Deutschlands Corinna

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Konrad Beyer
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Deutschlands Corinna
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 44, S. 711–713
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[711]
Deutschlands Corinna.


Es war im Herbste 1866, als ich auf der Heimreise aus der Schweiz von einem Stuttgarter Freunde eingeladen wurde, den Abend in seiner Familie zu verleben. Ich nahm die Einladung in der Voraussetzung an, nur meinen Freund mit den Seinigen zu treffen, und war nicht wenig überrascht, eine auserlesen glänzende Vereinigung der bedeutendsten Männer und der anmuthigsten Frauen Stuttgarts zu finden: Künstlerinnen, Dichter, Schriftsteller und Beamte.

Leicht und ungezwungen floß die quellsprudelnde Unterhaltung, bald scherzhaft heiter, bald ernst gelehrt, und kaum ist mir ein Abend anregender dahin geschwunden, wie jener.

Dies verdankten wir vorzugsweise einer außergewöhnlichen Frauenerscheinung, die, eine angehende Fünfzigerin und etwas unter Mittelgröße, durch ihr imponirendes, einnehmendes und bewegliches Wesen, wie durch ihre ausdrucksvolle und sympathische Stimme auffiel, und deren tiefdunkle Augen sich die zündende Gluth früherer Jahre vollständig bewahrt hatten. Ihren Namen – Frau Professor Pierson – hatte ich beim Eintritte nur flüchtig gehört und dachte nicht daran, daß ich es hier mit einer Berühmtheit zu thun habe. Durch die Gewandtheit ihrer geistvollen Unterhaltung zog sie jedoch bald genug auch meine Aufmerksamkeit auf sich.

Die verständnißvolle Wirthin, die man für eine Schwester jener interessanten Frau halten konnte, da ihre dunklen Augen die südliche Gluth der Pierson’schen theilten, hatte für einen Augenblick neben derselben Platz genommen. Frau Pierson’s Hand in der ihrigen haltend, lauschte sie der immer lebhafter sich gestaltenden Unterhaltung, welche sich um das Liederbuch des Hymnologen A. Knapp drehte. Einige Mitglieder der Gesellschaft pflichteten dem berüchtigten verurtheilenden Ausspruche über Goethe in Knapp’s „Christoterpe“ bei und suchten die Behauptung zu erweisen, Goethe verderbe die Jugend.

Unsere Wirthin ergriff das Wort: „Meine Herrschaften, es ist Ihnen wohl Allen zur Genüge bekannt, daß meine berühmte Freundin hier als Deutschlands Corinna gepriesen wird. Wie wäre es daher, wenn wir sie ersuchten, von ihrem Talente eine Probe zu geben und sich unparteiisch – wie mein Mann immer sagt: sine ira et studio – zu erklären, ob auch sie die Lectüre Goethe’s für die Jugend verwerflich halte; ihr Richterspruch soll letztinstanzliche Entscheidung der Meinungsverschiedenheit sein. Sind Sie zufrieden?“

„Gerne zufrieden,“ jubelten die aus peinlicher Situation erlösten Gäste.

„Damit wir es unserer Corinna nicht zu leicht machen,“ setzte unsere Wirthin hinzu, „so möge sie ihr Urtheil in Form einer Epistel an ihren Sohn richten, an den hoffnungsvollen Studenten der Medicin dort, den ich längst in seiner begeisterten Unterhaltung mit seiner Nachbarin hätte stören sollen.“

Ohne Widerrede ergriff die nunmehr als Deutschlands Corinna eingeführte Frau Professor Pierson unter einer leichten anmuthsvollen Verbeugung das Wort:

 An meinen Sohn.

Was auch von Goethe ich gelernt,
     Nie hat es mich von Gott entfernt,
Denn jedes seiner Worte weist
     Schon durch sich selbst den heil’gen Geist.
Lies, Sohn, in allen Lebenslagen
     Im grünen Buche der Natur!
Horaz, Homer! Doch lasse nur
     Auch stets den Goethe aufgeschlagen!
Trägt Schiller Dich zum Sternenzelt,
     Zeigt Goethe Dir die bunte Welt:
Und Jeder muß sich doch bequemen,
     Die Welt – so wie sie ist – zu nehmen.“

Nach dieser geistvollen Leistung war es mir klar: die geniale Frau Professor Pierson mußte ein und dieselbe Person wie Caroline Leonhardt-Lyser sein. Und ich hatte mich nicht geirrt.

Ich stelle sie weit über die Karschin und behaupte, daß bei ihrer Beurtheilung ohne Scheu ein ganz außerordentlicher Maßstab angelegt werden darf. Nicht sowohl ist es die Conception der Form und die Technik des Improvisirens, wie vielmehr der Geist, den sie der Form einzuhauchen weiß: der durch das Medium des Herzens hindurchgegangene und verinnerlichte tiefe Gedanke, den sie blitzartig mit der schönen Form zu umkleiden versteht. So nur ist es zu erklären, daß viele ihrer Improvisationen nicht bloße flüchtige Producte einer reimgeübten Dichterin sind, sondern – es ist nicht zu viel gesagt – poetische Erzeugnisse echter Begeisterung. Nord- und Mitteldeutschland ist arm an solchen Stegreifdichtern und ‑Dichterinnen. Unser norddeutsches Klima scheint eben nicht sonderlich dazu angethan, Naturen in großer Fülle zu erzeugen, die innerlich lodern und brennen wie feuerspeiende Berge, und die bei jeder Veranlassung Dithyramben flammen, Sonette und Ghasele regnen oder makamenartige Märchen convulsivisch produciren, wie man es beim feurigen Volksgeiste südlicher Völker wohl öfters findet. Die deutsche Sprache – schwer, gemessen, ernst, nüchtern, mannigfach in ihren Reimen, arm an Wörtern eines Klangs, nach Correctheit und Bestimmtheit des Ausdrucks ringend – ist eine widerspenstige Brunhilde, die sich nur gezwungen der Kunst des Improvisators beugt, ja, die nicht selten durch ihre Begriffe fordernde kühne Selbstständigkeit die Pläne des Meisters kreuzt, so routinirt derselbe in Hinsicht auf Phantasie und Gedächtniß und so imponirend auch immer sein Vorrath an Reimen und poetischen Floskeln sein mag. Dazu kommt noch, daß der Deutsche die Entfaltung des Improvisators auch nicht im Entfernten ermuthigt. Er verhält sich ihm gegenüber ablehnend, kritisch, überbedachtsam, und sträubt sich dagegen, die Poesie so ohne Weiteres in ihrer vollsten Unmittelbarkeit, in ihrem Naturzustande entgegen zu nehmen. Es reizt ihn zwar, den aller Hülfsmittel beraubten, völlig wehrlosen, nur mit seinem inneren Reichthume ausgestatteten Improvisator sich ängstlich winden zu sehen, oder aber denselben im Hervorsprudeln von Gedanken und Bildern anzustaunen; aber er ist dann rasch fertig, die Kunst des Improvisators für Spielerei und geistige Seiltänzerei zu erklären, und dessen Gaben für leichte, unreife, gehaltlose Producte zu nehmen.

– Inzwischen hatte uns unsere Wirthin ein Poesie-Album mit zwei improvisirten, unverändert gebliebenen Sonetten der Frau Leonhardt-Pierson vorgelegt, zu welchen König Friedrich Wilhelm der Vierte von Preußen den Stoff angegeben hatte. Das Thema war: „1) Sonett: Tasso an Leonore, den Frühling schildernd und seine Liebe gestehend; 2) Sonett: Leonorens Antwort mit Hindeutung auf ihren Stand; beide Sonette sollen sich verhalten wie Brief und Antwort.“

Frau Pierson lehnte es ab, uns diese Sonette vorzulesen. Dann aber erhob sie sich lächelnd mit den Worten: „Das wäre mir eine schöne Improvisatrice, bei welcher ein so guter Stoff nicht den Entschluß zu einer neuen That hervorriefe,“ und mit ergreifender Accentuation und Modulation begann sie:

 Tasso an Leonore.

Warum ich, Hohe, Dir dies Blättchen sende?
     Der Frühling strahlt, drum darfst Du so nicht fragen.
     Mit frischen Rosen soll’s der Zephyr tragen
     In Deine Laube, Deine zarten Hände.

O, daß der süße Frühling nimmer schwände,
     Fort töneten der Nachtigallen Klagen
     Gleich bunten Märchen aus den goldnen Tagen,
     Daß ich im Haine hier den Feenstab fände;

Gedanken, liebevoll Dir zugewendet,
     Sie webte ich für Dich zum Netz, zum zarten,
     Sie hielten Dich, wo Du auch wärst, umsponnen.

Was Sehnsucht, Lieb’ und Treu’ in mir bewahrten,
     Erblühte jetzt im Lenz, würd’ reif, vollendet,
     Und stets bei Dir lebt’ ich in ew’gen Wonnen.“

Die geistvolle Frau ließ sich durch den unterbrechenden Beifall nicht stören und fuhr schlagfertig fort:

[712]

 Leonorens Antwort.

Jüngst träumte ich: ich stieg aus blauen Wellen
     In einem zarten, silbernen Gewande;
     Ein mächtig Sehnen zog mich hin zum Lande,
     Obgleich ich war die Königin der Quellen.

Wär’ ich’s, wie manche Nacht wollt’ ich erhellen,
     Wie milde lösen schwere, feste Bande;
     Nur Lieb’ und Reinheit nähm’ ich an zum Pfande,
     Wer etwas bei der Nixe wollt’ bestellen.

     Dann würd’ ich in verschiedenen Gestalten
     Bald Schäferin, bald Elfe Dir erscheinen,
     Damit ich Dir nicht immer Fürstin bliebe.

Doch Traumbild war’s. Es ist nicht festzuhalten:
     Der Fürstensaal gleicht nicht den Feeenhainen:
     Zu schön für diese Welt ist – Dichters Liebe.“

Wir erhoben uns, um unserer Anerkennung, Bewunderung und Dankbarkeit einen Ausdruck zu geben. Nunmehr drehte sich die ganze Unterhaltung nur noch um Frau Pierson. Unsere freundliche Wirthin hatte mir gegenüber Platz genommen. Man drückte das Bedauern aus, daß über das Leben der berühmten Frau so wenig Authentisches bekannt geworden sei, daß man z. B. nicht einmal das Geburtsjahr derselben kenne. Mit einem Ohre nach der Improvisatrice hinhörend, schlug unsere Wirthin rasch ihr Album auf und deutete nach dem Blatte, wo über den beiden Tasso-Sonetten die Bemerkung stand: Improvisirt von Caroline Leonhardt, geboren am 6. Januar 1814 in Zittau. „Warten Sie, meine Freunde!“ unterbrach sie sich sodann mit so lauten Worten, daß Frau Pierson, im Sprechen innehaltend, zu ihr hinüberlauschte, „meine Freundin kann keine Bitte abschlagen; gewiß wird sie uns die Freude bereiten, etwas aus ihrem reichen Leben zu erzählen; wir werden bei dieser Gelegenheit hoffentlich auch Einiges von ihrem Gatten, dem genialen Pierson, zu hören bekommen.“

Nach einigem Zögern begann Frau Pierson: „Ich bin die Tochter des sächsischen Hauptmanns Leonhardt. Kurz nach meiner Geburt starb meine Mutter; mein Vater, der wieder heirathete, erlag bald seinen im russischen Feldzuge erhaltenen Wunden. Meine Stiefmutter heirathete den sächsischen Hauptmann Dreverhoff, und ich hatte nunmehr zur Stiefmutter auch den Stiefvater erhalten. Ich erinnere mich aus meinem zwölften Lebensjahre, wie sich mein sogenanntes Improvisationstalent gelegentlich einer Schulprüfung bei Declamation eines Gedichts verrieth, als ich eine ganze Strophe unvorbereitet aus eigener Phantasie einlegte, ohne nur einen Augenblick schüchtern oder verlegen zu werden. Zur Rede gesetzt, entschuldigte ich mich mit mangelhaftem Gedächtnisse und mußte dann bekennen, daß diese Strophe von mir selber sei. Von nun an gab mir der Lehrer einige dürftige Anleitung im deutschen Versbau, und ich schrieb viele Verse, die nicht so ganz mangelhaft gewesen sein können, da einige derselben gewürdigt wurden, auf dem Staatsarchive zu Zittau aufbewahrt zu werden. Meine Verwandten verhielten sich meiner Neigung gegenüber mehr apathisch als aufmunternd – antipathisch ist vielleicht das bezeichnende Wort. Sie wollten von einen dichtenden Mädchen nichts wissen, weshalb ich meine Gedichte, Märchen, Novellen meist hinter ihrem Rücken schrieb. Zuletzt wandte ich mich nach Dresden, wo mich der unvergeßliche Friedrich Kind in literarische Kreise einführte, mir die nöthige Unterstützung und Anregung für Vertiefung meiner Bildung gewährte und mir namentlich eine weitgehende Perspective in die Gesetze der Prosodik und Metrik eröffnete.“

„Erhielten Sie von Kind regelrechten Unterricht in der deutschen Poetik?“ fragte ich höflich unterbrechend.

„Dies nicht. Nur gelegentlich sprach er mit mir über diese und jene Form, aber er lieh mir doch die Werke, die mir Aufschluß geben konnten, besonders Eschenburg’s ‚Theorie der schönen Wissenschaften‘. Nachdem in meinem zwanzigsten Lebensjahre – 1834 – meine Jugendgedichte unter dem Titel ‚Liederkranz‘ erschienen, schrieb ich fünf Jahre später die kurze Biographie der Improvisatrice Louise Karschin, und hierdurch wurde die Lust in mir rege, mich öffentlich, wie ich es ja privatim so oft mit Erfolg gethan, als Stegreifdichterin zu bethätigen. Mein Entschluß war ein Wagniß. Es gährte heftig in mir. Friedrich Rückert, der in jener Zeit im Zenith seines Ruhmes stand, schien der einzige Mann zu sein, von dem ich mir Raths erholen konnte. An ihn wandte ich mich. Er sollte mir sagen, ob mein Entschluß einer Dichterin unwürdig, ob er unpassend oder unweiblich sei. Schon nach wenigen Tagen erhielt ich die Antwort, daß Rückert die Ausbildung eines solchen Talents für Pflicht halte, daß er 1817 in Rom die berühmte Rosa Taddei mit vieler Erbauung gehört habe und daß seiner Meinung nach gerade eine Frau besonders geeignet sei, den Eingebungen des Augenblicks zu folgen und eine Gabe auszubilden, bei welcher das Gefühl das Wesentliche sei. Der Rubicon lag hinter mir. Kaum hatte ich Rückert’s Brief erhalten, als ich ohne Aufenthalt nach Erlangen abreiste, um meine Leistungen dem Urtheile des großen Dichters und des letzten Classikers unserer Tage zu unterstellen.“

„Das war wohl im Februar 1840?“ fragte ich.

„Ganz recht; aber woher wissen Sie das so genau?“

„Ich erinnere mich, in einem Briefe Rückert’s an seinen Freund Scheler gelesen zu haben, daß ihm eine debütirende ‚gewaltige Improvisatrice‘ in jener Zeit einmal etwas vorimprovisirt habe.“

„Einmal?! Mehrere Tage hintereinander habe ich Rückert’s Aufgaben gelöst, ich darf wohl ohne unbescheiden zu sein sagen, zu seiner begeisterten Zufriedenheit gelöst. Er hatte eine gründliche Prüfung mit mir angestellt; in allen Rhythmen und Formen hatte er meine Kunst versucht, bis er mir den Ritterschlag mit den Worten ertheilte: ‚Gehen Sie hin, meine Liebe! Sie werden eine Zukunft haben.‘“

„Diese Beurtheilung flößte Dir Vertrauen ein,“ sprach die Jugendfreundin,“ während sie wieder in ihrem Poesie-Album blätterte und dasselbe mir aufgeschlagen über den Tisch reichte. „Mit Stolz,“ so fuhr sie fort, „erfüllte meine Freundin besonders dieses bis heute völlig unbekannt gebliebene hochinteressante Gedicht Fr. Rückert’s, das der Dichter bei ihrer Abreise aus Erlangen flüchtig auf’s Papier warf.“

Ich ergriff das dargereichte Buch und las:

 An Caroline Leonhardt-Lyser.
Der erste Dichter, der die Welt entzückte, war
Gewiß ein Stegreifdichter, dem, vom Geist bewegt,
Unvorbereitet von der Lippe floß das Wort.
Lang vor Homer hat Orpheus, um Eurydice
Beseelte Saiten rührend mit Stegreifsgesang,
An’s Thor der Hölle, das nicht widerstand, gepocht.
Und weil zum Anfang wieder nur das Ende kehrt,
So wird zur Stegreifdichtung unsre Dichtung auch
Einst wiederkehren, wenn ich prophezeien kann.
Nicht aus dem Stegreif heute, sondern sattelfest
Im Flügelroß, auf welches mich Begeist’rung hob,
Richt’ ich des Loblieds goldnen Pfeil, den tönenden,
Auf eine Stegreifdichterin, und preise Dich,
Corinna Deutschlands! – ich, der erste Dichter nicht,
Noch auch der letzte, Dich, die letzte nicht, jedoch
Gewiß die erste deutsche Stegreifdichterin.“

Man betrachtete noch das von Platz zu Platz wandernde Poesie-Album, als Jemand der Wirthin die Frage zuflüsterte, ob der Name Lyser, den die Ueberschrift des Gedichtes nenne, fingirt, oder ob Frau Pierson schon einmal verheirathet gewesen sei.

Die Wirthin legte den Finger auf den Mund. „Lassen Sie sich ja nicht einfallen, eine ähnliche Frage an meine Freundin zu richten!“ sagte sie in halblautem Tone; „meine Freundin spricht nie von ihrer ersten Ehe, von der ich weiß, daß sie eine sehr unbefriedigende gewesen ist. Ihr erster Mann war der bekannte Novellist J. P. Lyser (geboren in Flensburg 1804). Schon nach wenigen Jahren wurde die Ehe wieder gelöst. Die beiden Töchter, die derselben entsprossen, wurden von ihrem zweiten Manne, Pierson, adoptirt. Die hierauf bezüglichen Privatverhältnisse sind für die künstlerischen Leistungen meiner Freundin ohne Bedeutung. Lassen Sie uns darüber schweigen und die Sache übergehen! Hat ja doch auch die deutsche Presse bei dem Tode Lyser’s in tactvollster Weise die Motive dieser Ehetrennung übergangen. Lyser, über den Sie in Literaturgeschichten das Wesentliche finden, hat übrigens Manches zur Verbreitung des Ruhmes seiner Frau beigetragen.“

„Und wohin wandten Sie sich von Erlangen?“ fragte Einer aus der Gesellschaft die liebenswürdige Improvisatorin, und diese fuhr fort:

[713] „Ermuthigt durch das glänzende Zeugniß Rückert’s, trat ich 1840 bis 1843 nacheinander in Wien, Berlin, Dresden, Hamburg, Leipzig, Prag, Pest, Frankfurt am Main mit kaum geahntem Erfolge auf, was zur Folge hatte, daß ich fast an alle Höfe gezogen wurde. So hörte mich zum Beispiel im Juni 1843 die Königin von England im Buckingham’ Palace, im Juli desselben Jahres König Leopold von Belgien in Brüssel etc. Ein Jahr später heirathete ich den bekannten Componisten Henri Hugo Pierson, wodurch meine kurze Laufbahn als Improvisatrice schon wieder ihren Abschluß erhielt. Der Wille meines Mannes, Kränklichkeit, spätere Sorgen für meine zahlreiche Familie nöthigten mich, das öffentliche Auftreten zu unterlassen. Auch ordnete ich als gefügige Gattin meine Kunst gern der meines Mannes unter – meinen Namen dem seinigen. Was thut man nicht Alles für einen theuren Mann!“

„Aber sagen Sie,“ unterbrach ich die verehrte Frau, „was war es denn, das den gefeierten Componisten Pierson, der doch von Geburt ein Engländer war, an Deutschland fesselte?“

„Und Sie können noch fragen?“ belehrte mich mit strafend emporgehobenem Finger die resignirt gewordene Wirthin; „dort ist der Magnet! Nachdem Pierson, dieser herrliche Künstlertypus mit den langen, braunen Künstlerhaaren, mit dem männlich freundlichen Blicke, mit den gewinnenden Manieren, mit der wohlklingenden, fast gesangartigen Stimme, meine Freundin – um mit Wieland zu sprechen – als seine zweite Hälfte erkannt hatte, war ihm mit der Gattin Deutschland zur zweiten Heimath geworden. Und er hat seinen Entschluß nie bereut. Erblühte ihm doch in Deutschland das schönste Eheglück,“ und mit dem Blicke nach dem oben erwähnten Musensohne sich wendend, setzte sie hinzu, „und der lieblichste Ehestandssegen.“

„Wie gut Du zu schildern verstehst!“ sagte Frau Pierson in herzlichem Tone. „Du erinnerst mich aber auch an meine Verpflichtung, dem Geliebten heute noch eine Zeile zu schreiben. Und dazu – sollte ich meinen – wäre es nunmehr die höchste Zeit. Ohnehin sind wir am Schlusse meiner Selbstbiographie angelangt.“

Sich erhebend, deutete sie mit dem Finger nach dem großen Regulator, der auf ein Uhr zeigte. Sie grüßte nach allen Seiten – und verschwand am Arme der Freundin im Nebensalon.




Acht Jahre sind seit jenem denkwürdigen Abende verflossen, an welchem ich zur Corinna Deutschlands in freundliche, seither nicht unterbrochene Beziehung trat.

Die treffliche Frau Pierson verlor inzwischen ihren Gatten, mit dem sie abwechselnd in Wien, Mainz, Würzburg, Stuttgart und Hamburg gelebt. Ein Herzschlag endete sein Leben am 27. Januar 1873. Seine dem Hohen und Idealen zugeneigte Künstlerseele wurde heimgetragen in das Reich ewiger Harmonie. Dem zu früh Verstorbenen hatte die Gattin ihr Leben, ihr Streben, ihre Liebe geweiht, weshalb sie seit ihrer Verheirathung nicht wieder öffentlich auftrat. Auch hat sie bei keiner Gelegenheit – außer der ebenerwähnten in Stuttgart – wieder improvisirt, so daß das obige zum ersten Male von uns mitgetheilte Gedicht „An meinen Sohn“ die Bedeutung der allerletzten Improvisation der Corinna Deutschlands beanspruchen darf.

Während ihrer Ehe mit ihrem zweiten Manne war sie schriftstellerisch nicht unthätig. Ehrlich hat sie nach der Palme des Ruhmes auf literarischen und dichterischen Gebieten gerungen, und die Fülle wie der Gehalt ihrer zu Tage geförderten Leistungen berechtigt uns, sie zu den begabtesten Dichterinnen der Gegenwart zu zählen. Ihre Lieder und Operntexte wurden von den bedeutendsten Componisten in Musik gesetzt, ihre Kinderschriften hochgeschätzt und von Pädagogen empfohlen; im Märchen und in der Sage hat sie ebenso viel Begabung an den Tag gelegt, wie in Journalaufsätzen; ihre Novellen und Romane zeichnen sich durch Einfachheit der Schilderung und der Sprache, sowie durch verständnißvolle, psychologische Motivirung und spannende, lebensvolle Handlung aus. Auch ihr dramatisches Gedicht „Meister Albrecht Dürer“ trug ihr mannigfache Anerkennung ein. Zahlreiche Briefe von Alexander von Humboldt, dem König Ludwig dem Zweiten von Baiern, Tieck, Saphir, Meyerbeer, Reissiger, Marschner und Anderen bezeugen das Ansehen, dessen sie sich mit Recht erfreute. Marschner, ebenfalls ein geborener Zittauer, war übrigens, obwohl bedeutend älter, ihr aufrichtiger Freund von ihrer Jugendzeit an, und ist es stets geblieben.

Die Publicationen der letzten Jahre ließ die Dichterin pseudonym erscheinen, und doch sind sie so gehaltvoll, daß sie, wie ja auch deren Aufnahme bewies, ihren früheren Ruhm erhöht haben würden. Ein an mich gerichteter, sehr interessante Aussprüche Fr. Rückert’s enthaltender Brief giebt den Grund dieser Pseudonymität an. Ich theile denselben mit, da ich mich des berühmt gewordenen Wortes von Buffon erinnere: le style c’est l’homme, und es von Werth sein dürfte, den Briefstil unserer Dichterin kennen zu lernen:

„… So Viele begreifen meine Liebe zur Einsamkeit und stillen Verborgenheit nicht ganz. Es mag sein, daß ich, namentlich meiner Familie gegenüber, nicht ganz Recht hatte, Vieles anonym und pseudonym herauszugeben; aber ich finde, man schreibt viel unbefangener, wenn es mit dem Gedanken geschieht: Niemand kennt Dich als Verfasserin, wenn er Dein Buch in die Hand nimmt. Dann befolgte ich in meinem Verfahren auch den Rath des verehrten Fr. Rückert. Als er – es war im Sommer 1841 in Neuseß – meinen ‚Albrecht Dürer‘ gelesen hatte, fragte er, die schönen durchdringenden Augen fest auf mich richtend: ‚Und in wie langer, wollte sagen kurzer Zeit haben Sie dieses dramatische Gedicht niedergeschrieben?‘ Als ich der Wahrheit gemäß geantwortet, sagte er: ‚Hören Sie meinen Rath: Schweigen Sie darüber! Nehmen Sie sich ein Beispiel an O. L. B. Wolff! Dieser gelehrte Mann kann schreiben, was er will, es wird immer Krittler geben, die von vornherein seine Bücher mit dem Gedanken zur Hand nehmen, daß sie nur flüchtige Erzeugnisse einer leichtfertigen Muse vor sich haben. Es giebt bei unserer herangebildeten Sprache so viele seichte Reimer, daß der schöpferische Dichter-Improvisator von Nichtkennern oder von neidischen Krittlern leicht für einen Reimer gehalten wird. Daß es unter den Dichtern einzelne Naturen giebt, die weise handeln, wenn sie, gehörige allgemeine Bildung vorausgesetzt, der Eingebung des Augenblicks folgend, aussprechen oder niederschreiben, was eben der Augenblick ihnen eingiebt, verstehen nur Wenige.‘ Diesen Rath habe ich als einen wohlgemeinten und weisen mir zu Nutze gemacht. Es ist mir eine so große Freude, die Gebilde meiner Phantasie als Novellen oder Romane, als Sagen oder Märchen zu gestalten, daß ich gern auf irgend ein artiges, anerkennendes Wort verzichte, welches mir vielleicht dann und wann gesagt werden könnte, wenn die meine Bücher lesenden Bekannten wüßten, daß ich sie geschrieben habe. …“

An dieser Stelle mache ich von einer Ermächtigung der Frau Pierson Gebrauch, indem ich dem Publicum zum ersten Male enthülle, daß der viel gelesene Roman „Die Unbekannte“, sowie die sämmtlichen Romane „Vom Verfasser der ‚Unbekannten‘“ der Feder unserer Caroline Leonhardt-Pierson entstammen.

Seit dem Tode ihres Gatten lebt sie, ernst und schweigsamer als je, bald bei ihren drei Söhnen und einer geliebten, noch unverheiratheten Tochter in Dresden, bald bei ihrer Tochter in Augsburg, mit der Sammlung ihrer lyrischen Gedichte beschäftigt.

Dr. C. Beyer.