Die ältesten geschichtlichen Denkmale

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Textdaten
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Autor: Emil Adolf Roßmäßler
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Titel: Die ältesten geschichtlichen Denkmale
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 15, S. 162-163
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1853
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Teil 9 der Artikelreihe Aus der Menschenheimath.
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[162]

Aus der Menschenheimath.
Briefe
des Schulmeisters emer. Johannes Frisch an seinen ehemaligen Schüler.
Neunter Brief.
Die ältesten geschichtlichen Denkmale.


Wenn Du einmal zufällig unter gangbaren neuern Münzsorten eine recht alte Münze mit fast abgegriffenem Gepräge einnimmst, so versäumst Du gewiß nicht, sie mit Interesse und ganz genau anzusehen. Du buchstabirst Dir die halb verwischte Schrift so gut es geht, zusammen und besiehst Dir Wappen und Kopf genau. Bist Du damit fertig, so hast Du nun Deine Neugierde befriedigt. Aber dann kommt noch etwas hinzu. Das siehst Du nicht auf der Münze. Es wird nur durch sie in Dir geweckt. Du denkst nun an die lange Zeit, die seit ihrer Prägung verflossen ist.

Die Gartenlaube (1853) b 162.jpg

Du denkst nicht blos an die tausend Hände, durch die sie seitdem gegangen ist, sondern Du denkst auch an ihren Verfertiger. Du siehst im Geiste in altdeutscher Tracht den Prägemeister und seine kräftigen Gesellen und es fällt Dir auch wohl ein, daß Derjenige, der die neue Münze zuerst ausgab, dafür gewiß viel mehr an Werth erhalten hat, als Du heute dafür erhältst. Oder laß mich einen andern Fall denken. Hast Du einmal einen alten gothischen Dom besucht? Wenn Du da die zierlichen Arbeiten der alten längst verfaulten Steinmetzen an den schönen Spitzbogenfenstern zwar halb verwittert aber doch noch in ihrer ganzen Zierlichkeit und phantastischen Mannigfaltigkeit erblickst, da belebt sich Dir gewiß, mir geht es wenigstens so, der Raum um die Kirche zum geschäftigen Bauplatze, auf dem es hämmert und meiselt, daß es eine Lust ist. Wir sehen dann den ehrwürdigen Baumeister im seidenen Wamms mit der goldenen Halskette unter den Bauleuten herumgehen und sich den langen Bart streichen. Da streift man die Gegenwart von sich ab und tritt wie durch Zauberei im Nu um vier, fünf Jahrhunderte zurück in die alte Zeit unserer Väter.

Sag’, woher kommt das? Was ist es, was uns da bewegt? Ist es etwa Sehnsucht nach der Vergangenheit und eine Abneigung vor der Gegenwart? Ich glaube nicht. Es ist der Zauber der Geschichte, welcher aus solchen alten Ueberbleibseln uns anweht, der Geschichte unseres eigenen Volkes. Ich bin überzeugt, daß uns die alten Baudenkmäler der Mexikaner ziemlich kalt lassen würden. Wir kennen ja die Geschichte jenes Volkes nicht, wir gehören ihm nicht an, und wir sehen höchstens aus dem Grade der Verwitterung, aber nicht aus dem Baustyle jener mexikanischen Bauwerke, ob sie neu oder alt sind.

Sieh, mein Freund, hierin erblicke ich einen mächtigen Zug des menschlichen Herzens, denn das ist dabei vielleicht mehr betheiligt als der Geist; – ich möchte für meine heutigen Mittheilungen diesen Zug in Dir recht wach rufen. Fragen wir, was diesem Zuge zum Grunde liegt, so finden wir als Antwort den in jedem unverdorbenen Menschen schlummernden Drang, als ein Glied sich der langen Kette des Bildungsganges der Menschheit anzuschließen. Denn wahrlich, bloße kindische Neugierde liegt unserer Theilnahme für Alterthümer nicht zu Grunde. Es ist mehr, es ist das unbewußte Vergleichen der Vergangenheit mit der Gegenwart, das Anknüpfen dieser an jene.

Daß ich Dir heute von den ältesten geschichtlichen Denkmälern erzählen will, sagt Dir schon die Ueberschrift, die ich wie gewöhnlich, so auch diesmal über meinen Brief gesetzt habe. Das sollen aber keine gothischen Dome sein, auch keine alten Inschriften oder römischen Bildsäulen. Viel, viel älter sollen sie sein, Millionen Jahre älter, als das Menschengeschlecht. Die mindestens 4000 Jahre alten Pyramiden der ägyptischen Pharaonen sind dagegen neugeborene Kinder.

Ich meine die Versteinerungen. – Daß ich sie geschichtliche Denkmale nenne, wird Dich nicht Wunder nehmen, wenigstens wird es Dir am Schlusse meines Briefes einleuchten. Nicht blos das Menschengeschlecht hat eine Geschichte. Unsere Mutter Erde hat auch eine Geschichte und zwar eine unendlich viel längere und bewegtere. [163] Wir Menschen gehören zwar auch mit auf den Schauplatz dieser Geschichte, aber wir sind zu allerletzt darauf getreten. Vor uns haben zwar noch keine menschenähnlichen Geschöpfe, aber Tausende von Thier- und Pflanzenarten ihr Rolle in dieser Geschichte gespielt, deren letzte Nachkommen längst ausgestorben sind, und neuern Thier- und Pflanzenformen Platz machen mußten.

Weiß man auch nicht, wie viele Jahrtausende seit der Bildung der ältesten oder, um mich deutlicher auszudrücken, der zuerst entstandenen dieser versteinert bis auf unsere Zeiten gekommenen Wesen verflossen sind, so hat die Naturwissenschaft doch Gründe, diese Zeit nicht nach Jahrhunderten, selbst nicht nach Jahrtausenden, sondern nach Millionen von Jahren zu schätzen. Darf man doch annehmen, daß seit der Bildung der Steinkohlen – und schon lange vor dieser Zeit lebten Thiere und Pflanzen auf der Erde – acht Millionen Jahre verflossen sind. Und dennoch kann man sich heute noch ein ziemlich vollständiges Bild von der Pflanzenwelt machen, welche ihre Leiber zur Bildung der Steinkohlen hergegeben haben. Und die Fische und andern Thiere, die lange vor der Steinkohlenbildung gelebt haben, kennt man größtentheils, wenigstens ihrer äußeren Gestalt nach, heute eben so genau wie unsere Karpfen und Insekten.

Wie unsere Urahnen, wenn auch nicht in Gestalt doch in Sitten und Gewohnheiten, in Kunst und Wissenschaft desto mehr von uns abweichen in je älteren Zeiten sie vor uns gelebt haben, so weichen auch jene vorweltlichen Thiere und Pflanzen, wie man sie mit einem höchst sonderbar gewählten Worte bezeichnet, von der heutigen ebenfalls um so mehr ab, in je älteren Perioden des Erdlebens sie gelebt haben. Die Versteinerung – wie diese stattfindet, erzähle ich Dir vielleicht einmal später – hat aber ihre äußere Gestalt oft so vollkommen erhalten, ja nicht selten sogar ihren innern Bau, daß ihnen oft nicht viel mehr als das Leben fehlt, nur daß ihre meist weiche, lebenerfüllte Körpermasse in todten, starren Stein umgewandelt ist.

Mein heutiges Bild zeigt Dir die naturgetreuen Abbildungen von einigen Versteinerungen aus der ältesten Zeit unserer Erdgeschichte.

Fig. 1 stellt eine Muschel aus jener Periode vor, welche derjenigen vorausging, an deren Ende die mächtigen Steinkohlenlager sich bilden. Sie ist also einer der allerältesten Urahnen der heutigen Muschelwelt. Du siehst übrigens, daß sie von unsern heutigen See- und Süßwassermuscheln sehr abweicht, indem die eine Schale schnabelförmig vor der anderen hervorragt, was bei keiner Muschel der Jetztwelt der Fall ist. Wenn aber auch unsere heutigen Muscheln von denen jener Urzeiten bedeutend abweichen, so haben wir eben doch noch Muscheln. Das gilt aber nicht von den andern Thieren. Fig. 2 Wahrscheinlich ist es ein Thier gewesen, was wir, wenn es jetzt noch lebendig vorkäme, im Systeme in die Nähe der Krebse oder Asseten stellen müßten. Seine Art, seine Gattung, seine Familie, d. h. seine näheren Systemverwandten sind längst gänzlich aus der Reihe der lebenden Thiere verschwunden. Diese wunderbaren Thiere lebten, aber in großer Menge und Mannigfaltigkeit der Arten, eben nur in der allerältesten Zeit, noch lange vor der Steinkohlenzeit. Nur einige wenige Arten erhielten sich bis in diese, um dann für immer zu verschwinden. Man nennt sie alle zusammen deshalb Paläaden, was etwa uralte Thiere bedeutet.

Figur 3. stellt ein Stück eines mehrartigen, gegliederten Stengels dar, eines Calamiten, welcher einer ausgestorbenen Pflanzenfamilie angehörte, die an der Bildung der Steinkohle einen großen Antheil gehabt hat. Was wirst Du aber zu der letzten Figur meines Bildes sagen? Es ist ein Rindenstückchen, in natürlicher Größe, von einem Baume, von dessen Holze die Steinkohlen größtentheils herrühren. Man nennt diese Bäume, eben wegen dieser zierlichen Bildungen auf der Rinde, Schuppenbäume. Es waren Bäume von der Größe und dem Ansehen unserer Fichten, standen aber auf der verwandtschaftlichen Stufenleiter des Gewächsreiches viel tiefer, da es nur riesige Bärlapp-Arten waren, und als solche zu den Farrenkräutern gehörten. Ueberhaupt hatte es die damalige Pflanzenwelt nicht weit über die Farrenkräuter hinaus gebracht, indem es außer einer großen Menge baumartiger Farren blos noch einige wenige Nadelhölzer, den unsrigen ähnlich, gab. Von allen diesen Pflanzen findet man die Ueberreste, als Rinde, Blätter, Früchte, in den Schieferthon- und Sandsteinschichten, welche zwischen den Steinkohlenflötzen liegen, und zwar als Abdrücke, auf welchen der abgedruckte Pflanzentheil meist deutlich als zarte Steinkohlenkruste, worin er verwandelt wurde, zu erkennen ist. Die Schuppenbäume hatten lange, schmale Nadelblätter, ähnlich unseren Kiefern. Man findet in den Steinkohlengebirgen häufig in den Schieferthonschichten Zweige davon mit den ansitzenden, verkohlten und abgedrückten Nadeln und zapfenartigen Früchten.

Wenn ich Dir nun hierzu bemerke, daß man aus den Schichten der Steinkohlenperiode Pflanzenüberreste von bereits über 500 Arten kennt, die meist ein vollständiges Bild der Pflanzen, von denen sie herrühren, geben, so wirst Du mir zugeben, daß wir dieselben, (wie überhaupt alle Versteinerungen), mit Fug und Recht geschichtliche Denkmale nennen können. Denn man kann an ihnen erkennen, wie in früheren Jahrtausenden das Pflanzenreich beschaffen war, man liest aus ihnen die Geschichte des Pflanzenreichs, die wieder ein Theil der Geschichte unseres Erdkörpers ist.

Unsere Erdoberfläche ist mit zahlreichen geschichteten Gebirgsmassen bedeckt, die sich in dem langen Verlaufe der Umbildung derselben zu ihrer gegenwärtigen Beschaffenheit aus großen Wasserfluthen niederschlugen. Diese Schichten bilden gewissermaßen die Riesenblätter eines Geschichtsbuches. Was sie uns erzählen, würden wir ohne die Versteinerungen darin schwer verstehen. Die Versteinerungen sind aber die erläuternden Figuren, die Illustrationen, in diesem unermeßlichen, uralten Buche der Erdgeschichte.