das versteht Ihr Leute nicht,“ sagte mit ruhiger Würde Frau von Heilingen. „Bei Hofe zeigt man sich nicht von hinten.“

Der Knecht sägte und brummte weiter.

„Michel,“ erscholl es wieder über ihm. „Sorge, daß ein paar Steine in den Schmutz der Straße geworfen werden, auf denen ich morgen hinüber schreiten kann, wenn ich zu Hofe gehe.“

„Der Quadt ist arg,“ sagte der Knecht, „solltet lieber zu Hause bleiben.“

„Das verstehst Du nicht,“ belehrte sie ihn von oben herab. „Eine Edelfrau darf sich ihr Recht nicht nehmen lassen, der fürstlichen Herrschaft aufzuwarten. – Vergiß nicht, daß Dein blau und weiß getheilter Mantel wohl ausgebürstet sei, wenn Du mit dem Spieß mir folgst, wie es sich für die alte Frau von Heilingen geziemt.“

Jetzt stellte Michel die Säge aus der Hand. „Gestrenge Frau! In dem getheilten Mantel lachen mich alle aus. Itzunder haben die Knechte, Lakaien werden sie genannt, Wämser und Hosen von einer Farbe, und kein Mensch trägt einen Spieß hinterher, sondern abends ein Stablicht voraus.“

Frau von Heilingen schaute gelassen und erhaben auf ihren gekränkten Knecht herab. „Laß sie lachen! So bin ich schon zu Hofe gegangen bei der Großfraumutter der jetzigen Herzöge und habe immer mit Ehren bestanden. Und der liebe Gott wird mich schon behüten, daß ich auch ohne Stablicht nicht in den Quadt falle.“

„Der liebe Gott soll auch alles machen,“ rief der Knecht unwirsch.

„Wenn Er will, werden wir auf Engelsfittigen getragen,“ entgegnete sie zuversichtlich und schob mit der schmalen welken Hand geruhig das Fenster zu. –

[725] Auf dem weiten Schloßhof zu Weimar rannte die Dienerschaft durch einander wie Ameisen in einem verstörten Bau.

Plötzlich wandten sich die Köpfe der jungen eilfertigen Mägde nach dem Schloßthor. Achatius von Krombsdorff schritt durch dasselbe herein.

Die Amme des kleinen Prinzen, eine Thüringer Bäuerin in hoher Bändermütze, lachte ihn an, als sie das Herrlein auf dem Arm, an ihm vorüber nach dem welschen Garten wandelte.

Er winkte ihr einen Gruß zu, während er seinen Hut vor dem kleinen Prinzen schwenkte. Aber unter den halb gesenkten Wimpern hervor spähten seine Augen scharf an beiden vorüber.

In dem Laubengang, der vor dem Grünen Schloß, der Residenz der jungen Herzöge, sich hinzog, schimmerte etwas Weißes; Achatius lenkte seine Schritte dahin. Es war die hübsche Silberwäscherin mit ihren weißen Messertüchern, die ihm erwartungsvoll entgegenschaute.

„Goldmägdlein!“ flüsterten seine Lippen, während er, ohne eine Miene zu verziehen, an ihr vorübereilte.

Er trat in das Grüne Schloß ein.

Hackenschuhe klapperten über ihm auf der Treppe. Er horchte gespannt. Es war die blonde Benigna, die ihm entgegen kam.

„Ach, Ihr seid es, holde Nymphe?“ sprach Achatius mit süßem Ton und enttäuschtem Gesicht.

„Haltet mich ja nicht auf,“ rief sie, indem sie zugleich stehen blieb. „Die Frau Herzogin hat mich in die Käserei zur Käsemutter entsendet. Ihre fürstliche Gnaden wünschen Schafkäse bei der Tafel morgen zu geben.“

„Für den Schafkäse habt Ihr Zeit, für den Schäfer nicht,“ entgegnete er mit galantem Vorwurf und entschlüpfte auf der Wendelstiege.

Fröhliches Lachen tönte zum Korridorfenster herein. Er machte Halt und schaute hinaus. Drüben im Rothen Schloß, dem ehemaligen Witwensitz der Großmutter der jetzigen Herren, wurde das Losament für die fürstlichen Gäste hergerichtet.

In den Rosenkammern, wo die Dornburger Herrschaft wohnen sollte, waren die Fenster geöffnet, und die Hofwäscherinnen zogen den Pfühlen in den marmornen Bettstellen die Gewände über. Als sie seiner ansichtig wurden, stießen sie sich kichernd an und lugten nach ihm aus.

Plötzlich verschwanden sie vom Fenster und rannten an ihre Arbeit. Da war gewiß die Gertrud Hellingen jetzt drüben eingetreten. Der kleine tugendliche Sauertopf!

Er konnte nicht an sie denken, ohne sich zu ärgern. War es denn etwas so Schlimmes gewesen, daß er ihren Weg nach der Burgmühle ein paarmal gekreuzt hatte? Mußte sie ihn darum [726] so streng ansehen? Er hatte sie einmal im Vorübergleiten gefragt: „Habt Ihr Eure Augen nur um zu strafen?“ Seitdem sah sie ihn gar nicht mehr an. Verdammt!

Ein paar Minuten später schleuderte er auf dem Verbindungsgang nach dem Rothen Schloß hinüber. Seine Augen spähten in die Tiefe des dämmerigen Korridors, wo etwas Lichtes auftauchte.

Richtig! Da war die große weiße Schürze. Mit ruhigem Schritt in hofmäßiger Haltung kam Gertrud von Hellingen heran. Achatius mußte plötzlich tief aufathmen. War er zu rasch gegangen? Zum Teufel mit dem beklemmenden Gefühl! In seiner halb lässigen, halb herausfordernden Art trat er ihr entgegen. „Ich wünsche Euch einen gesegneten Morgen,“ sprach er und schloß sich dann, als sei das selbstverständlich, ihrem Wandelschritt an.

„Ich danke Euch,“ sagte sie leise, ohne daß ihr zartes Gesichtchen sich nach ihm wendete. Nur eine feine Rosenfarbe stieg in ihre Wangen, und sie ging rascher vorwärts.

„Warum so eilig?“ fuhr er neckend fort, ohne den Blick seiner muthwilligen Augen von ihr zu wenden. „Kommt doch jeglicher Mensch schließlich nur an dem Ziel an, nach welchem sein Magnet ihn zieht.“

Sie wandte sich unwillig ab. Das wirkte gerade wie Spornstich auf ein feuriges Pferd. Keck fuhr er fort: „Ihr habt gewißlich auch die ‚Astrea‘ gelesen, und da steht geschrieben: ‚Als der liebe Gott die Menschen schuf, berührte er die Seelen der Weiblein mit Magnetstücken und ließ unter diesen alsdann die Männer wählen. Jeglicher muß nun die Frau lieben, deren Magneten er erwischt hat, und sie ist verobligiret, ihm wieder hold zu sein. Dagegen hilft kein Widerstand. Die Stunde kommt doch, da sie unabwendbar zu einander streben?‘“

„Ich habe auch gelesen,“ antwortete sie kalt, „daß es Männer giebt, die von jedem Magnetstein einen Splitter sich angeeignet haben und darum Begehren tragen, alle Frauen an ein Schnürchen zu reihen und hinter sich herzuziehen.“

Seine schlanke Gestalt duckte sich ein wenig; aber er ließ sich nicht aus der Fassung bringen, sondern antwortete dreist: „Vielleicht thut Ihr einem Unschuldigen unrecht. Zuweilen irrt ein Schäfer lange unter den schönen Hirtinnen umher, dieweil er die Rechte nicht finden kann.“

„Nein,“ entgegnete sie gelassen und fest, „dieweil er keine Treue hat. Auch ich wünsche Euch einen gesegneten Morgen!“ Sie verschwand in der Apotheke der Herzogin.

Es geschah dem gewandten Hofmann zum ersten Mal, daß er mit offenem Mund vor einer geschlossenen Thür stand.

„So drehe Deine bitteren Pillulen!“ murmelte er grimmig. Aber wie sie ihn angesehen hatte! So vorwurfsvoll! Und wie das Wort „Treue“ aus ihrem Munde klang! So edel und warm, als käme es aus der tiefsten Tiefe des Herzens.

Er hatte keine Zeit, sich den lieblichen Laut nochmals ins Gedächtniß zurück zu rufen.

Helle Stimmchen ertönten.

„Herr Hofmeister! Herr Hofmeister!“ schallte es im Korridor.

Ein Schwarm von Pagen in Galawämsern, mit goldenen Schleifen auf den Schultern und seidenen Röslein an den Kniebändern, umringte ihn.

„Mein Herzog Wilhelm sendet Euch diese Absagen,“ sprach der eine, mehrere Schreiben überreichend. „Fürst Ludwig von Köthen entschuldigt sich mit einem Todesfall, der Herzog von Altenburg mit Unpäßlichkeit. Die Plätze an der großen Tafel, die morgen stattfinden wird, sollen anders geordnet werden. Aber,“ setzte er flüsternd hinzu, „ein Paar muß doch wohl unverrückt neben einander bleiben: Herzog Albrecht und –“

Achatius unterbrach ihn. „Mein, junger Freund, merke Dir: Es giebt Dinge bei Hofe, die nie ausgesprochen, sondern nur errathen werden.“

Er nahm die Schreiben an sich.

„Herr Hofmeister!“ klang es abermals athemlos den Verbindungsgang entlang. Der kleine Conz, Herzog Albrechts Page, jagte erhitzt, mit verwirrten Locken heran. „Wo ist die Sendung aus Erfurt für meinen Herrn?“

„Im kühlen Keller,“ war die Antwort.

„Und das sammetne Hundehalsband mit dem silbernen Namenszug? Kiekebusch soll uns zum Empfang der fürstlichen Damen von der Dornburg begleiten.“

„Der Hundejunge verwahrt es.“

Der schlanke Heinz, Herzog Bernhards Page, hob hochmüthig sein gebräuntes Gesichtchen. „Wegen ein paar Damen rennst Du umher, als stünde eine Battaglia bevor?“

„Monsieur Heinz,“ sprach Achatius mit gezwungenem Lachen, „später wird Dir die Einsicht tagen, daß uns manchmal auch mit einer Dame eine Battaglia bevorsteht. Aber was willst Du?“ wandte er sich an den Pagen der Herzogin Eleonore.

„Könnt Ihr noch dieses Gericht für die Tafel besorgen?“ fragte dieser, auf einen langen Speisezettel deutend, wo ein Wort von der Herzogin Hand frisch geschrieben stand.

„Ein Kavalier vollbringt alles, was seine Herrschaft verlangt,“ sagte Achatius; indem er das Gericht studirte. „An Hänflingen und Butterfaltern ist kein Mangel im Webicht; und ein paar schlanke Libellen sah ich gestern Abend bei der Burgmühle über der Ilm flattern.“

Er hätte die Burgmühle gern wieder verschluckt. Nun war auch ihm geschehen, daß der Mund überging, wovon das Herz voll war – das Herz? nein – morbleu! – die Galle.

Neben ihm schrie es auf: „Die Burgmühle!“ daß er zusammenfuhr. Es war der kleinste Page. „Hilf, Himmel! Mein Herzog Ernst hatte mir befohlen, eine Bibel hinüber zu tragen zu Frau von Heilingen. Die ihrige ist von dem kaiserlichen Volk bei der letzten Einlagerung verbrannt worden. Und ich habe es vergessen.“

„So lauf!“ neckte Eleonorens Edelknabe. „Vielleicht tätschelt Dir die Jungfrau Gertrud wieder die Backen wie neulich, als Du so schön in der Kirche gesungen hattest.“

Eine dunkle Röthe schoß in Krombsdorffs Gesicht.

„Dummer Junge!“ fuhr er den Kleinen giftig an. „Wenn Du Dich tätscheln läßt, wächst Dir kein Schnurrbart.“

Eine Fanfare unterbrach ihn. Die Hoftrompeter, welche von dem hohen Schloßthurm die nahenden fürstlichen Gäste ankündigen sollten, bliesen gen Osten den Gruß. Es war das Zeichen, daß der Reisezug der Dornburger Herrschaft in der Ferne sich zeigte. Die Pagen stoben davon. Achatius flog nach den Gemächern des Herzogs Albrecht.

Die Thür des Vorzimmers wurde aufgethan.

Die befehlende Stimme des Herzogs rief den herbeieilenden Lakaien zu: „Miller! Schaffe sofort das Stammbuch der Fruchtbringenden Gesellschaft in das Archiv zurück! Und Du, Martin, trage den eingesiegelten Brüderthaler zu der Witwe des Sekretarius, die mein Sinnbild als Palmgenoß gestickt hat. Ich lasse ihr meine Zufriedenheit ausdrücken. Der grüne Atlas ist sauber gehalten, der Weinstock ohne Blätter und Trauben so schlicht, wie ich befohlen habe, der Spruch: ,Es soll noch werden’ ohne Schnörkeleien.“

Mit raschem klirrenden Schritt trat der Herzog heraus, die hochgewachsene Gestalt knapp umschlossen vom nägleinfarbigen Sammetwams, das trotz des goldenen Posamentes einen schlichten Eindruck machte.

Achatius verbeugte sich tief.

Der Herzog neigte leicht das Haupt. „Ist alles in Ordnung?“ fragte er, im Weiterschreiten die Handschuhe überstreifend.

„Eine Hofjungfrau hat soeben in den Rosenkammern die letzte Umschau gehalten,“ berichtete Achatius ehrerbietig, indem er dem Herzog die Treppe hinab folgte.

Den braunen Schnauzbart des Herzogs kräuselte ein Lächeln. „Was das Frauenzimmer that, ist Euch allezeit unverborgen,“ erwiderte er mit harmlosem Spott. „Ihr solltet eigentlich im Palmenorden als Sinnbild das Kräutlein Liebstöckel und den Namen: der Allerwärtsgirrende führen.“

Achatius lächelte gehorsamst mit. „Alsdann würde mein alleiniger Trost sein, daß in dieser hochansehnlichen Gesellschaft die Namen oftmals mit den Qualitäten ihrer Träger in Widerspruch stehen. Fürstliche Gnaden heißen der Unansehnliche; die Damen in Frankreich nannten Hochdieselben einen denn beau Alman.“

Herzog Albrecht wehrte mit einer Handbewegung ab. „In Frankreich wedelt die Schmeichelei mit ihrem Fuchsschwanz.“

[727] Er trat aus dem Schloß. Ein huldvoller Gruß dankte seinem vor demselben versammelten Gefolge. Dann schwang er sich auf das apfelgraue neapolitanische Leibpferd, und fort ging es auf den Weg gen Dornburg hinaus.

Von der Anhöhe, welche Weimar nach Osten hin umschließt, nahte der Reisezug der Dornburger Herrschaft.

An seiner Spitze ritt der Schloßhauptmann mit den Pagen, Trabanten schlossen ihn; dazwischen schwankten die langen Wagen. Die erste Kutsche mit den vergoldeten Sparren, unter denen sich blauer Sammet ausspannte, den Engelsköpfchen auf dem Himmel, barg gleich einem Schmuckkästchen den kostbarstem Inhalt, die beiden Herzoginnen.

Der blassen Frau Witwe gegenüber saß Dorothea, halb aus dem Sammetmantel geschlüpft wie ein auskriechender schöner Falter, das steile Filzhütchen mit der dicken Goldschnur tief in die Stirn gerückt. Aber der schirmende Schatten vermochte nicht zu verbergen, wie das feine Korallenroth in ihre Wangen stieg, das der jungen Fürstin eigen war.

Herzog Albrecht sauste im Galopp heran. Auf einen Wink der Frau Witwe hielten die Sattelknechte das perlfarbige Sechsgespann an. Neben dem Wagen zügelte Herzog Albrecht sein Pferd und zog den Hut. Sein edles offenes Antlitz trug, den gesammelten Ausdruck, der ihm allezeit eigen war. Unter den hochgeschwungenen Brauen schauten die Augen so klar wie immer. Nur da sein Blick von der Frau Witwe zu der schönen Dorothea hinüber flog, huschte ein leises gut gelauntes Lächeln über die stolzen Züge, als sei er, in Erinnerung an die Dornburger Erlebnisse, gewärtig, sie mit einer Neckerei aus ihrem Hinterhalt hervorbrechen zu sehen. Aber es war sogleich wieder verschwunden, und mit vollkommener höfischer Gravität redete er die Herzoginnen an:

„Eure Gnaden wollen mir die Huld gewähren, Sie allhier im Namen der Gebrüder von Weimar willkommen zu heißen. Wir sagen Ihnen innig Dank, daß Sie den frohen Tag, den Gott uns in der ernsten Zeit schenkt, durch Ihre hohe Gegenwart verschönen.“

Anna Maria blickte mit mütterlicher Zärtlichkeit auf ihn. „Auch wir sind erfreut, einmal wieder bei unsern liebsten Verwandten weilen zu dürfen,“ antwortete sie. „Mir wurde heimisch zu Sinn, als ich den alten Schloßthurm auftauchen sah. Unter seinem Schutz habe ich das erste glückliche Jahr meiner Ehe verlebt. Aber zu so schmerzlich süßem Gedenken ließ meine liebe Tochter Dorothea mir keine Zeit. Sie rief: ,Herzog Albrecht reitet uns entgegen’, als meine schwachen Augen noch nichts zu erschauen vermochten denn ein paar dunkle Punkte in der Ferne.“

Ein warmer Blick des Herzogs traf Dorothea. „Eure Gnaden wußten, daß ich mir nicht nehmen lassen würde, Sie als Erster in Weimar zu begrüßen,“ sprach er.

Ihre Augen begegneten sich, und ein paar Athemzüge lang stockten die förmlichen Reden. Dann fuhr er fort, und es lag ein herzlicher Klang in seiner Stimme: „Meine Worte sind schlicht, und ich habe mir derohalb Fürsprecher erwählt, die holderen Gruß zu bieten vermögen.“

Er winkte dem Pagen, der ihm einen verhüllten Gegenstand überreichte. Herzog Albrecht löste den Silberflor, und es zeigte sich ein Strauß von prächtigen Tulipanen, die, noch nicht lange aus Holland eingeführt, als eine große Kostbarkeit galten.

Freudig überrascht, nahm Dorothea den Strauß, in Empfang. „O die herrlichen fremdländischen Blumen!“ rief sie entzückt, sich über dieselben beugend. „Welch schönes Präsent! Scheinen nicht Purpurflammen in diese weißen Blätter zu schlagen? Ist der Kelch hier nicht wie mitgoldigem Licht erfüllt?“

„Dafür sind sie dem strahlenden Tagesgestirn zugeeignet,“ erwiderte Albrecht, in das Anschauen ihres froh bewegten Antlitzes versenkt. „Wie die Sonne über den Himmelsbogen wandelt, so drehen sich die Blumenkelche ihr nach, und schließen sich mit ihrem Scheiden.“

In Dorotheas Augen funkelte es hinterhältig. Sie lächelte, seufzte leise und sprach: „Glückliche Sonne! Welch treu ergebener Gefolgschaft darf sie sich rühmen!“

Er horchte auf; aber wie der Eichbaum nicht erschüttert wird, wenn ein muthwilliges Lüftchen in seine Zweige fährt, sondern nur heiter rauscht und flüstert, so erwiderte er frohgemuth, jedoch mit fester Betonung: „Glückliche Blumen! Stät und unbeirrbar geht das Licht, dem sie zugeeignet sind, seine Bahn.“

Die Frau Witwe sah mit Schrecken bereits die Disputationen beginnen und unterbrach dieselben, indem sie Befehl zum Aufbruch gab.

Herzog Albrecht lenkte sein Pferd neben den Wagen.

Aber die fürsorgliche Mutter hatte vergeblich den Faden der Unterhaltung abgeschnitten. Wenn auch die Lippen des jungen Paares schwiegen, die Augen sprachen um so beredter. Sein halb lächelnder, halb spöttischer Blick schien zu fragen: Also haben Eure Gnaden dero Spitzfindigkeiten und Häkeleien nicht auf der Dornburg gelassen?

Und ihre übermüthig strahlenden Augen antworteten: O, Wir führen eine ganze Rüstkammer derselben mit Uns.

Auch das Gefolge begrüßte sich nun. Die Kavaliere erneuten alte Bekanntschaft, und das Hündlein Kiekebusch bezeigte seine Ehrfurcht dem letzten Knecht.

Im zweiten Wagen ging Käthchens Mündchen wie ein Mühlwerk. „Mein Vetter Achatius meinte schon, ich sei schön im karteknen Röcklein. Und nun bringe ich gar ein leberfarbenes Seidenkamelotkleid mit. Mein Vetter Achatius trägt meine weiß und roth gestreifte Schleife allezeit als Favor bei sich. Mein Vetter Achatius weiß gar nicht, daß ich im Gefolge Ihrer Gnade bin. Was wird mein Vetter Achatius sagen?“

Selbstbewußt drehte sie ihr Gesichtchen hin und her; es war kirschbraun gebraten von der Sonne, und auf dem Stumpfnäschen tauchten Sommersprossen auf.

Die beiden Hofjungfrauen, neben denen sie auf dem Rücksitz ein winziges Plätzchen einnahm, wurden grünlich vor Aerger, und ihre Mutter, trug eine Zornesfalte auf der Stirn. Nur die Hofmeisterin achtete nicht darauf. Sie war einzig beschäftigt, ihr weiß und roth angestrichenes Gesicht durch den Schleier gegen die Sonne zu schützen.

„Ja, das ist eine richtige Stadt,“ jubelte Käthchen, als die Kutsche durch das bethürmte Thor einfuhr. „Gott sei Dank, daß wir einmal aus dem kleinen Nestchen heraus gekommen sind.“

Sie hopste vor Freude auf dem Sitzbrett in die Höhe.

Der Schloßhauptmann, welcher den Zug ordnend, an den Wagen herangeritten war, sagte: „Nu, nu! Hüpfe nur nicht aus dem Köberchen, Käthe!“

Diese raunte ihm wichtig zu: „Nun wird endlich allen kund werden, wie ein adliger Junker gegen eine adlige Jungfrau sich zu benehmen hat.“

Ihr Vater blinzelte sie mitleidig an. „Wer weiß, was alles kund wird,“ sprach er und begab sich wieder an die Spitze seiner Leute.

Ein buntes Menschengewimmel erfüllte die Straßen. Auf jedem Eckstein bauten sich die Kinder als lebendige Pyramide auf und brachen in ein lautes Ah! aus, als die Engelskutsche mit der schönen Dorothea einfuhr. Die Mauern des Rothen Schlosses, deren Farbe dasselbe seinen Namen verdankt, leuchteten freundlich in der untergehenden Sonne, die schnurgeraden Fensterreihen strahlten, und die übergüldeten Knöpfe blitzten auf den beiden schöngeschwungenen Giebeln und den einem Lerchenschopf ähnlichen Dachluken.

Die Wachen am Portal pflanzten die Hellebarden. Die Engelskutsche hielt. Die Pagen sprangen von ihren Pferden und lehnten das vergoldete Leiterlein an die Kutsche. Ein Schwarm von Kammerjunkern und Lakaien umgab dieselbe.

Herzog Albrecht hatte sich rasch abgeschwungen, trat an die geöffnete Wagenthür und leitete die Frau Witwe herab.

Dann wandte er sich Dorothea zu. Sie setzte den zierlichen perlengestickten Schuh auf die Sprossen, sah ihn schelmisch an und sprach: „An Ihrer festen Hand, Vetter, werde ich gewißlich stät und unbeirrbar die goldene Bahn hinabgleiten.“

Lächelnd, doch entschiedenen Tones erwiderte er: „Wenn Eure Gnaden der Führung derselben sich überlassen wollten – sonder Zweifel.“

Aber da sie sich nun auf diese feste Hand stützte, fühlte sie ein leises Zittern durch den Stülphandschuh. Es theilte sich ihren Fingern mit, daß der Diamantring, den sie über dem Handschuh am Daumen trug, muthwillige Lichter sprühte. Die Leiter hatte nur wenige Sprossen. Aber das junge Paar sah doch aus, als wäre es ein Stück von Jakobs Himmelsleiter hinabgestiegen.

[728] Auf dem mit Scharlachtuch belegten Weg schritten die Herrschaften, umgeben von Hofleuten und Dienerschaft, in das Rothe Schloß hinein.

Achatius blieb zurück, um das fürstliche Frauenzimmer zu empfangen.

Käthchen lachte ihm mit allen ihren kleinen Mäusezähnchen entgegen, trotz der strengen Blicke ihrer Mutter.

Aber über der Pforte des ehemaligen Witwensitzes war nicht umsonst ein weinender Engel angebracht. Achatius sah sie gar nicht. Sein Blick richtete sich überrascht auf den dritten Wagen, der das Gepäck und die Kammermägdlein enthielt. Welche wunderliche lange verhüllte Stange wurde von ihm abgeladen? Da leuchtete ja Roth Und Grün heraus. Feierlich zogen die Kammermägdlein damit ab wie Landsknechte mit der Fahne, zu der sie geschworen haben.

„Mit welchem sieghaften Panier haltet Ihr holden Dornburgerinnen allhier Euren Einzug?“ fragte Achatius die rundliche Hofmeisterin, während er ihr aus dem Wagen half.

Sie bewegte sich so rasch und bemühte sich, trotz ihres ansehnlichen Umfangs so leicht hernieder zu schweben, daß ihr gelbes Damastkleid krachte. „Ich weiß nicht,“ antwortete sie und ließ die Reisemutze herabfallen, daß die reizenden Grübchen in Wangen und Schultern sich zeigten.

Schäflein! dachte Achatius, hielt sich aber scherzend die Augen zu und flüsterte: „Süße Pomesine! Ach, wer nur einmal an solcher Holdseligkeit sich letzen dürfte!“

Sie sah ihm mit schmelzendem Lächeln nach, während er schon ehrfurchtsvoll vor Frau von Tautenburg sich verbeugte und dem Schloßhauptmann die Hand schüttelte.

Als ihm dieser die andern Hofjungfrauen nennen wollte, sprach er galant: „Eure Namen sind eingegraben in die wachsweiche glatte Tafel meines Herzens.“

Und er sandte ihnen einen so wohlgeschickten Blick zu, daß jede denselben für sich in Anspruch nehmen konnte.

Käthchen stand ganz verdutzt dabei. War es möglich? Vetter Achatius tuschelte mit der Hofmeisterin, der alten dicken, schaute die andern Hofjungfrauen, die dürren Hopfenstangen, zärtlich an? Das kam doch alles ihr zu. Und sie erhielt nur das letzte Zipfelchen eines Grußes. Was sollte das fürstellen?

Vielleicht hatte er sie in der häßlichen Reisemutze nicht erkannt, in welche sie von der Mutter gewickelt worden war. Nun, nur Geduld! Jetzt kam der leberfarbene Rock dran. Durch diesen Gedanken getröstet, trippelte sie hinter ihrer Mutter in das Schloß hinein.

Andere Reisezüge nahten. Wagen auf Wagen rollten durch das Schloßthor, Reiter klirrten herein. Der Hof füllte sich. Leibärzte, die ihr Doktorstüblein hatten verlassen müssen, Kapitäne in Wehr und Waffen, Kammerjunker und Pagen fragten nach ihrem Losament. Die Weimarischen Hofjunker im Galakleid, die Lakaien in Staatslivrei hatten alle Hände voll zu thun. –

Als die Dornburger Herrschaft ein paar Stunden später der fürstlichen Hausfrau einen Besuch abstattete, folgte Käthchen mit aufgehelltem Gesicht dem kleinen Zug. Sie trug das leberfarbene Kleid, den güldenen Brustlatz und duftete nach Spikanardiwasser, das sie selbst hatte brauen helfen, wie ein Wurzgärtlein.

Eine Reihe glänzender Räume that sich vor ihr auf, von dem sanften Licht gelber Wachskerzen erhellt, welche auf hohen Silberleuchtern brannten. Da – im ersten Zimmer – harrte auch schon Achatius. Aber nur, um von dannen zu fliegen und die Herzoginnen in die inneren Gemächer zu führen, während ein Wink seiner Augen die Hofjunker in Bewegung setzte, daß sie dem Frauenzimmer seinen Platz anwiesen; längs der Wand, wie angeputzte Docken wurde dasselbe aufgestellt.

Da glitt Achatius schon wieder an ihr vorüber. Er sah sie abermals nicht. Er geleitete jetzt die Eisenacher Herrschaft.

Aus welch runden klugen Augen die Herzogin Christine schaute! Gerade wie die Eule auf der Dornburg. Käthchen hätte lachen mögen.

„Die Herzogin Christine stellt alles fest,“ flüsterte neben ihr das Strohblümchen, „die Schicksale der Menschen, das Wetter, die Landplagen. Sie liest es mit großen Ferngläsern aus den Sternen und rechnet es dann aus wie andere Frauen einen Handel mit Butter und Eiern. Sie ist so klug wie die heiligen drei Könige zusammen.“

Käthchen verging das Lachen.

Die Hofjungfrauen, welche der übermenschlichen Fürstin folgten, pflanzten sich gleich kernhaften Fichtenzäpfchen vor ihr auf. Sie reckte ihr Köpfchen empor, um über dieselben hinwegschauen zu können.

Jetzt – jetzt sah Achatius nach ihrer Seite.

Ach nein; sein Blick ging an ihr vorüber und er selber abermals zur Thür hinaus, um den Koburger Herzog mit seiner Gemahlin zu empfangen.

„Das ist ein unholder Herr,“ wisperte die blonde Benigna an der andern Seite. „Seine erste Gemahlin, die ihm ein X für ein U gemacht haben soll, hielt er eingesperrt sammt dem hübschen Hofjunker, der ihr dabei geholfen hatte. Er steckt alles ein, sogar die Witze seiner Hofnarren. Horcht! Draußen im Korridor schlagen sie Purzelbäume.“

Die Koburger Hofjungfrauen bildeten eine zweite Mauer zwischen Käthchen und Achatius. Sie war gänzlich zurückgedrängt und mußte sich auf die Fußspitzen heben, wenn sie ihn noch sehen wollte. Ach, welche schönen Kleider trugen die andern – das leberfarbene war gar nichts dagegen. Und wie sie sich hervorzuthun suchten, wenn Achatius vorüber glitt! Wie sie ihn mit den Augen verschlangen!

Dann flüsterten sie mit einander und rühmten, daß das Zöpflein, welches an einer Seite seines Kopfes herabhing, das neueste in der Tracht: ein Alamodezotten sei.

Sie mochten sich nur hüten! Wenn der griesgrämliche Herzog das merkte, sperrte er sie auch ein sammt dem Achatius.

Fast hätte sie es gewünscht. Dann konnte er doch nicht mehr so vor ihnen hin und her gaukeln, als wolle er sagen: hascht mich doch!

Von Zeit zu Zeit sendete er einen Blick nach Käthchens Winkel. Aber ihren Augen begegnete er nicht. Wen suchte er nur da? Neben ihr stand eine Hofjungfrau, mit einem Bernsteinhalsband geschmückt, die ebenfalls zurückgedrängt worden war. Käthe lugte sie eifersüchtig an. Nein, die konnte er nicht meinen. Sie hatte ja nicht einmal rothe Backen und war die einzige im ganzen Gemach, welche ihn nicht ansah. Wie er immer lebendiger wurde, immer zärtlichere Blicke herüber warf, so wurde sie immer unbewegter, immer blasser. Und Käthchen immer röther und heißer. Das Herzklopfen drohte sie zu ersticken.

Wie hatte sie sich über den goldenen Brustlatz gefreut, und welche Pein stand sie nun hinter ihm aus! Aufschreien hätte sie mögen und durfte keine Miene verziehen. Niemand kümmerte sich um ihre Noth. Nur der alte, mit einer kleinen Glatze versehene Papagei, der neben ihr in einem Käfig hockte und ungestört den Gnadenzucker knusperte, welchen er, schon der Günstling der verstorbenen Mutter der Herzöge, nur aus fürstlichen Händen nahm, schaute sie mit seinen großen klugen Augen an. Dann sagte er in dem gütevollen Tone, den er in diesen Räumen gelernt hatte: „Armes Papchen! Ganz allein.“ Sie war ihm ordentlich dankbar für seine theilnehmende Ansprache.

So still es im Vorzimmer zuging, so lebhaft wurde die Unterhaltung im Wohngemach der Herzogin Eleonore geführt.

Summendes Geplauder tönte aus dem Damenkreis, der sich um die zarte Gestalt der fürstlichen Hausfrau versammelt hatte; mit markiger, wohllautender Baßstimme rühmte der stattliche Herzog Wilhelm die Wichtigkeit des Palmordens in jetziger Zeit, da die Worte fremder Völker die deutsche Heldensprache überschwemmten; gemessene Fragen richtete der schmächtig gewachsene blonde Herzog Ernst an die jüngsten fürstlichen Fräulein, die verlegen unter dem Blick seiner nachdenklichen Augen ihre Facinetlein drehten; dazwischen klang es wie durchdringender Kommandoruf von den feinen Lippen des jungen Herzog Bernhard, dessen schmale mandelförmige Augen über die versammelten Fürsten hinblitzten. Durch die verschiedenen Gruppen glitt der alte Hofmarschall Kaspar von Teutleben, das höchste Zeichen seiner Hofwürde, den Stab, in der Hand, beflügelten Schrittes dahin. Seine scharf geschnittenen Züge erschienen wie veklärt. Es war ja sein Ehrentag, wenn die Fruchtbringende Gesellschaft Sitzung hielt. Denn er hatte sie gegründet.

[741] Eine Schar junger Fürstinnen umgab scherzend und neckend Dorothea. Sie lachte, erröthete und flüchtete endlich in eine tiefe Fensternische, wo sie den Vorhang gleich einem schützenden Bollwerk hinter sich zuzog. Sie hörte die Damen weiter kichern vor dem züngelnden Thüringer Löwen, der in den schweren Stoff gewebt war. Aber plötzlich wurde ein Gewisper hörbar, und dann huschten die seidenen Röcke davon.

Im nächsten Augenblick schob eine schön geformte kräftige Hand den Vorhang zurück.

Herzog Albrecht trat zu ihr und fragte lächelnd: „Ist es vergönnt, Eurer Gnaden in die Einsamkeit zu folgen?“

Sie neigte anmuthig das Haupt und ließ sich auf dem hohen, mit Goldtuch beschlagenen Stuhl nieder. Und nun verstummten beide.

So selbstgewiß Herzog Albrecht hereingetreten war, so übermüthig Dorothea den fürstlichen Freundinnen gegenüber das Haupt erhoben hatte – als sie jetzt allein, abgeschlossen wie in einem besondern Stüblein bei einander weilten, kam eine Befangenheit über sie, daß keines ein Wort fand.

Die Abendluft wehte durch das geöffnete Fenster, die Schwingen schwer, von dem Duft des frischen Laubes im Garten. Ein bläulicher Mondstrahl stahl sich mit herein. Fernher aus dem Webicht tönte der letzte sehnsüchtige Lockruf der kleinen befiederten Sänger.

Leise zog der Herzog einen Schemel, wie solche zum Gebrauch der Hofleute bereit standen, für sich herzu.

„Mit so niedrigem Platz begnügen sich Eure Liebden?“ scherzte Dorothea ein wenig athemlos. „Selbst am Hofe des Kaisers werden den Herzögen von Sachsen Armstühle gesetzt.“

„Alldort werde ich auch immer einen solchen begehren,“ antwortete Albrecht, und mit gedämpfter Stimme fuhr er fort: „Aber bei der Herzogin Dorothea poche ich nicht auf ein Recht, sondern erwarte alles von Dero Gnade.“

Schalkhaft drohend hob sie den Finger und flüsterte: „Ich, habe nicht gewußt, Vetter, daß Sie der Schmeichelei kundig sind.“

Jetzt lächelte auch er. „Nicht umsonst hat mich unser Tanzmeister Turnon in der Kunst unterwiesen, wie man sich mustern gegen das Frauenzimmer gebärdet.“

Sie hielt sich die Ohren zu. „O, o!“ rief sie, silberhell auflachend. „So hat Monsieur Turnon gewißlich nicht gesprochen. Er wird sich bemüht haben, die Courtoisie zu lehren, welche ein Serviteur den Herrin gegenüber üben muß.“

Er schüttelte den Kopf wie über die Thorheiten eines übermütigen Kindes. „Monsieur Turnon unterrichtete keine Diener, sondern junge Fürsten, welche, bei aller Ehrfurcht vor edlen Frauen, nie vergessen werden, daß sie deutsche Männer sind.“

Sie warf schmollend die Rubinlippen auf. „Was könnte ein deutscher Mann an solcher Belehrung zu mäkeln haben?“

„Daß die Ordnung der Welt verkehrt wird,“ entgegnete er ruhig.

[742] „Und was belieben Sie eine Verkehrung dieser Ordnung zu nennen?“ fragte sie mit leisem Spott.

Er hatte sich unhörbar erhoben und stand nun hoch aufgerichtet vor ihr, auf sein goldenes Rappier gestützt. „Daß die Frau die Herrin, der Mann der Knecht sein soll.“

Seine Haltung und sein Ton waren so entschieden, daß Dorothea unwillkürlich verstummte.

In die eingetretene Stille tönte Eleonorens Stimme von dem Damenkreis herüber:

„Mein Herr hat bestimmt, daß der morgende Tag fröhlicher Festfreude gewidmet sein soll. Erst übermorgen werden die Sitzungen der Palmgenossen und der Tugendlichen stattfinden nach meines Herrn Willen.“

Bei diesen Worten, die wie eine Ergänzung von Albrechts Rede klangen, stieg in Dorotheas Wangen ein heißes Roth.

Der Herzog zwang ein leises Lächeln nieder.

Stühle wurden gerückt. Die Herrschaften brachen auf, um sich in ihre Gemächer zurückzuziehen. Die Verneigung, mit welcher Dorothea Abschied von Albrecht nahm, war von einem drohenden Blick begleitet. Mit vollkommener Ritterlichkeit, aber unerschütterlicher Ruhe beugte er das Haupt vor ihr. Als die letzte im Zuge schlich Käthchen davon. Noch einmal sah sie trübselig zurück nach Achatius, der in der Thür des Vorzimmers stand und die entlassenen Hofjungfrauen seiner Herrschaft an sich vorübergehen ließ.

Er bemerkte auch diesmal Käthchen nicht.

Seine Augen waren wieder in den Winkel, wo Gertrud stand, gerichtet, und er dachte: einmal muß sie doch aus ihrer Ecke herauskommen.

Da schritt sie heran. Unentwegt sah sie an ihrem fein gebogenen Näschen herab.

„Ehrenreiche Jungfrau,“ redete er sie an, „da Ihr meinen Fehler erkannt habt, so erbarmt Euch meiner und helft mir von demselben. Schenket mir eine Perle Eures glückseligen Halsbandes, daß ich sie in mein Zöpflein flechte und allezeit dadurch gemahnt werde, treu zu sein.“

Gertruds Antlitz nahm eitlen Ausdruck von Empörung an. „Das Halsband ist ein Familienschmuck, der immer nur an Ehrentagen getragen wurde. Er ist zu gut für eine Narrethei.“

„Narrethei nennet Ihr die alamode Galanterie eines Kavaliers?“ fragte er, und seine Augen begannen zu funkeln.

Verächtlich erwiderte sie: „Welch andern Namen verdiente diese Unsitte, welche die Menschen dahin führt, daß sie flunkern, Affenwerk treiben, sich mit Firlefanz behängen wie“ – ihr Blick flog den Korridor entlang, wo die Narren des Koburger Herrn sich tummelten – „wie die, welche bestellt sind, die Leute lachen zu machen,“ schloß sie, todtenbleich, aber gerade aufgerichtet gleich einer Wachskerze.

Achatius fuhr empor, als sei er von einer Natter gestochen. Glühend vor Zorn, mit einer stahlharten Stimme entgegnete er: „Ueber den Hofmeister von Krombsdorff lacht niemand. Wenn er auch einen Alamodezotten trägt, so weiß doch jeglicher, daß es ein rechter Mann ist, der sich mit selbigem behangen hat. Selbst Ihr werdet eher eine Thräne um mich vergießen, als es wagen, mich auszulachen. Das schwöre ich Euch!“

Er drehte sich auf dem Absatz herum und stürmte davon.

Mit trutzigen Schritten stapfte er in sein schönes Haus hinüber, das wie ein treuer Vasall am Weg ins Schloß stand. Er schlug die schwere Thür so wüthend hinter sich zu, daß der Rosenstock an der Pforte bis in die tief schlummernden Knöspchen erschauerte und sich kaum mit den feinen Dörnchen an dem steinernen Wappenschild fest zu halten vermochte.

Und als die Bettmeisterin endlich unter einem der Lerchenschöpflein in ihr Bett kroch, da schallte drüben aus den geöffneten Fenstern noch immer bald ein „Donnerwetter!“ bald ein „Morbleu!“ heraus.


„Mein Herr!“ Das Wort der sanften Eleonore hallte in Dorothea nach. Es ließ sie keine Ruhe in den seidenen Kissen finden.

O, der Hof von Weimar lag wahrlich im finsteren Thal. Wie ein Feldhauptmann seine Fähnlein, so kommandirte Wilhelm die Tugendlichen. Der vielgereiste Bernhard, der nach englischer Sitte bei der Begrüßung das Knie vor ihr beugte, hatte durch einen scharfen forschenden Blick die Adoration seines Grußes wieder aufgehoben, und auch der fromme Ernst bereitete ihr eine Enttäuschung, da er verhieß, ein theures Buch in ihr Losament zu senden. Es war nicht, wie sie hoffte, der zweite Band der „Astrea“, sondern das Gebetbuch, das ihre gemeinschaftliche Großmutter herfürgegeben hatte.

Und Albrecht! Flattirte ein Kavalier also seiner Dame?

Nicht flehend hatte er zu ihr emporgeschaut, sondern gleich einem Herrscher auf sie herab.

Ihre Gedanken hielten bei diesem jüngstvergangenen Augenblick an. Sie sah ihn vor sich stehen, hoch, stolz, auf das vergoldete Rappier gestützt, und, ohne daß sie es wußte, lächelten ihre Lippen. Wie war er doch schön! In jeder Miene, jeder Bewegung ein echter Fürst und Herr!

Sie fuhr hoch auf. War ein böser Zauber in dem Wort mächtig, daß sie seiner nicht ledig werden konnte?

Spät erst schloß sie die Augen. Die Morgensonne schien hell in das Gemach und malte wie ein lustiger Schelm lauter goldene Ringe auf den Fußboden, als sie erwachte. Jetzt waren die finsteren Vorstellungen der Nacht entflohen. Sie lächelte fröhlich dem Morgenlicht entgegen.

O, sie wollte dem rauhen Männerregiment schon ein Grüblein graben, darein es fallen sollte. Wozu kannte sie die alamoden Waffen, mit denen die Schäferinnen ihre Adorateurs gefügig machten, wenn sie dieselben nicht gebrauchte?

Und war etwa der Preis des Kampfes nicht Werth?

O, welche Seligkeit mußte es sein, diesen festen Willen zu beugen, diesen strengen Sinn in Weichheit umzuschmelzen, diesen stolzen Mann auf die Kniee zu zwingen! Das wäre ein Sieg, auch einer Astrea würdig.

Heiter wie der junge Maientag, rosig angehaucht, saß sie alsdann auf dem mit Quasten umhangenen Stuhl vor dem Putztisch. Bärbchen, die erste Schmuckjungfrau, bot ihr das Handspieglein.

„Bringe das Pfirsichblüthenwasser zum Kühlen der Wangen,“ gebot sie in dem Flüstertone geschulter Hofdiener dem zweiten Kammermägdlein Aennchen. „Wo ist das Instrumentlein für die Zähne? – Sie glänzen gleich Elfenbein, fürstliche Gnaden. - Lange die Phiole herab mit der Essenz, um die Nägel zu glätten! - Sie sehen aus wie Rosenblätter auf Lilien gestreut. – Rücke das Kohlenbecken herbei! Lege die Brenneisen hinein! Hilf, Himmel! Die Tischplatte ist auch gar zu klein.“

Aennchen schwebte auf den Fußspitzen hin und her.

Bärbchen rollte an den Wangen ihrer Herrin lange Locken herab und brannte über der Stirn ein leichtes Gekräuse.

Leises Klopfen ertönte an der Thür.

„Die Frau Herzogin läßt zur Eile mahnen,“ berichtete Aennchen, „die Tafelstunde nahe.“

Dorothea machte eine Bewegung mit dem schönen Haupt, als schlage sie die Mahnung in den Wind. Sie wußte aus der „Astrea“, daß man die Schäfer harren und schmachten lassen mußte, wenn sie angefeuert werden sollten.

„Du kannst noch ein paar Steinrosen in die Locken stecken,“ befahl sie. „Nein, nicht so regelmäßig zu beiden Seiten! Das ist nicht alamode. Weiter zurück! Höher hinauf!“

Bärbchen mühte sich, die Herrin zufrieden zu stellen. „Aber Aennchen, was fällt Dir ein?“ ließ sie ihre geheime Ungeduld an der untergeordneten Gehilfin aus. „Warum trägst Du den Rock von violenfarbigem Sammet daher? Meinst Du, Ihro Gnaden gedenken, Abbatissa eines Stiftes zu werden?“

Dorothea lachte über die drollige Zumuthung hell auf. „Nein, so weit sind wir noch nicht.“

Bärbchen ging selbst in die Kleiderkammer. Sie kam mit einem Prachtstück von einem Kleid zurück, unter dessen Last sie fast erlag. Ein Rauschen ging ihm voraus wie eine Meeresfluth. Es war von Silberbliant, mit goldenen Blumen durchwebt, mit Goldposament besetzt. Dorothea lächelte wohlgefällig und schlüpfte unter dem Beistand beider Mägdlein in die steife Hülle.

„Auf das Goldposament eine Reihe von Steinrosen! Die Spangen um die Aermelpuffen!“ befahl sie. „Die Perlen um den Hals! Sie sind zu matt; hängt den Demantstern daran.“

„Tummle Dich!“ raunte Bärbchen. „Der Schloßhof wimmelt schon von ankommenden Gästen, und drüben an einem [743] Fenster der Festgemächer steht Herzog Albrecht und steht herüber.“

Dorotheas Augen funkelten triumphirend. „Heftet das golddurchwirkte Band an den Rock. Holt die Tulipanen! Nein, nicht in der Hand will ich sie tragen. Knüpft sie an das Band! Macht keine erstaunten Gesichter! Ihr wißt, wir lieben solche nicht bei unsren Dienerinnen. Wir befehlen es also. Auch die holde Schäferin Astrea trägt einen Blumenstrauß am Schäferbändchen.“

Sie ließ sich die goldgestickten Handschuhe überstreifen und rauschte endlich davon. Ein ungnädiger Blick der Frau Witwe empfing sie bei ihrem Eintritt. Abbittend, schmeichelnd küßte Dorothea ihr die Hand. Mit einem leisen Seufzer gab die fürstliche Mutter das Zeichen zum Aufbruch, und in aller Untertänigkeit schlug der Schloßhauptmann einen raschen Schritt an.

Drüben im Rautenkranzgemach waren schon alle Fürstlichkeiten versammelt. Die Dornburger Herrschaften traten als die letzten ein.

Während Herzog Wilhelm mit etwas bedenklich empor gezogenen Brauen die Frau Witwe begrüßte, glitt Dorotheas Blick scheinbar harmlos über die Anwesenden hin. Da stand Herzog Albrecht, nahe der Thür, ganz so, wie sie ihn seit gestern unaufhörlich vor Augen hatte, auf das vergoldete Rappier gestützt. Es war ersichtlich: er hatte ihrer geharrt, und nun begrüßte er sie mit tiefer Verbeugung.

Holdselig lächelnd versank sie auf einen Augenblick in die goldenen und silbernen Wogen ihres Gewandes. Dann aber rauschte sie mit rascher Wendung vorüber.

„Tirho!“ lachte der alte Herzog von Eisenach. „Geht der schmucke Vogel dem jungen Jäger durch das Garn? So wollen wir alter Waidmann einmal unser Heil versuchen.“ Und er vertrat ihr den Weg.

„Mein gnädiger Vetter ist dafür bekannt, daß er scheues Wild zutraulich zu machen versteht,“ erwiderte sie mit kindlichem Ausblick.

Er schüttelte pfiffig den Kopf. „Mein schönster Edelfalk setzt sich gewaltig in die Fittige, so ihm die Kappe übergezogen werden soll.“

„Sperr ihn ein und laß ihn fasten,“ brummte der Koburger dazwischen.

Dorothea schaute den verdrießlichen Herrn feindselig an „Streicheln Sie ihn lieber und füttern Sie ihn mit Zuckerbrot,“ rieth sie.

„Oder geben Sie ihm die Freiheit,“ sprach Herzog Ernst herzutretend. „Was der Zucht sich nicht fügt, soll man fliegen lassen.“

Dorothea wurde dunkelroth, und der Eisenacher Herzog brach in ein Gelächter aus zur Verwunderung der andern jagdverständigen Herren.

Dann warf er einen listigen Blick in die Tiefe des Gemaches. „Aber was müssen wir erleben? Herzog Albrecht hat unser Gemahl förmlich gestellt.“

Dorothea blickte sich um.

Bei der Herzogin Christine stand Albrecht halb abgewandt, daß sie nur den stolzen Schnitt seiner Züge zu sehen vermochte.

Und er änderte seine Haltung auch nicht, da sie plaudernd und scherzend sich durch die andren fürstlichen Herren und Damen näher an ihn heranwand.

Aufmerksam hörte er zu, wie die gelahrte Fürstin ihm von den feurigen Schweifen erzählte, welche die Kometen durch die Himmelsräume schleifen, statt auf den goldigen Schlepprock der schönen Dorothea zu achten, der um ihn herumknisterte.

Nunmehr ließ er sie warten – warten, bis das feine Korallenroth in ihre Wangen stieg.

Endlich wandte er sich ihr zu. Und als das junge Paar nun einander gegenüberstand in der Haltung, die dem Fürsten und der Fürstin geziemte, da sah den beiden niemand an, daß sie eben unter dem Schild höfischer Gravität den Spieß gegen einander gefällt hatten.

„Eure Gnaden erweisen den Tulipanen eine hohe Ehre, indem Sie selbige mit sich führen,“ sprach er mit dankender Neigung. „Und wahrlich,“ fuhr er lächelnd fort, „die leuchtenden Kelche sind alle erschlossen, obwohl ihre Sonne heute erst so spät aufgegangen ist.“

„Die schönen Blumen wägen und markten nicht,“ erwiderte sie ebenfalls lächelnd „Treu bleiben sie ihr zugewandt, wann auch sie ihnen erscheinen mag.“

„Hätten sie dafür nicht vielleicht verdient, am Herzen getragen zu werden, wie deutsche Frauen mit Blumen thun?“ warf er hin.

Sie strich liebkosend an dem Band herab zu den Tulpen. „Ist diese Art der alamoden Schäferinnen, das, was sie lieben, mit sich zu führen, nicht voll Gratia?“

Er sah ihr tief in die goldschimmernden Augen, als wollte er auf dem Grund ihrer Seele lesen. „Fremdes Wort und fremder Brauch. Vergessen Eure Gnaden nicht, daß wir hier sind, um die deutsche Sprache und die deutsche Sitte zu pflegen,“ sagte er sanft mahnend.

Sie warf das Köpfchen überhebend auf. „Ich bin nicht Palmgenoß.“

Er drehte voll guter Laune seinen Schnauzbart. „Darüber wollen wir von Herzen froh sein. Wären Eure Gnaden Mitglied des Palmenordens, so müßte ich Sie jetzt zur Hänselung nach dem Drehstuhl geleiten. Statt solcher Verdrießlichkeit bitte ich um die Huld, Sie zur Tafel führen zu dürfen.“

Er bot ihr mit tiefer Verneigung die Hand.

Trompetenfanfaren und Paukenwirhel tönten durch das Schloß. Sie riefen zur Tafel. Eine Bewegung entstand; jeglicher Herr suchte seine Partnerin. Der Zug ordnete sich. Die Pagen öffneten die vergoldeten Flügelthüren.

Unter dem Vortritt des Hofmarschalls und der andern Hofherren schritten die fürstlichen Herrschaften paarweise durch die tief sich neigenden und dann anschließenden Gäste nach dem Bankettsaal.

Es war ein prächtiges Bild, das sich hier entfaltete. Ein Thronhimmel von Purpursammet wölbte sich über der Tafel, um welche die Fürsten in Hermelinmänteln, die Fürstinnen, mit Perlenschnüren, Demantsternen und Smaragdkugeln geschmückt, sich reihten; Herren von Adel in bunten Atlaswämsern, hohe Räthe in schwarzer, silbergestickter Amtstracht, Offiziere mit der gelben Feldbinde traten an ihre Plätze; wie schimmernde Gewinde zogen sich die Frauen in gewässerten Moor- und geblümten Brokatröcken, goldene Röslein an den Hauben, um die besondren Tafeln, an denen sie untergebracht waren, damit sie nicht von angehumpten Herren molestirt werden konnten. Und am Tischlein im Winkel, wo die Stühle verkehrt gestellt waren, hockten die rothgekleideten Narren des Koburger Herzogs.

Die goldenen Pokale und krystallenen Becher blitzten auf dem Schenktisch; auf dem Pfeiferstuhl hielten die Musikanten die silbernen, mit Fähnlein und Quasten verzierten Trompeten, die von goldstoffnen Wappendecken behangenen Heerpauken bereit. Schaulustige Bürger Weimars in ihrem besten Sonntagsstaat füllten die Galerie.

Der Hofprediger im Ornat trat den Herrschaften gegenüber und sprach mit aufgehobenen Händen das Tischgebet. Die Finger mehr zum Staat denn zur Andacht in einander gelegt, stand Achatius neben der Stufe, welche zur Fürstentafel empor führte. Die frommen Worte gingen an seinem Ohr vorüber; in ihm kochte nur Groll und Rachegelüst.

„Kaltes Blut,“ sagte er sich, als das Amen ertönte. Erst kam der Dienst.

Die Pagen netzten den Herrschaften über silbernen Gießbecken die Hände. In anmuthiger Haltung trat Achatius mit der langen Handquehle heran und warf sie so geschickt, daß sie, aus einander flatternd, an den fürstlichen Personen vorüberflog und jegliche ein Stück davon zu fassen vermochte.

Der Hofmarschall lächelte zufrieden. Nicht an jedem Hof verstand man, diese Kunst so vollkommen zu üben.

Achatius war froh, daß seinen zitternden Händen das schwere Stücklein gelungen war.

Unter erneuten Fanfaren nahten in langem Zuge die Lakaien mit dem ersten Gang. Der Schmaus begann. Die fürsichtigen Leute griffen nach den gesottenen Eiern, welche von den Aerzten als Voressen empfohlen wurden; die Leckermäuler hielten sich an die Schnecken. Die Vorschneider, Hof- und Kammerjunker begannen ihr Werk. Achatius that sich abermals herfür. Er zerlegte [744] den welschen Hahn, der in einer Tunke von Citronen und Wein gegeben wurde, an der langen Gabel in der Luft; dann schüttelte er denselben, und die Stücke fielen wohlgeordnet auf die silberne Schüssel nieder.

Nun durfte er auch an sich denken. Er eilte an den Tisch der Hofmeisterinnen und Hofjungfrauen.

Parbleu! Er wollte zeigen, daß er nicht nur mit Handquehle und welschem Hahn, sondern auch mit dem Frauenzimmer umzuspringen wußte. Er warf einen von Bosheit funkelnden Blick nach Gertrud hin. Sie war wie immer angethan mit dem schlichten Kleid aus braunem Borstatt, und um den Hals trug sie, auch wie immer, die langweilige Bernsteinkette, die sie gleich einer Rarität ästimirte. Seine Augen wurden dunkel vor Zorn.

Er machte eine so tiefe Verbeugung vor der blonden Benigna, daß sein Alamodezotten ihm über die Augen fiel, und schleuderte ihn dann mit so großer Heftigkeit zurück, als sollte er ausgerissen werden. „Holde Schäferin,“ redete er sie an, „ein armer Schäfer, den Amor tyrannisirt, sehnt sich danach, sein Herz zu erleichtern. Wißt Ihr keine Occasion dafür?“

Feuerroth stocherte sie unter den Spargeln auf ihrem Teller herum. „Vielleicht,“ antwortete sie leise, „findet sich dieselbe morgen im welschen Garten, wo die Sitzung der Tugendlichen stattfinden soll.“

„Der Schäfer dankt Euch,“ sprach er mit süßem Lächeln und einer Stimme, welche förmlich die nach Bisam, Haarpulver und Balsam duftende Hofluft durchschnitt. Und so nahe an ihrem Ohr, daß sie meinte, er habe einen Kuß darauf gehaucht, flüsterte er weiter: „Mich dünkt, die Buchsbaumstaude, die wie eine Gans formirt ist, sei am angemessensten zu solchem Stelldichein.“

Dabei schob er die Augen nach Gertrud Heilingen. Hatte sie gesehen, wie er mit ihrer Gefährtin schön that? Er konnte es nicht ergründen. Blaß, aber gelassen saß sie unter den andern und kümmerte sich nicht um ihn. Nun, er schor sich auch nicht um sie.

Er glitt zu der rundlichen Hofmeisterin hinüber. „Erlaubt, daß ich Euch vorlege,“ sprach er, sich tief über ihre vollen Schultern neigend, und fischte ein Stück Leber aus der aufgesetzten Schüssel. Leise fuhr er fort:

„,Die Leber ist von einem Pfau,
Erhört mich, allerschönste Frau,
Und laßt mich Euer warten –‘

Doch wo?“ Er stockte einen Augenblick.

„Im welschen Garten,“ ergänzte sie kichernd und schlug ihn mit ihrem Mückenscheucher auf den Arm.

Er lachte kurz auf. Ein zweites Liebesabenteuer am selben Ort! Warum nicht?

„Wohlan, bei der Bildsäule des Hymen,“ flüsterte er der galanten Dame zu, ohne die Augen von der Trude abzuwenden.

Aber das war kein Aerger, was leise um den kleinen baßrothen Mund zuckte. Bei allen Teufeln! das war Verachtung.

Halb toll vor Wuth schlüpfte er, einem gereizten Schlangenkönig gleich, zu den Hofjungfrauen von Eisenach. Ganz gleichgültig war ihm, daß er auch mit jeder von ihnen ein Stelldichein im welschen Garten verabredete, um der älteren eine Zusammenkunft der holden Venus mit dem feurigen Mars zu beweisen und die jüngere um ein Mittel gegen Herzensgebreste zu bitten, das sich von der heiligen Elisabeth her auf der Wartburg verhalten haben sollte. Es kam ja alles auf eins hinaus.

Mit wildem Blick sah er sich nach neuen Opfern um. Da saßen die beiden Koburgerinnen, glühend wie Pfingströslein und lugten ihn an. Er nannte die blonde einen Cherub, die braune eine holde Evastochter so laut, daß Gertrud es hören mußte. Was er mit ihnen weiter sprach, wußte er im nächsten Augenblick nicht mehr. Aber ein anderes Erlebniß war seinem Gedächtniß eingebrannt.

Einen Augenblick hatte er seine Hand auf den Tisch gestützt, und dabei berührten die Spitzen, welche das Handgelenk umkräuselten, die Finger der Trude Heilingen. Da zog sie dieselben zurück, als sei das zarte weiße Gewebe etwas Unreines. An allen Gliedern bebend wich er zurück. Er machte einen Bogen um ihren Stuhl, als säße eine Kröte darauf, und wandte sich an Käthchen, die als jüngste den untersten Platz einnahm.

„Wie habe ich bishero vergeblich danach gestrebt, ein Wörtlein im Vertrauen mit Euch zu sprechen,“ warf er von oben herab hin. „Das stiefmütterliche Glück stand mir allezeit entgegen.“

Da war es vorbei mit Käthchens mühsam bewahrter Fassung. Der aufgespeicherte Jammer brach los, und sie schlug dem falschen Vetter die Fastnachtsmaske von der Nase. „Das stiefmütterliche Glück soll Euch verhindert haben? Das Frauenzimmer ist’s gewesen. Ihr habt mit der Hofmeisterin und allen Hofjungfrauen angebändelt. Ueber mich seid Ihr beinahe hinwegestopert, ohne mich anzuschauen. Und nun zu allerletzt wollt Ihr auch mich noch an der Nase herumführen? Das lasse ich mir nicht gefallen.“ Helle Thränen in den Augen, drehte sie ihm trotzig den Rücken, ohne sich um das Naserümpfen und Achselzucken des übrigen Frauenzimmers zu kümmern.

[757] Archatius stand wortlos bei Käthchens heftiger Abweisung. Der ehrliche Mädchenzorn hatte den alamoden Kavalier auf den Sand gesetzt. Er sah mit einem scheuen Blick Gertruds an. Hatte sie gehört, wie Käthe ihn abkapitelte?

Was war das? Ihr Blick ging an ihm vorüber mit sehnsüchtigem Ausdruck nach einem benachbarten Tisch. Wen suchte sie da? Dem Galan, der sich so von ihr anschauen ließ, wollte er seinem Degen in die Brust jagen. Aber seinen Augen begegnete ein schmales altes Frauenantlitz, das zärtlich und heiter der Trude zunickte. Es war die Frau von Heilingen.

Da dunkte es ihn, als lege sich plötzlich eine kühle, linde Hand auf seine brennende Stirn. Warum – zum Kuckuck – wüthete er denn nur also unter dem Frauenzimmer herum?

Gottlob! Da kam ein neuer Gang und befreite ihn aus der Klemme. Ein Wink der Herzogin Eleonore befahl ihm, eigenhändig eine Pastete, deren Deckel mit kleinen Vogelköpfen verziert war, vor dem Herzog von Eisenach niederzusetzen.

„Wollen Eure Liebden den ersten Angriff auf dieses Gericht machen?“ sagte die fürstliche Hausfrau mit schelmischem Lächeln. „Ein Weidmann weiß am besten Bescheid mit solchem Vogelherd.“

Der alte Herr schaute ein wenig verwundert drein; aber er that ihr den Willen und lüftete den Deckel. Im nächsten Augenblick warf er ihn lachend auf die Tafel.

Ein Schwarm kleiner Vögel schwirrte auf, Schmetterlinge und Libellen flatterten dazwischen. Die Gäste wehrten sich lachend gegen verscheuchte Spatzen, die dreist wider fürstliche Häupter rannten, gegen bunte Käferlein, die darauf bestanden, sich in Malvasier zu baden.

Mit hundert schelmischen Fältchen in seinem alten Jägergesicht rief der Eisenacher Herr: „Nur einen losen Vogel vermissen Wir in Eurer Gnaden Vexirpastete: den Cupido. Und selbiger wäre bei Unsern drei noch unbeweibten Neffen sehr am Platz.“

Herzog Ernst schüttelte sanft das Haupt. „Ich stimme zwar dem Herrn Doktor Luther, christmilden Gedächtnisses, bei, welcher sagt: ‚Es giebt kein lieber Ding auf Erden als Frauenliebe, wem sie kann zugetheilet werden.‘ Aber meine Zeit ist noch nicht gekommen.“

„Die Braut, die ich mir erkoren habe,“ rief Bernhard stürmisch, „macht mir die Werbung schwer; sie heißt: Viktoria!“

Verstohlne Blicke richteten sich auf Albrecht und Dorothea.

Das junge fürstliche Paar saß allen zur Schau unbewegt auf den hohen Thronstühlen neben einander. Sie hielt ihr vergüldetes Gäbelein in den [758] zarten Fingern, er hatte die Hand mit dem großen blitzenden Siegelring um den Fuß seines Pokals gelegt. Nur eine rasche Röthe, die über beider Antlitz jagte, verrieth, daß sie den Scherz gehört und verstanden hatten.

Albrechts Blick glitt nach seiner schönen Nachbarin hinüber. Wie sie ein paar Athemzüge lang mit gesenkten Wimpern verharrte, trat ein weicher Zug in sein Antlitz; es war, als schwebe ein leises Wort auf seinen Lippen.

Aber im nächsten Augenblick schon durchbrach sie den Bann, hob das Köpfchen und sah ihn neckisch an.

„Den Cupido werden Eure Liebden ablehnen,“ sprach sie mit ihrer hellen Stimme; „denn er ist uns fremdländischer Gott.“

Er hielt ihren schillernden Blick mit den Augen fest. „Eure Gnaden haben das Rechte errathen. Das leichte Liebesgeplänkel, zu welchem der kleine griechische Gott verlockt, ist nicht nach meinem Geschmack. Ich halte es mit einer ernsten deutschen Liebe.“

Er sprach die letzten Worte, für sie allein hörbar, in einem innigen Ton. Ihr aber war zu Muthe, als solle sie mit Sanftmuth eingemauert werden. Fast ungestüm rief sie: „Das Deutsche und immer nur das Deutsche heischen Sie und können doch das Schöne nicht entbehren, das aus der Fremde kommt. Sie trinken den feurigen Malvasier, obwohl die Sonne Griechenlands ihn gezeitigt hat.“ Und indem sie die Steinrosen in ihren Locken nach dem Licht drehte, daß sie Strahlen sprühten, fuhr sie fort: „Fühlen sich Ihre Augen offendiret durch diese Diamanten, weil selbige nicht in deutschen Bergwerken gebrochen wurden? Erscheinen Ihnen die sanft leuchtenden Perlen dieses Halsbandes odios, weil nicht biedere Alemannen sie aus dem Schwäbischen Meer fischten? Die herrlichen Tulipanen, die Sie mir ohne Gewissenspein geschenkt haben, entstammen den Niederlanden. Und diese goldigen Orangen wurden aus Welschland eingeführt.“ Sie zog das Majolikakörbchen, das mit dem Nachtisch aufgesetzt worden war, heran. „Welch ein Sprüchlein ziert das Geräth? ‚Nicht mir und nicht Dir, sondern es sei zwischen uns getheilt.‘ Wie plaisant! Thun wir nach dem Wort.“ Sie entnahm dem Körbchen eine überzuckerte Pomeranze und theilte dieselbe. „Warum sollen wir auch nicht von einander annehmen? Sind wir nicht Kinder einer Erde?“

Und mit einem lieblichen Lächeln bot sie ihm die Hälfte der Frucht.

Er empfing sie auf seinem Silberteller mit tiefer Neigung.

Aber sein Blick war bei ihrem lieblichen Gaukelspiel immer ernster geworden. „Sie verwechseln äußere Dinge mit innersten Eigenschaften,“ sagte er, leise den Kopf schüttelnd.

„O, auch in Bezug auf unsere Sentiments können wir von den Fremden lernen,“ rief sie. „Wie verstehen es die Franzosen, jeder Regung der Seele nachzugehen, jede Empfindung des Herzens zu zerlegen! Hoch zu loben ist ihr Brauch, die Gefühle in zarten Diskursen zu ergründen, zu klären, zu veredeln, bis jeder Zwiespalt sich ausgeglichen hat.“

„Ein wahres Gefühl läßt sich so wenig zerlegen wie der Sonnenstrahl,“ entgegnete Herzog Albrecht. Jedoch in verändertem entschiedenen Tone, als schiebe er plötzlich alle Disputationen bei Seite, fuhr er fort: „Darin aber stimme ich Ihnen zu, daß eine wahrhaftige ehrliche Aussprache hoch vonnöthen ist zwischen Menschen, die ihre Herzen sich gegenseitig in Verwahrung geben wollen. Wenn Eure Gnaden derselben guten Meinung sind, so bitte ich Sie, huldvoll den Ort dazu küren zu wollen.“

Sie neigte das Haupt, daß der seidige Schleier von Locken einen Augenblick ihre Züge verhüllte. Dann sprach sie leise: „Wenn morgen die Sitzungen unserer Gesellschaften im welschen Garten zu Ende sind –“ sie breitete den Fächer vor ihr Gesicht, sah ihn mit muthwilligen Augen darüber hinweg an und flüsterte: „Wenn Luna lächelt und Philomele klagt, dann harrt Astrea ihres Celadon.“

Und sie lachte wie ein Silberglöckchen.

Er neigte sich tief; aber er lachte nicht mit. In Sinnen verloren blickte er vor sich hin.

Die Tafel neigte sich ihrem Ende zu. Immer lauteres Summen erfüllte den Bankettsaal, je öfter sich die Spitz-, Zucker- und Tellerbärtchen in Flügelgläser und Silberbecher versenkten.

Die jungen Schnarcher und Pocher, die im Vorgemach saßen, fluchten lästerlich, wie es ihnen im Kriegsdienst geläufig geworden war; wohlgenährte Landjunker thaten nach dem Wort: „Wer nicht vertrucknen will, muß sich feucht halten“, und liefen fürwitzig mit ihren Humpen zum Schenktisch; selbst ehrsame Räthe speisten „alla francese“, wobei jeglicher selbst sich zulangte. Und jetzt stieg gar der Hofzwerg des Herzogs von Koburg auf den Tisch des Frauenzimmers und machte Anstalt, in der Marmelade der rundlichen Hofmeisterin sich auf den Kopf zu stellen.

Da hob die große Uhr, auf deren Zifferblatt ein kleiner Sonnengott die Zeit wies, aus und schlug die achte Stunde. Und ein Flötenspiel reihte den majestätischen Choral daran: „Wachet auf, ruft uns die Stimme.“

Eine plötzliche Stille trat ein, als die ernsten Klänge verhallten. Die Tafel wurde aufgehoben. Die Fürstlichkeiten begaben sich nach ihrem Losament.

„Auf Wiedersehen im welschen Garten!“ sagte Herzog Albrecht leise, als er sich von Dorothea verabschiedete.

„Auf Wiedersehen im welschen Garten,“ flüsterte die rundliche Hofmeisterin, da sie, ihrer Herrschaft folgend, an Achatius vorüberstreifte.

Das rothe runde Gesicht des Schloßhauptmanns leuchtete gleich einem Vollmond seiner Herrschaft voraus nach den Rosenkammern. Beruhigt folgte ihm die Frau Witwe. Die Herzogin Christine hatte ihr mitgetheilt, daß sie ihrem Fräulein Dorothea das Horoskop gestellt und alle Zeichen günstig gefunden habe.

Dorothea ging wie auf Wolken. So würde sie es doch durchsetzen, daß ihr Verlöbniß nicht von einem alten Aktenwurm am grünen Tisch zusammengesponnen wurde, sondern im grünen Garten, beim säuselnden Zephyr, unter webendem Mondstrahl.

Das Köpfchen gesenkt, die letzte wie immer, seit sie in Weimar war, beschloß Käthchen den Zug.

„Auf Wiedersehen im welschen Garten!“ flüsterte es auf dem dämmerigen Korridor, allwo Achatius die Koburger und Eisenacher Herrschaften mit den letzten Reverenzen versorgte.

„Auf Wiedersehen im welschen Garten!“ wisperte es noch über das Treppengeländer, als die Hofjungfrauen der Herzogin Eleonore in ihre Wohnungen hinauf sich begaben, während Achatius in das Erdgeschoß hinab ging, wo er die Reste der Speisen an Arme zu vertheilen hatte.

Ruhig stieg Gertrud neben der zerstreut vor sich hinlächelnden Benigna die Treppe empor. Aber als sie die Thür ihres Stübchens hinter sich geschlossen hatte, da drückte sie einen Augenblick die zitternden Hände auf das beklommene Herz, und ein tiefer Seufzer kam über ihre Lippen. Dann begann sie die Hofkleider abzulegen.

Während sie ihre einzige Schmuckzierde, die Bernsteinkette, von ihrem zarten weißen Hals löste, glitt ihr Blick hinab auf den Schloßplatz. Er war taghell erleuchtet. An der Pforte loderten Pechpfannen, und der Mond stand über den spitzen Giebeln und steilen Dächern der Stadt.

Die Gäste strömten von dannen, mancher Würdenträger schwer auf seinen Knecht gestützt; in wunderlichem Zickzackgang andere. Diener mit Stablichtern leuchteten den nahe wohnenden Frauen voraus, die in zobelverbrämten Mänteln davontrippelten. Lange schwerfällige Kutschen fuhren vor und nahmen die auf, welche einen weiten Weg zu machen hatten.

Dort stand halb im Schatten zurück gedrängt eine krumme Gestalt im blau und weiß getheilten Mantel, mit einem kurzen Spieß. Das war der treue Michel, der ihre Mutter abholen wollte.

Also war sie noch nicht in ihr Heim zurückgekehrt. Gewiß wollte sie erst das Getümmel sich verlaufen lassen.

Das Herz des jungen Mädchens zog sich zusammen: wegen des Vorderstückes von Damast und der Rückseite von dünnem Zindel. Sie hatte ja auch nur eine kurze alte Schaube mit einem steifen Pelzkräglein, das wie ein Heiligenschein ihr Haupt umstarrte. Den Fischotter dazu hatte ihr Vater noch auf dem Gut erlegt in fernen schönen Zeiten. Wie war ihre Mutter damals stolz darauf gewesen! Jetzt traute sie sich nicht damit hervor unter die anderen fröhlichen geputzten Menschen, stand im zugigen Portal, wo der Hofmeister dem scheidenden Frauenzimmer Kußfinger nachwarf und die hübschesten Bettelmädchen mit guten Bissen bedachte. Die feinen Lippen zuckten unsäglich bitter.

Da war er ja. Er trat aus dem Portal heraus und winkte einem seiner Diener, die sie an den bunten Dienstkleidern erkannte.

Wie respektvoll flog der Gerufene herbei. Nun eilte er von dannen hinüber nach dem Haus des Hofmeisters. Was war wohl geschehen, daß Achatius so in Aufruhr sich befand? Er stand mit dem Hut in der Hand und redete zu einer von dem Thorpfeiler verborgenen Person.

[759] Sieh! Da kamen Leute mit einem Tragstuhl herbei. Der gehörte niemand als dem alamoden Hofherrn. Wer hätte sonst solche Federbüsche auf dem Stuhlhimmel angebracht?

Ah so! Er ließ galant eine Dame nach Hause tragen, während ihr Mütterlein geduldig warten und dann heimgehen mußte.

Da führte er das Frauenzimmer heran.

Ein halb erstickter Schrei drang über ihre Lippen.

Das war die Fischotterschaube. Er führte ihre Mutter an die Thür des Tragstuhles und half ihr sorgfältig hinein.

Dann trat er mit ehrerbietiger Reverenz zurück.

Voll wohlwollender Würde neigte sich die steife Haube, und mit vornehmer Anmuth winkte das kleine alte Fähnlein heraus.

Dann ging er zurück, und das Zöpflein an der Seite schwenkte sich lustig.

Aber Achatius behielt recht. Gertrud lachte nicht über ihn. Ein heiße Thräne fiel auf das Bernsteinhalsband und glitzerte in dem Mondlicht, daß es schien, als bewege das versteinerte Mücklein die Flügel.


Warm strahlte die Sonne am andern Tag auf den welschen Garten herab. Auch dieses Stückchen Erde beseelte der Lenz, obgleich es anzusehen war, als sei es von einem Baumeister mit Richtscheit und Winkelmaß geschaffen. Auf einem großen Beet am Eingang bildeten Melissen, Salbei und Rautenstauden das sächsische Wappen; ein würziger Duft stieg von den Pflänzlein auf. Die Fichtenpyramiden, deren verfilztes Gezweig dem stachligen Fell eines Igels glich, waren mit maigrünen Tüpflein gesprenkelt. Das aus einem Maßholder gezogene Einhorn hatte ein unziemlich langes, von zarten Fächerblättchen umkräuseltes Horn getrieben; auf seiner Spitze wiegte sich eine Nachtigall und flötete und flötete. Leises Plätschern und Murmeln begleitete den süßen Gesang; das Wasser des Bassins, in die vieleckige Steineinfassung gezwängt wie Spiegelglas in den Rahmen, hatte seine muntere natürliche Sprache nicht verlernt.

Das schmiedeeiserne Thor war weit aufgethan. Unaufhörlich strömten die Mitglieder der Fruchtbringenden Gesellschaft von allen Seiten herzu. Sie trugen um den Hals das Palmgeschmeide, eine am papageigrünen Band hängende, in Gold getriebene Medaille, die den Palmbaum zeigte mit der Inschrift: „Alles zum Nutzen.“

In dem Tempel der Flora, wie ein von glattgeschorenen Hainbuchenhecken umzirkelter Kiesplatz genannt wurde, fand sich ein Trupp junger Edelleute zusammen.

„Ob der Verspruch zwischen dem Unansehnlichen und der Freudigen wohl stattgefunden hat?“’ fragte der eine, aus dessen Wams die Ecke eines Papieres herausschaute.

„Habt Ihr Euch auch mit einem Gedicht zum Verlöbniß gequält?“ seufzte ein anderer, der den Fuß der steinernen Göttin als Schreibpult benutzte.

„Wenn nur der Name Albrecht sich gefügiger erweisen wollte in dem neuen heroischen Vers, den der Dichter Opitz den Franzosen abgelernt hat.“

„Ich finde auf Dorothee keinen andern Reim als, o weh!’“ klagte ein würdiger Rath, den Stift kummervoll hinter das Ohr steckend.

Der Herzog von Eisenach, der mit seinem Bruder, dem Koburger Herrn, vorüberging, schüttelte den Kopf, „Sie werden dem jungen Paar noch einen Weidmann setzen. Wahrlich, es ist gerathen, jegliches bevorstehende Ereigniß vor den Palmgenossen geheim zu halten, damit sie nicht einen Ueberfall machen mit einem Lobgedicht oder einer Denksäule.“

Der Koburger nickte. „Jetzt schreibt jeder, der Hände hat, und wer lügen kann, hält sich für einen Dichter. Von rechtswegen sollten sie alle eingesperrt werden.“

Der Eisenacher Herzog lachte. Das war seines Bruders Allheilmittel.

Auf dem breiten, von Schwibbogen überwölbten Hauptweg wandelte eine Schar Herren heran, in echter Thüringer Art nach je drei Schritten stehen bleibend. Sie hatten den Hofmeister von Krombsdorff in ihre Mitte genommen.

„Was meint der hochwertheste Wohlriechende?“ fragte ihn ein wohlbeleibter Herr, behäbig lachend. „Wird wirklich das Buchstäblein ‚e‘ so viel als thunlich eingeschluckt werden?“

„Wollt Ihr noch mehr einschlucken?“ erwiderte Achatius. „Heißt Ihr doch schon ,der Dicke’ und führt einen Kürbis als Bild.“

Aber der Dicke ließ sich nicht beirren. „Ich habe vernommen,“ sprach er und machte abermals Halt, „hinfüro dürft Ihr nicht mehr langgezogen, gleich einem Sprosser, flehen: ‚Liebet mich, holde Herzenskönigin!‘ sondern müßt befehlen wie ein Rottenmeister: ,Liebt mich!“

Morbleu!“ schrie Achatius mit wildem Blick. „Laßt mich in Ruhe! Das Getändel ist mir odios.“ “

Allgemeiner Jubel erhob sich. „Er hat zwei fremde Worte gebraucht. Auf den Drehstuhl! Zur Hänselung mit ihm!“

Der Mehlreiche, wie der Hofmarschall von Teutleben hieß, glitt heran. „Hier darf kein Umstand gebildet werden,“ flüsterte er. „Die Herrschaften kommen.“

Im eifrigen Gespräch nahten die fürstlichen Herren, die heute nur mit ihren Ordensnamen genannt wurden.

„Giebt es denn kein Mittel,“ ließ sich sichtlich erregt der Unansehnliche vernehmen, „unsrer alten Heldensprache solchen Aufschwung zu verleihen, daß sie die glatten schmeichlerischen Worte der Franzosen in den Staub tritt? Vermögen wir nicht, Männer unter uns zu erziehen, die durch echte Dichtungen die gleißenden Poesien des fremden Volks überstrahlen wie Sterne die Irrlichter? Weiß unser Einrichtender keinen Rath?“ wendete er sich an den Geheimerath Hortleder.

Der ehemalige Präceptor der jungen Herzöge, welcher jetzt auf dem ersten Platz des Landes stand, schüttelte die grauen Locken. „Die Sprache wächst mit der Seele des Volkes. Wie diese sich entwickelt, so spiegelt jene es wieder. Da hilft das Schneiteln und Drechseln nicht viel. Einst hat die deutsche Sprache Kraft und Wohllaut besessen. In Jahrhunderten, in denen unser Volk daniederlag, hat sie beide verloren. Doktor Luther gab ihr die Kraft zurück, wie die streitende Zeit sie bedurfte. Ich getröste mich: einst, wenn in unsrem Vaterland Frieden geworden ist, wird auch der Wohllaut sich wieder einfinden. Und die Dichter können wir nicht erziehen, die ernennt allein Gott der Herr.“

„Aber,“ fügte der Schmackhafte, wie Herzog Wilhelm hieß, zuversichtlich hinzu, „das soll uns nicht irremachen, an unserer Stelle nach Kräften zu wirken. Der eine pflügt und säet, der andere erntet. So kann der Boden, den wir itzo bestellen, in kommenden Zeiten die Dichter tragen, die das Werk vollbringen, von dessen Herrlichkeit wir nur eine Ahnung haben.“

„Amen,“ sprach feierlich Teutleben.

„Amen,“ hallte ein Echo mit leisem Klang von der Hihe drüben zurück.

Sie waren am Ende des Bogenganges bei dem blühenden Birnbaum angelangt, unter welchem die Tafel für die Palmgenossen errichtet war; denn die von einer Wespe benagte Birne war das Sinnbild des Schmackhaften, welcher den Vorsitz führte.

Die Herren nahmen ihre Plätze ein. Trabanten und Lakaien besetzten die Zugänge, daß niemand die Sitzung störe.

Die Berathungen begannen. –

Auf dem Lusthäuschen, das in hohe Lindenbäume hineingebaut war, versammelten sich die Tugendlichen, geschmückt mit den safranfarbigen Ordensbändern. Die erhöhten Plätze nahmen die Fürstinnen ein, eine Stufe tiefer saß das adlige Frauenzimmer.

Ueber die sammetnen und brokatnen Röcke huschten die Schatten der jungen Lindenblätter, als würden sie mit Herzen bestreut.

Andern Antheil nahm das Herz nicht an ihren Berathungen. „Ich lege den Tugendlichen ein Rezept vor,“ sprach die alte Gräfin von Gleichen mit ihrer zitternden Stimme zu den Fürstinnen, „wie Löffelgänse am feinsten zu bereiten sind. Und rathe ich jeglicher Hausfrau, den leckern Braten ihrem Gemahl aufzutischen. Es ist eine alte Erfahrung, daß diejenige Frau am treusten geliebt wird, welche den Magen ihres Herrn wacker versorgt.“

„Und ich,“ sagte am Tisch des adligen Frauenzimmers die Braut des jüngsten Palmgenossen, „habe das Sinnbild gestickt, so mein Bräutigam im Orden führt. Es sind Rapunzeln,“ setzte sie kleinlaut hinzu, „und der Name lautet: ,der Faselnde am Berge’.“

Die Tugendlichen ließen die feine Arbeit stumm von Hand zu Hand gehen und verbargen hinter Windfähnlein und Faltfächern eine Anwandlung zum Gähnen.

Da wurde ein leichter schwebender Schritt auf der schraubenförmigen Treppe vernehmbar, und im nächsten Augenblick trat Dorothea in den Kreis. Sie trug den Schäferstab in der Hand, über der Schulter hing ihr das Hirtentäschlein mit dem brennenden [762] Herzen. Der aurorafarbige Rock war kurz geschürzt, wie bei einem Landmädchen, das Leibchen mit Perlen verschnürt gleich einem Mieder; aus den langen Locken skalierte ein Rosenband.

Die Fächer sanken nieder. Aller Blicke richteten sich auf sie. Dann tönte es laut von allen Lippen: „Astrea!“

„Ja, Astrea,“ sagte Dorothea und pflanzte ihren Schäferstab auf wie ein Krieger seinen Speer. „Astrea, die kommt, um den Bund der Tugendlichen zu fragen, warum sie sich zu einem solchen vertrockneten Leben kondemniret haben. Sind wir nicht zusammengekommen, um uns ein Plaisir zu machen? Und ist es ein solches, die geknüpften Borten zu beschauen, daran sich die Damen die Augen ruiniret haben? Rezepte aufzuzeichnen, nach denen alles, was kreucht und fleugt, am Spieße gebraten wird? Gestehen Sie es frei! Nicht Kurzweil finden wir dabei, sondern Langeweile.“

Beistimmendes Gemurmel ging durch die Reihen der Damen.

„Längst haben die Fürstinnen anderer Höfe erkannt,“ fuhr Dorothea fort, „daß unsre Ergötzlichkeiten einer Umwandlung hoch bedürftig sind. Und sie haben ein anmuthiges Spiel erfunden, um dem abzuhelfen. Aus dem Roman ‚Astrea‘ entlehnen Herren und Damen die Namen der Schäfer und Schäferinnen, die sie in Affektion genommen hohen. Das Frauenzimmer geht einher, begleit von Lämmern, die seidene Schleifen um den Hals tragen. Die Kavaliere folgen demüthig ihren Spuren, den Schäferstab in der Hand, an welchen die Kürbisflasche gebunden ist. Jede Schäferin kürt ihren Schäfer, und dieser ist verobligiret, sie zu adoriren. Er klagt in den Grotten den Najaden sein Liebesleid oder ruft im schön gepflegten Buschwerk mit sehnlichem Verlangen nach seiner Schäferin.“

Wie ein Sturm brach die Begeisterung los. „Das ist ein herrliches Spiel, wohl geschickt, die Langeweile aus der Welt zu schaffen.“

„Wohlan,“ rief Dorothea, „wir wollen dieser Landplage von hinnen helfen! Meine Hirtentasche setze ich gegen die gestickten Rapunzeln und die gebratene Löffelgans ein. Stellen Sie Nadel und Kochbuch zur Ruhe und armiren Sie sich mit diesem Stab. Einen Hirtenverein wollen wir gründen, an Diskursen über unsre zartesten Empfindungen uns erlaben. Denn wichtiger als die Verfeinerung unserer Küche und Handarbeit ist die Verfeinerung unserer Sentiments.“

Eine allgemeine Erhebung folgte.

Nur die Frau Witwe warnte: „Mich dünkt das ein gefährliches Fürhaben. Denkt an unsre drei Gelübde. Zum ersten: Tugendliches Leben; zum zweiten: Gegenseitige Freundschaft; zum dritten: Weibliche Arbeiten. Wer weiß, wie die Palmgenossen über Schäferspiele denken?“

Aber die gelehrte Herzogin Christine antwortete: „Es liegt in jeder Frauenseele, selbst in der schlichtesten, ein Zug, der über die Alläglichkeit hinausstrebt. Vielleicht kann ein Hirtenverein eine unschuldige Zuflucht sein für manche Frau, deren Sehnsucht nach einem edleren, höheren Dasein nicht verstanden wird. Und wenn wirklich hier und da die allzu holde Auffassung dieser Welt eine kleine Verwirrung, in den Frauenköpfen stiftet, so wird dieses reichlich dadurch ausgewogen, daß auch in manch armes Leben ein Sonnenstrahl der Poesie fällt und die Phantasei wenigstens mit schönen Bildern füllt.“

„Ja, wir wollen einen Schäferorden gründen, vieltheuere Schwägerin, und ich werde eine liebevolle Mutter fürstellen,“ rief triumphirend die kinderlose Herzogin von Koburg.

„Und ich die Nymphe Silvia mit den vergüldeten Stiefelein,“ trumpfte die Gräfin von Mansfeld, eine sehr unternehmende Dame, auf.

Das jüngste fürstliche Fräulein, welches während der Berathung heimlich Puppenhüte aus Lindenblättern gemacht hatte, zwitscherte dazwischen: „Daß mir nur niemand die hochverständige Schäferin Diana wegschnappt, die Augen wie Feuer und ein Herz wie Eis hat.“

„Ich befehle mir den Herzog Bernhard,“ jubelte ein anderes fürstliches Fräulein auf, das noch bis an die Ohren in einem steifen Halskräglein steckte.

Und das dritte hob drohend ein Fäustchen. „O, wie wollen wir den frommen Herzog Ernst nach uns schmachten lassen. Warum hat er mit uns gesprochen, als sei er ein Präceptor und wir kleine Schützen!“

Ein Raunen und Flüstern unter dem jüngeren Frauenzimmer wurde endlich in den Worten laut: „Und Ihre fürstliche Gnaden, die Herzogin Dorothea, soll die Astrea sein in unsrem Hirtenverein.“

Einige der Damen begannen bereits in den Lindenästen zu knacken, um sich Hirtenstäbe herauszubrechen.

Die Pagen wurden gerufen, und bald schnitzelten auch sie in den Buchengängen. Die bunten Seiden- und Wollenfäden, welche zu den Stickereien mitgebracht waren, dienten dazu, Zweige und Blumen um die Stäbe zu winden.

„Ich werde meinen Schäferstab mit Rauke schmücken,“ sagte die Herzogin Eleonore lächelnd. „Pflückt mir einen Strauß von dem balsamischen Kräutlein, liebe Hellingen.“

„Wollet mir den Purpurfaden anknüpfen, Jungfrau Gertrud; ich verstehe keinen Kreuzknoten zu machen,“ bat die eine Eisenacher Hoffjungfrau.

„Wenn Ihr mir doch die Maiglöckchen schenktet, die Ihr vorgesteckt habt; ich möchte meinen Stab damit krönen,“ wünschte der Cherub.

„Trude, borg’ mir Deine Florschleife,“ heischte Benigna.

Gertrud half, wo es verlangt wurde. Sie selbst trug kein Begehren nach einem Schäferstab. Im Ernst bewarb sich niemand um die Liebe des blutarmen, unscheinbaren Mädchens, und zum leichtfertigen Liebesspiel war sie zu stolz.

Käthchen saß stumm und wand alle von den andern verschmähten Maßliebchen, und Butterblümchen zusammen. Es wurde ihr ordentlich wohl dabei. Die kleinen Blumengesichter sahen sie hier in Weimar so vertraut an wie daheim. So gelb, so weiß mit rothen Blattspitzchen schauten sie aus dem Rasen, der die Domburg umgab, und so saß sie gar oft im Hain, band sich einen Kranz, setzte ihn auf und kam damit auf den Hof. Da stand dann das ganze Ingesinde und schlug die Hände zusammen über die Schönheit.

Ach! Wer doch in dem lieben friedlichen Nestchen wäre, wo es keine Falschheit gab, wo die Leute wußten, welch eine wichtige Person die Käthe war! Ob wohl die Zeit nur endlich wieder kommen würde, da sie zurückkehrte?

„Die Sitzung der Palmgenossen ist zu Ende,“ verkündigte die Gräfin von Rudolstadt, durch die Zweige lugend. Dort kommen die Herren.“

„So wollen wir ihnen unsren Beschluß zu wissen thun,“ sagte Christine, einen Diamantstern auf ihrem Stab befestigend.

„Und die Schäfer küren!“

„Und die lieblichen Diskurse anheben!“ riefen die Damen durch einander und eilten dem Ausgange zu.

„Wer der Celadon sein wird, darüber brauchen wir uns nicht den Kopf zu zerbrechen,“ sprach lächelnd die kinderlose Mutter und folgte den andern.

Die Schäferinnen stürmten die Wendelstiege hinab. Mit hocherhobenen Köpfen nahten die Palmgenossen vom Birnbaum her, der leise über ihnen seinen blühenden Wipfel schüttelte.

„Ich wähle den stattlichen Grafen von Mansfeld, “ entschied sich die hochverständige Diana, fürbaß eilend wie beim Haschenspiel.

Aber seine Gemahlin mit den güldenen Stiefelein zürnte, sie an: „Jede Frau behält ihren Mann! So ist’s Brauch hier zu Lande.“

Das andere Fräulein marschirte auf den Herzog Ernst los. Dieser sah verwundert auf die kleine Prinzessin und befahl einem Hofjunker: „Ruft die Gubernantin dieses Fräuleins!“

Bernhard wehrte das Dämchen mit dem hohen Halskräglein lachend ab. „Ich bin Aristander, der schon im Anfang des Romans gestorben ist.“

Klagend lief das junge alamode Gesindlein zu seinen Müttern.

Aber auch den älteren Damen ging es nicht besser. Hinter einem kugelrund gezogenen Maßholder zankte sich ein Ehepaar.

„Nur nicht in der Luft herum gegangen! Immer mit den Füßen auf der Erde geblieben!“ griesgramte der Herr.

„Das besorgt Ihr weidlich! Heißt Ihr doch der Gemästete und führt einen Scheffel fetter Bohnen als Bild,“ barmte die Frau.

„Mein wertster Bräutigam heißt fortan Dämon,“ flüsterte die kunstfertige Stickerin dem jungen Faselnden zu, der am Bassin die heiße Stirn kühlte.

Dieser aber hob das Haupt. „Der Mann verleiht dem Weibe den Namen, nicht umgekehrt.“

Aus einer Grotte säuselte es: „Ich ernenne Euch gnädigst zu meinem Schäfer.“

„Das wollet gnädigst abwarten,“ brummte es dagegen. „Der Mann kürt, nicht die Frau.“

„Redet doch nicht so grobianisch.“

„Ich rede deutsch.“

[763] Nur Frau von Tautenburg war auf Seiten der Palmgenossen. „Ist das ein verrückter Anschlag unseres fürstlichen Fräuleins!“ murmelte sie ihrem Ehegesponsen ins Ohr. „Wenn ich die Frau Herzogin wäre!“

Aber der Schloßhauptmann schlug sich auf die Seite der Schäferinnen. „Ich finde nichts Schlimmes dabei,“ entgegnete er. „In den Spinnstuben der Bauern wird ein Schmätzlein geraubt, bei Hofe werden den Schäfern kleine Freiheiten erlaubt. Ich bin gesonnen, einen galanten Schäfer zu spielen.“

Sie rückte ihre Perlenhaube auf Sturm. „Ich verhoffe,“ sagte sie nachdrücklich, „mein vielwerther Eheherr wird mit mir vereint ein besorgtes Ehepaar in dieser Komödie fürstellen.“ –

Aengstlich lugte Achatius in jeden Gang, ehe er seinen Fuß hinein setzte. Wie hatte nur sein Sinn sich so gänzlich gewandelt seit dem Augenblick, da die Gertrud Heilingen ihrer Mutter zärtlich zuwinkte! Als er am Abend die alte fürnehme Frau in ihrer ärmlichen Kleidung so geduldig ohne daß sie einen Augenblick die ruhige Würde verlor, in der zugigen Schloßpforte harren sah, bis die prutzigen Herren und Frauen den Weg räumten, da wurde es ihm heiß im Herzen; er vergaß seinen gerechten Zorn gegen die Sippe Heilingen und brachte sie zu Ehren. Und als sie ihm dann vertrauensvoll gedankt hatte, wie eine alte hilfsbedürftige Mutter ihrem braven jungen Sohn, da geschah es ihm, daß er auf einmal die jungen Bettelmädchen auszankte und den alten Werbern die Henkeltöpfe füllen ließ.

Gleich einem Alb drückte ihn in der Nacht die Erinnerung an die Stelldichein, die er sich über den Hals gerissen hatte. Wie konnte er ihrer nur wieder ledig werden? Wie kam er an all den Stauden und Grotten vorüber, die er zu zärtlichen Zusammenkünften bestimmt hatte, ohne von den verliebten Nymphen erwischt zu werden?

Ueberall schimmerten die bunten Bänder der Schäferstäbe, überall suchten die Damen ihre Amants zu küren.

Seine Gedanken hielten an. Würde Sie sich auch einen solchen wählen? Gewißlich! Aber wen? Etwa den Sauerhaften, den fürstlichen Rath, dem allezeit ein Aktenstück aus der Brusttasche ragte? Er wollte doch gleich einmal sehen.

Achatius vergaß die Vorsicht und rannte fürbaß.

[773] Während Achatius längs einer dichten Hecke dahineilte, schwebte Benigna hinter der Buchsbaumgans hervor und sperrte ihm den Weg. „Nun, was habt Ihr mir zu vertrauen?“ flüsterte sie und stach, schelmisch drohend, mit ihrem Fingerlein unter seinen Augen herum.

Er zog es an seine Lippen. „Holde Schäferin, ich fürchte, Lauscher sind auf unserer Spur,“ erwiderte er, ohne den Schritt anzuhalten.

„Wo denn? Wartet doch!“ rief sie und folgte ihm mit ausgestreckten Händen nach.

Aber nicht er wartete auf sie, sondern auf ihn wartete im nächsten Hagedorngang die Sternguckerin aus Eisenach. „Wie steht es mit der Zusammenkunft von Mars und Venus?“ wisperte sie, neben ihm hertrippelnd.

„Sie kann leider nicht stattfinden,“ schwadronirte Achatius, weiter eilend; „die holde Venus wird allein am Himmel stehen, was das Sicherste ist für eine einzelne Dame, wenn sie nicht dem himmlischen Klatsch verfallen will. Deshalb geziemt dem feurigen Mars, so schnell als möglich am Horizonte zu verschwinden.“

Er spendete einen Kniefall, drückte seine schlanke Gestalt mit Todesverachtung durch die dornige Hecke, schlug die Zweige hinter sich zu und – stand vor der zweiten Eisenacherin.

Sie sah ihn so barmherzig an wie die heilige Elisabeth selbst. „Rautenblätter in Wein gesotten sind das Mittel gegen ein preßhaftes Herz,“ flüsterte sie. „Aber erst muß ich prüfen, ob Euer Herzschlag nicht zu unruhig ist für die starke Medizin.“

Mit fliegender Eile drückte er ihre Hand an sein Herz, versprach, das Tränklein in Eisenach abzuholen, wenn sein Leiden sich nicht bessere, und setzte über das Muschelbassin des Neptun. Da fielen wie zwei Wegelagerer hinter dem aus Stein gehauenen Meergott hervor die beiden Koburgerinnen ihm in die Seite.

„Vor wem spielt Ihr Reißaus?“ fragte die Eva sich ihm zugesellend.

„Vor der Holdseligkeit des Frauenzimmers,“ rief er verzweifelt.

„Fürchtet Euch nicht; ich führe Euch auf den rechten Pfad,“ lispelte der Cherub und flog hinter ihm her.

„Schöne weiße Hände haben mich allezeit von solchem abgelenkt,“ stöhnte er, schlug sich mit der Faust vor die Stirn und flüchtete in eine Grotte, die ihr Tuffsteinthor vor ihm aufthat.

Himmelkreuzdonnerwetter! Da rannte er mit der rundlichen Hofmeisterin zusammen. Er hatte sich zu dem Standbild des Hymen verirrt.

„Hochehrwürdige Frau!“ flehte er.

„Was fällt Euch ein,“ schalt sie empfindlich, „daß Ihr so ehrerbietig thut, als sei ich neunzig Jahre alt?“

Was half’s? Er mußte einen Kuß auf ihre Lippen drücken, um zu beweisen, daß es mit seiner Hochachtung nicht allzu weit her war.

„Mein herzallerliebster Bräutigam!“ jubelte auf.

Er taumelte entsetzt rückwärts zum Tempel hinaus.

Da sah er sich von der ganzen Schar der holden Schäferinnen umringt.

[774] „Ich ernenne Euch zu meinem Schäfer Amindor!“

„Wollt Ihr nicht mein Thyrcis sein?“ „Nein, mein Lycidas!“ riefen sie durcheinander.

Auch Käthchen hatte sich dazu gesellt. Den Maßliebchenstab in der kleinen festen Hand, sah sie ihn finster an: „Gebt mein Favor wieder her! Es war eine ganz neue Schleife.“

Achatius schaute sich vergeblich nach einem Ausweg um.

Sie standen wie Wachtposten mit ihren Schäferstäben um ihn im Kreise.

Da seufzte er tief auf und sprach: „Der braune Abend ist herabgesunken und Frieden waltet auf der stillen Flur. Tugendseligste Nymphen! Hochedelgeborene Schäferinnen! Gebet auch Ihr für itzo Frieden. Und gestattet, daß ich, um Euch allen zu dienen, den Tanz aufführe, der aus Frankreich kommt und Galliarde benamset wird.“

Und er schob sie eigenhändig ein wenig zurück, indem er ihnen die zarten Finger bittend drückte.

Dann warf er sein leichtes Mäntelchen aus rother Seide von der Schulter und stand nun in ihrem Kreis, hoch, schlank und im weißen Atlas seiner Kleidung schillernd gleich der Silberpappel drüben an der murmelnden Ilm.

Mit süßem Ton sang er in das Wellenrauschen, das Flüstern der Blätter die Tanzweise und hob die künstliche Galliarde an.

„Eine Stunde lieben ist lange Frist,
Ein Augenblick genugsamb ist,“

klang es in die Ohren der Frauen. Aber sie ließen sich nicht bange machen. Es bebte etwas in der Stimme, was den leichtfertigen Worten widersprach und was jede auf sich bezog.

Wie zierlich waren die Pas, welche die feinen Füße des Tänzers auf dem Rasen ausführten!

Triumphirend lächelte Benigna, als er ihr voll Zierd und Wohlanständigkeit eine Capriola darbrachte. Aber da war er schon wieder vor der rundlichen Hofmeisterin, warf ihr einen kecken Kußfinger zu, und nun sang er aufmunternd vor dem verdrießlichen Käthchen: „Sa! sa!“

Wem galt der Blick, der so sehnsüchtig hinüberflog in den dämmerigen Buchengang? Keine dachte mehr daran, ihn mit ihrem Stab einzuhegen.

Da hob er sich plötzlich mit einem leichten Satz, flog wie eine Feder aus dem Kreis hinaus und war im nächsten Augenblick hinter der Buchenwand verschwunden.

Dort wandelte Gertrud von Hellingen dem Schloß langsam zu. Er eilte ihr nach.

Diantre! Er hatte sich also abgehetzt, daß ihm das Herz bis in den Hals schlug. Er mußte erst Athem schöpfen; sonst versagte ihm die Stimme. Aber wie die stille Gestalt näher und näher kam, wurde es immer toller mit dem Herzschlag. Es blieb ihm nichts übrig, als fast athemlos sie zu begrüßen.

„Wer ist würdig genug von Euch befunden worden, um Euer Schäfer zu sein?“ fragte er mit stockender Stimme, und seine Augen suchten unruhig hinter allen Büschen.

Sie erwiderte leise: „Ihr seht, daß ich keinen Schäferstab trage; ich gehöre nicht zu den Hirtinnen und habe derohalb den Dienst meiner Gefährtin Benigna übernommen, in der Apotheke das Magenwasser für die morgen wieder Abreisenden bereit zu stellen.“

Sie ging dabei ruhig weiter; sie war blaß wie immer, nur die sinkende Sonne hauchte eine zarte Röthe über ihr stilles Gesichtchen. Sie war also noch frei, und sie sprach auch milder zu ihm denn sonst. Er hätte sich ihr so gern als Schäfer angetragen; aber sie wollte keine Hirtin sein.

„Ach!“ rief er schmerzlich, „Ihr verschmäht auch diesen anmuthigen Zeitvertreib! Ihr seid so kalt wie die steinernen Würmlein in Eurem Halsband.“

Da sah sie zu ihm auf mit ihren großen dunklen Augen. „Scheltet die steinernen Würmlein nicht,“ sagte sie mit trauriger Stimme. „Sie hatten auch ein Recht, sich im Sonnenschein ihres Lebens zu freuen wie Ihr. Aber ihr Schicksal war, abgeschlossen zu werden im durchsichtigen Kerker von allem, was Lust und Freude heißt. Da sind sie starr und kalt geworden.“

Sie neigte das Haupt gegen ihn, und er schmiegte sich in die grüne Wand, daß sie ungehindert vorüber gehen konnte.

Er folgte ihr nur mit dem Blick, wie sie still dahin schritt.

Wie klagend war der Ton ihrer Stimme gewesen! Noch nie hatte sie ihn einer so sanften Rede gewürdigt. Es dünkte ihm, als sei er ihr plötzlich nahe gekommen.

Ein leiser Wind flüsterte durch die Gänge. Den rosigen Abendhimmel, der sich darüber spannte, überwallten lichte Wölkchen wie Engelsflüglein.

Ihm war so weich, so schmerzlich selig zu Muthe. Einst, da er als Jüngling durch diese Gänge wandelte, hatte er so gefühlt. Wie lange Zeit war seitdem vergangen, wie bunt waren die Erlebnisse, die sie ihm ausgefüllt hatten!

Und nun kamen ihm, dem Vielerfahrenenn diese längst vergessenen Empfindungen des jungen Pagen wieder.

Der kühle Kopf versank in Träumerei und vergaß, das junge warme Herz im Zügel zu halten. –

Auch um die schöne Schäferin Astrea spann der Maiabend seinen Zauber, während sie die einsamen Wege an der Ilm suchte.

Die Sonne ging zu Gnaden. Noch im Scheiden breitete sie ihren lichten Mantel über den Himmelsbogen aus und streute goldige Flocken durch das mattgrüne Laub der Weidenbäume, auf die leise dahin treibenden Wellen des Thüringer Flüßchens.

So ringelten sich die Bäche durch die französische Landschaft, in welcher Celadon und seine Astrea daheim waren. In solchen still hingleitenden Wellen beschaute sich der treue Schäfer und sang dazu auf seiner Pfeife:

„Hört auf einmal, mir zuwider zu sein,
Eh daß ich sterb’, zartes Jungfräulein.“

Aber nicht sehnsuchtsvolles Flötenspiel ließ sich vernehmen. Majestätische Klänge verhallten in ernstem Summen über ihrem Haupte; die Glocken der Kirche zu St. Peter und Paul, darin die jungen für den evangelischen Glauben und das Vaterland deutscher Nation gefallenen Herzöge schliefen, riefen zu einer Beichtkirche.

Nicht weiche Liebesklagen drangen an ihr Ohr. Vom steinernen Wachthäuschen herüber schallte das Kriegslied:

„Nun seid getrost, Ihr frommen Knecht,
Fürs Vaterland nur männlich fecht!“

Gestört in ihrem süßen Sinnen wandte Dorothea sich ab und den schweigenden Taxusgängen zu, die vor ihr die dunklen Pforten öffneten. Der Zephyr strich lautlos an den hohen glatt geschorenen Nadelwänden hin. Tiefe Stille umfing sie. Aber da, wo ein anderer Pfad, lauschiger noch als der, welchen sie ging, sich abzweigte, kam es her wie ein sanft ersterbender Seufzer. Ihr Herz schlug hochauf. Sie folgte dem leisen Ton. Aber sie hatte sich getäuscht. Auch dieser Weg lag wie ausgestorben vor ihr. Nirgends war Der zu erblicken, den sie im welschen Garten erwarten wollte. Sie ging immer rascher; aber sie fand kein Ende. Neue Wege durchkreuzten den ihrigen.

Wo war sie? Ueberall schlängelten sich dunkle Gänge in dämmerige Tiefen hinein. Aufs Gerathewohl eilte sie weiter, Eine unerklärliche Angst überfiel sie.

Jetzt – endlich trat sie auf einen freien Platz heraus. In der Mitte desselben erhob sich ein Obelisk aus Thüringer Schriftgranit. Seine Spitze war von der untergehenden Sonne roth angestrahlt, während die Taxuswände bereits im Schatten lagen und gleich einem schwarzen Kranz ihn umgaben. Sie war in den Irrgarten gerathen.

Wohin sollte sie sich wenden? Rathlos blieb sie stehen.

Ging da nicht jemand? Ja, es war keine Täuschung. Und sie kannte diesen festen raschen Schritt. Ihr Herz klopfte, daß sie meinte, die Schläge bis in die Spitzen ihrer Locken zu fühlen.

Um die dunkle starre Wand bog im nächsten Augenblick Herzog Albrecht.

Sie sah ihm gespannt entgegen. Wie anders erschien er ihr heute als am Tage ihrer Ankunft! Das gut gelaunte Lächeln war verschwunden; ein Zug unbeugsamer Festigkeit lag um seine Lippen. Die klaren braunen Augen glitten mit unwilligem Blick an ihrer phantastisch geschmückten Gestalt herab. Mit kurzer, förmlicher Reverenz begrüßte er sie.

„Also es ist wahr,“ sprach er, und seine Stimme bebte wie von unterdrücktem Zorn, „die deutschen Tugendlichen haben sich in französische Schäferinnen verwandelt?“

Es war, als schnüre ihr eine plötzliche Furcht das Herz zusammen. Aber sie überwand die Schwäche, lehnte ihr Köpfchen [775] anmuthig an den Schäferstab und sagte mit holdseligem Lächeln: „Und wir sind der Dienste unserer getreuen Schäfer gewärtig.“

Sein Blick zuckte verächtlich auf den bebänderten Schäferstab herab. „Ich führe eine Stütze, die zuverlässiger ist als dieses Spielzeug,“ entgegnete er, auf das goldene Rappier an seiner Seite deutend.

Sie zwang sich zu einem scherzhaften Ton. „Eine Waffe wäre ein wunderliches Attribut für einen Celadon.“

„Für den Schwächling allerdings,“ entgegnete Herzog Albrecht wegwerfend.

Das Lächeln erstarrte auf ihren Lippen.

„Einen Schwächling,“ rief sie vorwurfsvoll, „nennen Sie den Schäfer, der lieber stirbt als verschmäht lebt?“

„Ein Mann, der sich wegen der Launen seiner Geliebten ertränkt, statt ihr dieselben abzugewöhnen, verdient keinen andern Namen,“ sprach er schroff. „Ein rechter Mann stirbt für seinen Glauben, sein Vaterland, seine Ehre, in der Erfüllung seiner Pflicht.“

„Pflicht,“ wiederholte sie und zog unmuthig die Brauen zusammen, „das ist ein hartes, ungalantes Wort.“

„Ja, hart ist die Pflicht, hart wie unsere Zeit,“ entgegnete er fest. „Aber wir haben uns dem Gesetz das sie vorschreibt, zu beugen.“ Und er setzte die Spitze seines Rappieres so fest auf, als drücke er sein fürstliches Siegel unter seinen Ausspruch.

„Eure Liebden geben dem Gespräch eine Wendung,“ sagte sie mit bebenden Lippen, „welche ihresgleichen nicht hat in den Diskursen alamoder Kavaliere.“

„Ich stehe nicht hier als alamoder Kavalier und französischer Schäfer, der süßliche Diskurse führt,“ entgegnete er rasch, und seine hohe Gestalt schien noch zu wachsen, „sondern als deutscher Fürst, als Herzog von Sachsen, der eine Fürstin gleichen Stammes um eine ernste Aussprache gebeten hat.“

„Und warum darf nicht auch das Ernste in schöne schmeichelnde Form sich kleiden?“ fragte sie, und ihre Augen begannen zu flammen.

„Weil ein sächsischer Herzog itzunder zu solchen Tändeleien keine Zeit hat,“ antwortete er mit unerschütterlicher Festigkeit. „Er muß auf der Wacht stehen, um die Unabhängigkeit deutscher Fürsten zu behaupten gegen den hispanisch gesinnten Kaiser, ererbte heilige Sitte, sinnvollen alten Brauch und die Muttersprache rein zu bewahren, auf daß diese werthvollsten Schätze einst ungeschädigt den Glücklicheren überliefert werden, die nach uns kommen. Und dasselbe Streben muß er fordern von der Gemahlin, die er seinen Erblanden als Fürstin giebt.“ Er hielt einen Augenblick inne. Dann fuhr er langsam, als wäge er jedes Wort, mit tiefem Ernste fort: „Das alles heischt die Pflicht von ihm, und er kann keinen Buchstaben davon ablassen, wenn er auch darob das Glück, das er heiß ersehnt, verloren geben müßte.“

Dorothea richtete sich hoch auf. Sie fühlte das Diadem auf ihrer Stirn.

„Auch Wir haben eine hohe Meinung von Unserem fürstlichen Beruf,“ entgegnete sie, den flammenden Blick zu seinen streng auf sie niederschauenden Augen erhebend, „wenn auch eine andere als Eure Liebden. Sie richten ein steiles Gerüst von Pflichten auf, an welchem alles verkümmert, was flüchtig ist wie der Duft, fein wie der Aether, zart wie der Schmelz. Wir aber gedenken, die Anmuth und die Schönheit zu pflegen. Wir haben Uns gerettet in das Land der Poesie und nicht danach gefragt, ob ein Deutscher oder ein Franzose den Weg dahin gewiesen hat.“

Der Herzog war unter ihren Worten erbleicht. Aber er schwieg.

Es war todtenstill.

Dorotheas Augen irrten unsicher umher. Die Schriftzeichen des Obelisken starrten sie an, als habe eine Hand hier Worte eingegraben, die unentzifferbar für sie waren. Auf der Spitze erlosch das letzte Roth. Mit fast erstickter Stimme sprach sie: „Es wird Zeit zur Heimkehr. Die Sonne neigt sich.“

„Sie ist untergegangen,“ erwiderte er leise. Und mit schwerer Betonung setzte er hinzu: „Aus diesen Irrgängen vermag ich Sie zurückzuführen.“ Mit dem abgezogenen Federhut deutete er ihr den Weg an, der aus dem Labyrinth führte.

Zwischen den schwarzen Wänden eilte das junge Paar in heiterer Festtracht mit todternsten Mienen dahin. Nur das Knirschen des Kieses unter den hastigen Schritten ließ sich vernehmen; aber jedes meinte, das andere müsse das Pochen seines Herzens hören.

Ueber den Buchen des Webichts stieg der Mond empor, und in langgezogenen Tönen hob die Nachtigall ihr Abendlied an. Luna lächelte, Philomele klagte – und am Ausgang des Irrgartens trennten sich mit tiefen höfischen Reverenzen Albrecht und Dorothea.

Auch über die übrige Gesellschaft war eine Verstörung gekommen. Die Schäferinnen standen auf der einen Seite, die Palmgenossen auf der andern. Statt feiner Diskurse über wohlmeinende Affektionen hatte es derben Zank gesetzt. Es gab bei den Damen rothgeweinte Augen und bei den Herren Zornesadern auf den Stirnen.

Selbst Herzog Wilhelm, der allezeit einen Ausgleich zu finden wußte, war verlegen. Er mochte seiner Gemahlin die Bitte nicht gänzlich abschlagen, als weiser Sylvander zärtliche Reden mit ihr zu führen, und die Damen nicht kränken, die seine Hofstatt mit ihrem Besuch erfreut hatten. Aber er wollte auch nicht die französischen Spiele an seinem deutschen Hof einführen.

Die Schäferinnen riefen nach ihrer Astrea, daß sie ihnen helfe, die widerspenstigen Schäfer zum Gehorsam zu bringen.

Statt ihrer trat die blasse Frau Witwe aus einem dunklen Cypressengang hervor und sprach mit müder Stimme: „Unsere Tochter hat sich eine starke Verkühlung im welschen Garten zugezogen und sich in die Rosenkammern zurückbegeben.“

Da verstummten die Schäferinnen erschrocken. Denn von der Herzogin von Koburg bis herab zum letzten Hofjungfräulein errieth im selben Augenblick jede, daß Herzog Albrecht ebenfalls es verweigert hatte, den Celadon zu spielen, und daß ein wohlgeschmiedeter Plan gescheitert sei.

Es wußte niemand mehr, wo ein und aus.

Da trat der Einschläfernde, ein alter Rath vom Schöppenstuhl in Jena, hervor und sprach: „Nach wohl erwogenen Dingen gebe ich anheim, zu entscheiden, ob die Zeit nicht zu kurz bemessen ist, um diese hochbedenkliche Sache mit allen Diffikultäten nach Nothdurft zu berathen, und schlage vor, selbige für jetzt ad acta zu legen und das Urtheil auf gelegenere Zeit zu vertagen.“

Alles athmete auf. Wenn man die gelahrte Rede auch nicht gänzlich verstanden hatte, so viel war aus selbiger hervorgegangen, daß die Sache auf die lange Bank geschoben werden sollte. Und da man in alten gemächlichen Zeiten beschwerliche Dinge gern auf solcher unterbrachte, so zeigten sich Schäferinnen und Palmgenossen zufriedengestellt und begaben sich, müde von Freud und Leid, in ihre Losamente.

In den Rosenkammem wurde eingepackt. Die Kammermägdlein der Frau Witwe wickelten bestürzt den Schäferstab in undurchsichtige Hüllen. Bärbchen, welche das Hirtentäschchen herbeitrug, schnickte mit den Fingern, als hätte sie sich an dem flammenden Herzen verbrannt; Aennchen, die den verwelkten Tulpenstrauß in den Silberflor hüllte, stieß einen tiefen Seufzer aus. Die Tautenburgischen falteten ihre Staatskleider zusammen.

„Du hast recht gehabt, Käthe,“ sprach der Schloßhauptmann, „es ist in Weimar kund geworden, wie ein adliger Junker einer edlen Jungfrau gegenüber sich benehmen muß. Nu, nu! hänge Dein Mäulchen nur nicht zu tief herab, Du könntest darauf treten.“

„Wer recht nach Gesundheit tracht’, kein Bitterniß der Arznei acht’,“ setzte die Frau Mutter hinzu. „Aber gieb Dich zufrieden. Bei dem Johannisbier, wenn Du Dich mit dem Junker Utz schwenkest, wirst Du mehr Spaß haben.“

„Ach der!“ erwiderte Käthchen trotzig, „der tanzt Kreiskessel, und was eine Galliarde ist, weiß er gar nicht.“

„Larifari!“ entgegnete die Mutter, „Im heiligen Ehestande helfen zierliche Tanzbeine nichts. Ich will niemand rathen, mit seinem Schühlein zu diesem Werk zu schreiten, sondern es wolle sich jeglicher wohlweislich mit einem Paar tüchtigen Nägelstiefeln versehen.“

Käthe biß die Zähne zusammen, damit sie nicht laut aufschrie.

Nägelstiefel! Und vor ihren Augen wirbelten schmale Rösleinschuhe in anmuthigen Pas in der Luft herum.

Was ein armes Mädchenherz tragen kann, ohne zu brechen! Wie einen Sargdeckel schlug sie die Truhe über dem Leberfarbenen zu.


[776] Das war ein verdrießliches Erwachen am andern Morgen. Die Herren schauten mürrisch drein, die weiland Tugendlichen sahen müde und abgespannt aus.

So ist’s nun einmal der Welt Lauf an Abschiedstagen, zumal in unsicheren Zeitläuften, vollends nach einem luftigen Fest und in Sonderheit, wenn die Gäste zur guten Letzt in einem Streit auseinander gefahren sind.

In den Familienhäusern des auswärtigen Adels wurden die langen Reisekutschen gepackt. Ist den Sitzkästen verwahrte man das Palmgeschmeide; denn der Deutsche saß allezeit gern auf seinen Schätzen. Unter die Sparren des Wagens steckten die Damen die bebänderten Schäferstäbe. Der Widerspruch der Männer sänftigte sich zu einem Gebrumme, als die Frauen wie sonst auch mit Safran, Ingwer und Kardamom sich versahen. Es war das tröstliche Zeichen, daß sie ihre Ehegesponsen vorderhand verschonen wollten mit der grünen Brunnenkresse, welche die Schäfer in ihrem Liebeskummer aßen.

Auch im Grünen Schloß wurde zur Abreise gerüstet.

Die fürstlichen Gäste versammelten sich allmählich im Rautenkranzgemach zum Abschiedstrunk.

Im Vorzimmer stand Achatius, die schlanke Gestalt ein wenig geduckt, daß er zwischen den andern Hofjunkern verschwand. Das sonst so hochfahrende Gesicht trug einen bescheidenen Ausdruck; über die kecken Augen waren die dunkel umsäumten Lider sittig niedergeschlagen. Er sprach nicht, bewegte sich nicht, als erhoffe er, hierdurch aus dem Gedächtniß der andern sich selbst zu löschen.

Aber wie schmal er sich auch machte, unsichtbar wurde er doch nicht. Er war und blieb der Zielpunkt für die Augen des gesammten weiblichen Hofpersonals.

Selbiges deutete sich alles zum Vortheil. Jede Hofjungfrau meinte, daß ihn der Schmerz über ihre Abreise also danieder schlage. Und jede erachtete es als Pflicht, dem schüchternen Hofmeister aufzuhelfen und Trost zu spenden.

„Habt Ihr eine Spinne verschluckt, Herr Hofmeister?“ lachte die Eva. „Seid Ihr mit dem linken Fuß zuerst aufgestanden?“ neckte der Cherub. „Warum so traurig?“ fragte selbstgefällig die Freundin des Mars. „Wir werden uns ja Wiedersehen,“ tröstete die rundliche Hofmeisterin.

In die Enge getrieben, machte er eine allgemeine Verbeugung und verschanzte sich hinter dem Schenktisch. Statt seiner nahten dem Frauenzimmer die Lakaien und boten auf silbernen Kredenztellern den nach großen Schmausereien heilsam befundenen Salbei- und Wermuthwein dar.

Drinnen im Gemach tauschten, die fürstlichen Personen die letzten Adschiedsgrüße aus. In die Reiseschaube gehüllt, saß Anna Marie müde in einem Armstuhl und harrte auf das Vorfahren der Kutsche. Als Christine, ihr ein Lebewohl bot, zuckten ihre Lippen bitter.

„Es trifft nichts mehr ein, was geweissagt wird,“ sagte sie leise, „nicht das Gute, nicht das Schlimme. Leider! Ich wollte, die Welt wäre untergegangen, wie vor ein paar Jahren prophezeit wurde.“

Christine sah sie verwundert an. „Damit müssen wir uns geduldigen bis zum Jahre 1643, wo wieder eine Konjunktion einflußreicher Gestirne dem Schiffe Argo gegenüber stattfindet. Da kann leichtlich die Sintfluth anheben.“

„Wer weiß, was wir bis dahin zu leiden haben,“ seufzte Anna Marie. „Eurer Liebden Wissenschaft ist sonder Trost.“

Christine schüttelte leise, das Haupt. „Ist es kein Trost, zu sehen, wie die Sterne unbeirrbar den Weg gehen, der ihnen vorgeschrieben ist von Anfang? Erkennen wir nicht daraus, daß sich erfüllt, was droben beschlossen wurde, trotz aller Zwischen- und Wechselfälle des Erdenlebens?“

Neben ihrer Mutter stand Dorothea in stolzer Haltung, aber mit blassen Wangen, die Zeugniß ablegten von der schlaflos verbrachten Nacht.

Wie Nebelgestalten gingen alle an ihr vorüber: Eleonore, die ihr so beklommen die Hand drückte, Wilhelm, über dessen offenes Gesicht eine leichte Röthe der Befangenheit glitt, der alte Hofmarschall von Teutleben, welcher bei seiner tiefen Reverenz ihr ein so unbewegtes Antlitz zeigte, als habe er ein unsichtbares Visir herabgeschlagen.

Mechanisch neigte sie sich gegen die Abschiednehmenden und sprach die üblichen Worte. Ihr Blick flog verstohlen immer wieder hinüber, wo Albrecht, von ihr abgewendet, in einem Kreis von Herren stand. Wie fest und kalt klang seine Stimme!

Da ertönte die erste Fanfare. Es wurde zum Aufbruch geblasen.

Kutsche auf Kutsche fuhr vor. Zuerst zog der alte Herzog von Koburg von dannen, seine Gemahlin trotz ihrer Schäferinnenwürde unabänderlich auf dem Rücksitz, er auf dem Ehrenplatz.

Da der Wagen der Hofjungfrauen sich in Bewegung setzte, ließ sich herzzerreißendes Weinen vernehmen. Dann folgte die Eisenacher Herrschaft. Der Herzog schwang sich auf das Pferd, Christine stieg ein. Auf den Rücksitz wurden Pergamentrollen gelegt. Darauf war die Stunde der Geburt von allen denen verzeichnet, welche sie darum ersucht halten, ihnen das Horoskop zu stellen. In dem Narrenkästlein, wie der Platz an der Rückseite der Kutsche genannt wurde, saßen die Hofjungfrauen und wehten mit ihren Tüchlein, bis der Hofmeister ihren Blicken entschwunden war.

Dorotheas Herz klopfte zum Zerspringen unter dem Sammetmantel. Noch immer hatte Albrecht kein Wort an sie gerichtet.

Nun fuhr der Wagen mit den Engelsköpfchen vor.

Und jetzt – jetzt trat er endlich heran. Er neigte sich tief vor den beiden fürstlichen Damen.

Dann – ein jäher Schrecken durchzuckte ihr Herz – bot er der Frau Witwe die Hand, um sie zu geleiten.

Zu ihr trat Herzog Ernst. Sie reichte ihm ihre eiskalten Finger. Gemessen schritt der junge Fürst neben ihr die Treppe hinab. Gewaltsam hielt sie sich aufrecht. Mit hoch erhobenem Haupt saß sie neben ihrer Mutter.

Diese winkte Frau von Tautenburg heran auf den Rücksitz „Fahrt mit Uns,“ sagte sie matt, „auf daß Wir einen Beistand bei Uns haben. Unsere Hofmeisterin ist zu gesprächsam.“

Die Thür wurde geschlossen. Herzog Ernst trat zurück. Die Pferde zogen an.

Aber – Dorothea athmete auf – Herzog Albrecht schwang sich auf sein apfelgraues Roß. Er gab ihnen wie beim Empfang das Geleite. Ihr Herz wollte nicht an ein Scheiden für immer glauben, hielt noch eine leise Hoffnung fest, er werde im letzten Augenblick eine Versöhnung anbahnen.

Die Gefährte wankten durch die Gassen von Weimar davon. Und wieder stürzten die Bewohner der Stadt an die Fenster, brachen die Kinder in laute Ausrufe der Bewunderung aus, wo die Engelskutsche vorüber kam.

Dorothea achtete nicht darauf. Nur der Hufschlag des Pferdes neben ihr drang an ihr Ohr; sie harrte nur des Augenblicks, da Albrecht ein Wort an, sie richten würde.

Da rollte die Kutsche wieder zu dem Stadtthor hinaus, durch welches sie so triumphirend vor drei Tagen eingefahren war. Dumpf dröhnend ging es über die Zugbrücke des Grabens und nun langsam auf der Landstraße gen Dornburg weiter.

Der Morgen war trübe und feucht. Ueber der Ilm qualmten Nebel. Die Blumen am Weg neigten die Köpfe unter dem Thau, die Gräser hingen voll schwerer Tropfen.

Scheu, schüchtern streifte Dorotheas Blick den stummen Begleiter.

Aber seine Augen begegneten den ihrigen nicht mehr. Den Blick geradeaus gerichtet, die Lippen herb geschlossen, ritt Albrecht neben dem Wagen.

Jetzt waren sie an der Stelle, wo er sie begrüßt hatte. Und wie damals hielten Reiter und Wagen an.

„Es ist an der Zeit, Abschied zu nehmen,“ sprach er. Es war, als versage ihm die Stimme. Aber er zwang die Bewegung nieder und fuhr fort: „Noch einmal sage ich Euren Gnaden im Namen der Gebrüder von Weimar Dank, daß Sie unsrer Einladung huldvoll gefolgt sind. Möge Gottes Segen Sie heute und fürder auf allen Ihren Wegen begleiten!“

Mit matter Stimme erwiderte die Frau Witwe:

„Auch Eure Liebden sollen in den Schutz des Allerhöchsten befohlen sein.“

Dorothea neigte stumm das Haupt.

Niemand sprach das Wort: Auf Wiedersehen!

Das Sechsgespann zog an. Den Hut in der Hand, ließ Albrecht den Wagen an sich vorübergehen.

[778] Aber jetzt richteten sich seine Augen auf Dorothea, und ein Blick voll Schmerz und Anklage traf sie und hielt sie fest, bis die Engelskutsche vorübergerollt war.

Dann drückte er den Hut über die Stirn, warf sein Pferd herum und jagte nach der Stadt zurück.

Dorothea sah ihm nach.

Dort verschwand er hinter dem Feldrain, wo die Lerche jubelnd in die Luft stieg. Wie mochte sie nur so freudig singen?

Langsam rollte der Wagen den jenseitigen Abhang hinab. Weimar entschwand; noch lugte die Spitze des Schloßthurmes hervor. Dorotheas Augen klammerten sich daran. Nun war auch diese verschwunden. Rasselnd, knackend bewegte sich der Reisezug in das von kleinen Wäldern unterbrochene Hügelland hinein. Der Schloßhauptmann ritt an der Spitze und zeigte seiner gnädigen Herrschaft Tümpel, Löcher und Steinblöcke im Wege an, damit sie sich auf die Stöße vorbereiten konnte.

Dorothea seufzte nicht wie Anna Maria, und sie betete auch nicht, wie Frau von Tautenburg an besonders gefährlichen Stellen that. Sie saß in düstres Sinnen versunken.

Auch im zweiten Wagen ging es anders zu auf der Rückfahrt denn bei der Ankunft.

Die rundliche Hofmeisterin war es jetzt, die den Vetter Achatius als ihr Eigenthum in Anspruch nahm; sie sah so lange zum Fenster hinaus, als noch ein Nasenspitzchen von ihm zu erschauen war. Dann fiel sie in einen kleinen Dämmerschlummer.

Käthe, die damals das große Wort geführt hätte, saß kleinlaut in ihrem Eckchen. Die Hofjungfrauen zahlten ihr heim, was sie an Neid und Mißgunst auf dem Herwege gelitten hatten.

„Ei, Käthe, Dein Vetter hat Dich sehr kurz valediziret,“ meinte die Langnasige höhnisch. „Ich dachte, er wäre Dir gut.“

Dabei rutschten alle fürsorglich auf die rechte Seite; denn dieses Rad lief auf hohem Rain hin, das andere bewegte sich in einem Schlammbettlein.

„Der Hofmeister wird eine gute Partie thun,“ sagte das Strohblümchen schadenfroh. „Er heirathet die blonde Benigna der Herzogin Eleonore. Sie schrieb täglich Briefchen an ihn. Benigna hatte kein Geheimniß vor mir.“ Wie alle, die selbst keine Eroberungen zu Verzeichnen haben, brüstete sich das Strohblümchen mit den Erfolgen anderer.

Dabei hoben sie sich insgesammt in die andere Ecke des Wagens, da nun diese Seite auf ein Steinriff stieg, während die vorher hochgehenden Räder an einem Abhang hinliefen.

„Laßt Euer thörichtes Gerede,“ sagte die Hofmeisterin. „Achatius von Krombsdorff ist ein Mann von Erfahrung. Er erkiest sich kein grünes Früchtlein, sondern eine süße Pomesine.“ Sie lachte schelmisch in sich hinein.

Die Kutsche fiel mit den Vorderrädern in ein tiefes Loch, während die Hinterräder über einen Stein sprangen. Die Damen prallten gegen die Wagendecke und setzten sich dann in die Mitte des Gefährtes.

„Was wird der Junker Utz dazu sagen,“ höhnte die Langnasige, „wenn ihm zu Ohren kommt, wie ehrbare Mägdlein sich nicht geschämt haben, dem Hofmeister für und für mit goldenem Brustlatz in den Weg zu laufen und an offener Tafel ihm zu Leibe zu gehen? Ja, ja! Manchmal legen sich die klügsten Leute eigenhändig Schadorte.“

Sie waren selbst an einem Schadort angelangt. Die Pferde des zweiten Wagens, darin die Kammermägdlein saßen, bekamen eine muthwillige Neigung zum Durchgehen. Mit Macht rannten sie fürbaß und stracks auf die Kutsche der Hofjungfrauen zu. Ein Stoß erfolgte, und die Deichsel erschien zwischen den schreckensbleichen Gesichtern der Hofmeisterin und der ältesten Jungfrau. Ein zweiter Ruck und die Wagen neigten sich krachend auf die Seite und fielen um.

Ein grauenvoller Wirrwarr entstand. Die Vorspänner schrieen und schlugen auf die Pferde. Das verunglückte Frauenzimmer jammerte aus dem Wagenkasten. Die Engelskutsche hielt. Frau von Tautenburg bog sich heraus.

„Hilf, Himmel! Unsre Käthe!“

Der Schloßhauptmann trabte eiligst zurück, sprang vom Pferde und zog seine Tochter heraus.

Sie war ganz weich auf ihre Peinigerinnen gefallen. Er setzte sie auf den Wegrain.

Käthe hatte nun doch eine Ursache zu weinen. Sie machte tüchtig Gebrauch davon.

Ihr Vater wandte sich der Hofmeisterin zu.

„Ach, wenn Herr Achatius mich so liegen sähe!“ klagte diese.

„Seid froh, daß es nur die kleinen Frösche sehen,“ antwortete Herr von Tautenburg und rang ihre Reisemutze aus, die sich in einem Pfuhl voll Wasser gesogen hatte.

Benignas Freundin war auf den Mund gefallen und hielt ihn nunmehr fest zu; die andere Hofjungfrau kühlte sich die geschrammte Nase mit einem Wegebreitblatt.

Der Wagen war zertrümmert.

„Wie, kommen wir nun fürbaß?“ fragte der Schloßhauptmann rathlos. „Bis zum nächsten Ort nach Hilfe zu reiten, wird sehr lang dauern und höchstens ein Mistkarren zu beschaffen sein.“

Da zeigte sich auf dem Weg ein Reiter; eilig sprengte er näher, gefolgt von einem Knecht.

„Gott sei Dank, Junker Utz!“ rief der Schloßhauptmann.

Utz war im Nu an der Unglücksstätte und vom Pferd. Seine Augen suchten und fanden Käthchen. Die aber legte nun vollends die Arme über das Gesicht. Er sah den Schloßhauptmann angstvoll fragend an.

„Sie ist nur erschrocken,“ tröstete dieser. „Aber wo kommt Ihr her?“ -

„Es muß mir geahnt haben, daß Euch ein Unfall bevorstand,“ antwortete Utz. „Immer mußte ich an Euch denken und es zog mich ordentlich an den Haaren fort. Das halte der Teufel aus, sagte ich, ließ die Knechte das Erbsenfeld allein bestellen und ritt Euch entgegen. Na! und da finde ich richtig die Bescherung.“

Seine Augen musterten dabei das ganze Häuflein Reisende und er athmete sichtlich auf; es war nirgends ein alamoder Monsieur zu erschauen. „Gott sei Dank, daß sich nichts ereignet hat als ein Wagenbruch.“

Dann wandte er sich den in einander gefahrenen Fuhrwerken zu. „Die Pferde abgesträngt!“ befahl er den Kutschern. „Angefaßt!“ herrschte er den Trabanten zu.

Er selbst legte mit Hand an. Ein Ruck seines starken Armes, und die Deichsel war frei. Der Wagen der Kammerkätzchen stand bald wieder reisefertig auf seinen vier Rädern. Aber er faßte nicht viel mehr, als schon darin saßen.

Da erhob Frau von Tautenburg in der Engelskutsche ihre Stimme:

„Mit Eurer fürstlichen Gnaden Erlaubniß mache ich hier Platz und steige hinter meinem Eheherrn aufs Pferd. Sein starker Ramskopf trägt uns beide. Die Frau Hofmeisterin und eine Jungfrau können meine Stelle einnehmen. Nun sind noch zwei Frauenzimmer unterzubringen.“

Junker Utz sah Käthchen an, „Auch auf meinem Rothschimmel wäre noch ein Platz,“ sagte er treuherzig. „Er hat einen sanften Gang.“

Käthchen saß unbeweglich, die Hände vor den Augen; das blonde Haarbüschchen fiel darüber. Aber die Hofjungfrau mit dem Wegebreitblatt auf der Nase erhob sich und trat zu dem Junker.

„Ich nehme Euer Anerbieten an.“ Sie stieg auf einen Meilenstein und mit Hilfe der Knechte hinter dem enttäuschtes Utz auf das Pferd. Der Schloßhauptmann stopfte an ihrer Stelle nicht allzu sanft seine Käthe in den Wagen der Kammermägde, hob seine Ehegesponsin zu sich auf den Ramskopf, und nun ging es wieder fürbaß.

Nachdem Frau von Tautenburg sich zurecht gesetzt hatte, seufzte sie: „Ist das eine Fahrt! Alles geht in die Brüche: Heirathen, Wagen, Arme, Beine.“

Ihr Eheherr begütigte: „Nu! nu!“

Besorgt flüsterte sie ihm ins Ohr: „Ist der Utz freundlich mit seiner Partnerin?“

Der Schloßhauptmann lugte aus und drückte pfiffig ein Auge zu: „Er macht ein Gesicht so gleichmüthig, als habe er einen Hafersack aufgeladen.“

„Spricht sie auf ihn ein?“ forschte die Frau weiter.

„Bei diesem Trab wird es ihr schier vergehen,“ entgegnete er und setzte seinem Ramskopf ebenfalls die Sporen ein, auf daß auch er Ruhe bekam.

[789] Niedergedrückt, zerschlagen und zerstoßen kehrten die Bewohnerinnen der Dornburg heim. Die Damen des Gefolges sahen gänzlich deformirt aus, da sie aus den Kutschen und von den Pferden kletterten. Die Herzoginnen verschwanden lautlos in ihren Gemächern, ohne nur einen Augenblick die tief hereingezogenen Reisemützen zu lüften.

Käthchen verschmähte das Warmbier, das ihre Mutter heute wie bei allen Heimsuchungen kochte. Sie schloß sich ein und weinte die ganze Nacht in ihr großes, blaugewürfeltes Kopfkissen. Müde und verdrießlich begab sich am andern Morgen die Familie an ihr gewohntes Tagewerk. Der Schloßhauptmann wollte auf die Felder reiten, seine Ehegesponsin den Wirthschaftshof besichtigen, Käthe, wieder im kartekenen Röcklein, ihre Tauben füttern.

Da standen auf einmal alle drei wie vom Donner gerührt.

Wer kam dort durch das Thor herein geschritten, feierlich geschmückt mit scharlachenem Wams und einem Hut, von dem die Feder holzgerade emporstieg wie der Pappelbaum drüben neben seinem schönen Herrenhaus? Junker Utz! Zwei Diener folgten ihm, in die Farben seines Wappens gekleidet.

„Gott steh’ uns bei!“ brummte der Schloßhauptmann für sich. „Der sieht aus wie ein Freier. Zu ungelegenerer Zeit konnte er sich auch nicht aufmachen.“

Frau von Tautenburg faßte sich rasch, ging dem Gast freundlich entgegen und nöthigte ihn zum Eintritt, während ein verstohlener Wink Käthchen gebot, ihr zu folgen.

Dieser fiel das Herz bis in die Fußspitze. Sie hörte noch, wie Utz sagte: „Ich habe, seit Ihr verreist seid, nicht geschlafen, und mir schmeckt kein Bissen und kein Trunk. Solcherlei Sorgen, wie mich quälen, will ich mir lieber vom Halse schaffen.“

Und er verschwand mit ihren Eltern geruhig und selbstbewußt in der Hauspforte.

Käthchen sah sich um gleich einem gescheuchten Wild. Flugs wischte sie dem Taubenschlag zu, das dünne Leiterlein hinauf, schlüpfte durch die Thür und saß zwischen ihren Täubchen. Neugierig guckten die brütenden Täubinnen aus ihren Nestern auf sie herab, und die Tauber kamen heran, ob Krumen oder Körner für sie gestreut würden.

Wie gut hatten es die Thierlein! Die Schopftaube, die sich so zärtlich mit dem schlanken Feldflüchter schnäbelte, durfte sich paaren, wie es ihr Herzchen befahl. Niemand zwang sie, mit dem dicken Kropftauber dort ein Nest zu bauen. Er war zwar ein gutes Thier, der Kropftauber. Er fraß ihr aus der Hand und hatte auch ein schneeweißes Weibchen gefunden mit Lätschchen an den Füßen. –

„Käthe, wo bist Du?“ tönte die Stimme ihrer [790] Mutter aus dem Haus, dann im Flur, dann immer näher und näher – jetzt auf dem Hof.

Es half nichts; sie mußte antworten.

„Komme sogleich herunter!“ rief die Mutter mit gedämpfter Stimme hinauf. „Junker Utz freit um Dich.“

Da hub ein großes Jammern im Taubenschlag an. „Ach, Frau Mutter, laßt mich in Ruhe; ich mag ihn nicht.“

Die Mütter versuchte nachzuklettern; aber die dünnen Sprossen knickten ein; sie mußte davon abstehen. „Wirst Du herunter steigen?“ stieß sie leise hervor.

„Nein!“ kam es dennoch kläglich herab.

Ein paar Mägde liefen herzu. Da ging die Mutter mit feuerrothem Gesicht wieder in das Haus. Bald darauf sah Käthe von ihrem Versteck aus den Junker Utz aus der Thür treten.

Ihr Vater begleitete ihn und sprach eifrig auf ihn ein. „Lieber Nachbar und Freund! Bei der Bitte um Bedenkzeit muß es sein Verbleiben haben. Dieselbe ist einer fürsichtigen Jungfrau wohlanständig und noch von keinem Freier bemäkelt worden.“

Der Utz ging mit einem betroffenen Gesicht davon.

Unter Käthchens Versteck fanden sich die Eltern zusammen.

Die Mutter hob die Hände auf. „O weh über diesen Taubenschlag! Das ist nun die fürtreffliche Einrichtung, auf die mein Eheherr so große Stücke hält.“

Der Schloßhauptmann aber sagte gemächlich: „Nu, nu!“ hielt seinem Töchterlein die Leiter und führte dann beide in die Wohnstube. Dort begann alsbald Frau von Tautenburg den dräuenden Spruch aufzusagen: „Wer verachtet der Mutter zu gehorchen, dem werden die Raben die Augen am Bache aushacken und es werden ihn die jungen Adler fressen.“

Glücklicherweise raschelten horchende Mägde vor dem Schlüsselloch herum. Die Hausfrau mußte ihre Strafreden nach dem Vorplatz verlegen. Der Schloßhauptmann aber nahm seine Tochter zu sich auf die Fensterbank, wo all das Unheil angerichtet worden war, das die Familie jetzt aufessen mußte.

„Nun sag’ einmal, Kleine,“ fragte er vertraulich, „was ist Dir denn eigentlich nicht recht an dem Utz?“

Käthchen nestelte sich in ihres Vaters Arm wie ein halbflügger Vogel unter den Flügel des Alten und vertraute ihm klagend und schluchzend an: „Ach, Herr Vater, ich liebe ihn nicht.“

„Was verstehst Du kleiner Nestling davon?“ flüsterte er.

„O, das verstehe ich wohl,“ versicherte Käthchen; „wenn Junker Utz mich ansieht, geht es mir nicht durch und durch, und wenn er seufzt, denke ich: gewiß ist ihm der Leibgurt zu eng. Ach, und ich weist doch, wie hübsch es aussehen kann, wenn ein edler Herr schmachtende Augen macht, und wie wohl und weh uns ums Herz wird, wenn er zitternde Seufzer ausstößt.“ Sie schluchzte laut auf.

Aber der Herr Vater sah nicht eine von schwerem Herzeleid heimgesuchte Jungfrau in ihr; er streichelte sie wie ein auf die Nase gefallenes Kind.

„Solche überirdische Fürstellungen hat nur der Umgang mit Deinem leichtfertigen Vetter in Dir erweckt, welcher ein ausgefeimter Frauenknecht ist. Siehst Du denn nicht ein, daß ein treues Herz mehr Werth ist als heuchlerische Augenverdrehungen, daß ein wahres Wort eine honigsüße galante Redensart aufwiegt?“

Sie schwieg ein Weilchen. Dann brach sie in Thränen aus. „O je! Daß aber auch gar nichts im Leben sich recht zusammenfindet! Warum hat der Vetter Achatius nicht das treue Herz vom Junker Utz? Warum sieht der Junker Utz nicht aus wie der Vetter Achatius? Ach, der alte Schloßvogt da drüben unter der Burglinde hat recht: Es ist eine unvollkommene Welt hienieden.“

Und sie vergoß heiße Thränen über die mißrathene Schöpfung.

Ihr Väter zog sich seufzend auf die Ofenbank zurück und zerbrach sich den Kopf darüber, wie das Werk zu verbessern: der Utz dem Achatius ähnlich zu machen sei.

Auch im Residenzhaus hob das Leben wieder seinen, gewohnten Gang an, als sei niemals die Herrschaft fröhlich zu einer Lustreise, ja zu einer Brautfahrt ausgezogen und in großer Verdrießlichkeit heimgekehrt.

Dorothea rang mit der ganzen Kraft ihrer stolzen Seele gegen den Eindruck, den die erlebte Enttäuschung auf sie und andere hervorgebracht hatte. Wie sonst saß sie an ihrem Putztisch, das Spieglein in der Hand. Aber das Leibgeräth des Frauenzimmers warf ein Bild zurück, das ihr nicht gefiel. Sie suchte dem Mangel abzuhelfen, indem sie immer neuen Schmuck anlegte. Doch kein Juwel gab ihr das frühere heiter strahlende Aussehen zurück, keine Spitze vermochte die heiße Scharlachgluth zu dämpfen, in welche das feine Korallenroth ihrer Wangen hinüberspielte, kein noch so sorgfältig gebranntes Lockengekräusel die kleine trotzige Falte zu verhüllt, die zwischen ihren Augenbrauen lag.

Die Kammermägdlein thaten stumm und betreten ihren Dienst. Als dem unerfahrenen Aennchen einmal das Wort „Weimar“ entfuhr, sah Bärbchen die Gefährten an, als habe sie den Gottseibeiuns genannt.

Auch die holde Musika pflegte Dorothea wie früher. Sie ließ sich vom kurfürstlichen Kapellmeister in Torgau das Präambulum kommen über Melodien des neuen Singspiels „Daphne“. Doch einmal sprang unter ihren unstäten Fingern eine Saite, ein andermal zerknickten die Rabenkiele, mit denen diese gerissen wurden.

Dann wieder befahl sie ihre Damen unter das Dächlein, um aus der „Astrea“ vorlesen zu lassen. Und der Schäferroman hatte ebenfalls seine Zauberkraft verloren. Er entrückte sie nicht mehr nach den blumigen Auen am Ufer der Loire; ihre Augen gingen nicht mehr in die Weite hinaus. Sie blieben drunten an den Weinbergen haften, wo emsig geschneitelt wurde, auf daß alle Sonnenstrahlen den Trauben zu gute kamen. In den grüngoldigen Duft, der auf den Rebstöcken lag, versank ihr Blick, und ohne daß sie es wußte, flüsterten ihre Lippen den Wahlspruch des Unansehnlichen: „Es soll noch werden!“

Die Hofjungfrau hielt im Lesen inne und sah die junge Herzogin fragend an, ob sie etwas zu befehlen habe.

Dorothea erhob sich. „Es ist schwül heute,“ sprach sie. „Wir wollen ein andermal fortfahren.“

An ihrer Mutter fand sie keinen tröstlichen Beistand. Die Frau Witwe verbarg ihre Bekümmerniß nicht, daß sie zu vielen unerfüllten Wünschen abermals einen solchen gelegt hatte.

Dorothea versuchte anfänglich, Gespräche in alter Weise anzuknüpfen. Aber Anna Maria blieb ernst und einsilbig, wenn ihre Tochter von den Fackeltänzen bei fürstlichen Hochzeiten erzählte, die sie früher mitgemacht hatte.

Dagegen hielt sie mit dem Hofprediger, der zur Tafel geladen worden war, eine lange Zwiesprache über „die Hochzeit des Lammes“, in welche recht bald einzugehen sie ersehnte.

Dorothea meinte, solche Reden nicht anhören zu können. Sollte denn wirklich das ganze Leben abgeschlossen sein? Kam denn nicht wenigstens ein Trompeter, der Nachrichten von der früher so schreibseligen Freundin Eleonore brachte? Jetzt hat dieselbe nur einmal ein Brieflein gesendet; in demselben aber Albrechts Namen sorgfältig vermieden.

Sie trat an das Fenster, von dem aus man den Weg nach Weimar überschauen konnte. Aber kein schwarz-gelber Dienstrock leuchtete in der sinkenden Sonne; nur Landleute zogen mit Karren und Herden heimwärts. Dorotheas Augen folgten der Landstraße durch die Kornfelder, die schon silbern schimmerten, wenn der Wind über sie hinstrich. Wo der Weg am Horizont den Augen entschwand, glühte das Abendroth, als sei da der Eingang zu Licht und Leben.

Ein leiser Seufzer weckte sie aus ihrer Versunkenheit. Als sie sich zurück wandte, begegnete sie den müden Augen ihrer Mutter, in deren Blick geschrieben stand: Du hoffst umsonst.

Und ihr Herz zog sich krampfhaft zusammen. Es wurde allgemach so still in den fürstlichen Gemächern, daß an einem heißen Tag die rundliche Hofmeisterin einnickte und im Traume von Achatius von Krombsdorff sprach, ein glückliches Ereigniß für die regungslos auf ihren Schemeln sitzenden Hofjungfrauen, die einmal kichern konnten. –

Das waren trübselige Tage alleweile auf dem grauen Bergschloß. Einförmig ging die Zeit hin und geräuschlos wie der Schatten auf der Sonnenuhr am Thurm.

Was war aus den Hoffnungen und Wünschen geworden, welche in den beiden jungen Mädchenherzen gekeimt hatten, als die grünen Halme auf der Saalwiese sproßten? Sie waren geknickt, wie drunten im Wiesengrund das hohe saftige Gras, die von Schmetterlingen umflatterten rothen Kleehäupterchen, die Sankt Johannissterne vor der Sense zu Boden sanken.

Die Heuernte war da. Würziger Geruch erfüllte das Thal. Bis zur Dornburg und dem neuen Herrenhaus des Stadtgutes herauf tönte der fröhliche Sang der Mähder, welche die langen Schwaden wendeten und endlich zu hohen Schobern thürmten.

[791] Dann zogen eines Tages die Rindergespanne, welche das Heu einfahren sollten, aus dem Gut hinab. Junker Utz ritt auf seinem Rothschimmel nach, um darüber zu wachen, daß die Fuder richtig geladen würden, damit sie weder in der holperigen Schlucht das Gleichgewicht verloren, noch unter dem Hofthor hängen blieben.

Vor den kleinen Fenstern des Hauses, welches der Schloßhauptmann bewohnte, tummelte er sein Rothroß weidlich. Aber kein blondes Mägdlein ließ sich hinter den runden Scheiben blicken; nur die würdige Hausfrau nickte mit ihrer emporgesträubten Haubenkrausel heraus. Es stand klärlich auf seinem Gesicht zu lesen, daß es einen jungen Mann wenig beglückt, wenn er fürnehmlich alten würdigen Matronen wohlgefällt.

Nachdenklich ritt er weiter. Es war doch wunderbar, wie lange Bedenkzeit die Jungfrau Käthe brauchte, ehe sie ihre Einwilligung dazu gab, sich von ihm heirathen zu lassen. Nirgend vermochte er ein Hinderniß für die Verlobung zu erspähen. Selbst der Alamodegeck aus Weimar, der ihr für einen Abend den Sinn verstört hatte, war nicht mehr im Wege. Er heirathete nun die rundliche Hofmeisterin. Sie selbst hatte es ihm vertraut, als sie gestern bei ihm anfragte, ob er fürkommenden Falles ihr seinen Vorrath an feinen Flaumfedern verkaufen könne. Er hatte es abgelehnt; denn er brauchte sie selbst fürkommenden Falles. Aber aus Freude über die gute Nachricht verehrte er ihr einen großen Büschel Pfauenfedern zu einem prängischen Wedel.

Unter solchen Gedanken erreichte er seine Wiese. Mitten in dem balsamischen Futter standen die mächtigen Stiere. Er ließ die Stränge von ihren Jochen lösen, eingedenk des Bibelwortes: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden; und er lachte nachsichtig, als die übermüthigen Mägde einen mürrischen Knecht in einen Heuhaufen warfen. Fröhliche Leute arbeiten besser denn verdrießliche. Mit Zufriedenheit sah er dann zu, wie die starken Thiere an den rothgestickten Stirnbändern sonder Beschwerde die hoch aufgebauschten Fuder den steilen Weg hinauf zogen.

Als tüchtiger Landwirth hielt er seine Gedanken auf die Arbeit gerichtet, solange er zu schaffen hatte. Nun, da er sich zum Heimweg wandte, kehrten sie zu seinem beabsichtigten Ehewerk zurück. Er wollte doch einmal den Schloßhauptmann in die Seite stoßen, auf daß die Sache fürbaß ging.

Drüben auf der herrschaftlichen Wiese trabte sein zukünftiger Schwiegervater auf seinem Ramskopf zwischen den Arbeitern herum. Da konnte er ihn gleich abfangen und ihm seine Meinung sagen über diese unnöthige Zimperlichkeit.

An dem Eingang zur Schlucht wartete er auf den Schloßhauptmann. Dann begannen Ramskopf und Rothschimmel neben einander empor zu klimmen.

„Sagt einmal, wie steht es mit meiner zukünftigen Braut?“ fragte Utz ohne Umschweife.

Der Schloßhauptmann drehte verlegen an einem Knopf seines Wamses. „Ich vertraue, daß noch alles gut wird,“, antwortete er. „Habt nur Geduld! Sie ist noch gar jung.“

„Ach jung,“ Murrte Utz. „Meine Mutter war sechzehn Jahre alt, da sie sich verehelichte. Das ist kein Grund, mich hinzuhalten. Ihr und Eure Frau Eheliebste kennt mich genugsam; und das ist die Hauptsache.“

Der Schloßhauptmann drehte unruhig weiter. „Das ist nicht die Hauptsache,“ antwortete er. „Ich habe in Weimar vernommen, daß das Frauenzimmer insgesammt itzunder verlangt, daß das Mannsvolk ihm zu Gefallen lebt und ihm aufwartet. Die jungen Herren von Adel bringen dort jeden Tag einen neuen Brauch auf. Heute beugen sie ein Knie mit Knixen, morgen küssen sie zur Huldigung die eigenen Fingerspitzen.“

Utz blickte dem Schloßhauptmann mit ehrlichem Zorn in das Gesicht „Dazu bringt mich kein Mensch, daß ich einen Knix mache wie das Frauenzimmer. Und kein vernünftiger Mann verlobt sich, um die eignen Fingerspitzen zu küssen.“

Der Schloßhauptmann drehte verzweifelt. „Wer weiß auch, wie es ausfiele! Aber gut wäre es, wenn Ihr noch ein wenig abgehobelt würdet. Mich dünkt das Beste, Ihr thut eine zeitlang Dienst bei der Frau Herzogin. Sie bedaf mitunter noch eines Hofjunkers und wird gern auf den Vorschlag eingehen, da Ihr so nahe zur Hand wohnt.“

„Bleibt mir mit dem Hofdienst vom Halse!“ knarbelte Utz trotzig in seinen weißblonden Schnurrbart. „Wozu bin ich ein Freiherr?“

Jetzt riß dem Schloßhauptmann der Knopf und der Geduldsfaden zugleich. „Adelig sind Eure Ahnen geworden und Freiherren, dieweil sie durch ihre edle Art über den ungehobelten Pöbel empor ragten und sich frei machten von dörflicher Tölpelei. Wollt Ihr unverehelicht bleiben, so möget Ihr auf Eurer Scholle sitzen, wie der Puhahn in seinem Felsenloch. Gedenkt Ihr aber ein Weib heimzuführen, müßt Ihr lernen, das Amt eines Familienhauptes würdig fürzustellen. Sonst wird eine adelige Jungfrau Euch nicht das Kränzlein reichen, sondern einen Korb aufhucken.“

Utz sah erschrocken den Schloßhauptmann an.

Gott sei Dank! Obgleich er mit seiner Rede daher polterte, zeigten sich doch die Schelmenfältchen an dem einen Auge.

Da seufzte Utz tief auf und sagte gutmüthig: „Nun, wenn Ihr meint, daß es mir in den heiligen Ehestand hilft, so ich eine Hofschranze werde, will ich’s versuchen.“

Der Schloßhauptmann nickte versöhnt. „So ist’s recht. Ein kluger Mann findet sich in alles. Gleich Morgen werdet Ihr zum erstem Male Dienst thun können. Die Gräfinnen von Rudolstadt und Mansfeld wollen unsrer Frau Herzogin die Visite gehen, und Hochdieselbe wird eine Mahlzeit anpräsentiren.“

Dann schüttelten sie sich die Hände, und jeder ritt in sein Hofthor ein.

Nun war noch ein zweiter Sorgenstein auf das Herz des Junkers gewälzt. Die Ellbogen, müde von der Arbeit, auf den Tisch gestemmt, das Haupt in die Hände gestützt, saß er vor seinem Mittagstisch, und es schmeckte ihm abermals kein Bissen. Bald darauf wurde er zur Aufwartung befohlen. Da schlief er wiederum die ganze Nacht nicht. „Warum bleiben nur die Frau Gräfin von Rudolstadt und die Mansfeldin nicht daheim sitzen? Warum wählen sie auf ihrem Zuge gerade die Dornburg zu einem Ruhestündlein?“ brummte er, während er das Staatskleid anlegte.

Trotz alles freiherrlichen Bewußtseins war seine Beklommenheit so groß, daß er bei dem Gang über den Schloßhof das Rosmärinstäudlein für Käthchen hielt und demselben eine umständliche Reverenz machte. Seine ersten kräftigen Schritte in dem Flur des Residenzhauses hallten laut in dem weiten Raume wieder. Unwillkürlich hob er sich auf die Zehen. Der Gruß, den er mit voller Stimme dem Schloßhauptmann beim Eintritt in das Vorzimmer bot, erstarb ihm auf der Zunge. Es herrschte eine so feierliche Stille daselbst. Was war das nur?

Er kannte alle, die an den Wänden aufgereiht standen, sogar recht genau. Hatte die Hofmeisterin ihm nicht ihr Herzensgeheimniß anvertraut? War die Hofjungfrau nicht mit ihm nach Haus geritten? Und wie oft hatte er ein Auge zugedrückt, wenn die Pagen in seinen Kirschen hausten gleich den Spatzen!

Aber – vollbrachten es die stillen abgeschlossenen Räume, der feine Duft des Räucherwerkes, die feierliche Tracht? Sie stellten sich ihm ganz anders dar als sonst: stolz, unnahbar. Selbst der gemächliche Schloßhauptmann erschien ihm in dem goldgestickten Galakleid fremd.

Dieser merkte seinem Schützling die Beklommenheit an und suchte ihm Muth einzureden. „Ihr habt ein neues schönes Wams und einen alten guten Namen; damit kommt Ihr bei jedem vernünftigen Hof fort. Und wenn Ihr nicht wißt, was Ihr sagen sollt, macht nur eine tiefe Reverenz; die gilt allda oft mehr, als die klügste Antwort.“

„Ist das der Hofdienst,“ flüsterte Utz nach einem Weilchen hinter der vorgehaltenen Hand dem Schloßhauptmann zu, „daß man dasteht wie die Störche, wenn sie Rath halten?“

„Einen Storch,“ war die ebenso leise gegebene Antwort, „braucht Ihr Euch nicht gerade zum Muster bei Eurer Aufwartung zu nehmen.“

Aber im nächsten Augenblick wurde dem Junker klar, was Hofdienst war. Trompeten schmetterten auf dem Burgweg, die Pagen flogen, der Schloßhauptmann zog ihn an den Aermelpuffen sich nach.

Und nun mußte sein sonst so gerader Rücken sich unaufhörlich bücken. Bald schritt er mit dem Schloßhauptmann, vorwärts bald rückwärts. An seinen Augen ging die fremde Herrschaft vorüber! Er wußte nicht, wie ihm geschehen war. Desto besser wußte es die rundliche Hofmeisterin. Sie steckte sich verstohlen die Falten des Rockes fest, welche der Junker ihr abgetreten hatte. Der Gedanke an den Pfauenfederbüschel war ihm ein Trost. Und wie gut war es, daß er die Pagen hatte in den Kirschen sitzen lassen, denn als er mit ausgespreizten Ellbogen [794] ein venetianisches Glas umstieß, brachten diese die Scherben unbemerkt bei Seite.

Es wurde ihm siedend heiß als Vorleger heim Mahl. Was thut ein Mann mit geronnener Milch über Reiskörnlein? Wie traktirt man die riesige Papierkrause am gebratenen Hahn?

Als er nach gethanem Dienst mit dem väterlichen Freund an der Tafel der Hofleute Platz nahm, war ihm der Hunger gänzlich vergangen.

„So ist’s recht,“ raunte der Schloßhauptmann ihm zu, „ein Hofmann wird von der Gnade satt.“

Und welche wunderliche Gespräche wurden geführt! Zuerst begriff er alles ganz gut. Die Damen unterhielten sich von der Sorge, daß der Kaiser alle eingezogenen geistlichen Güter wieder zurück verlangen wolle. Es war glaublich, daß die Frau Gräfin von Rudolstadt nicht schlafen konnte wegen des gefährdeten Klostergutes Paulinzelle, und die Herzöge von Altenburg sich wehrten, Heusdorf und Bürgel wieder herzugeben. Ein wie kitzliger Punkt der Geldkasten überall und allezeit gewesen ist, wußte Utz. Auch was sie von der wieder näher drohenden Kriegsgefahr flüsterten, verstand er. Er hatte schon längst der Sache nicht mehr getraut. Der Platz in seinem Keller war ausersehen, wohin er seine besten Schätze vergraben wollte, und ein Augsburger Feuerrohr von ihm gekauft worden, um Haus und Herd vertheidigen zu können gegen eindringendes Kriegsvolk.

Aber was die Schäferei damit zu schaffen haben sollte, blieb ihm unbegreiflich. Die gräflichen Gnaden erklärten ganz ernsthaft, daß man nicht darauf rechnen dürfe, Schäfer zu finden in diesen schlimmen Zeiten. Nun ja! Es war ja ein verantwortlicher Dienst; die Thiere durften nicht an Stellen geführt werden, wo giftiges Gekräut wuchs. Jedoch für so hochwichtige Leute erachtete er die Schäfer nicht und hatte nie Mangel an solchen verspürt.

Und nun vollends die Schäferinnen!

Welch eine verwahrloste Wirtschaft war das, wo die Weiber hüteten! Denen gehorchte ja nimmer ein richtiger Schäferhund. Er vertraute nur seine Gänse einer Hirtin an. Und welches Wesen machten sie davon! Die Gräfin von Mansfeld meinte seufzend, daß der Schäferbund auf der langen Bank einschlafen müsse, darauf der Rath vom Schöppenstuhl in Jena ihn geschoben habe.

Dummes Zeug! Der Schöppenstuhl verurtheilte Hexen und Mörder; aber er schor sich nicht um widerspenstige Schäfer. Denen ließ ein adeliger Herr selbst die gebührenden Hiebe aufzählen.

Aber war der Herzogin Dorothea ein Knöchlein von den gebratenen Finken in den Hals gekommen, daß sie so purpurroth wurde? Und niemand klopfte ihr hilfreich in den Rücken. Die Damen schienen es in der Ordnung zu finden, daß das fürstliche Fräulein erstickte.

Dann brach der Besuch wieder auf. Abermals bückte sich Junker Utz; wieder zog er vorwärts und rückwärts, und wieder vollbrachte er eine That: er stieß mit seiner Hutfeder die langnasige Hofjungfrau in das Auge, daß sie an dem Tag nichts mehr zu erschauen vermochte.

Gottlob! Da ritten die gräflichen Gnaden ab. Das letzte wappengestickte Fähnlein, das die Pferde der Damen auf den Schweifen trugen, verschwand in der Thorwölbung.

Nachträglich schob Utz vorsichtig mit den Fußspitzen die langen Röcke aus dem Wege, drückte die Ellbogen an und hielt den Hut gesenkt. Der Schloßhauptmann nickte wohlgefällig. Das Unheil, das Utz über andere gebracht, hatte ihm genützt.

„Wollt Ihr bei meiner Hausehre einen Trunk auf den Schrecken thun?“ fragte er gemächlich, da sie entlassen waren.

„Ich danke Euch,“ erwiderte Utz. „Aber mein erstes Werk ist, daß ich den engen Halskragen ablege. Er hätte mich traun erwürgen können.“ Er drückte dem Schloßhauptmann kräftig die Hand und begab sich spornstreichs heim.

Pfiffig vor sich hinblinzelnd, ging auch Herr von Tautenburg nach Haus.

Die Abendtafel war gedeckt. In der Küche sotten Karauschen aus der Saale. Frau und Tochter trugen Essigflasche und Pfefferbüchse herbei und zeigten Gesichter, die mit dem Inhalt der Gefäße wetteiferten. Aber er war zu vergnügt, um sich von der schlechten Laune anstecken zu lassen. Er schob Käthchen den Canarizucker in den Mund, den er wie üblich von der fürstlichen Tafel mitgebracht hatte, hüllte sich in sein Hauskleid und nahm Platz vor seinen tellerrunden Karauschen.

„Nun,“ plauderte er, das Fleisch von den Gräten lösend, „der Utz macht sich ganz gut als Hofjunker. Er hat auch der Hofjungfrau, die so hübsch mit ihm auf seinem Rothschimmel saß, gehörig in die Augen gestochen.“ Er lachte wie ein Kobold.

Seiner Ehehälfte fiel die Gabel aus der Hand. Er wollte sie über seinen Witz aufklären – da zog Käthe seinen Blick auf sich.

Mit offenstehendem Mündchen und großen Augen starrte sie ihn schier entsetzt an. Botz Wetter!

Mit verzweifelt pfiffigem Augenblinzeln fuhr er fort: „Schade, Käthe, daß Du ihn mit einem Korbe heimschicken willst. Das schöne Sprüchlein über seiner Hauspforte, das den Ein- und Ausgehenden Glück und auch den Vorüberwandelnden Gottes Geleit wünscht, wird sich anders an Dir erfüllen, als wir verhofften. Die Hofjungfrau wird die Einziehende, Du wirst die Vorüberwandelnde sein und zusehen, wie sie den Kühen die Glocken anhängt, die Utz Deinetwegen angeschafft hat. Sie wird ihr scharfkantiges Näschen, an welchem bishero jeglicher Ehering vorüber gezogen ist, hoch in die Luft recken, wenn sie aus dem Thurm des stattlichen Schlößchens auf Dich herabsieht.“

Er hatte den Fisch aufgespeist, unbekümmert darum, daß Frau und Kind keinen Bissen hinab gebracht hatten. Nun sprach er geruhig sein Tischgebet und schickte sein Töchterlein mit einer Gutenacht zu Bett. Der Herr Vater hatte gut reden, Käthe konnte nicht schlafen. Unaufhörlich warf sie den blonden Kopf auf dem Kissen hin und her. Zu schwere Gedanken mußte er verarbeiten. O, wie wahr sprach der alte Schloßvogt: es gab keine Gerechtigkeit in der Welt. Sie sollte den Vetter Achatius nicht heirathen, und die Hofjungfrau sollte den Junker Utz bekommen, das schöne Gut, den Hühnerhof und die weißen Kühe mit den Glocken. Die Hoffärtige sollte ernten, was für sie gesät war. Ach, wer doch sterben könnte und in einem weißen Kleide daliegen! Dann käme der Junker Utz herüber mit seiner verwelkten Braut und bereute, daß er die Hochmüthige genommen, welche die kleine Käthe immer über die Achsel ansah. Aber nun half es nichts, Käthe war mausetodt. Und bei dieser friedlichen Vorstellung sanken ihr die Augen zu, und sie schlief wie ein Rätzchen in die schwüle Nacht hinein.

Tiefes Dünkel umhüllte die Dornburg. Nur die Fenster der Herzogin Dorothea schauten hell gleich schlaflosen Augen in die Nacht hinaus. Nicht schnell genug hatten die Kammermägde den duftigen Talatharock, die Schmuckzierden abstreifen können. Dann winkte Dorothea ihnen ungeduldig Entlassung. Mit vor Eile zitternden Fingern rafften sie die schweren Bettvorhänge, zündeten die Kerzen auf dem Betpult an und verschwanden.

Dorothea beachtete die Vorbereitungen zu ihrer Abendandacht gar nicht. Ihre Gedanken jagten durch ihr glühendes Haupt, während sie sonder Ruhe und Rast im Gemach auf und ab wandelte.

Welch ein qualvoller Tag lag hinter ihr!

Nicht die Gleichgültigkeit, mit welcher die Gäste das Schäferspiel hatten fallen lassen wie einen Mummenschanz, war es gewesen, die ihr Herz zuschnürte. Das bedauernde Achselzucken der Gräfinnen über den zu so ungelegener Zeit gestifteten Bund, die bedeutungsvollen Blicke ihrer Mutter sah sie kaum. Was wog das alles gegen die furchtbare Erkenntniß, die sich ihr aufdrängte, nicht mehr zurückweisen ließ: für werthlosen Flitter, für Lustgebilde, inhaltlos wie bunte Seifenblasen, hatte sie ihr Lebensglück aufs Spiel gesetzt und – verloren!

Ach, schon lange dämmerte diese Einsicht in ihr. Schon damals, als des Kaisers Eingriff in die Rechte der evangelischen Fürsten wie ein drohender Windstoß vor dem Gewitter in die trügerische Ruhe hinein fuhr, dann bei der Nachricht, daß Gott im hohen Norden der lutherischen Sache einen Kämpen erweckt habe und leises Waffenklirren an den verwandten Höfen der Botschaft antwortete.

Die sächsischen Fürsten standen auf der Wacht gegen den Papst und den hispanisch gesinnten Kaiser. Sie waren bereit, zu sterben für Glauben und Vaterland.

So hatte er gesprochen im welschen Garten; sie meinte die ernste Stimme noch zu hören. Jetzt verstand sie seine Strenge. Aber eine heiße Gluth stieg in ihre Wangen bei dem Gedanken, daß die kurz geschürzte, bebänderte Schäferin, die damals den Antheil an der Sorge der harten Zeit so leichtfertig abwies – sie gewesen war, die deutsche Fürstin.

Und was half es ihr, daß sie sich sagte, auch sie habe für eine gute Sache gekämpft, für einen würdigeren Platz der Frau?

[795] Wer hätte Zeit gehabt, über einen solchen zu disputiren, während gestritten werden mußte um Glaubensfreiheit und das tägliche Brot?

Hatte eine der Gräfinnen danach Verlangen getragen? Sie bangten nur um das Leben, ihrer Herren, wenn die Kriegsfurie wieder entfesselt würde; sie flehten einzig zu Gott um Erhaltung der Stätte, an der sie walteten: des häuslichen Herdes.

Auf welchen Irrweg war sie von dem französischen Roman geführt worden! Verwöhnt und verzärtelt hatte sie die Sprache desselben, daß ein aufrichtiges Wort sie herrisch dünkte; eines Serviteurs hatte sie begehrt, und ihr schwankender Sinn bedurfte doch eines Führers; Mißverständnisse hatte sie ersehnt, von süßen Schmerzen geträumt – o, nun war der wirkliche Schmerz über sie gekommen; und sie erkannte, daß er kein süßer Gespiel, sondern ein harter Zuchtmeister ist.

Ihre Thränen begannen zu fließen. Könnte sie doch ihr Leben für immer schließen wie dort das unselige Buch. Waren doch beide gleich verfehlt. Aber ihre Tage spannen sich weiter – trostlos, öde. Wie leere Blätter lagen sie vor ihr, seitdem der Name, den das Schicksal gnädig für sie hineingezeichnet hatte, von ihrer frevelnden Hand ausgelöscht worden war.

Was vermochte die Stelle auszufüllen?

Die Pflicht!

Wer rief das Wort? Sie kannte den Klang der Stimme. So feierlich hatte sie es schon einmal sprechen hören. Ach, es war ihr treues Gedächtniß gewesen.

Aus weiter Ferne, für immer von ihr getrennt, lenkte der hochgesinnte Mann ihren strauchelnden Fuß auf den rechten Weg, wie er sie damals aus dem Irrgarten geführt hatte.

Die Pflicht!

An diesem Wort, das sie einst hart und ungalant genannt hatte, richtete sie sich allmählich auf. Ja, es war in ihre Hand gegeben, ihr altes Leben zu beschließen und ein neues zu beginnen. Sie wollte ihre Pflicht thun als deutsche Fürstin, wie er sie that als deutscher Fürst.

Die Kerzen auf dem Betpult waren tief herabgebrannt. Bevor Dorothea sie löschte, zog sie aus den Andachtsbüchern das kleine Gebetbuch ihrer Großmutter hervor. Ihr Blick fiel auf eine Stelle, welche die nun längst in Staub zerfallene Hand vorgestrichen hatte:

„Herr, ich bin der Thon, Du bist der Töpfer und Werkmeister.“

Draußen graute der Tag. Der frische Thüringer Wind, der so kühl und spröde an den Felsen und Wäldern wird, daran er sich unablässig stößt, rauschte wie munterer Morgengruß um den alten Opferbaum des Donnergottes; zwischen den Erlen am Saalufer verschwanden die Nebelgestalten mit ihren weißen dünnen Armen und winkenden Schleiern; in Dorndorf bespannten die Bauern den schweren deutschen Pflug, und drüben am Wiesenrain kroch der alte Hirt aus seiner Bucht und zog den Schafpelz über die Ohren.

Als der erste Sonnenstrahl die Zinnen der Dornburg traf, da wirbelte ein zartes Rauchwölkchen aus dem Schornstein über der Wohnung des fürstlichen Fräuleins. Rosig angehaucht, kräuselte es sich und verwehte in der klaren Lust wie ein flüchtiger Traum.


An einem der nächsten Tage ließ Frau von Tautenburg Seife kochen. Unter ihrer Aufsicht mußte Grethe im Wirthschafshof Asche in den Laugenkorb schaufeln.

Da schimmerte es bunt aus dem grauen Häuflein. Sie zog ein Endchen verkohlte gewirkte Borte heraus, daran noch Goldleder hing und das winzige Zipfelchen eines rosenfarbigen Herzens, das nun in Wahrheit verbrannt war.

Frau von Tautenburg kannte die Haderlümpchen. Gewichtig nickte ihr würdiges Haupt. Schade, daß die Läuterungen, welche die Menschen erfahren, so selten zu einer Zeit kommen, da sie dieselben zu nützen vermögen auf ihrer Erdenwallfahrt.

Dann schritt sie in die Stube, hielt ihrem Töchterlein den Fund vor die Augen und sprach: „Solches ist das Ende der Alamodenarrethei. Das kommt davon, wenn den Kindern nicht zu rechter Zeit durch den Sinn gefahren wird.“

Käthe hörte es kaum. Sie stand am Fenster und lugte verstohlen nach dem Weg hinab, der ins Saalthal führte.

Dort ritt Junker Utz auf seinem Rothschimmel heran. Wie das Wunderthier Chamäleon schaute sie zugleich nach zwei verschiedenen Seiten: nach dem Reiter und dem Fenster der Hofjungfrau. Da steckte die Zudringliche wahrhaftig die lange Nase heraus.

Na warte! Käthchen zeigte sich auch.

Der Utz traute erst seinen Augen nicht. Dann zog er den Hut tief vor ihr. Sie mußte gestehen: er hatte es ganz hübsch gelernt bei seiner Aufwartung als Hofjunker.

Und sie machte ein steifes Knixchen.

Da schaute er sich noch einmal um nach ihr.

Wie er roth geworden war! Es fiel ihm nicht ein, nach der dürren Hopfenstange hinzublicken. Die mochte nur das Fenster zuschieben. Sie aber wollte wacker aufpassen, daß der Hofjungfrau der Spaß verdorben würde.

Da hatte sie viel zu thun; denn nach dem Heu wurde der weißgelbe Roggen, dann der rostfarbige Weizen eingeheimst. Und der Utz ließ es sich nicht nehmen, jeglichen Wagen auf dem jährlichen Weg unter der Dornburg hinweg zu geleiten.

Und über der neuen Sorge um den Junker Utz entschwand der alte Gram um den Vetter Achatius. Wer hätte das gedächt?

Ja, wer hätte das gedacht?

Diese Frage legte sich jeglicher Bewohner der Dornburg jetzt vor: die Frau Witwe, so oft ihr schönes Kind an dem Klavicymbel sich niederließ und die zarten Finger so ernste Accorde suchten; das Frauenzimmer, wenn es mit dem fürstlichen Fräulein unter dem Dächlein saß, statt des Schäferromans die Noth-, Bitt- und Betthränen Flehender las und an Stelle seidener Hirtentäschlein warme Schauben und Röcke für arme Unterthanen nähte; und die Kammermägdlein, als der welsche Händler, der heuer wie in jedem Herbst die Dornburg heimsuchte, seinen goldgewässerten Moor und die Silberspitzen wieder einpacken mußte, weil das fürstliche Fräulein kein Begehren danach trug.

Wer hätte das gedacht? fragte auch er verdrießlich. Die Kammermägdlein suchten ihn damit zu trösten, daß er zum Schloßhauptmann berufen sei.

Er aber klagte: „O, Frau von Tautenburg! Nix Brokat, immer Kartek.“

Mißmuthig wanderte er hinüber nach der Wohnung des Schloßhauptmanns und begann seinen ehrenwerthen Kartek auszubreiten. Aber diesmal rief Herr von Tautenburg: „Nix Kartek! Legt uns Damast und Goldposament vor!“

Der geschmeidige Welsche fand sich sofort darein. Vor den Augen der beiden Tautenburgerinnen entfalteten sich Prachtstoffe, in allen Farben des Regenbogens.

Der Schloßhauptmann lugte aus seinen zugekniffenen Augen Käthen an. Die schaute unverwandt auf einen karmoisinfarbigen Damast. Schüchtern hielt sie eine breite Silberborte darauf. Es war ein herrlicher Anblick.

Ihr Vater raunte ihr zu: „Dieses Zeug würde ich Dir zum Brautkleid erwählt haben, wenn Du den Junker Utz genommen hättest. Nunmehro wird sich die Hofjungfrau dasselbe kaufen.“

Käthe sah ihn hinterhältig an und ging zur Thür hinaus.

Er blinzelte pfiffig hinter ihr her, legte nun Beschlag auf den Stoff, kaufte auch noch seinem Ehegemahl einen sammetnen Rock und einen Schürzeneinsatz von Atlas, der mit goldenen Wespen gestickt war.

Der Händler zog vergnügt ab. „Nur Sammet und Seide! Nix Kartek!“ –

Käthchen war indessen nachdenklich zum Burgthor hinaus in den schattigen Hain gewandelt. Ruhe und Kühle umfing sie. Das Schreien und Peitschenknallen der Erntearbeiter tönte nur gedämpft herein in die Laubhallen, einzelne Sonnenlichter zitterten auf den schon falb sich färbenden Waldgräsern.

In ihre Gedanken verstrickt, schritt sie weiter und stand plötzlich unter der alten Ulme, die nun schon seit Jahrhunderten auf die Freude und das Leid der Menschenkinder herabschaute. Sie setzte sich zwischen die starken bemoosten Wurzeln und stützte ihr gedankenschweres Köpfchen sorgenvoll in die Hand!

Unter allen Leiden der Jugend ist eines der schwersten, daß sie so oft nicht weiß, was sie will. Also erging es auch Käthchen. Sie wollte ja das schöne Gut, den Hühnerhof und das karmoisine Kleid.

Und auch den Utz?

Das war es ja eben, was sie nicht wußte. Nur eines stand fest: Wenn die Hofjungfrau ihn heirathete, so war dieses das größte Unglück, welches auf Erden geschehen konnte.

[809] Käthchens Blick lief an dem schwarzbraunen rissigen Stamme der alten Ulme empor zu dem hohen Wipfel, der leise und feierlich rauschte. Einst sollten hier weise Frauen Rath ertheilt haben. Das Volk schlich noch jetzt nächtlicherweile herauf und band an seine Zweige in Leinenläppchen seine Leiden. Und es ging die Rede, daß die alte Ulme immer helfe. Konnte sie nicht auch ihr beistehen? Sie verdiente ja sonst nichts weiter, als umgehauen und zu Klaftern geschlagen zu werden.

Der Wind rauschte stärker in dem Wipfel – ein Krachen folgte und ein langer dürrer Ast fiel herab. Aber auch von der andern Seite wurde ein Rauschen und Knacken vernehmbar. Sie bog sich vor.

Da kam so der Junker Utz durch das Gebüsch geschlichen. Vorsichtig stieg er in seinen hohen Stiefeln über die Brombeerranken, leise bog er die Haselstauden aus einander und lugte hinaus nach der Dornburg, wo die Fenster von Käthchens Stübchen herabschauten. Aber es war dort gar nichts zu sehen. Da wandte er sich und kam langsam des Weges daher. Sein ehrliches Gesicht sah nachdenklich und traurig aus. Er seufzte tief auf. Dieser Seufzer kam nicht vom engen Leibgurt, sondern geradeswegs aus dem Herzen.

Und jetzt stand er vor ihr. Er schrak zusammen und starrte sie an. „Wie kommt Ihr hierher?“ fragte er.

Einen Riesen zittern zu sehen, macht kleinen Leuten allezeit Vergnügen. Käthchen lächelte unter ihrem Haarbüschchen vor und sagtet: „Das frage ich Euch. Ich wohne ja hier – gleich da oben.“ Sie deutete nach dem Fensterlein, das er eben bespäht hatte.

„Ich dachte – ich hatte – ich wollte einmal hinab und nach meinen Weinbergen sehen,“ stotterte er.

"Da reitet Ihr doch immer, Junker,“ quälte sie ihn.

Er stotterte weiter: "Ich – ich habe mein Pferd vergessen.“

"Da müßt Ihr also wieder heim,“ bedauerte sie schelmisch. Sie wandten sich zur Rückkehr. Da prasselte und rauschte es hinter ihr her im Gras.

„Ein langer Ulmenast hat sich an Euren Rock gehakt, Jungfrau Katharine,“ sagte Utz. „Man nennt das einen Freier. Wollt Ihr ihn los sein?“

"Ach ja!“ erwiderte sie. Er wurde roth. Doch bückte er sich und löste den dürren Ulmenzweig von Käthens Rocksaum. Da er sich wieder aufrichtete, schauten seine Augen sie treuherzig, aber voll tiefen Ernstes an.

Und siehe der Blick ging ihr durch und durch.

"Sagt aufrichtig,“ sprach er mit bebender [810] Stimme, „soll ich Euch den langen ungefügen Freier vom Hals schaffen?“

Sie griff zögernd nach dem Ulmenast. „Er gäbe doch vielleicht einen ganz guten Stab ab,“ flüsterte sie.

„Ein solcher würde er werden,“ sagte Utz warm und fest. „Ein treuer Stecken und Stab, darauf Ihr Euch Euer Leben lang stützen dürfet.“

„Dann schafft ihn nicht fort; ich will ihn lieber behalten,“ sagte Käthchen leise.

„Den Stab allein?“ sprach Utz nun lachend und bog sich herab, daß er ihr in die Augen sehen konnte.

„Nein, auch den Freier,“ hauchte sie verschämt.

Da gab er ihr einen herzlichen Kuß.

Dann gingen sie nach der Dornburg zurück. Käthchen neigte sich nicht dankend gegen die alte Ulme, die ihr helfend den langen Freier angehangen hatte. Die Jugend hat viel zu viel mit sich selbst zu schaffen, als daß sie Zeit hätte, an Erkenntlichkeit zu denken. Erst viel später, wenn die Stürme des Lebens durchgekämpft sind, mahnt das Gewissen an manch vergessenes ,Hab Dank’.

In der Dämmerstunde dieses Tages saß das Brautpaar fröhlich auf dem Fensterbänkchen. Utz behing seine Braut mit goldenen Ketten, und diese dachte: Die Welt ist gar schön, und wenn der lahme Schloßvogt sagt, sie sei ein Zammerthal, so ist er ein griesgrämlicher Greis.

Auf der Ofenbank durfte endlich der Schloßhauptmann einmal ruhig schnarchen.

Da schlich Frau von Tautenburg in das Geheimstüblein ihres Ehegesponsen.

Sie holte aus seinem Schreibschrank einen Stoß Papierbogen, dicke, graue, mit faserigen Rändern versehene, und legte sie auf den großen Tisch, pflanzte ein mächtiges Tintenfaß auf, füllte es bis an den Rand und langte endlich ein halbes Mandel Federn hervor, die der Küchenschreiber hatte frisch schneiden müssen. Sie streifte die Puffärmel auf und setzte die Haube ab. Sie wollte schreiben und das – sie wußte es – kostete allezeit einen tüchtigen Schweiß.

„Die stille Abendstunde,“ sprach sie für sich, „kann ich nicht besser nützen, als indem ich meinem würdigen Vetter den Aerger heimzahle, den er uns eingerührt hat, und ihm für immer die Lust zu einem Besuch auf der Dornburg versalze.“

Sie setzte sich vor das Schreibgeräth. „Vorerst zeige ich ihm die Verlobung unserer Jungfrau-Tochter an, auf daß er sieht, es kräht kein Hahn mehr nach ihm. Nunmehro aber kann es losgehen!“

Und die großen Buchstaben quollen förmlich aus der Feder:

„Ich will Euch nicht verhalten, daß sich auf der Dornburg eine wunderbarliche Veränderung zugetragen hat. Itzo würde das fürstliche Fräulein nicht den Namen ,die Freudige’ küren. Nimmer schallt mehr der leichtfertige Mimi aus Hochdero Fenster, sondern das Leiblied ihres in Gott ruhenden Vaters: Erhalt uns, Herr, bei Deinem Wort. Der welsche Händler, dessen beste Kundin Ihro war, hat sich diesmal an unserer Armuth erholen müssen; die Hochzeitskleider waren sein einziger Verdienst auf der Dornburg. Wie ein bescheidener Viol ist die junge Herzogin anzuschauen, und gleich diesem duftet ihr Verdienst in der Stille, bei Armen und Kranken, in der Schule und in der Kirche. Sie hat geruht, sich dahin zu äußern, daß ihr Sinn nach nichts mehr stehe in dieser Welt, denn nach dem stillen Plätzlein einer Abbatissa im Stift Quedlinburg. Und als schickliche Vorbereitung zu dieser Würde hat sie den Alamodeteufel gründlich ausgetrieben, wie solcher Ausgeburt der Hölle gebührt. Im Feuer wurden verbrannt der Schäferroman, das Hirtentäschlein, der Schäferstab.

Darumb ist jeglichem alamoden Monsieur zu rathen, daß er sich der Dornburg fern halte, dieweil ihm hier der Prozeß gemacht, er elendiglich zu Asche verbrannt, und diese in die Winde gestäubt wird.“

Sie unterschrieb und siegelte den Brief.

Dann überantwortete sie ihn der Botenfrau, welche zwischen Dornburg und Weimar ging, und diese legte ihn zu dem andern Schreiben, das ihr die Frau Hofmeisterin an die Weimarer Hofmeisterin mitgab.


Hatten die kommenden Ereignisse ihre Schatten auf die stille Dornburg vorausgeworfen, so sah man ihnen in Weimar schon klarer in die Augen.

Nicht mehr durften die Bewohner der Stadt des Einspruchs festlich geschmückter Gäste gewärtig sein. Dagegen sprengte eines Morgens Herzog Bernhard mit seinem waffenklirrenden Gefolge zum Thore hinaus; er zog ab, um der Belagerung von Herzogenbusch durch den Prinzen von Oranien beizuwohnen und neue Kriegserfahrungen zu sammeln. Ein andermal wurden, in stiller Nachtstunde Hufschläge vernommen. Dann munkelte es, Herzog Wilhelm sei fortgeritten, nur von einem Kapitän und etlichen Leibgardisten begleitet; es gelte geheime Rüstungen. Die Staatskutschen hatten Ruhe in ihren Schuppen; schlicht war der Wagen, in welchem Herzog Ernst mit dem Superintendenten zu Kirchenvisitationen fuhr, auf daß die evangelische Lehre lauter und rein erhalten werde.

Zur Zeit weilte nur Herzog Albrecht in Weimar und führte die Zügel der Regierung. Er empfing Botschaften und fertigte Kuriere ab, richtete und schlichtete, wie es einem Fürsten geziemte. Aber wenn er den getreuen Unterthanen sich zeigte in der Kirche oder auf dem Gang zur Rathsstube, meinten sie, er sehe so gestreng aus wie ein Steinbild. Nie mehr spielte der gute Humor um seine Lippen, seit das Ehewerk an einem geheimen Pflöcklein sich gestoßen hatte und gescheitert war.

Aber so viel sich auch verändert hatte, Frau von Hellingen war die Alte geblieben.

„Michel!“ rief sie in die Küche hinab, wo ihr Knecht der Müllerin Rüben putzen half. „Es ist ein frischer Morgen; heize den Ofen!“

Michel verschwand mit Scheiten, Gabel und Blasebalg im Ofenloch, und bald that prasselnd und knackend die alte Weide den letzten Dienst ihres Erdenlebens.

Auf dem Sorgenstuhl, dem einzigen ansehnlichen Zimmergeräth, das sie aus dem Zusammenbruch feudaler Herrlichkeit gerettet hatte, nahm Frau von Hellingen Platz und zog das Spinnrad heran.

Nach einem langen bewegten Leben ist der Mensch nicht verlassen, wenn er auch einsam ist. Die Erinnerung wacht auf und läßt längst verschollene Stimmen ertönen, längst verblichene Bilder aufleuchten. So erging es auch der stillen Frau. Das leise schnurrende Rad erzählte ihr von der Zeit, da sie die ersten Hemdchen darauf spann für die Söhne, welche der Herr ihr gegeben und wieder genommen hatte; es erinnerte sie daran, mit welcher Freude sie dereinst das feine Garn abhaspelte, das so sonderlich gut gerathen und alsdann doch nur das Sterbekleid ihres Eheherrn geworden war. Jetzt hing der seidigste Flachs, den sie je auf dem Stammgut gebaut hatte, am Rockenstab. Sie spann ein Stück Leinwand für die Trude, das Nesthäkchen, welches ihr allein übrig geblieben war. Und als sie an das letzte liebe ihr angehörende Wesen dachte, schloß sie ihr Sinnen mit dem innigen Wort: „Der Name des Herrn sei gelobt.“

Die alte Stiege knarrte. Da kam sie. Rasch eilte sie herein, ein feines Roth auf den Wangen. Die Mutter blickte erstaunt die Athemlose an.

Da sagte sie, eifrig bemüht, ihre Aufmerksamkeit von sich abzulenken: „Ich komme zu ungewohnter Zeit, lieb Mütterlein. Wir haben heute in der Apotheke Brustkuchen gebacken, und die Frau Herzogin hat mir befohlen, Euch dieses Stück zu bringen für vorkommende Gebreste.“

„Ihro Gnade hat eine milde Hand,“ sprach Frau von Hellingen. „Gott sei Dank, daß ich jetzo dergleichen nicht bedarf. Aber Du selbst solltest ein Stücklein nehmen; Du bist ja ganz engbrüstig.“

„Ach nein,“ entgegnete Gertrud verlegen, „ich bin nur so gelaufen.“

„War der Spitz hinter Dir her?“ fragte Frau von Hellingen.

„Ach nein,“ erwiderte abermals Trude, während sie sich mit ihrem Mantel am Ofenhaken zu schaffen machte. Endlich, da ihre Mutter sie erwartend ansah, kam es leise von ihren Lippen: „Der Hofmeister von Krombsdorff war einmal wieder beihanden.“

„Vor dem brauchst Du nicht davon zu laufen,“ sagte geruhig ihre Mutter, das angehaltene Rad wieder in Schwung bringend „Das ist ein Mann nach altem Schrot und Korn, der ohne Laune Ehre giebt, dem Ehre gebührt.“

„Mein Mütterlein irrt in der großen Güte ihres Herzens,“ entgegnete Trude beklommen; „der Hofmeister ist ein alamoder Kavalier. Meine Gefährtin im Hofdienst, Benigna –“

„Laß Dir von ihr nichts weismachen,“ unterbrach sie Frau von Hellingen. „Alle Tage läuft sie ihm hier in den Weg. Er geht oft in die Mühle; ich denke mir, der Müller hat zu stark gemetzt bei dem Mehl für den fürstlichen Haushalt. Da kommt [811] sie bald aus der Stadt gestelzt, als sei sie vom pflastertretenden Spazierteufel besessen; bald im Hauskleid vom Backhaus her gewippt. Aber er ist ein rechtschaffner Junker. Ich muß gestehen, er weiß zu verschwinden wie ein echter Hofschalk.“

Gertrud schüttelte kummervoll den Kopf. „Ich habe gesehen, welche Geckerei er bei der großen Festivität getrieben hat, die im Mai allhier stattfand.“

„Zur Geckerei gehören immer zwei,“ entschied ihre Mutter.

Gertrud seufzte: „Ach nein, es war ein halbes Dutzend.“

Frau von Hellingen spann gelassen weiter. „Es giebt Männer, an denen das Frauenzimmer hängt wie die Mücken an unserem Honigtopf, ehe die Kroaten die Bienenkörbe zerstört hatten.“

Gertrud schüttelte traurig den Kopf. „Ich fürchte –“

„Man muß nicht immer fürchten, man muß auch hoffen,“ sagte Frau von Hellingen getrost.

Ein Zischen auf der Ofenplatte, dem ein würziger Duft folgte, unterbrach sie.

„Da mahnt es mich,“ lächelte sie und ging nach der Röhre, um die in derselben bratenden Aepfel zu wenden. „Die sind von dem Borstorfer Baum, vor unserem ehemaligen Haus. Der machte auch immer lange Wasserreiser, statt zu blühen. Dein seliger Vater wollte ihn umhauen und eine Frühbirne dahin setzen lassen. Aber ich sagte: ‚Das ist die Art, dieser edlen Bäume, daß sie lange Faselhänse bleiben, ehe sie Früchte bringen. Dafür sind es dann auch Borstorfer. Habt Geduld!‘ Und richtig! Welche Prachtäpfel sind das! Die Sippe hat sie mir vom Gut geschickt,“ fuhr sie schlau lächelnd fort. „Seit man dort weiß, daß ich ein Ohr am Hof besitze, hat man immer etwas für mich übrig.“

Sie legte die Aepfel in ein zinnernes Mülderchen, setzte dieses einladend vor Gertrud hin und brach selbst eine dampfende Frucht auf.

Mit einem fast liebevollen Blick sah Gertrud auf die gebratenen Aepfel nieder. Sie stammten von dem Baume, unter dem sie als Kind mit ihrer Docke gespielt hatte. Sein Wipfel war es gewesen, der ihr am längsten nachschaute, als sie mit ihrem kleinen Habeigen auf dem Wägelchen fort fuhren. Bäume wachsen nicht nur in die Erde, auch in das Herz. Und dem schönen frischen Apfelbaume sollte sie den Mann vergleichen, vor dem sie sich immer ängstlich hütete, je schwerer es ihr wurde, ihn zurückzuweisen?

Noch unruhiger und beklommener, als sie gekommen war, ging sie wieder. Einen scheuen Blick warf sie hinüber nach den Weiden, von welchen der Herbstwind die schmalen Blätter herabwehte. Die schlanke Gestalt, die vor einer Stunde dort gestanden hatte, war verschwunden. Vielleicht gab er es doch endlich – endlich auf, ihr nachzustellen, um ihre Liebe zu werben von früh bis spät, wie er jetzt es that.

Wenn sie zum Dienst in die Gemächer der Herzogin Eleonore sich begab, begegnete sie ihm auf dem Korridor und mußte seinen ehrfurchtsvollen Morgengruß entgegen nehmen. In der Kirche stand er neben ihr im Gebetstüblein, und sie vernahm den tiefen Seufzer, der auf dem Weg nach den Lippen erstickt wurde und dennoch ihr Herz beklemmte. Und wenn sie im Vorgemach ihrer Herrschaft harrten, er an der Spitze der Hofherren, sie als letzte des Frauenzimmers, da suchten die großen vorwurfsvollen Augen sie, und das leise bittere Lächeln seiner Lippen sagte: Wie lange willst Du mich noch quälen?

Vielleicht war er dieser Mühen überdrüssig geworden und gönnte ihr endlich Ruhe.

Ruhe! Sie wollte aufathmen bei dem Wort. Aber sie vermochte es nicht. Ruhe sollte sie finden, wenn er hinfüro an ihr vorüber glitt kalt, höflich, fremd?

O, ihre Mutter hatte recht gehabt: es war ihm Gewalt gegeben über alle Frauenherzen. Wie war es möglich, daß auch sie sein Bild nicht aus ihrer Seele tilgen konnte, die doch wußte, sie reizte ihn nur, weil sie ihm Widerstände leistete?

Sobald sie seinen Künsten erlegen war, würde es ihr gehen, wie es jetzt der blonden Benigna ging: er würde sie fliehen.

Ein heißes Roth färbte ihre Wangen. Dann richtete sie sich auf. Nein, so weit mußte ihre Kraft ausreichen, um dieser tiefsten Demüthigung zu entgehen.

Als sie im Grünen Schloß anlangte, tönte ihr eine kräftige Kinderstimme schon im Korridor entgegen. Der kleine Prinz geruhte ungnädigst zu schreien. Die Thür seiner Stube öffnete sich; die Amme stürzte mit angstrothem Kopf heraus und sah sich nach Beistand um. Sie winkte eilig Gertrud heran.

Drinnen tänzelte die erste Wärterin das Herrlein und klagte: „Der Prinz ist nicht zur Vernunft zu bringen.“

Auf dem Tisch stand die kleine Silberschüssel mit der Suppe, lag das goldene Löffelchen, beide so schön geformt, als hätten Zwerge das Geräth für das fürstliche Kind geschmiedet. Die Spur der Brühe auf dem Tischtuch zeigte, daß dasselbe sich kräftig geweigert hatte, sein Mahl zu verzehren. Sein großblumiges grünes Wämschen saß schief, und an den goldenen Ketten, die sich von der runden Schulter nach dem goldgestickten Ledergürtel zogen, arbeiteten die kleinen Grübchenfäuste, um sie abzureißen.

Die Amme sang ihm vor: „Eia popeia!“ Er zauste sie dafür tüchtig an den langen Bändern ihrer Mütze. Die Wärterin holte eine kunstvoll in einander gefügte Elfenbeinkugel aus einem kleinen Schreine, wo allerhand Spielzeug stand. Sie stammte von Herzog Wilhelms eigener kunstfertiger Hand. Das Söhnlein warf sonder Ehrfurcht die Kugel der aufgeregten Wärterin an den Kopf.

Gertrud nahm den kleinen Herrn auf den Schoß, hielt sanft die herumwirthschaftenden Händchen fest und sprach leise, beruhigend auf ihn ein. Er strampelte aus allen Kräften.

Da mußte sie plötzlich aufsehen. In der halb geöffneten Thür stand der Hofmeister von Krombsdorff, blaß, sonder Prunk gekleidet wie jetzt immer, und schaute sie unverwandt mit seinen düsteren Augen an. Als er ihr fruchtloses Bemühen mit dem Prinzen sah, lachte er spöttisch. Sie erschrak und sah weg. Im nächsten Augenblick war er verschwunden. Die athmete wieder auf und bemühte sich weiter, den ungebärdigen Prinzen zu beschwichtigen.

Da hörte sie wieder den flüchtigen Schritt, und da trat er in das Zimmer. Er trug eine schuhhohe Docke in der Hand, die einen Trommelmann darstellte. Den Staub davon abblasen, ein Uhrwerk im Innern aufziehen und das Spielzeug vor den Prinzen stellen, war das Werk eines Augenblicks.

Nun schnurrte der kleine Automat grimmig, bleckte die Zähne, drehte den Kopf und trommelte, während ein kleiner schwarzer Hund aus dem Kober auf- und absprang.

Und siehe! der Harm des kleinen Prinzen legte sich. Er hörte auf zu schreien, schaute aufmerksam dem Trommelmann zu und – lachte endlich.

„Herzog Bernhards Spielzeug thut noch einmal seine Schuldigkeit,“ sagte Achatius, ohne Gertrud weiter zu beachten. „Aber,“ fuhr er in befehlendem Tone, zu der Amme gewendet, fort: „das Süpplein ist kalt und halb verschüttet. Laßt sofort eine frische Milch kochen! Nehmt auch den Löffel mit! Daß mir das Geschirr ordentlich von der Silberwäscherin gereinigt wird! Und,“ sprach er zu der ersten Wärterin, „gedenket Ihr, den Prinzen in solch zerzaustem Anzug zu der Frau Herzogin zu bringen? Suchet ein anderes Wämslein in der Kleiderkammer aus! Vergeßt nicht, ein wohlgestärktes Kräuschen einzuheften!“

Beide gehorchten eiligst und eilten hinaus.

In der gewohnten hofmäßigen Haltung trat Achatius dicht neben Gertrud und, ohne eine Miene zu verziehen, sprach er mit leiser durch das Trommeln verdeckter Stimme: „Achtet wohl darauf, Jungfrau von Hellingen: alle Mittel müssen am rechten Ort angewendet werden, sollen sie helfen. Die Elfenbeinschnitzereien thaten ihre Schuldigkeit, als der junge ritterliche Herzog selbige der schönen Kaiserin verehrte. Und ich weiß ein anderes Herrlein, das Ihr glücklich machen könntet, wenn Ihr seine Hand in Eurer hieltet und sanft zu ihm sprächet.“

Sie mußte die Augen abwenden. Das schmerzliche Lächeln, das sein schmales Gesicht nur matt erhellte, schnitt ihr in die Seele. Aber sie faßte sich gewaltsam.

„Das Herrlein wird gut thun, auf solches Glück zu verzichten,“ sprach sie, und ihre Stimme klang wie eine zu hart angeschlagene Saite. „Der Mensch muß gar manchem entsagen, was er nun einmal nicht haben kann.“

Das Uhrwerk war abgelanfen; er zog es eilig widoer auf. „Ihr habt Euch seit Monaten bestrebt, mir solches klar zu machen,“ entgegnete er bitter. „Und ob Ihr auch meiner lachen solltet, ich verhehle Euch nicht, daß mein Herz, zerrissen ist von Eurer starren Kälte. Aber sagen muß ich Euch doch: All Eure Sittsamkeit, Euer Stolz, Eure unnahbare Würde, sie erscheinen mir geringe Tugenden gegen die höchste im Diadem der Frau, gegen die hingebende Liebe.“

„Hingebende Liebe!“ wiederholte Gertrud fast schrill, und da der Trommelmann wieder nachließ im Schnurren; zog nunmehr [812] sie ihn mit fliegenden Fingern auf. „Hingebende Liebe! Wie oft ist es hingeworfene Liebe!“

Er wurde todtenbleich. „So verächtlich erscheine ich Euch?“ fragte er mit tonloser Stimme. Und leidenschaftlich fuhr er fort: „Spricht nichts, nichts in Eurem Herzen für mich? Ist nicht ein Plätzlein in Eurer Seele, dahin sich ein milderes Gefühl für mich versteckt hat? Und wenn es auch nur ein schwacher Funke Mitleid ist, laßt ihn mir zu gute kommen; ich flehe Euch an.“

Er stand vor ihr, die schlanke biegsame Gestalt demüthig gebeugt, mit den Augen in ihrem Blick sich festsaugend.

Und mit einem weichen zitternden Ton, wie er ihn noch nie von ihr gehört hatte, sprach sie: „Laßt es genug sein der Qual! Auch ich flehe Euch an.“

Da schwieg er. Der sanfte Ton hatte eine Gewalt über ihn, der er nicht zu widerstehen vermochte.

Die Wärterinnen kamen zurück. Und jetzt geruhte das Prinzlein, seine Suppe zu verzehren, indem es über den vorgehaltenen Löffel hinweg nach dem schnurrenden Trommelmann schaute. Es sah auch mit gnädigen Augen das wohl geglättete neue Wämschen an.

Der Hofmeister hatte nichts mehr in der fürstlichen Kinderstube zu schaffen. Er ging davon. Und nun rief ihm der alte Papagei aus dem Vorzimmer in gütevollem Tone nach: „Armes Papchen! ganz allein!“ Achatius drückte die Hände zu Fäusten zusammen.

Als er aus dem Schloß trat, fand er den Hof belebt von fremden Trompetern. Sie hatten Briefschaften aus Koburg und Eisenach an die Herzöge von Weimar gebracht. Der Page Conz verschwand eben mit denselben im Portal. Einen Augenblick tauchte bei der Nennung der Namen in der Erinnerung des Hofmeisters eine Reihe niedlicher Schäferinnen auf, die mit ihren Stäben ihn einhegten. Und er mußte denken, wie tief unter ihm die Irrthümer jener Zeit lagen. Aber er dachte nicht, daß, wer Irrthümer säet, Erfahrungen erntet.

Auch ihm Überreichte ein Lakai ein großes Schreiben. Die Botenfrau von der Dornburg, welche es gebracht hatte, sitze noch in der Schloßküche und thue sich gütlich an Kalbskopf mit aufgestreutem Ingwer. Ob der Herr Hofmeister nicht diesmal etwas mitzugeben habe?

Achatius winkte hastig abwehrend. Mißtrauisch schaute er die Aufschrift an. Nein, es waren nicht die flüchtigen Buchstaben der rundlichen Hofmeisterin. So grimmige Zeichen malte gewißlich nur Frau von Tautenburg.

Er erbrach und las die Epistel. Ein wehmüthiges Lächeln kam auf seine Lippen. Gottlob, die kleine Käthe und der Junker Utz hatten sich wieder zusammen gefunden. Dieser Schuld war er wenigstens ledig.

Und er hatte eine Leidensgefährtin auf der Dornburg: die schöne Dorothea. Wie er sich einst rühmte, den galanten Schäfer spielen und jegliches Frauenzimmer ködern zu können, so vermaß sie sich in ihrem Uebermuth, den Herzog Albrecht in einen Celadon umzuwandeln. Ein Schäferspiel wollten sie beide tragiren; das tragische Ende war gekommen.

„Herr Hofmeister!“ schallte es aus dem Korridor. Conz kam gelaufen. „Ihr sollt Euch sogleich zu meinem Herrn verfügen.“

Achatius folgte ihm auf dem Fuße. Geschmeidig glitt et in das Zimmer des Herzogs Albrecht.

Der fürstliche Herr stand neben seinem Schreibtisch, auf welchem verschiedene erbrochene Briefe lagen. Mit einem unwilligen Blick maß er den tief sich verbeugenden Hofmeister.

„Wir hören üble Dinge von Euch,“ sprach er streng. „Zum ersten haben wir hier einen Brief von unsrem Vetter in Eisenach bekommen. In der Nachschrift schreibt uns Seine Liebden: ,Da Unsre liebe Gemahlin gern ihre Wissenschaft denen zu gute kommen läßt, welche ihrem Schutze anvertraut sind, so bitten Wir, Uns kund zu thun, wann Euer Hofmeister von Krombsdorff geboren ist. Unsre Gemahlin wünscht, ihm das Horoskop zu stellen, um zu erfahren, welche Unsrer Hofjungfrauen er zu freien gedenkt. Denn leider scheinen sie beide auf ihn zu lauern wie zwei Füchslein auf einen wohlschmeckenden Trappen. Die eine rühmt sich eines Kniefalls, die andre behauptet, er werde nächstens ein Mittel gegen Herzensgebreste bei ihr holen.’“

Albrecht ließ den Brief sinken und schaute den Hofmeister an.

Stumm, betroffen stand Achatius vor dem jungen Fürsten.

Dieser griff nach einem zweiten Schreiben. „Auch unser Vetter in Koburg beklagt sich über Euch,“ sprach er und las: „,Und müssen Wir Euer Liebden kund thun, daß durch Euren Hofmeister von Krombsdorff eine arge Unruhe in Unsrem Frauenzimmer angerichtet worden ist. Beide Hofjungfrauen behaupten, jeden Augenblick die Werbung des Hofmeisters erwarten zu dürfen. Die eine pocht darauf, daß er sie seinen Cherub genannt, die andere, daß er sie zu seiner Eva erkoren habe. Und sind sie also verzankt, daß Wir sie vernünftigerweise in die Custodi bringen wollten, welche gerechte Strafe Unsre Gemahlin abgewendet hat.’“

Abermals sah Herzog Albrecht den Hofmeister fragend an.

„Der heidnische Gott Cupido hat sein arges Spiel getrieben,“ murmelte Achatius verwirrt.

„Ihr werdet selbigem Gott fleißig nachgeholfen haben,“ zürnte Albrecht. „Was hat es damit auf sich, daß die Hofmeisterin von der Dornburg bei der Hofmeisterin unsrer Schwäherin anfragt, wo ihr herzallerliebster Bräutigam, der Herr Achatius von Krombsdorff, weile? Er antworte nicht auf ihre Brieflein, und sie habe doch den Verlobungskuß von ihm empfangen.“

Achatius wich voll Schrecken zurück. „Gott soll mich bewahren!“ rief er, die höfische Haltung vergessend. „Vielleicht ist die ehrwürdige Frau mit einer Schwachheit des Hauptes behaftet. Ein Schmätzlein ist kein Eheversprechen.“

„Und,“ fiel Albrecht mit hartem Tone ihm in die Rede, „wie könnte es geschehen, daß der Hofmarschall von Teutleben in Euren Rechnungsbüchern ein Brieflein der Jungfrau Benigna fand, darin sie Euch Vorwürfe macht, daß Ihr nicht zur Buchsbaumgans gekommen seid? Verantwortet Euch ernstlich wegen der Leichtfertigkeiten, deren man Euch beschuldigt, bei unsrer Ungnade.“

Bei jedem Punkt war Achatius mehr zusammengeknickt. Da hatte er nun hingebende Liebe in Fülle. Er wünschte sie in das Pfefferland. Mühsam sammelte er sich. Dann sprach er gefaßt und ruhig: „Fürstliche Gnaden wissen, daß die alamoden Bräuche an vielen Höfen zur Herrschaft gekommen sind. Ich bin mit ihnen vertraut worden, seit ich unter Christian von Braunschweig die Welt kennen lernte. Ich habe gemeint, daß es keine Gefahr mit sich bringe, wenn dieselben bei uns eingeführt würden. Wie in dem Schäferroman habe ich mancherlei Diskussionen über die Liebe gepflogen, geseufzt und geschmachtet, wie es einem Celadon zukommt. Es mag dabei mancher Exceß in der angenehmen Redensart mit untergelaufen sein. Aber hat das Frauenzimmer nicht seinen gläsernen Rath, von dem es erfahren kann, daß zuweilen seine Augen mehr trübe blinzelnden Lichtlein denn Sternen und Vergißmeinnicht gleichen? Ich gebe zu, daß auch die Seufzer erheuchelt waren. Aber das Frauenzimmer weiß, daß der Schäfer vor den Augen der Welt einer Schäferin huldigt, die seinem Herzen gleichgültig ist, um seine wahre Liebe zu verhehlen. Also habe auch ich gethan. Hat das Frauenzimmer meine Reden falsch verstanden, so wollen fürstliche Gnaden einen Milderungsgrund darin sehen, daß ich zum Schäfer zu ungeschickt bin, und daß deutsche Frauen auch zu den Schäferinnen verdorben sind, indem sie jede Diskussion über die Liebe nur als eine Vorbereitung für die Ehe betrachten. Derohalb bitte ich unterthänig um gnädige Strafe.“

Herzog Albrecht hatte unbewegt zugehört. Nur bei Erwähnung der Schäfer war es, als zögen sich seine Brauen noch strenger empor.

Dann erwiderte er kalt: „Strafe habt Ihr allerdings zu gewärtigen. Es ist kein leichtes Vergehen, die Schwachheit vertrauender Frauen, die auf die ritterliche Gesinnung der Männer angewiesen sind, auszunutzen, sie auf Irrwege zu führen und dann im Stich zu lassen. Französische Leichtfertigkeit darf nicht an unserem Hofe eingeführt werden. Auch sind wir unseren fürstlichen Verwandten Genugthuung schuldig für die Unbill, welche ihrem Frauenzimmer von Euch zugefügt worden ist. Ihr werdet den Hof zu meiden haben.“

Achatius war zu Tode erschrocken. Aber nicht die Kränkung seines Stolzes und Ehrgeizes schlug ihn danieder. Er hatte nur den einen Gedanken, daß er Gertrud fürder nicht mehr sehen sollte.

War denn zu den vielen Teufeln, welche die Welt erfüllten, auch noch ein Briefteufel gekommen? Und hätte der Fürst der Hölle denselben gegen ihn losgelassen? Mit dem Schreiben der Frau von Tautenburg hatte er angehoben.

Da zuckte plötzlich durch den findigen Höflingskopf eine Erleuchtung. Er richtete sich auf und sprach: „Ja, ich gestehe es offen ein, ich bin ein leichtsinniger Schelm gewesen, und ich bereue es tief; denn es ist eine große Verwandlung mit mir vorgegangen.“

[814] „In so kurzer Zeit?“ entgegnete Albrecht verächtlich. „Glaubt nicht, uns zu erweichen, indem Ihr den reuigen Sünder spielt.“

Mit niedergeschlagenen Augen antwortete Achatius: „Es sind nicht alle Menschen mit festem Sinn begnadet; es giebt auch schwankende Herzen. Aber warum soll es nicht möglich sein, daß diese doch sich endlich auf den rechten Weg finden? Von meiner niedrigen Person sehe ich ganz ab. Doch ich vermag ein erhabenes Beispiel anzuführen. Fürstliche Gnaden, auch ich habe einen Brief erhalten.“

Er zog das Schreiben der Frau von Tautenburg aus seinem Wams und überreichte es dem Herzog.

Dieser nahm es erstaunt in Empfang. Als er Dornburg las, wandte er sich ab, dem Fenster zu, daß ihn der Sammetbehang halb verdeckte, und begann zu lesen.

Und er las und las. Als längst der Inhalt des ganzen Schreibens ihm bekannt sein mußte, war er noch nicht über die erste Seite hinaus. Es waltete so tiefe Stille im Zimmer, daß das leise Knistern eines umgewandten Blattes dem gespannt lauschenden Ohr des Hofmeisters nicht entgangen wäre. Aber er vernahm nichts.

Achatius wußte, an welchen Zeilen die Augen des Herzogs haften geblieben waren, an den Worten: die Herzogin Dorothea wünsche und erhoffe nichts mehr als das stille Plätzlein einer Abbatissa des Stiftes in Quedlinburg.

Und je länger es still blieb in der Fensternische, je leichter schlug das Herz des jungen Hofmannes.

Endlich wendete sich Albrecht ihm wieder zu. Doch blieb er im Schatten.

Aber – täuschte sich Achatius? Lag nicht eine leise Röthe auf dem sonst so ernsten Antlitz? Strahlten nicht die klaren braunen Augen in lichtem Glanz?

Mit einem tiefen Athemzug und seltsam veränderter milder Stimme sprach der Herzog:

„Vorerst müssen wir Eure Angelegenheit zu schlichten suchen. Ich glaube, es ist das Beste, Ihr trefft eine Wahl unter dem Frauenzimmer, das Anspruch auf Euch erhebt. Da macht Ihr doch wenigstens an Einer das begangene Unrecht wieder gut.“

Aber Achatius erwiderte mit finster gefalteter Stirn: „Fürstliche Gnaden wollen jede Strafe über mich verhängen. Ich will sie als eine verdiente tragen. Aber eine von diesen hingebenden Nymphen zu heirathen vermag ich nicht.“

„Ich will nicht verhoffen, daß Ihr einen Widerwillen gegen den heiligen Ehestand hegt,“ sagte der Herzog.

Stürmisch, erwiderte Achatius: „Bei meiner Seele Seligkeit: nein. Gott weiß es, daß ich kein Glück erstrebe, als das einer christlichen Ehe, nichts ersehne als die Liebe einer Frau, die ich liebe – ach, die ich liebe mehr als mein Leben.“

„Und wie heißt sie?“ fragte Albrecht theilnahmsvoll.

Ohne zu zögern, wenn auch tief erröthend, antwortete Achatius: „Gertrud von Hellingen.“

Albrecht glaubte nicht recht gehört zu haben. „Gertrud von Hellingen? Die Einzige, um die ich Euch nie herumflattern sah?“

Achatius neigte sich demüthig zustimmend. „Die es mir nie gestattet hat.“

„Nun, so wollen wir sie um ihre Meinung befragen,“ entschied der Herzog.

Achatius fuhr zusammen. „Sie hat mich mit grausamer Strenge behandelt,“ sagte er zaghaft.

Herzog Albrecht blickte nachdenklich. „Die Strenge ist in der Hand von uns fehlbaren Menschen wie ein zweischneidig Schwert. Sie verletzt den, der sie übt, oft so schwer wie den, welchen sie trifft.“

„Aber sie hatte ein Recht, mich zu verurtheilen, “ klagte Achatius.

Der Herzog lächelte mild, „Wozu hätten wir das schöne Wort ,Vergebung’, wenn es nie gesprochen werden sollte?“ Dann fuhr er ernst fort: „Was aber Eure Entfernung vom Höfe betrifft, so befehlen wir, daß Ihr Euch für etzliche Zeit nach Reinhardsbrunn begebt. Alldort zeigen sich Wölfe. Ihr habt sonst den Schäfer gespielt; nun möget Ihr der Hirt sein, der unsre geplagten Unterthanen von dem Raubzeug befreit. Die Antwort der Jungfrau von Hellingen werden wir Euch senden.“

Achatius war entlassen. Mit tiefer Verbeugung zog er sich zurück. Das Blut sauste ihm in den Schläfen, daß er nicht sah, noch hörte, während er nach seinem Haus hinüberstürmte.

Er, der so viel Herzklopfen kalten Blutes über Frauen verhängt hatte, meinte jetzt, unter den eigenen Herzstößen ersticken zu müssen. Nicht die Verbannung ängstigte ihn mehr; auch nicht – es war schrecklich! – die Gewissensbisse über all das Frauenzimmer, welches er dahin gebracht hatte, daß es sich anhing wie Kletten.

Aber Gertrud! Was würde sie sagen zu seiner Werbung? Er meinte, den Blick voll Stolz und Reinheit zu sehen, mit dem sie ihn zurückwies, und glaubte in die Erde sinken zu müssen vor Scham. Nie, nie konnte er sich wieder vor ihr sehen lassen. Nun, Gott sei Dank! Es gab wieder Kriegsaussichten. Herzog Ernst dachte daran, sich unter die Fahne Gustav Adolphs zu stellen, wenn dieser den Evangelischen zu Hilfe kommen würde. Dann folgte er demselben wie einst dem Herzog Wilhelm ins Feld und, ruhte nicht, bis er todt geschossen oder gestochen war.

Bei diesem Entschluß besänftigte er sich. Doch stand ihm der Athem still, als die Hausglocke ging und der kleine Conz mit der Bestürzung fürstlicher Dienerschaft bei hereinbrechender Ungnade ein Brieflein überbrachte und eilig wieder davon flog.

Bis in die Lippen erbleichte Achatius, während er das Siegel erbrach. Dann erstarrte sein Blick. Er las noch einmal laut sich selbst vor: „Die Jungfrau von Hellingen erwartet Euch um sieben Uhr bei ihrer Mutter, damit Ihr bei selbiger Eure Werbung anbringen könnt. Sie ist gesonnen, Euch zu ihrem ehelichen Gemahl zu nehmen.“

Noch stand Achatius regungslos. Dann wischte er eine Thräne aus den Wimpern. Es war doch zu arg, daß ein Mann, der mehr als einmal Pulver gerochen hatte, weinte wie ein Kind. Er faltete die Hände, jetzt nicht zum Staat, sondern zu feierlichem Gelöbniß. Er wollte es ihr vergelten, so lange ein Athemzug in seiner Brust war.

[826] Achatius pfiff die Diener in sein Zimmer. Sie fanden ihn, wie er das herrliche Bild Meister Kranachs, die Venus, die mit einem rothen Sammethut bekleidet war, von der Wand hob.

„Schafft mir auf der Stelle das Weibsbild von hinnen in die fernste Rumpelkammer! Ja so! Dahin kommt sie ja auch, wenn sie in dem saubern weißen Schürzchen ihren Umgang hält. Zum Haus hinaus also!“

„Aber,“ entgegnete der Diener, „sie hat so viel Geld gekostet.“

„Fort!“ rief Achatius, mit beiden Händen wehrend.

„Aber –“

„Fort!“ schrie sein Herr, mit dem Fuße stampfend, „oder ich werfe Dich selbst mit hinaus.“

Der Diener enteilte.

„Mein Staatswams!“ befahl der Hausherr aufathmend. „Den Hut mit der langen Feder.“

Athemlos brachte der Leibknecht das Verlangte.

„Welcher Firlefanz hängt da noch? Zum Teufel mit den Favors! Frau Beschließerin, kommt mit der Schere!“

Die dicke Beschließerin wackelte eilig herbei und trennte Schleiflein und Quästchen, den „Galanten“ und den „Schäker“ ab.

Zehnmal schaute er in den Spiegel, aber nicht, um den Bart zu zwirbeln, sondern nur, um zu sehen, ob auch kein Alamodezotten auf die Nase fiel. Die Locken konnte er freilich nicht aus seinem braunen krausen Haar kämmen.

Auf dem Schloßthurm schlug die bestimmte Stunde. Er flog davon, am Rothen Schloß vorbei. Jetzt hörte er schon neben sich die Ilm rauschen, jetzt Mühlengeklapper. Da schimmerten die beiden Fenster durch die Nacht, hinter denen er erwartet wurde. Mit lachenden Lippen, mit blitzenden Augen stürmte er die Treppe hinauf, an der Michel mit einem Oellämpchen leuchtete. Die Thür wurde ihm aufgethan, und er trat gebückt durch die niedrige Pforte.

Da stand sie vor ihm in der großen weißen Schürze; denn sie hatte häuslich gewaltet. Das zeigten die Weinkanne und die Gläser auf dem gedeckten Tisch.

Frau von Hellingens Sorgenstuhl war zu oberst daran geschoben und die Dame hatte fürnehmem Brauch gemäß zu der feierlichen Stunde ihr Kleid mit dem Brokatvorderblatt angelegt; und es paßte wieder, denn auf dem unscheinbaren Zindel saß sie. Würdevoll hielt sie das Fähnlein in der Hand.

Und nun sollte der redegewandte Hofmeister sprechen, wie es schicklich war. Und nun blieb der allezeit Zungenfertige stecken.

„Hochehrenreiche Frau!“ er stockte schon. „Tugendselige Jungfrau“ erschien ihm in diesem Augenblick zu geziert und „geliebtes Mädchen“ zu sagen getraute er sich nicht.

Er schwieg; nur die großen sprechenden Augen flehten.

Aber wunderbar! Sein Verstummen rührte Gertrud mehr, als die schönste Rede es gethan haben würde. Ein leises weiches Lächeln, das ein liebliches Grübchen auf der jugendlich gerundeten Wange bildete, trat in das feine Gesicht.

Auch die würdige Frau von Hellingen konnte seinem Blicke nicht widerstehen; sie half ihm aus der Noth. Mild beruhigend sagte sie: „Unsre gnädige Herrschaft hat uns schon kund gethan, weshalb Ihr kommt. Ihr wollt um Gertruds Hand werben und, wenn Ihr die Zusage empfahen, um meinen Segen bitten.“

Achatius knieete nieder. Diese Aeußerung tiefster Demuth entsprach allein der Zerknirschung seines Herzens.

Frau von Hellingen aber ließ sich durch solch absonderliches Gebühren nicht irremachen. Sie sah ein, sie mußte dem schüchternen Mann unter die Arme greifen, wenn er vom Fleck kommen sollte. Nachdem sie also für ihn bei sich selbst angehalten hatte, fuhr sie in ihrer Eigenschaft als Brautmutter fort: „Wir freuen uns, daß Ihr das gute Zutrauen zu uns heget, und haben beschlossen, Euren Antrag anzunehmen. So reicht Euch denn die Hände!“

Es war das erste Mal, daß Achatius diese feine Hand berührte; er that es so zart, als fürchte er, ein Fingerchen zu zerbrechen.

Bittend schaute er sie dabei an. Einen Augenblick sah sie in das schöne ihr zugeneigte Antlitz. Aber die Zeit, da Achatius, mit spitzen Lippen Küsse hauchend, als Herr waltete und Schmätzlein wie Gnaden vertheilte, war vorüber.

Gertrud schlug die Wimpern nieder, und Achatius küßte ihre Hand. Dann saßen sie beisammen und besprachen die nächste Zeit.

Die Mutter nahm getrost im Geiste bereits Besitz von der großen Stube im Erdgeschoß des Hauses mit dem Rosenstock und billigte ihres Schwiegersohnes Bestimmung, daß der treue Michel bei den Hausknechten mit untergebracht werde, aber auch hinfüro die blau und weißen Farben zu tragen habe.

„Für jetzt gehe ich nach Reinhardsbrunn und halte Wolfstreiben,“ sprach Achatius. „Wenn aber die Weihnachtszeit kommt, dann will ich anfragen, ob das Christkind in seiner Gnade mir Unwürdigem eine liebe Hausehre bescheren will.“

Gertrud sah ihn mit einem warmen Blick an: das war aus keinem Schäferroman zusammengestoppelt.

„Und mich,“ sagte sie, „werdet Ihr bereit finden, als Euer getreues Weib Euch in Euer Haus zu folgen.“

Vom Schloßthurm tönte die neunte Stunde, Herrn Achatius viel zu früh. Aber er folgte der Mahnung. Tief neigte er sich vor der Schwiegermutter.

Gertrud leuchtete ihm zu der steilen Wendeltreppe.

Er ging. Als er schon ein paar Stufen hinab war, sah er noch einmal zurück, halb lächelnd, halb betrübt.

Da setzte sie das Lämpchen auf die Erde, schlang beide Arme um seinen Hals und flüsterte: „Gott geleite Euch, mein liebes Herze!“

Und nun bekam Herr Achatius doch seinen Verlobungskuß.

Unter dem funkelnden Sternenhimmel ging er heim. Aus den Häusern tönten fromme Weisen. Jeglicher Hausherr sang mit Familie und Ingesinde den Abendsegen. Das alte Kampflied Luthers stieg auf wie immer in bedrängter Zeit.

So würde auch er hinfüro mit seinem lieben Weibe allabendlich singen: „Eine feste Burg ist unser Gott.“ Der heilige Weihnachtsabend würde ihn nicht mehr als Nachtschwärmer sehen. Am häuslichen Herd würde er sitzen, während seine Frau die Lichter an der Tanne anzündete, die er nun so manches Jahr nicht gesehen hatte. Und da er jetzt an seiner Thür stand und dem guten Mond gerade ins Gesicht sah, da trug er dem alten Freund aller Liebenden noch einen Gruß an sein Herzgespiel auf. Denn, bei Gott! er war ein deutscher Mann!


Es gab in der nächsten Zeit viel Thränen unter dem Frauenzimmer, das in Weimar so fröhlich mit Achatius geschäkert hatte.

Der Text der Predigten, die ihm gehalten wurden, war derselbe, ob sie nun aus dem Mund der sanften Eleonore, der brünetten Herzogin von Koburg oder der Sternenkundigen von Eisenach kamen. Ja, der Hofprediger der Dornburg, der gerufen werden mußte, um der Hofmeisterin den Kopf zurecht zu setzen, ließ sich gleichermaßen vernehmen: „Nicht umsonst ist die Frau zur Hüterin der Sitte bestellt. Darum rächt sich an ihr eine Verletzung derselben strenger denn am Manne.“

Nachdem sie sich ausgeweint hatten, putzten sich die Eisenacherinnen wieder für das Jagdfest auf der Wartburg, die Koburgerinnen beredeten Kirmeßfahrten nach benachbarten Edelsitzen, Benigna lugte hinter dem jüngsten fürstlichen Rath, dem Sauerhaften, her, und die Hofmeisterin zählte alle unvermählten Junker und alle Witwers an den Fingern zusammen, die im Umkreis von zwei Meilen zu erreichen waren.

Auch die langnasige Hofjungfrau hatte Trost gefunden in einem Klatsch, den sie verbreitete; in selbigem war der Frau von Tautenburg die Rolle der Burgkatze, dem Junker Utz die eines unschuldigen weißen Mäusleins zugetheilt.

Denn nicht umsonst sagt der weise Salomo: „Ein jegliches Ding hat seine Zeit: Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen, Lieben und Hassen.“


Ob die jungen Herzen jauchzten, ob sie klagten, die Jahreszeiten gingen ihren ruhigen Gang. Der Hain bei der Dornburg färbte sich roth und gelb. In den Weinbergen schallte fröhlicher Gesang; die Knechte und Mägde trugen große Körbe voll grüner [827] und blauer Trauben aus dem Saalthal herauf. Die Schwalben umschwärmten in Scharen das graue Gebäu und ließen die Wanderpfeife ertönen.

Bei dem Schloßhauptmann wurde eifrig zur Hochzeit Katharinas mit dem Junker von Hagenest gerüstet. Die Leinwandweben in der Eichenholztruhe waren zerschnitten und mit künstlichen gedoppelten Nähten zu allerhand Gewänden wieder zusammengefügt worden. Dann verfertigte der Hofschneider der Frau Witwe das karmoisine Brautkleid; und saß derselbe im Thurmgemach auf demselben Tisch, wo vor wenigen Monden Achatius seine Bartfutterale ausgebreitet hatte; denn also geht es zu auf diesem Wandelstern, der Erde benamset ist.

Frau von Tautenburg hatte in dieser Zeit als den für ihren Gemüthszustand passendsten Abendsegen den Gesangbuchvers erkiest: „O, wie gar viel Gaben muß der Hausstand haben.“

Und bei all der Arbeit kam der würdigen Frau auch noch zum öfteren fremder Einspruch über den Hals, wie das immer geht, wenn der Haushalt gerade auf dem Kopfe steht.

Eben flatterte die Brautwäsche im Hof und Frau von Tautenburg lobte den Utz wegen des schönen Sonnenscheins, den seine Ehrbarkeit herfürgezaubert hatte – da schallte Hufschlag durch das Thorgewölbe. Ein Trompeter aus Weimar ritt ein mit Briefen an die fürstlichen Damen. Unter den hochgehaltenen Leinen und dem scheltenden Geschnatter sämmtlicher Mägde wurde das staubige Pferd hinweggeführt. War so lange kein Bote von dort gekommen, so konnte er auch jetzt wegbleiben.

Dann als sie die neuen Betten ausgebreitet hatte, um sie zu sonnen, fiel mitten hinein, gleich einer verstörenden Karthaunenkugel, der Hofmarschall von Teutleben aus Weimar. Nun, er war ein geriebener Hofmann, der mit feinem Lächeln sagte, es könne ihn kein besseres Vorzeichen empfangen. Sie verstand zwar nicht, wie er das meinte; aber sie hatte keine Zeit, an der Spitzfindigkeit herum zu klauben. Sie mußte ihren Eheherrn rufen lassen, dieweil der Hofmarschall dringend um eine geheime Unterredung mit der Frau Witwe bat.

Dann wurde auch noch eine stattliche Hoftafel seinetwegen anbefohlen. Waren so große Umstände nöthig für den Diener des Herzogs, der das fürstliche Fräulein – man mochte es drehen und wenden, wie man wollte – doch hatte sitzen lassen? Er hätte die Herzogin Dorothea gar nicht zu sehen brauchen. Statt dessen wurde derselben die Qual auferlegt, mit ihm zu Tische zu sitzen.

Der alte Herr war ja freilich des Lobes voll gewesen, als er mit heiteren Mienen aus dem Residenzhaus zurückkehrte. Er behauptete, das fürstliche Fräulein noch nie so schön gesehen zu haben, wie jetzt in dem violenblauen Sammetrock. Er nannte ihre Blässe fürnehm, rühmte ihre Milde und schien sichtlich erfreut durch die gnädige Gesinnung, die sie ihm erwiesen hätte. Und dabei konnte er, ganz entgegen dem Vetter Achatius, gar nicht die Zeit erwarten, da er wieder auf seinem Pferd saß, um stracks nach Weimar zurückzutraben.

Auch Frau von Tautenburg war froh, als er fort war. Nun würde ja endlich Ruhe werden.

Gott bewahre! Jetzt lebte plötzlich die Frau Witwe wieder auf. Frau von Tautenburg gönnte ja hochderselben alles Gute. Sie freute sich, daß die bedrückte Stimmung, die immer nach gescheiterten Heirathen eintritt, allmählich sich verzog. Aber ob die Herrschaft nicht immer die Dinge am verkehrten Ende anfaßte?

Als das hoch zu wünschende Ehewerk im Gang war, hatte sie die Hände in den Schoß gelegt und selbiges durch ihr übermüthiges Fräulein verfahren lassen. Und nun auf einmal war sie die Thatkraft selbst. Sie setzte ihren Kopf darauf, daß die Prunkgemächer abgestäubt, die Purpurpolster der Wandbänke ausgeklopft wurden. Sie ließ die kostbare Tapezerei mit dem Türkenzug aufhängen und in allen Gastgemächern Betten aufschlagen.

Trotz all dieses Ungefährs wurde endlich doch der Polterabend glücklich erreicht.

In ihrem Stüblein stand Käthe vor dem Spiegel, durchstach die blonden Haare mit kleinen silbernen Schwertern, zog den neuen zeisiggrünen Rock an und legte die rothe Korallenkette um den Hals. Zuletzt hing sie an dieselbe das schwere goldene Kreuz, das ihr die Herzogin Dorothea heute eigenhändig überreicht hatte. Und während sie an dem Glanz sich freute, der von dem ernsten Symbol ausging, spürte sie in ihrem Herzen gegen die erhabene Geberin das herablassende Mitleid, mit welchem Bräute auf ihre noch unversorgten Schwestern niederzusehen pflegen.

Frau von Tautenburg beaugenscheinigte die lange Reihe von Hochzeitskuchen, die auf den Köpfen des sämmtlichen Ingesindes aus dem Backhaus in die Vorrathskammern einzogen. In der Küche loderten helle Feuer, bereiteten Koch und Küchenmägde den Schmaus für den Abend und trugen geheimnißvoll alles seit Wochen angesammelte schadhafte Geschirr herbei.

Da kam abermals ein Kurier aus Weimar in die Quere. Gottlob! er hielt sich nicht lange auf. Eiligst jagte er, mit einer kurzen Antwort der Frau Witwe versehen, wieder davon.

Aber nun regte es sich auch im Residenzhaus. Die Pagen trugen Befehle vom Witwengemach hinauf in das Gestock, wo die Hofmeisterin und die Hofjungfrauen wohnten, und hinab in die Gesindestube. Die Lakaien mußten die Galalivrei anziehen, die Damen in ihre Staatsröcke schlüpfen. Auch der Schloßhauptmann wurde zur Frau Witwe berufen. Als er heimkam, ließ er sein Galakleid bereit legen. Aber auf die feinen Fragen seiner Hausehre antwortete er nur mit einem schlauen Augenblinzeln.

Der Herzogin Dorothea war von ihrer Mutter die Weisung geworden, sie solle sich bereit halten, noch am heutigen Tage einen vieltheuren Gast empfangen zu helfen.

Sie fragte nicht, wer es sei. Ihr war es gleichgültig, ob ein Graf von Rudolstadt oder Gleichen vorsprach. Sie saß in ihrem kleinen Zimmer, dessen Fenster, halb beschattet von der Burglinde, in den Hof blickten, und schaute mit wehmüthigem Lächeln stuf das frohe hochzeitliche Treiben.

Wie viel Freude gab es doch in der Welt! Und wie verschieden fielen die Lose der Menschen! Der treufeste Herr von Hagenest vergab Käthchen, daß ihr Herz zuerst an dem leichtfertigen Hofmeister gehangen hatte. Voll Sicherheit hatte die junge Braut vor ihr gestanden in dem Bewußtsein, es fertig gebracht zu haben, daß ein edler Herr sie von früh bis spät als seine Perle und wahre Krone pries.

Die Glückliche! Wie schwer war es dagegen ihr geahndet worden, daß sie in übermüthiger Jugendlust für einen Schemen, den Celadon, geschwärmt hatte! Sie blieb allein im Frühlinge des Lebens.

Wie hatte sie noch vor wenigen Monden gelacht bei dem Gedanken, daß sie Abbatissa werden könnte! Nun stand es vor ihr, dieses Geschick. Gleich ihrer ältesten Stiefschwester würde sie, das Stiftskreuz auf der Brust, durch die düsteren Gänge in Quedlinburg schreiten, die vor Einsamkeit hallten, ohne Theil an dem frischen Menschenleben, das draußen fluthete, in Wahrheit nun lebendig eingemauert.

Und es war das Beste so. Sie verstand die Menschen ja doch nicht mehr. Nichtt das leichtlebige Pärlein da drüben, nicht das lustige Völklein drunten – nicht einmal mehr die gnädige Mutter. Das hatte sich deutlich gezeigt, als vor einigen Wochen endlich einmal ausführliche Briefe von der Herzogin Eleonore ankamen. Es war ja auch ihr lieb gewesen, daß die sanfte Freundin sich wieder näherte. Sie schrieb so offen und herzlich wie in früherer schöner Zeit. Auch den Herzog Albrecht nannte sie wieder, und Dorothea hatte eine wehmüthige Genugthuung empfunden, als sie las, er sei sehr verändert; der sonst immer zu einem heitren Wort Bereite verhalte sich jetzt allezeit ernst und schweigsam. Aber sie begriff doch nicht, daß die Frau Witwe über den an dieselbe gerichteten Brief, den Dorothea nicht zu lesen bekam, sich also freute, daß sie jetzt von der Hochzeit des Lammes nicht mehr zu sprechen beliebte.

Und vollends unergründlich blieb ihr die Heiterkeit ihrer Mutter nach Teutlebens Vorsprechen. Sie hatte nicht gefragt und ihre Mutter nicht geäußert, um was die geheime Berathung sich drehte. Wahrscheinlich um einen neuen Tausch von Gütern der Altenburgischen und Weimarischen Herrschaft, denn der Hofmarschall hatte von einem demnächstigen Besuch bei ihrem Bruder in Altenburg gesprochen.

Das Wiedersehen mit dem alten Diener, der einst schon ihr und ihrem Gemahl aufgewartet hatte, schien die Frau Witwe gänzlich in die Vergangenheit zurückversetzt zu haben. Unermüdlich plauderte sie von ihren Erinnerungen; und sie konnte so froh lächeln, wenn sie erzählte, wie Herzog Albrecht, da er noch ein kleines Krabbelchen war, ihr einst einen wohlsingenden Hänfling verehrt und mit solchem Geschenk ihr Herz gewonnen hatte.

[830] Sie war so verstrickt in ihre schöne Jugendzeit, daß sie heute sogar den Ring hervorgesucht hatte, den sie bei ihrem Verlöbniß empfing.

Handtreue nannte man solche Ringe. Und während die blasse Fürstin an dem Funkeln der Diamanten und Rubinen sich erfreute, die in der Sprache der Edelsteine feurige Liebe und Beständigkeit in Glück und Leid bedeuteten, sprach sie: „Es ist das Beste bei Verlöbnissen, wenn alles in hergebrachter Weise verläuft. Kluge Menschen haben nicht umsonst die Formeln gefunden, in denen die ernstesten Ereignisse des Lebens sich vollziehen.“

Wie hatte die Mutter es nur übers Herz bringen können, so zu ihr zu reden? Ob wohl alle Menschen so empfanden, wenn sie alt wurden? Ob sie wohl auch einmal die Tulipanen hervorsuchte und darüber lächeln konnte?

Sie schüttelte den Kopf. Aber die Erinnerung an die Blumen wollte nicht mehr weichen. Sie erhob sich und entnahm dem Geheimfach einer mit Perlmutter ausgelegten Spinde ein Päckchen Silberflor. Als sie es mit bebenden Fingern öffnete, lag ein vertrocknetes Häuflein von Blumenleichen in ihrer Hand.

Wie hatten sie in Farbenpracht geprangt, die Herzblätter dem Licht geöffnet, da Er sie in ihre Hand legte! Nun waren die Häupter geneigt, die Kelche für immer geschlossen. Sie wandten sich nie wieder der Sonne zu. Sie waren verblüht, verwelkt, vergangen wie seine Liebe. Es stieg heiß in ihre Augen. Durch den Thränenflor vermochte sie nichts mehr zu erschauen.

Da tönte plötzlich weither der Ruf: „Kiekebusch, wo kommst Du her?“ Und ein anderer antwortete näher: „Wahrhaftig, da ist Kiekebusch.“ Und nun scholl es unter ihren Fenstern: „Hei Kiekebusch!“ Die Kammermägde im Nebenzimmer riefen hinab: „Je Kiekebusch!“ Und das Rufen ging weiter: „Das Hündlein Kiekebusch ist wieder da.“

Dorothea fuhr auf und blickte hinab. Das Ingesinde der Burg lief zusammen- und der kleine Kiekebusch sprang im Kreis umher, am dicken Koch empor, leckte den letzten Knecht in das herabgebeugte Gesicht und war vor Freude schier außer sich.

Draußen vor dem Thore aber tönte das Pflanzen der Hellebarden und eine Stimme, welche sprach:

„Bei Ihrer fürstlichen Gnaden, der Frau Herzogin Anna Maria fragt Seine fürstliche Gnade, der Herzog Albrecht von Sachsen-Weimar an, ob Hochdieselbe ihn empfangen will.“

Zitternd sank Dorothea auf den Fenstersitz nieder. Wie durch einen Schleier sah sie Lakaien, Pagen, den Schloßhauptmann laufen.

Dann schmetterten Trompeten, klirrte Hufschlag. Ein glänzender Zug ritt ein. Voraus blasende Trompeter, Pagen in Gala, der Hofmarschall von Teutleben im Staatskleid und – war es möglich? – Herzog Albrecht im goldgestickten Wams. Hinter ihm ein glänzendes Gefolge; allen voran im schwarzen silberverbrämten Amtskleid ein gelahrter Rath vom Schöppenstuhl in Jena, dem ein Diener mit einem Felleisen voll dicker Folianten nachritt.

Was konnte das bedeuten? So kamen nach deutschem Fürstenbrauch die Freier, um zu werben.

Sie gedachte nicht daran, wie sie dereinst diese Sitte mißachtet hatte; sie drückte die Hände auf das hochaufschlagende Herz. Jetzt nannte sie auch den gelahrten Rath nicht mehr einen Aktenwurm; er war ihr ein glückverheißendes Zeichen mehr. Es ging ihr plötzlich ein Verständniß auf für alle Vorgänge der letzten Zeit, und sie sah dieselben im wohlgefügten Zusammenhang, einem festen Ziele zustrebend. Aber auszudenken vermochte sie nichts.

Der Page der Frau Witwe erschien mit der Botschaft, das fürstliche Fräulein werde in den Prunkgemächern erwartet.

Athemlos flogen ihre Kammermägde herbei mit Perlen und Demantsternen. Sie hielt geduldig still und vergaß, in das Spieglein zu schauen. Dann ging sie in dem dunklen Sammetkleid, auf dem das edle Gestein glitzerte wie Thautropfen auf einem Viol, gemessenen Schrittes hinüber.

Die Vorzimmer waren erfüllt mit dem Gefolge der fürstlichen Herrschaften. Der Page öffnete die Thür zum Staatsgemach und schloß sie wieder hinter ihr.

Die Frau Witwe saß auf dem Thronstuhl mit gerötheten Wangen, sanft leuchtenden Augen. Und Herzog Albrecht stand vor ihr und neigte sich lebhaft sprechend voll Ritterlichkeit ihr zu.

Jetzt erhob er das Haupt und wendete sich. Sie standen einander gegenüber und blickten sich an. Und die Augen hafteten in einander, und die Seelen fragten durch sie: Bist Du es wirklich?

War die ernste Fürstin, die in so stiller beherrschter Haltung vor ihm stand, die freudige Dorothea?

War der junge Fürst mit dem sanften Zug über den Brauen, dem weichen Lächeln der unbeugsame strenge Albrecht?

Und doch! Du bist’s antworteten sich selig die Augen.

In feierlicher Haltung trat der Herzog hierauf vor und sprach zu Dorothea gewandt:

„Aus eigenem tiefinnersten Wunsch und mit Zustimmung der beiden Häuser von Weimar und Altenburg stehe ich hier und werbe um Eurer Gnaden Hand. Ich gelobe vor Ihnen und Ihrer gnädigen Mutter, Sie hoch und theuer zu halten als meinen höchsten Schatz, Sie zu schützen und zu stützen, in treuer Liebe Ihnen zu eigen zu sein, bis der Tod uns scheidet. Und bitte ich Eure Gnaden, mich mit huldvoller Antwort zu versehen.“

Dorothea verbeugte sich tief vor der Frau Witwe. Diese gab durch ein Neigen des Hauptes die Erlaubniß zur Antwort. Und mit zitternder Stimme erwiderte Dorothea:

„Mit Einwilligung meiner gnädigen Mutter gebe ich Eurer fürstlichen Gnaden mein Jawort.“

Es dämmerte ein Leuchten in den topasfarbigen Augen auf; Albrecht wußte nicht, war es eine Thräne, die mühselig zurückgehalten wurde, oder das alte schelmische Lächeln, das ihm erschien wie Duft und Schmelz, unnütz und doch unentbehrlich. Einen Augenblick hielt sie inne. Dann fuhr sie in innigem Tone fort: „Und gelobe ich, Sie als meinen Herrn allezeit hoch zu halten und Ihnen eine gehorsame Gemahlin zu sein.“

Ein gerührtes Lächeln spielte um seine Lippen.

Da erhob sich die Frau Witwe, nahm aus dem kleinen Kästchen, das neben ihr auf einem Kredenztisch stand, den Ring mit den Rubinen und Diamanten und sprach: „Nachdem Sie beiderseits in das Verlöbniß gewilligt haben, mögen Sie zur Bekräftigung dessen die Ringe gegen einander wechseln.“

Sie tauschten die Handtreue aus. Mit einem warmen Druck umfaßte seine Hand ihre Finger.

Und nun schwiegen beide. Keines fand ein Wort mehr, nicht die junge Fürstin bei all ihrer höfischen Kunst, nicht der Herzog trotz seines stolzen, unerschütterlichen Herrenbewußtseins.

Auf ein Zeichen der Herzogin Anna Maria wurden die Thüren geöffnet und das Verlöbniß dem Hofstaat kundgethan.

Da war nun die Werbung vor sich gegangen, ganz wie Dorothea damals unter dem Dächlein ein solches Ereigniß voll Spott geschildert hatte.

Ach, sie dachte nicht an jene Zeit. Selig stand sie neben ihrem Bräutigam und nahm die Bücklinge des Hofstaates in Empfang.

Die Liebe hatte die starre Form belebt.

„Juchhe, Hochzeit!“ tönte es vom Hof herauf. Dazwischen lustiges Gekrach. Alle alten Scherben polterten zusammen. Dazu hoben die Stadtpfeifer von Dornburg im Hochzeitshause an zu blasen und zu fiedeln.

Es war nicht der französische Tanz Mimi, sondern ein echter deutscher Walzer, der mit dem ersten Takt in die tiefste Tiefe zu tauchen scheint, um in den zwei folgenden leichtfüßig empor zu wirbeln. Da entließ die Frau Witwe lächelnd das Gefolge, auf daß es den deutschen Polterabend mitzufeiern vermochte und das junge Paar Zeit zu einer vertraulichen Aussprache fand.

Sie standen unter dem Dächlein Hand in Hand. Die Gelöbnisse, die sie austauschten, waren ernst wie die Zeit, in der ihnen beschieden war, über die Erde zu wallen.

Und in die leisen Reden Dorotheas mischte sich kein französisches Wörtlein mehr. So wenig im Gebet der Mensch von einem andern Volk die Worte borgt, so wenig redet wahre Liebe in fremder Zunge.


Der Sonnenblick, der eine kurze Frist dem geplagten deutschen Volk geleuchtet hatte, erlosch. Die finstern Wolken zogen sich wieder zusammen. Aber in den Wettern, die herniederbrachen, blieb die Liebe der lichte Strahl, der den jungen Paaren leuchtete, bis an ihnen das Wort sich erfüllte des einzigen Dichters ihrer Zeit, der in die Unsterblichkeit, das heißt, in die Litteraturgeschichte sich hineindichtete, das Wort des Martin Opitz: „Ein jedes Ding verstäubt.“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Honoré d’Urfée