Die Alchemisten und die Geldmacher der Alt- und Neuzeit

aus Wikisource, der freien Quellensammlung
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Textdaten
<<< >>>
Autor: Johann Fausten der Jüngere
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Die Alchemisten und die Geldmacher der Alt- und Neuzeit
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 20, S. 233–235
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1854
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[233]
Populäre Chemie für das praktische Leben.
In Briefen von Johann Fausten dem Jüngeren.
Vierter Brief.
Die Alchemisten und die Goldmacher der Alt- und Neuzeit.

Haben wir auch gesagt, daß in Veranlassung zufälliger Beobachtungen und der sich geltend machenden Bedürfnisse im fernsten Alterthum bereits eine Reihe von chemischen Processen andauernd zur Ausführung kam und diese sogar einer für die damalige Zeit ungewöhnlichen industriellen Thätigkeit zur Grundlage dienten, so war nichts destoweniger die Chemie, das wahre Wunderkind der Neuzeit, noch gar nicht vorhanden und erfunden; sie war noch ungetauft. Erst im vierten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung treffen wir den Namen unserer Wissenschaft an und zwar in einer für uns heute ergötzlichen Gesellschaft. In einem alten astronomischen Werke des Julius Maternus Firmicus, der zur Zeit Constantin des Großen lebte, wird auch der wichtige Einfluß besprochen, den nach damaliger Ansicht, – die ja heute selbst noch bei Ungebildeten ihr Ansehen behauptet, – der Stand des Mondes zu einem Planeten bei der Geburt eines Menschen auf die Neigungen und das Geschick desselben ausüben solle. Es heißt hier, daß wenn zu dieser Zeit der Mond im Saturn stehe, der Neugeborene ein Chemiker werde.

Aus dieser dürftigen Nachricht ersehen wir so viel, daß man versucht hatte, die bekannten chemischen Thatsachen, die bis dahin ohne allen Zusammenhang neben einander hergingen, als zusammengehörig äußerlich in Verbindung zu sehen. Und daraus war eine eigenthümliche Beschäftigung entstanden; es gab jetzt erst eigene Chemiker. Sehen wir uns diese näher an.

Ich könnte hier den Lesern eine Reihe von Geschichten erzählen, die ebenso wunderbar klingen würden, wie die aus Tausend und einer Nacht; und doch wären es keine Märchen, sondern lautere Wahrheit und lehrreich zugleich, da sie uns zeigen würden, wie durch Jahrtausende der menschliche Geist im Labyrinth der Finsterniß umhertappte, wie er sich vergebens abmühte, den Faden zu finden, der ihn zum Licht geleite. Doch wir müssen uns kurz fassen bei der Schilderung dieser Parthie, die nur unternommen wird, um die Gegenwart in ein helleres Licht zu stellen, das um so glänzender strahlt, je dunkler der Grund, von dem es sich abhebt.

Himmlische Wesen, von der Schönheit irdischer Frauen geblendet und von Liebe entbrannt, hatten in schwachen Stunden ihre Geheimnisse nicht bewahren können; den schmeichelnden Bitten der Schönen war es gelungen von den Engeln die Kunst Gold und Silber zu machen in Erfahrung zu bringen. Wie das Paradies ging auch diese Kunst dem sündigen Menschen verloren; die Engel fanden nicht mehr den Weg vom Himmel zur Erde und so machten sich die ältesten Chemiker an das Werk das Verlorene wieder aufzusuchen, zumal durch Jahrhunderte hindurch das Geheimniß in den Händen ägyptischer Priester lebendig gewesen.

Das die poetische Seite; die prosaische klingt freilich anders. War auch das Eisen den Völkern des Alterthums bekannt, so steht doch fest, daß das Kupfer in Gemeinschaft mit andern Metallen weit häufiger verarbeitet wurde. Die Waffen und schneidenden Werkzeuge der ältesten Völker waren aus Kupfer gemischt mit Zink, Blei, Zinn und Arsenik gefertigt. Je nachdem nun die Verhältnisse ausgewählt werden, kann man dem rothen Kupfer eine goldgelbe oder eine silberweiße Farbe geben. Die Vorgänge hierbei waren den Alten gänzlich unbekannt; sie hielten das Kupfer für verwandelt und ahnten nicht, daß man aus der Mischung alle Bestandtheile unverändert wieder abscheiden könne. Dies und nichts anderes ist der Ausgangspunkt des Wahnes, dem Jahrtausende hindurch die Menschheit vergebens nachrannte.

Das Ziel, dem man zustrebte, brachte ns mit sich, die Arbeiter lichtscheu zu machen; der Wahn der Zeit stempelte die Jünger des großen Trismegistos, des dreimalgrößten, der 36,525 Bände über alle Wissenschaften geschrieben haben soll, zu Zauberern und um den Verfolgungen zu entgehen, hausten die Adepten in einsam gelegenen, verfallenen Häusern, oder in Höhlen und Ruinen oder in der Einsamkeit klösterlicher Zellen. Wie die Eulen rief auch sie die Nacht zum Tagewerke und eifrig lauschten sie über Tiegeln und Retorten der sehnlichst erharrten Verwandlung, während die Anfänger sorgsam bedacht waren die weiße und rothe Tinktur zu bereiten, von der ein Tropfen hinreichte, ungeheure Massen unedler Metalle in edle zu verwandeln. Doch das Eldorado erreichte keiner; der grüne Löwe wollte nicht erscheinen und wenn sie auf dem Punkte standen, das köstliche Geheimniß zu fassen, da kam der unerbittliche Tod und die Frucht eines langen mühseligen Lebens war dahin. Daher kam zu dem alten ein neues Problem; der Stein der Weisen erhielt eine neue Eigenschaft: das menschliche Leben zu verlängern. Wer dies erreichte, dem konnte das Geheimniß nicht entgehen.

Gleich einer Coquetten, lockte die hermetische Kunst alle herbei, um sie zu höhnen. Einmal in ihren Banden, konnte man sich ihrer nicht erwehren, wenn auch das sichere Ziel der Bettelstab und der Galgen war. Unter den Verblendeten finden wir vornehmlich die, welche unaufhörlich den Armen auf die Freuden des Himmels vertrösten, – die christliche Geistlichkeit. Wir wollen glauben, daß in den ersten Jahrhunderten Eifer für die Wissenschaft die Jünger erfüllte, und daß sie sich nur aus Liebe zu dieser und der Menschheit, der sie zu dienen wähnten, die Lösung der unerreichbaren Aufgabe machten. Je weiter wir aber in der Zeit vorrücken, um so größer wird die Zahl der Schwindler und Betrüger, namentlich von da an, wo eine Aenderung in der Stellung der Fürsten vor sich gegangen. Sobald man anfing zu ahnen, die Völker seien nur der Fürsten wegen da, brauchte man viel Geld, um die Konsequenzen dieses Grundsatzes durchzuführen und ihm selbst Achtung zu verschaffen; leider aber waren die Steuern freiwillige Opfer der Landesangehörigen. Man mußte sich von ihnen unabhängig machen und dazu boten die umherziehenden Vaganten, die auf die große Kunst reisten, treffliche Mittel. Für diese begann jetzt eine gute Zeit und je ärger die Marktschreierei, um so glänzender der Erfolg.

Bis zum ersten Viertel den 16. Jahrhunderts, also bis zur Reformation, ging die Chemie ganz in der Goldmacherei auf; beide waren eins und ungetheilt. Die Befreiung von der geistigen Knechtschaft auf dem kirchlichen Gebiet, wirkte zurück auf die Chemie, die durchaus gefangen lag in den Banden den Autoritätglaubens; dazu kam die Erweiterung des Gesichtsfeldes und des Wissens durch die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien und die von Amerika und hierdurch wurden neue Anschauungen lebendig. So kärglich und ärmlich der Inhalt unserer Wissenschaft damals auch war, so zweifelte man selbst an dem Wenigen und damit war eine neue Bahn gebrochen. Die Entwickelung erfolgte jedoch nicht von innen heraus, sondern die Bewegung kam von außen, so daß auch hier die Chemie nicht zum Bewußtsein ihrer selbst gelangte und abermals fremden Zwecken als eifrige Magd dienen mußte.

Das Donnerwort des Theophrastus Paracelsus Bombastus, des Wunderlichsten der großen abenteuernden Zunft der fahrenden Scholasten damaliger Zeit, war es, wodurch die Befangenen aufgeschreckt wurden, indem er ihnen die Nichtigkeit ihrer Bestrebungen vorwarf. Er hielt den großen Weisen damaliger Zeit einen Spiegel vor, aus dem ihnen, statt der getränmten Herrlichkeit, eine scheußlich verzerrte Fratze entgegenstarrte. „Mir nach,“ so donnerte er die Verblüfften an, „ich nicht Euch! Mir nach und ich nicht Euch. Ihr von Paris, von Montpellier, Ihr von Schwaben, von Meißen und Köln. Ihr von Wien und was an der Donau und dem Rheinstrom liegt, ihr Inseln im Meer, du Italien, du Dalmatien, Du Grieche, Du Araber, Du Israelit! mir nach und ich nicht Euch, mein ist die Monarchie!“ Mit beredter Stimme warf er ihnen vor, daß sie die Natur verlassen, sie, die ohne Falsch, gerecht und ganz sei, verdreht und nach ihren phantastischen Gebilden hätten umformen wollen; er wies nach, daß das große Buch der Natur, von Gottes Finger geschrieben, offen vor ihnen da läge, in welchem ihre blöden von eitler Lust verblendeten Augen freilich nicht zu lesen vermöchten.

Ein echtes Kind seiner Zeit, mit allen ihren Fehlern und [234] Schwächen, ahnte er das Wahre und Rechte mehr, als daß er es zu finden wußte. Gleich einem Trunkenen, in welchen Zustand er auch stets gewesen sein soll, wie seine Gegner sagen, wenn die Lust über ihn kam, seinen Schülern zu dictiren, sehen wir ihn in seinen Schriften – mehr als 300 – hin- und hertaumeln vom Wahren und Erhabenen zum Falschen und Irrigen; ja viel, sehr viel finden wir darin, von dem wir dreist behaupten können, daß er selbst nicht gewußt habe, was er damit sagen wollte. Bei alle dem aber gab der gigantische Geist dem Jahrhundert eine andere Richtung in dem Satze, den er einmal fest hinstellte: „der wahre Gebrauch der Chemie ist nicht Gold zu machen, sondern Arzneien zu bereiten.“ Eben so unwahr, wie der Machtspruch der Vorzeit, wurden diese wenigen Worte doch eine Kluft, durch die Goldmacherei und Chemie auf ewig von einander geschieden wurden. Freilich gab man den irrigen Glauben nicht sogleich auf, der Traum der Glückseligkeiten im Gefolge des Steines der Weisen war zu süß. Selbst die Wissenschaft hielt immer noch eine Umwandlung der Metalle für möglich und viele Chemiker, die besonders beigetragen haben zur Bereicherung unserer Kenntnisse, haben gelegentlich nach Mitteln gesucht, das Geheimniß zu lösen, so selbst Kunkel, der bedeutendste deutsche Chemiker am Ausgange des 17. Jahrhunderts.

Die Zeit bis 1700 ist reicher an Goldmachern, wie die eigentliche Periode der Alchemie; aber die Eifrigen gehören jetzt nicht mehr der Chemie an, sie stehen auf einem ganz fremden Boden. Die Höfe der Fürsten, die dort durchgehende herrschende Geldnoth, das war der fruchtbarste Boden, auf welchem die Adepten wie die Pilze aufschossen. Vielleicht erzähle ich später einmal dem Leser ergötzliche Geschichten aus jener traurigen Zeit, die noch heute das sehnlichst herbeigewünschte Ziel Vieler ist. Für heute wollen wir nur andeuten, daß 1680 der Zweifel an die Goldmacherei für Majestätsbeleidigung erklärt wurde, weil sich ja einige Kaiser selbst damit und zwar auf das Eifrigste beschäftigt hatten.

Ja das 18. Jahrhundert zeigt uns sogar die höchste Blüthe des Unwesens, dem freilich bald genug der gänzliche Sturz folgte. Wohl hatten die Fürsten, nachdem sie durch Jahrhunderte hindurch selbst eifrig mit Retorten und Tiegeln operirt, um die köstliche Tinctur zu bereiten, endlich erkannt, daß sie Spielbälle in den Händen schlauer Betrüger gewesen, die man sich nun auf nicht sehr glimpfliche Art vom Halse schaffte. So wurde der berüchtigte Vagant Caëtano, Graf von Ruggiero, der nach vielen Irrfahrten endlich nach Berlin verschlagen war und hier versprochen hatte, den Schatz um beliebige Summen zu bereichern, 1709 in einem mit Flittergold beklebten Kleide an einen gleichfalls vergoldeten Galgen aufgehängt. Ein gleiches Schicksal theilte ein deutscher Industrieritter, Hector von Klettenberg, der dem italienischen in nichts nachstand. Auf Befehl August II. von Sachsen und Polen wurde er 1720 auf dem Königstein enthauptet. Und kurz zuvor zierte ein gewisser von Krohnemann, nachdem er fast zehn Jahre am Hofe des Markgrafen von Baireuth Wunder verrichtet hatte, 1686 zu Culmbach den Galgen. Nebenbei war noch Spott der Lohn für seine ausgezeichneten Leistungen auf dem Gebiete der Taschenspielerei. Der Galgen trug folgende Inschrift:

Ich war zwar, wie Merkur wird fix gemacht, bedacht,
Doch hat sich’s umgekehrt, und ich bin fix gemacht.

Solche Mittel brachten zwar die fahrenden Adepten und Glücksritter zum Verschwinden, aber die große Kunst blühte mehr denn je; von den Höfen dem Scheine nach verscheucht, wurde sie jetzt zum ersten Male Gemeingut des Volks. Wie sehr die Epidemie grassirte, ersehen wir aus den poetischen Klagen einiger Adepten, die sich für die wahren hielten und ihren Zorn darüber, daß die heilige Kunst in den Koth getreten würde, in Versen Luft machten. So schrieb einer:

Wer im gemeinen Dienst dem Staat nichts nützen kann,
Wer jung als Passagier sein Hab und Gut verthan,
Will nun im Müßigang, aus Gläsern, Rauch und Kohlen,
(Schaut doch dies Wunderwerk) des Schadens sich erholen.

Und ein anderer:

Es will fast Jedermann ein Alchemiste heißen,
Ein grober Idiot, der Junge mit dem Greisen;
Bartscheerer, altes Weib, ein kurzweiliger Rath,
Der kahlgeschorne Mönch, der Priester und Soldat.

Lange jedoch war die große Kunst nicht im Stande das volle Tageslicht zu vertragen und bald genug mußte sie sich ihre Anhänger wieder unter den Gebildeten suchen. Jetzt staunen wir freilich, wenn wir die erhabensten Geister unseres Volkes unter den Vereinzelten finden, die diesem Wahn folgten: Friedrich II. und Goethe. Dem Letzteren verzeihen wir seine jugendliche Verirrung sehr gerne; sie schuf den Faust, die herrlichste Frucht, welche uns die durch viele Jahrhunderte betriebene geheimnißvolle Kunst geliefert hat. Es war keine bizarre Laune, wie ein französischer Geschichtschreiber der Chemie glaubt, welche unserem Goethe den Gedanken zu seinem Meisterwerk eingab; der Faust, der filzige Wucherer von Mainz, wie der Franzose ihn nennt, ging nothwendig hervor aus dem mystisch-alchemistischen Treiben Goethe’s.

Der Glaube an die hermetische Kunst ist bis in die neueste Zeit hinein nicht untergegangen. Einzelne hielten stets noch hartnäckig daran fest. 1725 kam ein interessanter Fall zur Entscheidung vor die Juristenfacultät der Universität Leipzig, die bereits 150 Jahre früher in einem Urtheil gegen den Leibalchemisten des Kurfürsten, den Stein der Weisen als eine ausgemachte Sache anerkannt hatte. Die Gräfin Anna Sophie von Erbach hatte auf ihrem Schlosse Frankenstein einem als Wilddieb verfolgten Flüchtling Schutz und Hülfe gewährt. Aus Dank dafür verwandelte dieser das sämmtliche Silbergeschirr in Gold, von dem nun der Gemahl die Hälfte in Anspruch nahm, weil der Zuwachs den Werthes auf seinem Gebiete und in der Ehe erworben worden war. Das Gericht wies aber seine Ansprüche zurück, indem das Eigenthum der Gräfin vor der Verwandlung auch nach derselben ihr verbleiben müsse.

1796 stiftete der bekannte Verfasser der Jobsiade Dr. Kortüm in Bochum, die hermetische Gesellschaft, deren Wirken wir bis 1819 verfolgen können; ein Werk, das sich dem komischen Gedicht ebenbürtig zur Seite stellt, dessen Held auch 1802 in dem Journal der Gesellschaft eine salbungsvolle und trostreiche Rede an die „Wanderer im Thale Josaphat“ richtet. Besonders eifrig und unter hohem Schutze wurde 1808–1811 in Karlsruhe experimentirt. Ein Baron Sternhayn fühlte sich durch das Diplom der unsichtbaren Gesellschaft mehr geehrt, als durch das Pergament seines Adelsbriefes. Wahrlich eine richtigere Würdigung ist dem Adel der heutigen Zeit nicht so leicht von einem seiner eigenen Glieder wiederfahren.

Uns liegt eine Geschichte der Alchemie vor, verfaßt von einem Professor Schmieder in Kassel, die 1832 in der Buchhandlung des Waisenhauses zu Halle erschienen ist. Der gelehrte Professor ist vollkommen davon überzeugt, daß die Verwandlung der Metalle möglich sei und daß der Stein der Weisen zu verschiedenen Zeiten wirklich existirt habe. Aus seinen Erörterungen aber ersehen wir, daß der wissenschaftliche Standpunkt, auf dem er steht, selbst für 1832 ein fabelhafter ist und recht eigentlich weit hinter die Zopf- und Perrückenzeit gehört. Auch die Versuche Gold zu machen, ziehen sich bis in die Gegenwart hinab. So wurde 1837 dem Gewerbeverein in Weimar eine Tinktur, die Alles in Gold verwandele, übergeben, damit sich ein Jeder von der freilich sehr schwachen Kraft derselben überzeugen könne. Heut zu Tage aber kann man dem Chemiker nichts mehr aufbinden; es war leicht in der Tinktur selbst Gold nachzuweisen, das sich natürlich, sobald Irgend ein Metall in die Flüssigkeit gebracht wurde, in Folge des dadurch entstehenden galvanischen Stromes niederschlägt und so das Metall überzieht oder in den Augen der Unwissenden und Leichtgläubigen in Gold verwandelt. Fünfzig Jahre früher wäre dies Experiment angestaunt und für ein Wunder erklärt worden, unsere nüchterne Zeit stempelte es als Betrug.

In Paris ist die Sache sogar bis in die neueste Zeit wissenschaftlich betrieben worden, wie wir dies aus dem 1841 erschienenen Lehrbuch der Chemie von Baudrimont ersehen. Nach ihm hat sich ein gewisser Javary vielfach mit Versuchen beschäftigt, deren Resultate mit der Zeit ein Gelingen in Aussicht stellten. Seiner Ansicht nach ist der Sauerstoff das mächtige, die Verwandlung bewirkende Princip. Zu diesem Glauben waren bereits auch die ältern Alchemisten gekommen. Sie sahen die Luft, das flüchtigste aller Wesen, als die materia prima an und scheuten sich nicht mit Kröten, Schlangen und Eidechsen, namentlich den goldgefleckten zu operiren. Hier glaubten sie mit Zuversicht den Stein der Weisen zu finden, denn ihrer Ansicht nach mußten diese Thiere, da sie lange ohne Nahrung ausdauern können und sich folglich, wie jene glaubten, von der Luft nähren, das flüchtige Princip dieser in sich verdichten.

[235] Das vergangene Jahr brachte uns trotz der unübersehbaren Kosmosliteratur und den Eifern, mit welchem diese von Seiten des großen Publikums verschlungen wird, die betrübende Erfahrung, daß alle Bemühungen in größeren Kreisen eine Einsicht in das Walten der Natur zu verbreiten, eitel in den Wind gestreut. Was der verwegenste Verächter des menschlichen Geistes nicht zu träumen wagte, das offenbarte sich dem blödesten Auge leider als nackte Wirklichkeit. Eine Zeit, welche die tanzenden und wahrsagenden Tische gebar, die mußte auch noch mehr Unsinn im Schooße tragen. Man hatte nicht lange zu warten, da stieg ein zweites, Alles verdunkelndes Meteor auf in dem Satze des Dr. Schoepffer: „Die Erde steht fest,“ ausgesprochen zu einer Zeit, in der selbst die katholische Kirche ihren Bannfluch gegen die Lehre Gallileis nicht aufrecht zu erhalten wagt. Was konnte in diesem Bunde würdiger als drittes sich darstellen, als der zu neuem Leben auferweckte Spuk vergangener Jahrhunderte, die große Kunst Gold und Silber in Fülle zu machen. Man male aber nur den Teufel an die Wand, so erscheint er sicher; gegen Ende des ersten Halbjahres wurde der französischen Akademie der Wissenschaften ein Schriftchen – noch lange nicht ein Bogen – übergeben, unter dem Titel: „die Metalle sind keine einfachen Körper, sondern zusammengesetzte; die künstliche Darstellung der edlen Metalle ist möglich, ist eine Thatsache.“

Tissereau, der Glückliche, welcher diese große Entdeckung gemacht, rühmt die Logik, mit der er bei seinen Versuchen zur Darstellung des Goldes zu Werke gegangen ist. Von einer solchen ist aber in der Schrift selbst durchaus keine Rede, denn im Eingange führt er an, daß es ihm gelungen sei, durch Umwandlung einige Grammen Gold mit sehr geringfügigen Kosten darzustellen und am Ende fordert er – und dies ist des Pudels Kern – von seinen Mitbürgern Geld, um seine Versuche weiter ausführen zu können. Die Worte von Hans Sachs – an den Kaiser Maximilian gerichtet –

Wer diese Kunst recht weiß und kann,
Der böt um Geld sie Niemand an,

scheinen dem letzten Jünger des dreimal Großen unbekannt gewesen zu sein. Die Beweise, welche er anführt, gleichen denen des Dr. Schoepffer wie ein Ei dem anderen; mit solchen Leuten läßt sich durchaus nicht streiten. Wir wollen den Armen aber nicht als Betrüger hinstellen, im Gegentheil ist er selbst der Betrogene. Wir wollen auch zugeben, daß das Endproduct seiner Experimente wirklich Gold ist; aber der Unterschied ist nur der, daß es nicht durch die verschiedenen Operationen entstanden, sondern von Anfang an vorhanden gewesen und nur bloßgelegt, gereinigt wurde. Dies ist um so denkbarer, als Tissereau seine Arbeiten in Californien angestellt hat, wo, wie jeder weiß, das Gold auf der Straße liegt und man die Miethe von den Wänden abkratzt. Ueberhaupt ist das Gold, freilich in äußerst kleinen Mengen, verbreiteter in der Natur, als man gewöhnlich glaubt. Versuche, die jüngst in der Bergschule zu London angestellt worden sind, haben ergeben, daß das Gold als merkliches Quantum in jeder Bleisorte, Mennige, Bleiweiß und Bleizucker, so wie endlich in allen im Handel vorkommenden Sorten Wismuth enthalten ist.

Während Millionen den Tischen nachliefen bis sie den Athem verloren, war die Zahl der Verehrer der Schoepffer’shen Weisheit bereits bis auf 70,000 gesunken. Bei einem solchen Abstande zwischen dem ersten und zweiten Wunder war es erklärlich, daß das dritte leer ausgehen würde. Niemand hat von ihm Notiz genommen, selbst nicht die illustrirte Zeitung, die doch sonst sehr freigebig ihre Leser mit stattlichen Enten auf dem Gebiete der Naturwissenschaften bewirthet. Und doch war das neueste Wunderwerk eines Berge versetzenden Glaubens eine Entdeckung, die mit Recht von sich sagen konnte, „daß sie die kühnsten Geister durch ihre Wichtigkeit erschrecken werde.“ Aber der Enthusiasmus war in der neuesten Form des Wahnsinns, die noch ihren Groddeck harrt, verflogen; hat der Champagner seine Kohlensäure verloren, so ist er schal und abgestanden.

Wenn wir in der Ueberschrift unseres Briefes von Goldmachern der Neuzeit gesprochen haben, so verstehen wir hierunter keineswegs die aufgeführten Nachzügler des großen Trosses, die sich von den alten Alchemisten nicht um eines Haaresbreite unterscheiden. Jenen Namen legen wir den heutigen Chemikern bei und zu keiner Zeit haben sie ihn mit einem größeren Rechte geführt, wie eben jetzt. Die Beweise für unsere Behauptung wollen wir im nächsten Briefe beibringen.