Deutsche Weihnachten in Grönland

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Textdaten
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Autor: Dr. Gustav Laube
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Titel: Deutsche Weihnachten in Grönland
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 52, S. 877
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1871
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[877] Deutsche Weihnachten in Grönland. Die Gartenlaube brachte zu vorjährigen Weihnachten eine prächtige Schilderung, wie wir Hansamänner im Jahre 1869 auf unsrer schrecklichen Schollenfahrt mitten im Eis des Polarmeeres, verlassen von aller menschlichen Hülfe, das liebe Fest gefeiert haben. Heute sind wir Schicksalsgenossen von damals alle wohl und munter auf sicherem Grund und Boden an unsrer altgewohnten Beschäftigung, am heiligen Abend aber kommen wir gewiß Alle auf einen Augenblick an unserem schaurigen Aufenthalt im Geiste wieder zusammen, und im Glanze des Lichterbaumes wird mancher von uns wieder und wieder theilnehmenden Zuhörern die schauerlich wunderbare Mähre von der Eisfahrt der Hansamänner erzählen, und damit enden, wie sie in Westgrönland nach so mancher schweren Stunde endlich zu Menschen kamen, und das erste Wort, das ihnen vom glücklich erreichten Gestade entgegenflog, der lieben deutschen Muttersprache angehörte, Ja, ja, da drüben sind auch Deutsche, Missionäre, und mitten unter dem verlassenen, armseligen Volke Grönlands, unbekümmert um die Widerwärtigkeiten des rauhen, nordischen Klimas, um die Gefahren, die ihnen das ewige Eis der Küste bringt, unter Mühsal und Beschwerden aller Art leben dieselben ihrem Beruf. Und wenn die Gartenlaube auch mit Recht selten genug auf die Missionäre und ihr Treiben gut zu sprechen ist, diese hier haben auf das öde Felseneiland ein Stück Deutschland mitgenommen, deutsche Sprache, deutsche Sitte, deutsche Herzen – so kam es, daß wir Ankömmlinge aus Ostgrönland, von den gastfreien Männern warm wie im Heimathlande empfangen, uns bei ihnen rasch heimisch fühlten; bald genug sollten wir den Unterschied zwischen deutscher und dänischer Gastlichkeit recht deutlich erfahren; denn in den dänischen Niederlassungen ward es uns wieder recht begreiflich vor die Augen geführt, daß wir fremd im Lande und hülflose, von Anderer Gnade abhängige Schiffbrüchige seien.

Die kurze Zeit, die wir unter den Landsleuten in Grönland verbrachten, reichte hin, uns mit diesen biederen, schlichten Männern innig zu befreunden, und die dänischen Schiffe, welche alljährlich die Niederlassungen in Grönland besegeln, nahmen dies Jahr unsere Grüße aus der Heimath an die fernen Freunde jenseits des Eises mit, die von dort aus pünktlich und herzlich erwidert wurden.

Ich kann mir das einsame Lichtenau recht lebhaft am Weihnachtsabend vorstellen. Der Fjord ist fest zugefroren und mit Eis verlegt, auch die wanderlustigen Eisberge liegen festgebannt bis zum Frühjahr. Tiefer Schnee hüllt Alles ein, kaum kann man die Hütten der Eingeborenen erkennen. Da liegt über das Ganze der stille nordische Abendhimmel gebreitet, ein Nordlicht wirft seinen matten Lichtschein auf die Erde nieder, und läßt die Umrisse des Missionshauses und des Kirchensaales deutlicher erkennen. Zwischen den dicht verschlossenen Läden dringt wohl auch ein Lichtstrahl neugierig ins Freie heraus, uns aber, die wir aus Kälte und Dunkel, aus der Ferne kommen, umfängt, sobald wir nur die Hausthür hinter uns haben, freundliche Helle und wohlthuende Wärme, und aus der großen Schulstube tönt uns ein Choral entgegen, den wir aus unsrer Kinderzeit gar wohl kennen, da sie ihn vom Thurme bliesen oder in der Kirche sangen, wenn das kleine Herz voll zum Springen war vom Weihnachtsjubel. Ja, auch in Lichtenau, fern vom Heimathlande giebt es deutsche Weihnachten, die Missionen haben das herrliche Kinderfest mit hinüber gebracht, sie feiern es mit den Eingeborenen gemeinsam und über Jung und Alt breitet sich auch dort die Freudigkeit desselben aus, und wie bei uns lang vorher das Kind alltäglich fragt: Mütterchen ist noch nicht bald Christabend? und sich auf all die schönen Sachen freut, die ihm das Christkind bringen wird: gerade so erwartungsvoll schlagen auch drüben in Grönland die Kinderherzen dem Weihnachtsfest entgegen. In Lichtenau stand auf dem Fensterbrett der freundlichen Wohnung des Missionars Herrn Warmow ein Apfelbäumchen, das seine Blätter recht breit und vergnüglich den Strahlen der Sonne zuwandte, die wärmend durch die Scheiben fielen. Alle im Hause pflegten den jungen Baum sorgfältig, und ich war einmal dabei, wie Frau Warmow mit einem zärtlichen Blick und indem sie die Hand wie liebkosend über das Bäumchen führte, davon bemerkte: „Nun wird es aber recht kräftig und gedeiht sichtlich.“

„Das Bäumchen,“ frug ich, „haben Sie wohl recht lieb? ich kann mir denken, daß es, selbst erzogen, Ihnen besonders ans Herz gewachsen sein muß.“

„Ei freilich,“ erwiderte Frau Warmow, „wir Alle haben an dem Bäumchen unsere Freude, und seit es stärker geworden ist, spielt es in unserm stillen Familienkreis sogar eine Rolle, es ist unser Christbaum, wir putzen es jährlich am Weihnachtsabend. Wir hatten immer recht vergnügte Weihnachten, und die Grönländer mit uns. Dann giebt es auch noch einen großen Weihnachtsbaum für Alle, den Bruder Spindler und mein Mann aus Wachholder anfertigen, indem sie seine Zweige an eine Stange stecken, daß es aussieht wie eine Tanne. Mein Mann hat einmal hinten im Fjord Fichten gesät, da meinten wir es würden Bäumchen daraus werden, aber es wurde nur Krummholz. Nun bleiben wir bei unsrer alten Art, und seit wir den da haben“ – da fiel wieder ein wohlgefälliger Blick auf den Schößling – „haben wir ja einen heimischen Baum wenigstens für unsern kleinen Kreis.“

Seitdem war mir das Christbäumchen auch viel werther geworden, und blieb mir mit seinen zwei luftig sprossenden Gabelästen eine traute Erinnerung. Ich kann mir die lieben Freunde in Lichtenau recht lebhaft denken, wie sie am heiligen Abend ihr Christfest in deutscher Weise, versammelt um den Apfelbaum feiern. Still mag’s wohl zugehen und die Gedanken werden um so mehr in die Ferne, in die liebe deutsche Heimath, schweifen, als keine Kinder ihren Jubel erheben.

Aber unten in der großen Schulstube, aus der uns, wie wir vorhin das Haus betraten, der Choral entgegentönte, ist es lebhafter. Da ist Jung und Alt aus dem Dorfe zur Weihnachtsfeier versammelt, auf den Bänken sitzen sie herum, die straffhaarigen Männer im Festanzug, die hochgeschopften Weiber in buntbesetztem Natzek, und die hoffnungsvollen Sprößlinge, zur Feier des Festes frisch gewaschen und gekämmt, der Dinge wartend, die da kommen sollen.

Jetzt treten die Missionäre herein, der Weihnachtsbaum wird angeputzt, ein Lied abgesungen, einer der Brüder hält eine kurze Erbauungsrede, und nun theilt das Christkind seine Gaben an die Kleinen aus. Für jedes hat es etwas gebracht; die Freude der beschenkten Kinder theilt sich den Eltern und Erwachsenen mit. Zum Schlusse aber kommt eine Vorstellung, welche die Aufmerksamkeit der Anwesenden lebhaft erregt und viele Ergötzlichkeit bereitet. Einem freundlichen Spender verdankt die Mission eine Laterna magica, und Herr Spindler zaubert im dunklen Saale mit dieser bunte Bilder an die Wand. Da tönt es vor Verwunderung bald ah, bald ih, und andere unarticulirte Laute des Staunens lassen sich hören. So viel des Schönen gab’s schon lange nicht zu schauen! Und so verfließt in Heiterkeit der heilige Abend unter den Grönländern im Lichtenauer Missionshause.

Zur Feier des vorjährigen Weihnachtsfestes in Lichtenau hatte auch ich, ohne es zu wissen, mein Scherflein beigetragen. Ich hatte nämlich beim Scheiden von Westgrönland eine meiner Spieldosen zurückgelassen, die schon auf unserer ganzen Reise eine große Rolle gespielt hatten. Sie halfen mit ihrem Geklimper über manche trübe Stunde weg, und waren nebst Fritzens Ziehharmonika die einzigen Instrumente, welche uns Erleichterung verschaffen konnten. Letztere litt durch die Feuchtigkeit der Luft, aber die Spieldosen hielten sich trotz aller Strapazen wacker, und wanderten mit uns bis nach Westgrönland, wo wir von ihnen Abschied nahmen, und sie, wie gesagt, unsern deutschen Gastfreunden zum Andenken zurückließen. Beim Weihnachtsfest 1870 aber diente die an Freund Spindler abgetretene Spieldose als Orchester und hat, wie mir der wackere Freund aus Lichtenau schrieb, nicht verfehlt, unter den Kindern Grönlands mit ihren Weisen ihr erheblich Theil zur Freude des Abends beizutragen.

So sind die Weihnachten der Deutschen in Grönland, ähnlich wie in Lichtenau, überall, wo sie sich dort niedergelassen haben. Das deutsche Christkind mit dem Weihnachtsbaum ist ihnen auch zu den Eskimos gefolgt, und wirft auch auf diese seinen freudigen Glanz am heiligen Abend nieder, wie auf uns, die wir in der Heimath bei seinem Lichterscheine in trautem Kreise zusammensitzen.
Dr. Gustav Laube.