Die Aachener Reliquien

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Autor: Carus Sterne
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Titel: Die Aachener Reliquien
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, 47, S. 708–710, 760–762, 764
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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[708]
Die Aachener Reliquien.
Von Carus Sterne.
I.

In dem neuentbrannten Kampfe zwischen Staat und Kirche, zwischen Aufklärung und Verdummung – für Europa hoffentlich ein letzter Versuch! – greift der abgewirthschaftete Clerus in glücklichster Verblendung zu den Waffen des Mittelalters zurück. Unsinnige Dogmen, die man vor Jahrhunderten bereits zurückgewiesen, werden halb mit List, halb mit Gewalt der Christenheit aufgedrungen, an allen Ecken und Enden Wunder gethan, Wallfahrten und Reliquien-Ausstellungen mit möglichstem Pompe in Scene gesetzt. Jeder Entdeckung der Wissenschaft antwortet im andern Lager ein Rücksprung in die Zeiten der Finsterniß und Unwissenheit, jedem Fortschritte der bürgerlichen Freiheit ein Act geistiger Knechtung. So entsprach, um nur von den neuesten Ereignissen zu reden, dem St. Galler Schützenfeste, auf welchem die neue geistige Erhebung der Schweiz gefeiert wurde, als Gegendemonstration die Wallfahrt der Schwarzen nach dem Grabe des heiligen Nicolas von der Flüe, der es im Hungern noch der Louise Lateau zuvorgethan haben soll. So sollten als Antwort auf den Brief der englischen Liberalen an den Kaiser von Deutschland die Wallfahrten dienen, welche ein Häuflein Schotten und Engländer nach dem Jesuitenneste Paray le Monial und nach dem Schreine des heiligen Edmund in Frankreich in glücklicher Selbstvergessenheit der Geschichte anstellten, denn dieser Edmund hatte sich gerade im Gegentheile durch Bekämpfung päpstlicher Uebergriffe in England ausgezeichnet. So wurden endlich die diesjährigen Reliquien-Ausstellungen in Aachen, München-Gladbach etc. mit besonderem Glanze in’s Werk gesetzt, um den deutschen Regierungen zu zeigen, wie sehr des Volkes Herz noch an den Gnadenschätzen der Kirche hängt.

Von dem widerlichen Schauspiele der Aachener Heiligthumsfahrt haben unsere Leser eine lebendige Schilderung in Nr. 33 dieses Jahrganges der „Gartenlaube“ erhalten, sowie auch ein Inventarium der Hauptschätze des Aachener Stifts, gegen welche alle Perlen und Edelsteine der Welt, nach dem gewöhnlichen Ausdrucke der Hüter dieser berühmten Curiositäten, werthlos erscheinen müssen. Dennoch ermangeln sie nicht, die Kästen und Schreine derselben mit Gold und Edelsteinen – sei es auch oft nur buntes Glas – förmlich zu bedecken, weil der funkelnde Glanz doch anders auf die Masse wirkt, als das nackte „Heiligenklein“. Nichts Abstoßenderes giebt es wohl als dergleichen unmittelbar mit Perlen und funkelndem Gesteine bedeckte, vollständige Menschengerippe, wie z. B. der heilige Alexander in Freiburg oder die Skelete in Baden-Baden. Man glaubt ein zum Balle und Todtentanze geschmücktes Menschengerippe zu sehen und verwundert sich, wie heilige Männer so eitel sein können, daß sie solchen Tand nicht sofort abwerfen, denn die Knochen der wunderwirkenden Heiligen sind immerfort lebendig und begeistet, wie Nihusius lehrte. Der Aachener Dom ist besonders unermeßlich reich durch den Besitz der meisten abgelegten Kleidungsstücke der heiligsten Personen, denn er besitzt nicht nur das Unterkleid der Maria, sondern auch ihren Gürtel und Schleier, nicht nur die Windeln und das Lendentuch, sondern auch den Gürtel und das Schweißtuch des Erlösers, und hat darum stets einen besonderen Stolz darein gesetzt, die „Kleiderkammer“ des Herrn genannt zu werden. In dem Aachener Domhymnus begegnet man darum auch der mehr als curiosen Strophe:

Kleiderkammer sei gegrüßet,
Die des Heilands Blöß’ umschließet,
Wo der Mutter Schooß ihn trägt,
Wo die Kripp’ ihn bergend hegt,
Wo das Kreuz ihn sterbend hebt!

Die pietätvolle Betrachtung und sogar die Verehrung echter (!) Reliquien ist vielleicht eine unschuldige, natürliche Handlung und wohl kaum sündhaft, wenn sich damit weiter kein Mißbrauch verknüpft. Denn es geht ein allgemeiner Zug der Ehrfurcht vor den Ueberbleibseln und der Hinterlassenschaft theurer Verstorbener durch die Menschheit; im Grunde sind wir ja Alle, die wir eine Haarlocke, eine Schleife, einen getrockneten Strauß oder einen vergilbten Brief mit antheilvollem Auge betrachten, vielleicht gar in Stunden lebhafter Erregung küssen, Reliquiennarren. Aber – und das ist der Hauptpunkt – nicht die Sache an sich, sondern das Geschenktbekommen von einer Person, die individuelle Erinnerung giebt solchen Dingen ihren Werth, der sich nicht auf eine zweite Person vererbt. Es ist ähnlich mit den Reliquien großer Männer und Frauen. Sie können für die gesammte Menschheit nur dann Anziehungskraft gewinnen, wenn ihre Echtheit durch zweifellose Documente verbürgt ist.

Fragen wir aber, wie es in dieser Beziehung mit den Aachener Reliquien steht, so lautet die Antwort: weder die Herkunft eines der sogenannten großen Heiligthümer, noch der zahllosen kleinen, vielleicht mit Ausnahme der Gebeintheile Karl’s des Großen, ist durch irgend ein Document verbürgt; man kann von den meisten selbst nicht einmal mit Sicherheit angeben, wo sie sich aufgehalten haben, bevor sie nach Aachen kamen. Ein dumpfes Gerede, die sogenannte Stiftstradition, behauptet, sie seien größtentheils von Karl dem Großen zusammengebracht worden, der in Jerusalem, Constantinopel und Rom – seiner Zeit den Hauptstapelplätzen des Reliquienschachers – die zuverlässigsten Verbindungen schon vermöge seines Ansehens gehabt, um nur die besten, preiswürdigsten Waaren zu erhalten. Wir werden den Werth dieser Ueberlieferung nachher genauer betrachten, um uns in den Augen befangener Leser wegen unserer strengen Beurtheilung des Reliquienhandels zu rechtfertigen. Zunächst sei nur erwähnt, daß auch die Erwerbung durch Karl den Großen bei keinem Stücke durch ein Document oder nur durch die Erwähnung eines zeitgenössischen Schriftstellers verbürgt ist. Ganz wesenlose Sagen, wie z. B. die keine Kritik vertragende [709] Erzählung des Mönches Benedict von Soracte (um’s Jahr 1000), Rittergedichte und Legenden, wie der Helianth,[BER. 1] erzählen, daß Karl der Große diese Reliquien von seinem Zuge nach dem gelobten Lande mitgebracht habe. Die Profanhistorie weiß aber von einem solchen Zuge nichts, und verweist die Erzählung davon in das Gebiet der Dichtung.

Es giebt überhaupt nur ein einziges vertrauenswürdiges Document, welches die an sich wahrscheinliche Sache, daß Karl der Große nach der Gewohnheit seiner Zeit den Altar seiner Hofkirche mit Reliquien geschmückt habe, einigermaßen erhärtet; es ist die zu Gunsten der letzteren erlassene sogenannte pragmatische Sanction. Das Schriftstück ist, wie es heute vorliegt, erwiesenermaßen unecht, doch haben die Kaiser Friedrich der Erste und Zweite sein Vorhandensein anerkannt und die Echtheit bestätigt; man kann ihm deshalb wohl den Werth einer beglaubigten Abschrift zugestehen. In dieser Schrift heißt es wörtlich: „Da ich das herrliche Werk der vortrefflichen Basilika nicht allein nach meinem Wunsche und Verlangen, sondern auch durch die Gnade Gottes vollkommen zu Stande gebracht, habe ich Heiligthümer der Apostel, Märtyrer, Beichtiger und Jungfrauen aus weit entlegenen Ländern und Reichen, besonders aus Griechenland gesammelt und an diesem heiligen Orte hinterlegt, damit durch ihre Fürbitte das Reich befestigt und Nachlaß der Sünden verliehen werde.“

Man bemerke wohl, daß in dieser Aufzählung der jetzigen Hauptschätze, der Marien- und Christus-Reliquien, mit keiner Silbe Erwähnung geschieht, ein Beweis, so gut er irgend noch verlangt und geführt werden kann, daß Karl’s Gedächtniß mit denselben nicht verunziert werden darf. Das Lendentuch Christi wird in den älteren Verzeichnissen, die im neunten Jahrhundert beginnen, nicht mit aufgeführt und zuerst im Jahre 1192 erwähnt. Das ebenfalls zu den vier großen Reliquien gezählte blutige Tuch Johannes des Täufers taucht erst im vierzehnten Jahrhundert auf, der Aachener Gürtel Christi gar erst im siebenzehnten Jahrhundert. Karl der Große, obwohl in den Anschauungen seiner Zeit befangen, besaß einen verhältnißmäßig vorurtheilsfreien prüfenden Geist; er befahl in seinen Capitularien die Unordnungen bei Wallfahrten streng zu ahnden; er ersuchte Papst Leo den Dritten, eines der sogenannten, jetzt vollkommen erklärten Blutwunder,[1] welches sich in Mantua gezeigt hatte, sorgfältig untersuchen zu lassen; er glaubte gewiß nicht daran, daß getragene Baumwollstoffe sieben Jahrhunderte lang ihr Gewebe bewahren könnten. Daß er Knochen von Heiligen, die zu seiner Zeit ausgegraben wurden, gesammelt und zur Heiligung seiner Kirche verwendet habe, ist dagegen sehr glaublich.

Selbstverständlich läßt sich nur selten der directe und positive Beweis der Unechtheit einer sogenannten Reliquie führen, und nur wenn ein Kalbsknochen statt eines Menschenknochen dem Kusse der Gläubigen ausgestellt wird, oder das bisher unbekannte wirkliche Grab mit dem Skelete eines Heiligen, dessen Doppelgänger seit Jahrhunderten in einer oder mehreren Kirchen Wunder gethan haben, gefunden wird, zeigt sich der Schwindel offen. Wir haben vor wenigen Monaten einen solchen directen Fälschungsbeweis an den in Breisach seit Jahrhunderten ihrer Wunderthaten wegen verehrten Heiligen Protasius und Servasius[BER. 1] erlebt, an welchem Scandale auch das Aachener Stift participirt, sintemalen es bedeutende Gebeintheile der erst jetzt in Mailand wirklich aufgefundenen Märtyrer dem Kaiser Karl dem Vierten nach Prag verehrte. Dagegen läßt sich der negative Beweis, oder vielmehr ein Erweis der ungeheuren Unwahrscheinlichkeit der meist vorherrschenden Annahme, der etc. Knochen oder Lumpen könnte doch echt sein, insbesondere bei den Reliquien der Lebens- und Leidensgeschichte Christi sehr leicht führen.

Wir müssen dieserhalb freilich etwas näher auf den Ursprung des Reliquien-Schwindels eingehen. Die Juden hatten einen ausgesprochenen Abscheu vor Bilder-Anbetung und allem, was daran hängt, und im ganzen alten Testamente findet sich keine Spur von Reliquien-Verehrung, denn nicht einmal die Knochen des Erzvater Joseph, die auf den Wunsch des Sterbenden mit nach dem gelobten Lande genommen wurden, erfuhren solche. Nur der Zelot Elisa, der angeblich zweiundvierzig Kinder durch Bären auffressen ließ, weil sie ihn Kahlkopf geschimpft hatten, macht eine ungewöhnliche Ausnahme, insofern er mit dem Mantel des Elias und mit seinen eigenen Knochen Wunder wirkte. Dagegen war der Reliquien-Schwindel im Heidenthume obenauf und zeigte genau die Erscheinungen, wie später im Christenthume. Die wunderthätige große Zehe, womit der König Pyrrhus die Milzsucht auszutreiben pflegte, setzte man, wie Plinius berichtet, in einem besonderen Tempel bei, woselbst sie fortfuhr, ihre Kunststücke zu machen. Die Knochen des heiligen Propheten Mopsus heilten, wie Ammianus Marcellinus erzählt, die Krankheiten aller Wallfahrer, die nach seinem Grabe in Afrika pilgerten.

Besonders berühmt aber als Gnadenstätte war die Stadt Comana in Kappadocien, die ihren Namen nach dem dort aufbewahrten Haare des heiligen Orestes führte, das Rom der Heiden, dessen Pontifex maximus keinen Fürsten über sich anerkannte. Aber eine zweite Stadt Comana machte ihm den Ruhm, die echten Locken des Orest zu besitzen streitig, und in dem Orte Kassabala[BER. 1] zeigte man ebenso wie in Comana das Opfermesser Iphigeniens, ja Athen und Sparta machten ihrerseits den beiden Comanen in Vorzeigung des „allein echten“ Bildes der taurischen Diana Concurrenz. Es gab so viel dieser Palladien wie gegenwärtig echte Köpfe des Täufers Johannes, obwohl die Bibel in ihrer Einfalt lehrt, der arme Mann habe nur einen Kopf zu verlieren gehabt. Ging im Alterthum ein solches, meist vom Himmel gefallenes Palladium durch Raub oder Brand verloren, so machte man es wie mit dem vom Himmel gebrachten Salbfläschchen Chlodwig’s oder der ebendaher stammenden rothen Kriegsfahne (Oriflamme) der Franzosen; man fand es nach der Vernichtung wieder, oder behauptete, der Feind habe eine zur bessern Sicherung angefertigte Fälschung erwischt.

Dies war vorauszuschicken, um den heiligen Zorn zu erklären, mit welchem die ältesten, sittenstrengen Lehrer der Kirche den ab und an auftauchenden Reliquien-Unfug als heidnischen Gräuel ächteten. So lange die neue Lehre um ihre Existenz und staatliche Anerkennung zu kämpfen hatte, das heißt, Jahrhunderte lang, hörte man nichts von dem Verbleib der Kleider und Marterwerkzeuge Christi oder der Knochen der Märtyrer. Sobald sie aber einigermaßen zur Ruhe gekommen war, ging die Abgötterei zunächst mit den Gebeinen der Märtyrer los. Die älteren Kirchenväter, in der Reinheit ihrer Auffassung der Lehre, witterten darin sogleich eine Verletzung des ersten Gebotes Moses, und Tertullian gab ohne Weiteres den Teufel als Urheber des Reliquien-Unfugs an. Athanasius, der im vierten Jahrhundert lebte, und insbesondere der Presbyter Vigilantius, eiferten ihm darin nach; der Erstere ließ alle Reliquien, deren er habhaft werden konnte, einmauern.

Im vierten Jahrhundert bereits begann man in Jerusalem und im Morgenlande überhaupt, das Reliquien-Graben und Fabriciren als Geschäft zu betreiben. Der Kirchenvater Hieronymus erzählt uns, wie man kurz nach einander die Körper der heiligen Apostel Andreas, Lucas und Timotheus dreihundert Jahre nach ihrem Begräbniß aufgefunden und nach Byzanz gebracht; ja die Asche des heiligen Samuel, dessen Ruhe einst Saul gestört, wurde plötzlich an’s Licht gebracht, und der Kaiser Arkadius ging der großen Procession bis vor die Thore seiner Hauptstadt entgegen. Der Abscheu der Bischöfe hatte sich bald in sein Gegentheil verkehrt, nachdem sie die Einträglichkeit der Sache eingesehen, und nur ein Eunapius und ähnliche Heiden machten sich noch über die eingepökelten Märtyrerköpfe lustig, welche, wie weiland das Haupt des erschlagenen Orpheus, das Mittleramt zwischen Himmel und Erde zu besorgen bekamen. Und wie man ehedem an den Gräbern der Märtyrer gebetet, so wurde es bald erstes Bedürfniß, für die Errichtung einer neuen Kirche oder eines neuen Altars Märtyrerknochen, nach denen sie getauft werden konnte, anzuschaffen und damit den Ort zu weihen. Das Bedürfniß war groß, aber woher nehmen und nicht stehlen? Man weiß aus den Erfahrungen neuerer Zeiten – ich erinnere nur an die Erhebung der Reste Schiller’s – wie schwer es selbst in ruhigen Zeiten ist, einige Jahrzehnte nach dem Begräbniß die Identität von Menschengebeinen festzustellen; der Selbsttäuschung und dem Betruge waren hier Thor und Thür geöffnet.

Man kennt aus den Berichten zahlreicher Orientreisender [710] die Anstelligkeit und listige Geschäftigkeit der Orientalen, dem Liebhaber jedes irgend gewünschte Alterthum zu liefern, es, wenn er skeptisch ist, vor seinen Augen auszugraben und das alterthümliche Aussehen so täuschend nachzuahmen, daß ein gewiegter Kenner dazu gehört, den Betrug zu durchschauen. Eine solche Leistung interessirter Orientalen ist denn auch höchst wahrscheinlicherweise die angeblich im Jahre 326 erfolgte Auffindung des Kreuzes Christi in Gegenwart der heiligen Helena, der Mutter Constantin’s, gewesen, wenn die Geschichte nicht gar blos eine der üblichen Mönchsfabeln zur Auffrischung des Glaubens ist. Denn was die Erzählung höchst verdächtig macht, ist, daß kein gleichzeitiger Schriftsteller des Fundes erwähnt. Der berühmteste Kirchenschriftsteller jener Zeit, Eusebius († 340), der die Kreuzerscheinung Constantin’s so ausführlich beschreibt, übergeht die wunderbare Kreuzfindung mit Stillschweigen; ein ungenannter Pilger aus Bordeaux, der nur sieben Jahre später (333) die Stätten der Leiden Christi besucht und ausführlich beschrieben hat, weiß kein Wort von dem neuerdings gemachten hochwichtigen Funde.

Erst mehr als fünfzig Jahre später, um die Zeit des Todes der Kaiserin-Mutter, treten die ersten Mittheilungen auf, und mögen nun die bezüglichen Nachrichten und Reden des heil. Cyrillus, Ambrosius, Rufinus u. A. echt oder untergeschoben sein, bezeichnend genug für den mystischen Charakter der Angelegenheit ist schon ihre abweichende Darstellungsweise. Der heil. Ambrosius, welcher das Wunder 395 in einer officiellen Leichenrede (auf Kaiser Theodosius) verherrlichte, läßt das Kreuz Christi sogleich an der auf demselben befindlichen und jetzt theilweise in Aachen gezeigten Inschrift von den beiden anderen unterscheiden. Die Kirchenhistoriker Rufinus und Sozomenos berichten dagegen, die Tafel sei abgerissen gewesen, und man habe durch das bekannte physikalische Experiment mit der kranken Frau, die auf dem Missethäterkreuze kränker, auf dem des bekehrten Sünders etwas besser und auf demjenigen Christi ganz gesund wurde, die Sache entscheiden müssen. Wie wunderbar, daß sich von dem Galgenwalde Golgathas gerade diese drei Kreuze, die doch ebenso wenig mit Quecksilber durchtränkt waren, wie die anderen, allein dreihundert Jahre lang im Schutte unvermodert erhalten haben! Von dem Kreuze Christi wäre das der gläubigen Zuversicht angemessen, denn das Holz dazu ist nach alter Sage im Paradiese gewachsen und schon im Tempel Salomonis als Bauholz verwendet gewesen, allein das Kreuz des starren Sünders verdiente doch gewiß kein Privilegium gegen die Holzmaden.

Das Kreuzholz des gläubigen Schächers thut natürlich Wunder wie dasjenige Christi selber, und in dem Aachener Stifte wie anderswo fehlt auch nicht Holz vom Kreuze des „heiligen Räubers“, wie ihn der christliche Festkalender nennt. Soll ich eine Hypothese wagen, die alle diese Sonderbarkeiten und Widersprüche der Kreuzfindungsfrage erklären würde, so ist es folgende.

Im Jahre 326, als Helena das heil. Grab besuchte, hatten die Hüter desselben ihr zu Ehren eine kleine Ueberraschung vorbereitet. Man fand „ganz zufällig“ in ihrer Gegenwart die drei Kreuze. Allein bei der Ausgrabung und den dazu gehörigen obligaten Wundern kamen einige Schnitzer und Unregelmäßigkeiten vor; es wurde aus der Schule geschwatzt, und das Mysterium endigte als mißglückter Puff. Die Spötterei der Augenzeugen erklärt am besten, weshalb sowohl Eusebius wie der Pilgrim von Bordeaux es für das Beste gehalten haben, über die Geschichte zu schweigen. Fünfzig Jahre später, als die Mitwisser und Augenzeugen todt waren, konnte man ungescheut Sache und Personen mit den Heiligenscheinen versehen, welche den Augen der Mitlebenden fast immer verborgen bleiben.

Mag es sich nun hiermit übrigens verhalten, wie es will, Thatsache ist, daß am Ende des vierten Jahrhunderts bereits über alle Welt Splitter vom „wahren“ Kreuze Christi verbreitet waren. Jeder Christ, der es bezahlen konnte, suchte damals, wie der heil. Chrysostomus erzählt, ein kleines Stück desselben zu bekommen, um es, mit Gold und Edelsteinen eingefaßt, als sogenanntes Pectoralkreuz am Halse oder auf der Brust zu tragen, das beste Schutzmittel und Amulet gegen jede böse Anfechtung. Das Stift in Aachen hat nahezu ein Dutzend solcher Splitter zum Theil ansehnlichen Umfangs zusammengebracht, jedenfalls in der Voraussetzung, daß, wenn der eine vielleicht nicht ganz echt, doch der andere es sein könnte. Merkwürdig genug wurde der Stamm des Kreuzes zu Jerusalem dadurch nicht kleiner, und schon im vierten Jahrhundert machte der Presbyter Paulinus, dieser kleine Schäker, den Witz, es wachse vermöge seiner Heiligung und Unsterblichkeit immerfort nach, also um so schneller, je mehr man davon abschnitt. Dürfte man mehrere Stücke, z. B. blos die des Aachener Schatzes, mikroskopisch untersuchen, so würde man vielleicht alle Holzarten des Morgen- und Abendlandes finden, bis auf das durch Hutten’s Krankheit und Buch berühmt gewordene Guajakholz aus Amerika, welches eine Zeitlang als „heiliges Kreuzholz“ besonders gefeiert wurde. Die oft sehr humoristische Legende berichtet denn auch, daß das Kreuzholz aus drei verschiedenen Baumarten „zusammengewachsen“ sei.

Neben dem Klaftern und Schiffsladungen verschlingenden heiligen Holzhandel zu Jerusalem wuchs das Geschäft mit alten Knochen und Lumpen allmählich zu einer staunenswürdigen Höhe. Die Orientalen und Anwohner der heiligen Stätten müßten ja Engel gewesen sein und den ihnen angeborenen Handelstrieb gänzlich erstickt haben, wenn sie von dem Wahnsinne und der Reliquiensammelwuth des Abendlandes nicht hätten den entsprechenden Nutzen ziehen wollen. Man bot ihnen ja, was sie irgend fordern konnten.

Wie auf der Wiener Weltausstellung türkische Händler (Mohamedaner) ein glänzendes Geschäft mit Rosenkränzen, Kreuzen, Sträußen und anderen Reliquien aus dem heiligen Lande machten, wie zu Berlin das Hauptgeschäft mit Christus- und Marienbildern sich in den Händen mosaischer Trödler (am Mühlendamme) befindet, so scheuete man sich damals noch viel weniger, Reliquien von Andersgläubigen zu kaufen. Ich erlaube mir hier keine Kalauer: das berühmteste Heiligthum des Aachener Kleiderschranks, das Kleid, in welchem die Gottesmutter den Weltheiland gebar und welches an der Brust mit Milchflecken beschmutzt ist, leitet sich aus einer so verdächtigen Quelle her. Freilich wurde es, wenn dieses Gewand dasselbe ist, von dem ein alter Kirchenschriftsteller berichtet, der Judenfamilie, die es mit größter Andacht auf einem Dorfe in Galiläa verehrte und den Gläubigen (ohne Entrée?) ausstellte, um’s Jahr 451 von zwei ehemaligen Arianern, nicht abgekauft, sondern gestohlen. Es wurde nämlich als ein großes Verdienst angesehen, Reliquien zu stehlen, wenn sich dieselben in den Händen der Ungläubigen befanden, seien es auch solche gläubige Ungläubige, wie diese Juden.

Unsere bekehrten Arianer ließen sich in Jerusalem ein Kästchen anfertigen, dem ganz ähnlich, in welchem die Reliquien den Pilgern gezeigt wurden, kehrten, dasselbe unter dem Mantel verbergend, zurück, bewerkstelligten den Tausch mit geübter Hand und kamen mit ihrer Beute wieder nach Byzanz, wo sie Kaiser Leo mit seiner Gemahlin Verina selig pries und ob der großen That mit fast „abgöttischen Ehren“ überhäufte.

Ob später vielleicht Agenten der lateinischen Kirche das Heiligthum der oft verfluchten griechischen Secte nochmals auf demselben anstandslosen Wege „abgeschenkt“ haben, um es in der würdigeren Reliquienkammer zu Aachen beizusetzen, ist unbekannt; die Geschichte ist aber ein köstliches Musterstück für Tractätlein. Wir werden im folgenden Aufsatze sehen, daß die Principien des Reliquienhandels im Allgemeinen diesem Probestücke gleichen und daß Kirchenlichter mit cynischer Offenheit erklären, daß Betrug und Schwindel den Werth und die Wirksamkeit der von der Kirche geweiheten Reliquien nicht beeinflussen können.

[760]
II.

Am Ende des vierten Jahrhunderts war der kurze Kampf von Staat und Kirche gegen die Vielgötterei, welche mit den Märtyrer-Reliquien eingeführt worden war, aufgegeben, und das Heidenthum begann unter andern Formen und Namen wieder aufzuleben. Noch im Jahre 386 hatte Kaiser Theodosius streng verboten, die Ruhe der Märtyrer zu stören, ihre Ueberreste an andere Orte zu bringen, sie zu theilen oder gar Handel damit zu treiben, aber elf Jahre später verordnete schon das Concil von Carthago, auf eine Stelle des sechsten Capitels der Offenbarung Johannis (!) fußend, daß die Altäre der Kirche durch darauf niedergelegte Reliquien zu heiligen seien. Dieser Gebrauch wurde darauf als so unumgänglich erkannt, daß der heilige Ambrosius sich trotz der Bitten des Volkes weigerte, eine Kirche einzuweihen, die keine Reliquien aufzeigen konnte, und das Concil von Constantinopel (692) die Zerstörung aller Altäre anordnete, unter denen sich keine Reliquien befänden. „Es liegt eine eigene tragische Ironie darin,“ sagt Karl Hase, „daß jene Märtyrer, die sich selbst geopfert haben, um nicht falschen Göttern zu opfern, gerade die Ahnherren der Heiligen geworden sind, denen wiederum neben dem wahrhaftigen Gotte Altäre errichtet und Weihrauchfässer geschwenkt werden.“

Die Sammelwuth der Reliquien stieg von jener Zeit bis in die Kreuzzüge hinein und artete bei einzelnen Kirchenpatronen zu einer wahren Narrheit aus, sofern ihr ganzer Ehrgeiz darauf hinausging, die kostbarsten Reliquien zu besitzen, sie um jeden Preis zu kaufen und andern Liebhabern dabei zuvorzukommen oder ihr Angebot zu überbieten. Die unscheinbarsten, oft ekelhaft aussehenden Gegenstände wurden so zu einer der begehrtesten Handelswaaren und zu dem Objecte gewinnsüchtiger Speculationen. Man hat mehrere Beispiele, daß die Belagerung wichtiger Festungen um eine von den Eingeschlossenen dargebotene Reliquie aufgehoben wurde, und der Kaiser Heraklius erließ dem von ihm [761] mehrfach auf’s Haupt geschlagenen persischen Fürsten, der vordem Jerusalem erobert und geplündert hatte, gegen Rückgabe des Kreuzes Christi und ähnlicher Reliquien alle und jede Kriegsentschädigung und Buße. Einige Beispiele historisch verbürgter Preise geben den besten Maßstab für den Grad der herrschenden Verblendung. Kanut von England zahlte für einen armseligen Arm des heiligen Augustin, der nicht einmal Märtyrer war, hundert Talente Silber; Heinrich dem Löwen, der auf seinem Kreuzzuge einen Daumen des heiligen Markus erbeutet hatte, bot die Republik Venedig vergeblich für diese ihr besonders theure Reliquie eine halbe Million Thaler; Ludwig der Heilige hielt die Kosten seiner sehr unglücklichen Kreuzfahrt reichlich durch die erworbenen Reliquienschätze bezahlt. Es glückte ihm obendrein, die Dornenkrone zu erlangen, welche der byzantinische Hof für 15,000 Goldstücke an einen venetianischen Kaufmann verpfändet hatte und nicht wieder einlösen konnte, wofür Ludwig noch dem Kaiser Balduin 10,000 Mark Silber Entschädigung gab. Niemand war glücklicher als der fromme König von Frankreich, der dem seltenen Schatze barfuß entgegen zog und ihn selbst in seine Hauptstadt hineintrug. Man kann sich denken, wie viele Heilige damals gegründet wurden, und berechnen, was ein wohlgeleitetes Altknochen- und Lumpengeschäft einbringen konnte. Die Reformation veranlaßte den „Krach“ dieses Kirchengeschäfts; man erzählt, daß ein englisches Kloster schon unter Heinrich des Achten Regierung einen um 40 Pfund versetzten Finger des heiligen Andreas nicht habe einlösen wollen.

Zur einträglichen Ausbeutung der Reliquien-Tollheit gehörte in jenen Zeiten nichts weiter als eine zureichende Kenntniß der Kirchengeschichte und solide Geschäftsverbindungen im Morgenlande. Die Waare selbst war am Ende an jedem Orte zu finden. Kein Galgen war damals vor einer Plünderung sicher, und selbst einem heiligen Martinus von Tours – heutzutage selber ein großer Heiliger – konnte es zustoßen, daß sein Geschäftsfreund auf dem Todtenbette bekannte, ihm das betrübte Beingerüst eines armen Sünders als Heiligen-Reliquie verschachert zu haben. Andern erging es vielleicht noch schlechter, insofern sie zuletzt erfuhren, ihre inbrünstigen Gebete jahrelang an die unheiligen Knochen irgend einer Bestie vom Schindanger gerichtet zu haben.

Nicht ohne schmerzliches Bedauern standen die Reliquienhändler vor den beiden Gräbern der Maria, die sich glücklicherweise in den Himmel gerettet hatte, zu Ephesus und Jerusalem, wenigstens aber legte man auf ihre Locken und auf ihre sämmtlichen Kleider als Andenken Beschlag; ihren Gürtel, welcher außer an vielen andern Orten auch in Aachen vorhanden ist, soll sie im Entschweben dem heiligen Thomas in den Schooß geworfen haben. Falsche Haare sind heute nichts Seltenes, aber so viel verschiedenfarbige Zöpfe und Locken, wie die Maria ihren Verehrern hinterlassen hat, kann kaum die wohlassortirte Perrückenkammer einer Schauspielerin aufweisen. Die Aachener sind meistens blond.

Christus hat außer vielen Blutspuren mehrere Nabel und – damit die Schwindeleien der Geistlichen nicht aus unangebrachter Scham verschwiegen werden – auch mehrmals dasjenige hinterlassen, wofür er seinen Taufnamen eingetauscht hat. Man entblödete sich nicht, diese letztere Reliquie an fünf verschiedenen Orten der Verehrung der Gläubigen auszustellen, und thut es bis auf den heutigen Tag. Die Windeln Christi, welche über die Welt zerstreut sind, zählen nach vielen Dutzenden. Die Aachener bestehen aus einem braunen Wollengewebe und sollen nach alter Tradition aus den Hosen oder Strümpfen des heiligen Joseph gefertigt sein. Ebenso verhält es sich mit Christi Schweißtuch und Gürtel; selbst der ungenähte Rock ist in mehreren Exemplaren vorhanden. Die Marterwerkzeuge, die Dornenkrone, die Nägel, der Schwamm, das Rohr, die Lanze sind so oft gefunden worden, wie man sich nach ihrem Besitze gesehnt hat, und an jedem Stücke kleben einige eingetrocknete Tropfen des kostbaren für die Menschheit vergossenen Blutes. Es sind nach Bestellung gefertigte Waaren, gegen die man höchstens einwenden kann, daß Schnitt und Styl nicht immer richtig getroffen sind.

Interessanter ist der Fall bei den mehrfach vorhandenen Köpfen, Gliedern oder ganzen Skeleten eines und desselben Märtyrers, die sich dann gegenseitig ihre Unechtheit vorwerfen. Allerdings mag der Streit meistens unnütz sein, denn in der Regel sind sie alle unecht. Gleichwohl müssen sie verehrt werden, denn das Concil von Trient hat (1563) gegen alle Diejenigen, die ihnen nicht die schuldige Verehrung erweisen, den Fluch der Kirche geschleudert. Zugleich hat die Kirche wiederholt die Möglichkeit öfteren Betruges zugestanden, aber zugleich einen erheblichen Schaden derartiger Vorkommnisse geleugnet, da es bei der Verehrung weniger auf Echtheit der Reliquie als auf Echtheit des Glaubens ankomme. Selbst die mehrfache Ausstellung derselben Reliquie hat sie niemals anstößig gefunden, denn einmal könne man nicht wissen, welches die echte sei, und andererseits könne sich eine Reliquie, welche Wunder wirke, auch zur Bequemlichkeit der Gläubigen vervielfältigt haben, oder durch ein Wunder Gottes vervielfältigt worden sein. Es ist leicht einzusehen, daß mit solchen Zugeständnissen die Betrügerei geradezu autorisirt wurde. Schließlich hat sich ein ansehnlicher Theil des Clerus selber dieses einträglichen Geschäftes bemächtigt.

Den Anfang mag der Handel mit Kreuzpartikeln und dem Feilstaub der in Rom verwahrten Kette des heiligen Petrus gemacht haben. Man schloß den letzteren in die Höhlung von silbernen, kupfernen oder eisernen Schlüsseln ein, welche der Papst als kostbares Geschenk, sozusagen als Himmelsschlüssel austheilte. Die Nägel vom heiligen Kreuz wurden vervielfältigt, indem man nach einem der angeblich echten Exemplare gefertigte Copieen mit jenem bestrich, wobei die geheimnißvolle Kraft des ersteren wie der Magnetismus übergehend gedacht wurde, ohne daß in jenem die Stärke dadurch vermindert wurde. Man erzählt, daß der heilige Borromäus den angeblich echten Mailänder Nagel auf diese Weise verachtfacht habe, und kann sich sonach nicht wundern, daß die drei oder vier Nägel, welche Helena mitgebracht haben soll, eine zahlreiche Nachkommenschaft gehabt haben.

Aber auch auf andere Gegenstände wurde diese Heiligung durch Berührung zugestandenermaßen häufig angewendet. Wenn man einmal zugab, daß in die Windeln oder den Rock eines Heiligen etwas von der Kraft desselben, Wunder zu thun, eingezogen sein konnte, so mußte dies auch geschehen können, wenn man ein gewöhnliches Tuch kurze Zeit über die wunderthätigen Heiligengebeine ausbreitete. Wir haben das Zeugniß Papst Gregor des Großen, eines der ersten Kirchenlichter, daß dieser Gebrauch schon im sechsten Jahrhundert in Rom bestand. Er antwortet nämlich einer Fürstin, die ihn um das Haupt des vorgeblich in Rom begrabenen Apostel Paulus gebeten hatte, in einem noch erhaltenen Briefe, daß man wahre Märtyrergebeine nicht erheben könne, da Donner und Blitz, Krankheiten und plötzlicher Tod Jeden träfen, der sie zu berühren wage. Alle transportirbaren und aus der Ferne hergebrachten Reliquien seien nach seiner Meinung falsche. In Rom habe man deshalb den Gebrauch angenommen, etwas in einer Büchse eingeschlossenes Leinenzeug den Märtyrergebeinen zu nähern, was ungestraft geschehen könne, und dieses Leinenzeug sodann zu versenden. Es erlange durch die Berührung dieselben Kräfte wie die Reliquien selber und verrichte dieselben Wunder. Als einige Griechen dies bezweifelt hätten, da habe der Papst Leo eine Scheere bringen lassen und in derartiges heiliges Leinenzeug hineingeschnitten. Es sei sogleich Blut herausgeflossen. Man ersieht hieraus, wie früh bereits die römische Reliquienfabrikation die Sanction der Nachfolger Petri erhielt, und sie hat seitdem das Geschäft mit ungeschwächten Kräften, soweit es der Absatz gestattete, fortgesetzt. Vor zwei Jahren wurde ein solcher römischer Reliquienfabrikant, der es gar zu arg getrieben, vor die Gerichte gefordert. Nicht nur, wie der Ablaßkrämer in Chaucer’s Canterbury-Geschichten:

Macht’ er den Schleier, den Maria trug,
Aus eines alten Bettbezuges Resten,

sondern er fabricirte auch ganze Märtyrer, die das den echten versagte Vermögen, auf der Eisenbahn zu reisen, vertragen konnten. Warum sollte auch ein schneeweiß gebleichtes und von allen sündhaften Fleischresten kunstvoll befreites Armsünder-Gebein, wenn es ordentlich in einer Kirche eingesegnet und auf den Namen dessen, den es vorstellen soll, getauft wird, nicht ebenso gut und per procura Wunder thun können, wie der wahre Jakob?

Die Echtheit der Reliquien wird im Allgemeinen selten oder nie durch Documente, Inschriften, Siegel und dergleichen fälschbare Zeugnisse bewiesen, sondern immer nur durch die Wunder, welche sie bewirken. Man erkennt das Grabmal eines Heiligen nicht an dem Epitaph oder an Inschriften, sondern an den [762] Wundern, die auf demselben geschehen. Der fehlende Name wird dann in der Regel durch Traum oder Offenbarungen kund gemacht. Nun könnte ein naiver, junger Mann glauben, der Reliquien-Fabrikant müsse in größter Angst und Sorge sein, wie sein Präparat die Probe bestehen werde. Nicht doch, diese Sorge darf er getrost dem Käufer überlassen. Die Wundersucht der Menge ist, wie sie im Mittelalter war, auch noch heute so groß, daß der betrügerische Fabrikant eher glauben könne, er sei behext, als daß seine Reliquien jemals fehlschlagen könnten. Der heute vergessene heilige Paris in Paris hat seiner Zeit zum starren Schrecken der Jesuiten mehr Wunder gethan, als der Erzmärtyrer Stephan, obwohl dessen Gebeine ihrer Zeit das Denkbarste leisteten und auf der Insel Minorca mehrere hundert Juden freiwillig bekehrten, nachdem man ihre Synagoge verbrannt und sie zwischen Exil und Bekehrung wählen gelassen. Man denke doch an das Wasser von Lourdes, an die Wunder des heiligen Rocks zu Trier und seines Doppelgängers zu Argenteuil. Die heilige Louise von Lateau thut alle Freitage Wunder. Auch der heilige Hohenlohe that sie schon bei Lebzeiten.

Der Cardinal von Retz sah in Saragossa einen zweibeinigen Menschen, den alle Leute der Stadt vorher als einbeinig gekannt hatten und dem der Stumpf durch Einreibung mit Reliquienöl wieder nachgewachsen war. Mehr kann kein Mensch von einer Reliquie und daraus geflossenem Knochenöl verlangen, aber merkwürdig – der Cardinal von Retz, obgleich er den Mann sah und die Domherren seine Identität mit dem ehemaligen Einbein versicherten, scheint nicht an das Wunder geglaubt zu haben. Wir werden also nicht nöthig haben mehr zu thun als er.

Was mich betrifft, so glaube ich, daß der feste Glaube an Reliquien mitunter Krankheiten, nicht allein Nervenübel, sondern auch dem geistigen Processe entfernter stehende Unordnungen im Organismus beseitigt haben kann. Ein fester Glaube an Sympathiemittel, ärztliche Verordnungen etc. thut nicht selten ähnliche Wunder. Der italienische Philosoph Pomponatius, welcher am Ende des fünfzehnten Jahrhunderts lebte, hat sehr richtig gesagt, daß die Knochen eines Hundes die Heilung eines Kranken ebenso gewiß hervorbringen würden, wie Märtyrer-Gebeine, wenn Jener das gleiche Vertrauen auf ihre Wirksamkeit hätte. Die geistige Umstimmung ist es, welche die Wirkung hervorbringt, nicht, wie die Kirche, welche das Vorhandensein heilender falscher Reliquien nicht leugnet, sagt, die Belohnung Gottes für den (Aber-)Glauben. Der Vater des englischen Ministerpräsidenten, I. Disraeli, erzählt einen prächtigen Beleg für diese Behauptung.

Als die Reformation sich in Lithauen ausbreitete, reiste der Fürst Radziwil, ein entschiedener Gegner derselben, nur darum nach Rom, um dem Papste seine Ergebenheit zu beweisen, und erhielt zum Danke eine Büchse kostbarer Reliquien von seiner Heiligkeit. Sobald die Letzteren in der Heimathskirche niedergelegt waren, ersuchten einige Mönche den Fürsten, die Wirksamkeit an einer Besessenen erproben zu dürfen, deren Krankheit bisher allen Beschwörungen getrotzt hatte. Man brachte die Besessene unter großem Volkszulauf nach der Kirche, versuchte noch einmal und wiederum vergebens, die üblichen kirchlichen Beschwörungsformeln, dann brachte man die Reliquien in Anwendung und sofort wich der Dämon. Dem Fürsten, welcher, als die Menge einmal über das andere Mal Wunder schrie, sich sehr in seinem Glauben gestärkt und glücklich fühlte, war dessenungeachtet nicht entgangen, daß der junge Edelmann, dem er seinen Schatz unterwegs anvertraut, während der heiligen Handlung gelächelt und mit dem Kopfe geschüttelt hatte. Darüber erzürnt, nahm er den jungen Mann bei Seite, um zu fragen, was er mit diesen Mienen habe ausdrücken wollen, und dieser, nachdem er um Verzeihung auch für das noch zu Erzählende gebeten, beichtete Folgendes: Er habe unterwegs die Reliquienbüchse verloren und, nicht wagend, den Verlust zuzugestehen, eine ähnliche anzuschaffen gewußt und sie mit Hunde- und Katzenknochen sowie ähnlichen Trümmern angefüllt. Sein Lächeln über den Pomp, welcher diesen Kehrichtabfällen zu Ehren stattfand, und besonders über ihre Kraft, die Dämonen auszutreiben, dürfte also verzeihlich erscheinen. Disraeli setzt hinzu, daß Fürst Radziwil nach dieser Erklärung ein eifriger Lutheraner geworden sei, überzeugt, daß die Heilung der Besessenen ein bloßer Betrug seiner Mönche gewesen sein müsse.

In der That kennzeichnet auch die Art, wie die Reliquien und Heiligen eine Heilung bewirken, den Vorgang als ganz gewöhnlichen Zauber. Man hängt bekanntlich ein Abbild des kranken Gliedes aus Wachs vor dem Reliquien-Schreine auf, damit die heilkräftige Wirkung erst auf dieses Abbild und dann sympathisch auf das Urbild zurückwirke. Es ist einfach die Umkehrung des bei den alten Griechen und Römern, sowie namentlich vom dreizehnten bis siebenzehnten Jahrhundert herrschenden Aberglaubens, daß man Jemanden durch Beschädigung seines Abbildes, durch das Stechen, Enthaupten oder Schmelzen desselben krankmachen und tödten könnte, eines furchtbaren Aberglaubens, der in Frankreich vielen hochgestellten Personen im Proceßwege das Leben gekostet hat. Der Reliquien-Schwindel schädigt aber die Gesellschaft nicht blos dadurch, daß er dem Aberglauben Vorschub leistet, sondern auch unmittelbar diejenigen Kranken, die im Vertrauen darauf, daß kein Arzt heilen könne, was selbst dem Heiligen unmöglich sei, die Hülfe des Ersteren aufzusuchen versäumen.

Was soll ich endlich von dem meist mit den Reliquien-Ausstellungen verbundenen Ablaßhandel sagen? Ueberall verkauft man nebenbei geweihte Wachsschafe gleichsam als ironische Ebenbilder des Käufers, die „wahre Länge des Kreuzes Christi“, ein heilkräftiges Band mit dem Siegel der Kirche und ähnlichen Unsinn. Am verderblichsten für die Sittlichkeit des Volkes ist ohne Zweifel der für das Anglotzen der Reliquien gewährte Ablaß aller Sünden. Das Aachener Stift behauptet sogar das Recht zu haben, seit den Zeiten des großen Karl einen vollkommenen Ablaß für alle bis zur Heiligthumsfahrt begangenen Sünden gewähren zu können, Ursache genug, die Aachener Heiligthumsfahrt zu einer der bedeutendsten in der Christenheit zu machen. Wie es damit in den alten Zeiten gestanden hat, ist nicht sicher nachzuweisen; Papst Leo der Zehnte soll durch seinen Ablaßbrief Aachen mit Jerusalem gleichgestellt haben; allein auch diese Urkunde ist verloren. Indessen besteht der Ablaßkram noch heute und Papst Pius der Neunte verlängert ihn von zehn zu zehn Jahren. Wie lange wird dieser Schwindel, der doch offenbar direct die Sittlichkeit und das allgemeine Rechtsbewußtsein schädigt, noch vom Staate geduldet werden? Die Reliquien des heil. Nepomuk in Prag, der bekanntlich nicht wegen Bewahrung des Beichtgeheimnisses, sondern wegen einfacher Widersetzlichkeit gegen das Staatsoberhaupt von der Moldaubrücke gestürzt wurde, sind von den Pfaffen sogar in den Ruf gebracht worden, Mörder und Verbrecher aller Art, die voll Vertrauen zu ihnen beten, vor der Entdeckung ihres Geheimnisses durch die weltliche Obrigkeit zu beschützen.

Zu einigen Schlußbemerkungen giebt mir noch das vielgenannte Reliquienkästchen „Noli me tangere“ (Berühre mich nicht!) des Aachener Stifts Anlaß. Dieses im Jahre 1356 mit dem Geheiß, es „der Würde der Kirche wegen“ niemals zu öffnen, verschlossene Kästchen enthielt angeblich Theile der großen Reliquien, die ein frommer Mann – denn Reliquien stehlen ist ja keine Sünde, wenn es aus, wahrer Verehrung geschieht – aus dem Marien-Schreine gestohlen und, wie man sagte, auf dem Todtenbette zurückerstattet habe. Als die Kaiserin Josephine im Jahre 1809 die Heiligthümer des Münsters in Augenschein nahm, ging das Kästchen von selbst auf, und man fand in der That abgeschnittene Gewebstückchen darin, die den vier großen Heiligthümern angehört haben sollen, aber seitdem theilweise verschwunden sind. Es entsteht der dringende Verdacht, daß beim Schlusse des „Noli me tangere“ nicht sowohl der Wunsch, den geschehenen Diebstahl zu verheimlichen, als vielmehr der Umstand maßgebend gewesen ist, daß besagte Abschnitte dem Stoffe nach nicht mit dem inzwischen vielleicht erneuerten Inhalte des Kleiderschrankes übereinstimmend gefunden wurden. Nur ein ähnlicher Beweggrund konnte ein ewiges Verschließen „der Würde der Kirche wegen“ rechtfertigen. Diese meine Hypothese wird durch Zweierlei unterstützt, erstens durch das erneute Verschwinden mehrerer dieser Fragmente, und zweitens durch das alte Herkommen, beim Anfange und beim Schlusse der Ausstellung mit dem Noli me tangere-Reliquiar den Segen zu geben. Man deutete dadurch an, daß hierin die einzigen Ueberbleibsel seien, die einen entfernten Anspruch auf wirkliche Echtheit, das heißt auf die Möglichkeit einer solchen hätten.

Wer weiß, ob nicht überhaupt der ganze Vorrath Carolingischer [764] Reliquien bei dem großen Brande des Aachener Münsters (1236) zu Grunde ging. Verdächtig genug ist der Umstand, daß fast alle Reliquienbehälter, der prachtvolle Marienschrein, in welchem die vier großen Reliquien bewahrt werden, voran, Kunstwerke einer späteren Zeit sind, und daß fast alle Documente und Schriftstücke (deren Alter man wissenschaftlich feststellen könnte, was bei Knochenresten und Geweben nicht so leicht ist) aus der Zeit vor dem Brande verschwunden sind. Es wird zwar erzählt, daß der damalige Domdechant noch auf dem Todtenbette versichert habe, alle Heiligthümer des Domes gerettet zu haben, allein wen wird eine solche selbstverständliche „Domtradition“ überzeugen? Mir und den meisten meiner Leser wird es überdem ziemlich gleichgültig erscheinen, ob das jetzt vorgezeigte Gerümpel noch dasselbe ist, welches für zweifellos hohe Preise erworben wurde, denn die Wahrscheinlichkeit irgend einer Echtheit haftete schon jenen nicht an. Reliquien haben vor anderen todten Capitalien den Vortheil voraus, daß man sie nicht gegen Brand, Plünderung etc. zu versichern braucht, denn man weiß beinahe kein Beispiel, daß jemals Reliquien durch Brand oder Plünderung verloren gegangen wären. Als man in der französischen Revolution den Aberglauben mit Stumpf und Stiel auszurotten beschloß, da trug man das Gerippe der heiligen Genoveva und alles ähnliche alte Knochen- und Lumpenthum von Paris zu einem großen Scheiterhaufen auf den Grève-Platze zusammen und verbrannte es sorgfältig im Beisein einer großen Menschenmenge. Nichtsdestoweniger ist heute das Skelet in ziemlicher Vollständigkeit wieder im Pantheon zu Paris beisammen, angeblich aus Stücken gesammelt, die vorher an verschiedene Kirchen vertheilt worden waren. Vielleicht war es überhaupt ganz unnöthig, daß der Aachener Domdechant die Reliquien rettete, denn von dem darunter befindlichen Schweißtuche Christi weiß man durch die Legende, daß es, in’s Feuer geworfen, unverletzt emporstieg und in den Schooß eines Christen niederfiel.

Von der großen Sorgfalt, mit welcher das Aachener Stift jederzeit seine Reliquien aufbewahrt hat, legt ein Umstand Zeugniß ab, der den Gläubigen beinahe unmöglich erscheinen wird. Was werden sie sagen, wenn ich ihnen erzähle, daß der Münsterschatz Hunderte kleiner Reliquien in Beutelchen, Schachteln und Kapseln aufweist, deren Name und Charakter ganz und gar verloren gegangen ist. Sie sind theilweise ganz in Staub und Fetzen zerfallen, wahrscheinlich also älter und beachtenswerther als diejenigen, mit denen man paradirt; nicht einmal die Namen zu notiren haben die frommen Schatzhüter für nöthig gehalten. Doch genug oder vielmehr schon zuviel über diese Alterthümer, den Kehrichthaufen des Aberglaubens, welchen wegzufegen wohl endlich an der Zeit wäre. Aber vielleicht kann man umgekehrt wünschen, daß diese Ausstellungen fortdauern. Diejenige des heiligen Rocks in Trier hat Millionen die Augen geöffnet und die des Aachener Stifts bringen alle sieben Jahre eine Auswahl der schönsten Denkmäler des frommen Eifers zur öffentlichen Notiznahme. Es sind wahre Prachtstücke darunter, z. B. ein kolossaler Mittelhandknochen vom Daumen des heiligen Christophorus, eine Reliquie vom heiligen Georg, dessen Skelet in sechsundzwanzig Exemplaren die Kirchen unsicher macht, obwohl bereits Papst Gelasius 494 seine Legende als Dichtung erklärte etc. Auf Wiedersehen denn nach sieben Jahren!



  1. Der Leser wolle meinen Aufsatz über dieselben in Nr. 14 des vorigen Jahrganges der Gartenlaube vergleichen.


[Berichtigung]